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Full text of "Cursus der Philosophie als streng wissenschaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung"

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Ciirsiis der Philosophie 



als streng wissenschaftlicher 



Weltanschauung und Lebensgestaltung. 



Von 



Dr. E. Dühring, 



Doc«nten der Philosophie und der Staatswissenschafteu an der Berliner Universität. 



Leipzig. 

Ericli Koschny 

(L. Heimann's Verlag). 
1875. 



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Vorrede 



Uas vorliegende Werk ist eine Darstellung des Ganzen der Philo- 
sophie in derjenigen Gestalt , welche dieselbe in meinem System 
angenommen hat. In Verbindung mit meiner Geschichte der Philo- 
sophie stellt es einen nicht blos systematisch, sondern auch historisch 
und kritisch abgegrenzten Gedankenkreis der Weltauffassung und 
Lebensgestaltung vor. Wie es sich zu meinen andern Arbeiten ver- 
halte, und wie es zu studiren sei, ist am Schlüsse auseinandergesetzt 
worden. 

Die Logik und Wissenschaftstheorie in ausfuhr lieber Darstellung 
zu geben, ist nicht die Sache eines Gesammtcursus der Philosophie. 
Ja es lässt sich behaupten, dass die wissenschaftstheoretischen Lehren 
ein Gebiet bilden, welches in seinen subtileren Theilen vornehmlich 
für das Studium der Specialwissenschaften fruchtbar wird und in 
diesen Richtungen für Niemand gehörig brauchbar ist, der den spe- 
cialistisch verzweigten Lehren der logischen Theorien nicht in das 
Detail der besondern Einzelwissenschaften zu folgen vermag. Ein 
besonderes Werk über Logik und Wissenschaftstheorie hat daher die 
Interessen der eigentlichen Wissenschaft und Forschung in eingehen- 
der Weise zu berücksichtigen. Es hat bei einem Theil seiner Leser 
Bedürfnisse zu befriedigen, die über den Kreis der allgemeinen 
Theilnahme an der Philosophie hinausliegen, und wird demgemäss 
in meiner Schriftengruppe eine völlig selbständige Veröffentlichung 
ausmachen. 



— IV — 

Mein Cursus wendet sich an Leser und Studirende, welche einer 
thatkräftigen Idealität fähig sind und die sich auf dem lauten Markt 
breitmachende Frivolität von sich weisen. Er setzt im Wissen das 
Bedürfniss nach Gründlichlceit und Tiefe, im Wollen aber die Be- 
reitschaft voraus, jede Anwandlung von Blasirtheit energisch zu 
bekämpfen. Mit dem Dienste der Fäulniss und mit dem sich in 
ihrem Reich ergelienden Kleinmuth* der Weltverzweifelung und dazu 
gepaarten Uebermuth der Brutalität hat er nichts gemein. Sein 
Ausblick ist auf das frische Leben und auf die Mächte gerichtet, 
welche jugendkräftig die ferneren Schicksale der Menschheit gestalten 
und mit dem Absterben des alten geistigen Regime auch schon die 
einstige Reife einer edleren Ordnung ankündigen. 

Berlin, im Januar 1875. 

Dühring. 



Inhalt. 



Einleitung. 
I. Bedeutung der Philosophie. 



Seite 



Tieferer Sinn der Frage: Was ist Philosophie? Erläuterung der Ant- 
wort: Philosophie ist die höchste Form des Bewusstseins Yon Welt und 
Leben. Allgemeine Bedeutung des Bewusstseins trotz seiner mensch- 
lichen Specification. Verhaltniss von Gesinnung und Wissenschaft als 
von Elementen der Philosophie. Wirksamkeit der Gesinnung in der Her- 
vorbringung von entsprechenden Formen der Lebensgemeinschaft. Wissen- 
schaft und Verstand als das letzte weltgeschichtliche Mittel. Höchste 
Form des Bewusstseins und entsprechende Autoritätsfreiheit 1 

II. Bestandtheile und natürliolies System. 

Besonderer Sinn, in welchem in der Philosophie .die Principien des 
Wissens und Wollens verstanden werden. Verzweigung der Philosophie 
in besondere Lehren. Die sich an das Herkommen anschliessenden Ab- 
theilungen. Doppelte Rolle der logischen Elemente. Die Metaphysik als 
Weltschematik. Auswahl des philosophischen Stoffs für einen einheitlich 
zusammenhängenden Cürsus. Wirklichkeitsphilosophie Natürliche Grup- 
pirung^ 8 

Erster Abschnitt. 

Grundgestalten des Seins. 

Erstes Capitel. Elementarbegriffe der Weltauffassung. 
1. Einzigkeit des Seins. • Ableitung dieser Einzigkeit aus dem Einheits- 
punkt jeglichen Denkens. 2. Grundgestalt, in welcher eine Unendlich- 
keit möglich ist. Ausschliessung falscher Unendlichkeitsideen. Andeu- 
tung der Ungleichartigkeiten in dem universellen Seinsbegriff. 0. Beharrung 
und Veränderung als zusammengehörige Elemente des Seins. Keine Ver- 
änderung ohne ein zu Grunde liegendes Beharrliehe. 4. Neue Elemente 
im Zusammenhang der Dinge. Schöpfung als Häufung von Veränderun- 
gen. Volle Realität der Veränderungen. Das sich selbst Gleiche schliesst 
die Veränderungen nicht aus sondern ein. 5. Allgemeines und Besonderes, 
Gattungen und Arten. Wesen und Veränderlichkeit der Artgebilde. 
Charakter der Entwicklung. Ursachen nur als Gründe der Veränderungen 
denkbar. Ruhende Gattungen und Allgemeinheiten der Abfolge. 6. Grösse, 
und Bedeutung des Grössenbegriffs für die Gattungen des Seins. Zeit- 
grösse. 7. Art und Weise, den Verlauf der Weltentwicklung in der Rich- 
tung auf die Zukunft exact vorzustellen 16 

Zweites Capitel. Logische Eigenschaften des Seins. I.Sinn 
einer Innern Logik der Dinge. Realer Ausschluss des Widerspruchs. 



— VI — 

Seite 

2. Unterscneidung vom Antagonismus der Kräfte. Frage nach dem letz- 
tern als einer Grundform des Verhaltens der Weltelemente 3. Durch- 
gängige Begründung im Sein und verwandte Vorstellungen. Ausnahms- 
lose Gesetzmässigkeit der Vorgänge. Absolute Nothweudigkeit. Vor- 
urtheile der früheren Metaphysik. 4. Kennzeichnung der nicht abgeleiteten 
Nothwendigkeit. Verhältniss zur Identität und Causalität. Natürliche 
Grenzen der Fragen nach dem Warum. 5. Systemnatur des Seins . . 29 

Drittes Capitel. Verhältnisse zum Denken. 1. Souveraine 
Bedeutung des Verstandes in der Erfassung der Wirklichkeit. Mögliche 
Absonderung des rein ideellen Denkens nach Art der Mathematik. Ein 
einfaches Mittel, die autonome Geltung der formalen Logik sichtbar zu 
machen. ?. Verständniss der normalen Functionen der Phantasie aus der 
mathematischen Imagination. 3. Phantasie und Wirklichkeit in ihrer Ent- 
fremdung und in ihrer Ueberein Stimmung. Wissenschaftliche rationelle 
Phantasie. Rolle der idealen Anticipatiön. 4. Elemente des Denkens und 
Elemente des Seins. Entsprechende Vollständigkeit der Composition in 
den subjectiven Mitteln der Auffassung. Rückschluss von dem Verhalten 
der Natur in der Hervorbringung des Denkens und namentlich der Phan- 
tasie auf den objectiven CharaKter der Dinge. 5. Das ausschliesslich 
Menschliche und das Allgemeingültige in den leitenden Begriffen. Kritik 
der Finalität. Unentbehrlichkeit der subjectiven Analogien zum Verständ- 
niss der Welt • 41 

Zweiter Abschnitt. 

Principien des Naturwissens. 

Erstes Capitel. Ausgangspunkte. 1. Die gegenwärtige Situa- 
tion der sogenannten Naturphilosophie, Augenblickliche Einmischung 
der Specialisten. Unzulänglichkeiten des rein Positivistischen jeder Art. 
Gefährdung der souverainen Wissenschaft durch den Mysticismus. 2. Be- 
griff der Natur. x\bweg in der Fassung desselben. Leitfaden der Ma- 
terialität. 3. Die mathematischen und die empirischen Kategorien der 
Naturauffassung. Das Gesetz der bestimmten Anzahl und die aus* ihm 
folgende Naturansicht. 4. Eigenschaften des Räumlichen. Geometrischer 
My.sticismus bei Mathematikern. Falsche Seite der Idealitätslehre, n. Na- 
turvorstellung mit Rücksicht auf die Eigenschaften der Zeit. Die Bewe- 
gung als blosses Anschauungsbild. 6. Materie und mechanische Kraft . 56 

Zweites Capitel. Grundgesetze des Universums. 1. Wesen 
des Naturgesetzes. Zwei Classen: Beharrungsgesetze und Entwicklungs- 
gesetze. Die wiederholten und die einmaligen Entwicklungen. Zu- 
spitzung der Frage nach den Gesetzen des Uebergangs zum Nichtiden- 
tischen. 2. Ursprungszustand des Universums als unabweisliche Frage. 
Verhältniss dieser Fra-^e zu der Unveräjiderlichkeit der Grösse des Vor- 
raths an Materie und mechanischer Kraft. Antagonismus als Grund- 
schema der Mechanik des Universums. 3. Vergleichuug unseres Bildes 
vom Universum mit demjenigen, welches nach den wüsten ünendlich- 
keitsvorstellungen imaginirt wird. 4. Ursprünglicher Zerstreuungszustand 
der Materie. Kritisch möglicher Sinn dieser Vorstellung 5. Bisherige 
Unzulänglichkeit der Entwicklung der mechanischen Wärmetheorie und 
hieraus folgende Minderung ihrer jetzigen Tragweite für die kosmogo- 
nische Mechanik. Beispiel aer meclianisQhön Ersetzung der Sonnenwärme 
als Ausgangspunkt, ß. UnvoUkomnienheit der kosmischen Entwicklungs- 
vorstellungen. Entschädigung durch die Einsicht, welche das VorurtUeil 
des Katastrophismus wegräumt. Charakter der Zukunftsvorstellungen. 
7. Einheit der chemischen Woltconipo.sition. Ursprüuglichkeit der che- 
mischen Elemente. Frage nach der Stufenleiter der physikalischen Kraft- 
formen. Charakter und Tragweite der Gravitation. Aussichten bezüglich 
der Erkenntniss der printipiellen Rolle der Wärme 76 



VII 



Seite 



Drittes Capitel. Organische Entwicklungsgesetze. 1. Ent- 
wicklungs- und Fortsclirittstheorie. 2. Begriff des Fortschritts. Voll- 
kommenlieit und Zweck. Das Leben als Wirkung der kosmischen Cau- 
salität. 3. Voraussetzung des Lebens auf andern Weltkörpern. Zeitliche 
Bestimmtheit in der Entstehung der Empfindung. Bedeutung der abso- 
luten Zeitgrössen für alle Entwicklungsgesetze. 4. Beschränktheiten der 
Descenden^ztheorie. Falscher Schluss auf die Abstammung von einem 
einzigen Individuum. 5. Unklarheit der Vorstellungen von Metamorphose. 
Ersefzung derselben durch den Gedanken der Composition aus ursprüng- 
lichen Elementen. 6. Lamarcks Princip der Abänderlichkeit der Arten. 
Darwins einseitige Fixirung der Idee auf die geschlechtliche Combination. 
Echte Brutalität der Kampftheorie. 7. Vermeintliche Vervollkommnung 
durch den Kampf um das Dasein. Die wirklichen Chancen eines vor- 
herrschenden Raubkampfes. Einüuss einer passiven Rolle der Weiber. 
8. Häufung und Fixirung von Eigenschaften durch Vererbung. Frage 
nach der Vernicbtung von Formeigenthümlichkeiten durch die geschlecht- 
liche Combination und nach dem schöpferisch verändernden Element in 
der Saamen- und Eibildung. Falsche Rolle der sogenannten Instincte 
und Ausmerzung dieser nebelhaften Vorstellung. 9. Gefahr, mit der so- 
genannten EntwTcklung^heorie in völlig unwissenschaftliche Vorstellungen 
za gerathen. Exacter Sinn ihrer Zulässigkeit . 100 

Dritter Abschnitt. 

Elemente des Bewusstseins. 

Erstes Capitel. Empfindung und Sinne. 1. Vereinzelung 
des Bewusstseins. Chimäre eines Universalbewusstseins. 2. Doppelte 
Causalität, nämlich in den Productionsfactoren der verschiedenen Bewusst- 
sein, und Verkehr der letzteren durch Sinne am Leitfaden der Materialität. 
Spiritistische Verzerrung einer sogenannten Psychologie. 3. Nothwendig- 
keit einer echten Bewusstseinslehre im Gegensatz zu einer blossen Phy- 
siologie der Organe. Thatsächliche Bornirtheit der eigentlichen Psycho- 
logen. Die Bewusstseinslehre als Hülfswissenschaft für reale und prak- 
tische Probleme, nicht aber als beschränkte und eitle Spielerei der Selbst- 
bespiegelung. 4. Objective Bedeutung aller Empfindung und kosmische 
Uebereinstimmung der einfachen Empfindungselemente. Antagonismus 
und Widerstandsempfindung. 5. Empfindung im Unterschiede vom 
empfindungslosen Leben Nächster Gegenstand des Empfindens. Wen- 
dung nach Aussen auch schon in den chemischen Sinnen vorhanden. 
6. Empfindung und Vorstellung. Das Verstandesmässige ist in dem un- 
willkürlichen Vorstellungsact in keinem andern Sinne vorhanden, als in 
der Empfindung. Fälschuno- der Theorie der Sinneswahrnehmung durch 
den Idolismus. 7. Einheitliches Grundgerüst im System der Sinne. Wahr- 
nehmung des mechanischen Widerstandes als durchgängiges Schema nach 
Analogie des Tastens und einer Art von Kraftsinn. 8. Nothwendigkeit 
und Emzigkeit in der Art, die realen Vorgänge durch subjective Elemente 
auszudrücken. Uebereinstimmung in den Bestandtheilen aller wirklichen 
oder möglichen Innerlichkeit subjectiver Existenzen 128 

Zweites Capitel. Triebe und Leidenschaften. 1. Trieb- 
förmige Nothwendigkeiten. Der bewusstlose Mechanismus als Grundlage. 
Vermittlung von Thätigkeiten durch die Triebempfindung. 2. Aufklärung 
des nebelhaften Instinctbegriffs in seiner Anwendung auf den Menschen. 
3. Die Triebempfindung als Selbstzweck und erst in zweiter Linie als 
Mittel. 4. Indirecte Beschaffenheit des Merkmals natürlicher Functionen, 
an welchen die Normahtät der Triebe und speciell der Geschlechts - 
erre^ungen gemessen wird. Höherer Standpunkt. 5. Tragweite der durch 
die fundamentalsten Triebe gegebenen Anzeigen. 6. Veredlung der Trieb- 
empfindungen und Ursprung der maassgebenden Ideale dieses Gebiets. 



- Vlll - 

Seite 

Systematik der Natur in den Triebanlagen und Fortführung ihrer Ten- 
denzen durch die Cultur. 7. Gruppirung der Leidenschaften. Auferlegte 
Gesetzmässigkeit. Fälschlich gebrandmarkte Erregungen. 8. Functionen 
der Natur in Affecten wie Kache, Eifersucht- und Neid 9. Wichtige 
Beispiele zur Kennzeichnung einzelner Affectformen Universelle Gestal- 
tung der Gemüthsbewegungen 151 

Drittes Capitel. Verstand und Vernunft. 1. Allgemeine 
Kennzeichnung. 2. Verstand und Ideenassociation. 3. Verstandesstörun^en 
und Vorbedingungen der Normalität. Stellung der Phantasie. 4. Wille 
und sogenannte psychologische Freiheit. 5. Die Sprache ein Mitthei- 
lungswerkzeug, nicht aber eine Vorbedingung des Denkens 178 



/ Vierter Abschnitt. 

\ ^ l/t^^^ Sitte, Gerechtigkeit und edlere Menschlichkeit. 

Erstes Capitel. Grundgesetze der Moral. 1. Weitester Sinn 
der Moral. 2. Tragweite ihrer Principien. 3. Ableitbarkeit der lÖtoral 
aus dem Wollen. Bedeutung des natürlichen Charakters. 4. Das Sollen 
als ein Verhältniss zweier Willen und zwar als Rückwirkung einer Ver- 
letzung. 5. Verhalten gegen die Bestie im Menschen. 6. Gegenseitigkeit 
als Voraussetzung der positiven Moral und in der Rückwirkung des 
Schlimmen. Degradation des moralischen Niveau. 7. Das feindliche Ele- 
ment der menschlichen Natur im Rahmen positiv verbindender Eigen- 
schaften. Moralisch verleumdete Affecte. Verbindende Naturrogungen. 
'Mitleid. 8. Ursprünglich Böses. Einfache Grundsätze über die natur- 
gesetzlichen Rück Wirkungen des feindlichen Verhaltens. Lüge. 9. Indi- 
recte Pflichten. Moralische Kunst des Einzellebens. Aufsteigen zu den 
höheren Stufen der Lebensenergien. Normale Rolle der Arbeit. 10. Ent- 
scheidung zwischen zwei Willen durch Berufung auf den Verstand. Rein 
individuelle Verantwortlichkeit auf Grundlage der normalen Empfänglich- 
keit für bewusste Beweggründe . , • 192 

Zweites Capitel. Natürliche Auffassung des Rechts. 1. Der 
gegen die Gerechtigkeit gleichgültige RechtsbegriflF. Sinn der Einheit und 
der Unterscheidbarkeit von natürlichem und positivem Recht. Zwangs- 
recht und Gewissensmoral. 2. Hauptgegenstand der Rechtsgelehrsamkeit. 
Herabgekommenheit auf ein unpolitisches isolirtes Privatrecht. 3. Fun- 
damentales Recht. Rache als Naturgrund und Ausgano;spunkt. 4. Kluft 
zwischen Abschreckung und Gerechtigkeit. 5. Oeffentliche Rache mit poli- 
tischen Organen. 6. Das über der geschichtlichen und thatsächlichen 
Zufälligkeit waltende Princip Ergänzung einer mangelnden Rechtshülfe 
durch die Selbstverfolgung aer Unbilden. 7. Das Maass in der Wirkungs- 
art der Rache. Grossmuth und Gnade. 8. Verhältniss des Vergeltungs- 
princips zu den schöpferischen Rechtsverbindungen. Geschlechtszwang 
und Zwangsehe. 9. Gewalteigenthum im Gegensatz zu positiv mensch- 
lichen Vereinigungsgebilden • 219 

Drittes Capitel. Bessere Menschheitsausprägung. 1. Natür- 
liche mit der Geburt gegebene Beschaffenheit des Menschen. Förderung 
und Ausmerzun^ der Eigenschaften. Moralische und physische Verwesung 
in der Ungerechtigkeit eines egoistischen Kampfes um das Dasein. 2. Die 
doppelseitige Liebe als Kennzeichen heilsamer Geschlechtsverbindungen 
und als Ausgangspunkt humaner Affecte 3. Die Philanthropie in ihren 
schwächlichen Ausdrucksformen. 4. Beseitigung der Todesstrafo als eines 
Gerechtigkeitsactes. 5. Humanisirung des Strafprincips. Vorbeugende 
Mittel. Ablenkung von gegenseitigen Störungen durch Richtung der 
Kräfte auf unmittelbare Arbeit an der Natur. 6. Ueberwiegen der direct 
schaffenden Kräfte. Gestaltung dos Idealmenschen in Fleisch und Blut, 
statt blos in Marmor. Der Leichnam des Philologenhumanismus. 7, Ge- 
reifte, von '1'^" Ali^ntvlit-it.Mi /n bcfn'iond.^ Pn.-^io und ]>hysiologische 



- IX - 

Steif^erung der Lebensgefühle. 8. Sprache als Ausdruck und Hülfsmittel 
edlel-er Menschlichkeit. Gesellige Benehmungsart und materiell smnhche 
Ausschweifungen 

p ,.^^^ Fünfter Abschnitt. 

^,tL \\V^ Gemeinwesen und Geschichte. 

Erstes Capitel. Freie Gesellschaft. 1. Rückständigkeit der 
Politik als Wissenschaft. Schema zur Ableitung der _ Fundamentalprin- 
cipien. 2. Unterdrückungs- und Gewaltstaat der Geschichte im Gegensatz 
zur freien Gesellschaft der Zukunft. 3. Macht der Vielheit noch kein 
Recht gegen den Einzelnen. Verhinderung der freien politischen Vereini- 
gungen das Grundprincip des Gewaltstaats 4. Einmischungsfunction 
der Vielheit. Chancen einsichtsvollerer Gerechtigkeit. Richterliclie Func- 
tion aus einem auf Schutz gerichteten Bündniss im Gegensatz zu dem 
aufgezwungenen Richterthum des Unterdrückungsstaats. 5. Keine Theilung 
der wesentlichen politischen Functionen und namentlich nicht der Waffen- 
führung. 6. Wesentliche Unübertragbarkeit der Rechtswahrnehmung in 
Gesetzgebung und Gerichtswesen. Einschränkung des Erfordernisses 
specialistischer Sachverständigkeit. 7, Gelehrtes Recht^ mit der Richter- 
souverainetät des Volksindividuums unverträglich. Specialistische Wissen- 
schaft als blosses Hülfsorgan, ohne autoritäre Verkörperung in privilegir- 
ten Richterpersonen. 8. Zurückführung aller politischen Functionen auf 
hinreichend kleine Grundvereinigungen. Regelung des materiellen Existenz- 
rechts und des positiven wirthschaftlichen Zusammenwirkens. 0. Func- 
tionäre des Wirthschaftsrechts. Bestimmung der technischen Leiter. 
Ausgangspunkt von der allgemeinen Schule, Gleichheit der allgemeinen 
Bildung. 10. Wegfall alles Cultus und der zugehörigen sonstigen Ein- 
richtungen. Kein Eid und auch kein Surrogat desselben. An Stelle 
vereinzelter milder Stiftungen eine vollständige, nicht auf den Bettel ge- 
gründete Organisation. 11. Kleinere politische Einheiten im Rahmen des 
Gewaltstaats. J^ifijjjniliß-als ein ursprünglich politisches Gebilde. Zu- 
sammengehörigkeit der Zwangsehe und des Gewaltstaats. 12. Einseitig- 
keit und Ungleichheit des Eherechts. Natürlich geschichtliche Bedeutung 
des Ehebruchs in der Zwangsehe. 13. Wegfall der wirthschaftlichen In- 
teressen und besondere Schutzrücksichten, durch welche die Zwangsehe 
auch für den gezwungenen Theil in der Unterdrückungsgesellschaft als 
eine Nothwendigkeit erscheint. 14. Vollberechtigung der Frauen im Ge- 
meinwesen 

Zweites Capitel. Geschichtsauffassung und Civilisation, 
1. Bisheriger Mangel einer rationellen Geschichtsauffassung. Der schöpfe- 
rische Fortschritt als Wesen der Geschichte. 2. Geistige Regsamkeit als 
entscheidendste Bewegungskraft der Geschichte. Ein Gesichtspunkt zur 
Ausgleichung mit den missliebigen Thatsachen. 3. Das Bisherige als eine 
besondere Aera Einleitende und prophetische Stellung der Französischen 
Revolution für eine zweite Grundgestalt des Menschenschicksals. Zusam- 
mengehörigkeit von Gewaltstaat und Revolution in der Uebergangs Wen- 
dung. 4. Gesetz der Umwandlung und des Todes politischer Gebilde. 
Staaten- und Völkertod. 5. Verfassungswandlungen. Entkleidung des 
Gewaltstaats von allem sittlichen Schein. Der ihm dienstbare Historismus 
und die echte Geschichtswissenschaft, 6. Untergeordnete Verfassungs- 
gestaltungen gemischter und haltloser Art. Charakter .des Cäsarismus 
und seiner Spielarten. 7. Bedeutung und Bedeutungslosigkeit derlhei-vor- 
ragenden Individualitäten je nach der Artung ihrer Kräfte. 8. Geschichts- 
romantik im weiteren und engeren Sinne, sowie in der Richtung auf das 
Schlechte oder Gute 9. Unstetigkeit in der durch den Völkertod 
unterbrochenen Abfolge der Volksexistenzen. Realer oder blos ideeller 
Zusammenhang. 10. Aufsammlung der Bildungstrü ramer todter Völker. 



Seit« 
243 



263 



- X - 

Falsche Aufpfropfungen. 11. Der moderne Staat mit seiner absorbirenden 
Centralisation al s blosse Vorläufigkeit der Geschichte. 1-^ Zukunftsschick - 
saie der Oentralisationen aller Art. 13. Schwächung der Brittischen Han- 
dels- und Industriecentralisation als Beispiel. Die politischen Oentralisa- 
tionen der heutigen Culturvölker. Auswärtige Chancen. Antretung 
der Centralisationserbschaft durch die ' innerlich befreienden Volkskräfte. 
14. DieVerzweigungen der innern Centralisation Angesichts der geschicht- 
lichen IJebergangsaufgaben. Centralistisches Polizeiwesen und zugehöriges 
Schulmonopol. 15. Justiz- und Militaircentralisation. 16. Das Maass der 
Vereinigungsfähigkeit als Maass der Cultur. Wirthschaftliche Seite dieses 
Maassstabes. 17. Politische Seite. 18. Unterschied von Civilisation und 
Cultur. Gewaltcivilisation. Heutige Lage Angesichts der Vergangenheit 
und Function der kommenden Geschichte 297 

-• 

Sechster Abschnitt. 

Individnalisirung und Wertlisteigerung des Lebens. 

Erstes Capitel. Ursachen des Pessimismus. 1, Markirtes 
Wiederhervortreten pessimistischer Neigungen im 19. Jahrhundert. Erin- 
nerung an Byron, Schopenhauer und Heine. 2. Gescllscliaftszustände 
Brittischer Art als Ausgangspunkte für pessimistische Auslegungen. 
Malthusisch - Darwinistischer Kampf um das Dasein. 3. Falscher und 
wahrer Optimismus. Der mit idealem Entrüstungspessimismus verbundene . 
Optimismus von Bruno, Rousseau und Shelley. 4, Politischer und socialer 
Pessimismus. 5. Universeller Weltpessimismus mit einer Flucht ins Jen- 
seits oder Nichts. 6. Gesellschaftlicher Fauliingspessimismus von frivolem 
Charakter. Geschichtlicher Hintergrund 341 

Zweites Capitel. . Schätzung der Lebenselemente. 1. Aus- 
gangspunkte der Würdigung alles empfindenden Daseins. Steigerung des 
positiven Lebensgehalts auf den höheren Stufen. 2. Die Wurzeln des 
IJrtheils über Werth und Unwerth des Lebens sind im Wollen selbst zu 
suchen. Vernachlässigung der moralischen Leiden durch den gemeinen 
Corruptionspessimismus. 3. Rolle der natürlichen Widerstände in der 
Entfaltung der Lebensbethätigungen. Gesetz der Differenz. Erheblich- 
keit des Uebergangs zu neuen Lagen. 4. Negative und positive Wirkung 
des Ideals. Berücksichtigung des Maasses subjectiver Ansprüche, das den 
unentwickelten oder verdorbenen Zuständen entspricht. 5. Reiz des Ein- 
maligen und Befriedigung des Lebens durch dessen Erprobung selbst. 
Vergieichung alier Arten von Störungen mit denen der Gesundheit . . 355 

Drittes Capitel. Entwicklung und Erhöhung der Daseins- 
reize. 1. Zusammenhang des Privaten und des Politischen in den Chancen 
des Einzelglücks. 2. Princip der Individualisirung und Variation der 
Reize. 3. Grundregel, nichts ohne wahrhaftes Interesse zu thun. 4. Reize 
der beiden äussersten Lebensalter. Gestaltung des Lernens. 5. Die Auf- 

faben des vollen Lebens, Beziehungen der Geschlechter. Materielle Pro- 
uction. 6. Einwirkung der universellen Lebensansichten. Aesthetische 
Reize. Geistige Diät 368 

Siebenter Abschnitt. 

Sooialisimng aller Qesammttliätigkeiten. 

Erstes Capitel. Physiologische und materielle Existenz. 
1. Allgemeine Aufgabe. 2. Bedeutung der Raoen- und Stammesverschie- 
denheiten für die Gruppirungen. 3.^ ntormischung mit dem jüd ifidlgn 
fi lem(^nt 4. S '' ' ' • ' '' ^ci^ 5. Nalurlu^hö Grul^ptfung und bewusstes 
in wirken auf isch gute Beschaffenheit des werdenden Ge- 

schlcciits. 6. S i .wailic. 7. Sicherung der materiollen Unter- 



— XI — 

Seite 

lagen für alle gesellschaftliclien Bedürfnisse unter Beseitigung des Nah- 

rungskrieges und der egoistischen Interessengestaltung 386 

Zweites Capitel. Geistige Institutionen. 1. Möglichkeit 
einer tieferen Moral Angesichts eines besseren Rechts. Individuelle Ver- 
antwortlichkeit. 2. Befreiung der Moral von der Einmischung religiöser 
Voraussetzungen. 3.' Wegfall jedes religiösen Cultus. 4. Mitbeseitigung 
der secundären Cultuseinmischungen in die einzelnen Lebensacte, Ver- 
urtheilung aller Surrogate und positive Ausbildung rein menschlicher 
Formen für die Hauptereignisse des Lebens. 5. Mittheilungsart der Welt- 
und Lebensanschauung. Literatur und Presse. 6. Lehrstoff der einheit- 
lichen und gleichen Schule, Sinn des Sprachunterrichts. 7. Hinweisung 
auf die systematische Gestaltung der realistischen Lehrstoffe. Mathematik 
und Naturwissenschaft. 8, Physiologie und Gesundheitslehre. Rechts- 
kenntniss. Stellung der eigentlichen Erziehung. 9. Functionen der Kunst 
und Poesie. Uebereinstimmung mit der neuen Welt- und Lebens- 
anschauung. 10. Günstigere Verliältnisse für die Kunst und für die uni- 
verseUe Veredlung der Sprache. 11. Ersatz der vielerlei Grammatik durch 
die logischen Elemente des eig-nen Sprachbaues. Philosophische Vertie- 
fung und Schürfung aller Bildung. 12. Elemente der Philosophie und 
Affect der Lebensauffassung 401 

Achter Abschnitt. 

Wissenschaft und Philosophie in der alten und in der neuen 
Gesellschaft. 

Erstes Capitel. Erfahrungen der Geschichte. 1. Wechsel- 
verhältniss von Freiheit und Wissen. Geschichtlicher Hintergrund im 
Druck des Asiatismus. Jugendlicher Aufschwung des Griechenthums. 
2. Schicksale der Griechischen Philosophie und der Ansätze zur strengen 
Wissenschaft. Eminent classische Jahrhunderte und erstickende Alexan- 
drisirung. 3. Geseilschaftlicli günstige Umstände sogar inmitten der älte- 
ren Griechischen Corruption. Freie Gründungen der Lehrstätten. Con- 
trast mit der weltgeschichtlichen Geistesrohheit des Römerthums. 4. Er- 
gänzung des Despotismus durch eine Knechtsreligion. Nacht des Mittel- 
alters. Auferweckung der Wissenschaft und Philosophie in Italien. 
5. Kirchliche, ökonomische und politische Unterbindungen der Wissen- 
schaft und Philosophie' In den neuern Jahrhunderten. tJ. Die Englische 
Revolutionszeit in ihrem Zusammenhang mit der eignen und der später 
nach Frankreich übertragenen Bildung. 7. Die Lage auf dem Festmnde 
zur Zeit der Encyklopädisten und die gleichzeitige politische Anomalie 
bei Hume. 8. Die Humeschen Schicksale in Beziehung auf die äussern 
Vorbedingungen der Philosophie. Rückständigkeit Deutschlands als Er- 
klärungsgrund für die gleichzeitige Professor- und Philosophenrolle Kants. 
9. Ablenkender und zweideutiger Charakter jeder sich blos mit Verstandes- 
kritik befassenden Art des Philosophirens. 10. Einmischung der super-« 
stitiosen_ Denkweise sogar in die strengsten Theile des Naturwissens.' 
Hindernisse emancipirender Consequenzenziehung 431 

Zweites Capitel. Verhältnisse der Gegenwart. 1. Poli- 
tischer Rahmen. Technisches Schaffen. 2. Romantisch restaurative Verun- 
staltung der Halbwissenschaften und der Philosophie. 3. Hemmende Rolle 
der wissenschaftlichen Körperschaften. Akademien,' 4. Zustände der 
Universitäten. 5. Philosophische Facultäten insbesondere. 6. Die ihnen 
angehörigen Priester zweiter Classe. 7. Treiben derselb*fen. 8. Unzuläng- 
lichkeit im eignen Handwerk. 9. Schlechte Rückwirkung auf Mathematik 
und Naturwissenschaft. 10. Allgemeine Rolle der universitären Zustände 
1^ den strengeren Wissenschaften. 11. Allgemeinere Einflüsse des Ge- 
sellschaftszustandes auf Wissenschaft und Philosophie. Corruptive und 
pessimistische Ablenkungen. 12. Emancipatorische Denkercharaktere in 



- xn — 

Seite 

hervorragender Ausnahmsstellung. 13. Uebergang der entscheidenden 
Wissenschaftscultur an diejenigen, welche dem körperschaftlichen und 

materiellen Bann Trotz bieten 456 

Drittes Capitel. Umschaffende Grundlegung. 1. Vorläufige 
Erl;. Uterungen durch Vergleichung mit den alten Verhältnissen. Völlige 
ümkehrung in der Werthschätzung der Universitätsfacultäten. 2. Ord- 
nung der philosophischen Fächer im weiteren Sinne des Worts. Vereini- 
gung der strengen Wissenschaften mit den Antrieben der Wirklichkeits- 
philosophie. ;l Uebrige Gelehrsamkeitszweige. Negativer Charakter ihrer 
Functionen. Schicksal der Studienmonopole. 4. Vortheile eines Zwischen- 
reichs von Reformen, welches zunächst die üblen Rückwirkungen der 
universitären Missstände auf die Functionäre des Staats und der Gesell- 
schaft mindert. 5. Züge derartiger schlimmer Rückwirkungen im höhe- 
ren Schulunterricht, b. Ausgangspunkte eines natürlichen Entwurfs uni- 
verseller Bildung, erläutert an der Aufgabe der Einführung des weiblichen 
Geschlechts in die Wissenschaften. 7. Universalbildung in der neuen 
Gesellschaft. 8. Abschliessende Vollständigkeit des in diese Bildung ein- 
tretenden Wissens strenger Art. 9. Doppelseitiger Ausgangspunkt der 
für die Bildungswissenschaft maassgebenaen Methode. Einschränkung 
des blossen Beschreibungsstoffs. 10. Besonderer Inhalt des Systems der 
universellen Bildungswissenschaft im Hinblick auf deren philosophische 
Vollendung. 11. Wissenschaftliche Voraussetzungen der Philosophie der 
menschlichen Verhältnisse. 12. Bedeutung und Function der letzten, die 
Welt- und Lebensvorstellung abschliessenden Einsichten 490 

Schluss. 

Studium und Entwicklung der Wirkliohkeitsphilosoplile. 

1. Nothwendigkeit besonderer Orientirung über die individuelle Ge- 
stalt der Wirklichkeitsphilosophie. 2. -Ergänzung des rein theoretischen 
Theils durch mathematisch mechanische Grundlagen und Ausführungen. 
Function und Stellung einer eigentlichen Wissenschaftstheorie. 3. Studium 
des zur Wirklichkeitsphilosophie gehörigen Systems der Volkswirthschafts - 
lehre. 4. Eigne socialtheoretische Grundlagen in besondern Werken. 
üT Bedeutung des juristischen Fachstudiums für die naturrechtlichen, po- 
litischen una ökonomischen Theile des Systems. 6. Das Urtheil über den 
Werth -des Lebens in der Stellung zum Ganzen. Verhältniss des Systems 
zur Kritischen Geschichte der Philosophie. Ergänzung der letzteren durch 
die eignen Geschichtswerke über Specialwissenschaften. 7. Entlastung 
des Studiums von überflüssigen Stoffen. Selbstbeschaffung der realen 
Hülfskenntnisse. 8. Aufmerksamkeit auf die unterscheidenden Eigen- 
thümlichkeiten der neuen Philosophie. Thatsächliche Bekundung der von 
ihr vertretenen Gesinnung in dem Leben ihres Urhebers. 9. Aeussere 
Stellung des wirklichen Philosophen zur universitären Philosophie. 10. Ent- 
wicklung der äussern Wirkungen des Systems. 11. Zusammenhang der 
Auffindung eijTeuthümiicher Lehren und Lösungen mit Gesinnungsantrier 
ben. 12. Beispiele von besonders zu markirenden eignen Ideen und 
Sätzen 525 



Schriften desselben Verfassers ." 500 



Einleitung. 



I. Bedeutung der Philosophie. 

Als erste und natürlichste Angelegenheit muss dem Lernenden im 
Eingang die Frage erscheinen, was der Gegenstand, dem er sich 
hingeben will, eigentlich sei und bedeute. Eine kurze Beantwortung 
der Frage, was Philosophie sei, entspricht jedoch nicht blos dem 
Bedürfniss, das genauere Bekanntwerden mit einer neuen Sache regel- 
recht vermittelt zu sehen, sondern hat auch ausserdem einen weiter- 
greifenden Sinn. Solange über das Wesen einer geistigen Bestre- 
bung in erhebHcher Weise gestritten werden kann, und solange die 
weltgeschichtliche Entwicklung einer ideellen Macht noch nicht die 
entscheidende Seite der letzteren vor Aller Augen gebracht hat, wird 
die Bestimmung, was diese Macht in ihrer tieferen Anlage sei und 
wohin sie führe, zu denjenigen Rechenschaften gehören, mit denen 
derjenige, der die Vertretung dieser Macht in seiner Zeit und für 
die zunächst absehbare Entfaltung derselben in Anspruch nimmt, 
von vornherein über seinen Beruf entscheidet. 

Es ist daher etwas mehr als die Rücksicht auf eine ordnungs- 
mässige Begriffsbestimmung, was uns , die Erledigung jener ersten 
Grundfrage werthvoll macht. So kurz auch die Formulirung aus- 
fallen möge, in welcher wir die eigenste Natur der Philosophie aus- 
zudrücken unternehmen, so wird sie doch Entscheidungen und Auf- 
schlüsse enthaltien, die über mehr als einen Hauptpunkt zuverlässige 
Angaben darbieten und über die maassgebende Richtung keinen 
Zweifel lassen. Für uns und die uns bevorstehenden Epochen ist 
die Philosophie nicht mehr vorwiegend eine ruhende Weltanschauung, 
sondern wesentlich ein rastlos thätiges Princip allseitiger Gestaltung 

Du bring, Cursus der Philosophie. 1 



des Lebeus . Hiemit ist der reformatorische Beruf, den die höchste 
der ideellen Mächte zu üben hat, als unablegbares Kennzeichen ihres 
titiferen Wesens hingestellt. Auch lässt es sich in der That nicht 
denken, wie auf die Dauer dieser charaktervollste Grundzug, der den 
besten Erscheinungen des Gebiets nie ganz gemangelt hat, in einer 
Epoche verborgen oder auch nur im Hintergrunde bleiben sollte, in 
v^^elcher sich eine Weltwendung aller Zustände immer mächtiger 
anbahnt. 

Philosophie ist die Entwicklung der höchsten Form des Bewusst^ 
seins von Welt und Leben. Dieser einfache Satz sagt sehr viel, 
wenn wir den Einzelheiten seiner Gedanken auftnerksam folgen. Er 
spricht überdies nicht nur durch das, was er ausdrücklich enthält, 
sondern auch durch das, was er grundsätzlich weggelassen hat. So 
ist in ihm absichtlich nur einfach vom Bewusstsein und nicht etwa 
vom menschlichen Bewusstsein die Rede. Es würde nämlich in der 
That eine ungerechtfertigte Einschränkung, um nicht zu sagen eine 
Herabwürdigung der Grundgestalten des Bewusstseins und Wissens 
sein, wenn man ihre souveraine Geltung und ihren unbedingten An- 
spruch auf Wahrheit durch das Epitheton menschlich ausschliesseu 
oder auch nur verdächtigen wollte. Eine endgültige Wahrheit letzter 
Instanz kann nicht gedacht werden, sobald die letzten und allge- 
meinsten Formen des Erkennens, wie wir sie in der uns bekannten 
Art des Denkens finden, nicht auch zugleich die Constitution und 
die Elemente alles sonstigen Wissens ausmachen, welches wir neben 
dem unsrigen in andern Wesen voraussetzen mögen. Ohrie also 
darüber absprechen zu wollen, in welcher Art und wie hoch das 
Bewusstsein irgendwo entwickelt sein oder irgendwann erweitert und 
gesteigert werden möge, müssen wir doch darauf bestehen, dass jeg- 
liche Form des Denkens und Erkennens nm* ein schlechter Spass 
und eine offenbare Thorheit sein würde, wenn sie nicht aus ein- 
fachen Elementen bestände, die in allem nur irgend annehmbaren 
Wissen eine und dieselbe Rolle spielen und in vei*schiedenen Mischun- 
gen die Factoren einer und derselben Wahrheit bilden. Sogar die 
Abstufungen, die wir uns bei der Betrachtung der thierischen Be- 
wusstseinsreihe auch m anderer Richtung mit einigem Schein ent- 
werfen mögen, verlieren ihre einschränkende Kraft, sobald wir 
bedenken, dass alle Erdichtungen höherer Intelligenzen nur Combina- 
tionen aus den allgemeinsten Bestandtheilen unserer eignen Einsichts- 
art sein können. Wir mögen in unserm eignen Be^vusstsein Unter- 



— 3 — 

Scheidungen treffen und eine Aussonderung der höheren Denkmittel 
vornehmen; — wir werden aber doch niemals dazu gelangen, die 
Reibe der Voraussetzungen abzukürzen und jene schattenhafte Er- 
dichtung einer Intelligenz festzuhalten, in welcher die höheren 
Functionen unmittelbar und ohne die Hülfe der gewöhnKchen uns 
bekannten Vorbedingungen das Wesen der Dinge zu erfassen ver- 
möchten. 

An das einfache Wort Bewusstsein hat sich in unserer Defini- 
tion der Philosophie noch eine weitere Bemerkung anzuschliessen. 
Es bedeutet der diesem Wort entsprechende Begriff, wenn er in 
seiner ganzen Weite gefasst wird, nicht blos das theoretische und 
gleichsam ruhende Wissen, sondern auch die Empfindungen der 
Triebkräfte, in denen das Wollen seinen bewussten Ausdruck erhält. 
Das Bewusstsein umfasst hienach die Verzweigungen des Wissens 
und die Richtungen des Strebens. Die Philosophie hat demgemäss 
nicht nur, wie schon vorher angedeutet, eine doppelte Aufga be, son- 
dern es entsteht für sie auch die Frage, in welcher Richtung die 
vollständige Vereinigung dieser Doppelrolle zu suchen sei. Als Wissen- 
schaft und als Gesinnung, als Weltanschauung und als Lebensge- 
staltung, als zurückgezogene Speculation und als praktisch eingrei- 
fende^acht kann die Philosophie doch immer nur von einheitlich em 
Wesen sein, wie es die Welt und das Denken, das Leben und der 
Mensch, die Thatsachen und die Ideen selber sind. Die Philosophie 
als Besinnung/ ist eine Fortpflanzung der Motive edlerer Menschlich- 
keit; sie schafft an den Idealen der Humanität und hegt die grossen 
Conceptionen, in denen das höchste Wollen der Menschheit gipfelt. 
Die Philosophie als y Wissenschaft / ist theils Hervorbringung, theils 
Aufnahme derjenigen Einsichten, durch welche die Welt und das 
Leben klar übersichtlich, die Principien der Vorgänge verständlich 
und die Abfolgen der unserer Kraft erreichbaren Zustände für die 
verstandesmässige Leitung zugänglich werden. Die Gesinnung veredelt 
sich, indem die natürlichen Triebkräfte des Wollens ihr Maass, ihre 
gegenseitige Begrenzung und ihren sich selbst am meisten befriedi- 
genden Gehalt finden lernen. Die Wissenschaft wächst, indem die 
Functionen des Verstandes zur Bethätigung gelangen und diejenigen 
Vorstellungen ins Dasein rufen, vermöge deren die Welt der Dinge 
und die Welt der Gedanken die ebenmässigste Einheit ergeben. Das 
Bewusstsein vom Leben, im Sinne eines durch höchste Einsicht und 
grösste Wirkungsfähigkeit gesteigerten Lebensgefühls, ist nun aber 

1* 



— 4 — 

stets auf die universellen Aussichten alles Strebens gerichtet, und so 
erklärt es sich, dass in der Philosophie die herrschende und ursprüng- 
lichste Macht das Interesse an einer mit dem höchsten Maass von 
Wissen beleuchteten Lebensenergie sein muss. Diese letztere Energie 
selbst ist nun aber in ihren höheren Combinationen von dem Schick- 
sal abhängig, dem die Thätigkeiten des Denkens anheimfallen, und 
die Functionen der Intelligenz sind, soweit sie sich auf Triebe und 
Leidenschaften beziehen, unverkennbar selbst die Formen, in denen 
das bewusstere Leben seiner selbst und der universellen Tragweite 
des Empfindens inne wird. Hiemit ist aber schon ausgesprochen, 
dass es im letzten Grunde nur eine einheitliche Form des Bewusst- 
seins gebe, und dass mithin die philosophische Gesinnung der voll- 
ständige Ausdruck von dem sei, wodurch Welt und Leben im Inner- 
sten bewegt werden. Handeln und Denken, Wollen und Wissen, 
active Regung und passive Spiegelung sind hier nur zwei Theile 
eines und desselben Hergangs. Wohl aber kann man auf den nie- 
deren Stufen der Entwicklung ein einseitiges Vorherrschen des un- 
au%eklärten WoUens und daher eine durch den Contrast gesteigerte 
Bedeutung der Gesinnung einzelner Vertreter des Denkens und edler 
Lebenshaltung wahrnehmen. Die Gesinnung aber, die wir heute als 
den Hauptfactor lebendiger Philosophie fordern, ist nicht mehr blos 
privater Natur, sondern betrifft die coUective Erleuchtung und Rich- 
tung des menschhchen Wollens. Diese Gesinnung kann ohne die 
Wissenschaft gar nicht gedacht werden; denn es sind die ursprüng- 
lichen, der befriedigenden Gestalt noch ermangelnden Antriebe gleich- 
sam erst das Rohmaterial, an und mit dem die sich allmälig ent- 
wickelnde, schliesslich durch strenge Wissenschaft geleitete Intelh- 
genz arbeitet. 

So wichtig es ist, einer in Scholastik vertrocknenden und in 
Unselbständigkeit sich corrumpirenden Scheinphilosophie gegenüber 
die Gesinnung und Lebenshaltung einzelner grosser Denkercharaktere 
hervorzuheben, so würde es doch den natürlichen Gang der Dinge 
verleugnen heissen, wenn man im Ganzen und namentUch für die 
jetzt anbrechende Aera der Weltgeschichte den Errungenschaften des 
Wissens die zweite Rolle anweisen wollte. Die Wissenschaft und 
der Verstand in seiner praktischen Bethätigung sind diejenigen 
Machte, auf welche die freiere Gestaltung des Menschheitsschicksals 
an erster Stelle zu rechnen hat. Aus den Völkerphg,ntasien , die 
unter den Antrieben der von mange\nder oder falscher Einsicht irre- 



geleiteten Gemüthsmächte arbeiteten, sind Weltansichten und Lebens- 
formen hervorgegangen, deren fernere Unhaltbarkeit gegenwärtig 
klar eingesehen werden kann. Das fehlgreifende Gemüth des noch 
kindisch vorstellenden Menschen hat seine Rolle so ziemlich aus- 
gespielt, und es lässt sich wenigstens eine Zeit absehen, in welcher 
die höchst entwickelten Theile der Menschheit jene üeberheferungen 
vollständig abgestreift und mit einem wahreren Zustande vertauscht 
haben werden. Für diesen neuen Zustand müssen nun Verstand und 
Wissenschaft die früheren Einbildungen ersetzen und ausserdem das 
leisten, was dem verstandlosen Gemüth trotz seiner gewaltigen An- 
sprüche und angeblichen Hülfen niemals gelungen ist. Die Ohn- 
macht aller Systeme, welche einzelne Yölkergruppen und zuletzt den 
höher civilisirten Theil der Menschheit geistig und indirect auch po- 
litisch und social zu binden gesucht halDcn, ist heute eine bis zur 
Handgreiflichkeit ausgemachte Sache. Die Religionsschöpfungen 
haben eher alles Andere als eine moraHsche Einigung der Menschen 
bewerkstelligt. Sie haben weder den innern Frieden des Gemüths 
noch die äussere Vereinbarkeit des Verhaltens sonderhch gefördert. 
Sie haben im Gegentheil künstliche Beunruhigungen erfunden und 
durch Fixirung mannichfaltiger Superstitionen in dauernden Einrich- 
tungen neue Arten von Feindschaft und Ungerechtigkeit ins Leben 
gerufen. Ihr Anspruch, für die Menschen ein befriedigendes Band 
und eine Quelle des Heils zu sein, ist heute in seiner ausnahmslosen 
Nichtigkeit allen denen erkennbar, die von der Wissenschaft und 
dem Verstände her zu einer natürlichen Welt- und Lebensauffassung 
gelangt sind. Von diesem letzteren höheren Standpunkt aus lässt 
sich aber auch schon bemessen, wie der Verstand mit seinen wissen- 
schaftlichen Errungenschaften die letzte Instanz bilden und das zu 
leisten im Stande sein werde, was dem A^erworrenen Gemüth und 
den trüben Superstitionen nie gelingen konnte. 

Bei dieser grossen Aufgabe handelt es sich nicht darum, das 
natürliche Gemüth oder, mit andern Worten, die Antriebe und Ge- 
fühle der menschlichen Natur zu Gunsten einer einseitigen Ver- 
standescultur herabzusetzen, sondern im Gegentheil darum, diese 
naturwüchsigen Ausstattungen unseres Wesens durch den Verstand 
völlig freizumachen und in solchen Richtungen wirken zu lassen, 
wo sie sich mit der geringsten gegenseitigen Störung auszuleben 
vermögen. Hieraus folgt, dass die wahre Gesinnung, auf welche die 
Philosophie für die Menschheit zielt, erst dann in grösserer Aus- 



— 6 — 

breitung und nachhaltigerer Wirksamkeit bestehen Icann, wenn sie 
in der Gemeinschaft Vieler und in der Sicherheit der gegenseitigen 
Bethätigung über die zerstreute und unverbundene, rein individuelle 
Privatexistenz hinausgelangt sein wird. 

Die Lebensgestaltung, fiir die sie neben der blos theoretischen 
Vertretung der Weltanschauung eintritt, bezieht sich daher weit 
weniger auf die isolirte Privatmoral individualistischer Art, als viel- 
mehr auf den socialitären und politischen Zusammenhang des all- 
seitigen und insbesondere des geistigen Verkehrs. Keine einzige 
Form oder Einrichtung des Gemeinlebens kann von ihr unberührt 
bleiben; aber vor Allem bedarf sie sogar schon zu ihrer blos ideellen 
Fortpflanzung und Sicherung eines gesellschaftlichen Zusammen- 
wirkens aller derjenigen, die von ihr durchdrungen sind. Es ver- 
steht sich von selbst, dass dieses Zusammenwirken schliesslich die 
Form des Staats selbst annehmen muss; aber die Mittelstufen bis 
zu diesem Ziele mögen eine Mannichfaltigkeit durchmessen, die mit 
der lockersten Verbindung, ja mit den Zufälligkeiten der unorgani- 
sirten literarischen Mittheilung beginnen kann und sich erst später 
zu geordneten Vereinigungen und zwar zunächst im Rahmen der ge- 
wöhnlichen Formen der Collectivaction steigert. Auch sei schon 
liier bemerkt, dass nicht blos die Gegenseitigkeit und das Zusammen- 
wirken unter den Erwachsenen in allen Hauptangelegenheiten des 
privaten, gesellschaftlichen und öffentlichen Lebens die allgemeine 
Grundlage zu bilden habe, sondern dass speciell die Erziehung im 
Sinne der Philosophie und zunächst die Lähmung der auf diesem 
Gebiet herrschenden Superstition die positive Collectivthätigkeit in 
Anspruch nehmen müsse. 

Wir haben Inhalt und Richtung des philosophischen Bewusst- 
seins kurz bezeichnet. Es bleibt noch übrig zu erklären, was wir 
mit der höchsten Form meinen, in der wir erst die der Philosophie 
entsprechende Steigerung des Welt- und Lebensbewusstseins finden. 
Diese höchste Form besagt zunächst, dass in Vergleichung mit ihr 
keine höhere Instanz anzutreffen sei, von welcher über die Würdi- 
gung und Behandlung des Daseins entschieden werden könnte Die 
Philosophie kennt keine andere Autorität als etwa die ihres eignen 
Gebiets, und auch hier ist sie in einem solchen Sinne souveraiu, 
dass man jenes Wort in seiner äusserlichen Bedeutung gar nicht 
brauchen darf. Naturthatsachen und selbstgewonnene Einsichten 
sind die einzigen Nöthigungen, denen die Philosophie folgt. Neben 



__ 7 - 

ihr giebt es keine zweite Fundstätte der Wahrheit und keine zweite 
Quelle der Gerechtigkeit. Alles was unter der Form irgend einer 
Art von Wahrheit Ansprüche auf Geltung macht, muss sich auf 
Verstand und Wissenschaft als letztes Entscheidungsmittel auch dann 
berufen, wenn üeberzeugungen im Sinne eines vom Gefühl geleiteten 
Annehmens oder Glaubens in Frage sind. Grade über die Möglich- 
keit derartigen Fürwahrhaltens und über die Zulässigkeit der ent- 
sprechenden Vorstellungen entscheidet die Philosophie, da sie das 
Maass für alle Gattungen von Ideen in Händen hat. Woher sollte 
auch dem philosophisch selbstbewussten Menschen eine ideelle Macht 
entgegentreten, die nicht von dem eignen Wesen menschlicher Vor- 
stellungen abstammte? Auf dem Planeten giebt es keine Kraft, die 
der philosophischen autoritätsfreien Selbstgenügsamkeit eine moralisch 
verbindliche oder überhaupt innere Einschränkung aufzuzwängen ver- 
möchte. Der Mensch hat vielmehr, sobald er zur Würde der auf 
sich selbst ruhenden Einsicht und des innerlich verstandenen, auf 
dem Naturgrunde ruhenden, sich selbst klaren Wollen s gelangt ist, 
mit nichts als dem Boden unter sich, der Luft über sich und Seines- 
gleichen neben sich zu schaffen. Die ihn umgebende Natur, sei sie 
irdisch oder kosmisch, erregt ihn nach allen Richtungen, aber ver- 
bindet ihn nicht und legt ihm keine, moralische oder autoritäre Ge- 
setze auf. Von Seinesgleichen hat er keinen Willen anzunehmen, 
den er nicht selbst üben könnte, und wo sie ihn verbindlich machen 
wollen, müssen sie sich auf etwas berufen, was ihnen mit ihm ge- 
meinschaftlich ist. Er wird daher in Andern nicht etwas Anderes 
anerkennen, als was er in sich selbst gelten lässt, und so wird wie- 
derum die höchste Form des Bewusstseins von Leben und Welt als 
die normgebende Macht angerufen werden. Diese letzte Entschei- 
dungskraft wird aber nur aus der streng wissenschaftlichen Steige- 
rung aller Bewusstseinselemente gewonnen, und so zeigt es sich auch 
von dieser Seite, dass die Bereicherung mit den Errungenschaften 
des genaueren und sicheren Wissens von Welt und Menschennatur 
die Vorbedingung aller philosophischen Selbständigkeit ist. Auch 
gilt diese Selbständigkeit und Autoritätsfreiheit nicht blos für das 
Denken, sondern auch für das Handeln und zwar gleicherweise für 
die collective Action wie für das Thun des Einzelnen. 



— 8 — 



n. Bestandtheile und natürliches System. 

Die Philosophie, wie wir sie eben kurz gekennzeichnet haben, 
umfasst in einem weiteren Sinne die Principien alles Wissens und 
Wollens. Diese universelle Bedeutung ist keineswegs zu kühn an- 
gelegt; denn um eine auch nur formal vollständige Natur- und 
Lebensansicht zu gewähren, müssen die ersten Anknüpfungspunkte 
aller Gattungen von Thatsachen, Existenzen und Vorgängen dargelegt 
werden. Der Rahmen der Welt und des Lebens mit seinen mannich- 
faltigen Entwicklungen muss eine wenigstens schematisch vollständige 
Ausfüllung erhalten, und wo irgend eine Reihe von Erkenntnissen 
oder Antrieben oder eine Gruppe von Existenzformen für das mensch- 
liche Bewusstsein in Frage kommt, müssen die Principien dieser Ge- 
stalten ein Gegenstand der Philosophie werden. Nur auf diese Weise 
wird jener universellen Vollständigkeit entsprochen, welche die ideale 
Forderung zulänglicher Systeme ist. Wenn das System der Dinge 
in einem Gedankenbilde erfasst und das Dasein in seinen Grund- 
zügen entworfen werden soll, so darf keine Linie fehlen, die zum 
Verständniss der Verfassung des Ganzen einen Beitrag liefert. Die 
Beschränkung auf die Principien ist hinreichend, um die Philosophie 
vor unerheblichem Material zu bewahren und die Ausführung ihrer 
Aufgabe nach dem jeweiligen Stande des positiven Wissens mögUch 
zu machen. Hiebei ist zu beachten, dass Punkte zweiten Ranges, 
die in einer individuellen Unternehmung etwa unberührt bleiben oder 
nicht zulänglich erledigt werden, für die Wirkung des Gesammt- 
entwurfs zwar immerhin eine Bedeutung haben mögen , dass aber 
die Existenz der Philosophie in ihrem vollständigen Wesen nicht 
ausschliesslich von dem Grade des Gelingens und von den Schranken 
einer privaten Bestrebung abhängig zu denken sei. 

Die Principien, für welche sich die Philosophie interessirt, sind 
nicht beliebige relative Anfänge von Erkeuntnissreihen und That- 
sachengruppen, sondern die einfachen oder bis jetzt als einfach voraus- 
zusetzenden Bestandtheile, aus denen sich das mannichfaltige Wissen 
und Wollen zusammensetzen lässt. Wäre die Verfassung der Welt 
und des Lebens nicht so beschaffen, dass sie sich in eine Summe 
von Bestandstücken auflösen Hesse, so würde der Ausdruck Princi- 
pien einen völlig relativen und schwankenden Sinn haben. Man 
würde nicht wissen, wie weit man die Gliederung der Dinge zu ver- 



— 9 — 

folgen und weitere Ansätze zu secundären Gebilden aufzusuchen 
hätte, um den Welt- und Lebensschematismus verständlich zu machen. 
So aber ist eine feste Norm gegeben, und ähnlich, wie die chemische 
Constitution der Körper, kann auch die allgemeine "Verfassung des 
Daseins auf Grundelemente und Grundformen zurückgeführt werden. 
Diese letzten Bestandtheile oder Principien gelten, sobald sie einmal 
gewonnen sind, nicht blos für das unmittelbar Bekannte und Zu- 
gängliche, sondern auch für Alles, was jenseit der Tragweite unserer 
speciellen und ausreichenden Wahrnehmung liegt, oder was die ra- 
tionelle Phantasie unter veränderten räumlichen und zeitlichen Ver- 
hältnissen voraussetzen mag. In den Principien solcher Art haben 
wir mithin das Baumaterial und die elementaren Fügungsformen für 
die Construction der gesammten Existenz vor uns. Die principiellen 
Schemata und Elemente, zu denen die philosophische Zergliederung 
gelangt, müssen in einer noch höheren Weise selbstgenugsam und 
zum unbeschränkten Verständniss der Dinge ausreichend sein, als 
dies in irgend einer besondern Wissenschaft der Fall sein kann. Die 
philosophischen Principien bilden mithin die letzte Ergänzung, deren 
die Wissenschaften bedürfen, um zu einem einheitlichen System der 
Erklärung von Natur und Menschenleben zu werden. 

Nach der bisherigen üeberlieferung setzt sich die Philosophie 
aus einer Reihe besonderer Lehren zusammen, aus deren Eigenthüm- 
lichkeiten nicht immer sofort der Zusammenhang mit den Principien 
der vorher erläuterten Art oder gar die Beschränkung auf diese 
Principien zu entnehmen ist. Im Gegentheil schliesst die Philosophie 
in ihrer engeren Bedeutung eine Gruppe von Specialwissenschaften 
eia, die ihr mit Recht ausschliesslich angehören, und in denen sie 
weit über die Principien hinaus zu mannichfaltig zusammengesetzten 
Ergebnissen fortschreitet. Die Noth wendigkeit eines Theils dieser 
Verzweigungen und Ausfuhrungen erklärt sich aus der besondern 
Aufgabe der Philosophie, die allgemeine Wissenschaft vom Menschen- 
leben und von den Mitteln der Erkenntniss zu sein. Ein anderer 
Theil dieser Sonderdisciplinen könnte aus dem Bereich der engeren 
Philosophie ausgeschieden gedacht werden, sobald die Arbeits theilung 
und Verselbständigung der Functionen diesen Schritt möglich machte. 
Dennoch werden aber vorläufig mehrere Zweige auch mit ihrer Aus- 
führung in das Einzelne bei der Gesammtphilosophie verbleiben 
müssen, weil sich noch nicht absehen lässt, wie sie zur Selbständig- 
keit positiver Wissenschaften gelangen sollten, oder wie die rein 



— 10 — 

philosophische Behandlung die Principien derselben sichern könnte, 
ohne in den weiteren Stoff selbst untersuchend und darstellend ein- 
7Aigehen. Letzteres gilt namentlich von der Moral, die bis jetzt 
vollständig und ausschliesshch der engeren Philosophie angehören 
musste. 

Werfen wir einen Blick auf die herkömmUche Zusammensetzung 
der Philosophie aus einzelneu Disciplinen. Wir treffen hier an der 
Spitze auf die Logik und Metaphysik oder überhaupt auf die Dia- 
lektik, woran sich in neuerer Zeit Erkenntniss- und Forschungs- 
theorie angereiht haben. Am natürlichsten schliesst sich an diese 
vorherrschend logische Gruppe die Psychologie, indem es sich hier 
ebenfalls um zunächst subjective Elemente handelt. Eine zweite Ab- 
theilung ergiebt sich mit der Naturphilosophie. Das dritte Bereich 
ist das umfassendste, indem es das eigenthümlich menschHche Ver- 
halten und dessen geschichtliche Schöpfungen zum Gegenstande hat. 
Hieher gehören Moral und Naturrecht nebst den Grundlagen der 
Pohtik, alsdann die Philosophie der Geschichte, die Religionskritik 
und die Ausgangspunkte des Aesthetischen. Endlich ist die Ge- 
schichte der Philosophie eine Ergänzung der Gesammtauf fassung und 
aller besondern Theile, indem sie zu dem gegenwärtigen Bestände 
des philosophischen Wissens und Wollens gleichsam die zweite zeit- 
liche Dimension hinzufügt und uns zeigt, wie im Strome der Ge- 
danken die einzelnen Gebilde nach und nach hervorgetreten sind. 

Ein natürliches System der Philosophie kann sich bei dieser, 
zum Theil sehr äusserlichen Gruppiruug nicht beruhigen. Es muss 
zunächst an der gewohnheitsmässigen Verbindung von Logik und 
Metaphysik, sowie überhaupt an einem Theil der an das Wort Meta- 
physik geknüpften Ideen Anstoss nehmen. Die Logik im engeren 
Sinne oder, wie man auch sagen kann, die formale Logik, also die 
Lehre von den Definitionen, den Urtheilen und den syllogistischen 
Schlüssen, kann an sich selbst als eine Wissenschaft angesehen wer- 
den, die wie die Elementarmathematik keinen besondem Zusammen- 
hang mit der eigentlichen Philosophie habe. Sie kann, so dürftig 
ihr wirklich fruchtbarer Inhalt auch ist, dennoch für sich selbst eine 
völlig selbständige Doctrin bilden und zu den ersten Elementen des 
positiven Wissens zählen. Man kann noch heute über ihre Consti- 
tution und Behandlung erheblich streiten; aber etwas Aehnliches 
kann auch bei der Elementarmathematik geschehen. Uebrigens ist 
aber ein Theil der logischen Grundlehren grade eben so sicher, wie 



— 11 — 

die allgemein anerkannten Einzelwahrheiten aus dem Bereich der 
mathematischen Elemente. Derselbe Grund, welcher für die Auf- 
nahme der logischen Elemente in die Philosophie sprechen sollte, 
würde annähernd auch zum Eingehen auf die mathematischen Sätze 
berechtigen, ohne welche z. B. das von der Naturphilosophie voraus- 
gesetzte Wissen nicht zu Stande kommt. Wollte aber die Philosophie 
alle Voraussetzungen des besonde'rn Wissens, von dem sie Gebrauch 
macht, in ihren eignen Rahmen aufnehmen, so würde sie ihren Beruf 
und ihre Grenzen völlig verkennen. 

Es giebt jedoch eine Beziehung der Philosophie zu den logischen 
Wahrheiten, in welcher die letzteren in einer eigenthümlichen An- 
wendung und Bedeutung auftreten. Das Ganze der Dinge hat eine 
systematische Gliederung und innere logische Consequenz. Natur und 
Geschichte haben eine Verfassung und Entwicklung, deren Wesen 
zu einem grossen Theil den allgemeinen logischen Beziehungen aller 
Begriffe entspricht. Die allgemeinen Eigenschaften und Verhältnisse 
der Denkbegriffe, mit denen sich die Logik beschäftigt, müssen auch 
für den besonders auszuzeichnenden Fall gelten, dass ihr Gegenstand 
die Gesammtheit des Seins nebst dessen Hauptgestalten ist. Da das 
allgemeinste Denken in einem weiten Umfange über das entscheidet, 
was sein und wie es sein kann, so müssen die obersten Grundsätze 
und Hauptformen der Logik auch für alle Wirklichkeit und deren 
Formen eine maassgebende Bedeutung erhalten. Hiemit gelangen 
wir zu einer logischen Weltschematik, in der die Wahrheiten der 
formalen Logik einen neuen speciellen Sinn annehmen und eine 
Tragweite von der höchsten Bedeutung aufzuweisen haben. 

Der Ausdruck Metaphysik ist mit Recht der Zwitterhaftigkeit 
verdächtig; denn er hat bisher zwei Dinge benannt, von denen das 
eine, nämlich die Empfänglichkeit für unwirkliche und phantastische 
Begriffsgebilde, im natürlichen System völlig entfernt sein muss. 
Ausser mit den willkürlich erdichteten Wesenheiten hat sich aber 
die Metaphysik jederzeit auch mit wirklichen Elementen des Daseins 
befasst, und in dieser Hinsicht sind es besonders die Grundbegriffe, 
darch welche die Welt mit ihrer Verfassung zu denken sei, was den 
Gegenstand dieser Lehre gebildet hat. Diese metaphysischen Kate- 
gorien fallen nun keineswegs mit den metaphysischen Anwendungen 
der logischen Gesichtspunkte zusammen, sondern gesellen sich den 
letzteren als eine unterschiedene Art zu, so dass die Frage nach dem 
Rangverhältniss beider Bestandtheile der Weltschematik keineswegs 



— 12 — 

überflüssig ist. Um Schemata des Denkens oder Vorstellens und um 
formal einfache Voraussetzungen wird es sich in dem einen wie in 
dem andern Theil des Gebiets handeln, und die Constituirung einer 
wohlgeordneten Lehre vom Weltschematismus wird davon abhängen, 
wie es gelingt, Sein und Denken als eine Einheit zu fassen, in 
welcher die realen Vorgänge eine logische Seite und die logischen 
Vorgänge eine reale Bedeutung haben. Die Metaphysik überhaupt 
aber, deren Namen man sehr wohl mit der rationelleren Bezeichnung 
als Weltschematik vertauschen könnte, wird unbekümmert um be- 
griffliche Erdichtungen alle allgemeinen Züge des wirklichen Daseins 
zu entwerfen haben, ohne jedoch in die Hauptverzweigungen selbst, 
nänüich in Natur und Geschichte überzugreifen. Sie wird sich also 
auf die Grundgestalten alles Seins überhaupt beschränken und sich 
nicht auf solche Eigenschaften ausdehnen, die nur einer Art desselben 
ausschliesslich eigen sind. In diesem engeren Sinne wird sie in der 
That den allgemeinsten Schematismus aller Wirklichkeit vertreten. 

Bei der Behandlung des Gesammtstoffs der Philosophie in einem 
einheitlichen Cursus werden wir unserer leitenden Definition einge- 
denk bleiben und alles das ausschliessen müssen, was nicht zur Ent- 
wicklung der Principien der Weltanschauung und Lebensgestaltung 
unmittelbar erforderlich ist. Blosse Hülfsiehren, die ähnlich dem 
Lihalt der positiven Wissenschaften eine fertige Voraussetzung bilden 
können, werden daher nur in Bezug zu nehmen sein. Aus diesem 
Grunde werden auch die rein logischen Wahrheiten nur insoweit 
dargestellt werden, als es der Zweck der Anknüpfung höherer Ein- 
sichten unumgänglich macht. Ueberdies versteht es sich eigentlich 
von selbst, dass eine Philosophie nicht etwa blos Mehr, sondern 
etwas ganz Anderes zu sein hat, als eine Vereinigung des princi- 
piellen Gehalts der positiven Wissenschaften. Die Weitläufigkeit, 
die durch blosse Verarbeitung der wichtigsten positiven Wissen- 
schaften entstehen müsste, fallt grundsätzlich fort, und selbst inner- 
halb der eigentUchen Philosophie gestattet die naturgemässe Be- 
schaffenheit imseres vom Leben selbst vorgezeichneten Zweckes einen 
Grad der Sichtung des gewöhnlichen Materials, der bei äusserlicher 
Kürze doch zu Deutlichkeit und Fülle des Gedankengehalts fähren 
mag. Die Rücksicht auf das Originale in jeder Gattuug, sei es über- 
liefert oder neu gewonnen, wird ebenfalls den Werth des Ausgewähl- 
ten steigern. Die bedeutende Einschränkung, die wir uns in den 
ersten abstractereu Abschnitten sowie auch in der Naturphilosophie 



— 13 — 

mit Rücksicht auf andere Arbeiten, in denen wir die hier concen- 
trirten Lehren ansfuhrhcher entwickelt haben, ohne Bedenken auf- 
erl^en konnten, hat es ermöglicht, die entscheidenden Probleme des 
Menschenlebens ausgiebig zu erörtern. Aber auch in diesem letzteren 
Bereich konnte noch dadurch für das Beste Raum gewonnen werden, 
dass eine Frage, die sich in den letzten Jahrzehnten mit unverhält- 
nissmässiger Breite in den Vordergrund gedrängt hatte, als ander- 
wärts abgethan einer sehr kurzen und entschiedenen Beantwortung 
fähig wurde. Es ist dies die Erörterung des auf ein Jenseits aus- 
schauenden oder mystisch nihihstischen Pessimismus, der mit seiner 
trägen Ruhesucht schon in meiner Betrachtung über den Werth des 
Lebens zergliedert worden ist. 

Das System, welches in dem vorliegenden Cursus zu einer nach 
allen wesentlichen Richtungen verzweigten Darstellung gelangt, unter- 
scheidet sich sehr erheblich von allen früheren Gestalten der Philo- 
sophie. Man könnte es das natürhche System oder die Wirklichkeits- 
philosophie nennen, da es die künstlichen und naturwidrigen Er- 
dichtungen beseitigt und zum ersten Mal den Begriff der Wirklichkeit 
zum Maass aller ideellen Conceptionen macht. Die Wirklichkeit wird 
von ihm in einer Weise gedacht, die jede Anwandlung zu einer 
traumhaften und subjectivistisch beschränkten Weltvorstellung aus- 
schhesst. Der Inbegriff aller Möglichkeiten, der für die Weltschematik 
durchaus keine gleichgültige Conception ist, wird auf das combina- 
torische Denken bezogen, welches mit den bekannten Bestandtheilen 
operirt. Die Phantasie, deren erste kindische Ansprüche überall aus- 
geschlossen werden, zeigt sich in Vereinigung mit dem sichtenden 
Verstände als diejenige schöpferische Macht, die allein im Stande ist, 
die Thatsachen aus ihrer äusserlichen Trägheit zu befreien und die 
Ergebnisse der Erfahrung zu einem lebensvollen Ganzen zu verbinden. 
Die wissenschaftliche Phantasie erdichtet nicht, sondern bildet nur 
und entspricht so einem wirklichen Zusammenhange der Dinge, wie 
er durch die weltgestaltenden Kräfte vollzogen worden ist oder zur 
Vollziehung gelangt. Um vorausbestimmend spätere Nothwendig- 
keiten zu bemessen, ist die Beweglichkeit der rationellen Phantasie 
unentbehrhch. Andernfalls würde der Gedanke nur an dem Gege- 
benen und unmittelbar Thatsächlichen haften bleiben und jener all- 
seitigen Freiheit ermangeln, durch welche er die Möglichkeiten der 
Weltentwicklung umfasst. Für das Menschenschicksal hat überhaupt 
das gestaltende Denken noch den besondem Sinn, die unwillkürhchen 



— 14 — 

Gebilde blosser Naturtriebe und beschränkter Ueberlegung durch eine 
bewusste Gesammtaction zu veredeln und Wirkungen sichtbar zu 
machen, die in der bisher abgelaufenen Geschichte nicht vertreten 
sind. Es würde ein sehr beengter Begriff von der Wirklichkeit sein, 
wenn man die Anlagen zu neuen Gebilden übersehen oder die Wissen- 
schaft dazu herabwürdigen wollte, sich nur mit fertigen Thatsachen 
zu befassen. Der höhere Aufschwung des Denkens hat stets den 
schaffenden Trieben zu entsprechen gesucht und hat hiemit jene 
natürliche und darum einzig wahre Prophetie geübt, die nichts weiter 
als ein tieferer Bhck in die Entwicklung der Zustände ist. Das 
Merkmal aber, durch welches alle jenseitig oder, wie man auch 
sagen könnte, doppelweltlich gearteten Erdichtungen von dem Reich 
der Wirkhchkeit unterschieden werden, ist der nachweisbare Zu- 
sammenhang mit irgend welchen Elementen cheser Wirklichkeit. 
Die transcendente Dichtung beginnt, wo dieser Leitfaden, der nur 
zwischen lauter Wirklichkeitselementen hinlaufen darf, entweder ab- 
reisst oder in das Nichts absolut leerer Möglichkeit fuhren würde. 
Das Nichts des Denkens entspricht genau dem Nichts der Welt und 
der Wirklichkeit. Aus diesem Grunde beruht alles unberechtigte 
metaphysische Phantasiespiel auf einem Mangel oder einer völligen 
Abwesenheit des eigenthchen Denkens. Die Einzigkeit des universell 
Wirklichen, die mehr ist, als die blosse Einheitlichkeit, schhesst zu- 
gleich den Gedanken ein, dass Alles, was Gegenstand des Denkens 
wird, einem untheilbaren System des Seins angehört. 

Für das natürliche System giebt es ausser den allgemeinen 
Grundformen aller Existenz nur zwei eigentliche Gegenstände der 
Untersuchung, nämlich die Natur und die Menschenwelt. Obwohl 
die letztere nur ein besonders geartetes Bestandstück der ersteren 
ist, so kann man doch das aussermenschliche Dasein und nament- 
lich die kosmischen Formen desselben von dem Gebiet des eigen- 
thümüch Menschhchen unterscheiden. Der Mensch kennt sich direct 
von Innen, während er andere Wesen oder Dinge entweder nur von 
Aussen oder innerlich nur indirect versteht. Der Mensch nimmt 
ausserdem mit Ueberlegung an den Organisationen Theil, in denen 
sich die Lebensformen und die Wandlungen der Geschichte bethäti- 
gen. Die sociale Welt kann also als ein besonderes Bereich aus dem 
Gesammtsystem der Natur ausgeschieden werden und muss bei dem 
Interesse, welches sie für uns in eminenter Weise hat, au die Er- 
kenntuiss die höchsten Ansprüche stellen. Trotzdem ist grade dieses 



— 15 — 

Erkenntnissgebiet weniger streng und mit weniger Erfolg behandelt 
worden, als die kosmische Welt. Die natürliche Auffassungsart wird 
hier zunächst das bisher äusserst hinderlich gewesene Vorurtheil zu 
entfernen haben, als wenn die durchgängige Gesetzmässigkeit der 
Natur in den Handlungen der Menschen sich verleugnen und in der 
Geschichte auch nur den geringsten Abbruch erleiden könnte. 

Hienach ergeben sich für die Anordnung unseres Stoffs völlig 
ungezwungen drei Gruppen, nämlich die allgemeine Weltschematik, 
die Lehre von den Naturprincipien und schliesshch diejenige vom 
Reich des Menschen. In dieser Abfolge ist zugleich eine innerlich 
logische Ordnung enthalten; denn die formalen Grundsätze, welche 
für alles Sein gelten, gehen voran, und die gegenständlichen Gebiete, 
auf die sie anzuwenden sind, folgen in der Abstufung ihrer Unter- 
ordnung nach. Die Naturprincipien sind nämlich wiederum maass- 
gebend für den Menschen als Theil der Natur, und in der uns be- 
kannten höchsten Organisation des Lebens und seiner Formen müs- 
sen wir alle Gesetze der vorangehenden Stufen des Seins und alle 
Schemata der allgemeineren Existenz wiederfinden. 



Erster Abschnitt. 

Crrundgestalten des Seins. 



Erstes Oapitel. 
Elementarbegriffe der Weltauffassung. 

JJas allumfassende Sein ist einzig. In seiner Selbstgenügsamkeit hat 
es nichts über oder neben sich. Ihm ein zweites Sein zugesellen, 
hiesse es zu dem machen, was es nicht ist, nämlich zu dem Theil 
odet Bestandstück eines umfangreicheren Ganzen. Indem wir unsem 
einheithchen Gedanken gleichsam als Rahmen ausspannen, kann 
nichts, was in diese Gedankeneinheit eingehen muss, eine Doppelheit 
an sich behalten. Es kann sich aber dieser Gedankeneinheit auch 
nichts entziehen; denn wohin sollte ein Element verlegt werden, 
welches überhaupt noch Gegenstand des Denkens bleiben soll? Was 
aber nie Gegenstand des Denkens sein könnte , würde aufliören , zu 
unserm Seins- und Weltbegriff zu gehören und daher für uns zu 
einem völligen Nichts werden. 

Es ist jedoch nicht genug, auf die angegebene Weise aus der 
Einheit unseres eignen Denkens die Einzigkeit des Seins zu erkennen. 
Auch jedes andere Denken würde dieselbe Idee mit sich bringen. 
'i^x'^^'.Das Wesen alles Denkens besteht in der Vereinigung von Bewusst- 
seinselementen zu einer Einheit. Wie wir daher auch ein Denken 
ausser dem unsrigen concipiren mögen, — wir werden es in jener 
letzten Wurzel auf gleiche Weise mit der Zusammenfassungskraft 
und mit der Anlage ausstatten müssen, die Welt und alle Welten, 
die exiötiren mögen, in seinen Rahmen aufzunehmen. Ja selbst wenn 
ihm die Aussenwerkzeuge fehlten, sich im Besondem aller Wirklich- 
keit zu versichern, so würde dennoch der Ausgangspunkt in ihm 
selbst eine untheilbare Einheit bleiben, die der Einzigkeit alles Seins 



— 17 — 

entspräche und die Vereinigung aller Theile in einem Gesammt- 
gedanken verbürgte. Jene vielen Welten, die wir hypothetisch und 
eigentlich nur dem Worte nach genannt haben, würden sich vor 
jeghchem Denken in eine einzige verwandeln. 

Femer ist es wichtig, sich deutlich zu machen, dass der Grad 
der Universalität des Denkens zu der eben erläuterten Einheit nichts 
hinzufugt. Ob ein Denken hoch oder niedrig stehe, ob es viel oder 
wenig umspanne, hängt von seiner besondern Ausrüstung ab. Es 
ist aber bereits seine ganz allgemeine Natur, welche ohne Rücksicht 
auf specielle Anlage und Ausstattung die durchgängige Einheit der 
Auffassung und hiemit die Einzigkeit des zugehörigen Weltbegriffs 
mit sich bringt. Auch die Wiederholung des Denkens in mannich- 
faltigen Trägem desselben ändert an jenem Grund verhältniss nichts ; 
denn es ist nicht eine Einzigkeit der Denkfun ction, sondern der 
Einheitspunkt der Zusammenfassung, wodurch der untheilbare Welt- 
begriff entsteht und das Universum, wie es schon das Wort besagt, 
als etwas erkannt wird, worin Alles zu einer Einheit vereinigt ist. 

Es wäre thöricht, diese letztere Vereinigung, vermöge deren alle 
Wirklichkeit einheitüch verbunden und gleichsam zu einem einzigen 
Wesen gemacht ist, als ein inneres Denken in den Dingen vorstellen 
zu wollen. Dies hiesse in der That, ein Bewusstsein da erdichten, 
wo keines vorhanden ist. Ein Denken ohne Bewusstsein ist aber 
entweder eine nichtssagende Wortcombination oder aber ein schiefer 
Ausdruck für einen Act, der gar kein Denken, sondern nur über- 
haupt eine verbindende Thätigkeit enthält. Ueberdies sind die Ver- 
kettungen und die Einheit, die sich am Wirklichen in verschiedenen 
Schematen und Beziehungen ausdrücken, nur secundäre Folgen der 
Einzigkeit, so dass in der Parallele, die wir zwischen Denken und 
Sein vor Augen haben, nur zwei einfache Punkte einander ent- 
sprechen. Von den mehrfachen Uebereinstimmuugen ist hier noch 
gar nicht die Rede, und so kann man weder von besondern Denk- 
fonctionen noch von speciellen Seinsverkettungen in dieser Grund- 
frage reden. Das Denken hat seine Einheit, ehe es zu einer beson- 
dem Auffassung und zu besondem Thätigkeiten der Vereinigung 
übergeht. Das Sein aber ist ein einziges, ganz unabhängig davon, 
wie und durch welche Kräfte es in sich verbunden werde. 

Das Sein würde dieselbe Eigenschaft, die wir an ihm erläutert 
haben, auch dann behalten, wenn es gar nicht gedacht würde. In- 
dem wir dieses Gedankens fähig sind, beweisen wir, dass wir von 

Dil bring, Cursus der Philosophie. 2 



— 18 — 

demjenigen Denken abzusehen vermögen, in welchem die Welt als 
Gegenstand erscheint. Mit dieser Abstraction betreten wir aber 
bereits jene Grenze, an welcher das Denken im Nichtdenken oder, 
um es recht deutlich zu sagen, der Gedanke in Gedankenlosigkeit 
erlischt. Es könnte scheinen, als wenn wir uns mit jener Idee von 
der ungedachten Einzigkeit und Einheit des Seins in das Innere der 
Dinge selbst versetzten und einen wesentlichen Zug erfassten, der 
vor allem Denken oder, genauer gesagt, an der Grenze alles Denkens 
etwas ausdrückte, was ausser dem subjectiven Bewusstsein die An- 
knüpfung für eine neue Art von Logik und Consequenz lieferte. In- 
dessen schwindet dieser Anschein, sobald wir erwägen, dass jede 
Eigenschaft des Wirklichen von uns stets durch ein deutliches Ge- 
dankenelement gedeckt wird, und dass wir nicht das Wissen von 
dieser Eigenschaft mit ihrer Existenz an sich selbst verwechseln 
dürfen. Unser Wissen ist nie von unserm Denken, wohl aber die 
dem Begriff entsprechende Wirklichkeit von dem Acte des Begreifens 
unabhängig. Der Begriff der Einzigkeit und Einheit existirt nie 
ausser irgend einem Bewusstsein ; jene Einzigkeit selbst hat aber mit 
Dasein oder Abwesenheit dieses oder jenes oder alles Denkens nichts 
zu schaffen. 

2. Von der erläuterten Einzigkeit, durch welche der selbstgenug- 
sarae Weltbegriff erst gesichert wird, ist die innere Einheit zu unter- 
scheiden. Wäre etwas ausser der Welt, so wäre sie nicht einzig; 
fehlte es aber innerhalb ihres Bereichs an Grundgestalten, in denen 
ihre Mannichfaltigkeiten umspannbar werden, so würde die durch- 
gehende und abschliessende Einheitsform und gleichsam die Durch- 
sichtigkeit ihres Charakters mangeln. Für unsere Begriffe stellt sich 
als erst« und wichtigste Aufgabe die zutreffende Auffassung des 
Sinnes, in welchem das Sein eine Unendlichkeit darzustellen vermag. 

Die deutlichste Gestalt einer widerspruchslos zu denkenden Un- 
endlichkeit ist die unbeschränkte Häufung der Zahlen in der Zahlen- 
reihe. Wollte man aber aus dieser schrankenlosen Abfolge einen 
Inbegriff und ein Nebeneinander machen, worin sich alle Zahlen im 
Voraus vereinigt gedacht fanden, so würde man sich einer Chimäre 
ergeben. Wie es keine letzte Zahl giebt, so kann es auch kenie 
vollendete Ausführung einer Unendlichkeit geben. Das Wesen des 
Unendlichen besteht eben darin, nie zu enden und nie abzuschliessen. 
Seine Unvollendetheit ist die Bürgschaft der unbeschränkten Fülle 
von Möglichkeiten, die sich entwickeln. Eine vollendete Unendlich- 



— 19 - 

keit wäre uicht nur keine, sondern auch der unvereinbarste Wider- 
spruch, der sich nur erdenken lässt. Trotzdem leiden die gewöhn- 
Hchen Weltvorstellungen der Philosophie hauptsächlich an diesem 
Punkte. 

Was in einer einfachen Einheit gegeben ist, kann an sich selbst 
nicht unendlich sein, wenn es auch immerhin als der Träger eines 
Ausflusses von Unendlichkeit erscheinen mag. Die Aneinanderreihung 
bleibt also die einzig möghche Form, in welcher die Unendlichkeit 
sich vollzieht. Wie wir zu jeder Zahl noch eine weitere Einheit 
hinzufügen können, ohne jemals die Möglichkeit des Weiterzählens 
zu erschöpfen, so reiht sich auch an jeglichen Zustand des Seins 
ein fernerer an, und in der unbeschränkten Erzeugung dieser Zu- 
stände besteht die Unendlichkeit. Diese genau gedachte Unendlich- 
keit hat daher auch nur eine einzige Grundform mit einer einzigen 
Richtung. Wenn es nämlich auch für unser Denken gleichgültig ist, 
eine entgegengesetzte Richtung der Häufungen der Zustände zu ent- 
werfen, so ist doch die rückwärts fortschreitende Unendlichkeit eben 
nur ein voreiliges Vorstellungsgebilde. Da sie nämlich in der Wirk- 
lichkeit in umgekehrter Richtung durchlaufen sein müsste, so würde 
sie bei jedem ihrer Zustände eine unendliche Zahlenreihe hinter sich 
haben. Hiemit wäre aber der unzulässige Widerspruch einer ab- 
gezählten unendlichen Zahlenreihe begangen, und so erweist es sich 
als widersinnig, noch eine zweite Richtung der Unendlichkeit voraus- 
zusetzen. 

Soweit das Sein oder die Welt in einer Production von Zu- 
ständen besteht, die wie die Zahlen sich aneinanderreihen, muss 
irgend ein Zustand dieser Art als der erste gesetzt werden, weil 
sonst eine falsche unzulässige UnendHchkeit angenommen werden 
müsste. Hiemit ist aber durchaus nicht ausgesprochen, es müsste 
das Sein selbst einen Anfang haben. Im Gegentheil wird durch 
jenen Gedanken erst deutlich gemacht, wie die unbeschränkte Ab- 
folge von Zuständen nicht mit dem Sein selbst vollständig zusammen- 
falle, sondern eben nur die Grundform sei, in der sich die in ihm 
angelegte Unendlichkeit bethätigt. Unentstandenheit und ünver- 
gänglichkeit kommen der Existenz nichtsdestoweniger zu, sobald 
man nur von ihren differenten Zuständen absieht, die sich nur in 
einer Reihe mit einer einzigen Richtung entwickeln. 

Wie thöricht es wäre, ein unendliches Nebeneinander als etwas 
fertig an sich Vorhandenes annehmen zu wollen, muss aus unsern 



— 20 — 

strengen Gedankenbestimmungen klar sein. Eine unendliche Anzahl 
von Weltkörpem, die im Räume zugleich gedacht würde, wäre jene 
absurde Unzahl selbst, die wir durch reine Denknothwendigkeit als 
den klaffendst^n aller Widersprüche ausgeschlossen haben. Jede 
Gruppe von Existenzen, innerhalb deren man irgendwo zählbare 
Einzelheiten als gegebene Bestandtheile eines vorhandenen Ganzen 
unterscheiden kann, muss endlich sein. Dem Räume aber, von dem 
wir hier noch nicht eingehender zu reden haben, kommt nur Un- 
beschränktheit , aber keine Unendlichkeit zu, indem seine Grenzen- 
losigkeit nichts weiter als der Mangel eines Hindernisses für den 
realen Act der Ausdehnung der Dinge ist. 

Wir haben die Zahlenreihe zum Typus der wahren Unendlich- 
keit gemacht und grundsätzlich die besondere Betrachtung der Zeit 
ausser dem Spiel gelassen. Nun ist aber hier wenigstens soviel zu 
bemerken, dass der Abfluss der Zeitreihe und die unbeschränkte zeit- 
liche Entwicklung der Zustände die bestimmtere Gestalt bilden, unter 
welcher wir die widerspruchslose Unendlichkeit des Weltdaseins vor- 
zustellen haben. Durch die Anschaulichkeit dieser speciel leren Vor- 
stellungsart wird es nun aber auch um so klarer, wie das Sein und 
die Elemente desselben in sich eine Mannichfaltigkeit hegen, inner- 
halb deren ein durchgreifender Unterschied einige Schwierigkeit zu 
bereiten scheint. Es ist nämlich das allumfassende Sein von uns 
bisher als etwas Homogenes angesehen worden, während in der That 
diese einheitliche Artung durch den Gegensatz der zeitlich hinschwin- 
denden Vorgänge und der bleibenden Productionskraft eingeschränkt 
wird. Was sollen wir nun als eigentliches Sein oder als Kern der 
Welt betrachten? Ist es der flüchtige Vorgang, der, gleichviel ob 
in irgend einem Bewusstsein aufgefasst oder nicht, einem andern 
Vorgange weicht? Ist es die niemals als solche zur Darstellung ge- 
langende Disposition, jene Vorgänge zu häufen und zu wechseln? 
Wenn wir die Gesammtheit der Entwicklungen als erschöpfendes 
Gegenbild des Seins oder vielmehr als den vollständigeo Inbegriff 
desselben anerkennen, so meldet sich sofort die Frage an, was die 
Einfuhrung neuer Gestalten und die Vernichtung alter zu bedeuten 
habe. Wenn wir aber nur in den sich selbst gleichen und beharr- 
lichen Elementen das Wesen der Dinge suchen, so geben wir grade 
das an der Weltproduction als nichtig Preis, was für das bewusste 
Leben ausschliesslich Reiz hat. 

3. Was uns an der Welt kümmert, ist nicht die Unterschieds- 



— 21 - 

lose, unwandelbare, sich selbst gleicbe Beharrlichkeit eines ewig re- 
gungslosen Etwas, sondern die mannichfaltige, immer neue, von sich 
selbst abweichende Veränderlichkeit spielender Gestalten, die sich 
hinzeichnen und wieder auslöschen, ohne sich jemals in der unab- 
lässigen Production zu erschöpfen. Der Rhythmus von Gestaltung 
und Vernichtung, die Perioden und Phasen der sich ablösenden Er- 
scheinungen, die Differenzen innerhalb der wiederkehrenden Kreis- 
laufsgebilde imd noch mehr die Variationen der letzteren selbst 
machen die Bühne des Daseins interessant. Ein in jedem Augen- 
blick sich selbst gleiches Gesammtwesen würde die Erstarrung und 
das Nichts des Lebens bedeuten. Wenn man also die Erhabenheit 
des Seins in einer völligen Unveränderlichkeit gesucht und die Ver- 
änderungen zu einem bedeutungslosen Schein herabzusetzen unter- 
nommen hat, so ist diese Vorstellungsart aus einer Verkennung der 
Idee des Lebens und aus einer Hinwegsetzung über die Grundformen 
des Bewusstseins entsprungen. Zum Theil hat hiezu auch eine Ver- 
wechselung des Beharrlichen, welches die Grundlage und das Gegen- 
bild aller Veränderungen liefert, mit der vollständigen Veränderungs- 
losigkeit geführt. Man fand sich durch den Hinblick auf das 
Bleibende im Wechsel gehoben; man glaubte durch die Versenkung 
des Gedankens in dieses Bleibende wenigstens ideell an der unver- 
wüstlichen Dauerbarkeit theilzunehmen, und man vermeinte schliess- 
lich das Beste zu thun, indem man das Unveränderliche in das 
Monströse steigerte und zum einzigen und ausschhesslichen Sein 
stempelte. So sind die Begriffe jenes sich selbst gleichen, verände- 
rungslosen Seins entstanden, die ihren classischen Ausdruck schon 
im fünften Jahrhundert vor dem Anfang unserer Zeitrechnung bei 
den Eleaten gefunden haben. Die Femhaltung des Begriffs der Ver- 
nichtung aus dem vermeintlich in ausschhesslicher Positivität zu 
denkenden Sein möchte hiebei noch der am meisten logische Beweg- 
grund gewesen sein. 

In der That müsste es uns schwer ankommen, wenn wir das 
der Vernichtung Anheimfallende als dem universellen Sein gleich- 
artig denken sollten. Entstehung und Vergänglichkeit oder Schöpfung 
und Vernichtung sind Begriffe, die sich auf das Hervortreten der 
Gestalten, aber nicht auf die letzten producirenden Kjräffce beziehen, 
vermöge deren die flüchtigen Gebilde kommen und gehen. Wenn 
wir also auch in das Sein die Anlage zu allen Differenzen und 
Veränderungen verlegen müssen, die sich in seinem Rahmen voll- 



— 22 — 

liehen, so haben wir uns doch zu hüten, den Act der Erscheinung 
des VeränderHchen mit dem hervorbringenden Element für einerlei 
zu halten. Wir können nicht umhin, den Inbegriff der Bedingungen 
irgend welcher Formen von der jedesmaligen Erscheinung dieser 
Formen zu unterscheiden. Jedoch kommt die entscheidende Klarheit 
in diese unvermeidHchen Doppelvorstellungen erst durch die Unter- 
scheidung von Beharrung und Veränderung innerhalb desselben Seins. 

Im universellen Sein oder, was dasselbe bedeutet, im einheit- 
lichen Weltdasein ist keine Veränderung denkbar, die nicht auf der 
Grundlage einer Beharrung vor sich ginge. Beharrung und Ver- 
änderung gehören als zwei Bestandtheile eines und desselben Begriffs 
zusammen. Eine reine, völlig ungemischte Beharrung, in der auch 
nicht das geringste Element von Veränderung wäre, schliesst zwar 
keinen Widerspruch ein, wäre aber, wie schon früher gesagt, das 
Nichts des Lebens. Mit ihr würde eine Welt in dem bestimmten 
Sinne, wie wir sie aJs thatsächhch kennen, nicht gegeben sein kön- 
nen. Dagegen zeigt schon der Begriff einer reinen Veränderung, in 
der nichts Beharrliches sein soll, an sich selbst seine ünhaltbarkeit. 
Ein Anderes werden, heisst nicht völlig neu entstehen, sondern als 
das, was fi*üher war, zum Theil fortbestehen, indem Etwas wegfallt 
und Etwas hinzutritt. Zwischen zwei verschiedenen Zuständen, von 
denen der eine zu seiner Abweichung durch einen verändernden 
Uebergang gelangt ist, muss irgend ein Einerlei als gemeinsames 
Band aufzufinden sein, und dieses beiden Gemeinschaftliche ist das 
beharrliche Element, von dem die Veränderung gleichsam getragen 
worden ist. Absolute Veränderhchkeit ist daher ein unvollziehbarer 
Begriff, weil das Anderswerden in ihr gar keinen Gegensatz haben 
würde, an dem es sich abheben und in seiner wesentlichen Natur 
zeigen könnte. 

4. Das Sein, als welches wir die Welt concipiren, ist nicht jenes 
sogenannte reine Sein, welches, sich selbst gleich, aller besondem 
Bestimmungen ermangeln soll und in der That nur ein Gegenbild 
des Gedankennichts oder der Gedankenabwesenheit vertritt. Auch 
ist es, wie schon dargelegt, nicht jenes absolut Veränderungslose, 
dessen Form man so oft gebraucht hat, um das Wechselspiel der 
Erscheinungen als ein Nichts ausgeben zu können. Weil wir nun 
aber in unserm universellen Sein Alles und jeglichen Unterschied, ja 
selbst die flüchtigste Erscheinung mitbegreifen, so müssen wir diesem 
Begriff gemäss auch anerkennen, dass in dem Zusammenhang der 



— 23 — 

Welt im Laufe der Entwicklung neue Bestandtheile, neue Gestalten 
und neue Arten von Vorgängen eintreten. Blosse Kjeislaufsgebilde 
genügen durchaus nicht, um die Beschaffenheit der Veränderungen 
zu erklären. Die Reihe der Organisationen und die Abfolge der 
Arten im Bereich der pflanzhchen und thierischen Gestaltungen ist 
ein Beispiel von der Einwirkung schaffender Principien, die sich 
nicht mit der Wiederhervorbringung der bereits vorhanden gewese- 
nen Gebilde begnügen, sondern den Daseins- und Lebensformen neue 
Elemente hinzufügen. Diese schöpferische Production inmitten der 
Daseinsreihe zeigt, dass wir in dem strengen Begriff der Veränderung 
ein theilweises Schaffen und Vernichten anerkennen müssen. Auch 
geht es nicht an, diese erhebliche Seite der Veränderungen als ein 
oberflächliches Spiel zu betrachten, bei welchem der eigentliche Kern 
der Dinge nicht betheiligt wäre. Ueberhaupt wird sich jede Schöpfung 
als eine Häufung von Veränderunge n ansehen lassen, und wir werden 
sogar kein anderes Mittel haben, in die Gesetze der Entstehung eiu- 
zudringen, als von den unserer Wahrnehmung zugänglichen Ver- 
änderungen auszugehen. Schaffen und Verändern sind wesentlich 
von einundderselben Natur, und das eine genau soweit begreiflich 
als das andere. Absolute Schöpfung wäre eine Veränderung, die 
dem Nichts folgte, und muss daher als unmöglicher Begriff zurück- 
gewiesen werden. 

Der angegebenen Vorstellungsart widerspricht nun keineswegs 
die Forderung, den Begriff des universellen Seins sich selbst gleich 
festzuhalten. Die Idee der Welt wird immer dieselbe und sich 
gleiche sein, wie viele Veränderungen in ihrem Rahmen auch ge- 
dacht werden mögen. Auf den Standpunkt, von welchem aus die 
Weltconception vollzogen werde, kommt es nicht an; denn es ist 
immer das universelle Denken, in welchem sie ihren Ausgangspunkt 
hat. Alle Weltbegriffe müssen sich decken, gleichviel von welchem 
Punkte der Zeit oder des Raumes sie entspringen. Für den Gedanken 
hat die zukünftige Reihe denselben Inhalt, als wenn sie abgelaufen 
wäre, und umgekehrt. Nur das Verhältniss des Auffassungsortes 
zum Ganzen ist in diesen Fällen ein verschiedenes; aber dieses Ver- 
hältniss ändert an dem eignen Inhalt des universellen Gegenstandes 
gar nichts. Es wäre mithin ein Abweg, zu meinen, die sich selbst 
gleiche Natur des Weltbegriffs würde durch die Anerkennung der 
vollen Realität der Veränderungen beeinträchtigt. Nur dann, wenn 
man das sich selbst Gleiche nicht auf den Begriff des universellen, 



~ 24 — 

alle Veränderungen einschliessenden Seins, sondern auf die einzelnen 
mit einander verglichenen Theilzustände desselben in der Zeit be- 
zieht, ergiebt sich wirklich die Veränderungslosigkeit. Diese Vor- 
stellung würde aber eben nur das ewig Beharrliche und nicht alle 
seine Bestimmungen umfassen. Der Satz, es bleibe das Sein in 
jedem Augenblick, was es im vorangehenden gewesen, ist in dieser 
Allgemeinheit falsch und muss auf die Beharrungselemente beschränkt 
werden. Im Grunde der Dinge sind die Veränderungen angelegt, 
ehe sie hervortreten ; aber die Art, wie diese Dispositionen sich inner- 
halb des Seins gruppiren, ergiebt Verschiedenheiten, die, abgesehen 
von aller Zeitausdehnung, vereinigt gedacht werden müssen und 
innere, völHg reale Veränderungsprincipien vertreten. Das schwie- 
rigste aller Probleme, nämlich die Bestimmung der Art, wie die 
Veränderung vor ihrer Erscheinung in der Eiuheit eines zeitlich 
punktuellen imd eine ausdehnungslose Gegenwart vertretenden Seins 
enthalten sein könne, wird also nur dadurch lösbar, dass man ra- 
dicale Veränderungen anninunt, die dem Sein selbst und nicht etwa 
erst einer herabzusetzenden Erscheinungssphäre angehören. 

5. Mit den Veränderungen, die als innere Wirklichkeiten und 
nicht blos als Erscheinungen gedacht werden, ergiebt sich auch der 
wahre Begriff der Differenzen, die den Charakter der Weltelemente 
näher bestimmen. Gattung und Art oder überhaupt Allgemeines und 
Besonderes sind die einfachsten Unterscheidungsmittel, ohne welche 
die Verfassung der Dinge nicht begriffen werden kann. Nun würde 
es aber wiederum eine Einseitigkeit sein, wenn wir nur ruhende All- 
gemeinheiten oder, mit andern Worten, absolut beharrliche Gattungen 
annehmen wollten. Es hiesse dies offenbar, über dem Beharrlichen 
der Welt die doch als völlig real gesetzte Veränderlichkeit vergessen. 
Das Allgemeine kann äusserlich als ein Gemeinschaftliches vorgestellt 
werden, welches sich in einer Mannichfaltigkeit von Besonderheiten 
wiederholt. Innerlicher und tiefer wird es aber gedacht, wenn man 
es als ein schaffendes Element begreift, welches den verschiedenen 
Gestaltungen bildend zu Grunde liegt. Die diesem Bilduugshergang 
entsprechenden Gebilde enthalten das Allgemeine oder die Gattung 
in Verbindung mit eigenthümlichen Bestandtheilen oder speciellen 
Eigenschaften, auf deren Hinzufügung der verändernde Fortschritt 
beruht. Die Hervorbringung der besondern Eigenschaften und Com- 
binatiouen ist daher die entscheidende Function in der Bestimmung 
der maiinichfaltigen Gestalten der Daseinselemente. Wir müssen uns 



— 25 — 

die verschiedenen Stufen des Generellen und Speciellen im wirklichen 
Hervortreten der Erscheinungen als Entwicklungen denken, die mit- 
hin wesentlich auf Veränderungen und zwar auf einer Häufung der- 
selben gegründet sind. Die Arten sind hienach als Differenzen an- 
zusehen, die an dem Fluss der Veränderungen theilhaben. Nur die 
einfachen und letzten Unterschiede, bei denen fär uns keine Zerlegung 
mehr vollziehbar ist und deren es auch an sich selbst geben muss, 
sind den absolut beharrlichen Elementen der Welt zuzuzählen. Die 
sonstige Variabilität wird theils auf Zusammensetzung, theils auf 
Grössenveränderung zurückzuführen sein, und die verschiedenen For- 
men, welche geometrische Gebilde durchlaufen, sind echte Beispiele 
von rationellen Metamorphosen, zu denen eine Allgemeinheit in ihrer 
besondem Bethätigung gelangt. 

x4.11e Entwicklung des Besondem kennzeichnet sich dadurch, 
dass zu irgend einem Etwas noch ein Anderes hinzugefügt wird. 
Das Hinwegnehmen gehört zwar auch zu dem vollständigen Her- 
gang, wie er sich in dem Weltschematismus vollzieht, ist aber nicht 
wesentlich an erster Stelle und jedenfalls immer nur im Zusammen- 
hang mit Hinzufügungen zu betrachten. Jenes Eintreten des Andern 
oder, weniger abstract zu reden, des Verschiedenen ist das eigent- 
liche Element der Veränderung, und grade ihm hat man den wahren 
Begriff von einer Ursache entsprechen zu lassen. Ursache ist der 
Grund der realen Veränderung. Alles was im Sein eine Veränderung 
hervorbringt oder auf eine solche Hervorbringung angelegt ist, wird 
fiir einen strengen Begriffsgebrauch den Inbegriff der Ursachen oder 
Kräfte erschöpfen. Hieraus folgt aber sofort, dass auch von keiner 
Ursache mehr geredet werden kann, wo keine Veränderung oder 
Entwicklung in Frage ist. Nicht blos das universelle Sein in seiner 
Totalität ist demgemäss ursachlos, sondern auch für die absolut be- 
harrlichen Elemente desselben, also namenthch für die Materie, würde 
die Frage nach einer Ursache widersinnig sein. Wer dennoch so 
fragen will, muss erst die Unentstandenheit der absolut beharrlichen 
Elemente leugnen oder, mit andern Worten, der wüsten Erdichtung 
anhängen, dass im Sein gar nichts absolut Beharrliches vorgestellt 
werde. 

Irgend ein Allgemeines, welches die Abfolge der Zustände in 
der Zeit bestimmt, wird die Ursächlichkeit in Form einer Regel des 
Geschehens ausdrücken und so ein Gesetz der Verknüpfung ergeben. 
Diese eigentlichen Gesetze, die sich stets auf Veränderungen beziehen. 



— 26 — 

in denen es zu keiner ruhenden Zusammenfassung kommt, sind von 
den zusammenbestehenden Gattungseinheiten zu unterscheiden. Die 
letzteren lassen sich bildlich durch das Beharrliche des Raumes vor- 
stellen; aber auch sie schliessen ein Element der verändernden Dif- 
ferenz ein, indem sie eine Mannichfaltigkeit von Bestimmungen in 
einer einfachen Einheit zusammenhalten und das Heraustreten ihrer 
Anlagen in der Zeit regeln. Auf diese Weise ist klar, wie sowohl 
in den ruhenden Gattungen als in den unmittelbaren Entwicklungs- 
formen der Zustände eine regulirende Action vorhanden sein könne. 

6. Den Gattungen gegenüber steht der Begriff der Grösse, als 
desjenigen Gleichartigen, in welchem keine Artdifferenzen mehr statt- 
haben. Die Grösse ist gleichsam der letzte Ausläufer aller Unter- 
scheidungen und die Grenze, wo die Stufen der Gattungsleiter auf- 
hören. Aber grade deswegen prägen sich in der Abtheilung und 
Gruppirung des Quantitativen die Gattungen eigenthümlich aus, und 
die Üebergänge von einer Artgestalt zu einer andern sind an das 
Durchmessen eines Grössenspielraums gebunden. 

Die Grössen müssen immer als messbar gedacht werden können 
und sind stets nur als begrenzt gegeben. Sie gehören dem Sein als 
innere und zwar völlig specielle Bestimmungen an, so dass sie den 
besondern Typen, Schematen, Gattungen und Arten beizulegen, aber 
nicht unmittelbar vom Sein selbst auszusagen sind. Wie sie aber 
auch den am weitesten von einander abstehenden Verschiedenheiten 
des Seins zukommen, zeigt ihre Anwendbarkeit auf rein subjective 
wie auf objective Zustände. Es giebt innerhalb des Seins keine er- 
heblichere Ungleichartigkeit, als die der empfindimgslosen und der 
empfindenden Existenzen. Nun lässt sich von einem Mehr und 
Minder auch bei den eignen Empfindungs- und überhaupt Bewusat- 
seinszuständen reden. Der subjective psychische Vorgang ist nicht 
nur nach Gattung und Art, sondern auch der Grösse nach aufzu- 
fassen; denn wo eine Häufung desselben Gleichartigen statthat, da 
haben wir Grössen vor uns, auch wenn uns die Mittel fehlen mögen, 
sie zu messen. 

Wo die Grösse einem beharrlichen Element des Seins zukommt, 
wird sie in ihrer Bestimmtheit unverändert bleiben. Dies gilt, wie 
wir später sehen werden, von der Materie und der mechanischen 
Kraft. Der Vorrath an Grösse bleibt sich hier gleich, und in der 
That lässt sich das Unveränderliche auch, insofern es Grösse hat, 
nur durch Theilung oder Zusammensetzung betroffen denken. Jeder 



— 27 — 

Himrafugung zu einem Theil des unveränderlichen Bestandes muss 
die Hinwegnahme von einem andern Theil her entsprechen. 

Die Grössen der Veränderungen produciren sich anscheinend 
unerschöpflich. Innerhalb einer Gattung vervielfältigen sich die 
Einzelgebilde und häufen sich der Zahl nach derartig, dass man 
hier keinen Vorrath annehmen kann , aus dem die Elemente gleich- 
sam geschöpft würden. Die allgemeinste Form einer solchen als 
schrankenlos erscheinenden Häufung ist die Zeitdauer oder Zeitent- 
wicklung selbst. Indem wir genöthigt werden, die Zeit als Grösse 
zu denken, gelangen wir zu einer neuen Gestalt derjenigen Frage, 
von der wir ursprünglich ausgegangen sind. Wir befinden uns näm- 
lich vor einer neuen Wendung, vermöge deren sich die Unendlichkeit 
im Sein in einer etwas veränderten Weise aufdrängt. Wir stellen 
die Zeitdauer als eine Ausdehnuugsgrösse unter dem Bilde einer 
graden Linie vor, die in einer einzigen Richtung durchmessen wird. 
Ist nun die Welt der Zeitinhalt, so kann hienach" von einer Grösse 
derselben und von einem unablässigen Entstehen dieser Grösse die 
Rede sein. Eine rückwärts liegende Unendlichkeit haben wir bereits 
oben als innem Widerspruch abgewiesen. Eine nach vorwärts ge- 
richtete Schrankenlosigkeit können und müssen wir annehmen; aber 
es versteht sich trotz dieser Schrankenlosigkeit keineswegs von selbst, 
dass der reale Gehalt der Welt auch deswegen unablässig in Ver- 
änderungen spielen werde. Die Grösse der Veränderungen könnte 
also bemessen sein, während natürlich die absolut beharrlichen Ele- 
mente von einer Zeitentwicklung unabhängig zu denken sind. 

7. Die Ausdehnung der Welt im Räume oder, kürzer gesagt, 
den Rauminhalt als eine messbare Grösse zu denken, hat keine 
Schwierigkeit; denn die Unbeschränktheit des Räumlichen bezieht 
sich nur auf das Leere, und wir sind keineswegs genöthigt, vorzu- 
stellen, dass darin eine Erfüllung anzutreffen sei oder sein werde. 
Wir können vielmehr die ganze Production dieser leeren Vorstellung 
auf unsere eigne Gedankenthätigkeit nehmen. Anders verhält es sich 
mit der leeren Zeit; denn sobald wir überhaupt ein beharrliches Sein 
annehmen, so müssen wir es aucb als in jedem Zeitpunkt gegen- 
wärtig denken. Es kann also keine Zeit gegeben haben oder geben, 
die nicht als erfüllt vorzustellen wäre. Nur ist genau darauf zu 
achten, dass diese noth wendige Erfüllung sich nicht auf Verände- 
rungen, sondern nur auf das Beharrliche bezieht. Wir schliessen 
also aus dem realen Sein auf eine ihm unter allen Umständen ent- 



— 28 — 

sprechende Gegenwart. Eine eigentliche Zeitausdehnung, durch welche 
hin sich dauernde Vorgänge erstreckten, wird hiebei nicht gefolgert. 

Für die Zukunftsvorstellungen gestaltet sich der eben dargelegte 
Gedankengang zu einem wichtigen Ergebniss. Wir erkennen näm- 
lich, dass zwar die Zeitentwicklung in ihrer eigenthümHchen Form 
nicht hin weggedacht werden kann, dass aber die Veränderungen, 
die ihr entsprechen sollen, an sich selbst einen realen Grund haben 
müssen. Wenn also in der Wirklichkeit der weitere Ablauf von 
Veränderungen nicht angelegt ist, so kann die blosse Nothwendig- 
keit unseres Vorstellens, die Zeitausdehnung fortzusetzen, die An- 
nahme einer Fortsetzung des Spiels der Veränderungen noch keines- 
wegs rechtfertigen. Während der universelle Seinsbegriff unter allen 
Umständen bleibt und an ein absolutes Nichts weder vor noch nach 
einer Reihe von Veränderungen gedacht werden kann, — während 
im Gegentheil die beharrlichen Elemente des Seins selbstgenugsam 
auch ohne das specielle Zeitschema zu begreifen sind, verhält sich 
die Reihe der realen Veränderungen zu der Schöpfung und Vernich- 
tung der Zeittheilchen in einer ähnlichen Weise, wie die materielle 
Erfüllung zum leereu Räume. Die Zeitgrössen, die wir in Gedanken 
häufen mögen, verbürgen uns daher auch in der Zukunft eine Un- 
endlichkeit der veränderlichen Wirklichkeit ebensowenig, als etwa 
der in Gedanken erweiterte leere Raum die Fortsetzung der Materie. 
Was wir aber jedenfalls voraussetzen müssen, ist eine beharrliche 
Wirklichkeit, die, sich selbst gleich, auch nicht die geringste Aus- 
dehnung in der Zeit zum Wesen ihres Bestandes hat. 

Die wirkliche Welt hat einen Inhalt, der dem ausdehnungslosen 
Augenblick entspricht, also keines Ablaufs auch nur der geringsten 
Zeitgrösse bedarf, um als seiend gedacht zu werden. Zwischen zwei 
Zeitpunkten ist das Ganze der Welt offenbar vorhanden, gleichviel 
wie nahe wir dieselben einander rücken. Auch wenn wir sie zu- 
sammenfallen lassen, hören nur die Vorgänge, Actionen und Em- 
pfindungen gänzlich auf, aber die reale Grundlage der Welt bleibt 
unberührt bestehen. Die strenge Gegenwart eines ausdehnungslosen 
Zeitpunkts ist also die Form, in welcher wir die Wirklichkeit un- 
abhängig von der wahrnehmbaren Entwicklung zu denken haben. 
Die unbeschränkte Häufung der zukünftigen Zeitgrössen producirt 
in strenger Beziehung auf jene scharf gedachte Gegenwart gar nichts; 
denn vom Standpunkt dieser Gegenwart giebt es kein Zeittheilchen, 
welches nicht entweder Zukunft oder Vergangenheit, also etwas wäre, 



— 29 — 

was entweder noch nicht ist, oder schon gewesen ist. Der Schema- 
tismus der Zeitentwicklung ist hienach innerhalb des universellen 
Seins eine eigenthümliche Gattung, in welcher die unbeschränkte 
Vorstellung der Grössenhäufiing weder für noch gegen einen Ab- 
schluss der realen Veränderungsreihe sprechen kann. Dasselbe lo- 
gische Mittel, welches die Reihe der Veränderungen nach der einen 
Seite hin einer widersprechenden Unendlichkeit entzog, ist für die 
andere Seite nicht vorhanden, und hierin liegt die Gewähr, dass der 
Fortschritt der Veränderungen ins Schrankenlose wenigstens möglich 
ist, wenn er auch immerhin erst durch die besondere Natur der in 
der Wirklichkeit gegebenen Entwicklungsanlage gerechtfertigt wer- 
den muss. 



!Z-^?ü^eites Oapitel- 
Logische Eigenschaften des Seins. 

Zu den Elementarbegriffen der Weltauffassung treten als weniger 
einfache Gesichtspunkte diejenigen auf den Zusammenhang des Seins 
bezüglichen Charaktere hinzu, die sich nur im Hinblick auf die lo- 
gischen Gestalten der Gedankenverknüpfung näher bezeichnen lassen. 
Man würde diese Grundeigenschaften des Seins gar nicht aufgefun- 
den oder wenigstens nicht in ihrer eigenthümlichen Natur erkannt 
haben, wenn man nicht von den Principien der logischen Verknüpfung 
und des logisch Möglichen ausgegangen wäre. Ja es hat sogar über- 
haupt der rein ideelle Zusammenhang des logischen und des mathe- 
matischen Gebiets den besten Denkern die Anknüpfungspunkte liefern 
müssen, um indirect eine Vorstellung von der verstandesmässigen 
Systematik der Welt zu gewinnen. Dessenungeachtet würde es aber 
ein Fehlgriff sein, den Weg und das Mittel der Erkenntniss mit 
den zu erkennenden Verhältnissen für einerlei zu halten. Die Welt- 
verhältnisse sind keine Verkörperung unserer logischen Merkmale 
der Wahrheit; sie sind weit mehr als dies; denn die Nothwendig- 
keit unserer subjectiven Logik wird von ihnen getragen. Weit ent- 
fernt also, dass die Grundbeziehungen im Sein in irgend einer sub- 
jectiven Instanz, also in irgend einem Denken ihren Halt hätten, 
sind sie vielmehr umgekehrt diejenigen Mächte, vermöge deren alle 
Denkgesetze producirt werden. Wenn wir metaphorisch von einer 



— 30 - 

innem Logik der Dinge oder von einer objectiven Logik der Natur 
reden, so bedienen wir uns eben einer Vergleichung, in welcher die 
Aehnlichkeit in einer einzigen Beziehung über die fundamentale Un- 
gleichheit hinwegsehen lässt. Es hiesse, auf das Niveau der kindi- 
schen Phantasien der Völker hinabsteigen, wenn man das Verfahren 
eines, seiner Natur nach immer subjectiven Denkens mit seinen Ge- 
sichtspimkten für die Hervor-bringung der Wahrheit in das Sein 
hinein dichten wollte, in. welchem alle Gedanken erst als secundäre 
Erzeugnisse auftreten. Verstehen wir aber jene bildhche üebertragung 
nach Maassgabe ihrer eignen Grenzen, so brauchen wir allerdings 
an den fraglichen Redeweisen keinen Anstoss zu nehmen, sondern 
können uns derselben sogar bedienen, um in Kürze den rationellen 
Zusammenhang der Dinge anzudeuten. Die gegenseitige Verbürgung 
des Denkens und des Seins beruht auf ihrer realen Eioheit. Das 
feubjective ist als solches zwar niemals in dem nichtdenkenden Gan- 
zen der Natur vorauszusetzen; wohl aber weist es uns auf rein ob- 
jective Verhältnisse hin, deren Siun, obwohl sie keine Denkthätig- 
keiten sind, dennoch aus den correspondirenden Gestalten unserer 
Vorstellungen entnommen werden kann. 

Der erste und wichtigste Satz über die logischen Grundeigen- 
schaften des Seins bezieht sich auf den Ausschluss des Widerspruchs. 
Das Widersprechende ist eine Kategorie, die nur der Gedanken- 
combination, aber keiner Wirklichkeit angehören kann. In den 
Dingen sind keine Widersprüche oder, mit andern Worten, der real 
gesetzte Widerspruch ist selbst der Gipfelpunkt des Widersinns. Man 
verstösst gegen das logische Fundamentalprincip der Contradiction 
stets nur dadurch, dass man das Unvereinbare als vereinbar setzt 
und überhaupt etwas als das einführt, was es nicht ist. Nun schliesst 
die Natur eine Menge von Veranstaltungen der Unvereinbarkeit ein, 
die als solche im Denken anerkannt sein wollen, und auf deren Vor- 
handensein die Verfassimg der Dinge mit ihren Schranken und be- 
messenen Möghchkeiteu beruht. Setzte man nun diese Unvereiubar- 
keiten als das, was sie nicht sind, nämlich als Vereinbarkeiten, so 
würde man hiemit die Realität des Widerspruchs in die Welt hinein- 
dichten. Am leichtesten triumphiren wir über derartige, aus der 
Verworrenheit des Denkens stammende Zumuthungen, wenn wir 
unsern Standpunkt da wählen, wo man zwischen subjectiver Vor- 
stellung und objectiver Wahrheit keine besondere Brücke zu schlagen 
hat. Der Satz, dass zwei mal zwei gleich vier ist und nicht gleich 



— ai — 

fünf sein könne, ist von einer Beschaffenheit, dass es eine meta- 
physische Albernheit sein würde, auch nur fragen zu wollen, ob 
dieser subjectiven Denkbestimmung ein objectiver Sachverhalt ent- 
sprechen müsse. Es lässt sich nämhch in Fällen dieser Art gar 
nicht angeben, wie eine subjective von einer objectiven Seite getrennt 
werden solle. Die Einheit und Ungetheiltheit der realen und ideellen 
Nothwendigkeit ist hier so vollkommen, dass man sie als Typus für 
alle Nothwendigkeit brauchen kann, bei welcher die Spaltung in 
Subjectives und Objectives auf eine trügerische, die absolute Geltung 
des Verstandes gefährdende Weise unternommen wird. 

2. Das Absurde als absurd setzen, heisst zunächst im Gedanken 
die Ausschhessung der unvereinbaren Ideen anerkennen. Einen ent- 
sprechenden Sinn hat dieser Act dann aber auch weiter in der Natur 
der Dinge, indem er dort die absoluten realen Hindemisse der 
Existenz zum Ausdruck bringt. Der Hebel kann nicht im Gleich- 
gewichte sein, wenn real die Bedingungen seiner Bewegung gegeben 
sind. Ihn im Gleichgewicht denken und zugleich eine Anordnung 
der Gewichte vorstellen, die zur Bewegung führt, heisst in Gedanken 
das Widersprechende als zusammenstimmend annehmen. In der 
Wirklichkeit heisst es aber, die logische Schranke der Natur ver- 
kennen und das nach ihrer nothwendigen Verfassung Unvereinbare 
als vereinbar setzen. Ich rede hier absichtlich von einer nothwen- 
digen Verfassung, weil eine Natureinrichtung, neben der noch an- 
dere, das Widersprechende verwirklichende Veranstaltungen möglich 
wären, grade das Widerspiel unserer Wahrheit vertreten würde. 
Doch ist hier noch nicht der Ort, die völhge üebereinstimmung der 
Charaktere der Nothwendigkeiten im Denken und in der ungedachten 
Wirklichkeit darzulegen. 

Das eben gebrauchte Beispiel des Hebels kann nebenbei auch 
noch lehren, dass der logische Widerspruch und die zugehörige reale 
Unvereinbarkeit mit dem natürlichen Widerstreit in den Dingen un- 
mittelbar gar nichts gemein haben. Der Antagonismus von Kräften, 
die sich in entgegengesetzter Richtung aneinander messen, ist sogar 
die Grundform aller Actionen im Dasein der Welt und ihrer Wesen. 
Dieser Widerstreit der Kräffcerichtungen der Elemente und der In- 
dividuen fallt aber nicht im Entferntesten mit dem Gedanken einer 
Verwirlvlichung von Widerspruchsabsurditäten zusammen. Die realen 
Gegensätze oder Gegentheile bewegen sich vielmehr innerhalb des- 
jenigen Spielraums, an dessen äussersten Enden die Grenzüberschrei- 



— 32 — 

tung wirklich eine Absurdit^ ergeben würde. Jedoch ist es fast zu 
elementar, auch noch den Unterschied des logischen Widerspruchs 
und des logischen Gegensatzes herbeiziehen zu wollen, zumal der 
letztere nur die quantitativen Extreme bezeichnet und daher nicht 
als Beispiel gebraucht werden darf, um das rein sachliche Verhältniss 
des Widerstreits der Kräfte zu erläutern. Der Antagonismus ist ein 
Grundschema der Weltverfassung ; aber die rein logischen Kategorien 
sind in ihrer bisherigen traditionellen Gestaltung nicht geeignet, für 
dieses Grundverhältniss der Dinge eine unmittelbare Deckung zu er- 
geben. Nur diejenige Logik, welche sich zur Weltschematik erweitert, 
ist auch im Stande, sich mit solchen Wirklichkeitsbegriffen zu be- 
reichern, die über die Verknüpfangsformen des auf sich selbst be- 
schränkten Denkens hinausreichen. Der abstracte Gedanke der logi- 
schen Verneinung genügt durchaus nicht, um hier die Brücke zu 
schlagen. Das Wirkliche will in seiner Unmittelbarkeit schematisirt 
sein; es darf nicht derjenigen Eigenschaften entkleidet werden, die 
ihm über die gewöhnHchen logischen Charaktere hinaus zukommen; 
man darf sich also bei seiner Kennzeichnung nicht mit der Berufung 
auf eine innere radicale Negation abfinden wollen; denn die gegen- 
seitigen Beschränkungen der Existenzen sind weit mehr als einfache 
Verneinungen. Ohne die Rücksicht auf die bestimmtere Natur- 
beschaffenheit und namentlich auf das mathematische Element aller 
Vorgänge ist es unmögHch, die Gesetze des Antagonismus anschau- 
lich zu erkennen, und wir verweisen daher die speciellere Elrledigung 
dieser Grundform des Weltdaseins in die unmittelbar auf die Natur 
bezüglichen Erörterungen. 

Hier können wir zufrieden sein, die Nebel, die aus vermeint- 
hchen Mysterien der Logik aufzusteigen pflegen, durch einen klaren 
Begriff von der wirklichen Absurdität des realen Widerspruchs auf- 
gelöst und die Nutzlosigkeit des Weihrauchs dargethan zu haben, 
welchen man für die der antagonistischen Weltschematik miter- 
geschobene und recht plump geschnitzte Holzpuppe von Wider- 
spruchsdialektik hier und da verschwendet hat. 

3. Es ist nicht blos das oberste Princip der Logik in seiner 
wesentlich negativen Gestalt, was auch im Sein maassgebend wird, 
sondern es ist überhaupt und in positiver Weise die Eigenschaft 
eine« logischen Zusammenhangs, die sich im universellen Sein in 
jeder Richtung und aus jedem Gesichtspunkt antreffen lassen muss. 
Die innere Consequenz und Systematik der Dinge verleugnet sich 



- 33 — 

nirgend nnd es kommt nur darauf an, für diese BeschaflPenheit der 
Welt den richtigen Ausdruck zu finden. Hier wo wir unsere Aus- 
gangspunkte von der Logik und den Eigenschaften eines ideellen 
Zusammenhanges nehmen, werden wir als principielle Formel am 
besten den Satz an die Spitze stellen, dass im realen Sein an sich 
selbst ebenso wie im blossen Denken eine durchgängige Begründung 
und demgemäss im Erkennen eine ausnahmslose Begrün dbarkeit aller 
Theilbeziehungen statthabe. Man pflegt diese durchgängige Begrün- 
dung als Gesetz der Causalität hinzustellen, oder in noch modernerer 
Fassung von einer unverbrüchlichen Gesetzmässigkeit und Noth- 
wendigkeit des Laufes der Dinge zu sprechen. Beide Bezeichnungs- 
und Vorstellungsarten bedürfen aber einer erheblichen Berichtigung 
und Erläuterung, wenn sie nicht die Träger einer als falsch nach- 
weisbaren Metaphysik älterer Art bleiben sollen. 

Am unschuldigsten ist der Gedanke einer durchgängigen Gesetz- 
mässigkeit der Vorgänge. Hauptsächlich von der neuern Natur- 
wissenschaft und der durch sie erzeugten Denkweise getragen, hat 
er ursprünglich seine sichtbarsten Stützen in der unorganischen Welt 
und in den mechanischen Noth wendigkeiten gefunden und ist von 
Gebiet zu Gebiet ausgedehnt worden, bis endlich seine empirischen 
Eroberungen durch Vermittlung der Statistik auch den Spielraum 
menschlicher Handlungen zu betreten wagten. Die unaufhaltsame 
Consequenz des philosophischen Denkens hat ihn abgeschlossen und 
macht jetzt auch praktischen Ernst mit der Idee, dass keine sub- 
jective Regung, keine Vorstellung, kein Willensact und kein Ein- 
sichtselement in einem Wesen auftauche, ohne in dem universellen 
gesetzmässigen Zusammenhang seine Begründung zu haben oder, mit 
andern Worten, gesetzmässig aus den gegebenen Bedingungen und 
Umständen erfolgt zu sein. Das Reich der Gedanken und Empfin- 
dungen ist hienach um nichts weniger gesetzmässig, als das der 
übrigen Natur. Was man sonst nur im engeren Sinne Naturgesetz 
nannte, gilt in einer weiteren Bedeutung für alle Arten und Theile 
des Seins. Die Doppelheit in der Vorstellungsart ist hiemit be- 
seitigt. Es giebt keine Schranke, wo das sonst Alles beherrschende 
Gesetz Halt zu machen und das Walten einer unmotivirten, aus dem 
Nichts entscheidenden Willkür anzuerkennen hätte. Unter den spe- 
cialistischen Schriftstellern wehrt sich namentlich ein Theil der Histo- 
riker noch im Interesse des kurzsichtigen und inconsequenten Dua- 
lismus, und er wird hierin von den Traditionen einer halben Philo- 

Dühring, Cursus der Philosophie. 3 



— 34 - 

Sophie unterstützt, die noch immer die Reste der kindischen Welt- 
ansichten mit ihren mährchenhaften Will kür Spielereien conserviren 
möchte. Aber auch die Gebiete der Biographie und Geschichte 
werden sich der ehernen Nothwendigkeit nicht entziehen, und es 
wird nur eines etwas klareren Verständnisses der Grundgesetze alles 
Denkens, Wollens und Handelns bedürfen, um auch hier wenigstens 
die ehrlichen Pfleger der Wissenschaft für die Vorstellung der un- 
verbrüchlichen Gesetzmässigkeit zu gewinnen. 

Der Satz der Logik, dass sich aus und mit Nichts auch Nichts 
begründen lasse, hat sein reales Gegenbild in der Wahrheit, dass 
sich im Sein aus und mit Nichts auch Nichts ergeben könne. Ver- 
gessen wir aber hiebei nicht, dass auch nach der rein logischen 
Vorstellung die Axiome einer Begründung weder fähig noch bedürftig 
sind. Diesen Axiomen entsprechen in der Wirklichkeit die elemen- 
taren Thatsachen des Seins, die aber deswegen nicht aufhören, die 
durchgängige Gesetzmässigkeit zu vertreten. Ja sogar sind sie es 
grade, deren innere Nothwendigkeit und Selbstgewissheit sowohl im 
Logischen wie im Realen die Entstehung falscher Unendlichkeiten 
verhindert und an die Stelle der unendhchen logischen oder realen 
Reihen, mit denen die bisherige Metaphysik nicht recht fertig zu 
werden wusste, einen natürlichen Abschluss zu setzen erlaubt. Diese 
vollkommene Uebereinstimmung der logischen Gesammtform des 
Wissens mit der realen Verfassung des Seins wii*d im nächsten Ca- 
pitel genauer ins Auge zu fassen sein ; hier aber kann sie uns als 
Erinnerung an die richtige Fassung der Begriffe der Gesetzmässig- 
keit und Nothwendigkeit dienen. Die durchgängige Begründung im 
Sein, die man früher in das falsche metaphysische Dogma vom zu- 
reichenden Grunde verwandelte, imd die man gegenwärtig weniger 
anstöbsig, aber darum noch nicht sonderlich richtiger, als CausaUtäts- 
gesetz zu formuliren pflegt, — diese ausnahmslose Begründung im 
universellen Sein hat keinen andern Sinn als die vollständige Be- 
gründbarkeit in einem logischen Zusammenhange. Diese letztere 
Begründbarkeit hat nun aber ihre Schranke und zugleich ihre Vollen- 
dung in den Axiomen, und sowenig durch die Selbstgewissheit. der 
Einsichten die Wissenschaft, ebensowenig wird durch die Selbst- 
genügsamkeit der Thatsachen die Natur beeinträchtigt. Im Gegen- 
theil ist sogar die aus sich selbst stammende Thatsächlichkeit ein 
treues Gegenbild der ursprünglichen, durch den blossen unmittel- 
baren Einsichtsact verbürgten axiomatischen Nothwendigkeit. Aller- 



— 35 — 

dings giebt es keine Noth wendigkeit aus Nichts und in diesem Sinne 
also auch keine voraussetzungslose Noth wendigkeit; aber wohl giebt 
es eiue Nothwendigkeit, die nicht auf der Reihe der Begründungen 
beruht, sondern selbst die Elemente zu diesen Begründungen liefert 
und in diesem Sinne keine speciellen Voraussetzungen in Gründen 
oder Ursachen haben kann. Worauf es also besonders ankommt, 
ist die Ausmerzung des noch heute und zwar nicht blos in der Halb- 
philosophie, sondern auch in den positiven Wissenschaften gepflegten 
Yorurtheils der altem Metaphysik, dass die Kette der ursächlichen 
Verknüpfung keine absoluten Elemente voraussetze, und dass alle 
reale Nothwendigkeit in unendliche CausaUtätsreihen auslaufe. 

4. Die Nothwendigkeit ist das Letzte und Höchste, wozu wir 
in einer rationellen Weltvorstellung gelangen. Handelte es sich hier 
schon um die Fragen nach der Befriedigung des Gemüths und nach 
der Abfindung mit den schlimmen Seiten des Daseins, so würden 
wir in letzter Instanz auch keine andere Beruhigung antreffen, als 
die Ergebung in eine ursprüngliche, in der Natur des Seins ent- 
haltene und daher unabweisliche Nothwendigkeit. Wenn es nicht 
dieselbe Nöthigung ist, vermöge deren zwei mal zwei gleich vier 
sein muss, wodurch alle andern Verhältnisse und Schicksale im Sein 
bestimmt werden, so bleiben die üblen Thatsachen des Weltzusammen- 
hangs für jedes weiter denkende Wesen unerträglich. Das Zurück- 
greifen auf irgend einen Willen ist die empörendste Auskunft unter 
allen; denn sie muss -bei näherer Betrachtung in der That zur In- 
dignation gegen diesen Willen führen, der sich auf so Vieles ge- 
richtet hat, was ohne Rücksicht auf die Nothwendigkeit nur einen 
Fluch werth sein könnte. Es ist also nicht blos das Interesse der 
letzten und endgültigen Erkenntniss, sondern auch dasjenige der 
Leidenschaften, in einem Aeussersten, was nicht anders sein und 
werden konnte, als es ist, die letzte Ruhe und das ideelle Gleich- 
gewicht aufzufinden. Nun behaupte ich, dass nur diejenigen Systeme 
der Weltauffassung, welche sich in der Richtung auf jene letzte 
Nothwendigkeit bewegten, im Sinne wahrer Philosophie fortschritten. 
Jede andere Lösung kann nur eine Scheinlösung sein, weil sie, welche 
Gestalt sie auch annehmen möge , unwissenschaftlich geartet sein 
muss. Die Erkenntniss in der rein ideellen Sphäre beruhigt sich 
bei den Axiomen, die in dem blossen Denkact die Gewähr tragen, 
dass etwas nicht anders gedacht werden könne, als es eben in dem 
Axiom gedacht worden ist. Die Erforschung der realen Welt kann 



— Be- 
sieh auf eine andere Weise befriedigen; denn auch ihr sind letzte 
Noth wendigkeiten in der Gestalt absoluter Thatsachen zugänglich. 

Man würde von den Nothwendigkeiten im Sein eine falsche 
Vorstellung hegen, wenn man sie nach dem gemeinen Schema der 
abgeleiteten Nothweudigkeit denken wollte. Hiezu könnten die 
schielenden Fassungen des Causalitätsgesetzes , die heute nicht blos 
in der Metaphysik vorherrschen, allerdings Veranlassung geben. 
Erinnern wir uns jedoch im Gegensatz zu diesen Fehlgriffen, dass 
die Causalität nur auf Veränderungen und Differenzen bezogen wer- 
den kann, und dass sie neben sich die Identität oder die sich selbst 
gleiche Beharrung als gleich wesentliche Grundform zugesellt erhalten 
muss. Identität und Causalität der Thatsachen zeigen erst in ihrer 
Verbindung, wie man dem Schematismus des Daseins gerecht werden 
könne. Die Frage nach dem Warum ist nicht überall angebracht, 
und diejenige nach dem Warum des Warum kann unter Umständen 
sogar eine Maske sein, mit der sich die kindische Leerheit des Ge- 
dankens den Anschein des Geistreichen geben möchte. Die ganze 
Dogmatik des Satzes vom zureichenden Grunde hat einen Theil dieser 
Hohlheit bis auf den heutigen Tag nicht verleugnen können, wie 
sich besonders zeigt, wenn sie für jedes fundamentale Etwas, welches 
gar keine Veränderung und nicht einmal eine denkbare Differenz 
gegen einen andern Zustand einschliesst, trotzdem eine Ursache ver- 
langt. Hienach müsste z. B. die Materie eine Ursache haben, ver- 
möge deren sie nach einer R^el das irgend einmal geworden wäre, 
was sie ist. Ueberträgt man diese kurzsichtige und thörichte Art 
eines halben Denkens auf das rein ideelle Gebiet logischer und ma- 
thematischer B^riffe, so müssten für die axiomatischen Fundamental- 
verhältnisse ebenfalls noch Principien, Regeln oder Gesetze gesucht 
werden, aus denen sie so zu sagen erst geschaffen wären. Ihr So- 
undnichtanderssein würde nicht durch sich selbst, sondern anders- 
woher Geltung haben, und man sieht leicht ein, dass sich hier ein 
Luxus von falschen Unendlichkeiten sehr billig anbietet. Die rück- 
wärts führende R«ise in die Wüste jener auf Gedankenleerheit be- 
ruhenden Unendlichkeiten ist freilich ein beliebtes Mittel, die Grund- 
formen des Verstandes zu Schlingen zu machen, mit denen er sich 
selbst das Athmen in der freien Weite für immer verschnüren oder 
wenigstens verleiden soll. Die zurückschreitende unendliche Causa- 
litätsreihe ist in doppelter Beziehung eine Täuschung. Erstens wird 
sie durch die blosse Kritik des Begriffs einer vollendeten Unendlich- 



— 37 — 

keit hinfällig; denn eine unendliche Zahl von Ursachen, die sich 
bereits aneinandergereiht haben soll, ist schon darum undenkbar, 
weil sie die Unzahl als abgezählt voraussetzt. Hienach ist also noch 
nicht einmal die besondere Eigenschaft des Begriffs Ursache in 
Frage gekommen und dennoch schon diese Species der unendlichen 
logischen Reihen als absurd abgewiesen. Zweitens ist der genaue 
Begriff einer Ursache stets mit dem Hinblick auf eine Veränderung 
oder Differenz verbunden. Nur insofern die Zustände sich unter- 
scheiden, kann man nach Ursachen dieser Unterschiede fragen, und 
überdies muss man auch die Möglichkeit der Hervorbringung eines 
Unterschieds durch Differenzirung absehen. Wo eine solche Möglich- 
keit nicht vorhanden ist, da wird die Anwendung des Begriffs der 
Causalität widersinnig. Nun muss man bei aller intellectuellen Zer- 
legung schliesslich auf Elemente stossen, bei denen die Gesichts- 
punkte der Trennung und Unterscheidung aufhören, einen Sinn zu 
behalten. Das Sichselbstgleiche und Beharrliche sowie überhaupt 
das rein Dingliche und Substantielle, bei welchem von keinem Ge- 
schehen und Anderssein die Rede sein kann, entzieht sich durch 
seine eigne Natur den albernen Versuchen, es in ungeeignete Formen 
pressen und das Causalität sgesetz darauf anwenden zu wollen. Wir 
werden also in allen Richtungen wieder zu unsem primitiven Noth- 
wendigkeiten zurückgeführt, und die Anwesenheit wie die Abwesen- 
heit der Causalität bleibt nicht blos in den besondern Gattungen 
ursächlicher Verknüpfung eine bestimmte, aus Thatsachen zu ent- 
scheidende Frage, sondern wird auch ganz im Allgemeinen durch 
bestimmte Beschaffenheiten der Realität angezeigt. Es ist nicht 
Alles und Jedes mit Allem und Jedem in jeglicher Richtung nach 
der Kategorie der Causalität in Verbindung zu setzen, und schon 
hiemit werden die Voreiligkeiten hinfallig, deren sich namentlich 
die dogmatische, wenn auch kiitisch genannte Seite der Causalitäts- 
theorie in der Auffassung Kants und seiner Nachfolger, besonders 
aber Schopenhauers, schuldig gemacht hat. Mit strenger Wissenschaft 
sind diese letztem Rechenschaftsablegungen über die Causalität nicht 
verträglich, indem sie die Functionen des Verstandes in ungeeigneter 
Weise beschränken, nachdem sie dieselben zuerst durch ein falsches 
System von Anwendungen compromittirt haben. 

5. Es Hessen sich die logischen Eigenschaften des Seins in 
mannichfaltigen Richtungen noch weiter verfolgen; aber wir müssen 
uns daran genügen lassen, die obersten Begriffe dieses Gebiets fest- 



— 38 — 

gestellt zu haben, und jetzt diese principiellen Einleitungen durch 
einen Gesammtbegriff, nämlich denjenigen der Systemnatur des Seins 
abzuschliessen. Die Ausfüllung des zwischen den beiden äussersten 
Conceptionen in der Mitte Liegenden ist für die allgemeine An- 
schauung nm' von secundärer Bedeutung und daher für eine Arbeit, 
die ihre Kraft in der con^ntrirteu Initiative suchen muss, in der 
That überflüssig. 

Das Kühnste, was sich im Hinblick auf das universelle Sein in 
logischer Weise aussprechen lässt, ist die durchgängig systematische 
^«atur desselben. Wie arm erscheinen nicht die einzelnen Katego- 
rien und Gesetze der Dinge, wenn man ihre isolirte Geltung mit 
der nach allen Richtungen verzweigten Systembeschaffenheit ver- 
gleicht? Angesichts der letzteren kann sich der Streit der Welt- 
anschauungen nicht mehr um einzelne Verstandesbegriffe und deren 
Anwendbarkeit oder Nichtanwendbarkeit bewegen, sondern muss sich 
auf alle wesentlichen Glieder und Begriffe des Denksystems und der 
Totahtät der Wissensformen ausdehnen. Hier ist nicht mehr blos 
die Herrschaft der Causalität im Gegensatz zu den falschen Voraus- 
setzungen der Finalität in Frage, sondern es ist festzustellen, wie 
die Systemform des Wissens überhaupt auch dem Grundgerüst des 
Seins entspreche. Nicht Ursache und Zweck sind hier die einzigen 
Denkformen, in deren richtigem und falschem Gebrauch der Verstand 
zu seinem Rechte kommt oder gefährdet wird; alle Arten der Syn- 
these oder, mit andern Worten, der rationellen Verknüpfung melden 
sich in ihrer geordneten Gesammtheit an, um ihre Bedeutung für 
den Weltzusammenhang geltend zu machen. Auch ist der vermeint- 
lich und scheinbar kritische Weg, die bestimmteren Kategorien des 
Verstandes für blos subjectiv zu erklären und von der universellen 
Weltbetrachtung auszuschliessen, dem echten Wesen unseres Erken- 
nens nicht sonderlich günstig gewesen. Die Betretung dieses Weges 
hat zu einer überaus bescheidenen, ja aufopfernden Selbstverleugnung 
des Verstandes geführt, mit welcher nur diejenigen zufrieden sein 
können, denen die positive Energie des Denkens nicht behagt. Um 
die Kräfte des Denkens zur positiven Thätigkeit zu emancipiren, hat 
man sich vor nichts melir zu hüten, als vor den Voreiligkeiten, ver- 
möge deren die wichtigsten Grundbegriffe des Verstandes ihre abso- 
lute Beden tu üg für die Erkenntniss des Wesens und Zusammen- 
hanges der Welt verlieren sollen. Eine der grössten VoreiHgkeiteu 
dieser Art ist das Kantische System gewesen, und dessen skeptische, 



— 39 — 

gegen den Verstand gerichtete Natur ist heute vor aller Augen sicht- 
bar gemacht. Im völligsten Gegensatze zu dieser und den vorbe- 
reitenden oder verwandten Richtungen der neuern Philosophie muss 
man nun die ganze Systemform aller Verstandeseinsicht zugleich als 
Existenzform des Weltzusammenhangs zur Geltung bringen. Die 
natürhche Tragweite unseres Denkens ist nicht so kurz bemessen, 
um sofort an der absoluten Wirklichkeit der Dinge zu scheitern 
oder auch nur irgendwo eine Realität zu finden, der sie nicht gewachsen 
wäre. Die völlige Homogeneität ist hier eine berechtigte Voraus- 
setzung, die sich weder im Besondern der einzelnen Wissenschaften 
noch in dem Allgemeinen des universellen Schematismus widerlegen 
lassen wird. Man mache Ernst mit der Bethätigung aller theore- 
tischen Kräfte, mögen sie die Form des abstracten Begriffs oder der 
concreten Empfindung haben, mögen sie im Bereich des kalten Er- 
wägens oder der glühenden Leidenschaft entspringen, — und man 
wird in der Welt nichts antreffen, was sich nicht mit den Elementen 
unseres Wesens verwandt und durch sie erkennbar zeigen müsste. 

unser Denken wird, wenn es zur wissenschaftlichen Universal- 
form fortschreitet, ein sich in logischer Beziehung genügendes System. 
Es hat in seinem selbstgenugsamen Zusammenhang seine Ausgangs- 
und Schlusspunkte sowie seine vermittelnden Zwischenstationen. Von 
den Axiomen zu den inhaltreichen Ergebnissen führt eine Stufen- 
leiter, auf der man sich von der Festigkeit jeder Sprosse Rechen- 
schaft zu geben vermag. Die mannichfaltigen Wendungen und 
Gesichtspunkte, in denen sich die logischen Verknüpfungsformen des 
Verstandes ergehen, haben sämmtlich auch eine absolute Bedeutung 
für das Wirkhche, und man hat hier von mehr als blossen Gegen- 
bildern der ideellen Synthese zu reden. Das ideelle System ist auch 
die Schematik aller Realität, und es könnte überhaupt im Sein kein 
Zusammenhang gedacht werden, wenn es nicht derjenige der ratio- 
nellen Nothwendigkeit wäre. Das System ist in subjectiver Beziehung 
die vollendetste Form des Wissens, in objectiver aber die einzig 
mögliche Universalgestalt des mannichfaltig verzweigten Seins. Im 
System ist jene letzte Einheit gegeben, ohne welche, die Vielheit 
haltungslos bleiben würde; im System herrscht das Allgemeine der- 
artig, dass sich ihm die Individualitäten nicht entziehen. Im System 
ist der Zufall selbst eine Art der Nothwendigkeit und die Ausnahme 
von der Regel durch ein besonderes, ihr eigenthümliches Princip 
motivirt; im System wird die Willkür selbst zu einem Element im 



— 40 — 

Reiche der allbeherrschenden Nothwendigkeit ; — im System allein 
wird endlich diejenige Zusammenstimmung aller Theile und Um- 
stände sichtbar und wirklich, nach der nicht blos die Theorie als 
nach einem Bilde, sondern auch die universelle Praxis des Daseins 
als nach einer realen Ergänzung ihrer jeweiligen Unzulänglichkeiten 
strebt. Im System des Erkennens befriedigt sich das Wissen; im 
System des Seins genügt sich das Wollen und gleichen sich die 
peinlichen Seiten der Leidenschaften des Lebens aus. Die universelle 
Systematik ist mehr als die blosse Gesetzmässigkeit; der engere Be- 
griff dieser letztem ist nur eine einzehie, wenn auch Alles gestal- 
tende Form in ihrem Reich. Jene durchgängige Systematik ist der 
letzte und höchste Gegenstand aller Vertiefung in das Wesen der 
Welt, und ihre Pflege der einzige Cultus, der im Denken und Wollen 
nach den abgestreiften Lrthümern der Völkerphantasien übrig bleibt. 
Die Weltanschauung im Menschen vollendet sich, indem sie die Cha- 
raktere des Systems der Wirklichkeit erfasst; die Weltgestaltung 
vollzieht sich, indem die Natur ihr System ausfuhrt; die Leben s- 
gestaltung führt sjch durch, indem der Mensch die Uebereinstimmuug 
mit der individuellen und collectiven Systematik sucht, die in seinem 
Wesen von der Natur und Geschichte angelegt ist. Das grosse 
Princip aller Action, möge sie unmittelbar aus dem Schooss der 
Natur oder vom menschlichen Bewusstsein stammen, besteht daher 
darin, sich mit der allgemeinen Systematik ins Gleichgewicht zu 
setzen. Keine einzige Erscheinung, möge sie eine rohe Massen- 
bewegung oder die subtilste Gedankencombiuation sein, wird wahr- 
haft begriffen, wenn sie blos ausserhalb jener universellen Verzweigung 
zur Anschauung kommt. Aber auch die Rechtfertigung aller Thaten, 
durch die der Mensch einem höheren Ziele zustrebt, ist nur denkbar, 
insofern wirklich diese Thaten dem Ganzen und seinem systemati- 
schen Zuge der Entwicklung entsprechen. 

Wäre das Wesen der Dinge nicht in der letzten logischen Ge- 
sammtform alles vollendeten Wissens ausdrückbar und trüge es nicht 
in sich selbst eine Systematik und Logik, die in der Verfassung des 
Verstandes gleichsam einen subjectiven Ausläufer hat, so würde alles 
Erkennen ein nichtiger Schein bleiben und v/irklich das sein, wozu 
es die zweifelnde, kleinmüthige und für eine unnatürliche Mystik 
arbeitende Philosophie der neuem, iudirect noch immer von der 
Religion 8 traditiou beherrschten Jahrhunderte fast ohne Ausnahme 
hat machen wollen. Die redliche Untersuchung der logischen Eigen- 



— 41 — 

Schäften des Seins kann uns von diesem Alp, der auch, noch auf 
dem heutigen Denken in gröberen oder feineren Gestalten fast überall 
lastet, vollständig befreien und den zweiflerischen Kleinmuth be- 
seitigen, der die grossen Probleme schon nicht mehr direct und po- 
sitiv zu behandeln wagte. 



IDrittes Oapitel- 
Verhältnisse zum Denken. 

Das System der Dinge auf der einen und das Denken auf der 
andern Seite können und müssen in ihrer relativen Trennung be- 
griffen und untersucht werden, ohne dass aber hieraus eine Ent- 
fremdung des einen Elements vom andern hervorgehen darf. Es ist 
das seltsame und nur aus der üeberlieferung christlicher Verstandes- 
unterdrückung erklärliche Schicksal der neuem Philosophie gewesen, 
den grössten Theil ihrer Kunst in der grundsätzhchen Entfremdung 
jener Art entfalten zu müssen. Sie hat die Kluft zwischen dem 
Denken und der letzten, absoluten Wirklichkeit scheinbar soweit 
aufgerissen, dass eine üeberbrückung für diejenigen, die sich ihren 
falschen Voraussetzungen unbefangen hingeben, gar nicht absehbar 
ist. Für ein positives und ernsthaft dogmatisches System würde es 
aber ein wunderlicher Ausweg sein, jene Fehlgriffe, die man theils 
psychologische Methode, theils Vemunftkritik genannt hat, erst im 
Einzelnen mitzumachen und sich hinterher mit der künstlichen Aus- 
gleichung der falschen Conceptionen weitläufig abzumühen. Eine 
solche Auskunft mag denen überlassen bleiben, die ihren Verstand 
iu einzelnen neuern Systemen festgelegt haben und nun unter dem 
Einfluss freierer Regungen ein wenig Trieb verspüren, die Festigkeit 
der Stäbe und die Fügung des Gitterwerks zu studiren, die ihnen 
den Zugang in die offene Natur versperren. Wir, die wir nicht- aus 
dem Käfig philosophiren, können den kurzem Weg wählen und un- 
mittelbar in der freien Natur die Beziehungen aufsuchen, deren wir 
bedürfen. Bis jetzt hat die neuere und neuste Geschichte der Phi- 
losophie noch keine Welt- und Lebensanschauung aufzuweisen ge- 
habt, in welcher der menschliche Verstand zu seinem vollen Rechte 
gelangt und seine Souverainetät in ihrer ganzen Wahrheit anerkannt 



— 42 — 

wäre. Wo seine Tragweite nicht grundsätzlich in psychologischer 
oder sogenannter kritischer Weise ungehörig beschränkt wurde, da 
sind wenigstens thatsächlich, wie z. B. im Comteschen Positivismus, 
unleidlicjie Verzichte auf eine endgültige und das ganze Wesen der 
Dinge umfassende Erkenntniss zu verzeichnen. Auch der am meisten 
dogmatische unter allen neuern Systemurhebern, nämlich Spinoza, 
war nur einzelnen Seiten des Verstandes gerecht geworden und hatte 
den Antheil, den die Imagination in der vollendeten Weltauffassung 
zu beanspruchen hat, völlig verkannt. 

Die einzige Sondenmg, die wir nöthig haben, ist auch zugleich 
diejenige, durch welche das Band zwischen der Wirklichkeit und 
dem Denken erst recht sichtbar werden muss. Das rein ideelle Ge- 
biet beschränkt sich auf logische Schemata und mathematische Ge- 
bilde. Das Merkmal der hier möglichen Begriffe besteht darin, dass 
in ihnen Gegenstand und Vorstellung derselbe Stoff sind und einander 
völlig decken können. Das ideelle Gebilde ist hier selbst der zu- 
reichende Gegenstand der Wissensbethätigung , und hierin liegt der 
Grund, dass es eine von der Wirklichkeit abgesonderte, reine Ma- 
thematik geben kann. U eberschreitet man dieses Gebiet und wendet 
man sich z. B. auch nur zur rationellen Mechanik, so kann der sub- 
jective Begriff nicht mehr das vollständige Object selbst sein, son- 
dern das letztere wird stets mehr enthalten, als sich durch Häufung 
subjectiver Begriffe jemals gewinnen lässt. Der Begriff von der Ma- 
terie kann nie die Materie selbst sein, während der Begriff einer 
Zahl oder einer Figur zwar auch nicht das Gezählte und Gestaltete 
der Wirklichkeit, wohl aber alles das sein wird, woran selbstgenug- 
sam die mathematische Denkthätigkeit als an ihrem zureichenden 
und von ihr selbst erzeugbaren Object zunächst isolirt hafken mag. 
Jede Einlassung mit der Wirklichkeit setzt aber eine thatsächliche 
Zählung oder Messung voraus, und an der Noth wendigkeit dieser 
empirischen Acte zeigt sich der fundamentale Unterschied, der zwi- 
schen den ideellen Isolirungen der Begriffe und den realen Functionen 
dieser Begriffe statthat. So ist denn mit der Trennung zugleich die 
Verbindung intimer nachgewiesen, als es ohnedies hätte geschehen 
können. Das Subjective ist als solches nie das Objective, aber es 
ist eben das einzige Mittel, durch welches das System der Dinge 
aus sich selbst seinVorstellungs- und Empfinduugsbild hervorzutreiben 
vermag. Sein und Denken können und sollen nicht dasselbe sein; 
aber wohl können und sollen sie einander verbürgen, und diese 



— 43 — 

Gegenseitigkeit vollzieht sich dadurch, dass die Denkformen als Pro- 
ducte des nichtdenkenden Seins das Mittel werden, an jeglichem 
Element der Wirklichkeit eine entsprechende ideelle Seite d. h. einen 
subjectiven Begriff von dieser Wirklichkeit zum Ausdruck zu bringen. 
Das Apriorische im Sinne der reinen Mathematik und das Empirische 
im Sinne der rationellen Erfahrungswissenschaften bilden nur ein 
einziges System, dessen Gleichartigkeit durch die ideelle Absonderung 
der Selbstgenugsamen Yorstellungsgebilde nicht beeinträchtigt wird. 
Der Verstand ist überall derselbe; nur dass er in dem einen Fall 
sich zunächst mit seinen eignen freien Schöpfungen und Imagina- 
tionen befassen kann, während er in dem andern Fall an ein ihm 
äusserliches Medium wie an einen Stoff gebunden bleibt. 

Die eben erwähnte Absonderung bietet auch ein Mittel dar, sich 
von der rein ideellen Selbstgenügsamkeit der sogenannten formalen 
Logik zu überzeugen. Die letztere braucht nämlich gar nicht auf 
einen realen Stoff angewendet, sondern kann bereits vollständig in 
allen ihren Schematen im Gebiet der reinen Mathematik bethätigt 
und, wenn man es so nennen will, bewahrheitet werden. Dieser 
Nachweis ihrer von der besondern Erfahrung und dem realen Welt- 
inhalt unabhängigen Geltung kann freilich noch durch eine bessere 
Wendung ersetzt werden, indem man von vornherein bei den Einzel- 
heiten sichtbar macht, wie die Schemata der Logik völlig autonom 
und innerhalb der rein ideellen Sphäre ihre Selbstgewissheit haben 
oder ihre Beweismittel vorfinden. Die Einmischung empirischer Ele- 
mente sollte fiir die Darlegung dieser allgemeinsten Verfassung des 
logischen Gebiets ebensowenig gestattet sein, als für die reine Ma- 
thematik, und in dieser Beziehung ist der Gebrauch realer Beispiele 
in beiden Disciplinen nur mit der grössten Vorsicht ausführbar. 
Andernfalls könnte leicht die Ansicht unterlaufen, als wenn die 
Wahrheiten der Logik nur thatsächliche Abstractionen von Er- 
fahrungsverhältnissen wären, womit dann der ärgsten Verworrenheit 
und Unsicherheit des Denkens ein bequemes Mittel zur Selbstbeschö- 
nigung geliefert wäre. Die absolute Nothwendigkeit der reinen Denk- 
ergebnisse würde uns auf diese Weise entschwinden, und in der übrig- 
bleibenden Verwimmg würden die Gelegenheiten zur Unterdrückung 
der Erhebuugsversuche der Vernunft im Preise sinken müssen. Grade 
aus jenem gesonderten Innewerden eines autonomen und selbstgenug- 
samen Verstandes hat der Mensch thatsächlich die ersten Kräfte ge- 
zogen, um sich stolz über die Zufälligkeiten der Gelegenheitsvor- 



— u — 

Stellungen zji erheben. Auf diesem Wege hat er gelernt, eine ab- 
solute Nothwendigkeit auch da zu suchen, wo sie sich ihm nicht 
unmittelbar kenntlich macht, sondern erst durch Forschung blos- 
gelegt sein will. 

2. Die Phantasie ist diejenige Function des Denkens, die in 
ihrer Bedeutung für die Wissenschaft, für die Weltauffassung und 
für die Daseinsgestaltung am meisten verkannt wird. Der Grund 
hievon muss zum Theil in den frühem Ergebnissen ihrer wüsten 
Thätigkeit und namentlich in jenen rohen Yölkerphantasien gesucht 
werden, die auf kindische Weise jeden beliebigen Traum zur Wirk- 
Hchkeit machten oder wohl gar, wie der Indische sogenannte Idea- 
lismus, in der Wirklichkeit nur ein Traumgebilde sehen wollten. 
Diese haltungslosen und delirirenden Verworrenheiten, die zum Theil 
noch in jüngster Zeit als metaphysische Systeme reproducirt worden 
sind, begreifen sich im Stadium der kindischen Unreife oder in fieber- 
haften Anwandlimgen oder in den Rückbildungen der Greisenhaftig- 
keit; sie mögen unter diesen Voraussetzungen ganze Epochen und 
Theile der Menschheit oder gelegentlich einzelne Elemente oder ver- 
kommene Schichten der Gesellschaft heimsuchen; aber sie gehören 
stets in die Gebiete des Unreifen, des Pathologischen oder der bereits 
von der Fäulniss zersetzten Ueberreife. Wir haben hier keine Theorie 
des collectiven Wahnsinns oder gar der sich aus den Stauungen des 
Lebens ergebenden Abstumpfungen imd Blödsinnigkeitsculten zu ent- 
werfen ; wir haben hier nicht den Brutstätten der Superstitionen und 
den durch die Aera der Religionen historisch beurkundeten Geistes- 
störungen in ihre Asyle zu folgen, sondern wir haben uns einfach 
an den normalen Beruf einer Function zu halten, welche durch die 
Ausschweifungen, denen sie unter Umständen ausgesetzt sein musste, 
auch einen Theil derjenigen Achtung eiugebüsst hat, der ihrer bes- 
sern Bethätigung nicht streng genug vindicirt werden kann. 

Um alle jene trüben und unheimlichen Gebilde, die sich an den 
Namen der Phantasie oder Imagination in deren wüstem Treiben 
anknüpften, von vornherein gründlich zu beseitigen und das wahre 
Wesen jener hohen Kraft unmittelbar vor Augen zu stellen, wollen 
wir sofort die am tiefsten wurzelnde und zugleich einfachste Form 
ihres abstracten und apriorischen Daseins untersuchen. Anstatt uns 
zur Kunst und den im engern Sinne ästhetischen Functionen der 
Phantasie zu wenden, die sich noch vielfach mit ihrem ungeheuer- 
lichen Missbrauch und den Gebilden der Superstition berühren, wollen 



— 45 r- 

wir ohne Weiteres den entferntesten, aber die meiste Klarheit ver- 
sprechenden Ausgangspunkt wählen, indem wir den am wenigsten 
gekannten Grundtypus aller Imagination, nämlich die mathematische 
Phantasie an erster Stelle in Betrachtung ziehen. Die schöpferische 
Kraft dieses Vorstellungsgebiets in der freien Hervorbringung von 
Combinationen und Gebilden, in denen Zahl, Grösse, Zeit, Raum 
und Bewegung die gleichsam stofflichen Mittel zur Bethätigung rein 
begriffhcher Satzungen und Regelmässigkeiten abgeben, — diese 
schöpferische Rolle ist zwar allgemein bekannt, alter in ihrer Be- 
deutung für das System der vollen Wirklichkeit kaum in Frage ge- 
kommen, geschweige hinreichend ergründet. Das Verfahren der rein 
mathematischen Phantasie liefert nicht nur Ergebnisse, die den realen 
Natumothwendigkeiten entsprechen, sondern ist in seiner Vollständig- 
keit auch ein Erkenntnissbild jener Operationen, welche die mathe- 
matische Gliederung der Naturwirklichkeit real vollziehen. Indem 
die mathematische Phantasie unter der Herrschaft des Verstandes die 
einzelnen Ordnungen der nach dem Grade der Einfachheit aufeinander 
folgenden Gebilde entwirft, entspricht sie den aus einfachen Elemen- 
ten möglichen Compositionen der Reihe nach und muss daher auch 
das erfassen, was die Natur in ihrer realen Zusammensetzung nach 
demselben System hervorbringt. Die Vereinigung der einfachsten 
Formen der Bewegungsantriebe liefert in der realen Entstehung der 
Weltkörperbahnen das berühmteste Beispiel dieser Gattung. Der im 
mathematischen Sinne gedachte zweite Grad hat bei den hier frag- 
lichen Gebilden den Sinn einer Doppelheit der Composition aus zwei 
Factoren, und die Verbindung dieser Factoren hat nicht blos ein 
ideelles sondern auch ein reales Dasein. Das Fortschreiten in der 
Stufenleiter der gedanklichen und der wirklichen Elementvereinigungen 
ist ein Act, in welchem sich Uebereinstimmungen ergeben müssen. 
Die mathematische Phantasie ist demnach eine Instanz, bei welcher 
man auf wichtige Aufschlüsse über die Weltverfassung zu rechnen 
hat. Sie ist als Ganzes eine Art Inbegriff der formalen Möglich- 
keiten und ergiebt mit Rücksicht auf die rein realen Elemente 
schliesslich auch die letzten Noth wendigkeiten. Sie arbeitet sogar 
in einer analogen Weise wie die Natur, oder es wird uns vielmehr 
das Verfahren der Wirklichkeit zu einem grossen Theil nur aus den 
Gesetzen verständlich, welche die vom Verstände geleitete Phantasie 
in ihren Operationen beherrschen. 

3. Geht man von der mathematischen Phantasie zu derjenigen 



— 46 — 

Gestaltung der Imagination über, welche mit allen realen, sei es 
subjectiven oder objectiven Elementen thätig ist, so ist die erste 
Wahrheit, deren man sich in diesem Gebiet versichern muss, die, 
dass die Phantasie nicht nur keine Schöpfung aus Nichts vornehmen 
kann, sondern auch dem Stoffe und der Art nach an die Erfahrungs- 
thatsachen gebunden bleibt. Ihre Freiheit besteht eben nur in der 
Composition; aber diese Composition ist den Yerfahrungsarten der 
Natur in einem gevdssen Sinne ebenbürtig. Bis jetzt hat man diese 
genetische Kraft» nur für die ästhetische Phantasie und auch hier 
nur vom Standpunkt des poetischen Idealismus in Anspruch genom- 
men, während die wissenschaftliche Phantasie eine bis jetzt wenig 
gekannte oder doch nur in verdächtigen Aeusserungen berücksichtigte 
Rubrik geblieben ist. Trotz aller Annäherungen der wissenschaft- 
lichen und der ästhetischen Welt- und Lebensansichten und trotz 
der hier und da hervorgetretenen Ueberzeugung, dass auch die wissen- 
schaftlichen Weltbilder das System der Dinge nicht ohne die ästhe- 
tische Harmonie wahrhaft widerspiegeln, ist man dennoch der in 
dieser Richtung unentbehrlichen Grundvoraussetzung bisher fern- 
geblieben. Wenn die Phantasie nicht eine Macht ist, die in den 
Tiefen der Natur ihr reales Gegenstück hat; — wenn also der 
menschlichen Phantasie nicht eine principielle Gestaltungskraft inne- 
wohnt, die den Bildungen der Natur und Wirklichkeit gleichsam in 
paralleler Haltung zu entsprechen und mit der gleichen Ursprüng- 
lichkeit zu verfahren vermag, so müssen aUe unsere Erwartungen 
voii einer idealen Erkenntniss des Seins unerfüllt bleiben. Die skla- 
vische Nachahmung der Thatsachen genügt auch iu der Wissenschaft 
nicht, und ohne die Existenz einer wissenschaftliehen Phantasie, die 
den logischen Gesetzen gemäss die nothwendigen Gestaltungen anti- 
cipirt, — ohne diese subjectiv schaffende und dem Walten der Natur 
ebenbürtige Fähigkeit würden wir mit unserer Weltanschauung und 
Lebensgestaltung für immer auf dürftiges und träges Stückwerk an- 
gewiesen bleiben. 

Man verwechsele die Halbproducte der isolirten Imagination, 
also etwa die natürlichen Träume oder die metaphorischen Träume- 
reien nicht mit den Leistungen der rationellen Phantasie. Die letz- 
tere ist sich bewusst, mit allen ihren Vorstellungen nur auf das 
Wirkliche oder im Wirklichen Mögliche zu zielen, und sie kann 
daher nie den widersinnigen Anspruch erheben, mit ihren Gebilden 
ein zweites, transcendentes Reich zu eröffnen. Sie betrachtet die in 



— 47 — 

ihrem Rahmen zu verzeichnenden Bilder nur als Erkenn fcnissmittel 
der einheitlichen und einzigen, allumfassenden Wirklichkeit. Sie hat 
keinen andern Glauben, als den an die Realität, und sie begreift 
sogar ihre eignen kindischen oder fieberhaften Missgriffe als Störun- 
gen, die von der Isolirung ihrer zusammengehörigen Elemente her- 
rühren. Sie sieht in den eigentlichen und in den trauscendenten 
Hallucinationen nur die untergeordnete Bethätigung ihrer vom Ver- 
standeszusammenhang getrennten Kräfte. Sie selbst erkennt den 
Grundirrthum in der Auffassung des Imaginativen als vollständiger 
und selbstgenugsamer Wirklichkeit. In ihrer völlig rationellen Hal- 
tung geht sie schon von vornherein davon aus, dass ihre Composi- 
tionen nur Werth haben, insofern sie die Anzeiger einer unmittel- 
baren oder entfernteren Wirklichkeit zu sein vermögen. In dieser 
Rolle beansprucht sie aber auch das Höchste, indem sie sich nicht 
durch die ZufäUigkeiten der grade thatsächlich gegebenen Formen 
binden lässt, sondern den schaffenden Triebkräften in die nicht un- 
mittelbar zugänglichen Gestaltungen folgt. Auf diese Weise wird 
sie ein mächtiger Factor der anticipirenden Wissenschaft, und auch 
ilu'e Bethätigung in der Kunst erweist sich hienach nur als ein höher 
gesteigerter und freierer Gebrauch der Schöpfangsprincipien der Natur. 
Hegte sie die letzteren nicht in sich, so bliebe sie das eitelste aller 
Spielwerke des Geistes und hätte eine ausschliesslich subjective Be- 
deutung. So aber, als Vertreterin der Elemente des Seins isfc sie die 
Ergänzung, ohne welche das Denken trotz aller abstracten Verstandes- 
begriffe in Ermangelung eines fruchtbaren Organs zeugungsunfähig 
bleiben müsste. 

Die wahre Philosophie muss sich heute zunächst durch den 
Gegensatz von Phantasie und Wirklichkeit definiren; denn sie ist 
Wirklichkeitsphilosophie im Unterschiede von der ünphilosophie der 
trauscendenten oder auch immanenten Götter-, Seelen - und Willkür- 
phantastik. Es bleibt ziemlich gleichgültig, ob diese ünphilosophie 
ihre Visionen göttlicher und seelischer Art nebst der zugehörigen 
aus Nichts entscheidenden menschlichen Willkür über die Welt hinaus 
in ein sogenanntes intelligibles Reich verlegt oder bei weiterem Fort- 
schritt in die Welt mitten hinein imaginirt. Diese Zerrbilder und 
Ungeheuerlichkeiten einer gestörten, vom Verstände verlassenen Phan- 
tasie bilden unter allen Umständen das Merkmal der wüstesten Un- 
wahrheit. Hieraus folgt aber nicht, dass die Functionen der Phan- 
tasie an sich selbst die Fälschung der Welt- und Lebensansichten 



— 48 — 

verschuldeten, sondern es ist ihre widersinnige Missleitung und ver- 
kehrte Isolirung, welche die visionäre Entwicklungskrankheit des 
Menschengeschlechts mit sich gebracht hat. Allerdings lag diese 
Abirrung in den Nothwendigkeiten des geistigen Mechanismus; aber 
ebenso nothwendig ist auch die Krisis, welche mit der Aera der 
Religionen abschliesst. Angesichts der neuen Welt- und Lebens - 
betrachtung können wir ohne Besorgniss vor einem Missverständniss 
gradezu behaupten, dass die Üebereinstimmuugen der Phantasie und 
der Wirklichkeit, wenn sie im rationellen Sinne gedacht werden, 
nicht minder ein auszeichnendes Merkmal der neuen Denkweise wer- 
den müssen, als die Fernhaltung der Ergebnisse ihres verkehrten 
und feindlichen Gegensatzes. Weit entfernt also, die Phantasie als 
Erkenntnissmittel auszuschliessen, weisen wir ihr vielmehr den Platz 
an, wo sie anstatt in Entfremdung, vielmehr in der völligsten Zu- 
sammengehörigkeit mit dem Wirklichen ihren hohen Beruf der idealen 
Auticipation erfüllen kann. 

4. Die Elemente des Denkens und die Elemente des Seins müssen 
einander derartig decken, dass keine Seite oder Form der Wirklich- 
keit unbegriffen bleibt. Von den Grenzen des Denkens reden, heisst 
auch zugleich für die Wirklichkeit Schranken setzen. Es ist eine 
der grössten Thorheiten, der Tragweite des menschlichen Denkens 
andere Umrisse geben zu wollen, als der Natur selbst. Wenn das 
Sein in sich Elemente hegen könnte, die weder unmittelbar noch 
mittelbar, weder im Einzelnen noch im Allgemeinen, weder indivi- 
duell noch der Art nach einem Denken zugänglich werden könnten, 
so fehlte der Welt die Kraft, sich subjectiv vollständig zu reprodu- 
ciren. Wenn aber das menschliche Denken in dem besondem Falle 
wäre, für die Erfassung der Elemente des Seins unzureichend zu 
bleiben, so hätte sich in dieser Richtung die din-chgängige Syste- 
matik der Natur verleugnet. Es gebe alsdann ein Denken von uni- 
verseller Tragweite, in welchem dennoch Lücken beständen, und 
welches seinem Gegenstand nur in verzerrter Weise entspräche. Für 
diese Voraussetzung spricht nun in der wirklichen Bewährung un- 
seres Denkens gar nichts; im Gegentheil treffen wir nirgend auf 
Theile des Seins, wo sich die Stetigkeit unserer Vorstellungen ver- 
leugnete. Mit dem Fortschritt des Wissens erkennen wir immer 
mehr die vollständige Uebereinstimmung, welche zwischen dem System 
der subjectiven und dem der objectiven Elemente statthat. Die Kraft 
und der Umfang des Denkens mögen sich in andern Wesen gesteigert 



— 49 — 

finden; der Arfc nach und in den Grundeinsichten muss jede Denk- 
verfassung dieselbe bleiben. Andernfalls würde sich die absolute 
Realität selbst verleugnen. Das Dasein niederer Subjecti vi täten ist 
kein Gegenbeweis gegen unsere Voraussetzung; denn auch in dem 
Rahmen ihrer beschränkten Wahmehmungsart ist volle sinnliche 
und objective Wahrheit. Der Mensch aber, der sich des universell 
Umfassenden in seinem auf die Welt gerichteten Denken bewusst 
ist, würde mit dem Wesen dieses Denkens in Widerspruch gerathen, 
wenn er eine höhere Instanz erdichten wollte, durch die es wider- 
leort oder auch nur in entscheidender Weise in seinen Functionen 
berichtigt werden könnte. Der Irrthum im Einzelnen darf nicht mit 
einem radicalen Fehler der Constitution oder einem Mangel in den 
Elementen der Composition verwechselt werden. Aller Irrthum be- 
ruht auf der partiellen Isolirung des Denkens von der Wirklichkeit 
und ist ein noth wendiges Erzeugniss der subjectiven Position und 
relativ getrenntea Gesetzmässigkeit dieser Sphäre. Wahrheit und 
Irrthum haben genau dieselbe Quelle, und es lässt sich in der An- 
ordnung eines subjectiven Organs zu der ideellen Reproduction der 
Dinge jene Isolirung und relative Selbständigkeit, die zum Irrthum 
führt, ohne Widerspruch gar nicht als vermieden vorstellen. Hieraus 
folgt aber nicht, dass die Natur darauf verzichten musste, zu jedem 
Bestandtheil des Seins ein entsprechendes Yorsteliungselement her- 
vorzubringen. Die Vollständigkeit der Mischung konnte allein den 
normalen Typus eines zureichenden Denkens ergeben, und so werden 
wir in allen Richtungen genöthigt, die Nothwendigkeit unserer lei- 
tenden Grundidee bestätigt zu finden. Solange man nicht den Nach- 
weis führt, dass die Denkthätigkeit etwas ihr völlig Ungleichartiges 
aufgefanden habe, was aber dennoch Gegenstand irgend einer Intel- 
ligenz sein könnte, — solange wird man uns gestatten müssen, an 
unserer Grundvoraussetzung festzuhalten. Unser Denken hat min- 
destens ebensoviel Recht, sich als ein kosmisches und für die sub- 
jectiven Verhältnisse zureichendes zu betrachten, als die neuste Che- 
mie, die sich mit ihren Grundstoffen und Combinationen von dem 
bisherigen engen Schauplatz der Erde zu den Bethätigungen an der 
Verfassung und Zusammensetzung des Universums wendet. In der 
That wäre es auch ein dürftiges Denken und eine armselige Art von 
Wissenschaft, welche vor einem Theil des Seins Halt machen und 
ihre Unzulänglichkeit erklären müssten. 

Wenn die Elemente des Seins und diejenigen des Denkens 

D üb ring, Cursiis der Philosophie, 4 



— 50 — 

einander entsprechen, ohne jemals einerlei zu sein, — wenn also das 
8ein niemals als ein Theil des subjectiven Denkens in einem uni- 
versellen Traume und das subjective Denken niemals als ein maass- 
gebender Bestandtheil in den Verfahrungsarten der objectiven Natur 
angesehen werden darf, so entsteht die Frage, ob nicht in einer 
andern Art die auf dem gemeinsamen Ursprung beruhende Verwandt- 
schaft einen tiefer in das Wesen der Dinge und des Denkens selbst 
eindringenden Rückschluss gestatte. Hier ist ein doppelter Ausgangs- 
punkt möglich, je nachdem man mit den objectiven Beschaffenheiten 
der Welt oder mit den Grundformen der Subjectivität beginnt. Da 
schliesslich das Unmittelbarste immer die subjectiven Elemente sein 
werden, so ist die für die Erweiterung der Erkenntniss wichtigste 
Frage die, ob nicht in den subjectiven Thätigkeiten eine Hindeutung 
auf die objectiven Operationen der Natur zu finden sei. Unter 
üebergehung der ganz gewöhnlichen Erörterungen müssen wir hier 
wiederum das Wesen der Phantasie als neues Beispiel einführen. 
Allerdings liegt eine gewisse Kühnheit darin, auch nur versuchsweise 
vorauszusetzen, dass die Thätigkeiten der menschlichen Imagination 
eine Wiederholung und eine Art Gegenbild des Naturschaffens sein 
könnten. Es versteht sich hiebei, dass an ein subjectives Bewusst- 
sein, an Denkabsichten und an alle derartigen Vorstellungsdetermi- 
nationen im Bereich der objectiven Natur nicht gedacht werden 
kann. Aber auch die menschliche Phantasie selbst beruht nicht auf 
Vorstellungen, sondern hat die letzteren zu Ergebnissen. Die Phan- 
tasie wurzelt, wie überhaupt alles Denken, in Regungen, die dem 
fertigen Bewusstsein vorausgehen und selbst gar keine Elemente des 
subjectiv Empfundenen bilden. Man schliesst auf diese Regungen 
weit mehr, als man sie eigentlich wahrnimmt. Sie liegen diesseits 
der Grenze des bewussten Denkens und kündigen ihre Existenz eben 
nur durch die Wahrnehmung dieser Grenze an. Jeder Gedanke und 
jedes Vorstellungsbild ist etwas Erzeugtes. Vor seiner Production 
wurzelte aber ein jedes derartiges Gebilde in realen und gewisser- 
maassen gedankenlosen Vorbedingungen seiner Entstehung. Nun 
kann das, was den bewussten Gedanken selbst erst möglich macht, 
dem Wesen nach nicht tiefer stehen, als das fertige ideelle Product 
selbst. Es werden also die unvorstellbaren Erzeugungskräfte der 
Phantasie in der That diesseits der ideellen Sphäre liegen, und dieses 
Verhältniss erleichtert uns die Aufgabe, die üebereinstiramung zwi- 
schen der subjectiven Phantasie und den objectiven Naturoperationen 



— 51 — 

zu erkennen. In beiden Fällen wird die Herrschaft der logischen 
Noth wendigkeit vorausgesetzt; aber das was uns in den Antrieben 
der menschlichen Phantasie als UnvoUkommenheit gilt, darf apr der 
objectiven Natur nicht ohne Weiteres ausgeschlossen werden. Der 
Charakter des Yersuchsartigen in den Gestaltungen ist der Wirklich- 
keit nichts weniger als fremd, und man sieht nicht ein, warum man aus 
Gefälligkeit für eine oberflächliche Philosophie die Parallele der 
Natur ausser dem Menschen und der Natur im Menschen nur zur 
Hälfte gelten lassen soll. Es ist eine ganz willkürliche Voraus- 
setzung, in den Noth wendigkeiten des objectiven Seins überall die 
vom Menschen gewünschte Vollkommenheit, in derjenigen Natur 
aber, die sich im menschlichen Individuum und seinem Vorstellen 
kundgiebt, das Gegentheil jener Unfehlbarkeit selbstverständlich 
finden zu wollen. Wenn der subjective Irrthum des Denkens und 
Imaginirens aus der relativen Getrenntheit und Selbständigkeit dieser 
Sphäre hervorgeht, warum soll nicht auch ein praktischer Irrthum 
oder Fehlgriff der objectiven und nichtdenkenden Natur die Folge 
einer verhält nissmässigen Absonderung und gegenseitigen Entjfrem- 
dung ihrer verschiedenen Theile und Triebkräfte sein können? Eine 
wahre und nicht vor den gemeinen Vorurtheilen zurückschreckende 
Philosophie wird schliesslich den vollständigen Parallelismus und die 
durchgängige Einheit der Constitution nach beiden Seiten hin aner- 
kennen. Für sie wird die Natur nicht erst im Menschen anfangen, 
sogenannte Verirrungen zu zeigen und sich in Abweichungen, Stö- 
rungen und Ausgleichungen zu ergehen; sondern alle diese Beein- 
trächtigungen der Unfehlbarkeit werden ihr in allen ihren Actionen 
anhaften und bei dem Menschen wie bei ihr nur als innere Noth- 
wendigkeiten zur allseitigen Ausführung des universellen Systems zu 
betrachten sein. In einem gewissen Sinne hat man daher von den 
menschlichen Analogien der Naturauffassung für die exacte Erkennt- 
niss nichts zu besorgen, sobald man nur consequent genug ist, die 
Halbphilosophie hinter sich zu lassen und nicht blos die Natur nach 
dem Menschlichen, sondern auch das Menschliche nach der Natur 
und mithin beide als eine einzige in sich wesentlich gleichartige 
Einheit aufzufassen. 

5. Die in der Philosophie stets praktisch gewesene Frage, wie 
weit die menschlichen Analogien in der Auffassung des objectiven 
Seins auszuschliessen seien, hat in den neueren Jahrhunderten öfter 
Beantwortungen erfahren, deren Zweischneidigkeit heute nicht mehr 



— 52 — 

übersehen werden darf. In dem berechtigten Bestreben, die aus- 
sehliesslich menschlichen Gesichtspunkte von der Auffassung des 
Gannen der Dinge fernzuhalten, ist man schliesslich zu der unbe- 
rechtigten Zumuthung gelangt, auch die allgemeinen Kategorien, 
weil sie zugleich für menschliche Verhältnisse gelten, als zur letzten 
Erkenntniss unbrauchbar ausser dem Spiele zu lassen. Mit diesem 
Aeussersten hat man natürlich jede absolute Idee von dem Wesen 
der Dinge preisgegeben, und was die positive Wissenschaft, wenn 
sie sich nicht selbst aufgeben wollte, bleiben lassen musste, hat eine 
sogenannte kritische Metaphysik, unter bescheidener Ergebung in 
Unwissenheit, wirklich begangen. Die Hauptkategorie aller Wissen- 
schaft, nämlich die Causalität, ist zu einer secundären, für die letzten 
Verhältnisse der Dinge gar nicht gültigen Kategorie degradirt wor- 
den. Allerdings war es völlig in der Ordnung gewesen, dass Hume 
den Begriff der Ursache in den gewöhnhchen plumpen Fassungen 
nicht gelten liess; aber die Kritik seines Inhalts durch den genann- 
ten grossen Philosophen und die Unbrauchbarkeitserklärung durch 
Kant waren zwei Handlungen von sehr verschiedenem Werth. Humes 
Verfahren war auf Entfesselung, das Kantische aber auf Beschrän- 
kung des Verstandesgebrauchs gerichtet; Beide stimmten aber darin 
überein, eine erhebliche Unsicherheit übrig zu lassen. Weit glück- 
licher als in der Kritik der Causalität ist die Wissenschaft und 
Philosophie seit dem 17. Jahrhundert in der Beseitigung einer fal- 
schen Finalität gewesen. Aber auch hier hat man mit den Absichten 
oder Zwecken, deren Unterschiebung in der Naturbetrachtung mehr 
und mehr verpönt wurde, auch die unschuldige Seite der entspre- 
chenden Kategorien verdächtigt. Die Begriffe Mittel und Zweck sind 
in ihrer abstracten Reinheit und ohne den Nebengedanken einer be- 
wussten Absicht in einzelnen Gebieten gar nicht zu entbehren und 
verbergen sich oft unter gleichgültigen Namen. So begleiten sie 
sehr häufig die Vorstellung von physiologischen Functionen und 
Einrichtungen oder verbergen sich hinter dem scheinbar indifferenten 
Kunstausdruck der Anpassung an die Lebensbedingungen. Obwohl 
in den neusten Vorstellungen der letztem Art die FinaHtät keine 
Rolle mehr spielen soll, drängt sie sich dennoch unvermerkt oft 
genug ein, und dieser Uebelstand rührt daher, dass man sich bis 
jetzt keine genügende Rechenschaft von dem Grunde ihrer Aus- 
schliessung aus der strengen Wissenschaft gegeben hat. Die causale 
Nothwendigkeit vollzieht sich stets und liefert daher wahrhaft all- 



-^ 53 — 

gemeine Gesetze; eine Cansalität, die nicht wirksam würde, wäre ein 
Widerspruch. Dagegen sind die verfehlten Zwecke etwas ganz Ge- 
wöhnliches ; aus dem Zweck kann man nicht auf dessen Vollziehung 
schliessen, und so bleibt der Zweck selbst da, wo er objectiv anzu- 
erkennen ist, völlig ungeeignet, die Kette streng wissenschaftlicher 
Beziehungen zu vermitteln und die letzte, lückenlose Einsicht in den 
Zusammenhang der Vorgänge zu ergeben. Hieraus folgt, dass man 
ihn auch da, wo über seine Objectivität, wie im Bewusstsein des 
Menschen, gar kein Streit möglich ist, nur insofern in wissenschaft- 
lichen Anschlag bringen darf, als er sich in der Gestalt einer Unterart 
der allgemeinen Causalität verwerthen lässt. Jeder Trieb hat das 
Zweckförmige in sich und wird als bewusster Trieb sogar zur eigent- 
lichen Absicht. Seine Rolle für die Hervorbringung des realen Zu- 
sammenhangs beruht aber nur darauf, dass er im eigentlichen Sinne 
des Worts als Motiv, d. h. als Bewegungsantrieb wirkt. Ob die Be- 
wegung oder Handlung, die aus ihm mit causaler Nothwendigkeit 
folgt, ihren Zweck erreiche oder nicht, ist eine völlig abzusondernde 
Frage, die niemals blos nach der Zwecksetzung entschieden werden 
kaim, sondern von dem Spiel der sich combinirenden Ursachen er- 
ledigt wird. Obwohl wir daher in der Natur Triebkräfte mit be- 
stimmten Richtungen, also in einem gewissen Sinne sogar Tendenzen 
mehrfach annehmen müssen, so ist doch niemals der Schluss von 
einem Ziel auf dessen Erreichung zulässig, und dieser Umstand 
macht alle herkömmliche Finalität der Naturerklärung zu einem 
täuschenden Schein. In dieser Hinsicht, aber eben auch nur in dieser 
Hinsicht können wir in Spinozas Ausspruch einstimmen, dass der 
Zweck eine menschliche Erdichtung sei. Will man dagegen unkritisch 
die Beziehung von Mittel und Zweck als eine ausserhalb des be- 
wussten menschlichen Strebens unzulässige Kategorie ächten, so wird 
man den Verstand selbst lähmen und ihn in der natürlichen Voll- 
ständigkeit seiner Gesichtspunkte beeinträchtigen. Ausserdem ver- 
steht es sich von selbst, dass die Untersuchung, ob die Thatsachen 
bestimmten, von uns versuchsweise als Zwecken angesehenen Ergeb- 
nissen der Welteinrichtung wohl oder übel entsprechen, auch dann 
gerechtfertigt sein würde, wenn objective Tendenzen gar nicht vor- 
handen wären. Auf die Vulgärteleologie, die wesentlich ein Gewebe 
von albernen und kindischen Erdichtungen ist, haben wir hier na- 
türlich nicht einzugehen. Eine haltbare Zweckmässigkeitslehre wird 
in den Gebieten, wo sie überhaupt angebracht sein dürfte, niemals 



— 54 — 

ohne die Begleitung eiaer Einsicht in die Unzweckmässigkeiten auf- 
treten. Ein ähnlicher Gegensatz ist im Gebiet der Causalitäten nicht 
vorhanden; denn die ünzweckmässigkeit ist nicht eine Abwesenheit 
der Zweckbeziehung, sondern eine Missgestaltung derselben. 

Die bisher angedeuteten, auch historisch berühmt gewordenen 
Seiten unserer allgemeinen Frage nach der Bedeutung der mensch- 
lichen Analogien genügen keineswegs, um die Tragweite des Gegen- 
standes ermessen zu lassen. Wir müssen einfurallemal die positive 
Wichtigkeit der Analogien unseres Wesens für das Weltverständniss 
begreifen, wenn wir nicht immer wieder von !Neuem Gefahr laufen 
wollen, gute kritische Absichten zu Schlingen unserer Intelligenz 
werden zu sehen und anstatt zu einer Reinigung zu einer Vernich- 
tung des Verstandes zu gelangen. Das Princip, welches hier maass- 
gebend werden muss, ist sehr einfach zu formuliren, wenn auch 
keineswegs ebenso leicht zur speciellen Anwendung zu bringen. Das 
specifisch Menschliche darf nicht auf die Welt übertragen werden, 
und nur das Uebereinstimmende, dessen Gleichartigkeit im besondem 
Falle ausgemacht werden kann, darf eine Brücke zum Verständniss 
der Dinge bilden. Nun vereinigt der Mensch in sich ein Stufen- 
system von Arten des Seins, welches mit der niedrigsten Gattung 
beginnt und bis zur höchsten aufsteigt. In dieser Schichtung müssen 
sich die Anknüpfungspunkte für die Wissenschaft finden, und inner- 
halb dieses weit ausgespannten Rahmens müssen sich alle Typen zur 
Kennzeichnung des Systems der Dinge aufsuchen lassen. 

Um den Gegensatz unseres Gedankens zu der gewöhnlichen Un- 
sicherheit der Naturauffassung sichtbar zu machen, erinnern wir nur 
beispielsweise an einen Hauptfall, in welchem das menschhche Ver- 
fahren mit demjenigen des Systems der Dinge verghchen werden 
darf. Das Rechnen mit dem Allgemeinen, mit der Wahrscheinlich- 
keit und mit dem Zufall ist für die menschliche Wirkungsweise un- 
mngänghch; die menschlichen Institutionen sind in vielen Richtungen 
so geartet, dass eine Menge von Antrieben von ihnen ausgeht, die 
niemals ihren Gegenstand finden. Die Verluste an Kraft sind hiebei 
unvermeidlich, und Vielen erscheint es als eine specifisch mensch- 
liche Unvollkommenheit, dass in Richtungen gehandelt werden muss, 
in denen die Mehrzahl der Fälle unergiebig bleibt. Diese Noth- 
wendigkeit ist aber in der That keine auf den Menschen beschränkte 
Unvollkommenheit, sondern findet sich in weit höherem Maasse in 
der aussermenschlichen Natur selbst. Im System der Dinge werden 



— 55 — 

die Möglichkeiten und Keime in allen Richtungen verschwenderisch 
ausgestreut, und die wirklich fruchtbaren Entwicklungen bilden nur 
eine kleine Zahl im Verhältniss zu der Fülle der im einzelnen Fall 
vergeblichen und verfehlten Vorkehrungen. Dennoch ist diese Artung 
der Veranstaltungen eben nichts weiter als eine aus der systemati- 
schen Action entspringende Nothwendigkeit , zu deren Verständniss 
die Analogie der menschhchen Verhältnisse vollkommen ausreicht. 
Anstatt also von einem Mangel zu reden, müssen wir sowohl im 
Fall des Menschen als der sonstigen Natur eine und dieselbe Nöthi- 
gung anerkennen, und ausserdem zugestehen, dass es die innere 
Logik des universellen Systems selber ist, welche die nach Wahr- 
scheinlichkeitsgrundsätzen angelegten Beziehungen mit sich bringt. 
Der specifische Unterschied zwischen dem Menschen und der Natur 
besteht in dieser Richtung nur daria, dass jener den Zufall vorfindet, 
und dass diese ihn selbst geschaffen und zugleich mit den Veran- 
staltungen zu seiner Beherrschung möglich gemacht hat. Die frag- 
liche Kluft zwischen dem Allgemeinen und dem Einzelnen ist hie- 
nach ein wesentlicher Bestandtheil im System der Dinge, und wir 
haben kein Recht, die grosse Arbeiterin, welche man Natur nennt, 
anders anzusehen, wenn sie ausser uns ohne Vorstellung, als wenn 
sie in uns durch Vermittlung unseres Bewusstseins thätig ist. 



TT 



fyi.-, "P^h!" 



Zweiter Abschnitt. 

Principien des laturwissens. 



t Erstes Oapitel- 
Ausgangspunkte. 

W as wir hier Principien des Naturwissens nennen, vertritt in einer 
Gestalt, die der gegenwärtigen exacten Denkweise entspricht, die 
frühere Naturphilosophie. Die letztere wurde in den neueren Jahr- 
hunderten wesentlich als rationelle Physik verstanden, welche hier 
und da mit einigen rein logischen oder metaphysischen Elementen 
ausgestattet war, bisweilen aber auch so tief sank, dass sie zur 
wüsten, auf Unwissenheit beruhenden Afterpoesie wurde und ein 
Spiel für grosse Kinder und Ignoranten bildete. Nachdem sie na- 
meutHch auf Deutschem Boden im Anfang dieses Jahrhunderts am 
meisten entwürdigt und der prostituirten Philosoph asterei eines Schel- 
ling und ähnlicher, im Priesterthum des Absoluten kramender und 
das Publikum mystificirender Gesellen anheimgefallen war, hat 
schliesslich die Ermüdung im Unsinn, unter gleichzeitiger Einwirkung 
der ausländischen, von der Deutschen Mystik nur wenig berührten 
fachwissenschaftlichen und positiven Auifassungsweise, dahin gefuhrt, 
dass man, abgesehen von den eigentlichen Philosophirem der Schul- 
stätten, in der Verachtung jener Missgestalten zu einer sonst seltenen 
Uebereinstimmung gelangt ist. Mit dieser Lossagung der besten 
Vertreter der Specialitäten von den ungeheuerlichen Zerrbildern un- 
wissender Naturphilosophastrik ist aber die Lücke niu: um so fühl- 
barer geworden; denn mit dem Ekel vor dem Ungeniessbaren hat 
sich keineswegs sofort das Geniessbare wieder eingefunden. Im 
Gegen theil ist die Haltlosigkeit Einzelner unter den Naturforschem 
in allerjüngster Zeit erst recht sichtbar geworden, und was das 



breitere Publicum anbetrifft, so ist für dasselbe bekanntlich der Ab- 
tritt eines grössern Charlatans oft nur die Gelegenheit für einen 
kleinem, aber geschäftserfahrenen Nachfolger, die Productionen jenes 
unter einem neuen Aushängeschild zu wiederholen. 

Die ernstere Gefahr droht jedoch nicht von solchem wüsten 
Gelegenheitsskandal, dem hier und da auch wohl ein Specialist in 
seiner philosophischen Unschuld oder, wenn man will. Rohheit zum 
Opfer fällt, sondern von den zerfahrenen Voreiligkeiten, deren sich 
manche Pfleger der Fachwissenschaften in ihrer Betheihgung an der 
eigentlichen Philosophie schuldig machen. Die Annäherung des 
letzten Viertels des 19. Jahrhunderts wird nämlich in der allgemeinen 
Wissenschaftsgeschichte einst auch dadurch markirt werden können, 
dass man auf den in diesem Zeitpunkt besonders sichtbaren philo- 
sophischen Dilettantismus der Specialisten hinweist. In der That ist 
jetzt aller Orten bei den verschiedenartigsten Repräsentanten der 
Naturwissenschaft eine Art Wetteifer eingetreten, ihre Speculationen 
über philosophische Grundfragen öffentlich zum Besten zu geben. 
Auf diese Weise ist Naturphilosophie ein wenig zur Nebenbeschäfti- 
gung von Jedermann geworden, der auf eine Führerschaft in irgend 
welchen Specialitäten Anspruch macht und aus seiner besondern Be- 
hausung zu einem Ausflug in das Reich der weltumspannenden Ideen 
Lust verspürt. Dieser Gang der Sache wäre nun an sich höchst er- 
freulich, wenn sich nur zugleich die Grundbedingmng erfüllt fände, 
ohne welche eine eingreifende Betheiligung an der specifischen Phi- 
losophie unmöglich und der Anspruch des Maassgebenden bis zur 
Lächerlichkeit hinfällig wird. Diese Bedingung ist eine hinreichende 
Kenntniss und Uebung der philosophischen Denkweise und nament- 
lich ihrer Art, mit den feinsten Begriffen der Weltauffassung zu 
verfahren. Die ünbeholfenheiten und Verstösse, die in dieser Hin- 
sicht bei einer Anzahl Specialisten offenbar geworden sind, haben 
die Welt mit keiner echten Naturphilosophie, wohl aber mit der 
Blosse der rein specialistischen Naturwissenschaft oder vielmehr mit 
der unzulänglichen philosophischen Bildung eines Theils ihrer Ver- 
treter bekannt gemacht. Diejenigen, welche mit derartigen eitlen 
Kundgebungen am vorschnellsten gewesen sind, tragen die Schuld, 
wenn nun auch die Achtung, die man früher der Denkweise der 
positiven Gebiete bisweilen ohne Rückhalt zollen konnte, mit dem 
Verdacht eines ungehörigen und in einem gewissen Sinne ignoranten 
Philosophirens vermischt werden muss. 



— 58 — 

Die Erwartung, auf dem Boden der Naturwissenschaft selbst 
eine gediegene Naturphilosophie emporwachsen zu sehen, lag im 
letzten Menschenalter ziemlich nahe, ist aber in den Hauptrichtungen 
getäuscht worden. Selbst bei den paar Entdeckern und Forschem 
ersten Ranges, welche die civiHsirte Welt als wirkHch im grossen 
Stile epochemachend aufzuweisen hat, sind die eigentlich philosophi- 
schen Gesichtspunkte äusserst dürftig gerathen. Sogar in Fällen, in 
denen die philosophische Speculation an der Ermöglichung der neuen 
Aufschlüsse einen grossen Antheil hatte, sind mit den zutreffenden 
Ideen so rückständige Auffassungsarten vermischt worden, dass man 
auch hier von einem etwa vorhandenen günstigen Yorurtheil für den 
philosophischen Beruf der Positivisten zurückkommen musste. Nun 
bleibt allerdings trotzdem der philosophische und methodische Ge- 
halt der rationellen Naturwissenschaft, der sich mit ihren einzelnen 
Lehren und Verfahrungsarten verbunden findet, von den eignen Aus- 
schweifungen oder Unzulänglichkeiten der speciaHstischen Fachver- 
treter im Wesentlichen unberührt bestehen, und seit Galilei sind 
nach dieser Seite hin manche Fundstätten zu bezeichnen. Allein 
diese Art von latenter Naturphilosophie ist nicht ohne Weiteres zu- 
gänglich und will gleich dem edlen Metall erst aus dem unreinen 
Zustande ausgeschieden sein, ehe sie ihre selbständigen Dienste leisten 
und in voller Rationalität fungiren kann. Allermindestens wird sie 
ohne diese Vorarbeit kein Gegenstand des allgemeinen wissenschaft- 
lichen Verkehrs und kein Organ des Denkens werden, welches für 
eine grössere Zahl irgend welche Förderung bieten könnte. In höchst 
vereinzelten Fällen, deren die Geschichte der neuern Jahrhunderte 
nur wenige kennt, wird eine Art von Ebenbürtigkeit des Genius 
auch die speculativen Antriebe der unzulänglich formulirten Gedanken- 
ansätze älterer Forscher fruchtbar werden lassen; aber der Regel 
nach werden die Tiefen ohne Untersuchung bleiben, ja nicht einmal 
bemerkt werden. Die grosse Mehrzahl der Wissenschaftspfleger, ein- 
schliesslich der gewöhnlichen, im Vordergrunde befindlichen Distin- 
guirtheiten und Renommirtheiten des Augenblicks, wird nicht ein- 
mal von der Existenz jener Schätze eine Ahnung haben, und so wird 
das gemeine Getriebe sich abspielen, ohne dass die philosophischen 
Bestandtheile der positiven Wissenschaft in sichtbarer Absonderung 
zu Tage gefördert oder wirksam würden. 

Das unvorbereitete, im schlimmen Sinne des Worts dilettanten- 
hafte Philosophiren der Specialisten bedeutet nichts Anderes als den 



— 59 — 

anarchischen Zustand und die Auflösung der bisherigen unzuläng- 
lichen Philosophien. Die allgemeine Gedankenströmung muss erst 
wieder bei dem Punkte anlangen, wo sie sich ihrer selbst in einem 
geregelten System bewusst wird, um die Miseren des unzurechnungs- 
fähigen üebergangszustandes abzustreifen. Eines wird sich jedoch 
wohl ohne Weiteres in der hier gebotenen Kürze nachweisen lassen, 
dass nämlich eine exacte Naturphilosophie kein blosser Positivismus 
sei, möge man denselben in seiner specialistischen Naturwüchsigkeit 
oder als umfassendes System einer vermeintlich zulänglichen Philo- 
sophie verstehen. Die Positivität der Erkenntniss ist in der Natur- 
wissenschaft ein ebenso verdächtiger Begriff wie in der Rechtswissen- 
schaft. Diese falsche Selbstgenügsamkeit der positivistischen Auffassung 
der Thatsachen beruht nur auf der Beschränktheit, in welcher eine 
niedere Erkenntnissstufe beharren kann, solange die in ihr waltende 
Trägheit die höhere Staffel nicht zu sehen erlaubt. Die Hinweg- 
setzung über die Nothwendigkeit letzter principieller Ausgangspunkte 
ist der Charakter aller einseitigen Positivität, möge sie in de r Theorie 
oder in den Gestaltungen des Lebens eine Rolle spielen. Im Natur- 
wissen ist aber das Haltmachen vor falschen oder, besser gesagt, er- 
logenen Grenzen des Erkennens die schlimmste Art der Gefährdung 
der SouveraJuetät des Verstandes, weil grade hier die massivsten 
Grundpfeiler der menschlichen Selbstgenügsamkeit aufgeführt worden 
sind. Wenn sich daher eine Art von allerdings stark verschleiertem 
Mystici smus auch auf diesem Gebiet einfindet, so haben wir in der 
Aufnahme oder Duldung dieses Feindes aller natürlichen Logik den 
vollendeten Hochverrath an der Wissenschaft vor uns, und das Ver- 
brechen gegen die Majestät des souverainen Denkens ist in dieser 
Gestalt das grösstmögUche. Die Handhabung der mystischen In- 
fection verhält sich zu den plumperen Mitteln des Obscurantismus, 
wie Giftmord zur offenen Gewalt. Die gewöhnliche Geistespohzei 
mit allen ihren, die Vernunft verhöhnenden Chicanen ist noch bei 
Weitem nicht so niederträchtig, als derVerrath, der von denen, die 
als Handwerker der Wissenschaft bezahlt werden, dadurch geübt 
wird, dass sie, halb verworren und halb verlogen, ihre wankenden 
Gehimchen dazu hergeben, in Form mystischer Anzweiflungen oder 
Einschränkungen die absoluten Grundlagen des mathematischen und 
des Naturwissens zu verleugnen. Indem sie diese auflösenden und 
verstandzersetzenden Mittel colportiren, mögen sie von dem Obscu- 
rantismus zwar einige Gunst einernten, und da von ihm die Aemter 



— 60 — 

und das Geld meist noch in überwiegendem Grade abhängig sind, 
auch ihre Taschen leichter füllen; aber die Plünderung der Wissen- 
schaft, die sie mit der Preisgebung der absoluten Geltung derselben 
verüben, wird sich nicht blos an ihnen, sondern auch an dem rächen, 
was sie als Brut in scientifischer Beziehung hinterlassen. Die Schwach- 
köpfigkeit der gewöhnlichen Art, welche ohne eigne Schuld in die 
Netze des Mysticismus geräth, ist hier natürlich nicht gemeint, son- 
dern es sind nur die in den Spitzen der wissenschaftlichen Hierarchie 
von legalem Stempel sichtbar gewordenen Abfallserscheinungen ge- 
meint. Auch ist die ganze civilisirte Welt und nicht etwa blos das 
Terrain diesseits des atlantischen Oceans in der einen oder andern 
Gestalt von den Missgebilden der bezeichneten Art heimgesucht 
worden, und man kann mit Zuversicht voraussagen, dass diese 
Schande den Gang der Wissenschaft noch einige Zeit begleiten 
werde. Um so entscheidender wird nun aber die Darlegung der 
Punkte sein, die für den redlichen Forscher jederzeit ausreichen wer- 
den, um die Hauptrichtung seines Weges trotz aller Ablenkungs- 
versuche unwissenschaftlicher Art nicht zu verfehlen. 

2. Vor Allem muss im Begriff der Natur selbst ein gefahr lieber 
Abweg signalisirt werden. Es ist nicht blos die falsche spiritua- 
listische Tradition, sondern auch ein lange eingewöhnter Mangel an 
Wirklichkeitssinn, der es verschuldet, dass man in der Natur nicht 
immer das selbstgenugsame Ganze erblickt, welches ausser sich keine 
Voraussetzungen hat und keines andern Seins zur vermeintlichen 
I^gänzüng b edarf. Die Naturwissenschaft richtet sich auf dieses 
autonome Sein, und die von ihr fesi^estellten Gesetze und Eigen- 
schaften dieses auf sich selbst beruhenden Seins sind absolute Wahr- 
heiten letzter Instanz. Wenn man nun aber dennoch in einem en- 
geren Sinne von Naturwissenschaft reden kann, so rühi-t dies tlieils 
von ihrer herkömmlichen positivistischen Beschränkung, um nicht 
zu sagen Beschränktheit, theils aber auch von dem Umstände her, 
dass nicht blos die Innerlichkeit bewusster Wesen, sondern auch die 
gesellschaftlichen Gebilde und mithin die Geschichte des Menschen- 
reichs von dem Naturwissen als eine selbständige Sphäre der Unter- 
suchung abgesondert werden. Die Betrachtung der unmittelbaren 
Innerlichkeit bewusster Wesen ergiebt die sogenannte Psychologie, 
die aber nichtsdestoweniger ein Naturgebiet, wenn auch ein eigen- 
thümlich ausgestattetes und daher abgesondert für sich zu behan- 
delndes bleibt. Ueberall sonst fällt das sogenannte Innere der Dinge 



— 61 — 

mit dem Aeusseren derselben zusammen, und wenn wir übrigens in 
der Materie von inneren Bestimmungen reden, so meinen wir in der 
That nichts als diejenigen Eigenschaften der Körper, vermöge deren 
die äusseren Erscheinungen nicht blos in der Gestalt von Rück- 
wirkungen auftreten. Nun hört die Natur da, wo sie^sich zur Inner- 
lichkeit des Bewusstseins steigert, nicht auf, das zu sein, was sie 
übrigens ist, und^ so wird auch diese vermeintliche Schranke eben 
nur zu einem einfachen Eintheilungsprincip. Kennten wir das Schick- 
sal der dem Menschen analogen Wesen auf irgend einem andern 
Weltkörper, so würden wir auch dort sowohl die innere Beschaffen- 
heit des Bewusstseins als speciellen Gegenstand der Untersuchung 
abzusondern und ausserdem neben der Natur im allgemeinen Sinne 
ein Reich der gesellschaftlichen Organisation und Geschichte für 
diesen Schauplatz anzuerkennen haben. Wäre uns aber eine genü- 
gende Anzahl solcher Welten näher bekannt, so würden wir die ge- 
sellschaftlichen und geschichtlichen Systeme der verschiedenen kos- 
mischen Schauplätze in eine einheitliche Wissenschaft zusammenfassen 
und über die Abhängigkeit der Entwicklungsformen bewusster Wesen 
von der umgebenden Natur etwas ausgiebiger urtheilen, als es uns 
bis jetzt die Wirkungen unserer klimatischen Unterschiede ermöglicht 
haben. Grade aber mit dem Gedanken der kosmischen Ausdehnung 
der sogenannten Psychologie und der socialen Erkenntniss schwinden 
alle Beschränktheiten, die man noch etwa dem Herkommen gemäss 
für die eigenthümliche Stellung der Menschengeschichte conserviren 
möchte. Wenn daher auch wir der Natur im engern Sinne die so- 
ciale Welt gegenüberstellen und im Bereich der letzteren alle Wissen- 
schaftsverzweigungen unterbringen, die nicht der physikalischen, 
chemischen oder physiologischen Aeusserlichkeit der Dinge gelten, 
so verzichten wir hiemit nicht etwa auf die Einheit und Gleichartig- 
keit der Principien, sondern treffen eben nur eine dem specifischen 
Unterschied der Wirkungen entsprechende Eintheilung. Die Bewu sst- 
seinsphänomene sind uns ebensosehr Natur wie alles UebrigCj, und 
wir sind soweit als möglich davon entfernt, dieselben ohne ihre ma- 
teriellen Voraussetzungen mit den Spiritualisten gleichsam in der 
Luft schweben oder, besser gesagt, auf Nichts beruhen und aus dem 
Nichts heraus selbstgenugsam existiren zu lassen. Die ganze äussere 
Natur mit ihrer ungezählten Menge von Sonnen und andern Welt- 
körpem würde vielmehr als die thörichtste Zurüstung erscheinen, 
wenn nicht in ihr se lbst die He rvorbringung ^dermannichfe.ltißsten 



— 62 — 

Bewiisstseinsformen angelegt wäre. Umgekehrt wäre aber die that- 
sächliche Wirklichkeit der Naturbühne eine widersinnige Ueberflüssig- 
!^itj^wenn sich die Phänomene des Empfindens und Lebens durch 
I das voraussetzungslose Träumen eines körperlosen sogenannten Geister- 
I reichs produciren Hessen. Diese letztere, völlig kindische Yorstellung, 
mit der man das gute Wort Idealismus in anspruchsvollen Systemen 
geschändet hat, mag jedoch der Theorie des speculativen Wahnsinns 
überlassen bleiben ; denn mit jener Vorstellung beginnt die Unfähig- 
keit, das Subjective vom Objectiven zu unterscheiden und die Hal- 
lucinationen als das zu nehmen, was sie sind. 

Nach dem von uns dargelegten Begriff ist die Natur der un- 
verkürzte Inhalt der gesammten Wirkhchkeit und der Träger aller 
Möglichkeiten. Sie ist dies auch in ihrer sogenannten Aeusserlich- 
keitV^ö dass man sagen kann, das materielle und mechanische System 
der Naturtotalität sei auch die Grundlage für alle besondem Arten 
der Phänomene. Wo sich diese Grundlage nicht findet, da ist auch 
sonst keine Existenz anzutreffen. Das Sein überhaupt fallt mit dem 
materiellen und mechanischen Sein zusammen, und die Bewusstseins- 
phänomene, die als solche zwar weder Stoffe noch mechanische Kräfte 
sind, haben dennoch ihr Dasein nur durch Vermittlung materieller 
und mechanischer Vorgänge. Ja man kann sagen, dass sie, abge- 
sehen von dem unmittelbaren Begriff des subjectiven Vorstellens und 
Empfindens selbst, in nichts weiter als einer bestimmten Form me- 
chanischer Stoffbewegung bestehen. Für die Wirklichkeitsphilosophie 
ist es von entscheidender Wichtigkeit, dass in jedem gegenwärtigen 
Dinge auch die ausächliessliche Befassung aller an dasselbe geknüpf- 
ten Möglichkeiten völlig materiell gedacht werde. Ohne den Leit- 
faden der Materialität kann man in der Voraus- und Rückbestimmung 
der Vorgänge nur zu unwahren Träumereien und haltungslosen 
Fictionen gelangen. Die Materiahtät der Verknüpfungen ist das ein- 
zige sichere Merkmal des realen Zusammenhanges. Wo sie fehlt, da 
stellt sich das absurde Wunder mit seiner willkürlichen Phantastik 
ein. Hienach ist die Natur als der universelle Zusammenhang des 
Mate riellen zu betrachten! Die in ihm anzutreffende Identität und 
Causalität umfasst alle Gattungen der Existenz, und sogar auf die 
Anwesenheit oder Betheiligung des Bewusstseins bei einem Vorgange 
lässt sich nur nach Maassgabe der materiellen Erkennungsmittel und 
Umstände schliessen. Die Zeit hat nur für die Entwicklung der 
verschiedenen Zustände eine Bedeutung; übrigens ist aber das Etwas, 



— 63 — 



^^y\fiii*^^i(4lf^^ 



welches in seiner materiellen Wirklichkeit Gegenstand unserer Er- 
kenntniss wird, auch zugleich der volle Inbegriff von dem, was es 
in irgend einer Zeit sein oder gewesen sein könnte. "Vermöge dieser 
Vollständigkeit der Dinge und ihres Systems, die sich nicht nur in 
jeden Augenblick zusammendrängt, sondern sogar ausserhalb des 
Augenblicks für die blosse Grenze zweier Zeittheile existirt, ver- 
schwinden alle Aussichten auf die Einschwärzung imaginärer Ele- 
mente in das selbstgenugsame Reich der Nafcur. Jedes denkende 
Wesen hat, wo, wann und wie es auch seine Gegenstände erhalten 
möge, stets absolute Wirklichkeiten vor sich und wird in Beziehung 
auf seine Objecte nie ein fremdes Doppelsein oder eine sonstige Ab- 
schliessung von dem universellen Zusammenhang des Daseins voraus- 
zusetzen haben. Auch ist in der That nur in dieser Weise eine 
einzige Natur und eine dieser Einzigkeit entsprechende, ebenfalls 
eiQzige, wenn auch mannichfaltig abgestufte Erkenntniss derselben 
möglich. 

3. Wir haben ausser jdenjdlgemeinen Gesichtspunkten d^ J(>- 
gischen Zusammenhangs zwei Gruppen von Grundbegriffen der Natur- 
auffassung zu unterscheiden. Die erste Gruppe wird durch die rein 
mathematischen , die zweite durch die mechanischen Kategorien ge- 
bildet. In der erstem Hinsicht kommen Zahl, Grösse, Zeit, Raum 
und geometrische Bewegung, in der zweiten Beziehung aber Materie 
und mecha nische Kraft als leitende Schemata in Frage. Wir könn- 
ten in einem gewissen Sinn die genannten mathematischen Katego- 
rien als rein apriorisch ansehen und ihnen die mechanischen als die 
empirischen gegenüberstellen; indessen hat diese werthvolle kritische 
Unterscheidung doch leicht em Missverständniss zur Folge, welches 
mehr schaden kann, als sie selber zu nutzen vermag. Es wird näm- 
lich leicht übersehen, dass jene mathematischen Elemente nur ihrer 
Form nach ideeU sind, und dass man sofort der erfahrungsmässigen 
Feststellung derselben bedarf, sobald eine thatsächliche Grösse oder 
Gestalt als wirklicher Bestaridtheil der Natur in Frage kommt. Die 
absoluten Grössen sind daher etwas durchaus Empirisches, gleich- 
viel, welcher Gattung sie angehören. Es lässt sich daher in der 
Naturbetrachtung die Grösse nicht von dem realen Träger derselben 
trennen, und in dieser Hinsicht haben wir uns auch in dem mathe- 
matischen Gebiet, soweit dasselbe eine reale Bedeutung haben soll, 
vor einem falschen Aprio rismus zu hüten. Trotzdem bleibt aber der 
fundamentale Unterschied bestehen, dass die mechanischen Schemata 



— 64 — 

nicht wie die mathematischen einer von der Erfahrung abgesonder- 
ten und dennoch zureichenden Charakteristik fähig sind. 

Die Axiome der Mathematik sind auch ohne Weiteres Axiome 
der Natur, weil in ihnen keine absolute Grösse vorkommt. Auch 
was von der Zahl und Grösse im Allgemeinen gilt, hat absolute Be- 
deutung. Es sind daher Zahl und Grösse stets nur in endlicher Be- 
stimmtheit zu setzen. Nicht nur die vorhandene Zahl der Welt- 
körper muss in jedem Zeitpunkte eine an sich bestimmte sein, sondern 
auch bei der in das Kleine gehenden Gliederung muss die Zahl der 
wirklich vorhandenen Selbständigkeiten oder thatsächlich getrennten 
Theile eine bemessene bleiben. Letztere Noth wendigkeit ist der 
wahre Grund, warum keine Zusammensetzung ohne Atome gedacht 
werden kann. Die blosse Möglichkeit der ideellen Theilsetzungen, 
die in uns selbst liegt und für jede stetige Grösse gilt, ist freilich unbe- 
schränkt; insbesondere sind Zeit und Raum in dieser Weise ins 
Unendliche theilbar; aber aus der blos ideellen Möglichkeit der 
Theilung folgt noch nicht das Dasein wirklicher Getheiltheit. Die 
letztere hat stets eine endliche Bestimmtheit und muss sie haben, 
wenn nicht der Widerspruch der abgezählten Unzahl oder vollen- 
deten Unendlichkeit eintreten soll. Die abstracte Ausdehnung oder 
Grösse als solche bietet gar keine Getheiltheit dar; die Häufung des 
Identischen irgend einer realen Gattung von Selbständigkeiten ist 
aber nur als Bildung einer bestimmten Zahl denkbar. Dies gilt auch 
für die getrennten Realitäten, welche in der Zeit als unterscheidbare 
Acte aufeinanderfolgen. Auch hier ist die Bestimmtheit der Zahl 
das durch blosse logische Einsicht gesicherte Naturgesetz. Wüsste 
man z. B. auch nichts von der Entstehung des Sonnensystems, so 
würde man dennoch nach jenem Naturgesetz getrost behaupten 
dürfen, dass die bisherige Anzahl der Umläufe der Erde um die 
Sonne eine bestimmte, wenn auch nicht angebbare, sein müsse. Man 
könnte dieses Gesetz kurzweg das der bestimmten Anzahl nennen, 
und man sieht leicht ein, dass vermöge seiner logischen Tragweite 
nicht etwa nur eine rationelle Atomenlehre, sondern, was wichtiger 
ist, eine ganze Naturvorstellung in weit schärferer Fassung, als sie 
seither zugänghch war, verbürgt werden könne. Mindestens wird 
man es nicht als eine geringfügige Wahrheit ansehen, wenn aus 
dem Gesetz der bestimmten Anzahl mit unausweichlicher Nothwendig- 
keit folgt, dass alle periodischen Natiu-processe irgend einen Anfang 
gehabt haben müssen, und dass überhaupt alle Diflferenzenbildung, 



— 65 — 

vermöge deren sich eine Abfolge verscliiedener Realitäten vollzieht, 
in jeder Gattung auf ein erstes Glied zurückweise. Alle Mannich- 
faltigkeiten der Natur, die einander folgen, müssen hienach als in 
einem sich selbst gleichen Zustande wurzelnd angesehen werden; 
denn nur die völlige Sichselbstgleichheit kann ohne Widerspruch 
gegen jenes Gesetz der bestimmten Anzahl als von Ewigkeit her 
bestehend gedacht werden. Aber auch diese letztere Yorstellung 
würde ausgeschlossen sein, wenn die Zeit an sich selbst aus realen 
Theilen bestände und nicht vielmehr blos durch die ideelle Setzung 
der Möglichkeiten von unserm Verstände nach Belieben eingetheilt 
würde. Mit dem realen und in sich unterschiedenen Zeitmhalt hat 
es eine andere Bewandtniss; diese wirkliche Erfüllung der Zeit mit 
unterscheidbar gearteten Thatsachen schafft das differente Spiel und 
schhesslich das eigentliche Leben, und die Existenzformen dieses 
Bereichs gehören, eben ihrer Unters chiedenheit wegen, dem Zähl- 
baren an. Um kein Missverständniss zu erzeugen, sei jedoch auch 
bei dieser Gelegenheit wieder bemerkt, dass von diesen Nothwendig- 
keiten die Unentstandenheit des Seins und sogar die Ewigkeit einer 
noch nicht in Differenzen spielenden Natur nicht im Mindesten 
beeinträchtigt wird. Im Gegentheil ist das, was wir aus jenem 
Gesetz für die universelle Naturvorstellung gewinnen, nur die Be- 
seitigung eines Widerspruchs und einer thörichten Schranke unserer 
sonstigen Vorstellungen von der Existenz. Wer nicht im Stande ist, 
jede eigenthümliche Form, die sich in Wiederholungen bethätigt, als 
blosses Glied in einer bestimmt anhebenden Reihe zu betrachten, 
wird es auch nicht über sich gewinnen können, das Schicksal dieser 
Form irgend einmal vollendet zu denken. Kann er aber Letzteres 
nicht, so wird sich für ihn die Welt in die Schaalheit eines ewigen 
Wiederholungsspiels verkehren, und er wird weder das Neue in den 
Wandlungen begreifen, noch die Möglichkeit absehen, dass die Ver- 
nichtung der Differenzen der Ausgangspunkt für eine radical verän- 
derte Entwicklung werde. Vermöge derselben Nothwendigkeit , die 
den uns bekannten Reihen von Realitäten ihren Ursprung vermittelt 
hat, sind auch andere Reihen zu gewärtigen, und die Vorstellung 
von der Natur verliert durch diesen unabweisbaren Charakterzug ihre 
herkömmliche Beschränktheit. 

Wir würden jedoch die Naturansicht, welche uns das Gesetz 
der bestimmten Anzahl gelten zu lassen gebietet, nur sehr roh ge- 
stalten, wenn wir uns nicht zugleich der nothwendigen Stetigkeit 

Dühring, Ciirsus der Philosophie. 5 



— 66 — 

erinnerten, ohne welche eine Erkenntniss des zeitlichen und räum- 
lichen Universums unmöglich bleiben würde. Von jedem Begriff, 
der in der Gegenwart einer bestimmten Zeit und eines bestimmten 
Ortes seinen Anhaltspunkt hat, muss sich die Brücke zu den ent- 
legensten Zuständen schlagen lassen. Andernfalls wären weder die 
Erkenntniss noch die Natur ein zusammenhängendes System. Der 
Leitfaden der allgemeinen Verwandtschaft der Gattungen und Arten 
des Existirendeu darf uns in keiner Richtung entfallen, und selbst 
die nichtdifferenten Zustände der Sichselbstgleichheit müssen uns in 
irgend einer Form verständlich werden. Die allgemeine Materie ist 
hier nun wiederum das Medium, in welchem wir sowohl mit unsem 
Begriffen als mit den Thatsachen Ruhe finden. Sie hat das zeit- 
liche Differenzenspiel nicht zur Voraussetzung und kann insofern von 
keinem Entstehen und Vergehen berührt werden. Sie ist für die 
Vergangenheit wie für die Zukunft das Element, an welchem alle 
thörichten Schöpfungs- und Vernichtungsideen zu Schanden werden 
müssen. Ehe wir jedoch auf ihr Wesen näher eingehen, müssen wir 
unserm leitenden Ausgangspunkt, der das Gesetz der bestimmten 
Anzahl war, noch erst die weitere Erörterung der mathematischen 
Kategorien folgen lassen. 

4. Die ideelle Unbeschränktheit der Raumvorstellung kann im 
Realen nicht die widersinnige Bedeutung einer an sich seienden 
Unendhchkeit haben, sondern verbürgt nichts weiter, als dass die 
wirkliche Ausdehnbarkeit der Dinge ohne solche Hindemisse besteht, 
die nicht in ihnen selbst zu suchen wären. Der leere Raum, von 
welchem das kosmische Universum umgeben gedacht wird, ist eine 
nichtige Vorstellung, und kein reales Naturdenken wird dieselbe in 
besondern Fragen anders als negativ zu benutzen vermögen. Die 
ausgedehnte Reahtät ist etwas Anderes als die blosse Raumvorstel- 
lung und hat stets Grenzen. In der Naturerkenntuiss kommt es 
auf die Wirkung dieser ausgedehnten Realität in der gegenseitigen 
Beziehung ihrer materiellen Theile, nicht aber auf jene blosse Vor- 
stellung vom Räume an, die auch in den Träumen in gleicher Weise 
vorhanden ist. Das räumliche Weltbild wird daher, obwohl wir 
seine Umrisse empirisch noch nicht zu verzeichnen vermögen, doch 
im Allgemeinen ein sehr bestimmtes. Die reale Ausgedehntheit des 
Materiellen oder, mit andern Worten, die Erfüllung des Raumes hat 
ihre Grenzen und mithin auch an sich selbst irgend eine Gestalt. 
Es braucht wohl kaum besonders bemerkt zu werden, dass uns in 



— 67 — 

nnsenu Denken nicht nur nichts nöthigt, mit der Raumvorstelluug 
auch eine reale Erfüllung derselben ins Unendliche fortzusetzen, son- 
dern dass im Gegentheil in einer solchen Fortsetzung ein Wider- 
spruch gegen das vorher erörterte Gesetz der bestimmten Anzahl 
liegen würde. Reale Theile, die als gesonderte Existenzen als an 
sich vorhanden gedacht werden müssen, können eben nicht in un- 
beschränkter Menge gegeben sein. Hiemit verschliesst sich jene wüste 
Idee der räumlich unendhchen Wirklichkeit, wie sie z. B. in so zu 
sagen poetischer Unbefangenheit von Spinoza gehegt wurde. 

Der durch seine drei Dimensionen und indirect auch durch die 
geometrischen Axiome gekennzeichnete Raum ist der einzige, von 
dem wir einen Begriff haben können. Er ist derjenige, welcher die 
an sich seiende, durch reale Kräfte vermittelte Ausdehnung der Dinge 
in einem anschaulichen Bilde sichtbar werden lässt, und der daher 
nichts ausdrücken kann, was nicht an sich vorhanden wäre. Nur 
das subjective Bewusstsein, welches die Vorstellung als solche stets 
begleitet, ist natürlich in den Dingen selbst nicht zu suchen und 
daher auch nicht jene Production der blossen Vorstellungsform, auf 
deren Missverständniss die falsche Unendhchkeitsidee beruht. Die 
Gesetze der realen Ausdehnung ergeben sich, wenn man zu der 
Raumvorstellung noch begriffliche Verzeichnungen nach bestimmten 
Regeln hinzufügt. Die Geometrie kann mit der allgemeinen Vor- 
stellung des Raumes nichts ausrichten, wenn sie nicht die begriff- 
lichen Regeln des Entwurfs bestimmter Gebilde noch als weitere 
Voraussetzungen hinzunimmt. Die geometrische Nothwendigkeit hat 
also auch einen rein logischen Bestandtheil. Schon aus diesem 
Grunde sollte sich der mathematische Mysticismus hüten, die ver- 
schiedenen Räume, die er mit beliebigen Dimensionen zur Verfugung 
stellt, der Kritik dadurch in der ganzen Blosse der Widersinnigkeit 
zu zeigen, dass er nicht nur die Sätze der bisher gültigen Geometrie 
leugnet, sondern es auch unternimmt, neue Wahrheiten seines 
Schlages zum Besten zu geben. Wenn z. B. Gauss behauptete, dass 
die Summe der drei Winkel eines gradlinigen Dreiecks beliebig 
kleiner als zwei Rechte gemacht werden könne, sobald man nur die 
Seiten gross genug nehme, so war dies nicht etwa blos ein schlechter 
Spass oder der Anschein eines Widersinns, der vermittelst des be- 
kannten Jargons des Unendlichen entstanden wäre und sich in eine 
nüchterne Wahrheit auflösen liesse, — sondern es war ganz einfach 
eine mystische Bizarrerie, deren geschraubte Consequenzen unter den 

5* 



— 68 — 

Händen kleinerer Mathematiker uns schliesslich mit einer ganzen _ 
antieuklidischen Geometrie beglückt haben. Nicht genug, dass die I 
Parallelen im Unendlichen einen Winkel bilden und man daher aus 
drei Parallelen eine ebene Raumeinschliessung, nämlich ein Dreieck 
formiren kann; nicht genug, dass dies buchstäblich und nicht etwa 
im Sinne des Unendlichkeitsjargons alter Tradition verstanden wer- 
den soll ; nicht genug, dass ein Raum mit sieben oder zehn Dimen- 
sionen sich nach den neuen Aufschlüssen über die Geheimnisse der 
Natur schon so sehr von selbst versteht, dass derartige Conceptionen 
bereits wirklich und wahrhaft zum Kinderspiel geworden sind; — 
unter allen Ungeheuerlichkeiten dieser mystischen Brutstätte findet 
sich auch die köstliche Idee, dass grade Linien vermittelst des Un- 
endlichen in sich selbst zurückkehren. Hier wird offenbar die grade 
Linie zu einer mystischen Schlange, deren Kopf und Schwanz einander 
begrüssen, und alle solche Wunder verdankt man den neueii Räumen, 
die selbst wieder aus der Zauberkraft des Unendlichen gezeugt sind. 
Der schümmste Humor bei der Sache ist der, dass mau vor dieser 
neuen Mathematik nicht einmal grade ausspucken kann, ohne Ge- 
fahr zu laufen, dass einem durch Vermittlung der Unendlichkeit 
das Projectil von hinten wieder anfliege. Wer mir etwa unter dem 
Eindruck des Prestige, welches der Name Gauss auch in der falschen 
Richtung ausübt, nicht glauben will, findet eine kurze literarische 
Belegung der Thatsachen im letzten Capitel meiner Geschichte der 
Principien der Mechanik. Hier sei nur noch bemerkt, dass Gauss, 
der mit seiner grossen Autorität das Deliriren der kleinen ermöglicht 
und den ganzen, heut aufgeführten Wissenschaftsskandal durch seine 
gelegentliche Bizarrerie eingeleitet hat, philosophisch nicht minder 
roh, als in einigen speciellen Richtungen der reinen und angewandten 
Mathematik virtuos gewesen ist. Ein leicht erkennbares äusserliches 
Zeichen war die religiöse Beschränktheit und die gesellschaftliehe 
Anschauungsart, welche dieser Sohn des Maurers mit Behaglichkeit 
bis in das höchste Alter gepflegt und stets als etwas angesehen hat^ 
was über die moderne Denkweise und Gestaltungsart der Dinge er- 
haben wäre. So erklären sich aus der logischen Crudität seiner 
Welt- und Lebensansichten auch die fraglichen Verwicklungen mit 
dem mathematischen Mysticismus. Lassen wir jedoch dieses Neben- 
gebiet, zu dessen Beschreitung uns nur die ephemere Thorheit der 
Mode einer Generation veranlassen konnte. 

Der wichtigste eigentlich metaphysische Versuch, neben unsenn 



— 69 — 

bekannten Räume noch allerlei andere offenzuhalten, nämlich die 
Kantische Subjectivitäts- oder Idealitätslehre ist grade in dieser Hin- 
sicht das Widerspiel aller Wirklichkeitsphilosophie. Das einzige Be- 
deutende, was sie zu mehr als einer spiritualistischen Thorheit nach 
Swedenborgischem Muster machte, blieb für sie selbst eine Neben- 
sache, nämlich die Beseitigung des Undings von unendlichem Raum, 
welches die Mathematiker als eine an sich seiende Wirklichkeit gel- 
tend zu machen belieben. Die Form der Träume mit ihrem leeren 
Ausdehnungsrahmen ist keine an sich selbst vorhandene Realität, — 
dies und weder Mehr noch Weniger ist das haltbare aber vom Ur- 
heber selbst vernachlässigte, ja bisweilen durch Zweideutigkeiten ins 
Gegentheil verkehrte Element der Kantischen, übrigens in verhüllter 
Weise mystischen und für mystisch spiritualistische Zwecke gebrauch- 
ten Idealitätstheorie. In der That war ihr nicht nur das Berkeleysche 
Geisterreich, sondern auch dasjenige Swedenborgs nicht fremd ge- 
blieben, und die völlige Verzerrung, welche die natürhche Gedanken- 
haltung in der besondern Gestaltung der Kantischen Kategorien- 
scholastik erfuhr, ist zu einem gTossen Theil dem fortwährenden 
Schielen nach der sogenannten praktischen Begründung von mysti- 
schen Moral- und Religionsideen zuzuschreiben. 

Um gar keinen Zweifel übrig zu lassen, so sei noch ausdrücklich 
gesagt, dass die Wirklichkeitsphilosophie zwar nicht in der leeren 
Raumvorstellung, aber wohl in den räumlichen Beziehungen der 
Dinge etwas Absolutes sieht, was sich in jeder Auffassungsart den- 
kender Wesen auf gleiche Weise ausgedrückt finden muss. Die Ma- 
thematik der Bewohner anderer Weltkörper kann auf keinen andern 
Axiomen beruhen als die unsrige, und überhaupt müssen die Ele- 
mente, aus denen sich das Denken und Vorstellen zusammensetzt, 
ebensowohl überall dieselben sein, wie es die chemischen Bestand- 
theile der Körper sind. 

5. Im Begriff der Zeit ist die Form des unveränderten Bestehens 
sorgfältig von derjenigen der Veränderung, also von dem Wechsel 
der Elemente zu unterscheiden. Das sogenannte Fliessen der Zeit 
lässt sich nur als Grundgestalt von realen Unterschiedssetzungen in 
der Beschaffenheit der Vorgänge denken. Soweit wir ein Vor und 
Nach vorstellen, befinden wir uns in der Reihe des Abflusses realer 
Veränderungen. Die Abfolge in der Zeit oder, geuauer bezeichnet, 
die Zeitordnung, vermöge deren die Zeit eine bestimmte Entwick- 
lungsrichtung und nicht die entgegengesetzte nach der Seite dei* 



— 70 - 

Vergangenlieit hin hat, gehört offenbar zur Innern logischen Noth- 
wendigkeit alles Veränderungsspieles. Denken wir uns nun aber 
einen Zustand, der ohne Veränderungen ist und in seiner Sichselbst- 
gleichheit gar keine Unterschiede der Folge darbietet, so verwandelt 
sich auch der speciellere Zeitbegriff in die allgemeinere Idee des 
Seins. Was die Häufung einer leeren Dauer bedeuten solle, ist gar 
nicht erfindlich; denn sie hat nur dann einen Sinn, wenn ihr eine 
von Veränderungen erfüllte Dauer als Maass gegenübersteht. Ueber- 
haupt ist alle Dauer eine Häufung von Elementen, und woher soll 
in dem Ununterschiedenen eine solche Häufung kommen? Allerdings 
ist die Zeit auch die Form des Beharrens ; aber sie ist dies nur ver- 
möge des Gegensatzes, in welchem das Bleibende nur unter Beglei- 
tung von Veränderungen als solches wahrnehmbar wird. Mit diesem 
Gegensatz fällt auch der specifische Charakter des zeitlichen Wechsel- 
spiels fort, und wenn wir trotzdem eine leere Zeit unter allen Um- 
ständen denken müssen, so hat doch diese leere Zeit keineswegs 
entsprechende Eigenschaften, wie der leere Raum; denn in ihr ist 
keine Abfolge, sondern nur das gedacht, was an sich selbst eben- 
sowohl mit einem Sein als einem Nichts, also mit einer beharrlichen 
Realität oder der völligen Negation verträglich sein müsste. Es ist 
also nicht der Gedanke der Zeit selbst, sondern derjenige der Ma- 
terie, welcher uns nöthigt, alle Punkte unserer Zeitvorstellung zu 
erfüllen. Dies ist ein wichtiger Unterschied von der Raumvorstel- 
lung; denn bei der letzteren sind wir nicht genöthigt, die materielle 1 
Erfüllung hinzuzufügen, sondern gelangen im Gegentheil stets zur 1 
Begrenztheit des Materiellen. Wenn wir nun aber auch das Sein 
als Materie in keiner Vergangenheit und in keiner Zukanft auszu- 
schliessen vermögen, so liegt doch in dem Begriff der absoluten 
Materie keineswegs der Schematismus der Veränderungen. Hienach 
kann uns auch die Zeitvorstellung weder vorwärts noch rückwärts 
die Ewigkeit dieses Schematismus verbürgen. In den Rückbeziehuugen 
ist er von uns bereits positiv als unmöglich gekennzeichnet; in der 
Richtung auf die Zukunft bleibt er der Form nach stets ohne Wider- 
spruch denkbar; aber sein wirkliches Eintreten muss durch reale _ 
Beglaubigungen verbürgt werden. Unsere Kritik des Zeitbegriffs 1 
liefert also eine Naturvorstellung, in welcher nur eine sich selbst 
gleiche Materie für alle Ewigkeit zugelassen werden muss, aber 
keineswegs alle Zukunft mit dem Schematismus der Veränderung 
erfüllt zu sein brauchte. Die reale Welt im Räume kann nie anders 



— 71 — 

als von allen Seiten mit der Nichtigkeit des völlig Leeren umgeben 
vorgestellt werden; die reale Welt in der Zeit hat nur insofern, als 
sie ein Spiel von Veränderungen ist, eine noth wendige Anfangs- 
grenze und eine denkbare, aber nicht als nothwendig erwiesene End- 
grenze. Anstatt jedoch sich im völlig Leeren zu befinden, beginnt 
vielmehr in beiden Grenzpunkten eine absolute Wirklichkeit, näm- 
lich diejenige eines veränderungslosen Zustandes der Materie. Die 
Frage, ob das Spiel der Veränderungen irgend einmal ablaufen und 
wieder zu dem sich selbst gleichen Zustand der Materie zurückführen 
müsse, ist eine durchaus reale und insofern aus dem Begriff der Zeit 
nicht zu entscheidende. Wenn irgend etwas die Thorheit der rein 
formellen, einer materiellen und mechanischen Begründung erman- 
gelnden Schlüsse blosstellen kann, so ist es die Ohnmacht derjenigen 
Ueberlegungen, welche die realen Eigenschaften der Natursystematik 
zulänglich aus den Zeit- und Raumconceptionen herausklauben wollen. 
Nicht einmal der Gegensatz von Etwas und Nichts wird hiedurch 
berührt; denn das Nichts entspräche einer leeren Zeit ebensogut, als 
die volle Wirklichkeit der Materie. 

Aehnliche mystische Kühnheiten, wie wir sie bezüglich des 
Raumes angetroffen haben, sind der heutigen Mathematik auch be- 
züglich der Zeit nicht ganz fremd geblieben. Indessen sind diese 
Regungen noch zu untergeordnet, um eine nähere Befassung mit 
den entsprechenden Curiositäten zu erfordern. Nur sei bemerkt, dass 
die mathematisch physikalische Faselei sich gelegentlich dahin ver- 
stiegen hat, die alte gute Ordnung in der Zeitfolge durch die An- 
nahme einer andern Beziehung der Zeitpunkte ersetzen zu wollen, 
wobei z. B. ein mittlerer Zeitpunkt in der realen Beziehung erst 
übersprungen und dann wieder auf ihn zurückgegriffen würde. Hiemit 
wäre die Reise von der Zukunft in die Vergangenheit möglich ge- 
macht und das Monstrum der rückwärts fliessenden Zeit glücklich 
zur Welt gebracht. Man sieht hieraus, dass die kindische Phan- 
tastik, die nicht einmal mit Begriffen, sondern nur mit Wörtern ge- 
dankenlos spielt, doch wenigstens dazu gut ist, durch den Contrast 
den Unterschied zwischen Unsinn und Sinn lebendig zu veranschau- 
lichen. 

Die geometrische Bewegung oder, besser gesagt, die blosse An- 
schauung der Bewegimg setzt die Begriffe des Räumlichen und Zeit- 
lichen voraus, ohne diejenigen der Materie und mechanischen Kraft 
auch nur zu berühren. Jedoch muss man, wenn man diese blossen 



— 72 — 

Spuren der Bewegung wissenschaftlich selbständig behandeln will, 
immer irgend welche Regeln und Gesetze entwerfen, nach denen sie 
sich bezüglich der Geschwindigkeit und deren Aenderung richten 
sollen. Die ideell gesetzte Vorschrift vertritt alsdann das, was in 
der materiell mechanischen Wirklichkeit durch die Entwicklung und 
Combination gegeben wird. Nun ist schon die rein geometrische 
Ortsveränderung, ohne Rücksicht auf Geschwindigkeit, ein uralter 
Gegenstand von Widersprüchen, wie dies eingehend bei der Be- 
I sprechung der Eleaten in meiner Geschichte der Philosophie gezeigt 
wurde. Hier sei nur daran erinnert, dass diese Widersprüche nicht 
aus der Natur der Bewegung selbst und auch nicht aus dem Wesen 
des Raumes und der Zeit, sondern aus der Zulassung einer falschen 
Unendlichkeit stammen, und dass sie verschwinden, sobald in dieser 
Beziehung die richtigen Ideen Platz greifen. Das Wachsen aller 
stetigen Grössen fuhrt zu denselben Widersprüchen, wenn man die 
in falschen Stetigkeitsideen verhüllte Unendlichkeit nicht zu behan- 
deln weiss. Gegenwärtig müssen aber alle derartigen Schwierigkeiten 
als ausschliesslich historische Thatsachen betrachtet werden; denn 
vom Standpunkt der Wirklichkeitsphilosophie und der Logik des 
Unendhchen können sie sich nicht mehr einfinden. 

6. Die mathematischen Kategorien, wie wir sie bisher im Hin- 
blick auf die Naturvorstellung besprochen haben, werden erst wahr- 
haft bedeutend, wenn sie nicht mehr blos in gedanklicher Abtren- 
nung von der Wirklichkeit, sondern als Ausdruck der materiell 
mechanischen Beziehungen Geltung haben sollen. Die mechanischen 
und materiellen Realitäten, welche einer bestimmten Ausdehnungs- 
grösse der Dinge und ihrer Theile entsprechen, können als die 
eigentlichen Vertreter des real Räumlichen angesehen werden. Der 
räumliche Abstand materieller Körper ist etwas durchaus Reales; 
denn seine Bedeutung ist für das Dasein der Kräfte nicht gering- 
fügiger, als dasjenige der Materie an sich selbst. Mit jedem Abstand 
ist zugleich die Kraftdisposition zur Annäherung in einer bestimm- 
ten Form gegeben, Der räumliche Abstand ist daher selbst der 
Ausdruck eines mechanischen Verhältnisses, und sobald die reale 
Grundeigenschaft der Ausdehnungsgrössen in Betracht konmit, tritt 
das rein Ideelle der blossen Vorstellungsformen so entschieden in 
den Hintergrund, dass ein Zweifel über die absolute Existenz der 
räumlichen Beziehungen nicht mehr möglich ist. Die mechanischen 
Kategorien führen uns über das blosse Bild der Natur hinaus und 



— 73 — 

zeigen uns, dass diese Natur einen Knochenbau hat, der mit dem 
Schattenspiel eines blossen Geisterspuks gar sehr contrastirt. 

Materie und mechanische Kraft sind die beiden Fundamental- 
begriffe, mit denen wir die bildhafte Aeusserlichkeit der Dinge über- 
schreiten und in das Reich der constituirenden Eigenschaften ein- 
dringen. Auf diesem Gebiet sind alle Axiome etwas aus der all- 
gemeinen Erfahrung Entnommenes, aber nichtsdestoweniger von 
absoluter Nothwendigkeit, da wir durch die empiri^he Zergliederung 
die letzten Bestandtheile der Naturconstitution gewinnen. So ist 
das Galileische Beharrungs- oder Trägheitsaxiom zwar nur durch 
Schlüsse aufzufinden, aber eben nur durch solche Schlüsse, die sich 
an den erfahrungsmässigen Thatsachen der Natur bethätigen und in 
diesem Stoff die letzte einfache Verfahrungsart sichtbar machen, in 
welcher das betreffende Grundgesetz besteht. Die einfachen Opera- 
tionen und Elemente der Natur werden durch den sondernden Ver- 
stand sichtbar gemacht, und hiemit ergeben sich die objectiven 
Grundwahrheiten. Was wir von der Materie und der mechanischen 
Kraft wissen, haben wir daher aus der Naturerfahrung und nicht 
blos aus den Eigenschaften unseres Denkens gewonnen. 

Was ist die Materie ? Wir antworten, sie sei der Träger alles 
Wirklichen. Hienach giebt es auch keine mechanische Kraft, die 
ausserhalb der Materie und der Beziehung materieller Theile gesucht 
werden könnte. Die Materie ist nicht blos das Widerstehende im 
Räume ; sie ist weit mehr, indem sie den sich selbst gleichen Träger 
aller Veränderungen vorstellt. Die Unterschiede der verschiedenen 
Stoffe beeinträchtigen den allgemeinen Begriff des Materiellen keines- 
wegs ; denn durch alle diese Differenzen hindurch behauptet sich jenes 
Etwas, das den letzten Halt alles Seins bildet. Die mec hanische 
Kraft is t ein Zustjmd der Materie. Aendern sich die Verhältnisse 
in den Theilen der Materie, so ändern sich auch die Verhältnisse in 
den Theilen der mechanischen Kraft; aber die letztere bleibt nicht 
minder sich selbst gleich, als die Materie. Eine mechanische Kraf t 
im eng ern Sinne verstehen wir als die Ursache einer Veränderung, 
und nur, wo wir Veränderungen wahrnehmen, haben wir ein Recht, 
die einheitlichen Voraussetzungen derselben als Kräfte zu bezeichnen. 
Im Gleichgewicht ist ein besonderer Zustand des materiell Mecha- 
nischen gegeben; aber nur indem wir die constituirenden Elemente 
dieses Zustandes gesondert und als möglicherweise frei wirksam ver- 
anschlagen, begreifen wir sie als eigentliche Kräfte. Die letztem 



— 74 - 

beziehen sich nämlich stets auf eine räumhche Bewegung materieller 
Theile. Die Menge der materiellen Theile oder, mit andern Worten, 
das Quantum der Materie ist das, was wir technisch die Masse nen- 
nen. Die Natur muss hienach eine bestimmte Masse repräsentiren, 
und der räumliche Vertheilungszustand der letztern muss einer be- 
stimmten, als Ganzes unveränderlichen Kraffcgrösse entsprechen. Wo 
also eine Zusammenziehung eintritt, können wir sicher sein, dass 
ihr in einer andern Hinsicht entweder eine positive Ausdehnung 
oder die Ansammlung der Kraft zu einer solchen entsprechen werde. 
Wenigstens folgen diese Gegenseitigkeitsbeziehungen aus der Zu- 
sammengehörigkeit des Kraftzustandes mit seinem an sich unverän- 
derlichen Träger, der sich selbst gleichen und stets in gleichem 
Quantum vorhandenen Materie. Die Zustände der Kraft folgen den 
Zuständen der Materie, weil beide nur zwei Seiten einer und der- 
selben Wirklichkeit sind. Wir denken uns die Materie stets in 
irgend welchen räumlichen Verhältnissen ihrer Theile, und die Be- 
stimmungen dieser räumlichen Verhältnisse siud die mechanischen 
Kräfte im weiteren Sinne des Worts, also einschliesslich der Gründe 
des rein statischen Verhaltens. Wenn der gewöhnliche Sprachgebrauch 
das Wort Kraft in einem äusserst weiten Sinne, nämlich als Ursache 
jeder Art von Fähigkeit gelten lässt, so müssen wir uns in der 
Naturphilosophie hüten, den bestimmten Begriff der mechanischen 
Kraft auch nur mit den mannichfaltigen Specialkräften zu verwechseln, 
wie man sie jeder Gattung von Erscheinungen unterlegen kann. 
Schliesslich bleibt die mechanische Kraft das Fundament aller an- 
dern Bethätiguugsformen ; aber sie ist deswegen mit diesen Formen 
nicht identisch. 

Die logische Forderung einer Definition voller Reahtäten ist in 
dem gewöhnlichen Sinne gar nicht ausfdhrbai*, indem sie selbst auf 
einem Missverständniss der Tragweite rein ideeller Begriffsbestim- 
mungen beruht. Dagegen lässt sich jede gesonderte Realität, wenn 
auch nicht auf dem Wege der Zusammensetzung, so doch auf dem- 
jenigen der Trennung definiren, — ein Verfahren, welches ft'eilich 
der bisherigen Logik nicht bekannt war. Anstatt einen Gegenstand 
als eine Summe von Bestandtheilen darzustellen, kann man um da, 
wo er einfach ist, als den Rest einer Differenz sichtbar machen. 
Der engere Begriff der Materie, der nicht die volle Wirklichkeit des 
Seienden, sondern nur diejenige Seite dieser Wirklichkeit, die in der 
rationellen Mechanik als Augriffsobject der Kräfte gilt, vertreten soll, 



— 75 — 

— dieser engere Begriff der Materie lässt sich definitorisch gewinnen, 
indem man die Fülle des Realen zerlegt und die Kraftaffectionen in 
Gedanken absondert. Diese reale Abstraction, die in der Beschaffen- 
heit der Dinge selbst ihre Berechtigung hat, darf uns nun aber nicht 
darüber täuschen, dass derjenige Begriff der Materie, in welchem sie 
als volle Wirklichkeit einschhesslich ihrer Kraftzustände gefasst wird, 
der philosophisch maassgebende bleibt. Schon der Chemiker, ja sogar 
bereits der Physiker sieht in der Materie Mehr, als der blosse Me- 
chaniker. Wie sollte die Philosophie nicht einen noch volleren Be- 
griff von dem Träger aller körperlichen und geistigen Affectionen 
haben? Jene todten Reste einer fehlgreifenden Abstraction aber, 
yrie wir sie in den Vorstellungen von einer absolut passiven und 
affectionslosen Materie antreffen, sind für das gereiftere Denken un- 
brauchbar und in das Reich der voreiligen Begriffserdichtungen zu 
verweisen. Entblösst man die Materie aller Eigenschaften, so macht 
man sie in der That für die Erkenntniss zu einem Nichts. Nur in- 
dem man sie philosophisch als den Träger aller Wirklichkeit be- 
trachtet oder, mit andern Worten, der vollen, beharrenden Realität 
gleichsetzt, kann man in ihr zugleich das absolute Sein und in 
diesem alles üebrige erkennen. Die sich selbst gleiche Grösse des 
mechanischen Kraftvorraths wird alsdann zu einer sehr natürlichen 
Folge des allgemein Beharrlichen, welches sich nicht nur in der 
Materie an sich selbst, sondern auch in ihren Zuständen und Ver- 
hältnissen bewahrheiten muss. Spiritualistische oder wenigstens ideo- 
logische Abwege sind es dagegen, wenn man sich andererseits ein- 
gebildet hat, die Materie als ein Compositum sogenannter Kräfte, 
also etwa mit Kaut als eine Vereinigung von Abstossung und An- 
ziehung construiren und so die Fülle der Wirklichkeit durch scho- 
lastische Entitäten ersetzen zu können. Auch realistische Denker, 
wie August Comte, haben die Neigung, die Materie in blosse Kräfte 
aufzulösen, nicht bemeistern können. Unsere Auffassung hat mit 
keinem der bezeichneten beiden Abwege etwas gemein ; sie verbleibt 
innerhalb der vollen Wirkhchkeit und lässt daher die Kräfte oder 
verschiedenen Kraftäusserungen nur als Zustände der universellen 
Materie erscheinen. 



I 



— 76 — 

Zx^eites Oapitel- 
Grundgesetze des Universums. 

Die nähere Bestimmung, was ein Naturgesetz sei, ist in meh- 
reren Richtungen keineswegs selbstverständlich. Sogar im strengeren 
Denken pflegt man bei dem Ausdruck Gesetz zu einseitig blos die 
ursächliche Verbindung zu meinen und über der Causalität die Iden- 
tität zu vergessen. Wer das Gesetz als die ursächHche Verknüpfung 
zweier Elemente definirte, würde zwar eine grosse aber doch nicht 
<^e volle Tragweite des Begriffs wiedergeben. Die Gesetzmässigkeit 
beschränkt sich nicht auf die Verbindung von Thatsachen, sondern 
die Thatsachen oder Elemente in ihrer Einfachheit und Einerleiheit 
stellen schon an sich selbst Grundgesetze vor. Die sich selbst^leiche 
BehaiTung derselben Elemente, ohne die Einmischung irgend einer 
Veränderung, zählt als etwas Fundamentales zu der gesetzlichen 
Constitution der Dinge. Die Nothwendigkeit bekundet sich nicht 
blos in den Folgen von bestimmten Voraussetzungen^ sondern auch 
in den absoluten und in ihrer einfachen Sichselbstgleichheit unver- 
rückbaren Thatsachen, Es ist daher bereits ein engerer Sinn des 
Naturgesetzes, wenn man den Begriff desselben nur auf Verände- 
rungen bezieht. Am besten thun wir, indem wir sofort die schon 
früher angedeutete Eintheilung in zwei Classen, nämlich in Behar- 
rungsgesetze und in Entwicklungsgesetze, zm* Anwendung bringen. 
Eüebei ist aber daran zu erinnern, dass beide Gattungen von Natur- 
gesetzen praktisch nur in ihrem Gegensatz und mithin stets auch 
zugleich in Verbindung zur Sprache kommen können. Die grössere 
oder geringere Sichtbarkeit der einen Gattung in einem besondem 
Bereich der Natur ist noch keine Ausschliesslichkeit, sondern beide 
Schemata finden sich stets an einunddeinselben Gegenstande beisam- 
men. Der Kosmos oder das Universum, d. h. gegenwärtig die Ge- 
sammtheit der Weltkörper zeigen, sobald man von der organischen 
Welt auf ihnen absieht und sie als ein Ganzes von mechanischer 
und chemischer Masse betrachtet, vorzugsweise beharrliche Elemente 
und erst in zweiter Linie die Spuren der Entwickluugsantriebe. Im 
Gegensatz bietet das organische Dasein und noch mehr das bewusste 
Leben ein schnelles Wechselspiel von Veränderungen dar, in welchem 
ausser dem Rhythmus der Wiederholungen auch neue Gestalten her- 



— 77 — 

vortreten. Aber auch, auf diesem Gebiet dürfen über den Entwick- 
lungsgesetzen und der Entwicklungsgeschichte, die hier ihre aus- 
drucksvollste Vertretung finden, die Beharrungsgesetze und das Ste- 
tige, was sich durch alle Wandlungen hinzieht, nicht übersehen 
werden. Es würde auch eine wunderbare üngleichartigkeit sein, 
wenn das kosmische Universum und die in seinen einzelnen Welten 
vertretenen Organisationen nicht an demselben einheitlichen und 
vollständigen Typus der Gesetzmässigkeit Antheil hätten. Die Ge- 
schichte der Natur als eines mechanischen Ganzen hat nur als Unter- 
lage für die Geschichte empfindender Wesen einen Sinn. Ebenso 
haben die beharrhchen Elemente der Naturverfassung nur eine Be- 
deutung, wenn sie zugleich in der Constitution bewusster Wesen ein 
Analogon finden. Die äusserliche Natur und das innerliche Empfin- 
dungsleben sind so zu sagen aus einem Guss, so dass Beharrliches 
und Veränderliches in beiden Bereichen einander entsprechen müssen. 
Das allgemeine Schema besteht aber in einer Steigerung der Ver- 
änderlichkeit und des Wechselspiels ; die universelle Bühne des Lebens 
muss langsameren Veränderungen unterliegen, als das Leben selbst, 
und die höchsten Stufen des letzteren müssen die grösste Mannich- 
faltigkeit in das augenblickliche Bewusstsein zusammendrängen. 

Die Entwicklungsgesetze reihen Verschiedenes in der Zeit an- 
einander, und es ist durchaus nicht nothwendig, dass sich ein Vor- 
gang wiederhole, um gesetzmässig zu sein. Das Gesetz bezieht sich 
nicht blos auf das Allgemeine, sondern auch auf das Einzelne. Das 
Auftreten des Menschen auf der Erdoberfläche ist ein einmaliger, 
wenn auch stetig und langsam vollzogener Act, der sich, um als 
naturgesetzlich zu gelten, nicht etwa zu erneuem braucht. Auch 
wäre er um nichts weniger die Folge einer gesetzHchen Nothwendig- 
keit, wenn er auch auf andern Weltkörpern keine Analoga hätte. 
Obwohl es nun selbstverständlich ist, dass die Entwicklung denken- 
der Wesen ein Zubehör bestimmter Zustände der Materie sei und 
daher im Kosmos in einer grossen Anzahl von Wiederholungen vor- 
gekommen sein muss, vorkommt und vorkommen wird, so können 
wir doch das Nothwendigkeitsband und das Gesetzliche dieser Art 
von Vorgang nicht von der Vielfachheit der Anwendung desselben 
Schema in verschiedenem Stoffe abhängig machen, sondern auch ein 
einziger Act, wenn auch neben ihm Seinesgleichen ewig fehlte, würde 
trotzdem als eine unausweichliche Natursatzung und als ein Glied 
in der Kette des Zusammenhangs anzuerkennen sein. Alle neuen 



— 78 — 

Formen, die der Fortschritt der Natur auf den Schauplatz führt, 
haben die Eigenschaft, keine völlig identischen Vorgänger aufweisen 
zu können, und in der That würde alles Sein ein blosser Kreislauf 
bleiben, wenn nicht neue Ansätze in der Entwicklung zu verzeichnen 
wären. Ja selbst der Kreis schliesst in sich selbst und abgesehen 
von seiner Wiederholung die Entwicklung des Verschiedenen derartig 
ein, dass man auch mit ihm dem Auftreten neuer Elemente nicht 
entgeht. Ein Raisonnement der reinen Identität könnte uns nur den 
Fortbestand eines regungslosen, ewig ungestörten Gleichgewichts 
begreiflich machen. Aber schon die geometrische Bewegung in ihrer 
rein ideellen Natur zeigt uns in unserm eignen Denken eine Macht, 
welche nicht bei den starren Identitäten beharrt, sondern neue For- 
men entwickelt und eigentliche Wandlungen vollzieht. 

Es ist ein hochwichtiger Schritt, das Naturgesetz auch in dem 
Hervortreten dessen zu begreifen, was in seiner Erscheinungsform 
Seiten aufweist, die früher sich noch niemals dargeboten haben. 
Hierin liegt das, was man in rationeller Weise als schöpferisches 
Verfahren der Natur anerkennen darf. Wie diese schaffenden Kräfte 
speciell zu denken seien, ist die Frage, in der sich die höchste aller 
Betrachtungen zuspitzt. Bei allen Beharrungs- und Wiederholungs- 
gesetzen lässt sich angeben, wie in ihrer Anwendung mit den Vor- 
bedingungen auch die zugehörigen Folgen eintreten müssen. Wir 
berufen uns nämlich ganz einfach auf die blosgelegten Schemata der 
Erfahrung und wir setzen die Elemente des Daseins so zusammen, 
wie es uns die Systematik unseres Denkens und der uns in diesem 
Falle offenliegenden Natur selbst vorschreibt. Wo dagegen, wie in 
den einmaligen und entlegenen Gesammtvorgängen , mit denen eine 
vereinzelte Wendung oder Epoche eintritt, die Natur in irgend einem 
Stücke die Grenzen ihrer bisherigen Verfahrungsart überschritten zu 
haben scheint, bleibt uns einzig und allein der Leitfaden der Stetig- 
keit als Mittel übrig, um einen verstandesmässigen und gesetzlichen 
Zusammenhang aufzufinden. Wir wehren uns gleichsam gegen das 
Neue in der Natur, weil hier das engere Gebiet der Gesetze wieder- 
holter Entwicklungen versagt. Dennoch müssen wir uns eben in 
dieser Richtung vollkommen schlüssig machen, wenn nicht das Uni- 
versum in der Zeitausdehnung eine mehr als blos räthselhafte, näm- 
lich eine verworrene und namentlich an ihren Endpunkten wüst 
geartete Vorstellung bleiben soll. 

2. Der Ürsprungszustand des Universums oder, deutlicher be- 



— 79 — 

zeichnet, eines veränderungslosen, keine zeitliche Häufung von Ver- 
schiedenheiten einschliessenden Seins der Materie, ist eine Frage, die 
nur derjenige Verstand abweisen kann, der in der Selbstverstümme- 
lung seiner Zeugungskraft den Gipfel der Weisheit sieht. Wenn 
man aber diesen verzweifelten Ausweg, für den Kant eine neue Form 
der Beschönigung unter dem Namen der Vernunftkritik erfanden 
hat, nicht wählen und das Denken nicht castriren will, so eröffnet 
sich eine Arbeit von grossem Gewicht. Was wir vorher als Zu- 
spitzung der Frage nach dem Üebergang zum Verschiedenen erkann- 
ten, meldet sich hier in der am meisten gesteigerten Form an. Das 
Heraustreten des rhythmischen Wechselspiels der Vorgänge aus einem 
sich selbst gleichen Zustande ist nach unsern früheren Erörterungen 
ein unausweichlicher Gedanke. Die zeitliche Ausdehnung realer Vor- 
gänge lässt sich stets unter dem Bilde einer endlichen graden Linie 
von bestimmter Grösse veranschaulichen. Das Wechseln der Ver- 
schiedenheiten muss auf dieser Linie durch discrete Punkte ange- 
deutet werden. Ausserdem muss man noch eine Richtung des Durch- 
laufens der Linie feststellen, und hiedurch wird sich der Anfangspunkt 
wesentlich unterscheiden. Verlängert man die Linie über den An- 
fangspunkt zurück, so kann die feinere Markinmg und die Weglassung 
der discreten Punkte jenen stetigen Urzustand wenigstens annähernd 
symbohsiren. Jedoch mischt sich in diese Art von Symbol leicht 
die Vorstellung einer leeren Dauer, die in der That nicht am Platze 
ist. Wie früher auseinandergesetzt, fehlt es nicht an der Erfüllung 
mit der Materie, aber wohl an dem zeitlichen Wechselspiel von Ent- 
stehung und Vernichtung und mithin auch an der Grundform des 
engern Zeitbegriffs, vermöge dessen die Häufung des Gleichartigen 
und mithin die eigentliche Zeitgrösse oder Dauer in Betrachtung 
kommen könnte. Wollten wir nun mit blossen Beharrungsgesetzen 
aus jenem ursprünglichen Zustande in das bestimmte zeitliche Spiel 
der Veränderungen eintreten, so wäre dies offenbar ein in sich wider- 
sprechendes Unternehmen. Die absolute Identität jenes anfänglichen 
Grenzzustandes liefert an sich selbst kein Uebergangsprincip. Erin- 
nern wir uns jedoch, dass es mit jedem kleinsten neuen Gliede in 
der uns wohlbekannten Daseinskette im Grunde eine gleiche Be- 
wandtniss hat. Wer also in dem vorliegenden Hauptfall Schwierig- 
keiten erheben will, mag zusehen, dass er sie sich nicht bei weniger 
scheinbaren Gelegenheiten erlasse. Ueberdies steht die Einschaltungs- 
möglichkeit von allmälig graduirten Zwischenzuständen und mithin 



— 80 — 

die Brücke der Stetigkeit offen, um rückwärts bis zu dem Erlöschen 
des Wechselspiels zu gelangen. Rein begrifflich hilft freilich diese 
Stetigkeit nicht über den Hauptgedanken hinweg, aber sie ist uns - 
die Grundform aller Gesetzmässigkeit und jedes sonst bekannten 
üebergangs, so dass wir ein Recht haben, sie auch als Vermittlung 
zwischen jenem ersten Gleichgewicht und dessen Störung zu ge- 
brauchen. Dächten wir uns nun aber das so zu sagen regungslose 
Gleichgewicht nach Maassgabe der Begriffe, die in unserer heutigen 
Mechanik ohne sonderliche Anstandnahme zugelassen werden, so 
Hesse sich gar nicht angeben, wie die Materie zu dem Veränderungs- 
spiel gelangt sein könnte. Jedes strenge Gleichgewichtssystem, wie 
wir es mathematisch genau vorstellen, trägt in sich selbst keinen 
Grund dynamischer Vorgänge. Das Dynamische in den Zuständen 
der Materie konnte daher in ihrem statischen Verhalten nicht an- 
gelegt sein, — vorausgesetzt, dass unsere Begriffe von der Statik in 
ihrer jetzigen mathematischen Fassung nicht eine reale Modification 
zulassen. 

Umgekehrt können wir von der heutigen Dynamik mit den 
verfügbaren Principien nie auf eine ürsprungsstatik zurückschliessen, 
sondern es wird im Gegentheil das Gesetz der Unveränderlichkeit 
des mechanischen Kraffcvorraths entgegenzustehen scheinen. Bis jetzt 
giebt es in der rationellen Mechanik keine Brücke zwischen dem 
streng Statischen und dem Dynamischen. Wollte man diesen Mangel 
als eine positive Wahrheit nehmen und Speculationen darauf grün- 
den, so könnte man getrost behaupten, das im Gleichgewicht Be- 
findliche vermehre und vermindere sich nicht, und der dynamische 
Bewegungszustand bleibe ewig, was er sei, ohne jemals in das streng 
statische Verhalten überzugehen. Die Vertheilung der Materie und 
hiemit ihrer Kräftezustände ist nun aber das grosse, bis jetzt wenig 
erforschte Mittel, um in Rücksicht auf Bewegung und Ruhe die be- 
deutendsten Formverschiedenheiten hervorzubringen. Die Verwand- 
lung von Massenbewegung in Theilchenbeweguug ist die leitende 
Idee, durch welche man sich die Vertheilung der in ihrer Grösse 
sich gleichbleibenden mechanischen Kraftmenge gegenwärtig hin- 
reichend exact vorzustellen glaubt. Mit jeder Bewegungsveränderung 
in den Theilchen der Materie wird nun aber auch eine andere sta- 
tische Affection derselben miterzeugt. Es giebt nämlich kein dyna- 
misches Verhältniss, mit welchem nicht zugleich im Antagonismus 
der Kräfte eine partielle Aufhebung und mithin eine Art von rela- 



— 81 — 

tivem Gleichgewicht gegeben wäre. Vielleicht wäre es daher zu- 
treffender, wenn man im Allgemeinen sagte, dass die gleichartige 
Gesammtaffection grosser Massen in die Affection kleiner Theilchen 
mit selbständiger Verschiedenheit und sogar mit einem Antagonismus 
des gegenseitigen Verhaltens aufgelöst werde. Wie diese Formver- 
änderungen d. h. Vertheilungen der mechanischen Affectionen der 
Materie erfolgen, dafür haben wir bis jetzt kein allgemeines Princip 
zur Verfügung, und wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn diese 
Vorgänge ein wenig in das Dunkle auslaufen. Die nähere Bezeich- 
nung dieser Dunkelheit dürfte aber vielleicht zur schliesslichen Auf- 
hellung beitragen. 

Der Antagonismus der mechanischen Kräfte ist ein Grundschema 
des Universums. Wir können uns weder statisch noch dynamisch 
zwei materielle Theile in einem gegenseitigen Kraftverhältniss und 
mithin keine einzige reale Wirkung denken, bei welcher nicht im 
Gegensatz der Richtungen ein Widerstreit ins Spiel käme. Nur die 
Trägheitsbeharrung könnte den Schein einer Ausnahme liefern ; aber 
in diesem Fall fehlt es auch an jeder realen Wirkung und an jeder 
Kraftbethätigung. Abgesehen von der in dieser Hinsicht unzweifel- 
haften Entwicklung der Kräfte an Widerständen, die nach und nach 
überwunden werden, ist auch diejenige Bethätigung, die in der blossen 
Dauer des statischen Verhaltens besteht, unter die allgemeine Form 
des Antagonismus aufzunehmen. Der rein mathematische Gedanke 
des strengen Gleichgewichts bleibt unberührt, wenn man in der 
realen Gegenseitigkeit gleich grosser Hinderungen und Bestrebungen 
der Bewegung solche Affectionen voraussetzt, in denen mehr als die 
blosse Trägheit vertreten ist, wie sie sich in dem vom Antagonismus 
freien Zustande äussert. 

Es giebt nun eine allgemeine Erfahrung, nach welcher jeder 
Mechanismus, sei er eine künsthche oder natürliche Einrichtung, 
finde er sich im unorganischen oder organischen Gebiet, habe er 
kosmische Dimensionen oder die des kleinsten lebenden Wesens, — 
die thätigen Kräfte verbraucht, abnutzt und also in irgend einer 
Form an das allgemeine Medium der Materie überträgt. Wissen- 
schaftlich würde man sich noch genauer ausdrücken, wenn man An- 
gesichts des Gesetzes der Gleichheit der Kraftmenge in der Action 
und Reaction blos von einer Vertheilung oder Diffusion der Kraft- 
elemente redete. Diese Vertheilung oder Diffusion genügt aber auch, 
um jede specielle Anordnung der Triebkräfte rückgängig zu machen, 

Dii bring, Cuisus der Philosophie. C 



— 8-2 - 

und diese Art von mechanischer Rückbildung kann uns indirect eine 
Bürgschaft für die Denkbarkeit des ursprünghch umgekehrten Vor- 
gangs werden. In demselben Sinne, in welchem wir eine Vernich- 
tung zulassen, müssen wir auch eine schaffende Formgebung, also 
einen Uebergang aus einem Vertheilungszustand der Materie in einen 
andern auf dem positiven Wege anerkennen. Wer nach den Ge- 
setzen der Anordnung fragen sollte, dem antworten wir, dass man 
bis jetzt nur die Unzerstörlichkeit der Materie und der mechanischen 
Kraft als Gesammtgrössen und in ihren Elementen, aber so gut wie 
noch nichts über die Gruppirungsprincipien festgestellt hat. Die 
Formverwandlungen berühren den quantitativen Vorrath des Mediums 
nicht im Mindesten, und wir können daher auch die Idee zulassen, 
dass die örtliche Vermehrung oder Verminderung der Kraftelemente 
selbst derjenige mechanische Vorgang ist, vermöge dessen durch eine 
allmälige Vertheilung ebensogut das vollständige Gleichgewicht wie 
die Störung desselben und der Uebergang zwischen beiden verständ- 
lich werden könne. Die örtliche Anhäufung oder Vertheüung ist 
nun zwar selbst ein mechanischer Act, bezieht sich aber, was nicht 
zu übersehen ist, nicht auf den Vorrath, sondern auf dessen specielle 
Vertheilungsform und fällt insofern nicht unter das Gesetz der ab- 
soluten ünveränderlichkeit. Irgend eine Form ist im Gegensatz zur 
undenkbaren Formlosigkeit allerdings stets vorauszusetzen; aber es 
ist nicht nothwendig, dass diese Form das dynamische Wechselspiel 
einschliesse und mithin den Widersinn einer Unzahl von abgelaufe- 
nen Acten producirt habe. 

3. Das Bild des Universums, wie wir es uns bisher hingezeichnet 
haben, hat seine Beglaubigung theils in Nothwendigkeiten der rein 
ideellcD Logik, theils in den gegebenen Thatsachen und Analogien 
der Gegenwart. Alle wahre Wissenschaft hat ihren Ausgangspunkt 
in gegenwärtigen Thatsachen, und wenn wir den Begriff der sich 
selbst gleichen Beharrung nicht unmittelbar aus dem Verhalten der 
Materie und der mechanischen Kräfte mit einem realen Inhalt hätten 
ausstatten können, so würde unsere Urspruugsvorstellung in der Un- 
bestimmtheit rein logischer Formen verblieben sein. Was uns aber 
überhaupt genöthigt hat, die Unendlichkeitsdimensioneu des Univer- 
sums in zwei Beziehungen, nämlich im Räume und rückwärts in der 
Zeit, gleichsam abzuschneiden und eine wahre Unendlichkeit nur in 
der Richtung auf das Zukuuftsspiel der Vorgänge offenzulassen, ist 
eine apriorische Wahrheit gewesen, zu der sich für die Ursprungs- 



— 83 — 

Vorstellung nur noch die reale Thatsächlichkeit der veränderungs- 
losen Materie gesellte. Unser Weltbild hätte sich erheblich anders 
gestalten können, wenn jene logische Nothwendigkeit mit ihrer Aus- 
schliessung der falschen Unendlichkeiten nicht wäre. Um des Con- 
trastes willen wollen wir aber auch das falsche Bild vom Universum 
kurz kennzeichnen. Die gedankenlose Imagination projicirt hier rück- 
wärts ins Unendliche ein ewiges Wechselspiel, welches sich mehr 
oder minder nach Art der heutigen Vorgänge in einer unendlichen 
Anzahl von Acten und mithin von jeher vollzogen haben soll. Was 
die räumliche Ausdehnung anbetrifft, so werden im eigentlichen Sinne 
des Worts zahllose Weltkörper oder, mit andern Worten, unendliche 
Häufungen der Materie angenommen. Der realen Unendlichkeit des 
Raumes soll auch eine Erfüllung von gleich wüster Unendlichkeit 
entsprechen; jedoch ist diese Vorstellung nicht so fest ausgeprägt, 
wie diejenige von der Vergangenheit. Bezüglich der Zukunft trifft 
die wüste Idee vom Universum anscheinend mit unsem rationellen 
Anschauungen zusammen; aber dennoch ergiebt sich auch hier bei 
näherer Betrachtung ein nicht unerheblicher Unterschied. Wir be- 
haupten nämlich nichts weiter, als dass der Unendlichkeit ideell in 
dieser Richtung nichts entgegensteht, und wir verlangen überdies 
eiuen in der gegenwärtigen Realität und mithin in der objectiveu 
Mechanik selbst belegenen Grund, um die ewige Fortsetzung der 
Formwandlungen und der Häufung unterschiedener Acte als noth- 
wendig zu erkennen. Haben wir einmal in der Vergangenheit den 
allmäligen Uebergang aus einem sich selbst gleichen Zustande der 
Materie zu differenten Gestaltungen als Anfangspunkt setzen müssen, 
so dürfte es auch wohl keine unerhörte Conception sein, zu dem 
Anfangspunkt auch einen Endpunkt als rein ideelle Möglichkeit 
offenzulassen. Ein sich selbst gleicher Zustand der Materie könnte 
ebensowohl am Horizont der Zukunft den Untergang, als am Hori- 
zont der Vergangenheit den Aufgang des dazwischenliegenden 
Wechselspiels von Entstehung und Vernichtung verbrämen. Es wird 
sogar eine Art des Denkens geben, für welche diese Uebereinstimmung 
von Ursprung und Ausgang grossen Reiz haben möchte; aber den- 
noch sind derartige Zukunftsperspectiven solange abzuweisen, als in 
der Realität nicht die sichern Spuren einer absoluten Rückbildung 
nachgewiesen und mechanische Schlüsse auf eine allgemeine Diffusion 
der materiellen Theile und der Kraftelemente in bestimmter Weise 
gezogen werden können. Was würde aber auch schliesslich in einer 






— 84 — 

solchen Vernichtung der zählbaren Acte des Wechselspiels und Be- 
seitigung des rastlosen Rhythmus der Oscillationen Anderes erzielt 
werden, als ein Zustand, dem die innere Anlage zu neuen Wand- 
lungen möglicherweise ebenso inwohnen könnte, wie dem ursprüng- 
lich sich selbst gleichen Verhalten der Materie? Die logische Noth- 
wendigkeit steht auch in ihrer realen Gestaltung, ebenso wie in der 
ideellen Form, über aller Zeit. Sowenig man bei einer mathema- 
tischen Wahrheit fragen kann, wie lange sie wahr sei oder wahr 
sein werde, ebensowenig kann man die absoluten Nothwendigkeiten 
des Realen von einer Dauer, sondern muss umgekehrt die Dauer 
und deren jedesmalige Grösse von jenen selbst abhängig machen. 
Ich will mich nicht darauf berufen, dass die colossale Ausdehnung 
der Zeiträume eine absolute Zukunftsvorstellung, wenn nicht für die 
Wissenschaft so doch für unser Gemüth und unsere ideelle Theil-l:i 
nehme am universellen Leben praktisch gleichgültig machte. Letz 
teres ist eben nicht der Fall, sobald man es mit den Wirkungen 
der Weltanschauung streng nimmt und sich nicht bei Annäherungen 
beruhigt. Für das praktische Eingreifen und das sich anschliessende 
Bewusstsein ist es freilich unerheblich, ob wir mit einzelnen Jahr- 
tausenden oder mit millionenfachen Abschnitten solcher Dauer rech-*| 
neu. Für die ideale Haltung unseres universellen LebensbewusstseinsJ 
ist aber der volle Libegriff aller Realität erst der entscheidende 1 
Grund der abschliessenden Gestaltung. Wie im räumlichen Univer 
sum die Gravitation aller materiellen Theile, so entfernt sie auch 
sein mögen, auf die Haltung eines einzelnen* Theilchens einwirkt^ 4 
so muss auch in den ideellen und realen Beziehungen der zeitlichen 
Ausdehnung das Entlegenste in Betracht kommen, und man wird 
das zeitliche Universum in keine wüste Unbestimmtheit verwandeln 
dürfen, wenn man sich nicht selbst in seiner Gedanken- und Ge-. j 
müthshaltung einen wüsten Zustand gefallen lassen will. f ' 

Nun versteht es sich von selbst, dass die Principien des Lebens- 
reizes mit ewiger Wiederholung derselben Formen nicht verträglich 
sind. Der tiefere logische Grund alles bewussten Lebens fordert da- 
her im strengsten Sinne des Worts eine Unerschöpflichkeit der Ge- 
bilde. Ist diese Unendlichkeit, vermöge deren immer neue Formen 
hervorgetrieben werden, an sich möglich? Die blosse Zahl der ma- 
teriellen Theile und Kraftelemente würde an sich die unendliche! | 
Häufting der CJombinationen ausschliessen , wenn nicht das stetige 
Medium des Raumes und der Zeit eine Unbeschränktheit der Varia- 



— 85 - 

tionen verbürgte. Aus dem, was zählbar ist, Tiann auch nur eine 
erschöpfbare Anzahl von Combinationen folgen. Aus dem aber, was 
seinem Wesen nach ohne Widerspruch gar nicht als etwas Zählbares 
concipirt werden darf, muss auch die unbeschränkte Mannichfaltig- 
keit der Lagen und Beziehungen hervorgehen können. Diese Un- 
beschränktheit, die wir für das Schicksal der Gestaltungen des Uni- 
versums in Anspruch nehmen, ist nun mit jeder Wandlung und selbst 
mit dem Eintreten eines Intervalls der annähernden Beharrung oder 
der vollständigen Sichselbstgleichheit, aber nicht mit dem Aufhören 
alles Wandels verträglich. Wer die Vorstellung von einem Sein 
cultiviren möchte, welches dem Ursprungszustande entspricht, sei 
daran erinnert, dass die zeitliche Entwicklung nur eine einzige reale 
Richtung hat, und dass die Causalität ebenfalls dieser Richtung ge- 
mäss ist. Es ist leichter, die Unterschiede zu verwischen, als sie 
festzuhalten, und es kostet daher wenig Mühe, mit Hinwegsetzung 
über die Kluft das Ende nach Analogie des Anfangs zu imaginiren. 
Hüten wir uns jedoch vor solchen oberflächlichen Voreiligkeiten; 
denn die einmal gegebene Existenz des Universums ist keine gleich- 
gültige Episode zwischen zwei Zuständen der Nacht, sondern der 
einzige feste und lichte Grund, von dem aus wir unsere Rückschlüsse 
und Vorwegnahmen bewerkstelligen. 

4. Ein universeller Zerstreuungszustand der Materie, der sich 
mit demjenigen der Gase vergleichen lässt, ist das Bild, zu dem 
eigentlich schon die Ionischen Naturdenker für die von ihnen ge- 
suchte Urbeschaffenheit des Weltalls gelangt sind. Wenden wir uns 
aber von Anaximenes über mehr als zwei Jahrtausende hinweg zu 
den neusten Vorstellungen, so hat besonders seit der Mitte des 
18. Jahrhunderts die Annahme eines Umebels eine neue Rolle ge- 
spielt, indem die Gravitationsidee und daneben auch die Wärme- 
ausstrahlung den Leitfaden bildeten, um aus der ursprünglich gas- 
förmigen Masse die festen Gebilde entstehen zu lassen. Die zweite 
Hälfte des 19. Jahrhunderts ist aber in dieser Richtung mit einem 
neuen Hülfsmittel ausgestattet, indem die Erkenn tniss der Wärme 
als einer molecularen Form der mechanischen Kraft und überhaupt 
die Einsicht in die Unveränderlichkeit des mechanischen Kraftvor- 
raths gestattet, die Rückschlüsse auf die früheren Zustände des Uni- 
versums weit bestimmter zu gestalten. Die Brücke, welche man 
zwischen Gravitation und Wärme geschlagen hat, und die Aussicht, 
in der exactesten Weise alle Formen der Naturkräfte auf ihre me- 



- 86 - 

chanische Grundform zurückzufuhren, zeigt uns das Universum als 
ein mechanisches System, in dessen Greschichte im letzten Funda- 
ment nur die verschiedenen mechanischen Zustände der Materie in 
Frage kommen. 

Um hier die blos historischen oder kritischen Weitläufigkeiten 
zu vermeiden, verweise ich bezüglich der Ionischen Naturdenker auf 
meine Geschichte der Philosophie und ausserdem rücksichtlich der 
unbefriedigenden und unexacten Form der Kantischen Nebeldeduc- 
tionen sowie der Enge des Laplaceschen Schema über die Consoli- 
dation des Sonnensystems auf meine Geschichte der Principien der 
Mechanik. Hier sei nur hervorgehoben, dass auch heute noch, troi 
der Vorstellung von der mechanischen Kraftidentität aller Natur- 
processe, der gasformige Zerstreuungszustand nur dann ein Ausgangs- 
punkt für ernsthafte Ableitungen sein kann, wenn man das in ihm 
gegebene mechanische System zuvor bestimmter zu kennzeichnen 
vermag. Andernfalls bleibt nicht nur die Idee in der That äusserst 
nebelhaft, sondern der ursprüngliche Nebel wird auch wirklich im 
Fortschritt der Ableitungen immer dichter und undurchdringlicher. 
In der Anordnung eines mechanischen Systems müssen alle Ver- 
änderungen angelegt sein. Als strenger Gleichgewichtszustand im 
Sinne der völligen Ruhe und mithin der gegenseitigen Aufhebung 
aller Bewegungskräfte lässt sich jene universelle Diffusion der Ma- 
terie und der mechanischen Kraft nicht denken; denn ein rein sta- 
tisches System kann aus sich selbst keinen Antrieb zur Bewegung 
haben und müsste daher in alle Ewigkeit in dem einmal gegebenen 
Zustande verharren. Hiezu kommt aber noch, dass an sich selbst 
die gasförmige Zerstreuung allen Versuchen widerstrebt, sie anders 
als in einem dynamischen Process begriffen vorzustellen. Man würde 
diso irgend ein dynamisches Stadium des Zerstreuungszustandes fixi- 
ren und von bestimmten Voraussetzungen der Entfernung der selb- 
ständigen Thcilchen, der räumlichen Anordnung und mathematischen 
Gonfiguration des Ganzen und der Theile, sowie von bestimmten 
Kräfteverhältnissen und überhaupt in jeder Beziehung von absoluten 
Grössen auszugehen haben. Die bestimmten Formen und Verhält- 
nisse, die man hiebei anzunehmen hätte, müssteu aber solange reine 
Willkürlichkeiten bleiben, als man zu ihnen nicht durch strenge 
Rückschlüsse vom gegenwärtigen Zustande des Universums in der 
zwingendsten Weise geführt wäre. Nun verbleibt aber vorläufig 
noch Alles im Vagen und Formlosen einer nicht naher bestimm- 



— 87 — 

baren Diffusiousidee. Die Spuren der gegenwärtig gegebenen Bil- 
dungen nöthigen allerdings zu der Annahme eines früheren flüssigen 
und noch früheren gasförmigen Zustande» des Universums. Um alle 
vorhandenen Gebilde, wie die Abplattung der Weltkörper, die Exi- 
stenz ihrer Gasumhüllungen und überhaupt die Schichtung der ver- 
schiedenen Dichtigkeitszustände vom Lichtäther bis zu den Massen-' 
ballungen hin zu begreifen, müssen wir annehmen, dass die Geschichte 
der Materie auf dem Durchlaufen einer Reihe von Zuständen und 
Epochen verschiedener Aggregation beruhe, und dass man ein Stück 
dieser Geschichte vor sich habe, wenn man die Zwischenvorgänge 
ins Auge fasst, deren Endpunkt die gegenwärtige Gliederung und 
deren Ausgangspunkt das Universum der Gase gewesen ist. 

Mit diesem Gasuniversum haben wir aber nur eine höchst luftige 
Conception, die weit davon entfernt ist, sich mit einem völlig iden- 
tischen Zustande des Weltmediums oder, anders ausgedrückt, mit 
dem sich selbst gleichen Zustande der Materie zu decken. Erstens 
ist es wenigstens denkbar, weim auch real nicht anzunehmen, dass 
der Zerstreuungszustand erst durch diffundirende Vorgänge aus einer 
andern Anordnung hervorgegangen sei. Von unmittelbaren Rück- 
schlüssen ist hier freilich keine Rede, und ausserdem würde jede vor- 
gängige festere Gestaltung schon ihrem Begriff nach auf eine noch 
entferntere Zerstreuungsform zurückdeuten; aber jene Idee ist inso- 
fern nicht ganz müssig, als sie uns bei der Annahme eines Wechsels 
von Diffusion und Contraction zeigt, wie wir von dem Standpunkt 
der gegenwärtigen Weltform doch immer auf irgend einen Zer- 
streuungszustand der Materie als den mechanisch entlegensten zurück- 
gewiesen werden. Zweitens sind die Eigenschaften des Zerstreuungs- 
zustandes mechanisch so geartet, dass sie nur für einen bestimmten 
ausdehnungslosen Augenbück ein veränderungsloses System bezeich- 
nen, übrigens aber auch in den kleinsten Zeitth eilchen bereits eine 
Wandlung einschliessen. Der allgemeinen Gattung nach unterscheidet 
sich also das Diffasionsstadium nicht von dem mechanischen Ver- 
änderungsspiel der gegenwärtigen Weltform. Es repräsentirt selbst 
eine Welt voller Veränderungen und erfordert daher eine rückwärts 
hegende Begrenzung. Es muss aus einem Zustande des Weltmediums 
entsprungen sein, der sich weder als rein statisch im heutigen Sinne 
dieser Vorstellung, noch als dynamisch begreifen lässt. Die Einheit 
von Materie und mechanischer Kraft, die wir als Weltmedium be- 
zeichnen, ist eine so zu sagen logisch reale Formel, um den sich 



— 88 - 

selbst gleichen Zustand der Materie als die ürvoranssetzung aller 
zählbaren Entwicklungsstadien anzuzeigen. Es ist aber von grosser 
Wichtigkeit, die Nothwendigkeit dieser ürsprungsidee, mit welcher 
nicht die Zeit überhaupt, aber wohl das zeitliche Wechselspiel von 
Veränderungen eingeleitet wird, nicht mit der physikalischen Nebel- 
vorstellung zu verwechseln. Allerdings haben wir in dem Gasuni- 
versum insofern eine Annäherung an den zeitlich unentwickelten 
Zustand, als die Mannichfaltigkeit der Formen in ihm noch nicht 
sonderlich weit ausgeprägt und hervorgetreten ist; aber diese appro- 
ximative Vereinfachung bleibt eben nur ein Bild, welches unsem 
entlegeneren Conceptionen die Richtung anweist. 

5. Wäre das, was man bereits mit dem stolzen Namen einer 
Mechanik der Wärme bezeichnet, mehr als ein epochemachender An- 
fang zu einer solchen Wissenschaft, so könnte die kosmische Physik 
etwas tiefer in die Geschichte der Materie und namentlich in die 
ürsprungszustände der Gebilde eindringen. Die Entdeckung Robert 
Mayers ist aber innerhalb des Menschenalters seit ihrer ersten un- 
beachteten Veröffentlichung in keiner Richtung sonderlich weiter 
gefördert worden, als er sie nach und nach selbst gebracht hat. 
Grade die wichtigsten kosmischen Anwendungen sind sein Werk, und 
vorzüglich ist es seine Mefceortheorie der Sonnenwärme, die auch 
überhaupt für das Universum und für die Urgeschichte der Materie 
einige Anknüpfungspunkte darbietet. Wer sich davon überzeugen 
will, wie illusorisch das ist, was ausser den Mayerschen Fundamenten 
in der mechanischen Wärmefcheorie und deren Anwendungen in neuen 
Richtungen prätendirt worden ist, achte in dem betreffenden Ab- 
schnitt meiner Geschichte der mechanischen Principien nicht blos 
auf das, was ausdrücklich gesagt und positiv angedeutet, sondern 
auch auf das, was mit einer für den literarisch Orientirten leicht 
bemerkbaren Absichtlichkeit weggelassen wurde. In diesem Gebiet 
hat grade die Verworrenheit und Ohnmacht, die keines einzigen 
eignen Gedankens fähig war, ihre Blosse hinter dem modernen 
Gegenstück der mittelalterlichen Scholastik, nämlich hinter einem 
kindisch eitlen und dabei noch an sich geschmacklosen Aufputz von 
analytischen Formeln zu verstecken gesucht und das Publicum zu 
einem grossen Theil auch wirklich mystificirt. Ueberdies ist durch 
die neue Entdeckung auch in den Reihen der Physiker mancher 
wirre Kopf zu einer neuen Art von Phantastik aufgeschüttelt und 
hiedurch unter den Fachleuten oft mehr Thorheit producirt worden. 



— 89 — 

als bei den sogenannten Naturphilosoplien des halbpoetischen Schlages 
heimisch zu sein pflegt. 

Bis jetzt ist die mechanische Wärmetheorie in ihrer unmittel- 
baren Gestalt und in ihrem eigensten Gebiet auf die Mayersche 
Aequivalentzahl , also auf die Gleichung zwischen Calorie und me- 
chanischer Arbeit beschränkt, d. h. eine gewisse thermometrische 
Erhöhung des Wärmezustandes einer Masse ist einer gewissen Er- 
hebung desselben Gewichts Wasser gegen die Schwere gleichzusetzen. 
In der immer genaueren Bestimmung der Anzahl von Kilogram- 
metem, die der Erwärmung eints Kilogramms Wasser um einen Grad 
entsprechen, fasst sich so ziemlich Alles zusammen, was durch die 
der Entdeckung nachfolgende Experimentirkunst gewonnen wurde. 
Nun ist der Mayersche Aequivalentsatz eine äussere Erfahrung, der 
eine innere Theorie zu Grunde lag. Sobald man diese innere Theorie, 
d. h. die Yorstellungen von den Causalitäts- und Identitätsverhält- 
nissen untersucht, die zwischen Wärmeveränderung und mechanischer 
Arbeit in Frage kommen, so hört die Einigkeit in der Auslegung 
der Thatsache sofort auf. Die Thatsache selbst besteht in einer 
quantitativen Zusammengehörigkeit. Man kann einen Wärmezustand 
von bestimmter Grösse zur Erzeugung einer bestimmten Menge me- 
chanischer Arbeit, also der Fortschaffung einer Masse gegen eine 
widerstehende Kraft, verwenden, und man kann ebenso die umge- 
kehrte Verwandlung vornehmen. Dies wäre also zunächst ein dop- 
peltes Causalverhältniss , und eine solche Doppelheit sowie die ein- 
heithche Messbarkeit kann nur gedacht werden, wenn man in den 
beiderlei Wirkungen etwas streng Identisches voraussetzt. Was ist 
nun dies Sichselbstgleiche, was zwar in der Zusammensetzung seiner 
Elemente die Form erheblich ändern, aber in seinem Bestände nicht 
vermehrt und vermindert werden kann? Es ist offenbar die mecha- 
nische Kraft; aber trotz dieser übereinstimmenden Antwort bleibt 
noch die bestimmtere Frage übrig, ob es nothweudig ein räumlicher 
Bewegungszustand sei, den wir als das Gemeinsame der verschiedenen 
Kraftformen anzusehen haben. Die Art des Maasses, mit welchem 
wir messen, giebt unserer Ansicht nach auch hier die unausweich- 
liche Antwort. Soweit die Naturprocesse mit einer Arbeitseinheit 
gemessen werden können, müssen sie auch selbst sämmtlich mecha- 
nische Arbeit, wenn auch nur in der molecularen Form sein. Der 
Entdecker selbst nahm dies nicht an, sondern meinte, dass räum- 
liche Bewegung als solche verschwinden müsse, damit eine andere 



— 90 — 

Kraftform, wie die nicht strahlende Wärme sei, auftreten könne. 
Hiemit ist nun freilich nur ein Räthsel aufgegeben, aber keines ge- 
löst. Dennoch müssen wir uns neben der gegen theiligen und vor- 
herrschenden Annahme der Auflösbarkeit aller Naturprocesse in 
eigentUche Bewegungen immer wieder erinnern, dass mit den Be- 
wegungszuständeu der Materie auch statische Verhältnisse gegeben 
sind, und dass diese letzteren an der mechanischen Arbeit kein Maass 
haben. Indirect sind sie vielmehr selbst solche Elemente, die sur 
Messbarkeit der mechanischen Arbeit nicht entbehrt werden können. 
Wenn wir früher die Natur als eine grosse Arbeiterin bezeichnet 
haben und diesen Ausdruck jetzt streng nehmen, so müssen wir noch 
hinzufügen, dass die sich selbst gleichen Zustände und ruhenden 
Verhältnisse keine mechanische Arbeit repräsentiren. Wir vermissen 
also wiederum die Brücke vom Statischen zum Dynamischen, und 
wenn die sogenannte latente Wärme big jetzt für die mechanische 
Theorie ein Anstoss geblieben ist, so müssen wir auch hierin einen 
Mangel anerkennen, der sich am wenigsten in den kosmischen An- 
wendungen verleugnen dürfte. 

Anstatt also mit herkömmlicher Naivetät die allerjüngsten und 
unreifsten Vorstellungen über die Wärmeerzeugung aus den Balluugs- 
oder Consolidationsprocessen der ursprünglich zerstreuten Materie des 
Universums als etwas Selbstverständliches zu wiederholen, machen 
wir vielmehr auf das Bedenkliche aufmerksam, was in der kosmo- 
gonischen Anwendung einer in einem Hauptpunkt der gemeinen 
Physik noch unzulänglich gebliebenen Theorie liegt. Die quantita- 
tiven Gesetze der statischen Gebundenheit oder therm ometrischen 
Indifferenz sowie des entsprechenden Freiwerdens der Wärme sind 
für die kosmogonische Mechanik sicherlich nicht gleichgültig, und 
Robert Mayer hat einen guten Tact für die Bemessung der bis jetzt 
möglichen Tragweite der Speculationen bekundet, indem er bei seiner 
Meteortheorie über die Unterhaltung der Sonnenwärme stehen blieb 
und keine moleculare Verallgemeinerung derselben vornahm. 

Die Mayersche Annahme über den fortwährenden Ersatz der 
ausgestrahlten Sonnenwärme beruht darauf, dass der mechanische 
Stoss bei gehöriger Geschwindigkeit den Körper so entschieden auf- 
löst und eine solche Wärmemenge erzeugt, wie es kein Verbrennungs- 
process bei einem gleichen Quantum Kohle und überhaupt keine 
chemische Entwicklung vermag. Wenn nun die im planetarischen 
Raum oder darüber hinaus zerstreuten kleineren kosmischen Körper 



I 



— 91 — 

sich in immer rascheren Umläufen der Sonne nähern und fortwäh- 
rend ein Theil davon auf dieselbe niederfällt, so wird die Verwand- 
lung der durch die grosse Geschwindigkeit dieser kleinen Massen 
repräsentirten mechanischen Kraft in die Form der Wärme so zu 
sagen eine andauernde Nachheizung der Sonne vorstellen. Mayer, 
der überhaupt von den kosmischen Schlüssen auf einen Untergang 
der Hauptbestandtheile des Sonnensystems nichts wissen will, hul- 
digt mit der fraglichen Theorie des Ersatzes der verlornen Sonnen- 
wärme einer Anschauungsart, nach welcher sich alle Vorgänge von 
bedenklicher Einseitigkeit durch Hergänge in entgegengesetzter 
Richtung ausgleichen. Obwohl nun dieses Princip, wenn man es 
nur hinreichend im Grossen anwendet, alle Analogien der Erfahrung 
für sich hat, so kann es doch in jenem besondern Fall nichts helfen. 
Die auf die Sonne fallenden Meteore des Weltraums oder vielmehr 
des ausschliesslich der Sonnenanziehung anheimfallenden und nicht 
von der Anziehung anderer Körper beherrschten Raumgebiets müssen 
sich erschöpfen, falls sie nicht immer neu gebildet werden. Eme 
Neubildung aus bereits zerstreuter Materie könnte aber auch nichts 
helfen; denn diese zerstreute Materie hat um nichts weniger ihre 
Grenzen und ihr Maass. Wenn daher nicht von der Sonne selbst 
eine neue Expansion ausgeht, so kann der Bestand der Wärme- 
strahlung nicht länger als jener Contractionsprocess der dem Sonnen- 
gebiet angehörigen Meteore und zerstreuten materiellen Theile ge- 
sichert erscheinen. Nun sind wir weit entfernt, diese rein hypothe- 
tische Consequenz als genügend anzusehen, um über das Schicksal 
des Sonnensystems endgültig zu urtheilen. Nur soviel ist klar, dass 
die fragliche Mayersche Vorstellung, die, in Ermangelung einer Er- 
fahrung über den vorausgesetzten Meteorfall auf die Sonne, nur eine 
vorläufige Hypothese bleibt, auch dann, wenn sie volle Gewissheit 
für sich hätte, die Wärmeökonomie des Sonnensystems als keine 
unbeschränkte Dauer gleicher Ausgabe und Einnahme zu kennzeich- 
nen vermöchte. 

6. Bei dem mechanischen Stoss von Massen kann die Frage 
der statisch zu bindenden Wärme solange in den Hintergrund treten, 
als man sich nicht mit Schmelzungs- oder Verflüchtigungsvorgängen 
beschäftigt. Im letzteren Fall und ausserdem für die umgekehrten 
Hergänge in der Richtung auf Verdichtmig der ursprünglich mole- 
cular zerstreuten Materie wird aber die Lücke in der mechanischen 
Wärmetheorie sehr erheblich. Noch weit allgemeiner können wir 



— 92 — 

aber den Punkt bezeichnen, bei welchem die grösste Vorsicht nöthig 
ist, indem wir bemerken, dass die Annäherung der Atome doch nicht 
ohne Weiteres nach den Gesetzen des Stosses behandelt werden darf. 
Die Rolle der Wärme bei den Verdichtungen der ursprünglich dif- 
fimdirten Gesammtmaterie des Universums ist keineswegs so leicht 
zu schematisiren, als man dies bisher zu bewerkstelHgen geglaubt hat. 

Da nun aber andererseits feststeht, dass die Wärme in den kos- 
mischen Bildungen mindestens ebensosehr betheiligt ist als die Gra- 
vitation, so werden alle eigentlichen Entwicklungsgesetze des Uni- 
versums vorläufig nur äusserst unvollkommen zu erkennen sein. Die 
Bildung der Planeten und hiemit der gegliederten Verfassung des 
Sonnensystems wird uns allerdings einigermaassen verständlich, wenn 
wir uns eine glühende Gasmasse mit einem Kerne und concentrisch 
verdichteten Schichten in Rotation und in der Abkühlung begriffen 
denken. Die vollständige Ablösung von Ringen mag dann am ent- 
legensten Ende beginnen und aus den verschiedenen Ringen ein 
Planet nach dem andern derartig entstehen, dass die dem Sonnen- 
kem näheren die geschichtlich späteren sind. Allein in diesem ganzen 
Hergang haben wir nur das Beispiel eines secundären Stadiums kos- 
mischer Geschichte vor uns. Die universelle Molecularzerstreuung 
der Materie enthält weder den Kern noch dieselbe Wärmevertheilung 
und kann noch nicht ohne weitere Nachweisung als etwa in einer 
einzigen Rotation begriffen gedacht werden. Wir finden hier, dass 
unsere Ableitungen und Entwicklungsvorstellungen von der Tragweite 
derjenigen Rückschlüsse abhängig sind, die wir auf die Beobachtung 
des gegenwärtigen Zustandes zu gründen vermögen. Die Kenntniss 
einer Entwicklungsform ist mithin von irgend einer thatsächlichen 
Beobachtung abhängig, die in irgend eine Gegenwart, also in das 
frühere oder spätere Wahmehmungsbereich denkender Wesen ge- 
fallen ist. Die physikalische Phantasie kann nichts weiter thun, als 
das, was sie im Kleinen beobachtet, in grösseren Dimensionen be- 
thätigen, und so ergiebt sich, dass die entwickelnden Mächte, welche 
uns die heutige Naturgestalt vor Augen legt, auch die Grundsätze 
für die Vorstellung alles Früheren und Späteren liefern müssen. 

Aus letzterem Umstände können wir eine Wahrheit gewinnen, 
die uns für die Mängel der bestimmteren Entwicklungsgesetze we- 
nigstens mit der Erkenntniss einer Haupteigenschaft des allgemeinen 
Schematismus entschädigt. Wenn die Gegenwart das Maass für die 
Vergangenheit und für die Zukunft wird, imd wenn die thatsächhche 



— 93 — 

Wirkimgsaxt der Kräfte im natürlichen Zustande das einzige mög- 
liche Musterbild für alle Operationen liefert, so giebt es keine eigent- 
lichen Weltkatastrophen. In jedem physikalischen Naturprocess wird 
die Wendung oder, wenn man es so nennen will, die Epoche, mit 
welcher ein Wechsel der Eigenschaften eintritt, durch quantitative 
Uebergänge langsam und in allmäliger Steigerung vorbereitet. Die 
sich verhältnissmässig rasch vollziehenden x4.ctionen, die wir, wie die 
elektrischen Entladungen, allenfalls als Musterbild jäher Katastrophen 
gebrauchen könnten, sind im ungestörten Gange der Natur und in 
Yergleichung mit dem umfassenden Gebiet des ruhigen Waltens der 
Kräfte nur von untergeordneter Bedeutung. Sie haben nicht jene 
Ungeheuerlichkeit an sich, mit welcher eine leichtsinnige Imagina- 
tion für den gesammten Weltprocess so freigebig zu sein pflegt. 

In einem engern, nicht eigentlich kosmischen Bereich, nämlich 
in der Geologie sowie in den organischen und vitalen Bildungen 
hat man die Annahme von Katastrophen, in denen ein früherer Zu- 
stand plötzlich untergegangen und mit einer neuen Schöpfung ver- 
tauscht worden wäre, jetzt glücklich beseitigt. Aber mit den Schick- 
salen des Universums oder auch nur unseres Sonnensystems spielt 
man noch so gemüthlich katastrophenhaft und sucht grade die Zu- 
kunft mit so abenteuerlichen Ideen heim, dass hier die Kritik und 
die tiefere Anschauung von der stetigen Gesetzmässigkeit aller Vor- 
gänge noch viel zu berichtigen haben. Unablässige Veränderung ist 
allerdings auch in diesen Universaldimensionen das Grundgesetz. 
Keine besondere Gestalt der Natur darf als absolut beständig an- 
gesehen werden, und in der Gegenwart arbeiten bereits alle Kräfte 
an der Gestaltung der Zukunft des Universums. Allein die in klei- 
neren Zeiträumen nicht einmal merkliche Art der Umwandlung ist 
auch diejenige Form, die man für die universelle Reihe der Ver- 
änderungen als maassgebeud voraussetzen muss. Sollten also z. B. 
wirklich die Planeten jemals bis zur Sonne gelangen, so würden sie 
äussei*st allmälig die Durchmesser ihrer Bahnen ändern, und es bHebe 
sogar eine stetige Anpassung ihrer organischen und vitalen Ausstat- 
tung an die neuen Verhältnisse denkbar. Ja es könnte in einem 
solchen Vorgang zum Theil auch eine Ausgleichung liegen; denn 
wenn die Wärmeleistungen der Sonne geringer würden, so müsste 
doch der nähergekommene Planet noch ebensoviel oder mehr Wärme 
erhalten können, als in einer seiner früheren Entfernungen. Sehen 
wir aber selbst von dieser Compensation ab, so ist schon die blosse 



— 94 — 

Stetigkeit ein hinreichender Grund, um die voreiligen Yemichtungs- 
ideen abzuweisen. Wenn das Menschengeschlecht oder die Gattungen 
auf andern Weltkörpem neuen Bildungen weichen, so wird dies 
durch allmälige Metamorphose und Aussterben, aber nicht durch 
einen plötzlichen Zerstörungs- und Schöpfungsact geschehen müssen; 
denn alle Analogien der Erfahrung weisen auf eine solche stille Ar- 
beit der Natur hin, und Nichts unterstützt den monströsen Gedanken, 
dass die Triebkräfte der Natur auf eine plötzliche Abreissung des 
einmal gesponnenen Fadens irgendwo angelegt wären. Wollte nun 
aber Jemand die hypothetische Consequenz, die sich an die Vorstel- 
lung eines widerstehenden Weltraummediums und an die in dieser 
Beziehung keineswegs unstreitigen mechanischen Wirkungen allen- 
falls knüpfen lässt, als thatsächliche Nothwendigkeit geltend machen 
und z. B. auf der schliesslichen Vereinigung der Planeten mit der 
Sonne bestehen, so würde allerdings der Stoss genau so eine Unter- 
brechung der Stetigkeit sein, wie er es in unsem gewöhnlichen phy- 
sikalischen Vorgängen ist. Ein schnelleres Tempo der Entwicklung 
würde eintreten; der Eigenschaftswechsel der Zustände würde sich 
in eine verhältnissmässig geringe Zeitausdehnung zusammendrängen 
und mithin eine eigenthche Wendung eintreten, wie wir sie z. B. bei 
plötzlichen Aenderungen der Aggregatzustände beobachten. Diese 
Wendung wäre aber noch lange nicht von der Art jener monströsen 
Katastrophen, die völlig unmotivirt und unvorbereitet eintreten. Die 
Naturstetigkeit verleugnet sich nirgend, indem sie auch dem rascheren 
Wechsel eine allmälig gesteigerte Reihe gehäufter Veränderungen 
vorangehen lässt. Wäre also ein solches Schicksal des Sonnensystems 
nothwendig, so würde doch zuvor die in Frage kommende vitale 
Welt allmälig abgespielt haben und einem natürlichen, aber keinem 
gewaltsamen Tode anheimgefallen sein. Hinterher würde mau nach 
derselben hypothetischen Consequenz für das Sonnensystem eine neue 
Verflüchtigung der vereinigten Materie anzunehmen haben; denn 
stellt man einmal solche planetarischen Stösse vor, so müssen sie 
auch hinreichen, die planetarische Materie vermöge der Erhitzung 
wieder ru zerstreuen und eine neue weit ausgreifende Umhüllung 
des Sonnenkernes zu liefern, so dass die Ring- und Planetenbildung, 
wenn auch vielleicht in kleinerem Maassstabe, wieder offenstände. 
Unsere Bemerkung über den kleineren Maassstab ist nicht über- 
flüssig; denn nach den fraglichen Annahmen würde das Sonnen- 
system als Ganzes einen Theil seiner Wärme und mithin seiner ver- 



— 95 — 

fiigbaren mechanischen Expansionskraft in den universellen Welt- 
raum difiFundirt oder, mifc andern Worten, auf die feinste Materie 
des Universums übertragen haben. 

Da der leere Raum als solcher kein Träger von Kräftewirkun- 
gen ist, sondern mit dem Leitfaden der Materialität auch die Kraft- 
bethätigung ihre Auswege und ihren Gegenstand verliert, so müsste, 
um in der Entwicklung der fraglichen Consequenzen für das Uni- 
versum fortzufahren, der Aether oder, wie man sonst jene feinste, 
den kosmischen Raum erfüllende Materie nennen mag, schliesslich 
der Empfänger und Depositar aller lebendigen mechanischen Kraft 
werden, die der Gesammtheit aller Sonnensysteme durch Abkühlung 
entströmt. Hiemit sind wir denn aber bei einem Punkte angelangt, 
wo sich das Wagniss der Physik offenbart. Die letztere weiss näm- 
lich bis jetzt nicht im Mindesten von den Zuständen oder gar Zu- 
standsänderungen des Aethers Rechenschaft zu geben, und der Ge- 
danke einer Rückwirkung des Aethers auf die geballten Massen ist 
zugleich zu unausw^ eichlich, als dass man von einer so dunklen 
Kenntniss des Weltenschicksals, bei welcher die kosmische Wärme- 
stjrahlung noch fast so wie ein Verlust in das Nichts behandelt wird, 
sonderlich befriedigt sein könnte. Nimmt man noch hinzu, dass der 
kosmische Antagonismus der zwei Formen der mechanischen Kraft, 
die wir als Wärme und als Gravitation erkennen, ein noch sehr 
dunkles Gebiet bildet, so muss die Zuversicht der obigen, aus einem 
einseitigen Schema gezogenen Folgerungen gewaltig erschüttert wer- 
den. Es bleibt mithin denkbar, dass sich das Spiel der Verände- 
rungen auch auf einem andern Wege in das Unbeschränkte fortsetze 
und mit neuen Gebilden bereichere. Wenigstens lässt sich eine 
Wiederauflösung des Universums in seine Bestandtheile noch nicht 
als innere reale Noth wendigkeit darthun, und wir können mithin 
einen beständigen Wechsel der Naturgestalten auch ohne die uni- 
verselle Auflösung concipiren. üebrigens käme aber auch auf eine 
solche Auflösungsbedingung nicht viel an, da ja unter allen Um- 
ständen irgend eine Art von Stetigkeit und in ihr die Beharrung 
der einfachen Elemente mit demselben Gesammtbestand von Materie 
und mechanischer Kraft gesichert bleibt. Durch diese Sicherung 
wird wenigstens den wüsten, ganz unwissenschaftlichen und spki- 
tistischen Enfanterien über ein einstiges Verschwinden der Materie 
und so zu sagen über einen jüngsten Tag aller Realität vorge- 
beugt. 




— 96 — 

7. Seit das Spectrum und mithin überhaupt alles Licht ein Er- 
kennungsmittel der chemischen Unterlagen seiner Erzeugung gewor- 
den ist oder, mit andern Worten, seit dem Aufkommen der Spectral- 
analyse ist die chemische Zusammensetzung des Universums nicht 
mehr ein unzugänglicher Gegenstand. Das Licht der Sonne hat uns 
auf der letztem solche Grundstoffe verrathen, wie sie auch in der 
Zusammensetzung der Erdenkörper eine Rolle spielen. Auch das 
Licht von sonstigen Fixsternen lehrt nichts Anderes, und so bleibt 
fiir den Denker nicht der geringste Zweifel, dass unsere wohlbekann- 
ten chemischen Elemente überall im Universum vertreten siud. Diese 
Einheitlichkeit der chemischen Weltcomposition ist eine neue Er- 
rungenschaft zur Aufdeckung der allgemeinen Systematik der Natur 
und erinnert uns nebenbei daran, auch in andern Richtungen lieber 
die allgemeine Gleichartigkeit, als die leere Vorstellung von etwas 
völlig Anderm zuzulassen. Die sich selbst gleiche Beharrung der 
chemischen Elemente in den Wandlungen der Art ihrer Zusammen- 
setzung kann als ein drittes Beharrungsgesetz zu jenen beiden an- 
gesehen werden, welche sich auf das Quantum der Materie und der 
mechanischen Kraft i^^ziehen. Das im Universum vorhandene Gold 
muss jederzeit diesei^l^i .Menge gewesen sein und kann sich ebenso- 
wenig wie die allgemeine Materie vermehrt oder vermindert haben. 
Dasselbe muss man von dem Wasserstoff oder jedem andern wirk- 
lichen Element sagen. Gesetzt auch die Chemie irrte in der Be- 
trachtung einiger Elemente als wirklicher Grundstoffe, so würde dies 
in der Hauptsache nichts ändern. Letzte einfache Bestandtheile 
müssen in irgend einer Anzahl unter allen Umständen übrig bleiben ; 
denn aus was sollte man sonst eine Zusammensetzung bewerkstelligt 
denken? Die Auflösung in ein einziges Element ist ein Widersinn. 
Wollte man aber den Gedanken der Zusammensetzung ganz aufgeben 
und die Qualitäten unserer Grundstoffe als rein mechanische Formen 
einer sonst völlig identischen Materie ansehen, so wäre man freilich 
wieder bei dem Goldmachen, wenn auch nicht durch Menschenhaud, 
80 doch durch einen ursprünglichen Naturprocess angelangt, und es 
meldete sich diö- Frage nach dem Ursprung der chemischen Arten 
in einer ähnlichen Weise an, wie diejenige nach dem Ausgangspunkt 
der organischen und vitalen Gattungen. Die Erzeugung der speci- 
fischen Unterschiede der einfachen Stoffe würde aber alsdann auf 
eine Differenzirung der^ Arten der Materie hinauslaufeo. Wir müssten 
abo erst aus der Gegenwart einen Naturprocess kennen, der etwas 



— 97 — 

von einer Wandlung dieser Arten an sich trüge, ehe wir das Recht 
hätten, an der absohiten Urspriinglichkeit und ewigen ünveränder- 
lichkeit der qualitativ verschiedenen Atome zu zweifeln. Selbstver- 
ständlich würde nur allein die mechanische Constitution innerhalb 
derselben einheitlichen Materie als letzter Grund der chemischen 
Fundamental Verschiedenheiten in Frage kommen können. Hiemit 
bliebe auch die Welt der chemischen Differenzen auf eine Mannich- 
faltigkeit in den Gestaltungen der gleichartigen Materie und ihrer 
Zustände vermöge der ebenso gleichartigen mechanischen Kraft be- 
s^chränkt, und es wäre durchaus noch keine ungeheuerliche Welt- 
auffassung, die Formverwandlungen in der Stufenleiter physikalischer 
Kräfte bei der Differenzirung der chemischen Elemente betheiligt zu 
denken. Indessen haben wir bis jetzt keinen thatsächlichen Erfah- 
ningsgrund, derartige Conceptionen für etwas Anderes als reine Will- 
kürlichkeiten der Imagination zu halten. In keinem natürlichen oder 
künstlichen Hergang wird die Sichselbstgleichheit der chemischen 
Elemente verleugnet, und so müssen wir ihre absolute Ursprünglich- 
keit als Grundgesetz des Universums anerkennen. 

Nach dem Bisherigen haben wir drei ^^ "h-Vviirigs- oder Be- 
sbändigkeitsgesetze und einen Grundcharakter :..rv.i:--jiintwicklung als 
schematische Eigenschaften des Systems der Dinge festgestellt. Der 
Grössenbestand der allgemeinen Materie und der einfachen Elemente 
und ebenso der Grössenbestand der mechanischen Kraft sind un- 
veränderlich, d. h. in jeder Vergangenheit wie in jeder Zukunft als 
einerlei vorauszusetzen. Hiezu kommt noch der Stetigkeitscharakter 
der Entwicklungen, vermöge dessen alle Wendungen durch eine Reihe 
von Yeränderungshäufungen elementarer Art vorbereitet sein müssen 
und mithin die ungeheuerlichen Katastrophen und überhaupt alle 
Mächte, die im gegenwärtigen Wirken der Natur ohne Analogon 
sind, völlig ausgeschlossen werden. Eigentliche Entwicklungsgesetze 
von grösserer Specialität und genügender Exactheit haben wir für 
den Kosmos, abgesehen von der Fortschrittsrichtung in der Conso- 
lidation und Gliederung der ursprünglich zerstreuten Materie, in 
völlig unbedenklicher Form nicht ausmachen können. Hiezu 
würde es eines Wissens bedürfen, welches bis jetzt noch mangelt. 
Man müsste nämlich vor allem Andern doch wenigstens über die 
Stufenleiter in den physikalischen Formbestimmungen der mechani- 
schen Kraft gut orientirt sein. Man müsste also z. B, angeben kön- 
nen, wie sich die Gravitation, die Wärme und die Elektricität zu 

Dühriug, Ciiisus der Piiilosopliie. 7 



— 98 — 

ilem allgemeinen Kraftmattrial verhalten, und wie sie in der Syste- 
matik der Natur gruppirt sind. Ausser der noch sehr vagen Idee 
von der Einheit und sogenannten Correlation der Naturkräfte, deren 
deutlicher Sinn sich auf die Identität des mechanischen Kraftfonds 
bezieht und empirisch bis jetzt nur für Wärme und Gravitation nach- 
gewiesen ist, — ausser jener noch sehr unbestimmten Anticipation 
besitzt man noch nichts, was als Rechenschaft über eine genetische 
Naturskala der Kräfte gelten könnte. Sogar über die fundamentalen 
Antagonismen ist man im Universum eigentHch nur in einem em- 
zigen Falle äusserlich klar, nämlich da, wo man die Gravitation 
durch eine gewöhnlich transversale ßeharrungsbewegung in einem 
so zu sagen beweglichen Gleichgevncht aufhebt. Alle andern Ideen 
über das Gegenspiel der Naturkräfte in der Mechanik des Univer- 
sums sind mehr oder minder dunkel, d. h. sie erfordern die Zurück- 
führung auf einfachere und exacter feststellbare Beziehungen. Aber 
auch in jenem deutlich erkannten Antagonismus ist die Natur seiner 
Glieder noch immer problematisch. Die Gravitation ist bis jetzt ein 
mathematischer, bei den physischen Körpern zwar als real nach- 
gewiesener, abe. »ängens unaufgeklärter Begriff geblieben. Die An- 
näherung der Mb.^s5^n nach Maassgabe der Menge der Materie und 
in gleicher Weise wie bei der Erdschwere ist sein einziges Kennzeichen, 
und die unvermittelte Art, in welcher die Wirkung in die Ferne als 
im absolut leeren Räume vor sich gehend vorgestellt werden muss, 
ist ein Mangel, zu dessen Wahrnehmung es nicht der Denkweise 
und des Standpunkts eines Huyghens bedarf. Allerdings wird mau, 
wenn man überhaupt von einem materiellen Theil zum andern eine 
Wirkung übertragen denken will, irgendwo mit den Einschaltungen 
von Vermittlungen Halt machen müssen, da sich der Fortschritt ins 
Schrankenlose hier grade nach unsern Grundsätzen am entschieden- 
sten verbietet. Auch der absolut leere Raum kann uns keine Schwierig- 
keiten machen; denn er kommt nach dem Axiom, welches wir als 
Princip des Leitfadens der Materialität bezeichnet haben, nur als 
Ausdruck eines mechanisch erheblichen Abstandes uud materieller 
Zustände, sonst aber gar nicht in Betracht. Dagegen dürfte es als 
ein allzu rascher Verzicht auf weitere Vermittlungen erscheinen, 
wenn man Angesichts der Erfüllung der kosmischen Zwischenräume 
mit einer das Licht und die Wärme fortpflanzenden Materie für 
immer mit dem mathematischen Begriff einer unmittelbar in kos- 
mische Fernen wirkenden Gravitation zufriedengestellt bleiben wollte. 



— 99 — 

Auch der Umstand, dass eine jede Action, die sich durch die Räume 
erstreckt, in allen andern Fällen irgend eine, wenn auch noch so 
kleine Zeitdauer zu ihrer Vollziehung in Anspruch nimmt, schliesst 
eine mächtige Analogie ein, der gegenüber die Ausnahme einer ein- 
zigen Naturkraft befremdlieh erscheinen muss und der Aufklärung 
bedarf. Wir sind also mit dem Grayitationssystem, soweit es mehr 
als eine materielle Mathematik sein oder werden soll, sicherlich noch 
nicht am Ende, und vielleicht ist die bedeutsame Epoche, die mit 
den Anfängen zur Mechanik der Wanne eingeleitet wurde, in ihren 
ferneren Consequenzen dazu bestimmt, auch etwas tiefer in das phy- 
sikalische Wesen der Gravitationsmechanik einzudringen. Allem An- 
schein nach stammt der Antagonismus der kosmischen, jetzt gewöhn- 
lich mehr oder minder transversalen Beharrungsbewegungen und der 
Tendenzen der allgemeinen Schwere aus einer einheitlichen Kraft- 
form, bei deren Differenzirung zu zwei verschiedeneu Bethätigungs- 
arten der Aether und die Wärme die wesentliche Rolle gespielt 
haben müssen. 

Das Universum ist ein Mechanismus, und ein solcher kann nicht 
ohne Systematik gedacht werden. Es muss daher eine einfache 
Grundform der Kraft geben, und die Bethätigung muss auf einer 
fundamentalen Doppelgestaltung beruhen. Ein Widerstand und eine 
Ueberwindung desselben müssen den Grundtypus aller Vorgänge 
bilden. Die Gravitation selbst oder eine höhere, sie einschliessende 
Beziehungsform der materiellen Theile kann nun im Universum als 
überall gültig vorausgesetzt werden; denn die Beobachtungen an den 
Doppelsternen bestätigen immer genauer die Vorwegnahme der Ana- 
logie und des Gedankens, dass die unumgängliche Grundform die 
Tendenz zu den räumlichen Annäherungen nach Maassgabe der 
Menge der Materie sei. Hiemit haben wir aber nur die eine Seite 
des Antagonismus vor uns, und da die kosmische Universalität der 
Wärme sogar empirisch weit leichter erkennbar ist, als diejenige 
der Schwere, so haben wir von der genaueren Kenntniss dieser 
Wirkungsform der Natur die umfassendsten Einsichten in den Ge- 
sammtmechanismus zu erwarten. Ueberdies sind die Beziehungen 
der Wärme zu den Atomgewichten und zu den Aenderungen der 
Aggregationsformen für die Constitution der Materie charakteristi- 
scher, als die blossen Affectionen des Gravitirens. Die für das Wesen 
der Dinge so intime Rolle der Wärme zeigt sich aber erst vollständig 
durch ihren Einfluss auf die specielle Gliederung der Gebilde und 



— 100 — 

schliesslich auf die Unterhaltung des Lebens. Wenn also ein höchstes 
und universelles Entwicklungsprincip einmal zugleich den Kosmos 
und das Leben auf den einzelnen Weltkörpem als nothwendige 
Gheder einer Kette von Wirkungen sichtbar machen sollte, so würde 
es aller Wahrscheinlichkeit nach den Mechanismus der Wärme als 
Grundgestalt enthalten müssen. 



IDrittes Oapitel. 
Organische Entwicklungsgesetze. 

Sobald wir von der kosmischen Weltverfassung und der näher 
bekannten Einrichtung unseres Sonnensystems zu dem Schicksal eines 
einzelnen Körpers, wie der Erde, übergehen, so gilt er uns wesent- 
lich nur als ein Schauplatz für organische und vitale Entwicklungen. 
Die Geologie ist ein Mittelglied zwischen der kosmischen Betrach- 
tung und der Aufmerksamkeit auf die Kette der Lebensformen. Die 
stetigen, mit plötzlichen und gewaltsamen Katastrophen unverträg- 
lichen, Entwicklungsideen haben im Eingang des 19. Jahrhunderts 
in Lamarck einen vielseitigen Vertreter gefanden, sind aber erst ein 
Menschenalter später durch Lyell in der Geologie zu umfassender 
und specieller Verwerthung und noch weit später zu allgemeiner 
Anerkennung gelangt. Nach diesen neuen AUmäligkeitsgrundsätzen 
sind die Kräfte, welche heut an der Veränderuug der Erdoberfläche 
arbeiten, an sich selbst und in ihrer stetigen Wirkungsart ebendie- 
selben, welche im Verlauf gewaltiger Zeitausdehnuugen die erheb- 
lichsten Umwandlungen hervorgebracht haben. In einer andern 
Richtung hat Lamarck auf eine für ihn besonders charakteristische 
Weise mehr als den blossen Anstoss zu einer neuen Auffassung der 
lebenden Welt gegeben. Er hat, und zwar namentlich in seiner 
Philosophie zoologique (1809), diejenige Theorie von dem Ursprung 
und der stetigen Bildung der Arten aufgestellt und durchgeführt, 
die 50 Jahre später von Darwin mit einigen theoretischen Zusätzen 
und neuen Thatsachen ausgestattet und so seit 1859 immer mehr 
zu einem allgemeinen Ferment geworden ist. Der sogenannte Dar- 
winismus enthält über die Lamarckschen Aufstellungen hinaus nur 
eia einziges, bei ihm markirter auftretendes und in alle Breite ver- 



— 101 — 

folgtes Entwicklungsprincip , nämlich das der Naturzüchtung ver- 
mittelst des sogenannten Kampfes ums Dasein. Der Ursprung der 
letzteren Vorstellung ist, wie es Darwin selbst eingestanden hat, in 
einer Verallgemeinerung der Ansichten des nationalökonomischen 
Bevölkerungstheoretikers Malthus zu suchen und demgemäss auch 
mit allen Schäden behaftet, die den priesterlich Malthusianischen 
Anschauungen über das Bevölkerungsgedränge eigen sind. Die Oeko- 
nomie der Natur ist in dieser Richtung nicht weniger einseitig auf- 
gefasst worden, als diejenige der Gesellschaft, und eö ist bereits ab- 
zusehen, dass die zweideutigen oder verwerflichen Elemente des 
Darwinismus ein ähnliches Schicksal haben werden, wie es den 
Malthusianismus bereits betroffen hat. Was bleiben wird, werden 
die Lamarckschen Ideen sein und vielleicht einige allgemeinere Vor- 
stellungen über die Häufung der Unterschiede vermöge solcher ge- 
schlechtlicher Combinationen und solcher Vererbungen, deren Voll- 
ziehung keineswegs in erster Linie durch einen Kampf um das Da- 
sein, sondern durch positive Gruppirungen und Triebe bestimmt zu 
denken ist. 

Innerhalb der ganzen Bewegung der Anschauungsweise, die im 
Verlauf des 19. Jahrhunderts zur Bethätigung gelangt ist, zeichnet 
sich als völlig berechtigtes Element die durchgreifende Vorstellung 
von einer universellen Fortschrittsrichtung der Entwicklungen aus. 
Der ursprüngliche Zustand wird möglichst einfach und ungegliedert 
gedacht, so dass die Mannichfaltigkeit der Formen und Fähigkeiten 
der Gebilde erst allmälig in immer höheren Steigerungen hervortritt. 
Auch scheint das eigentliche Chaos als Ursprungsvorstellung in jeder 
Richtung aufgegeben zu sein, und in der That kann sich nichts 
entschiedener Unphilosophisches in die Systematik der Natur ein- 
drängen, als die Idee einer wüsten, ungeordneten Durcheiuander- 
mischung aller Elemente. Das Ei, aus welchem sich das Huhn durch 
blos physikalische Wärme bilden kann, ist kein Chaos, sondern eine 
derartige typische Vorbildung, dass ein blosses Wärmespiel ausreicht, 
die zu der gegliederten Gestaltung eines empfindenden Wesens nö- 
thigen Gruppirungen zu veranlassen. Auch der Zerstreuungszustand 
der Materie kann kein eigenthches und regelloses Chaos, sondern 
muss eine gesetzmässige Anordnung und Beziehung der Theilchen 
gewesen sein, in welcher der Typus der ferneren Entwicklungen 
bereits angelegt war. Das Gesetz und die Regel beherrscht Alles, 
mögen wir in die äusserste Vergangenheit zurückgehen oder in die 



— 102 — 

fernste Zukunft hinausgreifen. Systematisch ist jede Existenzform 
der Materie, und der einzige Unterschied besteht in dem Grade der 
jeweiligen Entwicklung. Ein rationelles Chaos würde daher nicht 
den Mangel der Gesetzmässigkeit und Ordnung, sondern nur die 
Abwesenheit der Entw^icklung bedeuten können. Doch ist der Aus- 
druck besser ganz zu vermeiden, da bei ihm nicht blos an den 
Mangel einer bestimmten Art von Gruppirung, sondern überhaupt 
an das Widerspiel aller regelrechten Anordnung gedacht zu werden 
pflegt. In diesem letzteren Sinne giebt es nur für die willkürliche 
und wüste Imagiaation ein Naturchaos, und weder die Ursprungs- 
zustände des Universums, noch diejenigen der organischen oder em- 
pfindenden Gebilde dürfen als ein Walten regelloser Kräfte vorgestellt 
werden. Selbst wenn erst eine Reihe von Gebilden hervorgetrieben 
wäre und hinterher an den Widerständen, die sich der Fortexistenz 
ihrer Formen hinderUch zeigten, eine Vernichtung erfahren hätte, 
so würde dieser Antagonismus selbst als eine gesetzliche Form des 
Schaffens zu betrachten und als Bestandtheil der durchgängigen 
Systematik der Natm* aufzufassen sein. 

2. Der Fortschritt liegt in der Ausbildung einer reicheren 
Mannichfaltigkeit und mithin in der Erhebung zu einer grösseren 
Vollkommenheit. Mit' diesen Begriffen befinden wir uns aber bei 
einem wichtigen Wendepunkt des naturphilosophischen Denkens. Es 
ist nämlich völlig unmöglich, die Vollkommenheit und einen Maass- 
stab derselben ohne den Gesichtspunkt der einem Zwecke entspre- 
chenden Function vorzustellen. Solange wir gegen die Anordnung 
der Theile eines Mechanismus bezügUch ihres Zusammenwirkens zu 
seiner Verrichtung gleichgültig bleiben, verstehen wir denselben 
nicht. Ausser der Art, wie jedes Glied der Causal kette in das 
nächste eingreift, muss auch die ganze Beziehungsform der Ursachen 
und die systematische Combination derselben zu einer Gesammt- 
wirkung erkennbar werden. Dies ist aber nur möglich, wenn wir 
unter den Causalitäten eine Unterordnung und Abhängigkeit an- 
nehmen, wie sie in jedem, von Menschenhand verfertigten Mecha- 
nismus ebenfalls statthat. Die Beziehung von Mittel und Zweck 
setzt keineswegs eine bewusste Absicht voraus; denn eine solche 
Absicht kann nur da vorhanden sein, wo eigentliche Vorstellungen 
und verstandesmässige Ueberlegungen dazwischentreten. Wir präju- 
diciren also über das Wesen der Dinge gar nichts, indem wir uns 
nicht künstlich den Verzicht auf einen Begriff aufzwingen, ohne den 



— 103 — 

unser Verstand in seiner Tragweite gelähmt bleiben würde. Was 
ein falsches Raisonnement aus Zwecken sei, und warum die strenge 
WissenschaftHchkeit auf der Erkenntniss der wirkenden Causalität 
und nicht auf der voreiligen Operation mit Finalitäten beruhe, haben 
wir schon dargelegt. Wo aber der vollständige causale Zusammen- 
hang in seinen einzehien Gliedern blosgelegt ist, bildet die Betrach- 
tung von Mittel und Zweck eine nothwendige Ergänzung der Ein- 
sicht, und es war ein falscher, gegen die Elemente des Verstandes 
selbst gerichteter Skepfcicismus, wenn man in der vermeintlichen 
Kritik der in der Natur wesentlichen Kategorien bis zur Forderung 
der Ausmerzung des Zweckbegriffs gelangte. 

Auch den Mangel einer bestimmten Ordnung, die erst mit der 
Entwicklung hervortritt, können wir nicht anders kennzeichnen, als 
indem wir ihn im Gegensatz zu einem Typus betrachten, der eine 
höhere Art des Schematismus der Gebilde und einen gesteigerten 
Grad von Vollkommenheit vertritt. Alles, was wir in dieser Hin- 
sicht als Unordnung auffassen, ist nur eine niedere Stufe der Gesetz- 
mässigkeit, bei welcher wir zugleich an die Abwesenheit eines hö- 
heren formenden Princips denken. Nicht die Kräfte, sondern die 
Kräfteformen machen den Unterschied der Gebilde aus, und in der 
Bethätigung solcher Formen oder Schemata besteht die Entwicklung. 
Dagegen ist es ein ganz anderer Begriff von Unordnung, wenn wir 
innerhalb desselben Bereichs mit einer theilweisen Zusammenstim- 
mung der Functionen auch die gegenseitige Störung derselben oder 
das Verfehlen des erforderlichen Zusammenwirkens wahrnehmen. 
Hier haben wir dann nicht den Mangel des Zwecks sondern die po- 
sitive UnZweckmässigkeit vor uns, und derartige Abweichungen 
dienen ganz besonders dazu, die Structur aus dem Gesichtspunkt 
von Mittel und Zweck kenntlich zu machen. 

Wenn wir von Niederem und Höherem reden, so kann dies für 
die Entwicklungsstufen nur dann einen Sinn haben, wenn wir die 
Functionen der Dinge nach ihren Leistungen für irgend einen Zweck 
unterscheiden. Der Begriff des Fortschritts selbst würde alle Be- 
deutung verlieren, wenn man nicht ein Maass hätte, die höheren 
von den niederen Entwicklungsstufen zu unterscheiden. Auf einen 
blossen Grössenbegriff, also etwa auf die Reichhaltigkeit der Gliede- 
rung, kann man das Fortschreiten nicht beschränken wollen; denn 
die Vielgestaltigkeit der Functionen würde an sich selbst nicht? be- 
deuten, wenn nicht die in dieser Vielorestalfciofkeit ffieichsam herr- 



— 104 — 

sehende Gruppe von Hauptfimctionen an sich selbst einen höheren 
Werth hätte. 

Der Fortschritt in der Stufenfolge der Entwicklungen liegt in 
der Richtung auf das Leben, und das Universum kann jebeni^^ 
darauf angelegt sein, schliesslich überall und in reichster Fülle die 
Empfindung zu prodaciren. Die empfindenden Wesen müssen uns 
als_Zweck jeder kosmischen Einrichtung gelten; denn eine durch- 
gängig bewusstlose Welt wäre eine thörichte Halbheit und so zu 
Sfigen eine Schaubühne ohne Spieler und Zuschauer. Die Reihe der 
Causalitäten führt auf irgend eine Art zum Hervortreten empfinden- 
der Gebilde, und die nähere Kenntniss dieser Art würde uns in den 
Stand setzen, überall aus den kosmischen Bedingungen auch auf das 
Dasein und die Beschaffenheit einer vitalen Ausstattung der Welt- 
körper zu schliessen. Nun kennen wir aber aus der Erfahrung nur 
eine einzige derartige Causalität und selbst diese nur als nackte 
Thatsache und ohne die näheren Einschaltungen ihrer Kette. Wir 
liennen die organische und die vitale Ausstattung unseres Planeten 
und deren gegenwärtige Lebensbedingungen. Wir wissen ferner, 
dass diese Ausstattung in einer gewissen Periode der planetarischen 
Entwicklung noch nicht vorhanden war, und dass mithin Empfin- 
dung und Bewusstsein einen von geologischen Vorgängen abhän- 
gigen Anfang gehabt haben. Wir müssen ausserdem den allgemeinen 
Gedanken fassen, dass es bestimmte Zustände der Materie mit einer 
bestimmten Anordnung kosmisch physikalischer Kräfte sind, wodurch 
den Organisationen und dem Leben nicht blos Gelegenheit gegeben, 
sondern die Nothwendigkeit auferlegt wird, in gegHederten und be- 
wussten Gebilden hervorzutreten. Die Entstehung des Lebens ist 
mithin ein Act der wirkenden Causalität; wo in der Mechanik des 
Universums die Bedingungen zur organischen Gliederung und zum 
Empfindungsspiel gegeben sind, da brechen diese neuen Formen des 
Daseins mit Nothwendigkeit hervor, und sie sind daher selbst nichts 
als entlegene Glieder in der allgemeinen ursächlichen Determination. 
Von der Mechanik in Druck und Stoss bis zur Verknüpfung der 
Empfindungen und Gedanken reicht eine einheitliche und einzige 
Stufenleiter von Einschaltungen, und wir können gewiss sein, dass 
diese Bewerkstelligung des Uebergangs überall dasselbe in den we- 
sentlichen Grundzügen übereinstimmende Schema reproduciren muss. 
Wie die Grundstoffe überall dieselben sind, so werden es auch die 
Grundformen oder, mit andern Worten, die typischen und gestalten- 



— - 105 — 

den Elemente sein, und die Mannichfaltigkeit der Variationen wird 
durch die Gemeinsamkeit der zu Grunde liegenden Bildungs Verhält- 
nisse keineswegs ausgeschlossen. Die sonst völlig neuen Entwick- 
lungen können dennoch die alten Grundformen einschliessen , und 
wie der Mensch die Anim alität in ihren Hauptzügen enthält, so 
können auch andere Wesen die wichtigsten Attribute des Mensch- 
lichen an sich tragen, ohne deshalb mit ihren Functionen auf den 
Rahmen der menschlichen Thätigkeit begrenzt zu sein. Das Denken 
kann nach denselben Gesetzen erfolgen und dieselben Wahrheiten 
liefern, aber dennoch vou grösserer Tragweite sein. Keine Einsicht 
d^ niedern Stufe braucht im Widerspruch mit der weitertragenden 
Wahrheit der höhern Stufe zu stehen , sowie eine Erweiterung des 
Wissens und des Horizontes keine Enttäuschung über das bisherige 1 
Vorstellen zu werden braucht. Die Triebe und Leidenschaften kön- [ 
nen von derselben Gattung und aus denselben Elementen zusammen- 
gesetzt sein; sie können zu entsprechenden gesellschaftlichen Grup- 
pirungen ihrer Träger fähren, ohne dass deswegen Alles wie bei uns 
eingerichtet sein und das Spiel entwickelterer Formationen fehlen 
müsste. Wir stehen mit unserer Erkenntniss innerhalb der Reihe 
empirischer Causalität und verstehen uns demgemäss auf die Ele- 
mente, aber nicht auf alle Combinationen , Steigerungen ucd Ent- 
wicklungen des Daseins. Wir begreifen die Elemente alles Lebens 
und Bewusstseins ; aber wir haben mit den Elementen noch keines- 
wegs die Hauptsache, nämlich die Mannichfaltigkeiten des Lebens 
erschöpft. Auf dem reicheren Schematismus der Elemente beruht 
die Steigerung, und es würde thöricht sein, von den im Universum 
möglichen Empfindungsgestaltungen mehr als die Elemente kennen 
zu wollen. Der Reiz de s Lebens beruht eben, auf dem umstände, 
d ass sich auf die bekannten Elemente eine unbekannte Combination 
gründen könne . 

3. Warum ist unser Schluss auf die Bevölkerung der andern ^* "**J 
Planeten und auf die lebenden Wesen der sonstigen Körper des Uni- *^^'^" 
versums, trotz seiner vollendeten Sicherheit im Allgemeinen, doch 
so unbrauchbar für den einzelnen Fall? Weil wir wohl die Causa- 
lität überhaupt, vermöge deren kosmische Voraussetzungen zur Ent- 
stehung lebender Wesen führen, aber nicht die besondern Vorbedin- 
gungen und Umstände kennen, unter denen ein solcher Vorgang gesetz- 
mässig eintreten muss. Es ist nicht etwa ein Schluss aus dem Zweck, 
der uns die Bewohntheit anderer Weltkörper im Allgemeinen und in 



— 106 - 

erster Linie verbürgte; es ist vielmehr das einfache Verhältniss von 
Ursache und Wirkung, welches in der unbestimmten Art, in welcher 
es uns aus der ursprünglichen Lebenserzeuguug anf unsenn Planeten 
bekannt ist, auch nöthigt, überall sonst im Weltall an gleiche Vor- 
bedingungen gleiche Ergebnisse zu knüpfen. Nun hindert uns aber 
nichts anzunehmen, dass es auch im Kosmos so zu sagen Wüsten 
d. h. unfruchtbare Materie geben könne, für welche sich die Bedin- 
gungen der Lebenserzeugung nicht zusammengefunden haben. Hiezu 
kommt noch, dass die für uns zwingende Analogie, von welcher wir 
den Logos oder die Raison nur ganz im Allgemeinen kennen, keine 
nähere Zeitbestimmung enthält. Der Zeitpunkt, in welchem nach 
einer Dauer von physikalischen Vorspielen endlich das empfindende 
Leben erregt und zu irgend einer Art von Bewusstsein gebracht 
wird, ist in der Reihe der kosmischen Vorgänge nichts weniger als 
gleichgültig. Kein bestimmteres Entwicklungsgesetz kann ohne die 
Angabe eines Zeitquantum bleiben, und wir müssen daher nach den 
Grundsätzen der Wahrscheinlichkeitsveranschlagung voraussetzen, dass 
im Universum die verschiedensten Entwicklungsepochen gleichzeitig 
vertreten sind. Ehe ein Weltkörper zu derjenigen Beschaffenheit 
seiner Oberfläche gelangte, vermöge deren er fähig wurde, eine Bühne 
der Organisation und des empfindenden Lebens zu sein, muss seine 
ganze vorgängige Existenz einen rein physikalischen Charakter ge- 
habt haben. Irgend einmal sind also die Lebensgebilde im Univer- 
sum nirgend vertreten gewesen, und wir dürfen daher auch den 
heutigen Zustand der Natur nur als einen gemischten ansehen. 
Neben den bevölkerten Weltkörpern müssen wir auch solche voraus- 
setzen, die es noch nicht sind; ja wir würden auch solche anzu- 
nehmen haben, die es nichfc melir sind, wenn uns irgend ein ursäch- 
liches Verhältniss, durch welches die Ausstattung mit lebenden Wesen 
wieder aufhörte, als Thatsache bekannt wäre, oder wenn irgend ein 
sicherer Schluss ein derartiges Ereigniss in die Entwickluugsreihe 
aufzunehmen erlaubte. Letzteres ist aber nicht der Fall, wie wir 
schon früher nachgewiesen haben. 
,/Ef;i.^ti«.t Das Interessante an der vitalen Entwicklung ist der Umstand, 
' dass nichts nachdrücklicher als grade sie die Wichtigkeit der abso- 
" luten Zeitgrössen kennen lehrt. Wer sich scheut, für jede bestimmte 
Natnrform einen Anfang zu setzen und ihm ^eine zeitlich bestimmte 
Epoche in der Entwicklung des Systems der Dinge anzuweisen, wird 
in die Noth wendigkeit, der er in andern Fällen ausweichen will. 



— 107 — 

grade bei dem bedeutungsvollsten Ereigniss versetzt, welches sich 
überhaupt für denkende Wesen in der Welt vorfinden kann. Die 
empfindende Animalität muss in irgend einem, mathematisch scharf 
zu denkenden Zeitpunkt ins Dasein getreten sein. Dies gilt für un- 
sern Planeten; es gilt aber auch in einem absoluten Sinne für das 
Universum. Man kann nun fragen, warum dieses entscheidende 
Ereigniss, innerhalb dessen Gattung unser ganzes Lebensinteresse 
haftet und dem gegenüber wir keinen höhern Zweck zu denken ver- 
mögen, nicht eine Decillion von Jahrtausenden früher eingetreten 
sei und warum, dichterisch geredet, eme ganze Ewigkeit ohne diese 
vitale Auszeichnung, ohne eigentliches Leben, ohne Empfindung, 
ohne Bewusstsein, km-z ohne Interesse an sich selbst geblieben sei. 
Der Reiz des Daseins ist hienach offenbar nicht blos überhaupt etwas 
Zeitliches, sondern sogar ein Phänomen mit bestimmtem Anfang. 
Die Subjectivität, die ohne Empfindung ein sinnleerer Begriff sein 
würde, ist erst etwas zur objectiven Welt Hinzugekommenes, was, 
im absoluten Sinne genommen, sein oder auch nichtsein kann und 
zwar unbeschadet der Existenz der sonstigen Theile der Natur. 

Wenn irgendwo, so werden wir bei diesem Punkte inne, welcher v"^*>-*^ 
Unterschied zwischen der allgemeinen, für jegliche Zeit gültigen Vlr*P* 
Nothwendigkeit und denjenigen Gesetzen besteht, die sich nur auf ^' '^ 
eine bestimmte Zeitdauer und auf den Ort dieses Zeitquantums in 
dem universellen Zeitinhalt beziehen lassen. Jedes bestimmtere Ent- 
wicklungsgesetz , welches mehr als die Grundfonnen aller Entwick- 
lung ausdrückt, muss eine Zeitgrösse und ausserdem die Angabe 
einer Lage zwischen benachbarten oder entfernteren Ereignissen ent- 
halten. Man wird mithin u'gend einen Zustand als Ausgangspunkt 
bezeichnen und von ihm aus das Einzuschaltende abmessen. Man 
wird jeder Veränderung einen Zeitpunkt ihres Eintretens und über- 
dies der neuen Beschaffenheit irgend einen Bestand und irgend eine 
Dauer anweisen, nach welcher wiederum eine neue Eigenschaft sicht- 
bar geworden ist. Diese Abgrenzungen werden die eigentlichen Ent- 
wicklungsstufen bezeichnen, und man wird solange von brauchbaren 
Entwicklungsgesetzen äusserst fernbleiben, als es nicht gelingt, die 
Nothwendigkeit des absoluten Zeitmaasses zu erkennen, nach welchem 
sich Wechsel und Bestand regeln. Wie schlecht wäre man im Sonnen- 
system und über dessen Verhältuiss zu den näheren Theilen des Kos- 
mos unterrichtet, wenn man nicht die räumlichen Ausdehnungen 
entweder genau messen oder in einigen Beziehungen wenigstens 



— 108 — 

ziemlich gut schätzen könnte! Ein gleiches Erforderniss gilt nun 
für die zeitliche Orientirung, und man schmeichle sich nicht, ent- 
scheidende Entwicklungsgesetze zu kennen, solange man über die 
Abstände der grossen Epochen und das jedem Entwicklungshergang 
zuzutheilende Zeitmaass in Ungewissheit bleibt. In der Entwicklung 
des thierischen Individuums fehlt es uns für die verschiedenen Sta- 
dien keineswegs an hinreichenden Bestimmungen der Dauer. Bei 
dem Embryo sagen wir sogar mit einem hohen Grade von Sicher- 
heit die Abfolge der Zustände und den Zeitpunkt seiner selbstän- 
digen Loslösung voraus. Für die embryonischen Zustände der Gat- 
tungsbilduug sind wir von der Genauigkeit solcher zeitlich bestimmter 
Vorstellungen noch äusserst entfernt. Aber selbst wenn wir uns der 
geschichtlichen Zeit nähern oder in dieselbe eintreten, lassen die zeit- 
lichen Markirungen noch viel zu wünschen übrig. Wo haben wir 
wohl in der Menschheitsgeschichte streng bestimmbare Entwicklungs- 
maasse zu verzeichnen? Was bedeutet die Dauer einer Race oder, 
mit andern Worten, in welchem Zeitpunkt lassen wir deren Eigen- 
thümlichkeit hervortreten? Wie gross ist die Lebensdauer der Na- 
tionen, sei es dass man den Anfangspunkt markirter Stammeigen- 
thümlichkeiten oder den Schlusspunkt ihrer völligen Verwischung 
kennen zu lernen wünscht? Hier zeigt es sich, dass uns nicht nur 
die innem Nothwendigkeiten, welche den bestimmten Zeitverbrauch 
mit sich bringen, sondern auch die äussern Thatsachen fiir die Länge 
der Epochen meistens fehlen. Wo wir dagegen im Bereich der 
eigentlich historischen Vorgänge, mögen sie nun die Natur oder das 
Menschenschicksal betreffen, wirkliche Zeitmaasse zur gehörigen An- 
wendung bringen können, müssen wir sofort fast regelmässig den 
Mangel einer tiefem Einsicht in die innere Nothwendigkeit des be- 
stimmten Zeitverbrauchs bemerken. Derartige Unzulänglichkeiten 
bleiben also vorläufig eine störende Eigenschaft aller unserer Ent- 
wicklungssysteme, und man darf daher auf die Specialitäten der 
kurzweg so genannten Entwicklungstheorie keinen zu grossen Werth 
legen. 

4. Selbst wenn man, was nicht der Fall ist, die Welt in einer 
leeren Zeit grade so wie im leeren Räume gleichsam verschoben 
denken könnte, so würde diese Verschiebung an der realen Auf- 
einanderfolge und Dauer der einzelnen Thatsachen nichts ändern. 
Sieht man also von demjenigen Anfang ab, mit welchem alle Ent- 
wicklung erst begonnen hat und aus dem Zustande der Sichselbst- 



— 109 — 

gjeichheit der Materie herausgetreten ist, so mag man die seitdem 
abgelaufene Reihe in jeden beliebigen Ort der ideellen Zeitlinie ver- 
legen, und man wird an der Wirklichkeit hiedurch nicht das Geringste 
ändern. Worauf es also ankommt, ist die Bestimmung des Wirk- 
lichen innerhalb Seinesgleichen und nicht die täuschende Beziehung 
auf eine absolute, rein ideelle Zeit. In einer solchen Zeit wäre für 
das Ganze jeder Ort völlig gleichgültig, und ein reales Früher oder 
Später kann sich eben nm* auf die Theile des Entwicklungsganzen 
beziehen. Mit der zeitlichen Entfernung verhält es sich daher ähn- 
lich wie mit der räumlichen; sie hat nur zwischen Realitäten einen 
Sinn und ist übrigens ein blosses Wiederholungsbild der abstracten 
Phantasie. "^y^ 

An diese allgemeineren Verhältnisse mussten wir erinnern, ehe ""^ "" 
wir uns demjenigen Problem zuwendeten, bei welchem die Charla- 
tanerie mit ihren leichtfertigen Oberflächlichkeiten und mit ihren 
so zu sagen wissenschaftlichen Mystificationen das breiteste Feld zu 
behaupten pflegt. Die entlegenen Ursprungsperioden des pflanzlichen 
und thierischen Daseins bieten einer naturphilosophischen Halbpoesie 
viel Verlockendes, und sehr erhebliche Bestandtheile der Darwin- 
schen Hypothesen tragen diese dichtelnden Züge deutHch genug an 
der Stirn. Es gehört zu den Bizarrerien der Mode, solche Halb- 
wüchsigkeiten einer beengten und sich selbst nicht klaren Imagina- 
tion eine Zeit lang als eigentliche Wissenschaft in Umlauf zu setzen 
und aus Laune hier das gelten zu lassen, was anderwärts als schlimmste 
Abweichung von dem Wege exacter Forschung angesehen wird. Wenn 
Lamarck gelegentlich die Vorstellung von einem einzigen Urthier als 
dem einfachsten Typus aller Animalität gewagt hat, so wollte er 
hiemit keineswegs die Abstammung von einem einzigen Individuum 
zum Grundsatz erhoben wissen. Die sogenannte Descendenztheorie, 
in der Darwinschen Gestalt, ist aber die Voraussetzung einer durch 
Fortpflanzung vermittelten Verwandtschaft aller Wesen. Die Ent- 
wicklung des Menschen aus dem AJffen, welche Darwin Anfangs 
nicht so deutlich wie in seinen späteren Schriften hervortreten Hess, 
ist nur ein besonderer Fall von markirterem Interesse und populärer 
Verständlichkeit, übrigens aber nichts Ungeheuerliches, woran der 
wissenschaftliche Sinn Anstoss nehmen könnte. Was dagegen in der 
Descendenztheorie wirklich verletzt, ist der Mangel an Consequenz 
in der Rechenschaft über die ursprünglichsten Voraussetzungen. So- 
lange sich diese Theorie ein gutes Stück diesseits der Anfangspunkte 



— 110 — 

der auimalen Entwicklung hält, erregen selbst ihre Dichtungen den 
Schein erfahrungsmässiger Wahrheit. Sobald sie aber an die ent- 
legenen Grenzen gelangt, wird ihre logische Ohnmacht vollkommen 
sichtbar. Wie viele Stammabzweigungen will sie eigentlich an- 
nehmen? Soll sich das Thier aus der Pflanze entwickelt haben? 
Wo findet man alsdann das Urwesen? Ist es vielleicht ein chemi- 
scher Typus, von dem die Pflanze abstammt? Spielen die Krystalle 
vielleicht in der allgemeinen Descendenz auch eine Rolle? Sind die 
chemischen Grundstoffe vielleicht auch nur Abkömmlinge einer ein- 
zigen individuellen Urmutter, und möchten die Darwinisten als dieses 
letzte Urwesen nicht unsere sich selbst gleiche Materie gelten lassen? 
Man sieht, dass der Stammbaum ziemlich weit reicht, wenn man 
sich eine ernsthafte Consequenz zur Regel macht; aber die Genea- 
logie des Engländers Darwin scheint trotz aller vermeintlichen Kühn- 
heit doch ein wenig von der vulgären Ueberlieferung inficirt zu sein, 
durch welche man den Kindern auch eine Abstammungstheorie für 
das ganze Menschengeschlecht, nämlich diejenige von dem ersten 
Juden im Paradiese beizubringen pflegt. Dieser Urjude, der so sehr 
Alles in Allem war, dass er sogar schon sein Weib in sich trug, ist 
von dem Uraffen der Darwinschen Desceudenztheorie nicht so überaus 
verschieden, als man auf den ersten Blick anzunehmen versucht sein 
könnte. Die glückliche Aeffin, aus deren Schooss sich das erste 
Menschenkind entband, und der noch glücklichere Vater, welcher 
hart auf der Grenze zwischen Affenthum und Menschenthum existirte 
und die zweierlei Naturen in sich vereinigte, geben mindestens eine 
ebensogute Volkshypothese ab, wie der Urjude, der in so vielen 
wissenschaftlichen Theorien als Einer, der nicht leben und nicht 
sterben kann, und als ewiger Spuk sein Wesen treibt. Wer in aller 
Welt hat denn mit einem Male die sonst nur von der Superstition 
oder von der hirnlosen Gemüthlichkeit einer vermeintlichen Philan- 
thropie behauptete Tndividualeinheit des Menschengeschlechts so sicher 
verbürgt, dass die Raisonnements Darwinscher Art diese Angelegen- 
heit schon als selbstverständlich behandeln dürften? Es ist doch 
wahrlich kein Axiom, dass Alles, was sich ähnlich ist oder einen 
gemeinsamen Typus zeigt, auch individuell von einem einzigen Wesen 
abstammen müsse. Um dies annehmen zu können, müsste man erst 
nachweisen, dass die Natur keine andern Mittel kenne, die Ueber- 
einstinuuung hervorzubringen, als den Weg der Fortpflanzung durch 
Vervielfältigung der schematischen Eigenschaften eiues einzigen in- 



— 111 — 

dividuellen Körpers. Sicherlich ist im Universum noch irgendwo eine 
Kugel vorhanden, auf welcher die lebenden Wesen den auf unserm 
Planeten befindhchen nahezu gleich oder wenigstens äusserst ähnlich 
sind. Ueberdies müssen wir annehmen, dass die Structur der Ani- 
malität auf andern Weltkörpern den Elementen nach dieselbe ist, 
wie bei uns. Welche Ungeheuerlichkeit von Vorstellung und welcher 
Widersinn würde sich nun aber nicht ergeben, wenn man die kos- 
mische Gleichartigkeit der Wesen zu einer für das Universum gül- 
tigen Descendenztheorie erweitern wollte? Dennoch ist der Darwinsche 
Schluss im engeren Gebiet kein anderer, als das, was für kosmische 
Dimensionen eine Absurdität sein würde. Unvermerkt und still- 
schweigend schiebt sich dem Engländer immer die Idee unter, dass 
eine Uebereinstimmung in den Eigenschaften auf gar nichts Anderem 
als auf einer Abstammungsgemeinschaft beruhen könne. Die selb- 
ständige Nebenordnung gleichartiger Naturproductionen ohne Ab- 
stammungsvermittlung ist für ihn gar nicht vorhanden, und er muss 
daher mit seinen rückwärts gekehrten Anschauungen sofort am Ende 
sein, wo ihm der Faden der Zeugung oder sonstigen Fortpflanzung 
abreisst. Die Auffassung der gesammten Coordination aller Gattungen 
und Arten des organischen Bereichs als so zu sagen der Brut eines 
einzigen Wesens ist die G rundeigen schaft der Abstammungslehre. 
Wenn man bei der Einschaltung einiger relativer Urwesen stehen 
bleibt, so ist dies nur ein empirisches Haltmachen und ausserdem 
ein Merkmal der Unsicherheit, welche der Theorie bei der Begegnung 
mit der logischen Consequenz anhaftet. Darwin selbst nimmt be- 
kanntlich an jenem äussersten Gestade, wo seine Imagination zu 
stranden droht, echt Englisch seine Zuflucht zum Herrgott, von dem 
er sonst in ehrerbietiger Feme verblieben ist. Die ersten Acte haben 
den Macher der Welt zum Urheber; alsdann hat die Descendenz- 
maschine gespielt, und es würde unenglisch sein, den hohen Herrn 
weiter in die wissenschaftliche Debatte zu ziehen. Seine Majestät 
wird vor lauter constitutioneller Ehrerbietung in der Discussion nicht 
genannt; aber sie tliront nicht nur über den Köpfen des von der 
Kaste der WissenschaftspoHtiker beschatteten Volks, sondern auch 
über dem Abstammungstheoretiker selbst und seinen in natürlicher 
Weise rechtgläubigen Genossen. Sonst nannte man eine solche Aus- 
kunft Deismus und hielt nicht viel davon; jetzt aber scheint man 
sich auch in dieser Beziehung rückwärts entwickelt zu haben und 
über dem Darwincultus die metaphysisch beengte Denkweise des 



— 112 — 

zoologischen Götzen zu übersehen. Allerdings giebt es eine halb- 
materialistische Richtung von sehr zweifelhaftem philosophischen 
Werth, welche dem Darwinismus seine specifisch Englische Beschränkt- 
heit und seine metaphysische Unzulänglichkeit abzustreifen sucht. 
Sie führt den Krieg nicht nur gegen die religiöse Volkssage, son- 
dern glaubt auch wirklich mit dem Darwinismus eine materialistische 
Welt- und Lebensanschauung gewonnen zu haben. Allein sie irrt 
sich hierin; denn in ihrem Kerne ist die Darwinsche Denkweise 
nicht minder auf Reaction augelegt als der Malthusianismus. Hinter 
ihr steckt sogar eine verhaltene Neigung zu mystischen Vorstellun- 
gen, und der Umstand, dass jener Wallace, der seine Abhandlungen 
mit allen wesentlichen Puukten der neuen Theorie noch vor Darwin 
zur Journalpublication einsendete, ausgesprochener Spiritist im Ame- 
rikanischen Sinne und Leugner der Materie nach Berkeleyscher Art 
ist, sollte doch über den logischen Geist der ganzen Lehre bedenk- 
lich machen. In der Englischen Gestalt ist alles Wahre, was La- 
marck aufgestellt hat, in der That mit soviel IiTthum versetzt wor- 
den, dass man sich allenfalls zum Lamarckianismus, aber nicht zum 
Darwinismus bekennen kann. 

5. Um allen Zweifelhaffcigkeiten zu entgehen, wollen wir die 
haltbaren und unhaltbaren Vorstellungen, die jetzt unter der Flagge 
des Darwinismus segeln, im Einzelnen hervorheben. Verwerflich ist 
zunächst der Missbrauch, der mit dem imklaren Begriff der Meta- 
morphose getrieben wird. Man sollte die Verwandlungen den Ge- 
nossen Ovids überlassen und sich erinnern, dass da, wo der wissen- 
schaftliche Begriff einer Umänderung platzgreifen soll, ausser der 
Identität auch die Differenz festgestellt und in den einzelnen Ele- 
menten nachgewiesen werden muss. Mag man es mit den sogenannten 
Umwandlungen der mechanischen Kraftformen oder mit den Art- 
abänderungen pflanzlicher und thierischer Gebilde zu thun haben, 
so wird man sich in jedem Fall vor wüsten Metamorphosenconcep- 
tionen wie vor einer wissenschaftlichen Pest hüten müssen. Die 
Mährchendichtung gehört in die Kindheitsepoche der Völker, und wo 
sie jetzt sogar in der Wissenschaft Gnade findet, ist dies ein Zeichen 
der Greisenhaftigkeit, der manche Gebilde bereits anheimgefallen 
sind. Es ist ein schlimmes Anzeichen, dass der unwissenschaftlichste 
der neueren Dichter, nämlich der Autor der berüchtigten unphysi- 
kalischen, aber dafür poetischen Farbenlehre, nicht blos an dem Be- 
griff, sondern auch an dem technischen Ausdruck Metamorphose und 



— 113 — 

sogar an einem Stückchen Darwinismus unleugbaren Antheil hat.; 
Trotz der Kleinigkeiten, die man als sogenannte Entdeckungen 
hinterher in Goethes naturkundlichen Auslassungen hervorsuchte, ist 
nie eine Natur und Phantasie so wenig auf eigenthche Wissenschaft 
und so sehr auf das Widerspiel derselben angelegt gewesen, als die- 
jenige des Erfinders der dramatischen Faustlyrik. Dieses Faustrecht, 
welches die reinen Gattungen durcheinandermengt, so dass Fisch und 
Fleisch wirklich zu einem chaotischen Urbrei vereinigt werden, sollte 
wenigstens derjenigen Kunst, welche von der Natur in der Com- 
position der Arten ausgeübt worden ist, nicht untergeschoben 
werden. 

Die Umwandlung hat nur da einen wissenschaftlichen Sinn, wo 
wir, wie bei der Umgestaltung geometrischer Gebilde, das Bewegungs- 
princip durchschauen und innerhalb der Einheit des Begriffs die 
quantitative Entstehung der specifischen Differenz wahrnehmen. Im 
Realen, wo wir die abändernde Bewegung nicht durch unsere eignen 
Vorstellungen vollziehen, können wir nur dadurch zu deuthchen 
Ideen vom Schaffen der Natur gelangen, dass wir intimer in die 
Zusammensetzungsart der Elemente eindringen. Möglichst einfache 
Bestandtheile sind hier das Ziel der Forschung, und wo wir die Um- 
wandlung nicht durch eine Veränderung der Zusammensetzung be- 
greifen, verstehen wir überhaupt gar nichts, sondern täuschen uns 
nur durch den Schein einer Ableitung. Jede Entwicklung wird daher 
auf dem Hervortreten neuer Elemente beruhen, und die niedern Ent- 
wicklungsstufen werden nur begreiflich, insoweit sich ihre Elemente 
in den höhern Formationen wiederfinden. Hätten wir nicht an uns 
selbst und in uns selbst Gelegenheit, die Composition des vitalen 
Körpers und des Empfindungsgebiets in der grössten Vollkommen- 
heit zu studiren, so würde uns die zerstreute Mannichfaltigkeit nie- 
derer Gebilde als befremdliche Zufälligkeit erscheinen müssen. So 
aber haben wir mit der reichhaltigsten Composition auch die ein- 
zelnen Bestandtheile zur Verfügung und können die isolirte Rolle 
dieser elementaren Theilexistenzen auch innerlich einigermaassen über- 
sehen. Umgekehrt werfen allerdings die elementaren Selbständig- 
keiten auch wiederum ihr Licht auf die vollendetste Composition- 
denn es ist etwas Anderes, die Bestandtheile in ihrem isolirten Ver- 
halten, — und wiederum etwas Anderes, sie in einer beschränken- 
den Zusammensetzung beobachten. Dennoch bleiben aber schliesslich 
die Beschaffenheiten des Menschen der Schlüssel zum Verständniss 

Dühring, Cursus der Philosophie. 8 



— 114 — 

der ganzen Animalität, und was die Thiergebilde selbst zum Ver- 
ständniss der reichhaltigeren, menschlichen Composition beitragen, 
kann nur ein Ergebniss zweiter Ordnung sein. Die nebelhaften Ver- 
wandlungsideen sind daher mit klaren Compositionsvorstellungeu zu 
vertauschen. Nicht ein Ursprung der Arten, sondern die Zusammen- 
setzung der einfachsten Gattungselemente ist das rationelle Problem. 
Wie sich die Chemie durch die Erkenntniss der Grundstoffe und 
ihrer Rolle zur Wissenschaft erhoben hat, so kann auch die Zoologie 
nur dadurch in einem höheren Grade rationell werden, dass sie so- 
wohl in der äusserlichen Körperlichkeit, als in der Sphäre der Em- 
pfindung die typischen Bestandtheile aufsucht, durch deren Anein- 
anderreihung und Vereinigung die Entwicklungen vollzogen worden 
sind. Nicht Metamorphose sondeni. Coniposition_ mu der 

Leiteride Gesichtspunkt der auf den Hergang des Werdens gerichteten 
Untersuchungen sein. 

Man ist stolz darauf, die starren Schranken des Artbegriffs 
durch die geschmeidigen Vorstellungen von den Uebergängen der 
Gebilde ineinander ersetzt zu haben. So unschuldig nun die gene- 
tischen Ansichten an sich selbst auch sein mögen, so vermischen sie 
sich doch leicht mit der unhaltbaren Imagination, dass die Begriffe 
als solche auseinander entspringen. Dieser dialektische Widersinn 
hat sein Gegenstück in den Schöpfungsarabesken des Darwinismus; 
denn auch der letztere producirt seine Verwandlungen und Differenzen 
aus Nichts und befriedigt sich in einem Aneinanderschhngen der 
organischen Wesen, ohne irgend eine stichhaltige Rechenschaft von 
dem Princip zu geben, welches die Glieder der Kette zusammen- 
halten soll. Sein innerliches Hauptargument ist die Entwicklung 
des menschlichen Embryo, und die Compositionsphasen desselben 
zeigen auch in der That Spuren verschiedener thierischer Forma- 
tionen. Ein Analogon der Behaarung, welches wieder verschwindet, 
soll hier auf das Affenstadium der menschlichen Existenz deuten. 
Indessen folgt aus allen solchen Spuren nichts weiter, als dass die 
verschiedenen Arten auf einer Composition einfacher animaler Ele- 
mente beruhen, aber keineswegs dass diese Composition als Abstam- 
mung zu denken sei. Die Vermittlung durch Abstanunung dürfte 
im Gegentheil erst ein ganz secundärer Act der Natur sein, den wir 
schon darum nicht rückwärts in das Schrankenlose ausdehnen kön- 
nen, weil wir sonst eine unendliche Auzalil von Wiederholungen 
erhalten. Lamarck dachte viel natürlicher als Darwin, indem er 



— 115 — 

eine Composition voraussetzte, die mit Zeugung und Abstam- 
mung in dem uns geläufigen Sinne dieser Wörter nichts zu schaf- 
fen hat. 

6. Die von Lamarck hervorgehobene Abäuderhchkeit der Arten 
ist eine annehmbare Voraussetzung, die sich sogar mit dem Ein- 
treten eines relativ stationären Verhaltens vereinigen lässt. Die an- 
nähernd stationäre Dauerbarkeit würde alsdann nur ein langsameres 
Tempo der Entvp^icklung bedeuten und vielleicht den Uebergaug zu 
einer allmäligen Rückbildung vorstellen. Das Schicksal einer Form 
würde auf diese Weise nach dem Princip der stetigen Häufung von 
schaffenden oder vernichtenden Veränderungen erfüllt. Mit Recht 
hielt sich Lamarck an die Lebensbedingungen, wie sie durch die 
umgebende Natm* dargeboten oder entzogen werden. Eine eigent- 
liche Anpassung an solche Lebensbedingungen setzt Antriebe und 
Thätigkeiten voraus, die sich nach Vorstellungen bestimmen. Andern- 
falls ist die Anpassung nur ein Schein und die alsdann wirkende 
Causalität erhebt sich nicht über die niedern Stufen des Physikali- 
schen, Chemischen und pflanzHch Physiologischen. Wie thöricht 
würde es nicht sein, bei dem Mittönen der Saiten von einer An- 
passung zu reden, und dennoch misshandelt man innerhalb des Dar- 
winismus in diesem Wort nicht nur den Geist der Sprache, sondern 
auch das Recht auf unzweideutige Begriffsfassung. Wenn wirklicli 
der lange Hals der Giraffe durch das Auslangen nach den Blättern 
hoher Bäume allmälig entstanden sein sollte, wie Lamarck voraus- 
setzt, so ist dies allerdings eine Anpassung an die Lebensbedingungen 
zu nennen. Wenn aber eine Pflanze in ihrem Wachsthum den Weg 
nimmt, auf welchem sie das meiste Licht erhält, so ist diese Wir- 
kung des Reizes nichts als eine Combination physikalischer Kräfte 
oder chemischer Agentien, und wenn man hier nicht metaphorisch 
sondern eigentlich von einer Anpassung reden will, so muss dies in 
die Begriffe eine spiritistische Verworrenheit bringen. 

Ehe sich die Abänderungen durch geschlechthche Combination 
häufen können, müssen sie überhaupt erst entstanden sein. Der 
tiefere Grund der Beschaffenheit der Gebilde ist mithin in den Lebens- 
bedingungen und kosmischen Verhältnissen zu suchen, während die 
von Darwin betonte Naturzüchtung erst in zweiter Linie in Frage 
kommen kann. Alle Züchtung beruht auf einer Composition gege- 
bener Elemente; aber woher bieten sich diese Elemente dar? Offen- 
bar ergeben sie sich durch Processe, die mit der geschlechtlichen 

8* 



— 116 — 

Auswahl an sich selbst nichts zu schaffen haben. Wenn also Darwin 
den langen Hals der Giraffe durch die Abfolge der Generationen 
hindurch aus der Vergesellschaftung der jedesmal längsten Hälse ent- 
stehen lässt, so erklärt er hiemit wohl einigermaassen die quanti- 
tative Häufung des bereits Vorhandenen; aber das bewegende Princip 
der Verlängerung selbst wird von ihm als Nebensache behandelt, 
während doch Lamarck ein volles Recht hatte, es als die Haupt- 
sache anzusehen. Die Darwinisten mögen durch geschlechtliche 
Zuchtwahl die Hälse noch so weit ausrecken; sie werden hiedurch 
die Ideen auf den Züchtungsprocess fixiren, aber die fixe Idee, die 
echt Englisch an der geschlechtlichen Combination haftet, wird da- 
durch nicht fähig, das eigentliche Bewegungsprincip zu ersetzen. 
Sie verdeckt es eben nur in den künstlichen Zuchtgebilden ihrer 
Anhänger, und wenn man sich auch die ganze Erde mit Darwinisten 
bevölkert dächte, so würde doch der Typus der Logik und Wahrheit 
durch die langen Hälse dieser Zuchtwahl nur in secundärer Weise 
beeinträchtigt, aber keineswegs in seinem Bewegungsprincip berührt 
sein. Dieser Typus würde sich trotz des einseitigen Ganges der 
wissenschaftlichen Züchtung und Zucht wiederherstellen, indem die 
Abirrungen von demselben der Ungunst der eignen Lebensbedin- 
gungen, auf der andererseits die Fortpflanzung der entgegenstehen- 
den Wahrheit beruht, schliesslich erliegen müssten. Das gestörte 
Gleichgewicht der Gedanken würde sich trotz der beengtesten Fixi- 
rung von Neuem ausgleichen, und man würde endgültig erkennen, 
dass eine grosse Oberflächlichkeit darin liegt, den blossen Act ge- 
schlechtlicher Composition von Eigenschaften zum Fundamental- 
princip der Entstehung dieser Eigenschaften zu machen. 

Hätte man im innem Schematismus der Zeugung irgend ein 
Princip der selbständigen Veränderungen aufgesucht, so würde diese 
Wendung ganz rationell gewesen sein; denn es ist ein natürlicher 
Gedanke, das Princip der allgemeinen Genesis mit dem der geschlecht- 
lichen Fortpflanzung zu einer Einheit zusammenzufassen, und die 
sogenannte Urzeugung aus einem höhern Gesichtspunkt nicht als 
absoluten Gegensatz der Reproductioü , sondern eben als eine Pro- 
duction anzusehen. Die letztere könnte immerhin mit analogen 
Zügen ausgestattet gedacht werden; denn endgültig muss man einer- 
seits ursprüngliche Elemente und andererseits eine Compositionsart 
derselben annehmen. Wenn nun diejenige Composition, die wir in 
der gewöhnlichen Fortpflanzung erkennen, zugleich eine selbständige 



— 117 — 

Thätigkeit uud Entwicklung der Elemente zu den verschiedenen 
Stufen des Lebens einschliesst, so ist das lebenschaffende Princip 
heute nicht minder thätig als in seinen ursprünglichen Leistungen. 
Man darf also in der geschlechtlichen Reproduction auch eine Neu- 
production voraussetzen, deren Erfolge sich allmälig häufen und eine 
Fortsetzung der ursprünglichen Gestalfcungshergänge vorstellen. Diese 
Annahme wäre aber das grade Gegentheil des Darwinismus; denn 
sie würde mit der ausschliesslichen Herrschaft der Ansicht in Con- 
flict gerathen, dass die Natur einzig und allein wie ein Züchter ver- 
fahre, der durch grundsätzliche Paarung bestimmter Abänderungs- 
gebilde seine Ideale von Nützlichkeit ins Leben führt. 

Die arme Natur muss aber nach den Gesetzen, die ihr Darwin 
gegeben hat, sogar noch hinter dem phmipesten Züchter zurück- 
bleiben; denn ihr einziges Mittel, durch welches sie die Auserwähl- 
ten von den Verworfenen scheidet und die Combinationen regelt, ist 
der Kampf um das Dasein. Die Natur ist echt Englisch ein Con- 
currenzinstitut, in welchem die Ausrüstung mit grössern Capitalien 
und Kriegsmitteln entscheidet. Es ist weniger die schaffende als die 
vernichtende Kraft der Productionswerkzeuge, denen die Naturwesen 
ihre Triumphe verdanken. Den Concurrenten aus dem Felde schlagen 
und das eigne Leben auf die Vernichtung alles andern Daseins bauen, 
sowie die eigne Brut ins Unbeschränkte über die Erde ausdehnen, 
— in dieser Denkweise und Kunst möchten die Engländer bis jetzt 
nur einen einzigen, mit ihnen vergleichbaren Concurrenten haben, 
nämlich den ewigen und allgegenwärtigen Juden. Mögen sie sich 
daher mit ihm vereinigen, um die Theorie vom Kampfe um das Da- 
sein eine Zeit lang zu verherrhchen und um die Züchtung dieser 
Theorie mit dem gehörigen Nachdruck zu betreiben. Es werden die 
Untersuchungen, die sich von anderer Seite und in einer andern 
Richtung an die Raceneigenschaften knüpfen müssen, schHessHch zu 
einem Ausgang führen, der die Brutalität der ganzen Lieblingslehre 
dahin kehren dürfte, wohin sie gehört. Unseres Erachtens ist der 
specifische Darwinismus, wovon natürlich die Lamarckschen Auf- 
stellungen auszunehmen sind, ein Stück gegen die Humanität ge- 
kehrte Brutalität. Dieser Vorwurf kann nun freiHch nicht über- 
raschen, wenn man bedenkt, wie nahe es für einen Zoologen, der 
zugleich Affectionen für einen Malthus hat, liegen muss, im Gebiete 
der Bestien die Gesetze und das Verständniss aller Naturaction zu 
suchen. Die wissenschaftliche Dürre dieser Sphäre, die sich vor La- 



7 n<tf*f/t; 

— 118 — 

marck fast mit blossen Classificationen behelfen musste, konnte eben- 
falls dazu verleiten, die wenigen genetischen Aufschlüsse, die ge- 
wonnen waren, zu überschätzen und vermittelst der halb poetischen, 
halb brutalen Kampftheorie eine anregende Ausschmückung vor- 
nehmen zu wollen. 

7. Die unwissenschaftliche Halbpoesie, in welcher der Kampf 
um das Dasein von Darwin auch auf die passive und bewusstlose 
Pflanze sowie auf die unwillkürlichen und völlig unabsichtlichen Acte 
der animalischen Wesen übertragen wurde, musste die echten Grenzen 
jenes Begriffs fälschen. Man mag in solchen Fällen von einem 
Mangel der Existenzbedingungen und von mechanischen Wirkungen 
der Umstände reden ; aber man muss sich hüten, aus einer Metapher 
oder Allegorie eine eigentliche Wahrheit von exactem Sinn machen 
zu wollen. Solche übel angebrachte poetische Redeweise kann nur 
dazu dieuen, die Begriffe zu verdunkeln und den Schein einer theo- 
retischen Einheit zu erregen, die in der That nicht vorhanden ist. 
Ein wirklicher Kampf um das Dasein setzt bewusste Triebe voraus, 
in denen sich die Wesen nicht nur feindlich begegnen, sondern auch 
wissentlich darauf ausgehen, das eigne Leben auf die Vernichtung 
oder Hinderung des andern zu gründen. In diesem genau bestimm- 
ten Siuue ist nun der Kampf um das Dasein innerhalb der Bestia- 
lität insoweit vertreten, als die Emähruug durch Raub und Ver- 
nichtung erfolgt. Bekanntlich würde aber auch hier die Auslegung 
der Raubgier durch die Anforderungen des Kampfes um das Dasein 
sehr unzulänglich bleiben ; denn eigentlicher Blutdurst und Mordgier 
sind zwei verschiedene Dinge. Der Kitzel, der durch das sonst zweck- 
lose massenhafte Morden bei manchen Raubthieren befi'iedigt zu wer- 
den scheint, hat mit den Existenzbedingungen nichts zu schaffen, 
sondern ist im Gegentheil dazu geeignet, den künftigen Vorrath zu 
beeinträchtigen. Was aber die Concurrenz zwischen gleichartigen 
Wesen betrifft, so strebt ein jedes nach Selbsterhaltung, und wenn 
es sich hiebei nicht um das andere kümmert und unter Umständen 
mit demselben in Conflict geräth, so bleibt dieser Hergang doch 
ohne jenes raffinirte Bewusstsein, welches uns ein ähnliches Verhält- 
niss bei dem höher entwickelten Menschen so verworfen erscheinen 
lässt. Solange nur die Naturroechanik unmittelbarer Triebe und 
Leidenschaften im Spiele ist, können die Conflicte, die sich aus den 
Umständen ergeben, nie so widerwärtig werden, als wenn sie von 
dem Bewusstsein oder sogar von der berechnenden Ueberlegung be- 



.;,..r ^trf^Jt-^ Cw^M-^i^. 



— 119 — 

gleitet werden, dass es sich um eine Vermehrung des eignen auf 
Kosten des fremden Daseins handle. 

Mit einer Art Heiligenschein sucht sich die Darwinsche Kampf- 
theorie dadurch zu umgeben, dass sie in einem sehr wesentlichen 
Punkte vom Malthusianismus abweicht. Während der letztere in 
dem Gedränge der Bevölkerung nur eine Ursache des Uebels sieht 
und in der Zukunft nur die immer grössere Häufung der gesellschaft- 
lichen Missverhältnisse, also das Wachsen von Armuth, Elend und 
Verunstaltung voraussetzt, hat Darwin bekanntlich seine Fortschritts- 
und Vervollkommnungstheorie grade auf den Kampf um das Dasein 
gebaut. Wer am besten für diesen Kampf ausgestattet ist, wird den 
minder gut Gerüsteten aus dem Leben ausmerzen. Die Erzwingung 
der geschlechtlichen Combinationen spielt auch hier eine Hauptrolle ; 
nur dass sie unter dem Einfluss der Englischen Prüderie mit etwas 
obligater Verschämtheit eingeführt wird. Der Kampf der Gorillas 
um den Besitz ihrer Weibchen mag allerdings von einem modern 
ritterlichen Duell nicht so überaus verschieden sein, wenigstens was 
die Hauptsache betrifft. Im Gegentheil möchte die Bestiahtät der 
naturwüchsigen Form manche Vorzüge haben; denn einerseits fällt 
dort die Verschrobenheit eines verzerrten Duellcomments fort, und 
andererseits dürften die Gorillaweibchen nicht ganz so passive Exi- 
stenzen sein, wie die herrlichen Culturentwicklungen der Mustertypen 
der weiblichen Sklaven der Species Mensch. Indessen erinnert doch 
grade das Gorillabeispiel daran , dass die unschönen langen Arme 
nait ihrer gewaltigen Muskelaction und wuchtigen Hämmerkraft in 
solchen Fällen den Fortschritt repräsentiren und an der Spitze der 
Civilisation die Vorhut bilden. Die durch Züchtung vermittelte 
Cultur wird daher den gröbsten Eigenschaften unter Umständen am 
günstigsten sein, und wenn auch immerhin das Gehirn eine Waffe 
ist, durch welche alle andern Kriegsmittel verstärkt werden, so 
möchten doch plumpe Kraft, raffinirte List und ausgeprägte Bosheit 
die überwiegenden Chancen haben, sobald es sich um Feindseligkeiten 
als Grundform der Existenzvermittlung handeln soll. Nun läuft auch 
in der That die gewaltsame Züchtung, insoweit sie in dieser Rich- 
tung wirkhch Einfluss hat, auf die Vererbung und Steigerung der- 
jenigen Eigenschaften hinaus, die mit dem Faustrecht und seiner 
dienstbaren Ergänzung, dem Spiel der Hinterlist, am besten zu- 
sammenstimmen. Je mehr irgendwo das feindliche Verhalten und 
der eigentliche Krieg zur vorherrschenden Grundgestalt der Bezie- 



— 120 — 

hungen werden und die positiven Antriebe zur Cultur und Entwick- 
lung verdrängen, wachsen auch die Chancen derjenigen Brut, in 
welcher sich die gehässigen und verworfenen Eigenschaften der Spe- 
cies Mensch concentriren. Ja es wii'd eine solche Brut mit ausge- 
prägten Eigenschaften erst recht eigentUch gezüchtet, so dass man 
behaupten darf, es seien die schlimmen Elemente auf Kosten der 
bessern durch solche Verhältnisse zum überwuchernden Dasein ge- 
langt. Was gelten Schönheit und edle Gestaltung vor jenem Me- 
chanismus der Geschichte, durch welchen das vollendetste Ebenmaass 
zerschmettert und kaum eine lückenhafte Erinnerung daran übrig 
gelassen wird? Die vorzüglichsten Gebilde sind nicht blos in der 
äussersten Minderheit, sondern können oft sogar als Einzigkeiten 
betrachtet werden, die von dem breiten Strome roher und gemeiner 
Elemente überfluthet und für immer ertränkt werden. Die gelun- 
gensten Kunstwerke der Natur, die vollendetsten Muster des edelsten 
Menschentypus, die herrlichsten Verkörperungen geistiger Hannonie, 
— dies Alles, was so selten producirt wird, fallt so oft der gemein- 
sten Zerquetschung des Daseins anheim. Wo der Kampf vorherrscht, 
da entscheiden natürlich die Kriegsmittel, aber nicht diejenigen Eigen- 
schaften, welche unmittelbar der positiven Lebensbethätigung und 
der Hervorbringung edler Formen günstig sind. Falls man nicht 
etwa die Unverachämtheit besitzt, zu behaupten, dass die fär den 
Zustand der Feindschaft und der gegenseitigen Vernichtung am besten 
dienstbaren Eigenschaften dieselben seien, aus denen sich das positive 
Ideal der Gattung zusammensetzt, so wird man wohl auch auf jeden 
sophistischen Schein zu Gunsten der besondern Darwinschen Art von 
Naturzüchtung verzichten müssen. 

Um jedoch jede erdenkbare Zuflucht, an die sich die Einseitig- 
keiten der Kampftheorie klammem möchten, im Voraus abzuschnei- 
den, mag hier eine Ueberlsgung Platz finden, auf die man im Be- 
reich des ganzen Darwinismus wohl noch nicht gekommen sein 
dürfte. Es könnte nämlich scheinen, dass in der Brutalisirung der 
Zustände durch die erzwungenen geschlechtlichen Combiuationen 
wenigstens die weibliche Schönheit in ihrer Passivität einige Chancen 
guter Züchtung habe. Die Geschlechtsreize kommen unter den frag- 
lichen Voraussetzungen nur einseitig in das Spiel. Wenn Völker 
oder Einzelne, wenn also die nationalen Raubzüge oder Privatmacht 
und Privatlist über die Aneignung von Futter für den Geschlechts- 
hunger der männlichen Kämpfer ums Dasein entscheiden, so fällt 



— 121 — 

die weibliche Hälfte der Species dem andern Theil gleichsam wie 
eine Beute zu, und es ist offenbar, dass sich die geschlechtliche 
Zuchtwahl in diesem Fall fast ausschliesslich nach den Affectionen 
der Männer richten wird. Man könnte nun hieraus folgern wollen, 
dass sich hiedurch unter dem weiblichen Geschlecht eine Auswahl 
und Aussonderung von grosser Tragweite vollziehen müsste. Man 
könnte annehmen, dass wenigstens in dieser Richtung die Schönheit, 
ja vielleicht überhaupt das Bessere eine Chance der bevorzugten Con- 
servirung hätte. Indessen würde diese einseitige Auswahl, selbst 
wenn sie, was nicht der Fall sein kann, in jeder Beziehung das 
Richtige träfe, dennoch nicht viel helfen, da die in dem weiblichen 
Theil veredelte Race immer wieder durch die im entgegengesetzten 
Sinne entwickelten und principiell übel gerathenden Männcheugebilde 
verdorben werden würde. Man wende nicht ein, dass dem weib- 
lichen Geschlecht auf den hohem Culturstufen auch einige indirecte 
Activität zufalle. Dieser Umstand kann unter den vorausgesetzten 
Verhältnissen eines vorherrschenden Beraubungskampfes nichts helfen; 
denn eine Wahl ist überflüssig, wo die maassgebende Zucht an Män- 
nern, die mit allen Vortheilen des Lebens ausgestattet ist, durch- 
gängig eine Verkörperung der roheren Bestandtheile der mensch- 
lichen Natur und etwas Raubthierartiges geworden ist. 

8. Nach Lamarck ist die Art eine Häufung von Variationen; 
nach Darwin beruht die ausgeprägte Differenz ihrer Form auf einer 
Ausmerzung der Zwischengebilde, welche früher die Stetigkeit der 
allseitigen Veränderlichkeit bekundeten. So soll der Abstand zwi- 
schen Nationalitäten dadurch grösser werden, dass gewisse Ueber- 
gangsgebilde dem Kampf um das Dasein erliegen, oder dass die 
zurückgebliebenen Zwischengebilde nur als Winkelvölker mit kleiner 
Bevölkerung und kleinem Gebiet von Gnaden der Eifersucht ihrer 
grossen Nachbarn eine Zeit lang ein geduldetes Dasein führen. Da, 
wo der Kampfzustand die Vorbedingung des Lebens ist, könnte 
jener Schluss insoweit richtig sein, als nicht die Verschmelzungen 
und gegenseitigen Ausgleichungen der Eigenschaften in Frage kom- 
men. Man hat auch die Entstehung und die Schicksale der Sprachen 
Darwinistisch behandeln wollen ; aber grade hier zeigt sich am besten, 
wie die ursprünglichen Differenzen und bis zur individuellen Verein- 
zelung ausgreifenden Mannichfaltigkeiten eines früheren Stadiums 
hinterher durch allgemeinere Formen ersetzt werden und so eine 
consolidirende Ausgleichung erfahren. Sicherlich hat man ein Recht, 



\u£i 

bei der Sprache das Allmäligkeitsprincip anzuwenden und sie aus 
einem Anfangszustande abzuleiten, der auf die Kundgebungen von 
thierischen Lauten beschränkt war. Uebrigens dürfte aber kein Ge- 
biet geeigneter sein, die Wichtigkeit der positiven Verkehi*sgemein- 
schaft und der die Gesellschaft sympathisch verbindenden Antriebe 
darzulegen, als das der Sprachbildung. Auch die Lehre von der 
Vererbung der Fähigkeiten und der sogenannten Instincte dürfte sich 
hier am leichtesten in ihre natürlichen Schranken weisen lassen. 

Mit Recht spielt die Erblichkeit der Anlagen in jeder ernst- 
hafteren Theorie der Fortpflanzung im Allgemeinen eine grosse Rolle ; 
aber die Einzelheiten, auf deren Kenntniss es am meisten ankäme, 
sind bis jetzt noch in einem dichten Dunkel verblieben. Nicht ein- 
mal ein specielles Princip ist in dieser Richtung bis jetzt ausgemacht 
worden. Obwohl es keinem Zweifel unterworfen ist, dass die körper- 
lichen Beschaffenheiten und geistigen Eigenschaften, soweit sie durch 
die blosse Structur der Organe bei der Geburt gegeben sein können, 
wirklich vererbbar sind, so bleibt doch die Noth wendigkeit des wirk- 
lichen Eintritts der speciellen Vorbedingungen einer solchen Ver- 
erbung eine offene Frage. Weit interessanter, als die positive Ueber- 
tragung, ist die Zerstörung oder wenigstens der Ausfall vieler Eigen- 
schaften in der geschlechtlichen Fortsetzung der Individuen. Da die 
Manier, in welcher Darwin mit der Vererbung operirt, fast ausschliesslich 
der Anschauungsweise der Züchter abgeborgt ist, und da diese letz- 
teren natürlich vorzugsweise die positiven Ergebnisse im Auge be- 
halten müssen, so haben die negativen Wirkungen der geschlecht- 
lichen Combination selbstverständlich keine Berücksichtigung erfahren. 
Jedoch wird man nicht eher einen tiefern Blick in das Wesen der 
geschlechtlichen Entwicklung thun, als bis man dem, was in der 
Combination unterdrückt wird, die gleiche Aufmerksamkeit widmet, 
wie dem, was sich an Aehnlichkeiten reproducirt. Die Vielgestaltig- 
keit der zahlreichen Saamenelemente, der andererseits wiederum eine 
Mannichfaltigkeit der Eibildungen entspricht, ist von weit grösserer 
Bedeutung, als eine völlige üebereinstimmung sein könnte. Wer 
streng davon ausginge, dass die Fortpflanzung immer das Gleiche 
reproducirte , würde auf das Veränderungselemeut und mithin auf 
eigentliche Entwicklung verzichten müssen. Eine verschiedene 
Mischung vermöge der Doppelheit der Individuen würde die einzige, 
alsdann übrig bleibende Variation st;in. Nun ist aber mit der grössten 
Wahrscheinlichkeit, im wissenschaftlichen Sinne dieses Worts, an- 



^V^^M*-,.- /V.v^-Vtf. . _ 123 — 

zunehmen, dass schon die elementaren Gebilde, in denen das künftige 
Wesen präformirt ist, bei jedem Individuum in sehr verschiedenen 
Schematismen auftreten und innerhalb einer schwer bestimmbaren, 
aber doch weit gezogenen Grenze eine Welt von Individualtypen 
enthalten. Das höhere Problem bestände also für das Verständniss 
der Fortpflanzung darin, nicht die Identitäten, sondern die Diffe- 
renzen und zwar unabhängig von dem Antheil der blossen Mischung 
zu erklären. Wenn jemals das eigentlich Schöpferische in der Ent- 
wicklung begriffen werden soll, so muss ausser der Fixirung, welche 
die erworbenen Eigenschaften in Vererbungsanlagen erfahren, auch 
jener entlegenere Hergang aufgedeckt werden, vermöge dessen ein 
inneres und selbständiges Princip der Veränderung die gleichzeitige 
Mannichfaltigl?:eit der in demselben Individuum gegebenen Elementar- 
gebilde der Zeugung oder Fruchtbarkeit hervorzubringen vermag. 
Allem Ansehein nach ist die Verschiedenheit der Composition inner- 
halb desselben individuellen Organismus bereits ein Grund für diffe- 
rente Saamenbildung; denn wenn die einzelnen Bestandstücke in 
selbständiger Weise ihre Antheile zu der Saamen- oder Eibildung 
liefern, so muss ein bedeutender Spielraum in der Art der Zusammen- 
setzung entstehen. Auch wäre es durchaus keine wissenschaftliche 
Ungeheuerlichkeit, hiebei an einen ähnlichen Vorgang zu denken, 
wie er ursprünglich dem Werden der verschiedenen Generationen zu 
Grunde gelegen haben muss. Warum sollte der Saame nicht eine 
so zu sagen historische Seite haben und in der Mannichfaltigkeit 
seiner Elemente eine Menge von Formen darstellen, die mit der Ver- 
gangenheit und der allmäligen Productionsart des jetzt vorhandenen 
Individuum in Beziehung stehen. Selbstverständlich müsste jedes 
Saamenelement für sich das besondere Schema eines künftigen Wesens 
darstellen; aber die Variationen solcher Schemata würden in der 
Vielheit solcher Elemente zu suchen sein. 

Nun liegt freihch das Verständniss für eine erbliche Fixirung 
der im Laufe der Entwicklung erworbenen Eigenschaften weit näher, 
als irgend welche Voraussetzung über das innere Princip der diffe- 
renten Chancen, die bei dem Einzeluen vor aller geschlechtlichen 
Combination für die Möglichkeit einer mannichfaltigen Ausprägung 
von Individualcharakteren vorgebildet werden. Aus diesem Grunde 
hat sich der Darwinismus jener offenliegenden Fixirungen bemächtigt, 
um die sogenannten Instincte in eine historische Composition all- 
mälig erworbener Eigenschaften aufzulösen. Wäre er hierin voll- 



."^Kri^Jfl., . 1. 124 — 



kommen consequent gewesen, so würde er überhaupt die dunkeln 
Vorstellungen von räthselhaften Natuiinstincten über Bord geworfen 
haben. Statt dessen hat eben Darwin mit den Instincten so operirt, 
als wenn es ausser den bekannten Trieben, die wir in ihre Elemente 
zerlegen und stets in irgend einem Analogon an ims selbst auch 
subjectiv studiren können, noch eine zweite, dunkle Gattung von 
Anregungen der Thätigkeit geben müsste. Er hat die alte Ueber- 
lieferuug von Instincten überhaupt beibehalten und sich darauf be- 
schränkt, sie zum Theil als etwas Gewordenes anzusehen. Daneben 
ist aber der alte Zwitterbegriff von einer Fähigkeit, die weder Ver- 
stand noch Trieb und auch kein Zusammenwirken von beiden, son- 
dern eine eigenartige, halb mystisch gedachte Function sein soll, 
ruhig stehen geblieben, und dieses Misch- und Missgebilde einer 
voreiligen, eben nur die Unwissenheit verkörpernden Imagination 
zeugt noch mehr, als die gröberen Beengtheiten der fraglichen Denk- 
weise, von dem Mangel einer tieferen, echt philosophischen Durch- 
dringung der subjectiven Gesetze der Naturaction. Man könnte das 
Wort Instinct mit der zugehörigen täuschenden Vorstellung getrost 
aus der gesammten Wissenschaft streichen und überall da, wo man 
sonst von Instincten redet, die ganz gewöhnliche Triebform mit eben 
so gewöhnlichem Verstände voraussetzen, ohne irgend etwas für die 
wirkhche Einsicht einzubüssen. Im Gegentheil würde man, wenn 
man z. B. die sogenannten Kunsttriebe der Thiere auf einfache Ver- 
standesoperationen nach Analogie der unsrigen zurückführte und 
hiebei als Gnmdlage nur solche Triebe wirken Hesse, die auch uns 
subjectiv aus unserm eignen Innern als blosse Triebe verständlich 
sind, radical und im eigentlichen Sinne des Worts bis an die Wurzel 
mit den instinctiven Nebelhaftigkeiten aufräumen. 

9. Wir haben in dem Bisherigen die Schwächen biosgelegt, 
welche dem specifischen Darwinismus im Unterschiede von den bes- 
sern Elementen der neusten Denkweise, nämlich im Gegensatz zu 
den annehmbaren Lamarckschen Vorstellungen anhaften. Es hat sich 
hiebei gezeigt, dass eine durch den Kampf um das Dasein vermittelte 
Züchtung die einzige Eigenthümlichkeit ist, durch welche sich die 
breiten, unbehülfUchen und bis zur Langen weile ermüdenden Aus- 
fiihnmgen der Darwinschen Schriften principiell von den Lamarck- 
schen Grundlagen unterscheiden. Es steht ferner fest, dass diese 
Eigenthümlichkeit in ihrer einen Hälfte, nämlich in Rücksicht auf 
den Kampf um das Dasein, nichts als eine Verallgemeinerung der 



— 125 — 

falschen Malthusschen Theorie von dem Gedränge der Bevölkerung 
nnd von der Ausgleichung der schwierigen Yerhältnisse durch gegen- 
seitige Vernichtung ist. In der andern Hälfte, nämlich insofern es 
sich um die Häufung und Steigerung von Eigenschaften durch Ver- 
erbung handelt, ist die Weisheit des Züchters die einzige Mitgift, 
deren sich der Engländer Darwin in hohem Grade rühmen kann. 
So wäre denn der ganze Kreis von Ansichten, der in der gegen- 
wärtigen Modesaison des animalischen Wissens von Thier und Mensch 
ein so breites Gebiet in Anspruch nimmt, in unterscheidbare Theile 
von sehr abweichendem Werth zerlegt, und es könnte hiedurch be- 
sonders denjenigen Mystificationen ein wenig gesteuert werden, die 
durch die Vermischung des Wahren mit dem Falschen ihren ver- 
führerischen Reiz entwickeln. Indessen wird man wohl auf die Ueber- 
sättigung mit der Darwinistischen Manier warten müssen, ehe der 
übrigens unausweichliche Rückschlag eintritt. Vorläufig zieht der 
specifische Darwinismus seine Glorie aus einer Gattung von Angrei- 
fem, die unmittelbar oder mittelbar auf priesterlichen oder überhaupt 
religiösen Voraussetzungen fusst und die Abstammung des Menschen 
vom Affen mit ihren jüdischen Mythen nicht zusammenreimen will. 
Diese Verfechter der religiösen Fabeln finden es grausam, dass der 
nach dem Ebenbilde ihres Gottes geschaffene Mensch ursprünglich 
auf einer seiner Entwicklungsstufen Affe gewesen sein und in dieser 
Gestalt von dem Wesen seines Urbildes Zeugniss gegeben haben soll. 
Doch mögen sie sich beruhigen. Diese Affenstammväter des mensch- 
lichen Geschlechts waren, wenn sie jemals in dieser Eigenschaft exi- 
stirt haben, doch jedenfalls in der Entwicklung ihrer tieferen und 
idealeren, auf die Zukunft angelegten Affennatur damals noch nicht 
soweit vorgeschritten, um einen Gott nach ihrem Ebenbilde imagi- 
niren zu können. Als ein späteres Entwicklungsstadium ihnen zu 
Götterphantasien verhalf, waren sie eben nicht mehr Affen im eigent- 
lichen Sinne des Worts, sondern schon höchst liebenswürdiges 
Mensehenvieh, welches grade soviel Bewusstsein hatte, um sich für 
gut genug zu halten, sein eignes herrUches Musterbild in grösserem 
Maassstabe zu copiren. 

Ein besonderer Unfug ist mit dem Wort Entwicklung dadurch 
getrieben worden, dass man geglaubt hat, unter der Maske dieses 
Ausdrucks theils die Unwissenheit verhüllen, theils die abgelebten 
und superstitiosen Nebelhaftigkeiten halbtheologischer Begriffe und 
zugehöriger Dogmen einer dienstbaren Metaphysik wieder einschwärzen 



— 126 — 

zu können. Auch in dieser Richtung haben sich besonders Eng- 
länder hervorgethan; aber es ist hier nicht der Ort, sich mit Namen 
zu befassen, die höchstens in einer Geschichte der Philosophie und 
für eine Kennzeichnung des gegenwärtigen Zustandes der Missphilo- 
sophie eine den Abweg signalisirende Erwähnung finden können. 
Wir lassen daher die psychologischen Accompagnements und die 
sonstige Darwinismusspielerei, wie sie unter Leuten von der Art des 
Herrn Herbert Spencer auch philosophastrisch grassirt, vollständig auf 
sich beruhen. Wir bemerken nur ganz im Allgemeinen und zwar 
weit mehr im Hinblick auf die möglichen Wendungen der Zukunft, 
als auf die Niaiserien der Gegenwart, dass man sehr vorsichtig ver- 
fahren muss, wenn man nicht mit dem Jahrhunderte alten Entwick- 
lungsbegriff, den die moderne Naturwissenschaft und besonders die 
Physiologie zum markirten Bewusstsein gebracht hat, durch Ent- 
fremdung von der Erfahrung in ganz gemeine Emanationsvorstel- 
lungen gerathen will. 

Im rationellen Sinne ist der Begriff der Entwicklung nur soweit 
gültig, als sich Entwicklungsgesetze wirklich nachweisen lassen, 
üebrigens bleibt er für Vergangenheit und Zukunft eine pure Ima- 
gination, die nur insoweit Recht behalten kann, als in ihr ein un- 
ausweichliches Denkschema enthalten ist. Die Entwicklung umfasst 
nun da, wo wir sie erfahruugsmässig kennen, nicht blos die Gestal- 
tung, sondern auch die Auflösung der Gebilde. Diejenige Weisheit, 
welche auf besonders tiefe Einsichten über Ursprung und Entstehung 
der Arten pocht, sollte, wenn sie überhaupt philosophischen Sinn 
hätte, doch auch consequent genug sein, die Welt mit den zuge- 
hörigen Auflösungsperspectiven zu erfreuen. Der universelle Unter- 
gang der Arten wäre ein reizendes Ziel für diejenigen, denen die 
theilweise Ausmerzung und eine Zerstörung, die blos zum grossem 
Ruhm der überlebenden Vollkommenheiten vor sich geht, nicht Ge- 
nüge thut. Indessen hier gehen die Wege der imaginativen Wissen- 
schaft auseinander. Die Glorie der Vollkommenheit muss gewahrt 
werden, damit die Vollkommenheit der Glorie fortbestehe. Obwohl 
die Entwicklung in dieser Art von zoologischer Wissenschaft fast 
nur ein Anschauungsbild ist, bei welchem wenig gedacht wird, so 
bleiben doch die specifischen Liebhaber dieser Intuition nicht bei der 
einfachen Reihe der Vorgänge stehen. Sie richteu sich nicht nach 
der universellen Gesetzmässigkeit mit der Doppelthätigkeit des Schaf- 
fenden und des Zerstörenden im Antagonismus, sondern beruhigen 



-^ 127 — 

ihre Jünger mit dem nächsten Stadium des in Aussieht stehenden posi- 
tiven Fortschritts. Da die in dieser Nebelhaftigkeit concipirte Entwick- 
hmg für die Phantasie einen grossen Spieh'aum verstattet, so können 
sogar die mystischen Conceptionen hier eine letzte Zuflucht finden. 
Wir fragen nun, ob es nicht besser wäre, lieber alle Dunkel- 
heiten, die der gewöhnliche Begriff einer Entwicklung mit sich 
bringt, dadurch zu beseitigen, dass man diesen Begriff insow-eit auf- 
giebt, als er sich nicht durch denjenigen der Composition von Ele- 
menten decken lässt. Die gemeine Schöpfungsvorstellung war stets 
etwas Unwissenschaftliches; warum sollte nicht auch der heutige ge- 
meine Entwicklungsbegriff, der sich fast in Nichts von der unmoti- 
virteu Metamorphosenvorstellung unterscheidet, als ein Hinderniss 
des strengen Denkens und einer richtigen Welfcauffassung fungiren? 
Mindestens sind drei Viertel seiner Bestandtheile verwerflich, und 
was übrig bleibt, muss auf Hergänge der Zusammensetzung und 
Trennung zurückgeführt werden, wenn es einen klareren Sinn er- 
halten soll. Erinnern wir uns noch einmal der Voraussetzungen, 
vermöge deren die Chemie eine wirkliche Wissenschaft ist, und be- 
denken wir, dass alle Entwicklungsschematismen, soweit sie mehr 
als äusserliche Anschauungsbilder der unmittelbaren Erfahrung sein 
sollen, die Bearbeitung eines atomistischen Materials aufweisen müs- 
sen. Nur in diesem Sinne können wir Entwicklungsgesetze als letzte 
Instanzen der Rechenschaft anerkennen, und nur in dieser Richtung 
kann es eine zergliedernde und hiemit erst wahrhafte Wissenschaft 
von der Entwicklung geben. Der reine Mechanismus hat in dieser 
Beziehung denselben Anspruch zu machen, und die Entwicklung 
muss in der rein mechanischen Composition sogar ihre erste Stelle 
haben. Das Organische ist mithin eine zusammengesetzte Form 
selbständiger mechanischer Entwicklung, und hiedurch wird das phy- 
sikalische Universum mit dem specifischen Leben und den Empfin- 
duugsvorgängen zu einer fundamentalen Einheit verbunden. 



Dritter Abschnitt. 

Elemente des Bewusstseins. 



Erstes Oapitel. 
Empfindung und Sinne. 

JJenken wir aus dem System der Dinge alle Subjectivitäten hinweg, 
so bleibt der Mechanismus der objectiven Welt als eine zwar zweck- 
lose, aber doch selbstgenugsame Einheit übrig. Das Dasein empfin- 
dender Wesen ist keine Voraussetzung für den Kosmos; aber wohl 
ist der letztere eine unerlässliche Vorbedingung der Existenz von 
Bewusstseins Vorgängen. Das Reich der Empfindung besteht in der 
Vereinzelung einer Vielheit empfindender Wesen, und es scheint in 
diesem Gebiet zunächst jede einheitliche Verbindung zu fehlen. 
Während sich das objective Sein sofort als ein Gesammtsystem dar- 
bietet, durch dessen Einzelheiten der Faden der Materialität und der 
allgemeinen Naturkräfte hindurchleitet, lässt sich etwas Aehnliches 
von der Mannichfaltigkeit der Bewnsstseinssphären nicht behaupten. 
Der Verkehr zwischen den Vorstellungen der verschiedenen Wesen 
ist ein äusserst partieller. Jedes Bewusstsein ist an sich selbst ein 
mehr oder minder abgeschlossenes Bereich von Empfindungen und 
Vorstellungen, die sich nur in secundärer und unterbrochener Weise 
an andere Bewusstseinsbereiche mittheilen können. Das auf den 
ersten Blick Merkwürdigste ist der Umstand, dass der Einheit des 
objectiven Seins zwar die Einheit eines jeden einzelnen Bewusstseins, 
aber nicht die Vereinigung alles Bewusstseins in einem einzigen 
Subject gegenübersteht. Die Imagination hat es allerdings an der 
Erdichtung eines solchen universellen Bewusstseins nicht fehlen las- 
sen; aber sie hat auch eben mit dieser Ungeheuerlichkeit nichts als 
ein Etwas producirt, welches allen Gesetzen der Wirklichkeit wider- 



— 129 — 

spricht. Die relative Vereinzelung gehört zum Wesen des ßewusst- 
seins, und der Reichthum dieses Gebiets ist eben darin zu suchen, 
dass die Form des Sichselbstempfindens so vieler Wiederholungen 
und Variationen fähig ist. 

Das Bewusstsein ist ein mehr oder minder flüchtiger Vorgang 
und mithin ein producirter Act, welcher innerhalb desselben Wesens 
regelrechte Unterbrechungen aufweist. Im traumlosen Schlaf und in 
einigen abnormen Zuständen ist nicht das mindeste Bewusstsein vor- 
handen, wenn auch immerhin die Disposition zu seiner Hervor- 
bringung besteht. Man darf aber die Anlage, vermöge deren auf 
bestimmte Reize die Empfindung hervorgerufen werden kann, nicht 
mit dem Act des subjectiven Empfindens selbst und dem zugehörigen 
Gefiihl verwechseln. Was wir nicht subjectiv inne werden und wobei 
wir nicht den Unterschied von Lust und Schmerz wahrnehmen kön- 
nen, das gehört gar nicht der Wirklichkeit des Bewusstwerdens an, 
sondern muss als ein ausserhalb des actuellen Ich belegenes Element 
betrachtet werden. Dieser Sachverhalt ändert natürlich nichts an 
der eben so sichern Thatsache, dass die Dispositionen zum Bewuäst- 
sein dem individuellen Schematismus und insofern auch demjenigen 
Ich angehören, welches man uneigentlich so nennt und als das ob- 
jective Band einer Individualgestalt ansieht. Dieses uneigentliche Ich 
wird nun freilich meist zu einer eben solchen Chimäre gemacht, wie 
es die beliebten empfindungslosen Empfindungen, unvorgestellten 
Vorstellungen und ähnliche, von einer sogenannten Wissenschaft 
ausgebome Ungeheuer sind. In Wahrheit ist das bindende Schema, 
vermöge dessen vor allem Bewusstsein ein künftiges Bewusstsein de- 
terminirt wird, zwar ein nothwendiger Begriff; aber man muss zu 
den grössfcen Ungereimtheiten gelangen, wenn man die unempfan- 
denen und mithin objectiven Ursachen der Empfindungen ebenfalls 
Empfindungen nennt. Leider ist es aber nicht blos ein nachlässiger 
Sprachgebrauck, sondern eine Verkennung der Hauptsache, was zu 
den fraglichen Absurditäten geführt hat. Wer die Kluft verkennt, 
die zwischen Empfinden und Nichtempfinden besteht, mag allerdings 
die Ursachen oder Kräfte, aus deren Medium das subjective Fühlen 
producirt wird, mit diesem Fühlen selbst als einerlei ansehen und 
die Bestimmungen des objectiven Gebiets mit den Bewusstseins- 
bestandtheilen wirr durcheinanderlaufen lassen. Wer jedoch irgend 
einmal des gewaltigen Unterschiedes inne gewordeu ist, der zwischen 
dem Bewusstlosen und dem Bewussten eine durch keine quantitative 

Dühring, Cursus der Philosophie. ^ 



- 130 — 

Allmäligkeit zu verwischende Grenze zieht, der wird es sich nicht 
mehr einfallen lassen, die völlige üngleichartigkeit der beiden Seins- 
formen in den Nebeln eines zweideutigen Sprachgebrauchs und einer 
unexacten Denkweise verhüllen zu wollen. 

Die Vereinzelung des Bewusstseins in bestimmten Wesen ist 
jedoch nicht blos eine Elrfahrungsthatsache, sondern auch, soweit 
sich hier überhaupt deduciren lässt, eine innere Nothwendigkeit. 
Das Ueberraschende, was der Mangel eines Universalbewusstseins zu- 
nächst an sich hat, muss verschwinden, sobald man erkennt, dass 
ein solches einziges Universalbewusstsein ein in sich widersprechendes 
und mithin real unmÖghches Gebilde ist. Alles Bewusstsein setzt 
ein Sein voraus, dessen es sich bewusst zu werden hat. Es beruht 
mithin auf einer Trennung und einem Gegensatz. Die Empfindung 
ist nicht denkbar ohne eine Differenz der Kräfte. Sie ist sogar 
überall das Ergebniss einer mechanischen Arbeit. Wenn nun das 
Bewusstsein zeitlich und räumlich nur eine in jedem Fall beschränkte 
Summe von Elementen der Wahrnehmung zu sein vermag, so kann 
es zwar in seiner Grundform den Schematismus der Welt der blossen 
Anlage nach enthalteni muss aber in jeder seiner Wirklichkeiten be- 
grenzt ausfallen. Da nun die Anlage zum Bewusstsein gar kein 
eigentliches Bewusstsein ist, so begreift sich, warum das Bewusst- 
sein nur in einer Vielheit von Standpunkten der Aufgabe der höch- 
sten Steigerung und der weitesten Ausdehnung seines Umfangs ent- 
sprechen könne. Die nothwendige Beschränktheit des einzelnen 
Bewusstseinsvorgangs hat ihre Ergänzung in der Mannichfaltigkeit 
der verschiedenen Acte, und die unvermeidliche Enge der Individua- 
lität des Empfindens erweitert sich zu der in diesem Gebiet über- 
haupt möglichen Universalität durch die zusammenbestehende Vielheit 
und durch die Aufeinanderfolge der Wesen. Wäre diese Isolirung 
der subjectiven Welt nicht gleichsam ein Stück realer Logik oder, 
mit andern Worten, eine aus der Artung der neuen Seinsgattung 
selbst entspringende Nothwendigkeit, so würde man sich allerdings 
wundern müssen, dass die universelle Zusammenfassung der Welt 
nicht vollendet in einem einzigen Subjecte dasteht. Der allgemeinen 
Grundform nach trägt jedes Subject gleichsam die Anweisung zu 
einer einheitlichen Auffassung der Dinge in sich; wie viel aber in 
den Rahmen dieser Einheit eingespannt werden könne, hängt nicht 
nur von dem niedern oder hohem Schematismus des Wesens, son- 
dern auch von der zeitlichen und räumlichen Situation ab, zu welcher 



— 131 — 

es mit seinen besondern Eigenschaften gehört. Die Versetzung in 
neue Lagen ist das grosse Mittel, durch welche das Spiel der Be- 
wusstseiusphänomene variirt wird. Die Einheit in diesen Variationen 
wird aber dadurch gewahrt, dass für jedes Bewusstsein nur eine ein- 
zige Welt existirt, wie wenig oder wie viel auch von derselben in 
Empfindung tibersetzt oder nicht übersetzt werden mag. Auf diese 
Weise ist jedes vereinzelte Bewusstsein gleichsam eine Welt für sich 
und nichts weiter als der Ausdruck einer bestimmten Situation, in 
welcher sich das Sein in einer seiner Thatsachen und in einem seiner 
Verhältnisse befindet. Auf der andern Seite ist es aber zugleich ein 
selbstgenugsamer Beziehungspunkt der einheitlichen und einzigen 
objectiven Welt auf sich selbst und leistet mithin alles das, was 
man rationeller Weise von einem Universalbewusstsein nur irgend 
verlangen könnte. Der falsche Begriff eines üniversalbewusstseins 
wäre die Confusion einer Unzahl unverträglicher subjectiver Elemente 
zu der Nacht des unterscheidungslosen Nichts . und fährte mithin zu 
der verworrenen Verwischung alles Bewusstseins in den Nebeln des 
Unbewusstseins , also zum universellen Erlöschen des Bewusstseins 
selbst. Das Ergebniss des Suchens nach jener Chimäre ist das Gegen- 
theil von dem, was der Sucher wünscht; denn er strebt mit seinem 
vermeintlichen Ideal nach einem übergreifenden actuelleu Wissen von 
Allem, und er gewinnt nur die Verneinung eines jeden, wenn auch 
noch so beschränkten Wissens. 

2. Die Einheit und kosmische Gemeinschaft, welche in der Wirk- 
lichkeit des Bewusstwerdens unmöglich ist, findet sich dagegen so- 
fort unzweideutig und klar vor, sobald wir das Gebiet des subjectiv 
Empfindbaren verlassen und uns nach den objectiven Vorgängen um- 
sehen, welche in den Individuen allen Bewusstseinsregungen voran- 
gehen und als die producirenden Factoren alles Empfindens und Vor- 
stellens zu betrachten sind. Diese Einheit ist nicht im Bewusstsein 
an sich selbst, sondern nur in solchen Ursachen vorhanden, die dem 
Gebiet des Empfindungslosen angehören. Wie alle gravitirenden 
Atome mit einander in allseitiger Beziehung stehen, so wirkt auch 
die allgemeine mechanische Causalität der verschiedensten Naturkräfte 
auf die individuellen Wesen ein und afficirt das Material, dessen 
Veränderungen auch Modificationen des Empfindungsspiels mit sich 
bringen. Besonders auffallend sind die Wirkungen der verschiedenen 
Gradationen und sonstigen Mengeverhältnisse der Wärmezustände. 
Die Abwechselungen im Gebiet des Meteorologischen wirken weit 



— 132 — 

weniger durch den Eindruck der höheren und erkennenden Sinne, 
als durch die tief innerlichen Affectionen, welche alle Theile der 
Materie ergreifen. Das Mitleben mit der umgebenden Natur ist da- 
her im letzten Grunde ein Miterzittem in und mit dem allgemeinen 
Mechanismus der Naturkräfte. Von dieser Seite besteht eine durch- 
gängige Determination aller Vorbedingungen des Bewusstseins, und 
in dieser Richtung ist die Schranke der Individualität, die in dem 
isolirten Bewusstwerden der einzelnen Situation ihren Ausdruck findet, 
offenbar nicht vorhanden. Die Antriebe, vermögen deren das Licht 
des Bewusstseins aufblitzt, sind selbst völlig dunkel, und sie müssen 
von uns als Theile einer universellen Mechanik vorgestellt werden. 
Die grösste Thorheit würde darin bestehen, die Empfindung bereits 
vor ihrer subjectiv gefühlten Wirkb'chkeit als Empfindung denken 
zu wollen. Sie tritt vielmehr erst mit jener Differenz ins Leben, 
die es möglich macht, das Objective als solches von einem rein sub- 
jectiven Innewerden der Zustände eines Wesens zu unterscheiden. 

Hienach giebt es eine doppelte Causalität, nämlich einerseits 
diejenige, welche ausserhalb der Sphäre des Bewusstseins und gleich- 
sam in den Tiefen wirkt, aus denen es aufleuchtet, und andererseits 
diejenige, welche auf der bewussten Uebertragung der Empfindungen 
und Vorstellungen von Wesen zu Wesen beruht. Dieser letztere 
Verkehr hängt von den Wahrnehmungen der erkennenden Sinne ab 
und vermittelt sich, da diese Sinne nur vermöge materieller Medien 
zu Wahrnehmungen gelangen, ebenfalls am Leitfaden der Materia- 
lität. Kein Wesen kann in das andere ohne diese materielle Brücke 
wirken, und nur die chimärischen Erdichtungen der Superstition 
wollen noch andere Wege des Einflusses kennen. Hier ist aber 
wieder einmal ein Merkzeichen der Wirklichkeitsphilosophie vorhan- 
den ; denn wer in dem psychischen Verkehr die Nothwendigkeit des 
materiellen Leitfadens leugnet, stellt sich hiemit ausserhalb aller 
strengen Wissenschaft und überlässt sich einem wüsten Köhlerglauben. 
Die materielle und mechanische Brücke ist das einzige Kriterium der 
wirklichen Causalität, und jede andere Vermittlung bleibt ein will- 
kürliches Mährchen der unrationellen Phantastik. Wie sogenannte 
Geister in Berkeleyscher oder sonst spiritistischer Manier auf ein- 
ander wirken sollen, ist ausser in Mährchenform gar nicht angebbar, 
und die Hallucinationen des thierischen oder, besser gesagt, viehischen 
Magnetismus gehören sammt dem Amerikanischen Spiritismus mit 
seinem Geisterspuk und der seinen Wundern entsprechenden Euro- 



— 133 — 

päischen Metaphysik spiritualistischer Art theils in die grosse Kinder- 
stube der Menschheit, theils auf den Schwindelmarkt der vielgestal- 
tigen Charlatanerie. Es sind dies Angelegenheiten, in denen die 
grossen Kinder und die grossen Gauner ihren gegenseitigen Bedürf- 
nissen entsprechen, nur dass schliesslich die letztere Gattung dabei 
doch besser ihre Rechnung findet. 

Die sogenannte Psychologie, die schon in ihrem Namen eine 
unwissenschaftUche Vorstellung verkörpert hat und unter diesem 
Namen, soweit meine Literaturkenntniss reicht, noch niemals ratio- 
nell und kritisch behandelt worden ist, war bisher vorherrschend 
eine Ablagerung von halb metaphysischen, halb empirischen Crudi- 
täten über Handlungen und Verhältnisse, die man einer erdichteten 
Entität, nämlich einer Psyche, d, h. einem in Cartesischer Manier 
für sich getrennt existirenden und in einem Leibe zeitweilig hausen- 
den Seelendinge zuzuschreiben beliebte. Diese Psyche ist für die 
Psychologie ungefähr dasselbe, was der Theos für die Theologie. 
Nur ist der erstere Pseudobegriff zäher als der letztere, weil ihm 
ein weit grösserer Schein der Realität zur Seite steht. Der dichte- 
rische Sprachgebrauch kann nämlich mit Fug und Recht von etwas 
Seelenvollem reden, ohne der Wahrheit etwas zu vergeben ; denn die 
figürhche Sprache bezeichnet hiemit nur den hohen Grad der Be- 
wegung, des Lebens und der innem Erregungsfähigkeit. Wenn aber 
die grammatische Substantivirung noch heute dazu verleitet, eine 
Substanz d. h. etwas dinglich zu Grunde Liegendes zu erdenken, 
was man Seele zu nennen habe, so ist dies der gröbste L-rthum, in 
den man nur irgend verfallen kann. Das iadividuelle Princip der 
innern Erregungen und Bewusstseinsphänomene ist seinem Wesen 
nach eine Action und mithin etwas durchaus Vergängliches. Es ist 
das Gegentheil aller Substantialität, und man kann sich daher in 
der Form seiner Auffassung nicht ärger vergreifen, als wenn man, 
getäuscht durch den in Wahrheit nur relativen und ephemeren Be- 
stand seiner Wirksamkeit, aus dieser sehr bemessenen Beständigkeit 
nicht nur ein Ding, sondern sogar eine der Materie analoge Wirk- 
lichkeit macht. Der einem solchen Dinge beigelegte Charakter der 
Unvergänglichkeit, neben welchem derjenige der Unentstandenheit 
aus guten Gründen nur selten figurirt, stammt nun freilich aus einer 
Sphäre von Erdichtungen, die nicht in einer blossen Selbsttäuschung 
des Verstandes, sondern in dem betrügerischen Spiel der Affecte und 
der Eitelkeit ihren Halt hat. Seine Besprechung gehört daher in 



— 134 — 

das praktisch Moralische, und wir haben an dieser Stelle von der 
Nach Weisung, dass die edlere Moral mit einer solchen Annahme 
nicht verträglich sei, noch Abstand zu nehmen. 

Was man nothgedrungen im Hinblick auf die Schulgewohnheiten 
und den auch sonst im Publicum eingewurzelten Sprachgebrauch 
Psychologie nennen muss, ist nichts weiter als eine Lehre von den 
Bewusstseinsvorgängen als solchen. Wenn man die Elemente des 
Bewusstseins an sich selbst betrachtet, ihre Beschaffenheiten, Be- 
ziehungen und gesetzlichen Verbindungen oder Trennungen feststellt, 
und wenn man schliesslich sogar die Bedingungen ihrer ursprüng- 
lichen Entstehung aus dem Bereich der mechanischen und physio- 
logischen Antriebe untersucht, so thut man Alles, was eine ratio- 
nelle Theorie von der menschlichen Innerlichkeit nur irgend mit 
sich bringen kann. Die Vorstellung von einer Seele ist nicht nur 
ein überflüssiger, sondern auch ein schädlicher Vennittlungsbegriff, 
den man in Wort und That ausmerzen muss, um den reinen Gehalt 
der Bewusstseinslehre in sauberer Absonderung zu gewinnen. Auch 
wird man nur zu einem wirklichen Wissen in diesem Gebiet ge- 
langen, wenn man, anstatt mit dem Unwesen einer Seele nichts- 
sagende und nichtsnutzige Erklärungen zu prätendiren, die mensch- 
liche Innerlichkeit gleich von vornherein als ein thatsächlich gege- 
benes Feld der Beobachtung und speculativen Untersuchung betrachtet. 
Die Bewusstseinsvorgänge sind eine Seite der Natur, und sowenig 
man zu den Naturvorgängen noch ein besonderes Wesen braucht, 
um sie verständlich zu machen, ebensowenig hat man für das Be- 
wusstsein einen besondem Götzen nöthig, um es in einer Einheit 
zusammenzuhalten. Die reale Logik reicht auch hier aus, und das 
Reich der empfindenden Subjectivitäten ist ja überdies keine abso- 
lute Selbständigkeit, sondern auf der Grundlage der übrigen Natur 
ein causales Gebilde zweiter Ordnung. 

3. Die vorher gekennzeichneten Gewohnheiten der Superstition 
finden sich nicht blos in der rein spiritistischen Psychologie, son- 
dern auch in den zwitterhaften Unternehmungen, die Bewusstseins- 
lehre durch eine sogenannte Physiologie der Seele zu ersetzen und 
so einem Publicum annehmbarer zu machen, welches schon den 
blossen Namen naturwissenschaftlicher und physiologischer Erkennt- 
niss zu achten gesonnen ist. In Wahrheit sind aber diese Misch- 
bildungen, entsprechend ihrem ungeschickten Titel, voll von meta- 
physischen llohheiten, und man glaube daher gar nicht, dass die 



— 135 — 

Einmischung physiologisclier Kenntnisse das Ragout einer sogenann- 
ten Seelenlelire für den bessern Geschmack erträghch zu machen 
vermöge. Es giebt sogar Arten von Pseudomaterialismus, in denen 
sich ein kaum za überbietendes Ungeschick in den logischen Vor- 
stellungsformen und eine vulgäre Unfähigkeit zu eigentlich philoso- 
phischen .Begriffen derartig verräth , dass man diesen naiven Stoff- 
denkern getrost den Rath geben kann, sich nur sofort mit den 
Mystikern und Spiritisten zu vergesellschaften. Da sie nämlich aus 
der Gemeinheit der Pöbelbegriffe thatsächlich gar nicht herauskom- 
men, sondern diese Pöbelbegriffe nur ins Materialistische zu über- 
setzen suchen, so berühren sie sich von dieser Seite unmittelbar mit 
dem SpirituaUsmus, den sie zu verabscheuen vorgeben, und arbeiten 
thatsächlich dem krassesten Spuk in die Hände. Sie befördern die 
Möglichkeit jener bewussten und oft vöUig gaunerischen Mischungen, 
vermöge deren die alte Superstition mit einer naturwissenschafthchen 
Ausstattung von Neuem auf den Markt gebracht wird. 

Ernster, aber nichtsdestoweniger unhaltbar sind diejenigen An- 
sichten, welche mit der alten Psychologie überhaupt jede Bewusst- 
seinslehre aus der Philosophie hinausgewiesen und als Thorheit 
geächtet wissen wollen. Die Vertreter dieser Anschauungsweise 
wollen sich auf eine reine Physiologie der Organe des Empfindens 
und Denkens beschränken und übersehen hiebei, dass die subjectiven 
Vorgänge als solche und in ihrer empfundenen Innerlichkeit nie 
durch die äussere Betrachtung der Function der Werkzeuge gedeckt 
werden können. Die Zergliederung und Beobachtung der Organe 
und ihrer äusserlich sichtbaren Thätigkeiten muss auch über die 
Verhältnisse der subjectiven Empfindungsformen bedeutende Auf- 
schlüsse liefern; wenn man aber die unmittelbare Aufmerksamkeit 
auf die Elemente- und Gestalten des Bewusstseins als völlig gleich- 
gültig oder auch nur als untergeordnete Nebensache ausgiebt, so 
bekundet man hiemit nur, dass man von dem Wesen einer ratio- 
nellen Bewusstseinslehre keine Ahnung hat. Letzteres war z. B. bei 
A. Comte der Fall und pflegt sich ausserdem bei denjenigen Phy- 
siologen zu bestätigen, welche die grössten Anstrengungen machen, 
der Seelensuperstition zu entgehen, ohne doch im Stande zu sein, 
ihre objectiven Anschauungen mit einer entsprechenden Einsicht in 
die zugehörigen subjectiven Vorgänge zu verbinden. Die Physiologie 
der unmittelbaren Organe des Empfindens und Denkens ist für die 
eigentliche Bewusstseinslehre eine blosse Hülfs Wissenschaft, und eine 



— 136 — 

besondere Theorie der subjectiven Elemente des Bewusstseins wird 
solange eine berechtigte Forderung bleiben, als man nicht etwa auf 
alle genauere und systematische Erkenntniss der menschlichen Inner- 
lichkeit verzichten will. 

Allerdings hat bis jetzt die Richtung auf diese Innerlichkeit in 
der schlechten Form der bisherigen Psychologie vorherrschend den 
Charakter der Beschränktheit, Pedanterie und selbstbeschaulichen 
Eitelkeit an sich getragen. Sogar durch die bessern Erscheinungen, 
wie sie in und seit Locke eine breite und selbstgefällig behagliche 
Vertretung fanden und sich bei Kant sogar in das Hochmetaphy- 
sische verwandelten, ist die objective Philosophie auf eine Zeit lang 
suspendirt und die grosse Welt mit der kleinen vertauscht worden. 
Ja die heutigen Tageserscheinungen beweisen im vollsten Maasse, 
dass eine Art Bomirtheit in der Auffassung von Welt und Leben 
dabei herauskommt, wenn die sogenannte Psychologie irgendwo in 
den Vordergrund tritt oder sich etwa gar als eine leitende Wissen- 
schaft geltend machen will. Thatsächlich ist es, auch von aUen 
Superstitionen abgesehen, mit der sogenannten Psychologie heute 
derartig bestellt, dass man grade diejenigen, die sich fiir Psychologen 
ausgeben, überall als die zur ernsteren Philosophie Unfähigsten be- 
trachten muss. Dies gilt nicht etwa blos für Deutschland, sondern 
auch für England, Frankreich und die sonst betheiligten Cultur- 
gebiete. 

Dieser ungünstige Sachverhalt erklärt sich zum Theil daraus, 
dass eine echte Bewusstseinslehre nur die gelegentliche Frucht hö- 
herer Probleme sein kann, in deren Dienst die einzelnen Einsichten 
gewonnen werden, während die grundsätzliche Fixirung der Gedanken 
auf die durch keinen hohem Zweck geadelte Selbstuntersuchung ein 
ansehnliches Maass von persönlicher Eitelkeit und Selbstbespiegelung 
voraussetzt. Eine abgesonderte Bewusstseinslehre kann nur zwei 
anerkennenswerthe Zwecke haben, und beide liegen ausserhalb der- 
selben. Entweder will sie die subjectiven Täuschungen in der Auf- 
fassung der Dinge wegräumen oder die Gesetze biosiegen, nach denen 
der Mensch auf den Menschen zu wirken vermag. Die erstere rein 
speculative Aufgabe bleibt hiebei eine untergeordnete Angel^enheit, 
weil die Meinung, die Probleme der objectiven Welt mit der Psy- 
chologie lösen zu können, eine Verkennung der Tragweite der Be- 
wusstseinszergliederung einschliesst. Der zweite Gegenstand ist von 
weit grösserer Bedeutung; denn hier kann eine rationelle Bewusst- 



— 137 — 

seinslehre in der That die Gesetzmässigkeit aller Motive des Ver- 
haltens auch innerlich beleuchten und aus dem Mittelpunkt der Em- 
pfindung die nothwendigen Ergebnisse construiren helfen. Aber auch 
hier würde die Bewusstseinslehre ihre eigne Natur YÖllig verkennen, 
wenn sie sich einbildete, ein für sich allein zulänglicher Factor des 
Verständnisses menschlichen Individuallebens oder gar der Collectiv- 
gestaltungen sein zu können. Von Allem, was vorgeht, bilden die 
Bewusstseinsphänomene nur einen äusserst beschränkten Theil und 
sind zunächst weit mehr Wirkungen, als selbst wirksame Ursachen. 
Oft verhält sich das Bewusstsein nur wie ein zufälHger Durchgangs- 
punkt von Realitäten, die auch ohne diese Beleuchtung ihren Erfolg 
gehabt haben würden. Wo man aber in eminenter Weise auf die 
schöpferisch vermittelnde Wirksamkeit des Bewusstseins zu zählen 
hat, da sind es weniger die psychologischen Eigenschaften als die 
logischen Ausstattungen desselben, die praktisch in Frage kommen. 
In jeder Richtung wird man also gewahr, welche bescheidene Rolle 
selbst die echte Bewusstseinslehre, die man als Kern der übrigens 
falschen Psychologie gewinnen mag, im Ganzen der Philosophie und 
Wissenschaft zu spielen habe. Sie liefert eben nur einige Elemente, 
die man freilich an die Spitze stellen kann, wenn man das Reich 
der empfindenden Wesen betritt, aber auch ebensogut nach Bedürf- 
niss den besondern realen Problemen an den verschiedenen Oertem 
hätte beiordnen können. Diesen letzteren Weg wird man sogar unter 
allen Umständen für die Aesthetik einschlagen müssen; denn das 
Wenige, was eine bessere Bewusstseinslehre auch in dieser Richtung 
dürfte bieten können, schliesst sich so innig an die besondere ästhe- 
tische Art und Weise der Gesichtspunkte an, dass man es von der 
Eigenart des künstlerischen Verhaltens nicht trennen kann. Hiezu 
kommt noch, dass die wahre Aesthetik eine durchaus objective 
Wissenschaft ist, in welcher die Kunst der Natur und das Eben- 
massige in der Verfassung des Universums oder in dem Spiel der 
Naturkräffce ebensogut eine Stelle haben müssen, wie die gestalten- 
den Mächte der menschlichen Vorstellungskräfte. 

4. Die Empfindung ist uns ein Vorgang, mit welchem nicht 
nur eine neue Welt erschlossen, sondern auch das objective Sein 
erst in seiner Bedeutung vollendet wird. Sie ist daher etwas All- 
gemeines und Universelles, was sich in wesentlich gleichartiger Weise 
da entwickelt finden oder noch entwickeln muss, wo die Zurüstung 
der sonstigen Naturkräfte einen Schauplatz darbietet. Unabhängig 



— 138 - 

von der gewöhnlichen psychologischen Beschränktheit sehen wir da- 
her die Empfindung als ein kosmisches Phänomen an und setzen 
sogar voraus, dass sie überall im Universum dieselben Grundformen 
und Elemente, wenn auch in veränderter Zusammensetzung, aufweise. 
Wir folgen hierin nur derjenigen Analogie, an die wir schon öfter 
erinnern mussten, nämlich dem Leitfaden der chemischen Einheit 
der Weltcomposition. Ausserdem nöthigt uns aber auch zu dieser 
Annahme die allgemeine Nothwendigkeit einer durchgängigen Syste- 
matik des Daseins. Eine solche Systematik würde sich verleugnen, 
wenn es nicht ein einziger Schematismus wäre, aus dem alles be- 
wusste Leben in mannichfaltigen Variationen stufenweise hervor- 
getrieben wird. Schliesslich giebt es aber auch noch einen objectiven 
Grund, welcher uns die Universalität der Empfindungselemente ver- 
bürgen kann. Die Beschaffenheit der Elementarempfindungen wäre 
eine willkürliche und sinnlose Thatsache, wenn sie nicht eine reale 
Bedeutung hätte und nach Innen oder nach Aussen eine Auslegung 
sachlicher Verhältnisse repräsentirte. Li der Empfindung ist objective 
Wahrheit. Sie ist eine Interpretation desjenigen Seins, welches an 
sich selbst sich nicht empfindet, sondern eben zu diesem Act eine 
specielle Function abgesondert hat. Die Empfindung ist niemals 
blos etwas an sich selbst, sondern sie ist zugleich ein Ausdruck ob- 
jectiver und realer Verhältnisse, an dessen Wahrheit auch dadurch 
nichts geändert wird, dass die nächste und unmittelbarste Beziehung 
des Empfindens die Einrichtung und die Zustände des individuellen 
Organismus zum Gegenstande hat. Dieser Organismus bildet stets 
nur die Brücke zur umgebenden Aussenwelt, und seine Zustände 
sind so gut wie die des Thermometers ein Maass für die realen Vor- 
gänge ausser ihm. Es ist eine herkömmliche Einseitigkeit, wenn 
man die Empfindung nur als Ausdruck innerer Zustände gelten lassen 
will und die objective Wahrheit in ihr verkennt, weil die Ueber- 
setzung aus dem Objectiven in das Subjective durch eine Maschinerie 
vermittelt wird, die bei den verschiedenen Wesen ein so abweichen- 
des Aussehen hat. Im letzten Grunde ist auch diese Maschinerie 
trotz aller Variationen durch neue Theile doch stets einheitlich an- 
gelegt, und das System der Mittel, durch welche ein an sich un- 
empfandener Vorgang in die Natursprache der Empfindung übersetzt 
wird, ist durchgängig dasselbe. 

Hieraus folgt nun, dass schon die unterste Grundlage aller 
menschlichen und sonstigen Einsicht in der Welt der Empfindungen 



— 139 — 

anzutreffen sein muss. In der That wiederholt sich hier auch nur 
das Grundschema der objectiven Welt, nämlich der Antagonismus 
der Nafcurkräfte. Die Widerstandsempfiudung ist das Element aller 
übrigen; sie tritt in sinnenmässiger Deutlichkeit da hervor, wo die 
eignen Kräfte des individuellen Organismus die mechanische Wirkung 
eines ihnen widerstrebenden Körpers erproben. Indessen müssen wir 
voraussetzen, dass auch in jeder innerlichen oder sonst auf molecu- 
lare Ötoffverhältnisse bezogenen Empfindung das subjective Inne- 
werden eines mechanischen Widerstandes die letzte schematische 
Grundform bildet. Wenn die Wärmezustände oder die chemischen 
Mischungsverhältnisse des Leibes in Empfindungen einen Ausdruck 
erhalten, so kann man nicht umhin, auch hierin auf das Grund- 
schema zurückzuschliessen. In demselben Sinne, in welchem alle 
objectiven Naturactionen in letzter Form mechanische Antagonismen 
aufweisen, müssen auch die Empfindungen auf diesen ursprünglichsten 
Typus zurückzufuhren sein. Die Einheit der Naturkräfte ergiebt 
auch eine entsprechende Einheit der Empfindungen. Der Gegensatz, 
der in jenen die Hauptrolle spielt, muss auch in diesen die Grund- 
lage aller weiteren Composition und Entwicklung werden. Wir 
wollen uns nicht sofort darauf berufen, dass Lust und Schmerz den 
unausweichlichen Antagonismus innerhalb des Empfindungsbereiches 
verrathen. Jede bestimmte Lust und jeder bestimmte Schmerz be- 
ruhen bereits auf der Zusammensetzung von Empfindungsbestand- 
theilen, die wir unmittelbar und ohne Weiteres nicht zu sondern 
und nicht rein oder elementar zum Bewusstsein zu bringen oder, 
mit andern Worten, nicht aus der Mannichfaltigkeit der Neben- 
gebilde und Verwicklungen auszuscheiden vermögen. Dagegen kön- 
nen wir von den Elementen der Lust sowohl als des Schmerzes mit 
vollem Recht behaupten, dass in diesen einfachen Theilempfindungen, 
aus denen sich die volle Empfindung zusammensetzt, kein andereä 
Grundschema möglich sei, als dasjenige, welches dem Fundamental- 
typus der objectiven Welt entspricht. Dieses ist aber der mecha- 
nische Antagonismus. 

Es ist nicht erst die besondere Einrichtung eines empfiudenden 
Organs, sondern schon die ganze objective Welt, welche auf die Her- 
vorbringung von Lust und Schmerz angelegt ist. Aus diesem Grunde 
nehmen wir an, dass der Gegensatz von Lust und Schmerz und zwar 
genau in der uns bekannten Weise ein universeller sei und in den 
verschiedenen Welten des Alls durch wesenthch gleichartige Gefühle 



— 140 — 

vertreten sein müsse. Diese Gleichartigkeit kann sich aber nur auf 
die Elemente des Fühlens beziehen und keine grössere Uebereinstim- 
mung ergeben, als sie etwa auch zwischen der Bewusstseinsregung 
des niedrigsten Thieres und derjenigen des Menschen besteht. Diese 
Uebereinstimmung bedeutet aber nicht wenig; denn sie ist der 
Schlüssel zu dem Universum der Empfindungen. Absolut fremd ist 
uns daher der allgemeinen Art nach Nichts. Unsere eignen Gefühle 
mögen sich in andern Wesen gesteigert finden ; aber sie werden we- 
nigstens nothwendige, wenn auch zu neuen Zusammensetzungen ver- 
werthete Bestandtheile jedes Ich bilden müssen. Uns ist mithin die 
subjective kosmische Welt nicht viel fremder als die objective. Die 
Constitution beider Reiche ist nach einem übereinstimmenden Typus 
zu denken, und hiemit haben wir die Anfänge zu einer Bewusstseins- 
lehre, die eine grössere als blos terrestrische Tragweite hat. 

Es ist kein müssiges Spiel der Speculation, das Bewusstaein in 
seiner kosmischen Allgemeinheit zu betrachten und die Universalität 
der Elemente von Lust und Schmerz zugleich objectiv und subjectiv 
begreifen zu wollen. Nur durch das Grosse und Umfassende dieser 
Wendung gelangen wir über die Beschränktheiten der gewöhnlichen 
Auffassungsart hinaus. Das Zufällige und Willkürliche verschwindet 
auch im subjectiven Reich, und die Phantasie, die sich so gern in 
die dunkle Wüste leerer Möglichkeiten begiebt und mit den Vor- 
stellungen des völlig Andern und absolut Charakterlosen ein nichts- 
sagendes Spiel treibt, wird an bestimmte Elemente gebunden und 
auf typische Charaktere hingewiesen, in deren Combination sie sich 
einigermaassen positiv bethätigen kann. 

5. Die Begriffe Leben und Empfindung decken sich insofern 
nicht, als die subjectiv gefühlte Regung gänzlich fehlen und dennoch 
das, was wir Leben nennen und dem Tode entgegensetzen, sehr wohl 
vorhanden sein kann. Erstens hört mit den Unterbrechungen der 
Empfindung und des Bewusstseins bei den thierischen Wesen be- 
kanntlich das Leben nicht auf; aber man könnte einwenden, dass 
wenigstens die Anlage zur bewussten Empfindung hier immer vor- 
handen sein müsse. Dagegen sind die Pflanzen gänzlich und für 
immer ohne die leiseste Spur von Empfindung und auch ohne jede 
Anlage dazu. Dennoch reden wir von ihrem Absterben und schreiben 
ihnen mithin eine Art Leben zu. Der eigenthümlich complicirte 
Process der Bewegung von Säften sowici eine eigentliche Ernährung 
und Fortpflanzung bilden hier mit dem Erlöschen der Wirksamkeit 



— 141 - 

des Organisationsschema das sichere Merkmal des eigentlichen und 
nicht blos metaphorisch so genannten Lebens. Der Stoffwechsel, der 
sich vermöge einer plastisch bildenden Schematisirung vollzieht, bleibt 
stets ein auszeichnender Charakter des eigentlichen Lebensprocesses. 
Wollte man nämlich die chemischen und physikalischen Hergänge, 
wie sie sich in der Kjrystallbildung zeigen, in ihren einheitlichen 
Ursachen mit den Principien des Aufbaus der Pflanzenkörper ver- 
gleichen, so würde mindestens die selbständige Ausscheidung von 
Stoffen nicht aufzufinden sein, und auch die Aufaahme derselben 
könnte immer nur als äusserliche Ansetzung begriffen werden. Ganz 
besonders aber würde man die Fortdauer eines Wechsels von Bildung 
und Zerstörung im Innern stets vermissen, und demgemäss Hesse sich 
auch für das, was wir bei den Pflanzen den Tod nennen, kein Ana- 
logon auftreiben. Die rastlose Zersetzung oder Composition, welche 
vornehmlich an den Oberflächen der Körper vor sich geht, ist ein 
Act von rein chemischem Charakter und repräsentirt zwar die all- 
gemeine Bewegung oder Regsamkeit im System der Dinge, darf aber 
nicht mit dem specifischen Leben im engeren Sinne dieses Worts 
irgend confundirt werden. Auch die unorganische Welt ist ein 
System sich selbst vollziehender Regungen; aber erst da, wo die 
eigentliche Gliederung und die Vermittlung der Circulation der 
Stoffe durch besondere Canäle von einem innern Punkte und nach 
einem an ein kleines Gebilde übertragbaren Keimschema beginnt, 
darf man im engem und strengern Sinne von eigentlichem Leben 
zu reden unternehmen. Andernfalls versteht es sich nämlich von 
selbst, dass der Ausdruck Leben nur eine figürhche Rolle spielt und 
nichts weiter als die Selbständigkeit aller Bewegungen der Natur 
oder aber eine besondere Steigerung irgend eines Bewegungsspiels 
bedeuten kann. 

Das zur Empfindung beanlagte Leben wird sich in dieser Eigen- 
schaft dadurch bekunden, dass die Anlage auch wirklich mehr oder 
minder hervortritt und in subjectiven Gefiihlsformen erkennbar wird. 
Geschähe dieses nicht, so würde man ja willkürlich eine Ursache 
vorausgesetzt haben, deren Wirkung regelmässig ausbliebe, und die 
Annahme einer Anlage zur Empfindung, die sich nie bethätigte, 
wäre eine der willkürlichsten Phantasieausschweifungen. Physiolo- 
gisch ist die Empfindung au das Vorhandensein irgend eines, wenn 
auch noch so einfachen Nervenapparats geknüpft. Es ist daher das 
Charakteristische aller thierischen Gebilde, der Empfindung d. h. einer 



— 142 - 

subjectiv bewussten Auffassung ihrer Zustände fähig zu sein. Die 
scharfe Grenze zwischen Pflanze und Thier liegt da, wo der Sprung 
zur Empfindung vollzogen wird. Diese Grenze lässt sich sowenig 
durch die bekannten Uebergangsgebilde verwischen, dass sie viel- 
mehr grade durch diese äusserlich unentschiedenen oder unentscheid- 
baren Gestaltungen erst recht zum logischen Bedürfniss gemacht 
wird. Der Umstand, dass eine Ellipse mit sehr kleiner Excentricität 
für die sinnenmässige Auffassung vom Kreise nicht zu unterscheiden 
ist, berechtigt keinen streng denkenden Mathematiker, den begriff- 
lichen Sprung zu verkennen, der den völligen Wegfall von dem Da- 
sein einer wenn auch noch so kleinen und nach Belieben unbeschränkt 
klein zu setzenden Excentricität trennt. In dem einen Fall haben 
wir den Kreis, in dem andern ein dem Begriff nach gänzlich ver- 
schiedenes Gebilde, nämlich die Ellipse mit ihren ungleichen Axen. 
Aehnlich verhält es sich nun auch mit allen realen Gattungen in 
der Natur. Aus dem Reich der Empfindungslosigkeit tritt man in 
dasjenige der Empfindung, trotz aller quantitativen Allmäligkeit, nur 
mit einem qualitativen Sprunge ein, von dem wir, wenn wir uns 
nicht den poetischen Gebrauch des Worts versagt hätten, behaupten 
könnten, dass er sich unendlich von der blossen Gradation einer und 
derselben Eigenschaft unterscheide. Keine Darwinistische Halbpoesie 
und Metamorphosenfertigkeit mit ihrer grobsinnlichen Enge der Auf- 
fassung und Stumpfheit der Unterscheidungskraft kann hier auf die 
Dauer die Wesensverschiedenheit der beiden Gebiete verhüllen, und 
man sollte sich doch erst an der Entstehung der Arten mathema- 
tischer Gebilde orientiren, ehe man dem Vorwitz nachgiebt, funda- 
mentale Trennungen in den Elementen der Gattungen mit sinnlichen 
Oberflächlichkeiten verwischen und aus Allem Eins oder vielmehr 
aus Allem Jedes machen zu wollen. Sicherlich sind Leben und Em- 
pfindung nur Combinationen der allgemeinen Naturkräfte, aber eben 
solche Combinationen, die derartig unter besondem Bedingungen 
hervortreten, dass ihre specifische Artung nicht mit den andern For- 
men der Natur verwechselt oder als blos quantitative Variation eines 
sonst identischen Etwas ausgegeben werden darf. Verwahren wir 
uns nicht gehörig gegen diese leichtfertigen Metamorphosen der 
Empfindungslosigkeit in Empfindung, so könnten wir schliesslich 
noch dazu gelangen, uns die spiritistische Wiederaufweckung der 
Todten gefallen lassen zu müssen. 



— 143 -- 

Wie die lebendige Anlage zur Empfindung zur actuellen Em- 
pfindung werde, erproben wir jeden Augenblick an uns selbst; denn 
jede neue Empfindung, die in uns auftaucht, kann uns über diesen 
Punkt belehren. Die Empfindung entsteht, wie wir schon oben ge- 
sagt haben, nicht nothwendig und niemals unmittelbar aus einer 
andern Empfindung, sondern aus unempfimdenen Productiousfactoren. 
Sie entspringt vermöge eines Mechanismus, der an sich selbst eben 
keine Empfindung ist; aber dieser Mechanismus muss bereits objectiv 
das Leben enthalten. Die Stufenfolge von den letzten mechanischen 
Kräften bis zum Ergebniss des Bewusstseins muss daher eingehalten 
und die vegetative Sphäre des Pflanzlichen eingeschoben werden, 
wenn der thierische Organismus entstehen und Empfindung produ- 
cirt werden soll. Die nächste Beziehung aller Empfindung auf einen 
Gegenstand kann mithin nicht zweifelhaft bleiben. Es sind die 
Hauptfunctionen des pflanzlichen Lebens, die im thierischen Orga- 
nismus zur Selbstwahrnehmung gelangen und gleichsam in die Sprache 
der Empfindung übersetzt werden. Hieraus ergeben sich nach Innen 
gekehrte oder vielmehr zunächst auf innere Erregungen beschränkte 
Gefühle, die den Ernährungszustand des betreffenden Wesens inter- 
pretiren. Da nun das rein Theoretische hier immer zugleich mit 
dem Praktischen verbunden ist, so mischt sich in die Kunde, die 
durch das Gefühl von den Zuständen des objectiven Lebens gegeben 
wird, zugleich der Trieb oder, genauer gesagt, die Triebempfindung. 
Die Emährungsverhältnisse werden durch das Gefühl von Hunger 
und Durst oder von Sättigung sowie auch durch den Mangel solcher 
Empfindungen, also durch die Indifferenz, angezeigt. Ist in dem je- 
weiligen Zustande des Bluts eine derartige Störung der Mischungs- 
verhältnisse eingetreten, dass eine Ausgleichung durch Wasserhaltiges 
objectiv nothwendig ist, so übersetzt sich diese Tendenz oder Span- 
nung in die Empfindung des Durstes. So werden die im Gaumen 
und auf der Zunge localisirten und grade dort vornehmlich in Em- 
pfindungen subjectivirten Regungen gleichsam zu Boten, welche von 
dem Gesammtzustand des Leibes Nachricht geben. Indessen sind es 
nicht blos Boten, sondern auch zugleich thätige Gewalten, die sich 
bei der Erledigung der von ihnen gemeldeten Angelegenheiten mit 
Kraft und Einsicht betheiligen. Sie spielen nicht nur eine zu Hand- 
lungen aufstachelnde Rolle, sondern wenden die Kenntniss, die sie 
mitbringen, auch nach Aussen, um über die Zuträglichkeit der sich 
darbietenden Objecte zu entscheiden. In dieser Function specialisiren 



— 144 — 

sie sich zu besondem und zwar vornehmlich chemischen Sinnen. 
Geschmack und Geruch sind Beurtheiler der äussern Objecte, die mit 
ihnen durch materielle Absonderung oder Zersetzung in innige Be- 
rührung kommen. Die Aufnahme des zur Ausgleichung Passenden 
und die Fernhaltung des Störenden sind hier in Rücksicht auf die 
intimsten, nicht blos äusserlich mechanischen oder physikalischen, 
sondern chemischen Eigenschaften der Materie und ihrer individuellen 
Theilchen die charakteristischen Functionen. Diese Art von Sinnes- 
causalität enthält nun aber schon etwas mehr, als die einheitliche, 
den Unterschied des Innern und Aeussern noch nicht besonders unter- 
scheidende allgemeine Empfindung. 

6. Von der Empfindung kann man die Vorstellung unterscheiden, 
und alsdann braucht man letzteres Wort in einem engeren Sinne als 
gewöhnlich. Es ist nämlich das Auszeichnende der eigentlichen Vor- 
stellung, dass sie eine räumhche oder zeitliche Beziehung in bestimmter 
Weise ausdrückt. Wir stellen die Körper vor, indem wir die blossen 
Empfindungserregungen, welche durch die Farbe gegeben sind, nicht 
nur im Zusammenhang mit der Gestaltung, sondern auch in be- 
stimmter Lage und Entfernung denken. Dieser Act des Vorstellens 
beschränkt sich keineswegs auf äusserliche Wirklichkeiten, sondern 
ist in ziemlich gleicher Weise auch bei der Erzeugung der Traum- 
bilder im Spiele. Die anschauliche Vorstellung von einer Entfernung 
ist aber weit davon entfernt, ein realer und messbarer Abstand zu 
sein. Ebenso ist die Form des Anschauens, die wir Vorstellungs- 
raum nennen, und in welcher sich uns die Traumbilder gleich den 
Wirklichkeiten präsentiren, nicht mit der mechanischen Ausdehnung 
der Materie zu verwechseln. Das blosse Bild der Materie und ihrer 
örtlichen Verhältnisse ist weit davon entfernt, die Materie selbst zu 
sein. Auch ist die Vorstellung von den mechanischen Kräften, also 
z. B. die Widerstandsvorstellung, wie wir sie ja auch im Traume 
haben können, sorgfältig von der objectiven Realität mechanischer 
Beziehungen zu unterscheiden. Die Verwechselung der blossen For- 
men und Eigenschaften des Bewusstseins mit derjenigen Wirklich- 
keit, zu deren Ausdruck in Bildern und Gedanken sie wesentlich 
bestimmt sind, ist der metaphysische Idealismus. Jedoch wäre die 
Bezeichnung dieser höheren Wahnsinnsgattung als Idolismus besser 
am Platze; denn das Wort Idealismus hat für das praktische Gebiet 
nicht nur einen zu guten Klang, sondern auch thatsächlich eine zu 
hohe Bedeutung, als dass man den Missbrauch und die Entehrung 



— 145 — 

desselben im theoretischen Gebiet der Wahnmetaphysik als etwas 
Gleichgültiges hingehen lassen könnte. 

Man hat in der Physiologie der Sinnes Werkzeuge und in der 
zugehörigen innem Zergliederung des Vorgangs der Sinnesanschauung 
viel Gewicht darauf gelegt, dass die unmittelbaren Erregungen^, die 
sich zunächst als Empfindungen geltend machen, erst durch eine Art 
von Verstandesthätigkeit zu eigentlichen Vorstellungen umgearbeitet 
werden müssen. Die blosse Empfindung des Hellen ergiebt noch 
keinen eigentlichen Gegenstand, und man kann auch allenfalls von 
der Farbe sagen, dass die in ihr vertretene Empfindung noch nicht 
die Vorstellung der farbigen Ausdehnung selbst sei. Im Ton haben 
wir das strengste Beispiel von etwas, was sich der reinen Empfin- 
dung als solcher am meisten nähert, insofern es am wenigsten von 
eigentlichen Vorstellungen, also von Voraussetzungen über Oerter 
und dingliche Gegenstände begleitet zu sein braucht. Unterscheidet 
man nun das innerlich und unmittelbar Empfundene von den be- 
gleitenden Orientirungsmitteln der angedeuteten Art, so wird man 
allerdings in den Fall kommen, das ürtheil über die Räumlichkeit 
auf einen besondern Mechanismus des Denkens zurückfuhren zu müs- 
sen. Indessen hat man sich hier doch sehr ernstlich vor der Ver- 
tauschung von zwei äusserlich leicht coufundirbaren Ansichten zu 
hüten. Die Thatsache, dass man in einem gewissen Sinne sehen 
lernen und überhaupt den richtigen Gebrauch aller Sinne erst durch 
Erfahrung gleichsam einschulen muss, berechtigt noch nicht im Ent- 
ferntesten zu der Annahme, dass in den Sinnen von vornherein kein 
Schema gegeben sei, welches die wesentlichen Möglichkeiten des Vor- 
stellens einschliesst. Es ist besonders die dritte Dimension, die bei 
der Anschauung der Körper auf Rechnung eines speciellen Verstandes- 
actes gesetzt wird. Nun sind alle Schätzungen der Raumg rossen, 
und zwar diejenigen des Umfangs ebensogut als diejenigen der di- 
recten Entfernung, im besondem Fall stets auf Vergleichungen und 
irgend welche vorgängige Messungen bekannter und erprobter Ver- 
hältnisse zurückzuführen. Allein die Beschaffenheit der Anschauungs- 
bilder wird hiedurch nicht verändert, und diese Anschauungsbilder 
selbst sind zwar auch bei dem Kinde nicht sofort in gleicher Ge- 
stalt fertig, wie bei dem bereits weiter entwickelten Menschen, müs- 
sen aber doch als unmittelbare Erzeugnisse der Sinnesbethätigung 
betrachtet werden. Es ist nicht erst ein Ürtheil oder ein sogenannter 
Schluss, welcher uns von dem Dasein einer Entfernung Kunde giebt ; 

Du bring, CurBus der Philosophie. 10 



— 146 — 

es ist vielmehr der Mechanismus des sinnlichen Vorstellens selbst, 
durch welchen die räumlichen Verhältnisse verbürgt werden. Nur 
die Bestimmtheit der Messung oder Schätzung hängt von der Aus- 
bildung, Uebung und Erfahrung ab. Die Einmischung des über- 
legenden Verstandes ist etwas Nachträgliches, wovon die ursprüng- 
liche Entstehung der Anschauungsbilder und die Vorstellung derselben 
nach drei Dimensionen keineswegs abhängig ist. Will man nun etwa 
das Unwillkürliche in den orientirenden Eigenschaften des Spiels der 
Sinneskräffce Verstand nennen, so würde sich der Streit nicht mehr 
um das Tiefere der Sache, sondern nur um die Angemessenheit des 
Wortgebrauchs bewegen können. In einer weiteren Fassung des Be- 
griffs haben wir ja selbst bereits der Empfindung eine Rolle zuge- 
schrieben, vermöge deren sie die Auslegerin objectiver Verhältnisse 
ist. Warum sollte diese Art Verständniss nicht noch weit leichter 
in den orientirenden VorsteUungsthätigkeiten anerkannt werden? In 
dieser Richtung läge also kein Hindemiss, die Anschauung als einen 
Vorgang gelten zu lassen, durch welchen die mechanischen Aus- 
dehnungsverhältnisse der Materie interpretirt werden. Jedoch grade 
in diesem scheinbaren Zugeständniss liegt die Widerlegung der un- 
haltbaren Ansicht, dass die räumlichen Verhältnisse nicht durch die 
Sinne aufgefasst, sondern vermöge einer von den Sinnen verschiede- 
nen Macht erst zu der an sich unausgedehnten ReaUtät raumloser 
Dinge hinzugedacht würden. Was die Physiologie als solche be- 
hauptet, ist wenigstens zum Theil ohne Bedenken annehmbar. Was 
aber zu Gunsten des metaphysischen Idolismus hinzugefügt wird, 
hat mit den Erfahrungsnothwendigkeiten und mit den logischen 
Erfordernissen der Sinneserklärung nichts zu schaffen. 

7. Die objective Bedeutung und systematische Beschaffenheit 
der specialisirten Gruppe der eigenthchen und nach Aussen gekehr- 
ten Sinne begreift sich leicht, sobald man die für das tiefere Denken 
unumgängliche Voraussetzung macht, dass die eigenthümlichen Ge- 
staltungen der einzelnen Sinnesthätigkeiten sämmtlich eine und die- 
selbe Grundoperation einschliessen. Es ist die Wahrnehmung irgend 
eines materiellen uud mechanischen Widerstandes sowie der Grössen- 
änderungen desselben, was wir auch da als Grundform der Sinnes- 
empfindung voraussetzen müssen, wo kein eigentliches Muskelgefiihl 
im Spiele sein mag. Das Getast ist offenbar die unterste, aber hie- 
mit auch zugleich fundamentalste Grundform der Sinnesbethätigung. 
Es entspricht den grob und gleichsam massenhaft mechanischen 



— 147 — 

Verhältnissen der objectiven Welt, insofern dieselben durch unmittel- 
bare Berührung constatirbar sind. Es gesellt sich zu ihm aber als 
gleichartig alles das, was man direct als mechanischen Kraftsinn be- 
zeichnen könnte. Die Empfindung des Gewichts und der Spannung, 
möge sie nun von ausserleiblichen Gegenständen oder von den Leibes- 
gliedem und ihren Verhältnissen selbst herrühren, ist in der ganzen 
Gattung eine wesentliche Form. Der mechanische Kraftsinn ist mit- 
hin die Grundlage alles Tastens, so dass die Wahrnehmung der Figur 
der Körper durch tastende Umschreibung ihrer Oberflächen und 
schätzende Bemessung ihrer Dimensionen bereits als ein secundärer 
Act, nämlich als ein zugehöriges Vorstellen, im engeren Sinne dieses 
Worts, kenntlich wird. 

In der That wäre es auch ein arger Widerspruch, wenn der 
Aufbau und die Einrichtung der Sinne nicht mit der Constitution 
der Welt in der Artung und in den Be stand theilen zusammenträfen. 
Wie die mechanischen Verhältnisse der Materie das durchgängige 
Grundschema der objectiven Existenz sind und wie alle besondem 
Kräfte gleichsam aus dem einen mechanischen Kraftfond schöpfen, 
so muss auch die mechanische Widerstandsempfindung das letzte 
Element aller Sinneswahrnehmung sein. Die Realität ist in ihrer 
letzten Grundform eine mechanische. Die Auffassung dieser Realität 
muss sich dadurch vollziehen, dass eine mechanische Wirkung in 
Empfindung übersetzt wird. Die mechanische Gausalität der Natur- 
kräfte wird in der Fundamentalempfindung so zu sagen subjectivirt. 
Die Thatsache dieses elementaren Subjectivirungsvorgangs kann offen- 
bar nicht weiter erklärt werden; denn irgendwo und unter irgend 
welchen Bedingungen muss die bewusstlose Mechanik der Welt zum 
Gefühl ihrer selbst gelangen. Es geschieht Letzteres bekanntlich 
vermöge der Nerven, und Alles, was nicht Nervensystem ist, kann 
als ein physikalisches Aussenwerk zur Beschaffung bestimmter me- 
chanischer Erregungen betrachtet werden, die im Nervensystem selbst 
ihre letzte, ebenfalls mechanische, aber sich mit Empfindung ver- 
bindende Form gewinnen. Es giebt also kein Theilchen des Leibes, 
welches nicht mechanisch afficirt würde. Mit der Wirklichkeit aller 
Dinge hängt unser organisirter Körper dadurch zusammen, dass sein 
mechanischer Zustand stets ein Theilzustand der universellen Mechanik 
des Kosmos ist. Die Bewegungen innerhalb des grossen Körpers, 
den wir Natur oder Welt nennen, gestalten sich in dem kleinen 
Körper, welcher der unmittelbare Träger unseres Bewusstseins ist, 

10* 



— 148 — 

zu einer besondern Actionsgruppe, und die Zustände gewisser Theile 
dieser letztem Gruppe finden sich mit einem subjectiven Gefühl ihrer 
selbst ausgestattet. Der Krafteinheit muss nun, wie gesagt, eine 
Sinneseinheit gegenüberstehen, und wie sich die volle Wirklichkeit 
durch reale Kräfte charakterisirt, so wird auch die Wahrnehmung 
des Wirklichen nicht blos von dem finiher erwähnten Leitfaden der 
Materialität, sondern direct von der Kette der mechanischen Causa- 
lität abhängen. 

Diese letztere. Nothwendigkeit drängt uns eine Vorstellungsart 
auf, die in der Physiologie bisher noch nicht vertreten war. Wir 
müssen nämlich auch bei den höchsten Sinnesoperationen etwas dem 
Tasten Analoges annehmen und in ihnen als Grundform einen me- 
chanischen Kraftsinn in der strengsten Bedeutung des Worts zu- 
lassen. Es ist nicht genug, dass man von Erzitterungen der Nerven- 
enden und von deren Fortpflanzung rede; es ist nicht genug, dass 
man z. B. die mechanischen Affectionen der Netzhautgebilde als Wir- 
kungen der Aetherbewegung ansehe; — man muss auch in subjec- 
tiver Hinsicht einen entsprechenden Schritt thun und sich vorstellen, 
dass der Act des Sehens mit dem des tastenden Fühlens gleichartig 
ist und eben nur über ein besonderes Gebiet der universellen Me- 
chanik Aufschlüsse ertheilt. Auch in dem Sehact ist die Widerstands- 
empfindung die Grundform, und der Umstand, dass sie für das Be- 
wusstsein einen andern Charakter hat, als die Ergebnisse des Wagens 
und der eigentlichen Muskelaction, darf uns nicht überraschen. Das 
Specifische der Sinnesenergien, auf welches sich einige Physiologen 
an Stelle einer wahren Erklärung der Zusammensetzung berufen, ist 
nichts als ein Ausdruck der Unkunde bezüglich des einheitlichen 
Systems, welches durch alle Sinnesformen hindurchgeht. Uebrigens 
beruht aber die wahre Specification auf der Einrichtung der Sinnes- 
organe für einzelne materielle Medien. Die Tonempfindung bezieht 
sich unmittelbar auf Erzitterungen, die normaler Weise von der Luft 
her übertragen werden, oder, genauer ausgedrückt, die Erzitterungen 
im Bereich des Luftmeeres sind der eigentliche Gegenstand, zu dessen 
Wahrnehmung das Gehör bestimmt ist. Hieraus folgt unmittelbar 
die geringe Tragweite dieses Sinnes, der für das Verständniss der 
Wesen unter sich und für die Aufmerksamkeit auf die nächste Um- 
gebung Alles, übrigens aber für die umfassendere Welt Nichts ist. 

Die falsche physikalische Vorstellung, als wenn diejenige Ma- 
terie, deren mechanischer Beweguugszustand das Licht und dessen 



— 149 — 

kosmische Allgemeinheit ergiebt, etwas völlig Eigenartiges wäre, was 
den Gesetzen der übrigen Materie nicht unterworfen werden dürfte, 
hat auch die Ansichten über das Sehen nach der Seite des Idolismus 
hin gefälscht. Die Berkeleyschen Cruditäten würden, ich will nicht 
sagen in der Philosophasterei (denn dorthin gehören solche Unge- 
reimtheiten nach altem und neuem Recht), sondern in der Optik 
keine Liebhaber finden, wenn nicht die physikalische üeberlieferung 
noch einigermaassen an den Nachwirkungen unmaterieller und unme- 
chanischer Vorstellungsarten kränkelte. Namentlich ist es das meta- 
physisch etwas anrüchige Zwittergebiet der physiologischen Optik, 
was den logischen oder vielmehr unlogischen Pfuschereien bequeme 
Handhaben darbietet. 

8. Besässen wir bereits eine hinreichende Kenntniss von der 
Stufenfolge im Kräftesystem der Natur, so würden wir auch die Be- 
sonderheiten in der Lagerung und Schichtung der verschiedenen 
Sinnesgebilde näher angeben können. Für jetzt müssen wir uns mit 
der Voraussetzung begnügen, dass keine besondere Sinnesgattung 
existirt, der nicht eine Kraftform oder materielle Eigenschaft in der 
Natur entspräche. Der umgekehrten Annahme, dass sich jede we- 
senthche Grundform der Naturschematik in einer Sinnesgattung sub- 
jectivirt finden müsse, können wir uns insofern nicht entziehen, als 
vollkommene Wesen und eine vollkommene Erkenntniss in Frage 
sind. In der That können diejenigen Kräfteformen, die sich in 
einem universell erkennenden Wesen, wie es der Mensch ist, nicht 
mit besondern Auffassungsorganen ausgestattet finden, nur von 
zweiter Ordnung und nicht von elementarer sondern erst von indi- 
recter Wirksamkeit sein. Jedoch dürfen wir in dieser Richtung die 
besondem Fälle nicht zu rasch entscheiden wollen; denn wie wenig 
wissen wir z. B. über den Wärmesinn in der Haut? Niemand kann 
bis jetzt angeben, wieweit die elektrischen Kräfteformen und Zustände 
der Natur in der Fundamentalmechanik der dumpferen oder auch 
der höheren und höchsten Sinneswahrnehmungen eine Rolle spielen, 
oder wieweit überhaupt das Grundphänomen aller Empfindung von 
jenen antagonistischen Regungen abhängig sei. 

Die Function der Sinne ist in der streng wissenschaftlichen Be- 
deutung des Worts eine mechanische Arbeit. Die Vermittlung der 
Erkenntniss durch diese Arbeit hängt davon ab, dass der ganzen 
objectiven Schematik der Natur ein subjectives Vorstellungssystem 
entspreche, welches sowohl in den Elementen als in den zusammen- 



— 150 — 

gesetzten Gebilden mit der äussern Wirklichkeit in Beharrung und 
Veränderung zusammenstimmt. Es braucht nicht in jedem niedrig- 
sten Wesen Alles in Vorstellung verwandelbar zu sein; aber was 
irgendwo und irgendwie in ein subjectives System übergeht, muss 
auch äusserlich in der Natur eine in sich zusammenhängende und 
selbstgenugsame Gruppe von Grundlagen alles Seins bilden. Es ist 
nicht ausgeschlossen, dass sich über diesen Grundlagen noch höhere 
Gebilde aufrichten, deren volles Wesen nicht in die Wahrnehmung 
niederer thierischer Bewusstseinsformen eingehen kann. Hieraus folgt 
aber nur, dass der subjective Apparat einer Steigerung fähig ist, die 
der Stufenfolge der Wirklichkeiten entspricht. Im absolut Funda- 
mentalen müssen die Auffassungen aller Wesen einheitlich und ge- 
meinschaftlich sein, wie es die Natur selbst ist. Die Schematik der 
Sinne wird daher stets ein Ausdruck der Stufenfolge der Natur- 
schematik und mithin der Grundeigenschafteu aller wirklichen und 
möglichen Existenz sein müssen. Ja sogar das, was eine oberfläch- 
liche Beurtheilung blos als willkürliches Merkzeichen der objectiven 
Elemente ansehen könnte, nämlich die rein subjective, äusserlich 
nicht noch einmal vorhandene, also ausschliesslich empfundene oder 
vorgestellte Beschaffenheit des Erscheinens der einzelnen Bewusst- 
seinsbestandtheile darf nicht wie ein zufälliges Alphabet angesehen 
werden, das sich in andern Wesen mit einer fundamental abweichen- 
den Schreibart vertauscht finden könnte. Wie Lust und Schmerz in 
der Innerlichkeit der Empfindung überall und durchgängig die näm- 
Hchen Gefühlsbestimmungen sind, und wie es thöricht sein würde, 
das leere Wort und die völlig hohle Begriffschaale einer andern 
Empfindungsspaltung oder eines andern fundamentalen Gefühl sinhalts 
für eine Einsicht oder auch nur für die Anweisung auf eine mög- 
liche Einsicht ausgeben zu wollen, so ist es auch eine arge Gedanken- 
losigkeit, zu meinen, die subjective Vorstellung von der Bewegmigs- 
erscheinung oder von einem Sinneseindruck könnte in audera 
Subjectivitäten durch beliebige, für uns unbestimmbare Mittel der 
Bewusstseinsgestaltung ersetzt werden. Wie uns zu Muthe ist und 
wie uns die Dinge erscheinen, kann freilich in der Specialisiruug 
des Bewusstseins anderer Wesen für die besondem Züge und Zu- 
sammensetzungen nicht unmittelbar maassgebend sein; allein die 
Elemente alles innerlichen Befindens und aller Beschaffenheiten des 
subjectiven Vorstellens müssen sich als einerlei erweisen. Fehlt ims 
auch in der bisherigen Wissenschaft noch das allgemeine Gesetz, 



— 151 — 

nach welchem der reale Vorgang unter bestimmten Bedingungen 
zur Bildung der Subjectivität und der einzelnen subjectiven Elemente 
führt, so ist doch die zwingende Nothwendigkeit offenbar, um der 
einheitlichen Systematik willen das Reich des Subjectiven nicht blos 
in sich überall mit sich selbst analog, sondern auch als eine einheit- 
liche Hervorbringung aus dem allgemeinen Natursein zu denken. 
Diese einheitliche Hervorbringung muss nun aber das Sein vollständig 
decken, und dies wäre nicht möglich, wenn es noch einen zweiten 
Weg der Natur gäbe, zur Selbstempfindung ihrer Elemente zu ge- 
langen. Der Unterschied zwischen zwei Arten, denselben elemen- 
taren und schematischen Vorgang in ein Bewusstseinselement zu 
verwandeln, würde nur darauf beruhen können, dass für das eine 
Mal etwas subjectiv weggelassen wäre, was in dem andern Fall zum 
Ausdruck gelangt ist. Eine solche Voraussetzung widerspräche aber 
der absoluten Einfachheit, die wir für das objective wie für das sub- 
jective Element angenommen haben und die in dem Begriff des Ele- 
mentes selbst liegt. Es kann sich also zu dem elementaren Schema 
der Wirklichkeit auch nur ein einziges Elementargebilde der Sub- 
jectivität gesellen. Diese elementare Verbindung selbst muss aber 
als Fundamentalthatsache gleich einem realen Axiom gelten. 



Z-^^eites Oapitel- 
Triebe und Leidenschaften. 

Wenn die Sinneswerkzeuge vornehmlich auf die Vermittlung 
der Erkenntniss eingerichtet sind, so hat das System der Triebe 
und Leidenschaften in seiner äussern Bestimmung wesentlich solche 
Functionen, die auf das Handeln abzielen. Die theoretische und die 
praktische Verrichtung mischen sich indessen in irgend einem Ver- 
hältniss in jeder Empfindung. Es giebt nämlich unter den im Be- 
wusstsein vorhandenen Gattungen keine einzige, welche uns nicht 
Etwas über bestimmte reale Beziehungen unseres eignen oder des 
Körpers der Welt lehren könnte, oder mit welcher sich nicht auch 
irgend eine treibende Kraft zu irgend einer, sei es blos organischen 
oder nach Aussen gerichteten Thätigkeit verbunden finden müsste. 
In den eigentlichen Sinnen, wie z. B. im Sehen, kann ein Trieb zur 



— 152 — 

Bethätigung derselben nicht geleugnet werden, und mit den eigent- 
lichen Triebempfindungen ist zugleich in einem und demselben Ge- 
fühl die Erkenntniss von einem Mangel und von dem, was natur- 
gemäss sein soll, innig verbunden. Man könnte in der letzteren 
Beziehung nicht etwa blos behaupten, dass in den Trieben ein ge- 
wisses Maass unmittelbarer, nicht auf Ueberlegung beruhender Ver- 
nunft sei, sondern sogar, dass die Vernunft in ihren höheren 
Steigerungen gar keine andere Grundlagen und für ihren Inhalt 
keinen andern Ausgangspunkt habe, als die triebförmigen Noth- 
wendigkeiten. Die letzteren sind nun allerdings nie ohne innere 
oder äussere Reize vorhanden, und so muss man denn sagen, dass 
die Energie der Sinne, die nach Bethätigung verlangt, nur an und 
mit den Reizen wahrnehmbar werde. Hören diese Reize völlig auf, 
so muss das Spiel der Sinne auf die Dauer ebenfalls zurücktreten, 
gleichsam einschlafen und schliesslich absterben. Die Functionen 
sind es also, vermöge deren das ganze System der Fähigkeiten, auf 
die Natur zu wirken und deren Verhältnisse zu deuten, in leben- 
diger Leistungsfähigkeit erhalten wird. Sinne, die nicht gehörig 
bethätigt werden, müssen mit der Zeit verkümmern und in der Ab- 
folge der Generationen fast zu einem Nichts einschrumpfen. Triebe 
und Leidenschaften, für welche keine objective Erregungen statt- 
haben, werden im Laufe der Zeit nicht blos in den Hintergrund ge- 
drängt, sondern gradezu entwurzelt werden müssen. 

Nun haben allerdings die äussern oder innem Reize, die nichts 
als eine Art der allgemeinen Naturcausalifcät sind, ihre unverbrüch- 
liche Gesetzmässigkeit und ein gewisses Maass normalen Bestandes. 
Auch die Einrichtung der die Triebe empfindenden Wesen ist so be- 
schaffen, dass deren wesentliche Natur selbst untergehen müsste, 
wenn das System der erforderlichen triebförmigen Determinationen 
verschwinden sollte. Es ist mithin dafür gesorgt, dass die objective 
Welt mit ihren Reizen und die subjective Welt mit ihfer Vielheit 
strebender Wesen stets einen gemeinsamen Bestand an Erregungen 
und Erregbarkeiten aufweisen. Was innerhalb dieses Bestandes an 
Wandlungen mit der allgemeinen Constitution der Welt und den 
maunichfaltigen Ichbildungen verträglich ist, mag sich in der Ent- 
wicklung vollziehen und sowohl in Ausmerzungeu als in Bereiche- 
rungen von Triebformen und Leideu Schaftsgattungen zeigen. Wir 
dürfen aber hieraus nicht den Schluss ziehen, dass wir ganze Classen 
von Trieben und Leidenschaften, die von einer kurzsichtigen und 



— 153 — 

beschränkten Moral in scheinheiliger Weise geächtet werden, aus 
der menschlichen Natur verbannen oder aus irgend einer analogen 
Wesensform im Kosmos wegdenken könnten, ohne die unumgäng- 
lichen Nothwendigkeiten alles Lebensspieles zu verleugnen. 

Die Triebe sind nichts weiter als Triebkräfte, zu denen sich 
eine Empfindung und zwar derartig gesellt, dass diese Empfindung 
selbst das Mittel wird, durch welches die Natur zu einer bestimmten 
Function antreibt. Als Grundlage mag man sich also immerhin 
einen bewusstlosen Mechanismus denken; die eigentliche Leitung der 
weiteren Thätigkeit wird trotzdem durch das rein Subjective des Ge- 
fühls bewirkt. Hierin liegt die Kluft zwischen der Nacht eines aus- 
schliesslich objectiven Vorgangs und dem Licht einer subjectiv be- 
wussten Thätigkeit. Das Empfindungsgefuhl hat selbst alle diejenigen 
Eigenschaften, durch welche die Wesen zu dem ihrer Natur ent- 
sprechenden Thun augetrieben werden. Der Antrieb liegt also in 
der Empfindung und nicht vor der Empfindung; denn diejenige 
Triebkraft, welche vor der Empfindung ins Spiel gesetzt wird, um 
die noch nicht vorhandene Empfindung oder den noch erst hinzu- 
zuftigenden Bestandtheil derselben hervorzubringen, gehört dem rein 
objectiven Mechanismus an und unterscheidet sich ftmdamental in 
nichts von den motorischen Mitteln unserer Maschinenmechanik, 
lieber die Art, wie der gesammte Naturmechanismus zu denken sei, 
ohne nach der Analogie unserer Maschinen die Hineinlegung eines 
ft-emden Verstandes voraussetzen zu müssen, lässt sich bei dieser Ge- 
legenheit in Kürze an nichts weiter erinnern, als dass ohne Empfin- 
dung dennoch in den Dingen eine Selbstbestimmung zur mechani- 
schen Action vorhanden sein müsse. Wenn sich ein bewusstes Ding 
vermöge der Empfindung zu bestimmten Bewegungen angetrieben 
findet, so kann bei dem bewusstlosen Dinge eine in der Form über- 
einstimmende aber nicht durch Empfindung vermittelte, trotzdem 
aber aus ihm selbst oder überhaupt aus dem System der Dinge ent- 
springende mechanische Action völlig rationell vorausgesetzt werden. 
Wenn die Welt oder das Ganze des Seins nicht etwa als eine schliess- 
lich ablaufende und in das absolute Nichts mündende und sich selbst 
sammt ihrem Material zerstörende Maschine gedacht werden soll, 
was eine offenbare Absurdität sein würde, so muss nicht blos das 
heutige Dasein, sondern der ursprünglich mit keinem zählbaren 
Wechselspiel behaftete Zustand der Materie die Kräfte in sich ge- 
tragen haben, vermöge deren die zeitliche Abfolge mechanischer 



— 154 — 

Rhythmen zur SelbstvoUziehung gelangt ist. Uebrigens würde zu 
einer absoluten Selbstzerstörung, die das Material mitbeseitigte, nicht 
weniger eine ursprünglich und radical eigne Kraft der einzelnen 
Dinge und ihres Systems gehören, als zu der ähnlichen Widersinnig- 
keit einer absoluten Selbstschöpfung aus Nichts. Die den Dingen 
eigne Selbstmechanik, die von ausserhalb des Systems nichts bedarf, 
geht über die bisherigen Analogien der menschlichen Maschinen- 
mechanik hinaus und muss dies auch, da jede Construction, die wir 
entwerfen, in ihrer Möglichkeit nur darauf beruht, dass sie ein Theil 
in dem universellen System ist, in welchem sowohl die gewöhnlichen 
Naturkräfte als unser technischer Verstand die Rolle von blossen 
Mitteln spielen. Wir legen also den individuellen Theilchen der 
Materie vor allen übrigen Actionen auch die Trägerschaft aller me- 
chanischen Beziehungen und die Eigenschaft bei, der zureichende 
Ausgangspunkt eines universellen Selbstmechanismus zu sein, der in 
den empfindenden Wesen auch diejenigen Triebkräfte liefert, die wir, 
insofern sie von Empfindung begleitet sind, im eigentlichen Sinne 
des Worts Triebe nennen. 

Bei der Besprechung der Empfindung und der Sinne konnte 
uns, da es sich mit Rücksicht auf die Sinne zunächst um Erkennt-- 
niss handelte, die Naturmechanik nur insoweit eine Aufklärung ver- 
schaffen, als sich auch im Subjectiven der durchgängige Antagonis- 
mus von Kräften als Grundgestalt zeigte. Jetzt haben wir es mit 
einem Gegenstand zu thun, welcher der praktischen Mechanik weit 
näher liegt, da nicht blos die Erkenntniss sondern die Wirksamkeit 
in Frage kommt. Was die Wesen nach Maassgabe ihrer Empfin- 
dungen thun können and müssen, das wird durch die triebförmigen 
Anregungen bestimmt. Wir bedürfen also, wie schon bei Erörterung 
des Darwinismus angeführt wurde, nicht der nebelhaften Vorstellun- 
gen von sogenannten Instincten ; sondern es wird im Gegentheil jede 
Erklärung illusorisch werden, die sich auf Instincte benift, wenn 
der mit diesem Wort verbundene Begriff sich nicht klar und deut- 
lich in objectiven Mechanismus und in eine ausserdem vermittelnde 
Triebempfindung subjectiv bekannter Art auflösen lässt. 

2. Solange man zwischen Thier und Mensch die Gemeinschaft^ 
lichkeit eines Grundschema in der Einrichtung des Bewusstseins 
leugnete, war es eine Art Fortschritt, wenn man eine instinctive 
Thätigkeit auch bei dem Menschen anzuerkennen anfing. Das Thema 
von dem Instincte im Menschen war in der That sehr geeignet, über 



— 155 — 

den unterbau des überlegenden Verstandes zu erheblichen Auf- 
schlüssen zu fuhren. Vollständig können aber derartige Einsichten 
erst werden, wenn man die thierischen Instincte, die man im Men- 
schen nachgewiesen hat, nun auch selbst wiederum aus dem mensch- 
lichen Wesen deuthcher, und hiemit die unbestiromten Vorstellungen, 
die sich bisher an das Wort Instinct und an die entsprechende Gruppe 
von Thatsachen geknüpft haben, ganz und gar entbehrlich macht. 
Die Wirkungen aller Instincte, seien es eigentliche Kunsttriebe, 
blosse Wahrnehmungen oder sonstige Anregungen des Verhaltens, 
müssen darauf beruhen, dass in einer Empfindung, also in der Ge- 
stalt eines Reizgefühls, Richtung und Weg der Thätigkeit unmittel- 
bar vorgeschrieben werden. Die Unmittelbarkeit dieser Anregungen 
zu einem bestimmten Verhalten wird darin bestehen, dass die Ver- 
mittlung durch ideelle Conceptionen fehlt, die sich in der Form des 
überlegenden Verstandes auf etwas in der Zukunft oder in räum- 
licher Entfernung Liegendes beziehen. So kann das sogenannte 
Wittern einer Wetterveränderung, die z. B. erst nach einem Tage 
oder einer Anzahl Stunden eintritt, offenbar nicht als eine Vorweg- 
nahme des Zukünftigen nach Art der Voraussicht durch Anschauungs- 
vorstellungen, also nicht durch eine auf Erfahrung beruhende Ver- 
knüpfung ideeller Conceptionen, sondern nur als eine Auslegung 
gegenwärtiger meteorologischer Vorgänge erklärt werden. Das Zu- 
künftige wird hier gar nicht erschlossen, weil es überhaupt selbst 
nicht den Gegenstand bildet, der in Empfindung übersetzt wird. Es 
sind nur die Vorbereitungen des zukünftigen Zustandes, die sich in 
den subjectiven Erregungen ankündigen. Es sind die ersten, übrigens 
nicht weiter wahrnehmbaren Einleitungen einer sich später vervoll- 
ständigenden Veränderung, durch welche die Sphäre der allgemeinen 
Empfindung oder besondere animale Organe in Mitlei deuschaft ver- 
setzt werden. Auch der Antrieb, den die Zugvögel empfinden, die 
Klimate regelmässig zu vertauschen, ist als ein Empfindungsreiz zu 
denken. Wieviel Antheil hiebei die bewusste, auf Erfahrung be- 
ruhende Vorstellung habe, kann dahingestellt bleiben; denn selbst 
die Auflösung dieses Instinctes in eine Vergesellschaftung von Er- 
fahrungsanschauungen würde die Grundwahrheit nicht umstossen. 
Diese fundamentale Wahrheit besteht in dem Satze, dass es stets 
nur das unmittelbar, nämlich zeitlich und räumlich Gegenwärtige 
ist, was den Reiz ausübt und in eine Empfindung übersetzt wird. 
Eine Wirkung aus der Zukunft in die Gegenwart wäre die wider- 



— 156 — 

sinnigste Ungereimtheit, und dennoch verfallen diejenigen, welche 
die Vorgefühle in roher und leider noch immer populärer Weise 
auffassen und auslegen, regelmässig in jene Absurdität.- Das Zu- 
künftige muss, um für ein empfindendes Wesen in der vorwegnehmen- 
den Anschauung dasein zu können, erst aus einer Wirkung, die sich 
in der Gegenwart vollzieht, als Vorstellung construirt werden. Es 
kann daher keinen Verkehr mit der Zukunft geben, der nicht aus 
einer Anregung stammte, die bereits zum Theil vergangen sein muss, 
ehe sich daran eine Voraussicht knüpfen kann. Das Vorstellen ist 
es also, was uns die möglichen Züge der Zukunft erschliesst, indem 
es mit den Bildern nicht blos der thatsächlichen Vergangenheit, 
sondern auch mit den Elementen dieser Bilder operirt. Die Phan- 
tasie reicht mithin in die Zukunft, indem sie das leitende Empfin- 
dungsmaterial aus der Gegenwart, die entsprechenden Elementarbilder 
aber auch aus der Vergangenheit entnimmt. Sieht man von der 
bewussten Vorstellung ab, so bleibt die vorstellungslose Wirklichkeit 
übrig, und diese ist an sich selbst und fär uns stets nur eine Gegen- 
wart. Alle Causalität und mithin auch diejenige, aus welcher die 
Vorstellungen entspringen, muss in einem solchen Gegenwartspunkte 
concentrirt sein; denn wäre sie dies nicht, so würde sie überhaupt 
gar nicht etwas Reales sein können. Ja selbst das Ideelle, welches 
seinem Gegenstande nach eine Beziehung auf die Zukunft oder Ver- 
gangenheit hat, wurzelt an sich selbst in einer unmittelbar gegen- 
wärtigen Erregung, die als solche eine volle Wirklichkeit hat, wäh- 
rend das Zukünftige oder Vergangene stets nur den Charakter einer 
phantasiemässigen Vorstellungswelt aufweisen kann. In den soge- 
nannten Instincten kann hienach nie etwas hegen, was nicht in der 
Form der Gegenwärtigkeit verursacht oder motivirt wäre. Es ist 
eine superstitiose Einbildung, wenn man eine reale Wirkung aus 
zeitlicher Ferne annimmt. Die Vermittlung durch die Vorstellungs- 
bildung ist der einzige Weg, auf welchem sowohl das Reich der 
ideellen Rückerinnerung als die Sphäre der Zukuuftsanticipationen 
zu Stande kommt. 

In der Bewusstseinslehre können besondere Instincte, die sich 
nicht auf die schematischen Elemente aller Empfindung und Vor- 
stellung zurückführen lassen, nur als willkürliche Einbildungen gelten, 
die sich bei strengerer Untersuchung als unmögliche Ungereimtheiten 
erweisen. Die Sphäre unserer inneni Gefühle ist der Schlüssel für 
alle Elemente animalischer Subjectivität. Was sind nun die sog©- 



— 157 — 

nannten Instincte in uns selbst? Offenbar nur Anregungen in Trieb- 
form oder, wenn es sich um das instinctive Wissen handelt, solche 
Wahrnehmungen, deren Inhalt und Bedeutung nicht wesentlich von 
der gewöhnlichen Sinnesauffassung und verstandesmässigen Ueber- 
legung herzurühren scheint. Sobald wir die sinnenmässigen En*e- 
gungen in ihrer ganzen Weite und Feinheit genauer untersuchen, 
werden wir stets finden, dass es in uns keine Antriebe oder Erkennt- 
nissformen giebt, die räthselhafter wären, als Hunger und Geschlechts- 
trieb oder als Sehen, Hören und Lust- oder Schmerzgefühl. Was 
man sich als dämonisches Element unbestimmbaren und dunklen 
Ursprungs vorgestellt hat, ist nichts weiter als das Ergebniss einer 
schwerer bioszulegenden Zusammensetzung bekannter Triebe uad 
Affecte. Auch die dunklen Regungen von scheinbar grundlosen und 
oft mystisch gedeuteten Sympathien und Antipathien lassen sich in 
entlegene Verknüpfungen von Empfindungen und in einen Trieb- 
schematismus auflösen, der uns in seinen gröberen Gestalten völHg 
geläufig und kein Gegenstand superstitioser Verwunderung oder Ge- 
heimnissthuerei zu sein pflegt. Neigung und Widerwille sind meist 
vorhanden, ohne dass man sie in ihre Bestandtheile zergliedert, auf 
ihre besondern Theilursachen zurückfuhrt und sich ein mit Unter- 
schieden bereichertes Bewusstsein davon bildet. Wenn man die Ab- 
neigung gegen eine Person oder die Besorgniss vor der Einlassung 
auf eine bestimmte Handlung instinctiv nennt, so kann man ratio- 
neller Weise hiemit nichts Anderes sagen wollen, als dass man im 
Bereich der Gefühle einen Antagonismus verspürt, dessen besondere 
Mechanik zu verwickelt und dessen constitutive Bestandtheile zu ge- 
mischt und verhüllt sind, um für das unmittelbare Bewusstsein ohne Wei- 
teres in den Einzelheiten und Gründen verständlich werden zu können. 
3. Es giebt im animalischen Wesen überall und durchgängig 
einen Unterbau von nothwendigen Trieben, über dem sich die Affecte 
als eine besondere Gruppe von Gebilden aufgeführt finden. Jenes 
Fundament zeigt zwei Hauptgestalten, nämhch einerseits die Triebe, 
welche das Ernährungsbedürfniss ausdrücken, und andererseits jene 
Reizempfindung, durch welche zur Fortpflanzung angeregt wird. 
Hunger und Durst sowie der Geschlechtstrieb bilden die unumgäng- 
Hchen Attribute aller uns innerlich in ihrer Empfindung verständ- 
lichen Animalität. Die hohe Veredlung, deren besonders die Ge- 
schlechtsempfindungen in dem höher entwickelten Menschenwesen 
fähig sind, darf uns auf der untersten Stufe der Werthschätzung 



— 158 — 

nicht irre machen. Auch Angesichts der leidenschaftlichen Geschlechts- 
liebe haben wir es dem Kerne nach mit jenem fundamentalen Triebe 
zu thun, und selbst der Enthusiasmus, mit welchem die am edelsten 
gestalteten Geschlechtsaffecte auftreten, ist nur eine Form, in welcher 
die auf die idealere Seite des Menschlichen gerichteten Geschlechter- 
beziehungen empfunden und vorgestellt werden. Wenn schon zwi- 
schen Trieb und Trieb in der rein animalen Bedeutung, also nament- 
lich in den Variationen und Veredlungen des unmittelbaren Lust- 
gefühls, ein gewaltiger Unterschied herrscht, so müssen die dem 
Geschlechtsact femerliegenden Affectionen um so mehr die mannich- 
faltigsten Schattirungen annehmen und die wichtigsten Bereicherun- 
gen durch idealere Erregungen erfahren können. Die Compositions- 
methode, welcher hier die Natur in der Hervorbringung der höchsten 
Lebensgefühle folgt, lasst sich zwar noch nicht anatomisch sichtbar 
machen, ist aber in ihren Ergebnissen hinreichend angedeutet. Der 
blosse Trieb in seiner untersten Gestaltung bildet immer die Grund- 
lage, mit deren Wegziehung auch alles Uebrige zusammenfällt. 

Wir betrachten die Triebe meistens als Veranstaltungen der 
Natur zur Sicherung solcher Thätigkeiten , deren Bewerkstelligung 
den Weg durch ein Bewusstsein nehmen und von dem Wollen eines 
empfindenden Wesens abhängig werden soll. Nun lassen sich Er- 
nährung und Vermehrung, wie das Pflanzenreich zeigt, auch ohne 
eigentlichen und mithin empftindenen Trieb sehr wohl vermitteln. 
Hieraus folgt, dass nicht blos das Empfinden überhaupt, sondern 
auch speciell das Empfinden der Triebe um seiner selbst willen vor- 
handen ist. Wäre nämlich nur die Erzielung einer äussern Ver- 
richtung, wie des Stoffwechsels oder der Vervielfältigung, der ent- 
scheidende Grund zu den Einrichtungen, so hätte sich die Natur 
den Luxus der Triebempfindungen erlassen können, zumal mit dieser 
neuen Schöpfung des Subjectiven auch die lästige Nothwendigkeit 
eintritt, in die zu empfindenden Antriebe zu einem wesentlichen 
Theil unangenehme Erregungen aufzunehmen. Wir können daher 
mit aller Bestimmtheit davon ausgehen, dass die Triebempfindungen 
nur nebenbei auch zu Mitteln für einen sonst auch ohne sie erreich- 
baren Zweck gemacht, in der Hauptsache aber um der Befriedigung 
willen geschaffen worden sind, die mit ihrem Spiel verbunden ist. 
Die mit ihnen verbundene Lust ist der offenbare Selbstzweck und 
die sie begleitende Unlust muss als ein unumgänglicher Bestand theil 
der nothwendigen Verfassung einer solchen Empfindungssphäre an- 



— 159 — 

gesehen werden, wie sie sich unter Voraussetzung des zu Grunde 
liegenden empfindungslosen Schematismus der Dinge construiren 
liess. Warum aber dieser Schematismus und die Natur überhaupt 
den antagonistischen Charakter haben und ein Stufensystem des 
Mangels darstellen musste, dafür dürfte wiederum der Schlüssel weit 
leichter in dem nofch wendigen Wesen der Triebempfindung selbst, 
als irgendwo anders, gefunden werden. Die Reize eines Lebens- 
spieles lassen sich, wie wir unsere Phantasie und unser Denken auch 
wenden mögen, nie und nirgend anders hervorgebracht denken, als 
durch die entsprechende Schöpfung von Bedürfnissen und Befriedi- 
gungskräften. In den empfundenen Antrieben haben wir nun die 
Grundlage von Beidem; wir haben den Mangel und den Sporn zur 
ausgleichenden Thätigkeit. Bedürfniss und Arbeit gehen Hand in 
Hand ; denn schon die Functionen der Organe, die den Stoff aneignen 
und umbilden, können als Leistungen von Arbeit, nämlich von phy- 
siologischer Arbeit, angesehtn werden. Weiterhin darf man aber 
nicht bei dieser ersten Verbindung des Bedürfnisses mit der Arbeit 
stehen bleiben, sondern muss von dem Grundgerüst der gemeinsten 
Triebe aus die Arbeits- und Machtentfaltungen verfolgen. Die Natur 
hat es in ihrem grossen Arbeitssystem überall auf die Ueberwindung 
von Hindernissen abgesehen, die Befriedigungen und Genüsse aber 
offenbar nicht ohne die vorgängigen Bedürfhisse und diese wiederum 
nicht ohne das Dazwischentreten eben jener Hindernisse und Tren- 
nungen erzeugen können. 

4. Wenn die Triebe um der sie begleitenden Empfindung willen 
hervorgebracht sind, so folgt hieraus keineswegs, dass ihre Bezie- 
hungen zu den ausser ihnen liegenden Naturzwecken nur eine geringe 
Bedeutung haben. Die Natur ist eine Art Kreissystem. Sie entwirft 
die gegenständlichen und empfindungslosen Vorbedingungen einer 
empfindenden Wesensgruppe. Sie vollzieht gleichsam den Bau der 
gegenständlichen Welt, um in gewissen Körpern empfindende Punkte 
und ein subjectives Reich aufleuchten zu lass'en. Wenn nun auch 
dieses letztere ihr höchster Zweck ist, so muss sie doch immer wieder 
von Neuem die gegenständhche Welt in Ordnung halten, und dies 
kann nicht anders geschehen, als indem auch die Empfindungen 
selbst den äusseren Zwecken durch Anregung bestimmter Verrich- 
tungen dienstbar werden. Die Aeusserlichkeit der Erfolge ist hiebei 
nur ein Durchgangspunkt, um die innere Welt der Empfindung zu 
fördern. Die Triebe sind daher im Allgemeinen nur Mittel für solche 



— 160 .— 

Zwecke, die wiederum Mittel zur Bereicherung der Empfindungswelt 
werden. Man muss sich daher des Vorurtheils entäussern, als wenn 
Hunger und Durst oder Geschlechtstrieb nur dazu dawären, das che- 
mische Gleichgewicht der Blutmischung oder die Forterhaltung der 
Art zu sichern. Man darf jedoch mit der Ablegung dieses Vorurtheils 
nicht etwa wähnen, über die hochwichtigen Zweckbeziehungen hin- 
wegsehen zu können, vermöge deren jeder besondere Trieb nach 
Aussen eine entscheidende Function zu üben hat. Angesichts der 
Einheit und Einstimmung des objectiven und subjectiven Systems 
wird man sogar die Natürlichkeit der Triebgestaltung nach der Art 
und dem Grade beurtheilen können, in welchem die äusseren Natur- 
zwecke gesichert sind. Man wird diejenigen Triebgebilde als Ver- 
irrungen bezeichnen, bei denen eine Entfernung von dem Naturzweck 
unverkennbar ist, wie z. B. bei dem Cultus von Geschlechtsempfin- 
dungen und entsprechenden Leidenschaftsregungen zwischen Personen 
desselben, sei es des männlichen, sei e» des weiblichen Geschlechts. 
Der tiefere Grund für die Verwerf Hchkeit solcher, sogar selbst in 
einem gewissen Sinne naturwüchsiger Triebgebilde, liegt jedoch 
keineswegs in ihrer gegenständlichen Nutzlosigkeit; vielmehr ist 
diese Nutzlosigkeit oder Schädlichkeit nur ein Merkmal, dass von 
derjenigen Ordnung der Dinge abgewichen ist, die allein dauernd 
auch die subjective Befriedigung der Empfindung sichern kann. Die 
Technik der Natur würde an sich selbst eine theilweise Störung ver- 
tragen ; aber es stehen hier höhere Interessen auf dem Spiele, indem 
die Harmonie der Empfindungen selbst durch solche fehlerhafte Ab- 
schweifungen beeinträchtigt und schliesshch in unerträglichen Wider- 
streit verwandelt werden muss. Allerdings sind die fraglichen, vor- 
zugsweise als griechisch und antik bekannten, übrigens aber bei 
allen Völkern und zu allen Zeiten mehr oder minder vorgekomme- 
nen eingeschlechtigen Regungen offenbar selbst sehr begreifliche 
Naturerzeugnisse; aber eben hieraus können wir die Compositions- 
schwächen oder, mit andern Worten, die Nothwendigkeitsschranken 
in den Operationen der Natur um so besser kennen lernen. Die 
Ablenkung des Geschlechtstriebes in seinen niedern Gestaltungen 
sowie der leidenschaftlichen Geschlechtsaffecte in ihren höheren enthu- 
siastischen Formen auf Individuen gleichen Geschlechts lässt sich 
rein ursächlich als eine Wirkung der gewöhnlichen geschlechtlichen 
Anordnungen der Natur erklären. Die Triebempfindung musste an 
bestimmte äussere Reize geknüpft werden, und es war nicht zu ver- 



— 161 - 

meiden, dass sich etwas den normalen Reizen Gleichartiges unter 
besondem Umständen für die körperliche und geistige Beschaffen- 
heit beider Geschlechter verwirklichte, zumal wenn man die Unter- 
schiede der Altersstufen und der Charaktere in Anschlag bringt. 
Auch die Verzerrungen, die in diesem Gebiet entstehen, sind als 
Fehlgriffe anzusehen, die der Natur selbst nicht völlig fremd bleiben. 
Schliesslich ist die Natur selbst in ihrem Gesammtentwurf auch die 
entferntere Ursache aller Ab- und Ausschweifungen, und wo wir 
vom Widernatürlichen reden, haben wir uns schon einen normalen 
Typus gebildet, der allerdings den allgemeinen Verfahr ungsarten 
der Natur entspricht, aber wohlgemerkt derjenigen Natur, die schon 
durch unsem Verstand von zufälligen und missliebigen That Sachen 
entkleidet und aus dem Gesichtspunkt des harmonischen Wollens 
aufgefasst ist. 

Diejenigen Triebe, von denen in der Menschen weit die wichtig- 
sten Geselligkeitsbeziehungen ausgehen, erinnern uns auch am leb- 
haftesten an die Irrthümer und Fehlgriffe, die sich in ihrem Reiche 
vollziehen. Wollten wir nun diese falschen Ausgriffe ausschliesslich 
dem menschlichen Wesen zuschreiben und die äussere Natur ge- 
wohntermaassen von aller Fehlbarkeit lossprechen, so würden wir 
die einheitliche Systematik des Gesammtreichs aller Dinge verleugnen. 
In einem gewissen Sinne ist die Fehlbarkeit eine Mitgift aller Stufen 
der Existenz. Im Menschen ist sie nur darum grösser, weil er ein 
zusammengesetzteres und voUkommneres Wesen ist, als die sonstigen 
Bestandtheile und Einrichtungen des Daseins. Die Natur im Men- 
schen und die Natur ausser dem Menschen sind nicht zwei so un- 
gleichartige Dinge, um ein völlig verschiedenes Princip haben zu 
können. Ein bewusstes Fehlgreifen gehört nur den thierischen Ge- 
bilden und unter ihnen im höheren Grade dem Menschen an; aber 
eine Verwirklichung des Unzweckmässigen oder ein Nichterreichen 
der angelegt gewesenen schematischen Ordnurjg ist in der ganzen 
Natur überall da erkennbar, wo man überhaupt die Uebereinstim- 
mung oder den Widerstreit innerlich und gegenständlich zu beur- 
theilen vermag. Mit demselben Recht, welches uns gestattet, die 
eigentlichen Missgeburten als falsche Compositionen zu betrachten, 
dürfen wir auch überhaupt fehlgreifende Synthesen der Natur in 
allen Richtungen annehmen , wo eine gehörige Zusammenstimmung 
der Theile bewirkt oder verfehlt werden kann. Der Mensch ist nicht 
das einzige Ding, welches irrt; er ist nur dasjenige, welches auch 

Dühring, Cursus der Philosophie. 11 



— 162 — 

mit deutlichem Bewusstsein und eben durch dieses* Bewusstsein in 
einem höheren Grade und in einer besondem Ai*t zu irren vermag. 
Wenn daher seine Triebe noch stärker und verkünstelter in die Irre 
gerathen, als dies bei den Tendenzen der bewusstlosen Natur der 
Fall zu sein pflegt, so müssen wir diese Eigenschaft als eine beson- 
dere Ausstattung unserer Vollkommenheit, aber nicht als ein hassens- 
werthes Privilegium ansehen. Wir können uns in dem System un- 
serer Triebe getrost als einig und gleichartig mit der übrigen Natur 
betrachten ; wir können diese Einigkeit und Gleichartigkeit im Guten 
und Schlimmen, im Erreichen und Verfehlen, in Wahrheit und Irr- 
thum voraussetzen. Es giebt keine Grenze, wo etwa die Unfehlbar- 
keit und der völlige Maugel eines Irrthums, im gegenständlichen 
Sinne dieses Worts, für die aussermenschhche oder auch für die 
nichtbewusste menschliche Natur beginnen müsste. Wir werden der 
Natur keine Vorstellungen unterlegen; aber wir werden uns an die 
Thatsachen halten und uns hüten, mit der Existenz unserer Triebe 
die allgemeine Gleichartigkeit im Stufensystem des Weltbaues zu 
unterbrechen und den Widerstreit des Zutreffenden und Unpassenden 
erst in uns beginnen zu lassen. Die Würde des Menschen steigt 
durch diese Betrachtuugsart; der letzte Rest falscher Naturverehrung 
weicht zurück, und auch die Gesammtanschauung wird nicht ge- 
schädigt; denn es ist mit der allgemeinen Thatsächlichkeit des frag- 
lichen Gegensatzes die Idee nicht ausgeschlossen, dass jenes objectiv«^ 
und subjective Verfehlen selbst sich als eine nothwendige und heil- 
same Einrichtung, ja sich gleichsam als ein in der Gesammt Verfassung 
des Seins Gewolltes und als unumgängliches Mittel zum Zwect des 
mannichfaltigen und losgebundenen Lebensspieles erweisen müsse. 

5. Wo die Natur in dem, was sie anlegt, rückständig oder un- 
zulänglich bleibt, kann eine mannichfaltige Elntwicklung des die 
Empfindungen mit Bewusstsein sichtenden und veredelnden Menschen 
eine wichtige Ergänzung oder auch bisweilen eine Berichtigung 
schaffen. Wir sind selbst Natur und haben die endgültige Ent- 
scheidung grade über das Letzte und Höchste, was allen Vorstufen 
des niedrigeren Seins der Folge und dem Range nach überlegen ist. 
Wir sind in unserm Empfindungsleben oder, wenn das Wort besser 
zusagt, in unserm allgemeinen ästhetischen Verhalten derartig eine 
beurtheilende und gestaltende Macht, dass wir die Bestrebungen der 
Natur, die sich in uns Ijethätigen, zwar als gesetzgebend, al)er nicht 
als den Inbegriff aller Gesetzgebung und auch nicht als in jeder 



— 163 — 

Beziehung unabänderlich zu betrachten und zu behandeln haben, 
unsere Vollkommenheit soll sich über diejenige der Natur um eine 
neue Entwicklungsstufe erheben, und mit dem Spielraum für diese 
Erhebung ist eben auch das tiefere Versinken unter bestimmten 
Voraussetzungen unvermeidlich gemacht. Dem Ideal gegenüber findet 
sich die Verzerrung und Verkünstelung, welche tief unter das Niveau 
des naiv Natürlichen gehört und der Zurückrufung zur einfachen 
Natur eine Berechtigung und einen Reiz verleiht, der sonst nicht 
begreiflich wäre. Wie verschränkt, verzwickt und verkünstelt müssen 
nicht die menschlichen Empfindungen, die den Abirrungen de5* Cultur- 
geschichte und dem Raffinement ihr eigenthümhches Dasein ver- 
danken, in der That geworden sein, ehe der Natürlichkeitsenthu- 
siasmus nach Art eines Rousseau einen hohen Werth erhalten und 
an Stelle kühnerer Ideale die erdrückte Menschlichkeit befriedigen 
kann! Wir wollen uns vor nichts niederwerfen und mithin auch 
nicht vor jener Natur, die in ihrem Stufensystem von mechanischen, 
physikalischen und physiologischen Einrichtungen eben nur das Pie- 
destal für unsere eigne überragende Wirklichkeit bildet. 

Wenden wir unsern allgemeinen Gedanken m bestimmterer 
Richtung auf die Triebe an, so werden wir uns über deren Fehl- 
barkeit ebensowenig wie über die gelegentlichen Vergreifungen der 
thierischen Instincte wundern. Mit dem Vermögen zur Wahrheit 
ist auch immer dasjenige zum Irrthum in irgend einem Maass ver- 
bunden, und alle gegenständliche Bedeutung, welche das im Triebe 
enthaltene Urtheil in Anspruch nehmen kann, ist so gut wie die 
Fähigkeit zur mathematischen Einsicht mit jenem Gegensatz behaftet. 
Die Emährungstriebe, also Hunger und Durst, zeigen uns einen 
innem Zustand an, der sich verschiedentlich, besonders aber chemisch 
kennzeichnen lässt. Ein Mangel an Flüssigkeit bei der nothwendigen 
Mischung des Bluts und der andern Säfte wird auf der Zunge durch 
einen eigenthümlichen Reiz verkündet, und die treibende Kraft dieser 
Spannungsempfindung setzt die Sinne und den Vorstellungsapparat 
sowie die dienstbaren Thätigkeiten in Bewegung, um die Gegenstände 
zu erkennen und anzueignen, welche die Ausgleichung der Spannung 
bewirken können. Wenn sich Hunger und Durst vereinigen, pflegt 
der letztere derartig zu überwiegen, dass er erst befriedigt sein muss, 
ehe die auf feste Nahrung gerichtete Bedürfnissempfindung stärker 
hervortritt. Dies hat seinen Innern Grund; denn die hydrodynamische 
Ordnung ist in der Oekonomie des Emährungsprocesses die Vorrtus- 

11* 



— 164 — 

Setzung von allem Andern. Eine bedeutendere Störung derselben 
will daher auch zuerst ausgeglichen sein. 

Die Triebe sind, unbeschadet der uns stets offenstehenden Kritik, 
bald in roherer bald in feinerer Weise unsere Lehrmeister und zwar 
nicht blos im Allgemeinen, sondern auch im Besondem und Ein- 
zelnen. Sie zeigen uns, was wir anzustreben und was wir zu fliehen 
haben, und der hiebei mögliche Irrthum ist, wie schon vorher ge- 
sagt, allen Mitteln der Erkenntniss und allen Motiven der Thätigkeit 
von dem niedrigsten bis zum höchsten gemeinsam. Die Appetite 
sind in ihrer unverkünstelten oder überhaupt wohlgeordnd;en Ge- 
staltung vortreffliche Verkünder von dem, was dem Körper der Regel 
nach sowie in besondern Zuständen zuträglich ist. Es ist nicht Bru- 
talität, sondern mehr als das, nämlich ein unter das Thier sinkendes 
Verhalten, wenn die feineren oder roheren Anzeigen, welche die ge- 
wöhnlichen oder durch Ausbildung wohl gar besonders urtheilsfähig 
gemachten Appetite liefern, in Gesundheit und Kj*ankheit völlig 
verachtet und nicht einmal einer Prüfung werth gehalten werden. 
Die Verbindung dieser Art von Fingerzeigen mit der gegenständ- 
lichen Beurtheilung kann Ausserordentliches leisten. Ein Mangel an 
den Eisenbestandtheilen des Bluts wird sich durch Vorliebe für eisen- 
haltige Nahrungsmittel verrafchen. Ein Theil der Heilmittel, der 
ursprünglich in Volksmitteln bestand, muss zuerst auf irgend welche 
Appetitgestaltungen hin versucht und erprobt worden sein. Auch 
die besondern Appetite der Schwangern lassen sich ähnlich auffassen 
wie das Kalkverzehren der Hennen, deren Neigung sich aus dem 
Bedürfniss von Material zur Bildung der Eierschaale erklärt. 

Zu der vorläufig nur das innere Bedürfniss ausdrückenden Trieb- 
empfindung tritt die Beurtheilung und Messung des Gegenstandes 
auf seine befriedung versprechenden Eigenschaften. Der Sinn und die 
Vorstellung, die mit dem Triebe verbunden sind, wägen die Wir- 
kungen im Voraus ab, und diese Vorwegnahme durch die Empfin- 
dung ist eines der wichtigsten Hülfsraittel der Erhaltung und För- 
derung des eignen Wesens. Wo, wie bei dem Geschlechtstriebe, ein 
zweites Wesen mit seinem Urtheil in Frage kommt, ist grade diese 
Doppelseitigkeit des Gefählsurtheils von der grössten Bedeutung; 
denn sie allein kann die Ebenmässigkeit und Zuträglichkeit der Be- 
ziehungen sichern. Die Mannichfaltigkeiten , die schon ohnedies im 
Gebiet der Geschlechtsaffectionen herrschen, werden hiedurch noch 
gesteigert. Der Geschlechtstrieb ist schon an sich selbst und ein- 



— 165 — 

seitig vieler Variationen fähig, und man könnte in dieser Beziehung 
seine Natur sogar mit den gewöhnlichen Appetiten vergleichen. Die 
Mannichfaltigkeit liegt aber hier weniger sichtbar in den Zuständen 
des Subjects, als in der individuellen Vielheit der Objecte. Fügt 
man hiezu noch jene Doppelcombination, so wird die passende Her- 
stellung des Gleichgewichts eine Angelegenheit, die von Seiten der 
Natur mehr Subtilität erforderlich macht, als man gewöhnlich zu- 
gesteht. 

6. Eine Veränderung, Gewöhnung und Entwicklung der Triebe 
ist in geringerem Grade für das Einzelleben und in bedeutendem 
Umfang für die Geschlechterabfolgeu, am meisten aber für das ganze 
Menschengeschlecht vorhanden. Die Phantasie ergeht sich hier zwar 
allzu leichtfertig in der Nichtachtung wesentlicher Schranken; aber 
die Bestimmung des Spielraums, innerhalb dessen sich die mensch- 
hchen Antriebe umzugestalten und zu veredeln vermögen, mag lieber 
zu weit als zu eng vorgestellt werden; denn der letztere Irrthum 
ist dem Ideal hinderlicher, als der erstere. Die Kritik der Triebe 
nach dem Wohlthätigen oder Unzuträglichen ihrer thatsächlichen 
und äusserlich verkörperten Wirkungen ist nur indirect und jeden- 
falls nicht das ausschliessliche oder letzte Maass ihres Werthes. Wie 
sollen wir aber die Wahrheit, Berechtigung oder Schönheit der Em- 
pfindung durch die Empfindung selbst feststellen? Hierauf giebt es 
nur eine einzige Antwort, die aber den Vortheil hat, uns ein ähn- 
liches Licht wie in den strengsten Wissenschaften in einem Gebiet 
zu schaffen, wo man das Dunkel natürlich findet und wohl gar von 
der täppischen Bauernregel ausgeht, dass sich über den Geschmack 
nicht streiten lasse. Wären die Empfindungen und Gefühle voll- 
kommen einfach, so müsste über sie durch unmittelbares axiomati- 
sches Urtheil in verwandter Art entschieden werden, wie über einen 
mathematischen Grundsatz oder über den Schöuheitseindruck einer 
reinen Spectralfarbe. Die Art von Beifall oder Einstimmung, die 
eine völlig einfache Erregung mit sich brächte, würde eben auch 
eine nicht missverständliche Thatsache sein und in ihrem Gebiet 
ebenso gelten müssen, wie eine geometrische oder physikalische Noth- 
wendigkeit. Nun aber sind die Empfindungen und Gefühle nicht 
einfach, sondern mannichfaltig nach Art und Grösse zusammengesetzt. 
Schon das Mehr und Minder beruht auf einer Composition von Ele- 
menten; der Gattung nach ist aber schon die Mischung der Lust 
mit dem in irgend einem Maasse Peinlichen ein Ausgangspunkt von 



— 16(J — 

Mannichfaltigkeiten. Der gelinde Anreiz, der Stachel und die grau- 
samste Pein oder überhaupt der ausschliessliche Schmerz auf der 
einen Seite und die Skala der unser Wesen bejahenden Lust oder 
Freude auf der andern Seite ergeben in ihrer Verbindung äusserst 
verschiedene Ausprägungen des Gesammtgefähls. Hiezu kommt noch, 
dass auch die Specialformen der Triebempfinduugen noch nicht so- 
fort als einfach angesehen werden dürfen. Mindestens muss man in 
der Zergliederung hier ebensoweit gehen, wie wenn man Töne und 
Farben oder überhaupt Gehör- und Gesichtsein drücke in ihre Be- 
standtheile sondert. Wird nun ein unmittelbares Empfindungsurtheil 
über die Empfinduugselemente oder reinen Empfindungsgattungen 
als solche zugestanden, so beruht alle Wahrheit sowie aller Irrthum 
auf der richtigen oder falschen Würdigung der CoUectivgebilde, und 
diese Würdigung, die zunächst fertig und unwillkürlich in der Wahr- 
nehmung des vorherrschenden Charakters des Empfindungsgebildes 
zu Tage tritt, kann durch nähere Aufinerksamkeit auf die ßestand- 
theile bestimmter geprüft und durch Vergleichung mit andern oder 
auch blos variirten Empfindungszu ständen rein subjectiv geschätzt 
werden. Im letzten Grunde sind es offenbar die einfachen der Ver- 
fassung unseres Strebens und Vorstellens angehörigen Elemente, die 
sich an sich selbst als souverain geltend macheu. Da indessen das, 
was befriedigt und wohlthätig oder das Gegentheil davon ist, überall 
in der ganzen empfindenden Natur den Grundbestandtheilen nach 
dasselbe sein muss, so haben die Empfiudungs- und Gefühlsurtheile 
eine ernsthaft wissenschaftliche Tragweite, und ihre Verrufung rührt 
einerseits von der Unkenntniss ihres Wesens, andererseits aber aucli 
von der verhältnissmässigen Rohheit und Ungenauigkeit her, mit 
welcher sie sich zunächst wegen der vielfachen Zusammengesetztheit 
ihres Materials behaftet finden. Jedoch sind sie auch häufig genug 
äusserst fein und ausgebildet, ohne dass deswegen mit ihnen auch 
die Fähigkeit verknüpft zu sein brauchte, vermöge deren sich das 
urtheilende Individuum der Entscheidungsgmnde deutlich bewusst 
werden und zur Rechenschaftsableguug darüber oder zur systemati- 
schen Anwendung des Erkamiten im Stande sein müsste. 

Wenn wir auf die eben angegebene Weise die edle von der 
unedlen Compositiou unterscheiden lernen und sogar dazu gelangen, 
dem Empfindungs- und Gefiihlsgebiet eigentliche Ideale oder, mit 
andern Worten, vollkommnere Constructionen, die dem besseren und 
schöneren Typus entsprechen, nach und nach abzugewinnen, so sind 



— 167 — 

hier offenbar wiclitige Hebel zur Gestaltung des innem und äussern 
Lebens einzusetzen. Wie die Musik eben in der subjectiven Ton- 
empfindung ihre Werthschätzung erfährt und wie überhaupt jede 
Kunstgattung zunächst auf die Unmittelbarkeiten der den Eindruck 
messenden und wägenden subjectiven Gesammtaffection angewiesen 
ist, so muss auch die Ausbildung des Trieb- und Gefühlslebens die 
nächsten energischen Förderungen von der freien Bethätigung der 
eignen Elemente erwarten. Solange sich hier das freie Spiel durch 
Vorurtheile und falsche Einschränkungen gehemmt findet, ist an eine 
edlere Meuschhchkeit in diesem Bereich nicht zu denken. 

Die ganz gewöhnlichen Triebe bieten für die Veredlung oder 
für die Fernhaltung der Verzerrungen soviel Stoff dar, dass man 
über die Wüstheiten und Thorheiten dieses Gebiets erstaunen müsste,* 
wenn man sich nicht erinnerte, dass es Jahrtausende dem herrschen- 
den Vorurtheil entsprochen hat, die sinnlichen Triebkräfte als un- 
würdige Gegenstände in Verachtung zu bringen und dadurch erst 
recht eine Verwilderung oder Verfälschung dieser sittlichen Mächte 
zu befördern. Man hat in den Trieben die Gnmdlagen der mensch- 
lichen Natur mit Füssen getreten, und es darf daher nicht über- 
raschen, wenn wir in der höheren Cultur der Triebempfindungen 
jetzt wieder einen neuen Anfang zu machen haben. Die alte Frucht 
der Ausschweifungen und des Ekels, nämlich die Aechtung der 
ganzen Sinnlichkeit, ist jetzt glücklich bei den letzten Stadien der 
Fäulniss angelangt und wird uns nicht mehr mit ihren raffinirten 
Ueber- und Widersinnhchkeiten an die Welt- und Lebenshallucina- 
tionen des Fieberwahns der Religionen überliefern. Mit der Zer- 
sprengung dieser Ketten ist nun aber auch der Freiheit eine neue 
und edle Aufgabe gestellt. Sie hat die Verirrungen auszumerzen, 
denen die Triebe unter dem alten Regime verfallen sind. Nicht blos 
die Unnatur der künsthchen Unterdrückungen mit ihren widerwär- 
tigen Folgen, sondern auch der Mangel positiver Gestaltung und 
wahrhaft edler Zucht ist auszugleichen. Die Unsitte, Betäubung 
\md Rausch aller Art, sei es durch Narkose, sei es durch die will- 
kürliche Steigerung niederer oder höherer Affectionen jeglicher Rich- 
tung hervorzubringen, muss nicht nur als Beeinträchtigung des in- 
dividuellen und gesellschaftlichen Wohlseins, sondern auch als Ver- 
derberin der Gattung und des Typus angesehen werden. Die Triebe 
haben nicht nur ihre Naturgesetze, vermöge deren die maasslosen 
Empfindungen zum Gegentheil und überhaupt der falsche Lebens- 



— 168 — 

genuss zum ebenso verkehrten Lebensüberdruss führt, sondern sie 
sind auch der harmonischen Composition zugänglich. Sie und ihre 
Voraussetzungen können sich nach dem Guten oder Schlimmen hin 
umgestalten, und die Menge von thörichten, recht unästhetischen 
und oft grob schädlichen Bedürfüissen , welche die Völker in sich 
künstlich erzeugt und gepflegt haben, ist ein Beweis für den grossen 
Spielraum der Veränderlichkeit dieses Gebiets. Sicherlich werden 
bestimmte Grundverhältnisse immer bestehen bleiben, und die Un- 
gereimtheit, den Geschlechtstrieb einmal in der Zukunft physiologisch 
abstellbar zu wähnen, ist nicht geringer, als diejenige, eine Ab- 
schaffung des Essens und Trinkens zu gewärtigen. Dennoch ist jene 
Voraussetzung wenigstens annähernd in wissenschaftlichen Raisonne- 
ments gemacht worden. Man hat geglaubt, dass die geistigen 
Functionen in dieser Richtung absorbirend wirken und sogar in der 
Breite der Gesellschaft die Bevölkerungsvermehrung hindern könnten. 
Regelwidrige Ausnahmefälle, die sich immerhin auf ganze Gruppen 
erstrecken mögen, sind allerdings denkbar; übrigens muss die Natur 
aber mit allgemeinen Entwürfen und Gesetzen operiren, dergestalt 
dass ihr eine Abweichung von dem Schema nur aus besondern oder 
vereinzelt hinzutretenden Ursachen durch eine Art Hemmung der 
sonst statthabenden Wirkungen möglich werden kann. Sie muss 
entweder die Fortpflanzung aufheben oder ihr Schema, welches mit 
Nothwendigkeit alle Individuen dazu treibt, bestehen lassen. Ein 
Drittes ist nicht möglich, und diese Gebundenheit der Natur an die 
Systematik, die in der unumgänglichen Herrschaft des Allgemeinen 
und des durchgängig Gesetzlichen liegt, verbietet jede weitergreifende 
Construction, die einen Widerspruch oder Verfassungsfehler enthielte. 
Ein solcher Fehler würde aber jener Traummensch sein, der seine 
Gattung fortpflanzen, aber mit einem Triebe behaftet sein sollte, 
der nicht nach einem allgemeinen Gesetz treibt und keine Bürg- 
schaft der durchschnittlichen und collectiven Unwiderstehlichkeit der 
entsprechenden Functionen bietet. Ueberhaupt ist, ganz abgesehen 
von diesem besondem Fall, die Lehre von Wichtigkeit, dass die 
Natur bei der Geltendmachung von Regeln und allgemeinen Vor- 
kehrungen dazu genöthigt wird, nicht nur allerlei nutzlose Wirkun- 
gen mit in die allgemeine und schematische Thätigkeit einzuschliesseu, 
sondern auch Vielerlei positiv einzurichten, wozu nur die nun einmal 
für andere Effecte angenommene Wirkungsweise nebenbei zwingt. 
In den Pflanzen vollziehen sich der Stoffwechsel und mithin auch 



— 169 — 

die Ausscheidungen ohne Empfindung. Sobald aber bei den thieri- 
schen Wesen die Triebempfindung um ihrer selbst willen eingeführt 
ist, können auch einige Ausscheidungsfunctionen nicht ganz der Will- 
kür und der Vermittlung durch eine lästige Empfindung entzogen 
bleiben. Nun ist die letztere Art von Triebempfindungen wahrlich 
nicht danach geartet, einen Genuss zu ergeben, aber sie ist eine 
Consequenz, die als Mitgift der an Bedingungen und Hindernisse 
gebundenen Systematik der Natur gleichsam mit in den Kauf ge- 
nommen werden muss. Erinnern wir uns noch schliesslich, dass 
auch alles Peinliche oder dem Peinlichen auch nur entfernt Ver- 
wandte, was sich in die Lust der Triebe mischt, insoweit unvermeid- 
lich ist, als eine treibende Kraft, die das Wollen naturgesetzlich 
und im Allgemeinen unwiderstehlich bestimmen soll, selbst als schein- 
bar reinste und positivste Lockung etwas enthalten muss, was in 
höheren Steigerungen die Nichterreichung des Ziels unleidlich, ja 
unerträglich macht. Eine Natur, die so antriebe, dass sie im All- 
gemeinen ihre Wirkungen verfehlen könnte, wäre eine Stümperin, 
und die wirkliche Natur hat dafür gesorgt, dass keiner ihrer Trieb- 
kräfte jener unumgänglich nothwendige Reiz oder Stachel fehle, ohne 
den das ganze System für die reale Ordnung jeder Bedeutung er- 
mangeln würde. Diese Zugabe aber ist eine constitutive Nothwendig- 
keit, und wir dürfen sie daher nicht als direct, sondern nur als in- 
direct gewollt ansehen. Diese und andere Nothweudigkeiten schreiben 
nun auch der Culturentwicklung manche Bahn vor, an die sich einiger 
Zwang heftet; aber sie schliessen die systematische Fortsetzung der 
Arbeit der Natur in der Gestaltung des Reichs der Triebe nicht 
aus, sondern gestatten sogar einen so weiten Spielraum, dass die 
Jahrhunderte und Jahrtausende in ihm genug zu schaffen haben 
werden. 

7. üeber den gemeinen Trieben liegt gleichsam eine höhere Re- 
gion von Erregungen, die man Affecte, Leidenschaften oder auch 
wohl überhaupt Gemüthsbewegungen nennt. In diesem Bereich zeigt 
sich die ganze Ohnmacht der bisherigen sogenannten Psychologie. 
Nicht einmal eine der wichtigsten Eintheilungen ist zu ihrem Recht 
gelangt. Es findet sich nämlich ein durchgreifender Unterschied 
zwischen denjenigen Affectionen, die der Mensch ohne Beziehung 
auf Seinesgleichen und blos der willenlosen Natur gegenüber haben 
kann, und denen, die ein gleichartiges Wesen als Gegenstand oder 
L^rsache voraussetzen. Freude und Trauer sowie Hoffuuug und Furcht 



— 170 — 

können den Menschen als völlig isolirtes Subject mannichfaltig be- 
wegen, während Liebe und Hass, Dankbarkeit und Rache, Mitleid 
und Neid, Wohlwollen und Eifersucht offenbar Gemüthszustände 
sind, die sich auf ein wirkHches oder blos vorgestelltes gleichsam 
intersubjectiv zu nennendes Verhältniss beziehen und daher auch 
kurzweg als interhuman bezeichnet werden können. Selbstverständ- 
lich ist die menschliche Natur auch in ihrer Vereinzelung auf alle 
diese Affecte angelegt und kann von denselben nicht blos in der 
Traiunvorstellung und Erinnerung, sondern auch auf innere Reize 
hin bewegt werden, ohne dass ein anderer Mensch jedesmal that- 
sächlich die Ursache sein müsste. Dieser Sachverhalt beeinträchtigt 
aber den Werth unserer Unterscheidung so wenig, dass er ihn viel- 
melu* erhöht; denn wir können durch dieselbe um so besser die 
blossen Erdichtungen eines Willens oder gleichartiger Wesen durch- 
schauen, die man den Naturthätigkeiten in falscher Poesie unterl^, 
um sich dann gegen diese Fictionen in Liebe und Hass sowie über- 
haupt in allen Erregungsarten des menschlichen Herzens zu ergehen. 
Die Ausmerzung der persönlich doppelseitigen Affecte aus der Natur- 
auffassung ist sogar für die einst zu entwickelnde rationellere Poesie 
geltend zu machen. Auch die Dichter haben kein Recht, kindische 
Albernheiten für alle Entwicklungsstufen des Menschengeschlechts 
festzuhalten. Das Gemüth oder, mit andern Worten, die Gruppe 
der Affecte bietet auch für die wahre Auffassung Spielraum genug, 
und die schöpferische Poesie hat ihre Stärke in der Sichtbarmachung 
eines besseren Typus der Leidenschaften und mithin in der Mitarbeit 
an deren Veredlung oder Idealisiruug zu suchen. Es wird einst als 
Merkmal des Mangels an eigner naturwüchsiger Kraft gelten, die 
Aufstutzung mit den Fictionen abgestorbener Welt- und Lebens- 
vorstelluugen in der Kunst nicht entbehren zu können. Lassen wir 
es jedoch hier bei dieser Andeutung bewenden, die nur die Trag- 
weite unserer Unterscheidung erläutern sollte. 

Ein anderer Gegensatz, nämlich der zwischen Erregungen, die 
ausschliesslich in der Förderung unseres Ich aufgehen, und solchen, 
die wie das Mitleid und die aufopfernde Liebe ihren Schwerpunkt 
in einem fremden Wesen haben, ist weniger für die Bewusstseins- 
lehre an sich selbst als für die Anwendung in der Moral von Wichtig- 
keit. Bereits als antike Eiueicht an den Namen des Auniceris ge- 
knüpft, ist er in der Gegenwart von August (.'omte und mir wieder 
selbständig in den Vordergnmd gebracht worden. 



— 171 — 

Die Leidenschaften sind die Hauptquelle für Wohl und Wehe 
der Menschennatur, und die sich schon im Wort verrathende Wahr- 
heit, dass wir uns in ihnen weniger thätig als leidend verhalten, 
entscheidet über eJaien grossen Theil unseres Schicksals. Die Be- 
wegungen des Gemüths werden uns vielfach auferlegt, wie das Er- 
zittern einem Saitenspiel. Auch die Stimmungen entspringen da, 
wo sie vornehmlich von Innen stammen, meistens aus einem Gebiet, 
das unserer Herrschaft fast ebensowenig unterworfen ist, wie der 
pflanzenartige Theil unserer Lebensfanctionen. Diese verhältniss- 
mässige Ohnmacht verschuldet nun vielleicht grade jene theoretischen 
Ausschweifungen, die uns in verschiedenen Epochen der Menschheit 
belehren wollten, dass unsere Willkür völlige Meisterin der Gemüths- 
bewegungen sei. Der letzte ebenso ausgezeichnete als thörichte Ver- 
such in dieser Richtung ist von dem sonst in diesem Gebiet hoch- 
verdienten Spinoza gemacht worden. Seine Voraussetzung, dass eine 
genaue Kenntniss des Wesens der Leidenschaften die Gewalt über 
dieselben verschaffe, ist nicht nur metaphysisch umnebelt, sondern 
auch in ihren verständlichen Theilen völUg vei-fehlt. Auch die Natur- 
gesetze der Leidenschaften lassen sich zutreffend nur unter Berück- 
sichtigung des Mehr und Minder der Affectionen vorstellen, und die 
meisten allgemeinen Schlüsse, die man rein qualitativ über die Me- 
chanik der Affecte versucht hat, sind entweder unzulässig oder vor- 
eihg, indem ihnen stillschweigende Quantitätsvoraussetzungen zu 
Grunde liegen, die in ihrer Wesentlichkeit hätten erkannt und aus- 
gesprochen werden müssen. 

Steht einmal die allgemeine Gesetzmässigkeit aller Vorgänge bis 
zu den Gedanken hinauf in allen Stufen des Seins fest, so hat die 
besondere Bemühung um die Nachweisuug der Naturgesetzlichkeit 
des Spiels der Leidenschaften nur noch ein Detailinteresse. Indem 
wir daher davon ausgehen, dass die Gegenregung auf eine Reizung 
mit der rein mechanischen Rückwirkung auf eine Einwirkung die 
Unverbrüchlichkeit des an gegebene Bedingungen geknüpften Er- 
folges gemeinhat, bekümmern wir uns weiter nicht um die üblichen 
unwissenschaftlichen Einwürfe, sondern wenden uns einer Lehre zu, 
mit der wir glauben, noch einen bedeutenderen Schritt über die 
alten Vorurtheile hinauszuthun und auch in einigem Maass die Ge- 
staltungsgründe der künftigen Schicksale der Gesellschaft zu erreichen. 
Die Nebelhaffcigkeiten einer weder tief noch scharf angelegten Moral 
haben es verschuldet, dass namentlich die Plattheiten der Schule 



— 172 — 

ohne Widerspruch eine Menge von Affecten als reine Schlechtigkeiten 
zu brandmarken vermochten. Rache, Neid und Eifersucht sind als 
Dinge angesehen worden, die nicht im Entferntesten ein Recht zur 
Existenz hätten und nur zu den Uebelständen der menschlichen 
Natur gehörten, die man wohl gar auf Rechnung einer verworfenen 
Sündhaftigkeit setzen sollte. Aber nicht nur die neuere Zeit sondern 
auch das in der naturalistischen Denkweise weniger gehemmte Alter- 
thum hat sich nicht zu der Idee zu erheben vermocht, dass in der 
Oekouomie der Natur alle Leidenschaften auf nützliche Verrichtungen 
angelegt sind und im Haushalt der Gesellschaft ihre Rollen zu spielen 
haben. So ist der von mir aufgestellten Lehre zufolge die Rache 
die naturwüchsig rohe, aber auch in alle feinem Organisationen ein- 
gegangene Hüterin der Gerechtigkeit, durch welche die verübten 
Verletzungen nicht nur signalisirt sondern auch verfolgt werden. 

8. Der Nachweis wichtiger Verrichtungen für bisher einseitig 
verworfene und als hässlich in Missachtung gebrachte Erregungen 
schliesst nicht aus, dass sich überhaupt in der menschlichen Natur 
verwerfliche und zur Vernichtung bestimmte Gemüthsbestandtheile 
finden. Viele Thiercharaktere mit der ihnen entsprechenden Gestal- 
tung der Begierden und Affecte stehen in Widerspruch mit dem 
höheren Typus eines veredelten Wesens. Blutdurst und Mordgier, 
die offenbar im thierischen Reich vielfach nicht blos im Literesse 
der Ernährung sondern offenbar auch als Gestalten des Selbsigenusses 
der damit verbundenen Empfindungen entwickelt und gesteigert wor- 
den sind, können sich auch im menschlichen Wesen als Mischungs- 
bestandtheile verkörpert finden, und mit ihnen ist natürlich ein un- 
eingescliräukter Vernichtungskrieg zu fuhren, der zur Ausmerzung 
der Eigenschaften und, wo diese sich von den Personen oder vielmehr 
die letztem von den (jrstern nicht trennen wollen, auch zur Unschäd- 
lichmachung der Träger solcher ungeheuerlichen Attribute führen 
muss. Ein verwandtes Beispiel ist die mit Päderastie oder andern 
geschlechtlichen Raffinements gepaarte Schlächterwollust, die ihre 
Opfer auch noch verstümmeln, zerlegen und überhaupt in ihren 
höchsten Steigerungen mit besonderer Grausamkeit morden muss, 
um die Bestandtheile zu dem niederträchtigen Gemisch von Kitzel 
zu gewinnen, der ihren ungeheuerlichen und meist verlebten Trägem 
allein noch zusagt. Diese scheusslichen Gebilde der Corraption kön- 
nen natürlich kein Recht geltend machen, in der Oekonomie der 
Natur auch nur als Gifte einen Platz zu behalten. Sie sind in dem 



— 173 — 

Spiel der Naturgesetze den Missgeburten zu vergleichen, und ihre 
Thaten rauben ihnen das Recht auf Existenz. Wo ähnliche Miss- 
gebilde auch nur in schwacher Annäherung vorhanden sind, müssen 
wir die irrende Natur verbessern; aber es wäre eine Thorheit, vor- 
auszusetzen, dass die Natur im Grundgerüst der wichtigsten Leiden- 
schaften, wie in der Rache, dem Neide und der Eifersucht völlig 
fehlgegrifiFen und verkehrte, bedeutungslose Gefuhlsfanctionen ge- 
schaffen hätte, die noch überdies ihrem Träger peinlich sind. Der 
Stachel, den diese Affecte enthalten, spielt im Haushalt der gegen- 
seitigen Beziehungen von Mensch und Mensch, ja zum Theil schon in 
demjenigen der Thiere, eine auf die Selbsterhaltung gerichtete Rolle. 
Die Rache ist eine Rückwirkung auf wahre oder vermeintliche Ver- 
letzungen. Die geschlechtliche Eifersucht ist ein Hass gegen die mit 
der eignen Affection in Widerspruch stehende Einmischung eines 
zweiten Geschlechtsverhältnisses und drückt ebenfalls irgend eine 
wahre oder vermeinthche Verletzung besonderer Art aus. Die na- 
türlichen Bedingungen des Neides sind da gegeben, wo in Wirklich- 
keit oder einer falschen Vorstellung nach die in Anspruch genom- 
mene Gleichheit oder Verhältnissmässigkeit verletzt ist und daher 
etwas begehrt oder missgönnt wird, was der Andere besitzt, aber 
nicht besitzen sollte. Es ist also auch in der zweideutigen Regung, 
welcher der sprachbildende Verstand einen ebenfalls bisweilen ütc- 
führenden Namen gegeben und der er ungleichartige Ideen associirt 
hat, etwas von dem Triebe zur ausgleichenden Gerechtigkeit anzu- 
treffen. Die plumpe Thatsächlichkeit , mit welcher die Natur die 
Bedingungen dieser Affection in ihrer rohen Gestalt zunächst an die 
blosse Wahrnehmung der Unterschiede und des Voraushabens ge- 
knüpft hat, verschuldet es, dass der gemeine Neid in seiner Rich- 
tung auf persönliche Naturvorzüge oder mühevoll erworbene Eigen- 
schaften nicht blos regelmässig als ein elender Bursche von nieder- 
trächtiger Gesinnung auftritt, sondern es auch wirklich im tiefsten 
Grunde seiner Erzeugung ist. Hier hat der Schematismus der Natur 
keine erträglichere Einrichtung treffen können, und man muss diesen 
üebelstand um der bessern Functionen willen gelten lassen, die sich 
sonst ergeben und auch in den unwillkürlich schlimmer gestalteten 
Fällen auf Grund richtiger Einsichten oder durch Kreuzung mit an- 
dern Affecten entwickelt werden können. Ein Stück Nemesis, welches 
in den berechtigten Gestaltungen des Neides vertreten wird, ist die 
Seite, die wir sozusagen als Oekonomie der socialen, wesentlich auf 



— 174 — 

Gleichheit angelegten Natur erkennen und als nützliche Triebkraft 
vor der unterschiedslosen Verurtheilung in Schutz nehmen, üebri- 
gens mag man mit vollem Recht den gemeinen Neid auf gerecht- 
fertigte Vorzüge als das Merkmal und die Frucht einer doppelten 
Schlechtigkeit betrachten. Zu dem eignen Mangel der bessern Eigen- 
schaften und zu dem Steckenbleiben im Gemeinen gesellt sich noch 
die positive Niedertracht, welche, unfähig zur Anerkennung, zur 
Sympathie oder gar zur Verehrung, nur den Koth voraussetzt und 
sieht, in dem sie selbst heimisch ist, und daher Alles zu ihrem 
Pfiitzendaseiu hinabzuzerren und die Welt ausschliesslich mit ihrer 
Sumpfexistenz einzunehmen sucht. 

9. Die Reue ist das Beispiel einer Gemüthsbeweguug, deren 
Doppelgestaltigkeit grosse Bedeutung hat. Entweder bezieht sie sich 
auf eine Handlung, die ausschliesslich das eigne Wesen betrifft, oder 
sie erfolgt auf eine Schädigung Anderer. Im letztem Falle kann sie 
sich weit peinlicher steigern, als im erstem, weil der intersubjective 
Schmerz und die Verletzung interhumaner Beziehungen die Lebens- 
gefühle weit schlimmer angreifen, als es die Folgen des Schaltens 
mit dem eignen Ergehen jemals vermögen. Was man ausschliesslich 
gegen sich selbst gethan hat, büsst man zugleich auch selbst, und 
der ünmuth über das aus eigner Schuld Verfehlte kann hier zwar 
sehr stark werden, aber doch nicht in jene eigenthümlich quälende 
Art übergehen, die nur eine Wirkung des Bewusstseins einer Dnthat 
gegen Andere zu sein vermag. Die besondem Vorbedingungen der 
Reue in beiderlei Gestalt zu erörtern, würde hier zu weit fuhren. 
Dagegen dürfen Scham und Stolz nicht gänzlich mit Stillschweigen 
übergangen werden. Die erster e setzt ein Verhältniss von Mensch 
zu Mensch voraus, während der letztere nicht blos relativ ist, son- 
dern auch absolut in der völligen Vereinsamung mit der leblosen 
Natur als gesteigertes Selbstgefühl der Kräfte empfunden werden 
kann. Ueberhaupt sind die nur auf die Vergleichung des eignen 
Seins mit demjenigen Anderer gerichteten Affecte stets auf ihre ab- 
solute Grundlage zurückzuführen; denn dort ist erst das R«cht und 
Maass für die Selbsterhebung oder Selbstunterordnung anzutreffen. 
Die Bewunderung ist ohne den Eindruck eines gewaltigen Unter- 
schiedes und ohne die affective Hingebung an eine gleichsam erhabene 
Thatsache oder Macht nicht denkbar. Das blosse Staunen der Ueber- 
raschung, die Verwundemng oder das Befremden sind sicherlich mit 
jener besondern Form der Begeisterung, die von einem überlegenen 



— 175 — 

Gegenstaude ausgeht, uiclit zu verwechseln. Das Beispiel des Ehr- 
geizes kann uns ganz besonders lehren, wie die Leidenschaften, 
welche die Steigerung des Lebensgefühls auf die Erhebung über an- 
dere Wesen bauen und sich vorzugsweise auf den erzielten unter- 
schied stützen, ihre Kehrseite in feindlichen Affecten haben müssen. 
Die Einstimmung ist nämlich nur von der absoluten Grundlage aus 
möglich, und um diese kümmert sich die eigentliche Ambition, möge 
sie im Keinen oder Grossen hausen, so gut wie gar nicht. Ja sie 
weiss meistens kaum davon, dass die Ehre, d. h. der Beifall Anderer, 
Dur dann berechtigt ist, wenn auch nach absolutem Maasse und ab- 
gesehen von aller Relativität und Differenz etwas Gutes als Gegen- 
stand der Schätzung zu Grunde liegt, üebrigens ist der Affect als 
Thorheitsgebilde trotz aller seiner gewaltigen Realität zu verwerfen, 
und die im Neide enthaltene Nemesis folgt ihm alsdaun mit Recht 
auf jedem Schritte und glücklicherweise nicht als blosser Sc];iatten 
nach. Wenn das Streben auf etwas Heilsames oder an sich selbst 
Vorzügliches gerichtet ist und hiebei, ohne die blosse Erzielung eines 
günstigen Unterschiedes gegen Andere zum Beweggrund zu haben, 
ganz von selbst eine vor andern hervorragende Gestalt erzeugt, so 
ist dies nicht mehr jener oberflächliche und gemeine Ehrgeiz, son- 
dern die Bethätigung einer direct auf den werthvollen Gegenstand 
gerichteten Leidenschaft, bei welcher die Rücksicht auf echte und 
begründete Ehre immerhin eine Rolle zweiter Ordnung, aber nie die 
Hauptrolle spielen darf. Da die Gefühle zwischen Mensch und Mensch 
die höhere Gattung sind, so kann auch in allen Dingen der Hinblick 
auf das Urtheil der Menschen ein edles Motiv sein; aber es muss 
sich alsdann um jenen naturgesetzlichen und ausserdem wahren Bei- 
fall handeln, der selbst auf einer richtigen Würdigung der persön- 
lichen Eigenschaften oder des sachlich Geschehenen beruht. Nun 
wird aber eine solche Würdigung meist schon zuvor die Sache des- 
jenigen sein, der sich auf eine nachträglich rühmenswerthe Bestre- 
bung einlässt, und er wird daher vom eignen Urtheil abhängig sein. 
In der That ist alles tiefgegründete und nicht blos abgeleitete Stre- 
ben keine Wirkung einer Rechnung mit den Chancen der Ehre imd 
mithin keines Ehrgeizes im engern und gewöhnlicHen Sinne dieser 
Leidenschaft. ♦ 

Die Mannichfaltigkeit der Gemüthsbewegungen lässt sich nicht 
so einfach ordnen, wie diejenige der niedriger belegenen Triebe. Im 
Gebiet der letzteren hatten wir die Ernährung und Vervielfältigung, 



— 176 — 

also in einem gewissen Sinne das ausschliessliche Eigenleben auf der 
einen und das Gattungsleben auf der andern Seite zu leitenden Ge- 
sichtspunkten. Auch bei den Leidenschaften konnten wir einen ähn- 
lichen Unterschied machen, der jedoch keine Verzweigungen von 
derselben leichten Anschaulichkeit lieferte. Dennoch kann es fiir 
das tiefere Verständniss nicht zweifelhaft bleiben, dass die Gemüths- 
bewegungen Grundgestalten des hohem Lebensgefuhls sind und keine 
andere Function haben, als den Werth der Lebensbeziehungen zum 
Ausdruck zu bringen. Es ist schwierig, die natürlichen Ausgangs- 
punkte und Grundgestalten dieser höheren Erregungen völlig sicht- 
bar zu machen, weil ihre Specialformen, wie namentlich unsere 
letzten Beispiele zeigten, künstlich mit den Lebenslagen und gesell- 
schaftlichen Verhältnissen verwachsen sind. So denkt man bei dem 
Ehrgeiz nicht sofort an die Trennung und Ausscheidung der ihm zu 
Grunde liegenden natürlichen Affectbestandtheile, sondern nimmt ihn, 
wie er sich unmittelbar giebt. Hiemit entfernt man sich aber bereits 
von dem Boden des Einfachen in den Anlagen der Menschennatur. 
Man darf sich daher nicht wundern, wenn die Hauptäste, in die sich 
das Lebensgefiihl spaltet, nicht auf den ersten Blick erkennbar wer- 
den. Mit der blossen Unterscheidung des Bejahens und Verneinens 
ist nicht viel gethan ; denn sie ist schon für die allgemeine Empfin- 
dung, die auch noch nicht entfernt das besondere Wesen der Leiden- 
schaft deckt, ein ziemlich leerer Gesichtspunkt, dem gegenüber der 
Antagonismus der Kräfte bereits ungleich mehr sagt. Förderung 
und Verletzung, unmittelbar auf die menschlichen Bedürfnisse be- 
zogen, sind dagegen viel vollere Vorstellungen, und wenn man mit 
Rücksicht auf dieselben wiederum das Eigenleben und das Gattungs- 
leben unterscheidet, so gewinnt man eine Art Stammbaum für die 
vereinzelten oder gepaart aufzufassenden Affecte. Die der Selbst- 
erhaltung dienstbaren Rückwirkungen beziehen sich stets auf wahre 
oder vermeintliche Verletzungen; die positiv gearteten Regungen 
drücken aber einen Ueberschuss von wohlthätigen Einwirkungen 
aus, der über die blosse Erhaltung der Unverletztheit des Wesens 
hinausreicht. In den verschiedenen Gestalten der Begeisterung gipfelt 
die Positivität 'der Gemüthsbewegungen , und das höchste Lebens- 
gefiihl, welches eine Mannichfaltigkeit von Gentüthserhebungen und 
entsprechenden Affectformen unter der Vorherrschaft einer bestimmten 
Richtung in eine Einheit zusammenfasst , ist auch nichts weiter als 
ein natürlicher und universeller Aflfect. Dem ganzen Sein gegenüber 



— 177 — 

ist nun freilicli die falsche Poesie des persönlich doppelseitigen Affects 
abzulegen; dies schliesst aber nicht aus, dass ohne die Einmischung 
einer Personification der Natur erhebende und niederdrückende Ge- 
müthsbewegungen statthaben. Der universelle Affect kann sich in 
seinen rohen Formen optimistisch und pessimistisch spalten; in Wahr- 
heit und durch umfassendere Einsicht bestimmt, kann er jedoch nur 
das Gepräge der Ausgleichung und Befriedigung an sich tragen. Er 
kann nichts Anderes sein, als die sich erhaltende Einheit in einer, 
mit einem theilweisen Gleichgewicht verbundenen Bewegung der 
Gemüthsverfassung. Auch er hat eine gegenständliche Bedeutung; 
denn er nimmt das Wesen der Welt in sich auf und hängt in seiner 
Harmonie von der allseitigen Erkenntniss ab. Für seine haltbare 
Gestaltung und Gewöhnung wird mehr Einsicht und Wissenschaft 
erfordert, als für diejenige irgend einer besondern Leidenschaft. 

Die vorangehende Wüi'digung einer universellen Gestaltung des 
Systems der Leidenschaften zu emer Auffassungsform der Welt und 
des Lebens bestätigt sich, wenn wir bedenken, dass die Gemüths- 
bewegungen von der Natur als nächster unmittelbarster Ausdruck 
des thierischen und menschlichen Lebensinhalts geschaffen und schliess- 
lich zu einem alles Wohl und Wehe in sich aufaehmenden höchsten 
Empfinden aller Daseinsbeziehungen gesteigert worden sind. Dieses 
Empfinden wird nun durch die geringere oder grössere Tragweite 
der Einsicht mehr oder minder und ausserdem je nach Wahrheit 
und Lrthum mannichfaltig in einer auf die Dauer haltbaren oder 
unhaltbaren Richtung angeregt, und hiemit erwächst die Nothwendig- 
keit, die Einwirkungen der gesammten, sei es unmittelbaren oder 
erworbenen Yerstandeseinsicht auf die einzelnen Leidenschaften oder 
auf das ganze Gemüth in Anschlag zu bringen. Die Affecte ent- 
springen nicht aus dem Verstände und ergeben ihr animales Spiel 
auch bei einer geringen Dosis von rein thierischer Erkenntniss ; aber 
sie gelangen zu ihren höchsten Functionen erst durch die richtende 
Kraft jener hohen Intelligenz, welche ihrer ursprünglichen Blindheit 
und ihrem Streit mit der Klarheit einer freien Ordnung zu Hülfe 
kommt und so ihre naturwüchsige Unzulänglichkeit zu heilsamen 
Schöpfungen vollendet. 



Du h ring, Curgus der Philosophie. 12 



— 178 — 

IDrittes Oapitel- 

Verstand und Vernunft. 

Das Vermögen der rationellen Einsicht wird am besten Vei-stand 
genannt, während die Bethätigung des Verstandes in Handlungen 
gewöhnlich Vernunft heisst. Hienach sind nicht zwei Arten der In- 
telligenz, sondern wesentlich nur eine einzige Einsichtsform anzu- 
nehmen. Das Erkennen der Gründe und das Handeln nach Gründen 
bilden zusammen die Gesammtäusserung unserer höheren Einsicht. 
Im Theoretischen noch eine besondere Vernunft annehmen, die vom 
Verstände unterschieden wäre, ist unzulässig. Empfindung und Sinne 
bilden gleichsam den Unterbau des Verstandes, während Triebe und 
Leidenschaften den Gegenstand and Inhalt für die Vernunft d. h. für 
die Anwendung des Verstandes auf das Praktische abgeben. Die 
Vernunft entspringt aus jener Freiheit, die in der Fähigkeit der 
Selbstbestimmung durch bewusste Vorstellungen enthalten ist. Die 
Capacität zu Vorstellungen, die im Bewusstsein verglichen werden 
können, ist die Vorbedingung zu jedem Grad von Verstandeseinwir- 
kung auf die Handlungen. In der Vernunft ein Vermögen zu Schlüs- 
sen, zu Schlussreihen und zu abschliessenden Zusammenfassungen 
der Gedankenbestandtheile sehen wollen, ist ein ganz müssiges Unter- 
fangen; denn warum sollen die einmahge und die wiederholte Ver- 
standesthätigkeit auf eine Gedankenmacht verschiedener Qualität 
zurückgeführt werden, oder warum soll die vollständige und ab- 
schliessende Einsicht, welche die Kette der Elemente durchläuft, in 
der erzeugenden Function anders geartet sein, als die partielle? Es 
ist schädliche Scholastik, derartige Unterscheidungen, die weder für 
die Geistesfanctionen nachweisbar, noch für die gegenständlichen und 
als Ergebnisse wahrnehmbaren theoretischen Bethätigungen einen 
zutreffenden Sinn haben, zu pflegen und dabei noch den Anspruch 
zu machen, etwas über das Wesen unserer Geisteskräfte festzustellen. 
Weder die bisherige Untersuchung des Gehirns noch die unmittel- 
bare Prüfung des Bewusstseins ergiebt irgend eine Sonderung, die 
uns zu einer vom Verstände unterschiedenen Vernunft als einer be- 
sondem Function des theoretischen Erkennens zu verhelfen vermöchte. 
Wohl aber können wir in den Antrieben aller Art die Wurzeln eines 
praktischen Verständnisses und Verstandesgebrauchs antreffen, dem 
wir mit Fug und Recht den besondern Namen Vernunft beilegen 



— 179 — 

mögen. Die Vernunft könnte hienach sogar als die durch den Ver- 
stand erzeugte Einheit der Triebe und Leidenschaften angesehen 
werden, so dass sie die Einigung des mannichfaltigen Strebens zu 
einem nach bewussten Gründen bestimmten Wollen wäre. 

Prüft man die gewöhnlichen Rechenschaften über die Verrich- 
tungen unserer Einsichtsthätigkeit, so findet man, dass nur wenig 
gesagt wird, was über die Fingerzeige des Sprachgebrauchs der ein- 
schlagenden Wörter hiuausreichte. Ja die üebereinstimmung mit 
den Ueberlieferungen der sprachlich fixirten Vorstellungsverbindungen 
ist noch ein günstiger Fall ; denn häufig haben die Abwege der Ver- 
schulung zu den launenhaftesten Aufstellungen willkürHcher Verzwickt- 
heiten geführt. Man hat alle Ursache, in diesem Gebiet bescheiden 
zu sein; denn an sich selbst kann man den Verstand in dem Rahmen 
des Bewusstseins kaum sichtbar machen, und mittelbar in seinen 
gegenständlichen Aeusserungen kann man zwar die Gattungen seiner 
Ergebnisse sondern, aber hiemit noch nicht seine ursprüngHche 
Functionsgliederung biosiegen. Um Letzteres zu können, reicht es 
nicht hin, das innere Bewusstsein zu befragen, sondern man muss 
die körperlich sichtbare Organisation des Organs zum Führer nehmen 
können. Nun geben aber Anatomie und Physiologie des Gehirns 
bis jetzt einen sehr unzulänghchen Führer ab. Das einzige Erheb- 
liche, was sie in dieser Richtung geleistet haben, ist die Flourenssche 
Nachweisung, dass ohne die grossen Hemisphären keine anschauliche 
Vorstellung und mithin auch keine willkürliche Selbstbestimmung 
nach Motiven vollzogen werden kann. So werthvoU diese Erkennt- 
niss nun auch ist, so hefert sie doch keine Speciahsirung^der Ver- 
standesthätigkeit. Sie gewährt nur die Ueberzeugung, wie das Vor- 
stellungsvermögen hinter der Stirn sein Werkzeug hat und ohne 
diese Gehirntheile, welche bei dem Menschen die obere, den ganzen 
Vorderkopf einnehmende Masse formiren, nicht von Statten geht. 
Dies ist nicht viel, aber doch, wie wir nachher sehen werden, genug, 
um wenigstens von der psychologischen Freiheit einen richtigen Be- 
griff zu gewinnen. 

2. Der Verstand erkennt das Einerlei und die Veränderungen; 
er bezieht sich mithin auf Gattungen und Ursachen, die jedoch beide 
in einem einheitlichen Grunde ihren Halt haben. Die Gattung in 
den Dingen ist nichts als ein Beharrliches oder eine Regel der Com- 
position der Gebilde. Hiemit weist sie aber auf eine ursächliche 
Gestaltungskraft hin, welche in der Mannichfaltigkeit der Gebilde 

12* 



— 180 — 

die Theile nach einem Gesetz zusammenhält. Das Wesen der Gat- 
tung ist also auch ein Gesetz, wie man sich ja mit grösster Klar- 
heit an den selbstgebildeten Gattungen geometrischer Gestalten an- 
schaulich machen kann. Wenn nun die Gattung nur die gleichzeitige 
Sichtbarkeit und Nebenordnung des eine Mannichfaltigkeit beherr- 
schenden Gesetzes ist, so wird das Wesen des Verstandes, nämlich 
seine letzte und tiefgreifendste Function, überall und durchgängig 
im Erkennen der Gründe oder, mit andern Worten, in der Wahr- 
nehmung des Zusammenhangs bestehen. Die Art der Verknüpfung 
der Wirklichkeitsbestandtheile wird in seinen niedrigen wie in seinen 
hohen Bethätigungen der entscheidende Gegenstand bleiben. Die 
Zurüstung der Sinne und Antriebe wird zu dieser Verrichtung bereits 
eine erhebliche Vorbereitung liefern; denn über das Allgemeine wird 
schon durch die sinnliche Auffassung und durch die triebförmige 
Bestimmung eine vorgängige Entscheidung getroffen. Die Phantasie, 
die schon im blossen Aufnehmen der Bilder eine gestaltende Thätig- 
keit aus sich selbst übt, wird vollends in ihrem freien und absicht- 
lichen Spiel zu einer construirenden Macht, von welcher das allge- 
meine Gepräge der Erscheinungen nach Maassgabe der wirklichen 
Eindrücke und Zusammenhänge entworfen wird. Sie findet sich von 
den Antrieben beherrscht, und die Gewohnheit d. h. die beharrliche 
Wiederkehr der einmal oder öfter fixirten Ansätze zum Vorstellen 
nach Maassgabe irgend einer Periodicität spielt auch in der Imagi- 
nation eine bedeutende Rolle. 

Das Gedächtniss, welches gewöhnlich nur beschrieben, aber 
nicht in seiner Allgemeinheit erkannt wird, ist nichts als der 
Inbegriff der zur Wiedererzeugung hinreichend fixirten Vorstel- 
Inngen. Es sind nicht die Ideen, Bilder oder Begriffe selbst, son- 
dern die Fertigkeiten und Materialien, die zu ihrer Wiederhervor- 
bringung dienen, was erworben und bei der Erinnerung zu wei- 
terem Gebrauch für die construirende Phantasie verfugbar wird. 
Wie man sich die Fähigkeit zu besondem Bewegungen der GHeder 
aneignet, so gelangt man auch zu den Fertigkeiten der Vorstellungs- 
organe. Es sind also nicht die Ideen selbst, sondern nur die Fähig- 
keiten zu ihrer Bildung in uns mehr oder minder fixirt. Eine Vor- 
stellung als solche ist stets nur mit ihrer jedesmaUgen Erzeugung 
im Bewusstsein vorhanden, so dass Alles, was in den Rahmen des 
Bewusstseins wahrnehmbar eintreten soll, durch innere oder äussere 
Reize gleichsam erst erweckt und in der neuen eigentlichen Bewusst- 



— 181 — 

seinsform sogar erst geschaffen werden muss. Die ursprünglichen 
allgemeinen Anlagen znr entsprechenden Bewegung müssen daher 
in den Yorstellungsorganen vorhanden sein, ehe die äusseren Reize 
das Bewusstsein ins Leben rufen und durch einmalige oder wieder- 
holte Erregungen den Erwerb der Begriffe oder die Uebungen und 
Gewohnheiten begründen, auf denen unsere unwillkürlichen Erinne- 
rungen und Vorwegnahmen des Geschehens beruhen. 

Die sogenannte Vergesellschaftung der Vorstellungen bezieht sich 
auf Bewusstseinselemente aller Art und wurzelt selbstverständlich in 
jenem Bereich, aus welchem heraus die Bewusstseinsgebilde bei den 
einzelnen Gelegenheiten erst erzeugt werden müssen. In der That 
ist die Ideenassociation bei Thier und Mensch die Grundlage und 
hiemit die erste Stufe des Verstandes selbst. Die äusserlichen Typen 
der Verknüpfung, um die man sich im Gebiet der zufälligen und 
unwillkürlichen Gesellung und Gruppirung der Gedanken am meisten 
gekümmert hat, sind von geringerer Bedeutung, als die tieferen Ur- 
sachen und letzten Gesetze des ganzen Spieles. Man hat die Aehn- 
lichkeiten und Contraste als Verknüpfangsgründe hingestellt; man 
hat auch den Zusammenhang der vorbildlichen Wirklichkeiten als 
maassgebend für die Verbindung ihrer Vorstellungsbilder anerkannt; 
aber man hat sich durch das Blinde und Wüste, was die sich selbst über- 
lassene Ideenassociation in Vergleichung mit einem völlig geordneten 
Gedankengange aufweist, zu einer Verkenuung der unverbrüchlichen 
Herrschaft der Naturgesetze und zwar besonders zur Uebersehung 
derjenigen Gesetze verleiten lassen, welche trotz aller verhältniss- 
mässigen Verworrenheit dennoch auf Zucht und Regel hinarbeiten. 
Die Vorstellungsgeselluug vollzieht sich in einem Rahmen, in wel- 
chem die Grund Verfassung aller Phantasie, nämlich eine räumliche 
Grappirung, eine zeitliche Abfolge, die gegenseitige Anziehung des 
Gleichartigen sowie die Unterordnung unter einen Trieb oder Affect 
maassgebend ist. Indem der Zusammenhang der Vorstellungen durch 
die Verbindung der Wirklichkeitsreize der äussern oder innern Natur 
bestimmt wird, vollzieht sich grade in der gleichsam geselligen Grup- 
pirung der verwandten Gedankenkeime eine Annäherung an die that- 
sächliche und logische Systematik. Auch diejenigen Verknüpfungen, 
welche einen völlig äusserlichen Zusammenhang wirklicher Eindrücke 
für die Wiederhervorbringung festhalten, schliessen Wahrheit ein, 
wie sie der Erinnerung nicht verloren gehen darf, wenn überhaupt 
noch das Einzelne Gegenstand der Erkenntniss bleiben soll. Ein 



— 182 — 

Wissen aber und ein Verstand, die nur auf das Allgemeine gingen, 
könnten weder praktisch noch theoretisch für vollständig oder brauch- 
bar gelten. Wehren wir uns daher nicht gegen die Anerkennung 
der Fundamente, die in der aniraalen, zugleich unwillkürhchen und 
willkürlichen Yorstellungsgesellung anzutreffen sind, aus Rücksichten 
einer falschen Yomehmheit. Ohne dieses Piedestal würde der Ver- 
stand keinen Boden unter den Füssen haben. 

3. Es ist leicht, den Verstand nach seinen Ergebnissen zu be- 
messen; aber diese Bestimmungsart, welche uns z. B. ein mathema- 
tisches Denken oder eine Fähigkeit zur Vollziehung der logischen 
Operationen liefert, belehrt uns nur über gewisse Grundgestalten der 
Ausübung der allgemeinsten Verstandeskräfte, jedoch nicht über das 
volle Wesen der Sache in ihrer ganzen Reichhaltigkeit. Der Ver- 
stand bethätigt sich in und mit den Sinnen sowie in und mit den 
Trieben und Affecten. Er ist weit davon entfernt, sich mit blos 
abstracten Thätigkeiten, also etwa mit der Orientirung im Räume 
und in der Zeit nach Maassgabe regelnder Grundbegriffe zu er- 
schöpfen. Wir brauchen nur an den Traum, in welchem der Ver- 
stand nicht gänzlich abwesend ist, mit einiger Ueberlegung zu den- 
ken, um einzusehen, dass es auf die Art und den Umfang ankommt, 
in welchem die leitenden und ordnenden Begriffe zur Bethätigung 
gelangen. Mit der blossen Möglichkeit, eine ursächliche Beziehung 
vorzustellen, ist das Verständniss noch keineswegs gesichert; denn 
an dem Denken ursächlicher Beziehungen und sogar an einem theil- 
weise geordneten Zusammenhang braucht es auch im Traume nicht 
zu fehlen. Nicht blos die spielende sondern auch die construirende 
Thätigkeit der Phantasie ist den Zuständen des Träumens und 
Wachens geraeinsam, und es fehlt im Traume nur an der Unter- 
scheidung des durch innere Reize Hervorgebrachten von einer Vor- 
stellungswelt, die nur auf äussere Reize hin entstehen kann. Bei 
der Hallucination ist diese Unterscheidung ausfuhrbar; denn jene ist 
nichts Anderes als ein Traumbild, welches sich in den übrigens wachen 
Zustand einmischt. Es heisst also noch verstandesmässig verfahren, 
wenn man die Hallucination d. h. das sich in seiner Vereinzelung 
gleichsam gespenstisch ausnehmende blosse Gehimbild inmitten der 
regelrechten Vorstellungen als rein subjective Projection erkennt. 
Die ekstatischen Zustände schliessen den Verstand auch nicht völlig 
aus, und die Fieberphantasien können als Steigerungen eines allge- 
meinen Phantasierausches angesc^hcn werden, wie er sich in geringem 



— 183 — 

Graden und mannichfaltigen Gestaltungen in übrigens regelrechte 
Zustände des Denkens und Vorstellens einmischt. Die Phantastik 
einer falschen Poesie oder eines irregehenden Enthusiasmus mag den 
Verstand in einer einseitigen Richtung beherrschen, hebt ihn aber 
nicht auf. Die geistigen Berauschungen, namenthch die Ausschwei- 
fungen in der ursprünglichen oder nachbildenden Erzeugung und 
Wiederholung von Affecten, beeinträchtigen ebenfalls das regelrechte 
Spiel der Y erstandeskräfte , lähmen aber doch noch weit mehr die 
natürlichen Gemüthsf ähigkeiten , als dass sie die Wurzeln des Den- 
kens selbst berührten. Sogar die Trunkenheit im eigentlichen Sinne 
des Worts lässt in einigen ihrer Stadien noch immer einen ziem- 
lichen Spielraum für die gehörige Ordnung der Vorstellungen und 
für die üeberlegung offen. 

Auch der Wahnsinn löst uns das Räthsel des Verstandes nicht; 
denn er ist nur ein theilweiser Gegensatz zu ihm. Erst der eigent- 
liche Blödsinn spricht deutlich; denn er lehrt uns die Abstumpfung 
oder den Mangel der Unterscheidungskräfte kennen. Die Abwesen- 
heit des Inbegriffs der unterscheidenden Fähigkeiten ist daher das 
Merkmal der eigentlichen Verstandesschwäche. Im Wahnsinn sind 
es dagegen oft nur die falschen Vor Stellungsmaterialien, welche den 
übrigens richtig fungirenden Verstand in irgend einer Beziehung 
fehlgreifen lassen. Viel Wahnwitz ist oft genug mit viel Verstand 
gemischt, und wie sogar für die gemeineren Angelegenheiten des 
Lebens das Irrenhaus keineswegs eine zuverlässige Scheidelinie zwi- 
schen gesundem und gestörtem Verhalten bildet, so ist dies noch 
viel weniger für die poetischen, philosophischen und wissenschaft- 
lichen Geistesbethätigungen der Fall. Hier kann sich die krankhafte 
Gesfcörtheit ungenirter als im gemeinen Geschäftsleben ergehen, und 
bisweilen gelingt es ihr sogar, sich mit dem Heiligenschein des Ge- 
nies zu verherrüchen. Die Möglichkeit dieser letzteren Vorgänge 
beruht auf dem Schutz, den die Vorzüglichkeit in irgend einer Rich- 
tung auch dem Verkehrten und offenbar Wahnsinnigen dadurch ver- 
schafft, dass sie dasselbe theils beschattet theils für die Menge un- 
glaublich macht. Der Unerfahrene sieht alsdann über die ärgsten 
Thorheiten absichtlich hinweg und glaubt in ihnen nur nebensäch- 
liche Sonderbarkeiten oder wenigstens nur misslungene Mitergebnisse 
der dem hohen Fluge nun einmal anhaftenden Ueberschwenghch- 
keiten vor sich zu haben. 

Das Wesen des Wahnsinns könnte uns über das Wesen des 



- 184 — 

Verstandes auch dann nicht viel Aufschluss geben, wenn jenes selbst 
besser ergründet wäre, als es wirklich ist. Man kann allerdings da- 
von ausgehen, dass schon der gelinde Wahnsinn in seinen gering- 
fügigsten Spuren eine Unterbrechung der Stetigkeit im Fluss der 
Vorstellungen und in deren gegenseitigem Verkehr verräth. Die so- 
genannten fixen Ideen beginnen mit jeder solchen Verrückung der 
Aufmerksamkeit, die dauernd ein freies Ablenken ausschliesst und 
so dem Bewusstsein einen Zwang auferlegt. Im übrigens gesundesten 
Zustande sind die Ideen, die sich ausschliesslich geltend machen, 
nicht weichen und gleichsam fest werden wollen, bereits bedenkliche 
Anzeichen und können sich in eigentliche Wahnfixirungen verwan- 
deln. Die allseitige Freiheit in dem Spiel der Kräfte ist auch hier 
das Grundgesetz der Gesundheit. Keine erhebhche Gleichgewichts- 
störung des Bewusstseinsinhalts darf den Charakter der Beharrlichkeit 
annehmen, sondern muss durch Bewegungen in anderer Richtung 
abgelöst werden, wenn nicht eine unzuträgliche Stauung und viel- 
leicht gar nach und nach eine bedrohliche Fixirung eintreten soll. 
Der freie Fluss der Ideen, welcher der Willensrichtung ohne Schwie- 
rigkeit folgt, ist in der That das Merkmal eines normal thätigen 
Verstandes. 

Die Phantasie ist jene grosse Macht, durch die wir so viel ver- 
mögen, aber auch in entsprechendem Maasse irren. Ihre freie Ge- 
staltungskraft kann mit den Wirklichkeiten der Natur mehr als blos 
Schritt halten. Die wirklichen Gebilde und die ideellen Entwürfe 
entstammen einer und derselben Macht, so dass die Phantasiethätig- 
keit zugleich eine Parallele und eine Fortsetzung der schaffenden 
Natur wird. Das souveraine Wesen, welches die untern Stufen der 
Natur zum Fussgestell hat und in sich alle Arten der Wirklichkeit 
vereinigt, setzt mit seiner Phantasie auch mehr oder minder Ver- 
stand ins Spiel. Die verhältnissmässige Losgebundenheit der Ima- 
gination, deren Deutsche Bezeichnung als Einbildungskraft fiir den 
Geist der Urheber dieses schielenden Wortgebrauchs nicht schmeichel- 
haft ist und selbst wenig Phantasie verräth, — diese imaginative 
Freiheit, die in allen bedingungsweise vorstellbaren Möglichkeiten 
zu schweifen vermag, liefert den Spielraum für ein umfassendes Reich 
von Wahrheit und Irrthum. Die Neutralität wird hier am meisten 
durch die Triebe und Leidenschaften aufgehoben, welche in der Rich- 
timg ihrer Erregungen diejenigen Möglichkeiten oder Wahrscheinlich- 
keiten am meisten nahe bringen, welche dem jedesmal vorherrschen- 



— 185 — 

den Affect eine verstandesmässige Ausstattung gewähren. Furcht 
und Hoffnung sowie Hass und Liebe lenken die Phantasie in ihrem 
Dienst, und der Verstand, der auf eben diese Phantasie als auf sein 
Werkzeug und auf die von ihr beschafften Materialien als Rohstoffe 
hingewiesen ist, wird in seinen Ergebnissen Einseitigkeiten und 
Combinationsfehler zeigen müssen, von denen er sich allerdings im 
Allgemeinen, wenn auch nicht jedesmal in dem besondem Fall, durch 
nachträgliche Veranschlagung der Affectwirkungen befreien kann. 
Ungeachtet dieses theilweisen Widerstreits zwischen Verstand und 
Phantasie darf man aber nicht vergessen, dass grade die Phantasie 
ein unentbehrliches und überdies schöpferisches Organ des Verstandes 
bleibt. Die schematischen Entwürfe zu einfachen räumlichen und 
zeitlichen Gebilden beruhen auf der Verbindung der verstandes- 
mässigen Regel mit der Durchmessung der phantasiemässigen Mög- 
lichkeiten. Aehnlich verhält sich nun die Geistesthätigkeit in allen 
Gebieten, und so wird es klar, dass ohne die theils nachbildende 
theils frei entwerfende Imagination kein ürtheil und kein Schluss 
über die Beziehungen thatsächlicher oder möglicher Gebilde gewon- 
nen werden könnte. Die Ausschweifungen der Phantasie sind daher 
eine begreifliche Mitgift der in ihr verwirklichten Freiheit. Auch 
für den Verstand ist durch kein anderes Mittel die Entbindung von 
der Pflege einer beengten Thatsächlichkeit und die Befähigung zu 
bedeutenden Vorwegnahmen eines zukünftigen Geschehens möglich. 
Die Natur componirt die Elemente, die Phantasie thut dasselbe mit 
den elementaren Ideen und zugehörigen Functionen. Die Zeugungs- 
fahigkeit des Verstandes würde nie zur Frucht gelangen, wenn sie 
nicht ihre Kräfte im Schoosse der Phantasie bethätigen könnte. 

4. Das Vorstellungsspiel oder überhaupt die Bewusstseinsthätig- 
keit ist im Verhältniss zu allen bewusstlosen Wirkungen etwas Freies. 
Vergleichen wir die Vorgänge im Zustande des tiefsten Schlafs oder 
einer das Bewusstsein völHg verdunkelnden Ohnmacht mit derjenigen 
Thätigkeitsart , die im wachen und regelrechten Zustande durch die 
Bewusstseinselemente vermittelt wird, so sehen wir ohne Weiteres 
die Kluft zwischen der rein mechanischen oder bewusstlos physiolo- 
gischen Wirksamkeit der Reize und den Handlungen unseres die 
Beziehungen der Aussen weit spiegelnden Vorstellungsvermögens. 
Hiemit erkennen wir auch zugleich den Sinn der sogenannten psy- 
chologischen Freiheit, die in der That nichts weiter ist, als die Em- 
pfänglichkeit für Bewusstseinsmotive oder, mit andern Worten, die 



— 186 — 

Bestimmbarkeit durch Gründe d. h. durch vorgestellte Ursachen. 
Wenn Flourens seinen Tauben die obem Schichten der grossen He- 
misphären des Gehirns abgetragen hatte, so war hiemit die durch 
das Yorstellungsvermögen vermittelte Bestimmbarkeit und zugleich 
das freiwilHge Spiel der bewussten Selbstbestimmung ausgeschlossen. 
Das Leben gestaltete sich fast pflanzenartig, und nur die unmittel- 
baren Rückwirkungen auf Reize, wie die Flügelbewegung bei dem 
Werfen in die Luft oder die Flüssigkeitseinnahme bei dem Eintauchen 
des Schnabels, bekundeten noch die niedern Stufen der animalen 
Regsamkeiten. Die Erhaltung eines solchen Lebenszustandes durch 
Wochen beweist die verhältnissmässige Unabhängigkeit der leben- 
digen Mechanik von der Vermittlung durch Ideen und von der 
Unterstützung durch bewusste und mithin eigentliche Willensthätigkeit. 
Von einem bewusstlosen Wollen kann man nur vergleichungsweise 
oder bildlich reden, und grade hier, wo wir die selbständige und in 
diesem Sinne freie Erhebung des Vorstellungsbereichs über den nie- 
dern Stufen der sonstigen Naturgesetzlichkeit ins Auge fassen, dürfen 
wir das vorstellungsmässige Wollen nicht mit jedem beliebigen Stre- 
ben zusammenfallen lassen. 

Das Wort Wille hat häufig zu einer falschen Verdinglichung 
verleitet. In Wahrheit giebt es nur ein Wollen, und dieses ist ein 
Erzeugniss der Zusammensetzung der antreibenden Kräfte des in den 
Trieben und Leidenschaften enthaltenen Strebens mit den verstandes- 
mässigen Richtungsbestimmmigen. Die Rolle des Bewusstseins ist 
für das eigentliche Wollen entscheidend; denn je mehr die verstandes- 
mässige Orienfciruug und richtende oder hemmende Einwirkung zurück- 
tritt, um so weniger findet sich die Grenze des unwillkürlichen und 
dunkeln Waltens der lebendigen Mechanik überschritten. Die Ver- 
nunft besteht daher recht eigentlich in dieser Combination der all- 
gemeinem, durch Verstandesvorstellungen erweiterten Beweggründe 
mit denjenigen Antrieben, die uns unwillkürlich erregen. Wie sich 
nun aber die doppelseitige Ursächlichkeit in der g^enseitigen Ein- 
wirkung von Verstandesantrieben und unmittelbaren Triebbestimmun- 
gen zu irgend einem Ergebniss entscheide, lehrt die besondere Er- 
fahnmg. Im Allgemeinen lässt sich nur soviel behaupten, dass die 
Natur keine triebförmige Bestimmung ohne die Macht gelassen hat, 
sich der Regel nach durchzusetzen, und dass der Vernimft die Rolle 
zugefallen ist, sich trotz der Unterwerfung unter jene Noth wendig- 
keit in der besondem Anordnung und Anbequemung der Triebthätig- 



— 187 — 

keiten zu Gunsten der höheren Verstandeseinsicht geltend zu maclien. 
Die Stärke der Erregungen wird auch in den meisten besondem 
Fällen darüber entscheiden, ob eine verstandesmässige Hemmung 
durch eine allgemeinere Vorstellung wirksam eingreifen werde oder 
nicht. Dem quälenden Hunger wird durch eine Menge von Gründen, 
die einem geringem Grade des Triebes gegenüber eine Ausschreitung 
verhindern würden, nun nicht mehr die Waage gehalten, und sogar 
der cPTÖsste Abscheu vor einem kannibalischen Verhalten wird unter 

o 

der Allmacht jenes grausamen Stachels überwunden. Selbst die Vor- 
stellung des nahen und gewissen Todes würde hier die Macht des 
Augenblicks nicht aufwiegen, und es giebt keinen Grad der Furcht, 
der im Allgemeinen solchen Naturkräften gewachsen wäre. Es soll 
hiemit die moralische Kraft edler Gesinnung nicht geleugnet werden ; 
aber der hochgesinnte Mensch wird in solchen Fällen die übermäch- 
tige Natur meistens nur durch das rechtzeitig angewandte Mittel der 
Selbstvemichtung zur Ruhe bringen können. Von krankhaften Zu- 
ständen, in denen ein selbstgewähltes Verhungern eintritt, ist natür- 
hch nicht die Rede; denn in diesem Fall stellt sich der quälende 
Stachel mit der ganzen Macht seiner rohen Naturwüchsigksit gar 
nicht ein. Die Vernichtung geht unter dieser Voraussetzung vom 
Gemüth aus und vollzieht sich gleichsam stetig durch eine allseitige 
Störung der wesenthchen Lebensfunctionen. Der Ernährungsmecha- 
nismus selbst wird angegriffen, und unter dem furchtbaren Druck, 
der auf dem Gemüth lastet, versiegen allmälig auch alle Quellen des 
physiologischen Lebensspiels. 

An die Stelle aller falschen Freiheifcstheorien hat man die er- 
fahrungsmässige Beschaffenheit des Verhältnisses zu setzen, in wel- 
chem sich rationelle Einsicht auf der einen und triebförmige Bestim- 
mungen auf der andern Seite gleichsam zu einer Mittelkraft ver- 
einigen. Die Grundthatsachen dieser Art von Dynamik sind aus der 
Beobachtung zu entnehmen und für die Vorausbemessung des noch 
nicht erfolgten Geschehens auch, so gut es gehen will, im Allge- 
meinen nach Eigenschaft und Grösse zq veranschlagen. Hiedurch 
werden die albernen Einbildungen über die innere Freiheit, an denen 
Jahrtausende gezehrt und genagt haben, nicht nur gründlich weg- 
geräumt, sondern auch durch etwas Positives ersetzt, was sich für 
die praktische Einrichtung des Lebens brauchen lässt. Der thörichte 
Scheinkampf mit Antrieben, die ihre überlegene Gewalt dem Ver- 
stände doch immer wieder von Neuem beweisen, wird auf Grund 



— 188 — 

der bessern Einsicht mit einer rationellen Ausgleichung und der 
unerlässlichen Anbequemung an die Forderungen der Natur ver- 
tauscht. Die frivole Leichtfertigkeit aber, mit welcher die falsche 
Anwendung der Nothwendigkeitslehre sich über die wirklichen Mächte 
der höheren Einsicht und Gesinnung täuscht, wird ebenfalls unmög- 
lich gemacht; denn es wird erfahrungsmässig erkannt, wie das Wal- 
ten der Bewusstseinskräfte neben den im Allgemeinen heilsamen 
Schranken auch eine bedeutende positive Macht habe, auf die man 
sich berufen und der man mit moralischen Zumuthungen beikommeu 
kann. Uebrigens entspringt auch in anderer Richtung aus der Er- 
kenntniss der Macht der Affecte die grosse Lehre, dass wir häufig 
grade dadurch am edelsten handeln, dass wir uns Leidenschaften 
hingeben, in deren Bethätigung wir oft genug das Eigenleben fiir 
das Heil des allgemeineren Daseins opfern. Das Grosse, welches aus 
der Leidenschaft entspringt, ist eine übergreifende Handlung jener 
Naturmacht, der sich die nüchterne Vernunft ihrem Wesen nach so 
gern widersetzt. Sein wir also zufrieden, dass jene Ausgeburten 
einer überschwenglichen innem Willkür nichts als metaphysische 
Fabelwesen von obenein unlogischer Art sind. 

5. Die Ansichten über Verstand und Vernunft sind häufig durch 
den Hinblick auf die Sprache verwirrt worden. Wie sich Logik und 
Grammatik bis heute noch nicht gehörig auseinandergesetzt haben, 
so gilt auch das blosse Werkzeug der Gedankenmittheilung noch 
häufig genug für die Vorbedingung des Denkens selbst. Allerdings 
ist in der Sprache viel Verstand verkörpert, und die Vernunft, als 
praktische Anwendung des Verstandes, würde vereinsamt und ziem- 
lich unentwickelt geblieben sein, wenn sie ihren Verallgemeinerungen 
und Anschauungen nicht sprachliche, zur Festigung und Ueber- 
licferung des Vorgestellten und Gewollten geeignete Zeichen zu geben 
vermocht hätte. Hieraus folgt aber das völlige Gegen th eil von der 
Annahme, dass die Sprache eine wesentliche Vorbedingung des Den- 
kens an sich selbst sei. Es ist vielmehr umgekehrt das Denken eine 
unerlässliche Vorbedingung der Spracherzeugung. Der Verstand ge- 
staltet auf Grundlage der Triebe und Gemüthsbewegungen die Laute, 
die sich mit den Empfindungen und Anschauungen nach Maassgabe 
der verfügbaren Sprech Werkzeuge und der jedesmaligen Umstände 
der Auffassung verknüpfen sollen. Weiss auch Niemand, wie sich 
die anscheinend zufallige und willkürliche Bestimmtheit der Ur- 
bezeichnungen grade so und nicht anders gebildet habe, so dürfen 



— 189 — 

wir doch voraussetzen, dass die heute in der grössten Mannichfaltig- 
keit auseinandergehenden Sprachen keine geringere Gemeinschaft 
hinter sich haben, als der Typus Mensch mit seinen Racen, Natio- 
nalitäten und Stammesunterschieden. Da überdies die Sprache ihrem 
Wesen nach eine Verallgemeinerung ist und sich durch den Verkehr 
erst zu derjenigen Gleichmässigkeit entwickelt, mit welcher sich eine 
grössere Tragweite für viele, sonst in Mundart oder gar Einzel- 
gestaltung abweichende Gruppen verbindet, so hat man ein Recht 
anzunehmen, dass die ursprüngliche Beschaffenheit der Sprach Werk- 
zeuge zusammen mit den verschiedenartigen Anregungen der Um- 
gebung und unter dem Eindruck der ebenfalls noch ungebunden 
schweifenden Gemüthsantriebe, in strengster Naturgesetzlichkeit und 
ohne Dazwiscbenkuaft einer launenhaften Willkür oder überlegten 
Absichtlichkeit, die den Zuständen entsprechenden Wortgestalten er- 
zeugt habe. Das auf üebereinkunft Beruhende muss einer spätem, 
bedeutend höhern Entwicklungsstufe angehört haben ; denn diese Art 
der Fortbildung setzt schon die sprachliche Mittheilbarkeit des Ver- 
standes in einem hohen Grade voraus. Doch geht uns hier die Fern- 
haltung der voreiligen Neigungen, das unwillkürlich Schaffende vor 
der bewussten Einwirkung zu bevorzugen, nicht weiter an. Man 
wird von dieser Thorheit des Jahrhunderts ablassen, sobald man für 
das Verstandesmässige wieder selbst mehr Verständniss zur Ver- 
fügung hat. 

Wir können die strengsten Schlüsse über räumhche Verhältnisse, 
über Zahlenbeziehungen und sogar über fremde Empfindungszustände 
machen, ohne dass uns dabei irgend ein Wort dieser oder jener 
Sprache als Leitfaden behülflich zu sein brauchte. Die Blitzesschnelle, 
mit welcher der Gedanke seine Bahn durchläuft, ist nicht von den 
Erschütterungen abhängig, in denen er sich nachträglich eine laute 
Kundgebung verschafft. Auch der stummen Wortbilder bedarf man 
zum Denken nicht wesenthch, und wenn sie auch immerhin als will- 
konunene Erleichterungsmittel für einen schwerfälligen Verstand 
dienen mögen, so leisten sie doch nicht im Entferntesten das, was 
man dem geordneten Gebrauch der schriftlichen Zahlenbilder für das 
Rechnen zu verdanken hat. Wer nur an der Hand der Sprache zu 
denken vermag, hat noch nie erfahren, was abgesondertes und eigent- 
liches Denken zu bedeuten habe. Gewohnheitsmässig übersetzen sich 
uns die Gedanken wohl auch zur Unzeit in sprachliche Formen, und 
dies ist ein sicheres Zeichen, dass wir in der Anspannung und Un- 



— 190 - 

mittelbarkeit des Verständnisses nachlassen. Wir greifen alsdann zu 
einer Stütze, die nur für die Mittheilung geschaffen ist und allen- 
falls noch einen Sinn hat, wenn es sich um ein aus der Leidenschaft 
stammendes Selbstgespräch handelt. Üebrigens ist die Einmischung 
der stillen Wortvorstellungen in die mit sich selbst beschäftigte Ver- 
standesthätigkeit nur eine Belästigung, die man freilich nicht immer 
gänzlich verscheuchen wird, weil die Gewohnheiten des Verkehrs die 
fraglichen Verknüpfungen gewisser Vorstellungen mit ihrer Wort- 
einkleidung uns geläufig und gleichsam zur zweiten Natur gemacht 
haben. 

In der immittelbarsten und vertrautesten Beziehung zu den 
Wortwirkungen stehen die Gemüthsbewegungen. Das Ohr ist der 
für Furcht und andere Erschütterungen des Genlüths empfänglichste 
Botschafter. Wo unsere ünverletztheit; auf dem Spiele steht, da soll 
jenes Organ die Gefahr verkünden. Allein in dieser Rolle muss es 
oft zuviel thun, und in der That wird jeder starke und ungewöhn- 
liche Angriff, der es trifft, zu einer aufstörenden Rüttelung. Die 
Vernunft hat nun solchen Eindrücken, wie namentlich die aber- 
gläubischen Völkerphantasien zeigen, nicht nur keine Förderung, 
sondern gradezu eine Beeinträchtigung ihrer Eigenart zu verdanken. 
Die auf diese Weise erregten Affecte sind die schwache Seite der 
menschlichen Empfänglichkeit, und die Sprache, die sich an das Ohr 
wendet, verkehrt durch einen Canal, der vorzugsweise der Träger 
der die Vernunft oft genug betäubenden Eindrücke ist. Man könnte 
mithin auf nichts Thörichteres verfallen, als in der Sprache die Bild- 
nerin der Vernunft suchen zu wollen. Das Gefühlsleben, wie es sich 
in der Musik ausdrückt, schliesst noch keine verstandesmässigen 
Unterscheidungen ein. Erst die Sprache verkörpert dieselben, aber 
sie ist im Interesse ihres Hauptzwecks, nämhch der Mittheilung, aus 
Stoffen gewebt, welche die reine Gestalt des Gedankens nur zugleich 
mit dem Nebenwerk der Verhüllimg sichtbar machen. Das Zeichen 
ist nicht die Sache und das im Worte liegende Zeichen nicht einmal 
immer ein hinreichend zuverlässiger Berichterstatter von dem eigent- 
lichen Vorgang. Können wir nun aber auch die Sprache nicht als 
Grundlage von Verstand und Vernunft betrachten, so ist in ihr doch 
jedenfalls viel an Verstand und Unverstand niedergelegt, und die Ver- 
breitung von Verständniss und Missverständniss der Dinge und Men- 
schen ist ihr ganz und gar zuzuschreiben. Ueberdies erkennen wir 
an den heutigen Sprachen die allmälige Aufliäufung einer Reihe von 



— 191 — 

Gedanken Verkörperungen, aus der sich auf die Geschichte des Be- 
wusstseins selbst Rückschlüsse machen lassen. Die Theile und Gre- 
stalten, aus denen sich unser heutiges Bewnsstsein zusammensetzt, 
haben in dieser Ausbildung und Sonderung nicht von Anfang an 
vorhanden sein können. Es ist vielmehr anzunehmen, dass nicht 
nur die Entwicklung der Sprache einen gleichlaufenden Fortschritt 
des Bewnsstseins voraussetzt, sondern dass ihr auch eine geistige 
Stufenfolge vorangegangen ist, die noch nicht zu einem erheblichen 
Mittheilungsgebilde sprachhcher Art geführt hatte. Um so wichtiger 
ist nun aber die heutige Reichhaltigkeit des geistigen Verkehrs, und 
auf dessen Vermittlung, nicht aber auf einer Ermöglichung des ver- 
einzelten Denkens, beruht die ganze, hienach also wesentlich sitt- 
liche und gesellschaftliche Bedeutung der Sprache. In der That 
wären die zerstreuten Einzelbewusstsein Wenig, wenn nicht die 
Sprache eine Gemeinschaft von Verstand und Vernunft unter Vielen 
hervorgebracht und so die collectiven Anregungen des Gemeinlebens 
vermittelt hätte. 



Vierter Abschnitt. 

Sitte, Gereclitigkeit und edlere lenschliclikeit. 



Erstes Oapitel- 
Gnindgesetze der Moral. 

Jedes der verstandesmässigen Ueberlegung fähige Wesen wird iu 
irgend einem Grade seine Handlungen nach Maassgabe seiner Er- 
fahrungen von Gut und Schlimm mit bewusster Absichtlichkeit ein- 
richten können. Seine Vorstellungen vom Schlechten und Guten 
werden sich im Sinne seiner Empfindungen, Triebe und Leiden- 
schaften bestimmen. Das dauernd Wohlthätige, wodurch seiner 
Natur im Ganzen oder in den Theilen eine Förderung widerfährt, 
wird ihm als das Gute gelten. Jede Schädigung wird von ihm als 
etwas Schlimmes und, insofern sie auf die Absicht eines andern 
Wesens zurückzuführen ist, als etwas Böses verurtheilt und bekämpft 
werden. Die Einrichtung seines eignen, als vereinzelt gedachten 
Verhaltens wird eine Art Kunst erfordern, mit welcher der Verstand 
die Handlungen nach Art und Maass zu regeln und ausserdem die 
Wiederkehr der angenommenen Verfahrungsarten durch Gewöhnung 
und Uebung zu sichern hat. Hiemit ist die Sitte des Einzelwesens 
als ein Inbegriff von grundsätzlichen Verhaltungsarten und verständig 
begründeten Gewohnheiten bereits hinreichend bezeichnet, um die 
allgemeinste Bedeutung des Wortes Moral als eines Ausdrucks für 
die zur Sitte gehörigen Angelegenheiten zu rechtfertigeu. Zugleich 
ersieht man aber auch aus dieser Rechenschaft, dass die Elemente 
der Moral einfache Entscheidungen sein und sich bei allen ausser- 
menschlichen Wesen, in denen sich ein thätiger Verstand mit der 
bewussten Ordnung von fcriebformigen Lebensregungen zu befassen 
hat, in übereinstimmender Weise, wenn auch nicht in gleicher Zu- 



— 193 — 

sammensetzuüg oder Reichhaltigkeit wiederfinden müssen. Was wir 
von der kosmischen Einheit der chemischen Verfassung und der ent- 
sprechenden Gleichartigkeit der Bewusstseinseinrichtungen auf allen 
Weltkugeln annehmen mussten, nämlich die Gemeinschaftlichkeit 
der Materialien und Functionen in einem Bau von universeller Ana- 
logie und Systematik, — das können wir auch bei der Moral nicht 
ausschliessen. Doch wird unsere Theilnahme für solche Folgenmgen 
gering bleiben, und nur der einzige Satz, dass die Vorbedingungen 
eines Sittensystems schon in der Combination von Trieb und üeber - 
legung gegeben sind, mag uns als eine werthvoUe Verallgemeinerung 
unseres Wissens von den Grundlagen der Sittlichkeit gelten. Ausser- 
dem bleibt es aber immer eine den Gesichtskreis wohlthätig erwei- 
ternde Idee, wenn wir uns vorstellen, dass auf andern Weltkörperu 
das Einzel- und das Gemeinleben von einem Schema ausgehen muss, 
welches sich zwar über die Grundlagen unserer Natur höher erheben 
oder hinter denselben zurückbleiben mag, aber nicht vermag, die 
allgemeine Grundverfassung eines verstandesmässig handelnden Wesens 
aufzuheben oder zu umgehen. 

Die Bildung von wiederkehrenden Verhaltungsarten ergiebt an 
sich selbst zwar eine Form der Lebensweise, aber noch keine eig ent- 
liche Sitte. Die Natur zeigt überall Periodicitäten des Daseins, und 
in den lebendigen Wesen, wo ja ebenfalls die Beharrung im Wechsel 
sich auf keine andere Weise als durch Wiederholungen derselben 
Thätigkeitsform bekunden kann, ergeben selbst die Gewohnheiten 
noch nicht eigentliche Sitten. Die sich wiederholende Art des 
Lebensspieles und der rein thierischen Thätigkeiten in dem unter 
dem Menschen stehenden Gebiet der Animalität, sowie die ent- 
sprechende niedere Stufe im Menschen selbst, mag immerhin gele- 
gentlich als Sitte bezeichnet werden; aber hiemit ist nichts weiter 
zugestanden, als dass der sprachliche Sinn des Wortes weiter reicht, 
als derjenige Begriff, den wir mit diesem Wort in der mensch liehen 
Sittenlehre verbinden. Auch muss mit dieser Unterscheidimg das 
rohe Vorurtheil schwinden, als wenn schon die blosse Thatsache von 
Gewohnheiten etwas Sittliches mit sich brächte. Es giebt überhaupt 
gar nichts in der Welt, was sich im Laufe des Geschehens nicht in 
irgend einer äusserhchen üebereinstimmung von wiederkehrenden 
Thatsachen bethätigen müsste. Wir können also aus dem blossen 
Dasein gewohnheitsmässiger Verhaltungsarten weder auf Sitte noch 
auf Unsitte schliessen; denn diese Thätigkeitsbekundungen können 

Dühring, Cursus der Philosophie. 13 



— 194 — 

ja einem Gebiet angehören, welches zu tief gelegen ist, um mit dem 
sittlichen Maassstab gemessen zu werden. Gehörten aber auch etwa 
die Gewohnheiten dem hohem Bereich der Sitte an, so wäre immer 
noch erst zu entscheiden, ob sie etwas sittUch Gutes oder etwas 
sittlich Schlimmes haben einwurzeln lassen. 

2. Das, was geschehen sollte, ist das Musterbild; aber die Grund- 
gesetze der Sittentheorie verlieren nicht an Wirklichkeit, weil der 
Lauf der Handlungen die Bethätigimg von Lastern und Verbrechen 
mit Nothwendigkeit einschliesst. In der That befassen wir uns in 
der Moral mit dem, was wirklich geschehen ist, geschieht und ge- 
schehen wird. Wir thun dies aber auf eine ähnliche Weise, wie 
wenn wir in der Wissenschaft danach fragen, was wirklich gedacht, 
nämlich erkannt oder misskannt worden ist. Die Gesetze des Er- 
kennens sind einheitlich; aber auch hier ist das, was vorgestellt 
werden soll, vielfach etwas Anderes als das, was in der That vor- 
gestellt wird. Das Reich des theoretischen Lrrthums ist sogar un- 
vergleichlich umfangreicher, als das der Wahrheit. Trotzdem lässt 
uns die Sicherheit strengen Wissens und die Zulänglichkeit der ge- 
meineren Erkenntuiss nicht dazu kommen, in besounenem Zustande 
an der absoluten Gültigkeit der Wissensprincipieu und ihrer hohen 
Bedeutung fi\r die Selbstbefriediguug oder die äussern Zwecke des 
menschlichen Wesens zu verzweifeln. Schon der dauernde Zweifel 
selbst ist ein krankhafter Schwächezustand und nichts als der Aus- 
druck wüster Verworrenheit, die bisweilen in dem systematisirteii 
Bewusstsein ihrer Nichtigkeit den Schein von etwas Haltung aufzu- 
treiben sucht. In den sittlichen Angelegenheiten klammert sich die 
Leugnung allgemeiner Principien an die geographischen und ge- 
schichtlichen Mannichfaltigkeiten der Sitten und Grundsätze, und 
giebt man ihr die unausweichliche Nothwendigkeit des sittlich 
Schlimmen und Bösen zu, so glaubt sie erst recht über die Aner- 
kennung der ernsthaften Geltung und thatsächlichen Wirksamkeit 
übereinstimmender moralischer Antriebe hinauszusein. Diese aus- 
höhlende Skepsis, die sich nicht etwa gegen einzelne falsche Lehreu, 
sondern gegen die menschliche Fähigkeit zur bewussten Moraliti^^ 
selbst kehrt, mündet schliessHch in ein wirkliches Nichts, ja eigen: 
lieh in etwas, was schlimmer ist, als der blosse Nihihsmus. Sie 
untergräbt das Vertrauen in die Geltung und Wirksamkeit mora- 
lischer Verbindlichkeiten; ja sie eutwurzelt den Glauben an die 
blosse Möglichkeit eigentlicher Zumuthungen und walirhafter Pflichten. 



- 195 — 

Sie schmeichelt sich, in ihrem wirren Chaos von aufgelösten sitt- 
lichen Vorstellungen leichten Kaufs herrschen und dem grundsatz- 
losen Belieben alle Thore offnen zu können. Sie täuscht sich aber 
gewaltig; denn die blosse Hinweisung auf die unvermeidlichen Schick- 
sale des Verstandes in Irrthum und Wahrheit genügt, um schon 
durch diese einzige Analogie erkennbar zu machen, wie die natur- 
gesetzliehe Fehlbarkeit die Vollbringung des Zutreffenden nicht aus- 
zuschliessen braucht. Der Verstand muss unter gewissen Umständen 
irren, wie z. B. in der ursprünglich naturnothwendigen Auffassung 
des Scheins der Sonnenbewegung als einer Wirklichkeit. Ebenso 
muss der Trieb des Menschen unter gegebenen Voraussetzungen fehl- 
greifen, wie z. B. der Hunger, wenn er, wie namentlich auch bei 
den Thieren, dadurch zur Ueberfüllung führt, dass er physiologisch 
nicht rasch genug und nicht sofort mit dem Augenblick verschwindet, 
in welchem die eingenonnnene Nahrungsmenge genügt, um in einiger 
Zeit jede stärkere Spannung im Ernährungszustande auszugleichen. 
Die Ausschweifung ist hier insoweit ein naturgesetzliches Verhäng- 
niss, als thatsächlich die innere Oekonomie der Einleitung des gleich- 
massigen Ernährungshergangs eine zu lange Zeit braucht, die Reiz- 
empfindung des Hungers verschwinden zu lassen. Auch die Gemüths- 
antriebe sind an sich selbst fehlbar, so dass man zur Ableitung 
ihrer nothwendigen Fehlgriffe sich erst in zweiter Linie um die 
eingemischten Verstandesirrthümer zu kümmern hat. So ist, um 
nur einen der wichtigsten Affecte hervorzuheben, das Rachegefühl 
zwar ein Anzeiger .der Verletzungen, aber doch nur ein rohes Mess- 
werkzeug ihrer Grösse. Reichen nun auch zunächst derartige Ur- 
theile und Schätzungen der Verhältnisse ebenso gut aus, wie die 
Beiutheilung der Wärme durch das Gefühl, so sind sie im Hinblick 
auf entwickeltere Mittel auch ebenso schlecht, und man wird die 
Fortsetzung der Naturarbeit an ihnen als die eigenthche Aufgabe 
der Cultur anzusehen haben. Die Natur ist nicht blos in Miss- 
geburten fehlbar, sondern auch in ihrer Anlage des sittlichen Me- 
chanismus. Diese Fehlbarkeit beruht, wie diejenige des Verstandes, 
auf Hindernissen, deren Ueberwiudung schematische Einrichtungen 
mit getheilten und einseitigen Functionen nöthig machte. Ein ebenso 
genaues Sehen in der Nähe wie in der Ferne ist etwas in sich Wider- 
sprechendes ; fordert man aber, dass der unmittelbare Eindruck eines 
Triebreizes oder einer spornenden Gemüthsbewegung dasselbe leisten 
soll, was die entferntere, die weniger betheihgte oder die verstandes- 

13* 



— 196 — 

massig rechnende Beurtheilung mit sich bringt, so zielt man anf 
eine ähnliche, einen realen Widerspruch einschliessende Unvereinbar- 
keit. Sein wir also zufrieden, dass die moralische Welt so gut wie 
diejenige des allgemeineren Wissens trotz Irrthümern und Fehlgriffen 
ihre bleibenden Principien und einfachen Elemente hat. Das Ver- 
brechen ist so wenig eine Instanz gegen die Wirklichkeit des mo- 
ralisch Guten, als der Irrthum ein Beweis gegen das Dasein einer 
nicht blos wahrheitsfähigen sondern auch thatsächlich zu Wahrheit 
und Wissenschaft fuhrenden Verstandeserkenntniss sein kann. 

Nach dem Vorangehenden kann es keine besondere Frage mehr 
sein, ob die moralischen Principien über der Geschichte und auch 
über den heutigen Unterschieden der Völkerbeschaffenheiten stehen. 
Diese Principien sind lauter natürliche Triebkräfte, die von vorn- 
herein wirken, und die besondern Wahrheiten, aus denen sich im 
Laufe der Entwicklung das vollere moralische Bewusstsein und so 
zu sagen das Gewissen zusammensetzt, können, soweit sie bis in 
ihre letzten Gründe erkannt sind, eine ähnliche Geltung und Trag- ^ 
weite beanspruchen, wie die Einsichten und Anwendungen der Ma- 
thematik. Echte Wahrheiten sind überhaupt nicht wandelbar und 
werden stets so gedacht, dass sie zu jeder Zeit als auf die zugehöri- 
gen Voraussetzungen anwendbar vorzustellen sind. Auch diejenigen 
Wahrheiten, die nicht eine allgemeine Beziehung, sondern das Ge- 
schehen einer vereinzelten und völlig individuellen Thatsache aus- 
drücken, bleiben es in alle Ewigkeit, so dass es überhaupt eine Thor- 
heit ist, die Richtigkeit der Erkenntniss als von der Zeit und den 
realen Veränderungen angreifbar vorzustellen. Auf diese Weise ver- 
hält es sich nun auch mit den moralischen Grundgesetzen. Die Ent- 
wicklung eines deutlichen Bewusstseins und die Hineinarbeitung in 
die Zustände bedarf allerdings langer Zeiträume ; aber diese Art Ab- 
hängigkeit von Zeit, Ort und Umständen betrifft nicht die Wahrheit 
und absolute Gültigkeit selbst, sondern nur die Kenntniss und Be- 
thätigung davon. Die positive Moral ist überdies ein Gebilde, in 
welchem sich die sittlichen Grundtriebe mit den zum Theil wandel- 
baren Voraussetzungen besonderer Zustände vereinigt und so eine 
Zusammensetzung ergeben haben, die nicht nur aufgelöst werden 
kann, sondern es mit den thatsächHchen Veränderungen auch muss. 
Hiebei ist fiir die Nothwendigkeit dieser Zersetzungen noch nicht 
einmal die positive Unsitte oder die Wirkung blos angeblicher Wahr- 
heiten in Anschlag gebracht. 



— 197 — 

3. Man kann die Moral aus dem Willen ableiten, wenn dieser 
nur als ein Wollen verstanden wird, welches sich aus der Verbindung 
von Trieben, Leidenschaften und Yerstandeseinsichten mit Noth- 
wendigkeit erzeugt. Es ergiebt sich alsdann zunächst die Mischung 
von Sitte und Unsitte, und das bessere Verhalten ist eine kritische 
Ausscheidung, zu deren Vornahme sich das mannichfaltige Streben 
durch Erfahrung oder durch eine die Wirkungen vorwegnehmende 
Beurtheilung erst in sich selbst, in den Dingen und in den Verhält- 
nissen zurechtgefunden haben muss. Sobald man aber den Willen 
in verworrener Weise oder wohl gar nicht individuell, sondern in 
nebelhafter Allgemeinheit als einen dunkeln unfassbaren Grund ein- 
führt, können die Folgerungen ebenfalls nicht klar sein, und eine 
derartig trübe Darlegung der Moral ist schlimmer als keine. Schon 
Kant hat Rousseaus ziemlich klar gefasste Vorstellung von einem 
allgemeinen Willen, der bei dem grossen Genfer ein Ergebniss der 
politischen Vergesellschaftung der Einzelwillen sein sollte, halbmystisch 
umnebelt, und die Epigonen, wie namentlich ein Hegel, sind in 
dieser Richtung mit ihrem sittlichen Willen erst recht herunter- 
gekommen. Wir haben daher Ursache, den Willen als das Product 
von zwei Factoren scharf und unzweideutig erkennbar zu machen, 
ohne irgend etwas Unbekanntes einzumischen, was nicht innerhch 
oder äusserlich festzustellen wäre. Antriebe und Einsichten aller Art 
ergeben ein bewusstes und absichtliches Streben, und hierin allein 
sehen wir den Willen. 

Die Verschiedenheit der Individualcharaktere, die auf einer un- 
gleichartigen Mischung oder Grössengestaltung der Neigungen und 
Vorstellungsanlagen beruht, ist für die Artung des Wollens und für 
den Gegensatz von Gut und Schlimm von der höchsten Bedeutung. 
Die Menge der Thiercharaktere kann uns den Sinn der mannich- 
faltigen Gemischtheit menschlicher Typen erläutern. Das boshafte 
im Gegensatz des guten Gemüths ist ein Naturverhältniss und wird 
auch von der Cultur hervorgebracht, ist aber stets so eingewurzelt, 
dass nur lange Geschlechterfolgen und Umwandlungen, die meist 
noch mit eigentlichen Mischungen verbunden sein werden, seinen 
Verderb oder seine Verbesserung zu bewerkstelligen vermögen. Nun 
beruht aber das befriedigende Wohlsein in erster Linie auf jener 
natürlichen oder zur zweiten Natur gewordenen Güte des Gemüths. 
Das Vorherrschen der positiven Gefühle, deren schöpferische, mehr 
als auf blossen Frieden gerichtete Eigenart im Verkehr die zuver- 



— 198 — 

lässigsten Verbindungen schafft, ist aucli für den einsam gedachten 
Einzelnen diejenige Charaktergestaltung, bei welcher er sich am 
meisten mit sich selbst in Uebereinstimmung finden wird. Dagegen 
kehren 'sich die boshaften Neigungen auch da, wo sie ganz ohne 
Wirkung auf Andere gedacht werden, in der Auffassung aller Dinge 
gegen ihren eignen Träger. Der letztere wird dazu genöthigt, sein 
eignes widerwärtiges Selbst und die in ihm angelegte feindselige 
Spannung zu empfinden und so die Rückwirkungen der Bosheit,, 
auch ohne dass sie sich verwirklicht, als Missgefähl eines innem 
Widerstreits gleichsam zu gemessen. Ein raubthierartiger Bestand - 
theil, wie er in menschlichen Individuen als Charakterelement häufig 
genug vorhanden ist, kann im günstigsten Falle nur dahin führen, 
dass den Trägem dieser Eigenschaft zum Theil wie derjenigen Bestie 
zu Muthe ist, welcher die betreffende Art von Raubgier von Natur 
oder durch Entwicklung der Thiersitte zukommt. Im weniger gün- 
stigen Fall, welcher innerhalb der Civilisation der vorherrschende 
sein muss, wird jedoch die mit der schlechten Gier verbundene Rück- 
wirkung als Entfremdung gegen die bessere Menschlichkeit unwill- 
kürlich gefühlt, ohne dass ein deutliches Bewusstsein oder gar eine 
bessere Absicht vorhanden zu sein brauchte. Der Gemüthszustand 
jedes Wesens hängt von der Artung, Grösse und Abstufung der in 
ihm angelegten und bethätigten Antriebe ab. Wo nun die Bestie 
als Bestandtheil im Menschen gleichsam noch wohnt, da wird im 
wilden Zustande die Selbstempfindung einfach bestienhaft, Angesichts 
einer hohem Entwicklung und Umgebung aber oft schlimmer als 
bestialisch sein. Wird aber die Kluft auch auf den hohem Stufen 
des Daseins ausnahmsweise kaum wahrgenommen, so ist dies ein 
Zeichen rückständiger Rohheit, wie sie manchen, besonders auf Raub 
angewiesenen Gesellschaftselementen allerdings mit einer gewissen 
Naivetät anhaften kann. 

Indem man die von Natur angelegte Feindschaft oder die gegen- 
theilige Positivität als Wurzel des moralischen Verhaltens bloslegt, 
dringt man in das Wesen des Guten und Bösen ungleich tiefer ein, 
als es diejenigen thun, die sich mit der Aufmerksamkeit auf die 
jedesmaligen Handlungen und Absichten oder wohl gar mit der 
blossen Veranschlagung des Verstandesan theil s begnügen. Racen und 
Stämme haben ihre besondere Gefuhlsweise, und wenn dieser letztere 
Begriff nicht völlig dunkel bleiben soll, so muss die stärkere Span- 
nung mancher Triebe, die höhere Gluth einzelner Leidenschaften 



— 199 — 

oder das Dasein und Vorherrschen bestimmter Neigungen, die un- 
beschadet des menschKchen Gattungscharakters auch fehlen könnten, 
zur näheren Rechenschaft nachgewiesen werden. Sobald man Letzteres 
vermag, hat man auch das wichtigste Element zum Verständniss der 
besondern Sittengestaltung in der Hand. Schliesslich ist es bei Ein- 
zelnen und Völkern die besondere Artung und Stärke des aus jenen 
Elementen producirten Willens, wodurch ihre Verfahrungsarten und 
Grundsätze auch in den besondern Eigenthümlichkeiten verstandes- 
mässig ableitbar werden. 

4. Echte Pflichten sind ohne die Möglichkeit ernsthafter Zu- 
muthungen und daher ohne ein eigentliches Sollen nicht denkbar. 
Das letztere ist ein Verhältniss von Wille zu Wille. Die Natur 
kann uns mit ihren Kräften mannichfaltig erregen und bestimmen, 
aber nicht verbindlich machen. Sie steht uns nicht als ein gleich- 
artiger Wille, ja überhaupt nicht als Wille gegenüber. Wir ver- 
kehren mit ihr nicht auf Du und Du, ausser wenn wir sie in aber- 
gläubischer Weise zu einer Person gemacht oder hinter ihr einen 
bewussten Willen erdichtet haben. Ein Mensch, insofern er als 
einzig oder, was dasselbe leistet, als ausser jedem Zusammenhang 
mit Andern gedacht wird, kann keine Pflichten haben. Für ihn 
giebt es kein Sollen, sondern nur ein Wollen, welches durch ver- 
schiedene, aber niemals ilim gleichartige Kräfte bestimmt wird. Das 
Wollen der höhereu Thiere ergiebt allerdings ein wenn auch un- 
gleiches so doch dem bewussten Willenseinfluss angehöriges Ver- 
hältniss; aber auch hievon haben wir in unserer Voraussetzung des 
sich der Natur gegenüberbefindenden und übrigens völlig isolirten 
Menschen abgesehen. Auch die Tendenzen, die man in der Natur- 
einrichtung und zwar auch in derjenigen des eignen Leibes auffinden 
mag, können in uns nur ein rationelles Wollen, aber nie ein Sollen 
begründen. 

Richtet sich auf einen menschlichen Willen ein zweiter mit der 
für den ersteren erkennbaren Absicht, ihn zu bestimmen, so kann 
dieses Verhältniss der Ausdruck einer blossen Gewaltzumuthung sein. 
Alsdann ist ein thatsächliches Soll, aber nicht im Entferntesten ein 
moralisch verbindliches, d. h. durchaus keine Pflicht vorhanden. Um 
ein moralisches Sollen zu erzeugen, ist eine innerlich als verbindlich 
anzuerkennende Bestimmung des eignen Willens durch einen fremden 
erforderlich. Da nun das höhere Gebiet der Moral nicht auf den 
Gesetzen des isolirten WoUens, sondern auf den Principien des durch 



— 200 - 

die Doppelheit und Gegenseitigkeit des WoUens erzeugten Sollens 
beruht, so ist die Auseinandersetzung mit den Entstehungsgründen 
aller Verbindlichkeit eine für die Sittentheorie entscheidende An- 
gelegenheit. Zwei menschliche Willen sind als solche einander völlig 
gleich, und der eine kann dem andern zunächst positiv gar nichts 
zumuthen. Aber grade hierin liegt schon eine negative Pflicht au- 
gedeutet. Abgesehen von irgend einem besondem Grunde, der nicht 
aus den beiden Willen, sondern aus einem dritten neutralen Gebiet 
stammen möchte, ist die Enthaltung von einer Zumuthung, ge- 
schweige von einem Zwang gegen den andern Willen eben die ent- 
scheidende Verbindlichkeit. Es tritt uns Jemand bereits moralisch 
zu nahe, wenn er im Allgemeinen verlangt, dass sein Wollen als 
solches mehr gelte als das unsrige. So etwas kann er niemals an- 
ders als durch innere oder äussere Gewalt durchsetzen. Die wirklich 
z ulässigen Abhängigkeiten erklären sich aber aus Gründen, die nicht 
in der Bethätigimg der beiden Willen als solcher, sondern in einem 
dritten Gebiet, also z. B. Kindern gegenüber in der Unzulänglichkeit 
ihrer Selbstbestimmung zu suchen sind. Sich gegenseitig der Ver- 
letzungen zu enthalten d. h. das Wollen des Andern dem seinigen 
als an sich gleichwerthig achten, ist hier das erste Grundgesetz der 
intersubjectiven Moral. Hiemit ist zugleich der Ausgangspunkt aller 
verstandesmässigen Gerechtigkeit bezeichnet. An sich ist der Wille 
des Einzelmenschen nicht verbunden, sich einem andern Willen zu 
unterwerfen. Hieraus folgt aber sofort, dass er auch selbst kein 
Recht haben kann, einen andern Willen unterwerfen zu wollen. Diese 
gegenseitige Enthaltung befasst Alles, was sich, abgesehen von der 
Einfährung der nicht im blossen Willen liegenden Rücksichten, über 
das moralische Sollen ausmachen lässt. Das Einzelwollen bleibt so- 
lange in seiner Grenze, bis es sich einem andern Wollen aufnöthigt. 
Alsdann beginnt mit diesem, den Typus aller Verletzungen ein- 
schliessenden Uebergrifl" ein rückwirkendes Sollen, welches sich auf 
die Beseitigung und Ausgleichung jener Fundamentalverletzung richtet. 
Indem wir unsem Ausgangspunkt von zwei gleich werthigen Willen 
nahmen, sind wir zu der wichtigen Einsicht gelangt, dass positiv 
für den Menschen nur ein Wollen und erst negativ im Hinblick auf 
wirkliche oder mögliche Verletzungen des fremden Willens ein Sollen 
existiren kann. In der That wäre es auch wunderbar, wenn eine 
bis an die Wurzeln reichende Untersuchung zu einem andern Er- 
gebniss geführt hätte. Zwischen Mensch und Mensch muss sich das 



— 201 — 

Verhältniss des Soileus in jeder Richtung gleichstellen, gleichviel ob 
man von dem Ersten zum Zweiten oder von dem Zweiten zum 
Ersten übergeht. Es ist also erst die einseitige Verletzung, welche 
einen Unterschied hervorbringen würde oder thatsächUch hervorbringt. 
Jede Verbindhchkeit ist eine Gebundenheit und, solange der Wille 
nicht über sich selbst zur Unterdrückung eines andern Willens über- 
greift, bleibt er ungebunden, und es giebt für ihn kein Sollen. Auch 
ist diese Wahrheit, wie man sieht, allein mit der Würde und Frei- 
heit des Individuallebens verträglich. 

Wir haben mit dem eben Entwickelten vorzugsweise die Grund- 
form der moralischen Gerechtigkeit gekennzeichnet. Nehmen wir 
aber an Stelle der Verletzung eine besondere Förderung an, womit 
anstatt eines Sinkens unter das Verhältniss der Gleichgültigkeit der 
beiden Willen eine Erhebung eintritt, auf welche die natürliche 
Rückwirkung ein Dankbarkeitsgefühl ist, so muss die Hinwegsetzung 
über dieses Gefühl ähnlich betrachtet werden, als wenn eine positive 
Nichtachtung des fremden Willens vorhanden wäre. Ich sage ähnlich 
und nicht gleich; denn die natürliche Pflicht der Dankbarkeit ist 
von anderer Art, als das auf die Gerechtigkeit gerichtete Sollen. 
Allerdings findet auch hier eine Verletzung statt, aber nicht eine 
solche, welche den fremden Willen in dem ihm ursprünglich eignen 
und seiner Natur nach stets zukommenden Bereich unterdrückend 
antastet. 

5. Wo die Bestie und der Mensch in einer Person gemischt 
sind, da kann man im Namen einer zweiten völlig menschlichen 
Person fragen, ob deren Handlungsweise dieselbe sein dürfe, als 
wenn sich so zu sagen nur menschliche Menschen gegenüberstehen. 
Auf die Schlechten unter den Meu sehen wies Macchiavelli hin, um 
die schhmmeu Mittel zu rechtfertigen, mit denen man ihrer natür- 
lichen Feindschaft zu begegnen habe. Wer unter einer Rotte von 
Bösewichtern, meinte er, nach sogenannten guten Grundsätzen han- 
deln wolle, müsse nothwendig zu Grunde gehen. In der That kann 
das Verhalten nicht dasselbe sein; denn zwischen dem Schlechten 
und dem Guten giebt es nothwendig Feindschaft und es besteht 
zwischen ihnen fortwährend ein unvermeidlicher Widerstreit, der 
unter Umständen die rohe Form der Gewaltübung und unter andern 
Umständen diejenige der Bethätigung von List und mittelbarer Ver- 
folgung annehmen wird. Der eigentliche Krieg ist nur eine besondere, 
sich in grossem Dimensionen bewegende Gattung der Feindschafts- 



— 202 — 

bethätigung. Im Privatleben stehen die Einzelnen einander ähnlich 
gegenüber wie die Völker. Die Schranke, die das Zwangsrecht zieht, 
kann eben nur als ein Hinderniss gelten, durch welches im Privat- 
kriege von Person zu Person die Anwendung einiger Mittel erschwert 
wird, und grade für die eigentliche Moral ist das Yerhältniss von 
Person zu Person ein ähnlich ungebundenes, wie dasjenige von Volk 
zu Volk. Auch müssen die Principien für beide Gebiete gemein- 
schaftlich sein. Es ist daher unsere Voraussetzung von zwei moralisch 
ungleichen Personen, deren eine an dem eigentlichen Bestiencharakter 
in irgend einem Sinne theilhat, die typische Grundgestalt für alle 
Verhältnisse, welche diesem Unterschiede gemäss in und zwischen 
den Menschengruppen, von der kleinsten bis zur grössten, vorkommen 
können. Denken wir uns namentlich Raubgier und Hinterhältigkeit 
in thierisch mustergültiger Weise oder gar in der Steigerung, welche 
die Culturkünste mit sich bringen, in einzelnen Menschen oder 
Menschengruppen verkörpert, so ist solchen Bestand theilen gegen- 
über das morahsche Verhalten nach Anleitung jenes einfachen Schema, 
in welchem nur zwei Personen in Frage sind, principiell am leich- 
testen festzustellen. 

Zunächst ist das fortwährende Misstrauen und eine entsprechende 
Handlungsweise dem Schlechten und mithin Feindlichen gegenüber 
eine völlig natürliche und auch eine berechtigte Wirkung der ganzen 
Lage; denn in der Raubgier liegt ja eine ebenfalls beständige Ge- 
fahr. Den Feind wirklich als Feind nehmen, ist völlig in der Ord- 
nung. Auch kommt es in der Hauptsache gar nicht darauf an, ob 
bereits verletzende Handlungen vorliegen. In der Moral ist die blosse 
Gesinnung schon hinreichend, zumal es sich hier ja nur um die 
Rechtfertigung einer zweiten rückwirkenden Gesinnung handelt, näm- 
lich des Misstrauens. Zwei Menschen, die nicht völlig isolirt und 
hiednrch einander gleichgültig bleiben, können sich nur in einem 
feindlichen oder freundlichen Verhalten gegen einander bethätigen. 
Die dritte Möglichkeit eines friedlich gleichgültigen Zustandes setzt 
eine isolirende Enthaltung von Schädigungen und Förderung' 'u 
voraus; aber man mag sie immerhin zu den friedlich freundlichem 
Beziehungen gesellen, neben denen es bekanntlich auch friedlicli 
feindliche Verhältnisse und zwar noch mehr unter den Einzelnen 
als unter -den Völkern giebt. Die Feindschaft und deren Bethäti- 
gung bringen nun keineswegs mit sich, dass die Raubgier des Einern 
durch grundsätzlich räuberisches Verhalten des Andern beantwortet 



— 203 — 

werde. Auch werden Hinterlist und Ränke nicht die entsprechenden 
Eigenschaften auf der andern Seite zu erzeugen brauchen. Macchia- 
velli dachte nicht scharf genug, als er seine Schlüsse zog. Inmitten 
einer verworfenen Räuber- und Schandbande wird man als Gefan- 
gener zu allen Mitteln greifen, welche Kraft und Klugheit an die 
Hand geben, um sich zu befreien oder das eigne Leben möglichst 
theuer zu verkaufen. Ja man wird den Feind, mit dem alle mensch- 
lichen Bande zerrissen sind, auf jede Weise vertilgen; denn hier 
handelt es sich um die Waage zwischen dem eignen Sein und dem 
Nichtsein des Feindes. Jedoch selbst dieser äusserste Fall wird in 
dem fraglichen Beispiel selbst nicht immer vorauszusetzen sein. Die 
absolute Feindschaft zwischen Mensch und Mensch, mit welcher jeder 
Rest von Rücksicht verschwinden müsste, ist eine schematische Zu- 
spitzung, für welche sich in der Wirklichkeit allerdings Beläge genug 
finden, die aber trotzdem den gewöhnlichen Mischungen der Verhält- 
nisse gegenüber den Charakter der Ausnahme beibehält. Auch haben 
wir in unserm Schema nicht eine volle Bestie, sondern nur ein Stück 
davon vorausgesetzt und können daher diejenigen Eigenschaften, die 
noch einen Rest von Rücksicht des Menschen auf den Menschen 
ausprägen, in vielerlei Abstufungen annehmen. Im Allgemeinen 
wird daher die Rückwirkung gegen das Schlechte nur eine gestei- 
gerte Strenge und eine x\nwendung der Klugheit im Sinne der 
Kriegslist sein. Es werden für eine solche Lage scharfe, ja terro- 
ristische und, je nachdem die Bindemittel menschlicher Gemeinschaft 
in grösserer oder geringerer Anzahl zerrissen sind, auch gleichsam 
strategische und andere Täuschuugsmittel zulässig werden. Dagegen 
wird die Niedertracht auf der einen Seite keine Niedertracht auf 
der Gegenseite mit sich bringen oder rechtfertigen. Die Einwendung, 
dass ausgesuchte Grausamkeit ein wirksames Abschreckungsmittel 
sei, trifft nicht zu; denn man kann den umfang einer eisernen 
Strenge soweit ausdehnen, dass nicht blos dieselbe, sondern noch 
eine stärkere Wirkung erzeugt wird, als sich die Empfehler der 
raffinirten Grausamkeit von ihren Ungeheuerlichkeiten versprechen. 
Es mag sich Einer durch ausgesuchte Unthaten in Furcht setzen; 
aber neben der sogenannten Achtung, welche in dieser Furcht liegt, 
wird sich auch eine moralische Verachtung erzeugen, die den Erfolg 
eines solchen Verhaltens mindestens schmälert. Das blosse Gesetz 
der grössten Wirksamkeit der Mittel befindet sich in keinem Wider- 
spruch mit der Moral, sobald man diese Wirkungsfähigkeit von dem 



— 204 - 

Standpunkt einer Vertretung und Selbsterhaltung des Guten beurtheilt. 
Unter besondem Umständen wird freilich der Verzicht auf die schlech- 
testen Mittel eine Schädigung oder Niederlage eintragen können; 
aber der Sieg mit jenen Mitteln würde eben für den wahren Zweck 
keiner mehr gewesen sein. 

Wir verwerfen hienach nichts weiter, als was die Natur selbst 
verwirft. Der bessere Charakter kämpft gegen die Bestie mit aller 
Energie und Klugheit; aber er lässt sich nicht selbst zur Bestie 
herabwürdigen. Die Bethätigung der Feindschaft und die in ihr 
liegende Verletzung der Gerechtigkeit fordert das anderseitige feind- 
liche Verhalten zur Vertheidigung, zum Angriff und, wenn nöthig, 
znm Vernichtungskampf heraus; aber es bringt nichts weiter mit 
sich, als dass die natürlichen Gesetze eines zwischen Mensch und 
Mensch eingetretenen Kriegszustandes ihre Consequenzen entwickeln. 
Auch für die Privatmoral giebt es ein Recht des Krieges und ein 
Recht des Friedens. Man kann daher nicht erwarten, dass sich die 
Verhältnisse im Zustande der vorherrschenden Feindschaft ebenso 
gestalten, wiegln einem System des gegenseitigen Vertrauens. 

6. Die Gegenseitigkeit des Guten, welche die Voraussetzung 
einer edleren moralischen Gestaltung des Verkehrs ist, zeigt sich 
noch mehr, als im blossen Kampf gegen Verletzungen, dann, wenn 
es sich um die positiven Bindemittel einer nicht nur auf ursprüng- 
liches Vertrauen sondern auf Vertragstreue angewiesenen Gemein- 
schaft handelt. Die Einführung von Verpflichtungen, die über die- 
jenigen der blossen Enthaltung von Verletzungen hinausreichen, 
b^niht stets auf einer besondern Willensbethätigxmg. Ohne Ueberein- 
kunft lässt sich nur das ursprünglich von Natur Bestehende oder 
die rein mechanische Folge von feindlicher Gewalt oder einseitiger, 
zui Dankbarkeit verpflichtender Wohlthat denken. Ein zweites Be- 
reich von Verhältnissen wird durch die freiwilligen gegenseitigen 
Bindungen des Willens geschaffen. Die Grundvoraussetzung besteht 
hier immer darin, dass der eine Wille nur im Hinblick auf den In- 
halt des andern Willens gebunden wird. Es ist dies ein positives 
Verhältniss, für welches aber die Natur die Richtung und die ge- 
rechten Bedingungen vorzeichnet. Tu unserm obigen Schema von 
zwei Personen ist deren planmässiges Zusammenwirken noch keines- 
wegs durch die beiderseitige Enthaltung von Verletzungen gegeben, 
sondern es bedarf hiezu der freien gegenseitigen Uebereinkuuft. Wir 
brauchen an dem Wort Uebereinkuuft keinen Anstoss zu nehmen; 



— 205 — 

denn es sind nur die Rückläufigkeiten des 19. Jahrhunderts gewesen, 
welche sich gegen die auf den Vertrag gegründeten Ableitungen der 
privaten und politischen Verbindlichkeiten positiver Art mit einer 
lahmen und jetzt nicht mehr standhaltenden Kritik gewendet haben , 
Auch wir unterscheiden allerdings; denn wir nehmen ursprüngliche 
Noth wendigkeiten an und legen ausserdem dem Conventionellen die 
Naturgrundlage unter, so dass wir dasselbe nicht als ein willkür- 
liches und zufälliges Beheben, sondern als Ergebniss von Beweg- 
gründen denken, die in der Gesetzmässigkeit des Wollens und zwar 
ebensogut im Verfehlten wie im Zutreffenden ihre Erklärung finden. 
In dem eben gekennzeichneten Gebiet echt positiver Gegen- 
seitigkeit, in welchem die Erwartung der treuen Einhaltung des 
üebemommenen für beide Theile die Vorbedingung der Möglichkeit 
eines wohlthätigen Verkehrs ist, — in diesem durch menschliche 
üebereinkunft auf der Grundlage der Natur geschaffenen Reich mo- 
ralischer Einrichtungen und Verhältnisse bedeutet die Auflösung oder 
Schwächung der Gegenseitigkeit einen mehr als blos einseitigen Ver- 
derb. Es ist nicht möglich, zuverlässige Beziehungen anzuknüpfen, 
wohlthätige Verhältnisse einzugehen und dem Einzelnen, dem man 
gegenübertritt, nach den Grundsätzen heilsamer Vergesellschaftung 
zu begegnen, wenn im Allgemeinen die moralische Corruption um- 
sichgegriffen und das egoistisch rücksichtslose und feindliche Ver- 
halten zur tonangebenden Regel gemacht hat. Alsdann wird grade 
der bessere Mensch am meisten zur moralischen Isolirung genöthigt, 
während die Schlechten durch die Gemeinsamkeit ihres Gaunerthums 
eine lockere Interessenverbindung pflegen, die jedoch immer das sehr 
begreifliche Schicksal hat, bei jeder Gelegenheit die Genossenschaften 
der Schurken mit innerm Verrath und vielfältiger Zersetzung heim- 
zusuchen. Ein System, welches auf dem Egoismus, d. h. auf der 
Hinwegsetzung über die dem Andern schuldige Rücksicht beruht, 
schliesst die Feindschaft des Menschen gegen den Menschen als Ele- 
ment ein und kann daher nie mit dem Frieden, geschweige mit dem 
wohlthätigen Zusammenwirken positiver Art verträglich sein. In 
sich selbst ist es auf den feindlichen Kampf und zwar im tiefsten 
Grunde auf Ungerechtigkeit angelegt. Die Wahrnehmung der eignen 
Interessen ist freilich an sich selbst unschuldig und gestaltet sich 
erst zur schuldigen Verletzung, wenn sie bewussterweise auf Kosten 
des Nebenmenschen, d. h. zu dessen Schädigung betrieben wird. 
Aber schon in dem sogenannten Kampf um das Dasein, wie er heute 



— 206 - 

nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch verstanden wird, ist 
der eigentliche Egoismus zum Princip gemacht, — eine Thatsache, 
in der wir nur ein Element moralischer Fäulniss und gesellschaft- 
licher Zersetzung zu erkennen vermögen. Das Reich der Selbstsucht 
ist in sich uneinig, und hierin liegt die heilsame Rache, die derartige 
Zustände in ihrem Schoosse tragen. Befriedigung ist in diesen zer- 
fallenden Gebilden schon ursprünglich verworfener Interessen für die 
Träger der Selbstsucht nicht zu finden, welche die Früchte ihres 
Kampfes ums Dasein in ihrer eignen, zum Theil gegenseitigen, zum 
Theil von den bessern Elementen ausgehenden Vernichtung ernten 
werden. Sie selbst haben ihr verworfenes Streben in einen Grund- 
satz gekleidet, der zu einem Gegengrundsatz fährt, der ein wirklich 
moralisches Recht hat und zur innem Auflösung noch eine neue 
niederschmetternde Macht hinzuschafft. Wer. mir mit dem Princip 
des Kampfes ums Dasein gegenübertritt, berechtigt mich nicht etwa 
zur Annahme seiner Ansicht, sondern zu einer tief moralisch be- 
gründeten Gegenwirkung. Wer mir sagt, er werde mich umbringen 
oder knechten, damit er wohllebe und den Herrn spiele; — wer mir 
sagt, er werde meine Nachkommenschaft im Keime unterdrücken, 
damit seine Brut um so besser gedeihe, den werde ich nicht besser 
sondern eher schlechter achten, als den gemeinen Räuber, der auch 
nichts weiter als einen wildwüchsigen Privatkampf um das Dasein 
auf eigne Faust und zugehörige Souverainetät fuhrt. Ich werde ihn 
also mit dem besten Gewissen von der Welt als ein Stück Bestie 
behandeln und die menschlichen Eigenschaften nur insoweit achten, 
als sie sich wirklich noch vorfinden und nicht von der vereinigten 
Brutalität und FrivoHtät der mit dem vermeintlich nothwendigen 
Kampf um das Dasein maskirten Selbstsucht und Niedertracht tliat- 
sächlich verschlungen werden. 

Die Zurückführung entwickelter Zustände auf die Vorherrschaft 
der thierischen Gewalt und List ist das Zeichen einer moralischen 
Auflösung, neben der jedoch eine Neubildung sich vorbereiten mag. 
Uns gehen hier jedoch nur die Gegenseitigkeitswirkungen an, mit 
denen man sich auf der schiefen Ebene der Brutalität mit beschleu- 
nigter Geschwindigkeit hinunterfordert. Thatsächlich bringt die Roh- 
heit auf der einen Seite, wenn nicht ein gleiches, so doch meist ein 
nicht geringes Maass von Verwilderung auch auf der andern Seite 
mit sich. Auch nach den edelsten Grundsätzen werden die Schlechtig- 
keiten mindestens grosse Härten zum Gegenstück haben müssen. Im 



— 207 — 

wirklichen Gange der Geschichte aber, in welchem auch auf der 
bessern Seite kein rein ideales Verhalten zur Regel zu werden pflegt, 
werden die Brutahtäten und Frivolitäten des Feindes auch das eigne 
Lager in einem gewissen Maasse degradiren. Im wüsten Völker- und 
Parteikampfe werden die ursprünglichen, die Initiative abgebenden 
Ausschweifungen der schlechtesten, selbst- und herrschsüchtigsten 
Elemente nicht nur moralische Repressalien d. h. Hemmuugs- und 
Vergeltungsmittel berechtigter Art hervorrufen, sondern auch sonst 
auf das Verhalten der Gegner ansteckend und verwildernd einwirken. 
Die Römischen Bürgerkriege sind ein classisches Beispiel, welches 
wohl nur von dem begonnenen letzten Drittel des 19. Jalirhunderts 
bereits übertroffen sein dürfte. Die neu entfaltete Kriegsbrutalität 
überhaupt und namentlich das Verfahren der Versailler gegen die 
Pariser Commune sind hier Beispiele der Einleitung eines Anfangs, 
der unsern Satz von der schiefen Ebene der Brutalität, Frivolität 
und moralischen Corruption immer umfassender bestätigen wird. Die 
bestialischen Theile der herrschenden Französischen Gesellschaft, 
gleich gross in hinterhaltiger Verlogenheit, niederträchtiger Raub- 
sucht und einer mit der feigen Grausamkeit sehr wohl verträghchen, 
an die Afrikanische Hyäne erinnernden Blutgier, haben durch den 
Massenmord und die fortgesetzten Massenverfolgungen eine Lage ge- 
schaffen, in welcher auch die menschlichsten Gegner Gefalir laufen, 
über blosse Strenge hinausgetrieben und zur Anwendung mehr als 
blos eiserner Mittel verleitet zu werden. Auf diese Weise könnte 
die edlere Moral hier und da auch auf der bessern Seite Schiffbruch 
leiden, und im Kampf mit der Bestie im Menschen könnte die Wild- 
heit mehr Gebiet gewinnen, als ihr ursprünglich anheimgefallen war. 
Die Parteien würden sich alsdann in gegenseitigen Zerfleischungen 
ergehen und in Massen von Unheil hinundherwälzen. Freilich könnte 
die Corruption auf der bessern Seite nie tiefe Wurzeln schlagen; 
denn sie wäre dort keine urwüchsige, sondern nur eine vom Feinde 
her eingeführte. Trotzdem bhebe aber ein solcher Verlauf zunächst 
eine allgemeine Herabwürdigung des moralischen Culturstandes, und 
man könnte sich ihm gegenüber nur damit trösten, dass mit den 
alten Bindemitteln zugleich auch ihre verrotteten und schädlichen 
Beimischungen aufgelöst und so der freie Raum für eine höhere 
Entwicklungsforni und eine gleichsam neuzugebärende moralische 
Welt geschaffen würde. 

7. Abgesehen von selteneren Ausnahmefällen ist da, wo sich 



— 208 — 

auch vorherrschend das Schlechte und Feindschaftsetzende findet, die 
Beimischung von irgend etwas Gutem und Gemeinschaftstiftendem 
die Regel. Mindestens bleibt ein Rest von einer, wenn auch noch 
so erniedrigten Menschennatur, auf den man sich wird berufen und 
dem man mit morahschen Anforderungen wird entgegentreten kön- 
nen. Auch im wüstesten und wildesten Kampfe mag noch, je nach 
dem vorgängigen Culturgrad oder nach der Feindschaftsursache, ein 
kleines Ueberbleibsel von dem Bewusstsein moralischer Gebundenheit 
anzutreffen sein, und nur der zur Ausrottung geführte Vertilgungs- 
krieg ist da, wo die Vernichtung nicht blos der Bestie im Menschen 
gilt, sondern grade von der triumphirenden Bestie ausgeht, auch 
eines solchen Restes ledig. Uebrigens werden wir aber in allen 
feindlichen Verhältnissen Elemente vorfinden, durch welche die 
Menschengruppen, wenn auch nur schwach und in geringem Um- 
fang, einander verbindlich bleiben und von dem Aeussersten gegen- 
seitiger ünthat zurückgehalten werden. Die Mischung des feind- 
lichen Verhaltens mit Rücksichten liegt im eigentlichen Kriege deut- 
lich vor Augen: aber sie findet sich auch überall sonst in den 
verschiedensten Richtungen. Von Natur ist der Mensch fiir den 
Menschen keineswegs in grösserem Maasse feindlich als indifferent 
oder freundlich. Der ursprünglich durch die Triebe und Leiden- 
schaften angelegte Zustand erscheint nur dann als Krieg Aller gegen 
Alle, wenn man ausschliesslich die Störungen ins Auge fasst und 
den gleichgültigen oder verbindenden Verkehr sowie die positive, 
nicht blos auf Gesammtvertheidigung gerichtete Gemeinschaftsbildung 
übersieht. Der Mensch ist für den Menschen nur insoweit ein Wolf, 
als er in der besondem Charaktermischung, die nicht der Grattuug 
als solcher wesentlich ist, das Raubthier besonders ausgeprägt ent- 
hält. Uebrigens ist er ein gutartiges Wesen; denn alle die verleimi- 
deten Triebe und Leidenschaften, die der Gattung thatsächlich und 
nothwendig zukommen, sind Einrichtungen, die den gegenseitigen 
Verkehr regeln. Sie begegneten uns schon in der Bewusstseinslehre, 
und wir haben hier noch geltend zu machen, dass der Austlmck 
schlechte Leidenschaften auf Rache, Eifersucht u. dgl. nicht passt, 
insofern diese Erregungen gradezu moralische Aufgaben zu erfüllen 
und eine Rückwirkung auf Verletzungen der Gerechtigkeit und der 
natürlichen Ansprüche zu vertreten haben. Auch die bessere, mit 
der Nemesis verwandte Art des Neides dient gegen die unberechtigten 
Verletzungen der Gleichheit, und so sind alle Affecte dieser Art 



* — 209 -> 

Regungeu der blossen Selbsterhaltung, welche vollkommen moralisch 
ist, solange sie das eigne Selbst nur gegen Verletzungen wahrt und 
nicht in das fremde Ich übergreift. Die wirklich schlechten Leiden- 
schaften sind in der Raubgier und Herrschsucht, also in derjenigen 
besondem Gestaltung falscher Triebe zu suchen, wie sie sich im 
Raubthier v^wirklicht finden. Unterdrückung und Ausbeutung des 
Menschen durch den Menschen beruhen auf jenen wirklich schlechten 
Leidenschaften. Die Rache hat noch keine Tyrannen geschaffen, wohl 
aber gestürzt. 

Wenden' wir uns von denjenigen Affecten, die eine Verletzung 
und eiuen entsprechenden Spannungszustand, also eine zwischen 
Mensch und Mensch vorhandene Störung ausdrücken, zu den wohl- 
thätigen, auf Verbindung angelegten Trieben und Erregungen, so 
fallt der falsche Pessimismus, der die menschliche Natur in der 
Wurzel für verdorben etklärt, vollends zusammen. Ohne Frage ist 
das Mitleid das grade Gegentheil einer egoistischen Regung; denn 
es hat seinen Schwerpunkt im andern Ich. Die Natur hat hier selbst, 
dafür gesorgt, dass ein fremdes Leiden* das eigne Gefühl schmerzlich 
mitbewege. Wer diesem Triebe nur folgt, um ihn loszuwerden, 
handelt allerdings rein selbstsüchtig; aber hiemit sinkt der Mensch 
unter den bessern Naturzug tief hinab. Auch die von Spinoza em- 
pfohlene Emancipatioil von der Mitleidsregung, welche letztere durch 
einen auch ohne wirkliches Mitleid in gleichem Sinne handelnden 
Verstand ersetzt werden soll, ist illusorisch und zugleich auch einiger- 
maassen roh. Dagegen wird alle überreizte, schwächliche und hand- 
lungsunfähige Gefühlsverkünstelung als falsche Sentimentalität von 
der Entwicklung und Pflege jenes edlen Naturtriebes fernzuhalten 
und dem überlegenden Verstand die Rolle des Abwägens und Ord- 
nens der Gefühlsautriebe zu wahren sein. In der ursprünglichen 
rohen Menschennatur ist das Mitleid kaum mehr und oft wohl we- 
niger als die entsprechende, auch bei Thieren «u beobachtende Regung 
unmittelbar vorhanden. Es giebt vielleicht keinen Affect, bei wel- 
chem die gehörige Cultur so sichtbare Steigerungen mit sich brächte, 
als bei der individuellen und geschichtlichen -Ausbildung der Mit- 
empfinduug für fremde Zustände des Leidens. In den gutartigsten 
Kindern ist oft äusserst wenig, ja vielfach gar nichts davon zu be- 
merken, und zwar zum Theil, weil sie selbst das ernstere Leiden 
meist nicht kenneu, zum Theil, weil auch trotz der eignen Erfahrung 
des Schmerzes die Fähigkeit und Gewöhnung fehlt, aus den Zeichen 

. DühriDg, Ciirsus der Philosophie. l'i 



— 210 — 

des fremden Leidens ein entsprechendes Gegenbild der fremden Em- 
pfindung in sich selbst vorzustellen. Weit schlimmer ist aber die 
betreffende Unentwickeltheit oder Verwilderung bei dem brutalen 
Menschen geartet, und der ärgste von allen Fällen ist derjenige der 
Abgestumpftheit, die in Folge von Ausschweifungen des Geschlechts- 
triebes gTade in der Richtung auf die Abschwächung* des Mitleids 
am auffallendsten hervortritt. Diese Ursache der Schmälerung der 
edleren Naturregungen wirkt noch xmheil voller, als die eigentlichen 
Schlächtergewohnheiten. Das uneigentliche Schlächterhandwerk, 
welches in den Schlachten seine Probestücke liefert, sowie noch 
mehr jede, neben dem regelrechten und privilegirten Kriege geübte 
Menschenschlächterei hat die Zurückdräugung oder Ertödtung des 
bessern Naturtriebes im Gefolge. Das bereits entwickelte Mitleid 
kann durch die Gewöhnung an den Anblick des Leidens abgestumpft 
und durch die Vorherrschaft wilderer, in reine Selbstsucht ausarten- 
der Triebe derartig erstickt werden, dass gewohnheitsmässig eine 
.mehr als blos rohe Denk- und Handlungsweise einwurzelt und 
schliesslich zur andern Natur wird, die sich in einer Gruppe oder 
Classe auch im eigentlichen Sinne des Worts fortpflanzt. Hiedurch 
erklären sich auch manche Charaktermisehungen, in denen die Ent- 
artung des Menschlichen mit der natürlichen Bestienhaftigkeit nicht 
etwa blos Schritt hält, sondern sie weit überholt, so dass in diesen 
Theilbereichen der Menschheit der Satz wirkHch zur Wahrheit wird, 
dass der Mensch das fürchterlichste der Ungeheuer sei. Trotz alle- 
dem würd^ es aber verkehrt sein, um der Monstrosität besonderer 
Erscheinungen willen den allgemeinen Typus der Gattung anzuklagen 
oder gar dessen edlere Ausbildung für nichts zu achten. Die Er- 
fahrung des Uebels, die allseitig aus d^r gegenseitigen Verhängung 
desselben hervorgeht, wird dann am heilsamsten , wenn die Rollen 
wechseln, und wenn der bisherige Thäter des Unrechts der Erleider 
desselben wird. So lernen die Menschen schliesslich, sich auf den 
Standpunkt des fremden Gefühls zu versetzen , und diese Fähigkeit, 
die weit über die unmittelbaren Regungen des natürlichen Mitleids 
hinausträgt, ist die Wurzel aller rücksichtsvollen Verkelirssitte. 

8. Ueber den Ursprung des Bösen mögen diejenigen unter den 
Philosophirern, welche sich als Priester zweiter Classe kennzeichnen, 
ihre Worte und sogenannten Theorien verlieren. Uns steht die That- 
sache, dass der Tjpus der Katze mit der zugehörigen Falschheit in 
einer Thierhildung vorhanden ist, mit dem Umstände auf gleicher 



— 211 — 

Linie, dass sich eine ähnliche Charaktergestaltung auch in Menschen 
vorfinder. Der Gattungscharakter Mensch ist zwar eine Allgemein- 
heit mit individueller Wirklichkeitsbedeutung, schliesst aber die Ein- 
mischuncf besonderer Elemente nicht aus. Auch die bessere Indivi- 
dualnaiur hat, eigenthümliche Züge, die als Hinzufügungen zum ge- 
meinen Gattunffscharakter betrachtet werden können. Der Mensch 
ist ein vielfach zusammengesetztes Wesen, und es wird daher die 
Mischung, Weglassung, Häufung oder Steigerung der Bestandtheile 
entscheidend. Das Böse ist daher nichts Geheimnissvolles, wenn man 
nicht etwa Lust hat, auch in deni Dasein der Katze oder überhaupt 
des ßaubthiers etwas Mystisches zu wittern. Jedenfalls dürfte sich 
hier die Mystik sehr natürlich aufklären; denn die Grundthats'achen 
werden hier durch sehr bekannte Triebe gebildet, deren Richtung 
und Gegenstände auf einer besondern Composition der Gier und des 
derselben dienstbaren Verstandes beruhen. Mit einem gleichen Recht, 
wie in die Elenaente der Triebe, könnte man auch in die chemischen 
Elemente und deren Verbindungen das wirre Dunkel vermeintlicher 
Mysterien eiuschwärzen wollen. Das Böse ist das absichtlich und 
ursprünglich Feindliche. Ein Theil desselben beruht auf einem 
blossen Mangel, nämlich auf einer zunächst naturnothwendigen Roh- 
heit des Spieles der Begierden und Gemüthserreguugen und ausser- 
dem auf dem naturwüchsigen Nichtwissen von den Innern Wirkungen 
in andern Wesen. Ein anderer Theil ist schhmmer geartet, insofern 
er auf einer ursprünglichen Einrichtung beruht, die das feindliche 
Verhalten nicht blos thatsächlich hervorbringt, sondern auch von 
vornherein, also schon vor der Entstehung des Bewusstseins , zum 
Ziele hat. Für diese feindhche Function sind die Raubthiercharaktere 
von der Natur gleichsam construirt; aber in der Thatsache eines 
solchen Gefüges von Trieben mit dem zugehörigen, auf die Ausübung 
von Gewalt und List berechneten Verstände liegt kein grösseres 
Räthsel, als in den völlig gegensätzlichen, auf Freundschaft und 
Liebe angelegten Triebgebilden. Man mag daher lieber über den 
Ursprung des Guten, anstatt' über das radicale Böse, metaphysisch 
faseln; denn hier ist dafür gesorgt, dass man bei den Inhabern eines 
schwachen oder ungeübten Verstandes weniger Unheil anrichten 
könne. Uns genügt der allgemeine Gedanke des Antagonismus, der 
durch die ganze Naturverfassung hindurchgeht und ein Lebensspiel 
mit den erforderlichen Hindernissen überhaupt erst ermöglicht, um 
uns das Dasein des ursprünglich Feindschaftlichen, welches nicht erst 

14* 



— 212 — 

eine. Rückwirkung auf fremde Verletzungen ist, als einen besondem 
Fall * der Spannung der Gebilde und gleichsam als eine Figur im 
Durchlaufen, Sondern und Ausmerzen der Möglichkeiten verständ- 
licher zu machen. Uebrigens haben wir auch die falschen Griffe, 
die der Natur als solcher erfahrungsmässig eigen sind, schon früher 
in der Bewusstseinslehre berührt, so dass uns auch in dieser Rich- 
tung eine Analogie füi* das moralisch Misslungene nicht fehlt. Die 
Nothwendigkeit der allmäligen Einschränkung und schliesslichen 
Vernichtung, welche die moralisch unhaltbaren Gebilde mit der 
vollem Entwicklung des allseitigen Lebens treffen muss, ist hier 
der entscheidende Trost. Uebrigens darf man aber auch nicht die 
schlimme Natur des Bösen in ihren Wirkungen auf das Innere an- 
derer Wesen, ja auch nicht auf die eignen Träger der bösen Eigen- 
schaften überschätzen. Schliesslich ist das Unheil, wenn auch mensch- 
lich gesteigerter, so doch in der Hauptsache nicht von durchaus 
anderer Natur, als in den entsprechenden ursprünglichen und von 
der Natur . angelegten Feindschafts- und Raubverhältnissen der Thiere. 
Indem wir ursprünglich verletzende Handlungen als Wirkungen 
der natürlichen Rohheit, Unwissenheit oder ßosheit annehmen, ge- 
langen wir zu den berechtigten Rückwirkungen, die in den mensch- 
lichen Gemüthsbewegungen und namentlich im Ressentiment ihren 
Ausdruck finden. Wir sind jedoch weit davon entfernt, die Ver- 
folgung eines einzigen typischen Princips, also etwa desjenigen der 
Rückwirkung auf ursprünglich feindhches Verhalten, für die zugleich 
sicherste und deutlichste Begründung des moralischen Urtheilens zu 
halten. Es ist weit besser, sich wie in der Mathematik an einzelnen 
axiomatischen Grundnothwendigkeiten von besonderer Gestalt zu 
Orientiren. Die absolute Gültigkeit der einfachen Grundsätze wird 
alsdann zu einer Einsicht, die ihrer Unmittelbarkeit wegen den 
Widerspruch ausschliesst. Niemand will körperlich geschädigt oder 
durch Beleidigung geistig verletzt werden. Die Gegenregung und 
Rückwirkung auf einen ursprünglichen und selbständigen Act der 
Feindseligkeit ist ein reines Naturgesetz der Moral. Wer mich be- 
lügt, will mich täuschen und verhält sich in dieser Beziehung feind- 
lich und verletzend gegen einen Theil meines Selbst. Die Lüge aus 
Nothwehr oder die sogenannte Nothlüge hat diesen direct feindlichen 
Charakter nicht. Sie ist kein Angriff, sondern nur eine Vertheidi- 
gung, und sie kann, wenn sie nicht blosse Verlegenheitslüge ist, 
also unter Voraussetzung der berechtigten Vertheidigung gegen 



— 213 — 

falsche Zumuthuugen sogar ebensogut, wie jede in Thaten bestehende 
Nothwehr, vollkommen in der Ordnung sein. Sprachgebrauch und 
unzulänglicher Formelkram sowie die zugehörigen vulgären oder auch 
gelehrt ausgeputzten Ideenassociationen sind hier ebenso schlechte 
Führer, wie in der Auslegung von Affecten nach Art des Neides. 
Ein Wort und die sich damit vergesellschaftenden Ansichten decken 
oft die ungleichartigsten Gebilde, mit deren Sonderung erst die ge- 
hörige Aussage ijber ihren Sinn und Werth gewonnen werden kann. 
Ganz im Allgemeinen gilt die Lüge als verwerflich, weil sie ohne 
weitere Voraussetzungen und rein an sich selbst für Jeden, auf den 
sie gerichtet wird, als eine feindliche Beeinträchtigung erscheinen 
muss. Aehnlich verhält es sich mit jeder Art von Täuschung und 
Betrug. Der natürliche moralische Maassstab bleibt aber hier immer 
der Grad der Feindseligkeit, der sich in Art und Umfang der be- 
wussten Verletzung bekundet. Wer noch an der universellen und 
ausnahmslosen Wahrheit der moralischen Grundgesetze zweifeln 
möchte, der mag sich überlegen, ob der absichtliche Tödtungs- 
versuch, der ohne vorgängiges Unrecht erfolgt, nicht in jedem mensch- 
lichen Bewusstsein die auf Vergeltung gerichtete Gegenregung gleich- 
sam mit mechanischer Nothwendigkeit erzeugen muss. Das ursprüng- 
Hch und ohne moralischen Grund feindliche Verhalten ruft als 
Rückwirkung eine berechtigte feindliche Gesinnung und deren Be- 
thätigung hervor. Wird uns also das ursprünglich Feindliche als 
Thatsache zugeständen, so haben wir für die moralische Selbsterhal- 
tung nicht weiter nach besondern Principien zu suchen, sondern 
erkennen in der Nothwendigkeit der Bewusstseinsregungen eine 
gleichsam logisch moralische Macht, die in allen einzelnen Gestal- 
tungen bis zur völligsten Anschaulichkeit sichtbar wird. Zu ähn- 
lichen Ergebnisseu würde ein näheres Eingehen auf diejenigen Gegen- 
regungen führen, die nicht die Ausgleichung von Störungen, sondern 
den Ausdruck von Förderuugen zur Function haben. 

9. Die Gegenseitigkeit, in der Moral erstreckt sich, wenn auch 
nur in mittelbarer und untergeordneter Weise, auch auf das, was 
in erster 'Linie ausschliesslich dem isolirten Einzelverhalten anheim- 
fällt. . Auf diese Weise können Gnindsätze, die zunächst nur mein 
eignes persönliches Schicksal betrefiPen , in iliren entfernteren Wir- 
kungen, auch abgesehen von jeder unmittelbaren und eigentlichen 
Verletzung, andere Menschen in Mitleidenschaft versetzen. Hieraus 
ergiebt sich eine etwas weitere Erstreckung der Rücksichten, als sie 



— 214 — 

sonst geboten wäre. Es entsteht gleichsam auf Umwegen eine Art 
von Pflichten, deren Yerbindlichkeitsgrad jedoch weit geringer ist, 
als derjenige der unmittelbaren, theils auf Störungen^ theils auf ein 
positives Band der Treue bezüglichen Gebundenheiten. Die Förde- 
rung der eignen Gesundheit ist in dieser entfernteren Weise auch 
eine Pflicht "gegen Andere, nämlich insoweit Ansteckung im weitesten 
Sinne des Worts in Frage kommt. Niemand wird jedoch die weite 
Kluft zwischen den unmittelbaren und den weither abgeleiteten und 
darum auch weit schwächeren Pflichtbeziehungen- verkennen. Es 
wäre sogar lächerlich, das als eine Zumuthung aus der Gegensei tior- 
keit geltend zu machen, was der Emzelne aus seinem eignen näch- 
sten Interesse für sein persönliches Wohl zu »thun hat. Wer sich 
über den eignen Nutzen hinwegsetzt, wird die verblassenden Wir- 
kungen, die ihm ganz entfernt in der Mitleidenschaft Anderer vor- 
gestellt werden können, sicherlich noch weniger beachten. Nur in 
dem Ausnahmefall einer grossen aufopfernden Gesinnung könnte 
scheinbar das Gegentheil eintreten; aber alsdann wäre die Vernach- 
lässigung des Eigenlebens auch gar nicht der gemeine moralische 
Fehler, den wir vorher voraussetzten. 

Die Ordnung des Einzellebens ist eine Kunst, deren Grundsätze 
sich sehr einfach gestalten, und die zum grössten Theil von der 
höheren, d. h. intersubjectiven Moral abgesondert und als Regeln 
für die Pflege der edleren Menschlichkeit behandelt werden können. 
Die Vermeidung der theils naturwüchsigen theils willkürlich erzeugten 
Ausschweifungen, von den gemeinsten Trieben bis zu den affectiven 
und poetischen Erregungen hinauf, ergiebt die Nothweudigkeit von 
üebung und Gewöhnung, aber wahrlich keine Ascese oder sonstige 
Selbstpeinigung, die ja nichts als eben selbst eine entgegengesetzte 
Art der Ausschweifung ist. Neben den Einschränkungen, welche 
darum in der gemeinen Moral eine so grosse Rolle spielen, weil sie 
in der That die erste rohe und in dieser Eigenschaft wichtigste 
Grundlage für alles Uebrige bilden, müssen nun aber auch die Aus- 
dehnungen der Lebrusenergien das höhere Ziel bilden. Die Fähig- 
keiten zum Lebensgenuss müssen gepflegt, harmonisch entwick(4t 
und nach Kräften gesteigert werden. Die Schichtung und gleichsam 
das Stufensystem der Triebe, Leidenschaften und Erkeuntuissthätig- 
keiten erfordert die sorgfältigste Fürsorge; denn jedes niedriger ge- 
legene Gebiet wird durch Befriedigung in Ruhe versetzt, so dass 
die annähenide BedürfnisslosiefA'eit das Aufst^eigen zu and^rartigen 



— 215 — 

und höheren Energien verlangt, wenn nicht Trägheit oder etwas 
Schlimmeres, nämlich ein Haschen nach unnatürlich künstlicher Stei- 
gerung des niederen Lebensgenusses eintreten soll. Die Arbeit im 
echten Sinne des Worts, d. h. die Ueberwindung von natürlichen 
Hindernissen der Lebenszwecke, bildet schon physiologisch ein Gegen- 
gewicht gegen das blosse Geniessen und ist sogar ein Bedürfiiiss, 
um des Kräftespiels innezuwerden und das Gefühl der Lebensenergie 
zu steigern. Erst an dem Widerstände empfinden und erproben sich 
die Functionen und Energien, von dem rein mechanischen Muskel- 
spiel an bis empor zu den höchsten Bethätigungen der Charakter- 
kraft und des Verstandes. Das Princip der Thätigkeit wird aber 
gewöhnlich dadurch gefälscht, dass man die Arbeit von vornherein 
als eine widerwärtige Last auffasst, gegen welche die menschliche 
Natur ursprünglich und stets Abscheu hege. Obwohl nun dies von 
der thatsächlichen Arbeit in ihrer bisherigen weltgeschichtlichen 
Gestaltung in bedeutendem Umfang wirklich gilt, so ist doch ganz 
anders zu urtheilen, wenn man die bessere und naturgemäss berech- 
tigte Gestalt zu Grunde legt. Einer solchen normalen Bethätigung 
der Kräfte gegenüber könnte man fast schon jede eigentliche An- 
strengung, insofern sie Ueberspannung ist, als eine Ausschweifung 
im Kraftgebrauch ansehen. In der That können diese Ausschwei- 
fungen im Kraftgebrauch, wo sie nicht durch fremden Zwang auf- 
erlegt sind, als ähnliche Missgriffe der Natm' angesehen werden, wie 
die Ausschreitungen im Genüsse. Das zu erreichende Ziel, nämlich 
die Frucht, welche nach der Ueberwindung des Widerstandes zu 
pflücken ist, wirkt als Trieb oder gar als Stachel und verleitet zu 
einer unmässigen Anspa^pnung der Maschinerie des eignen Leibes 
und Geistes. Der fremde Zwang kann auch die Gefetalt einer durch 
die Natur verhängten Noth haben; indessen ist die Artung der Ur- 
sache für den Charakter der Thatsache, also für die Bedeutung der 
Ausschreitung, nicht entscheidend. Die Vorstellung von einer Arbeit, 
bei welcher die Kräfte gleichsam innerhalb ihrer Elasticitätsgrenze 
bleiben, und die Empfindung, anstatt peinlich zu werden, vielmehr 
das Selbstgefühl der Lebensfanctionen bereichert, — ein solches 
Ideal von echt naturgemässer und menschlicher Arbeit dürfte wohl 
unbedenklich als nothwendiger und wohlthätiger Bestg-ndtheil all^s 
vollkommneren Lebensgenusses gelten können. Li dieser Eigenschaft 
dient die Arbeit auch unmittelbar und rein subjectiv zur Veredlung 
des Daseins. Die Lang<tweile ist nichts als eine Stauung der Kräfte 



— 216 — 

durch Abwesenheit wahrhaft interessirender Bedürfnisse. Die üu- 
fahigkeit zum Geuuss und der Mangel an Gelegenheit, ernsthafte 
Reize zur Thätigkeit anzutreffen, erklärt hier Alles. Langeweile ist 
mitten in einer Fluth von Beschäftigungen, ja sogar Angesichts 
einseitiger Anstrengungen und schwerer Arbeit möglich und zwar 
aus dem einfachen Grunde, weil es nicht der Reiz eines wahrhaften 
Bedürfnisses und das Bewusstsein fruchtbarer Wirksamkeit ist, was 
dieses widerwillige Spiel der Kräfte begleitet. Um den Menschen 
moralisch zu erheben, muss man ihn lehren, freiwillig die Stufen- 
leiter der Thätigkeiten nach Maassgabe des Fortschritts von den 
niedem zu den höhern Bedürfnissen und Genussarten emporzusteigen; 
denn für das Zurückbleiben auf einer Sprosse, von der aus bereits 
alles Zugängliche überschaut und ergriffen ist, hat die Natur die* 
Strafe der trägen Versumpfung und Fäulniss und des diese Zustände 
begleitenden Missbehageus verhängt. 

10. Die Beziehungen von Wille zu Wille ergeben unmittelbar 
die gegenseitige Enthaltung von Verletzungen und führen überdies. 
zur freiwilligen Schaffang von besondern Verbindlichkeiten im Wege 
der L-ebereinkuuft. Da nun der Wille als solcher dem fremden 
Willen nur eine allgemeine und gleiche Achtung, also nicht das 
Geringste zumuthen kann, was er nicht auch selbst leisten müsste, 
so werden die specielleren Entscheidungen aus einem Sachverhalt zu 
entnehmen sein, der sich den beiden Willen als etwas Drittes und 
Neutrales , aber dennoch als. maassgebend unterlegen lässt. Dieser 
Sachverhalt wird die besondere Lage und die Beurtheiluug derselben 
durch den Verstand sein. Man wird sich auf die moralische Zweck- 
mässigkeit 'berufen, d. h. die Art erörtern,, auf welche Jeder der ne- 
gativen oder positiven Gegenseitigkeit, um die es sich handelt, am 
treusten entspricht. Der Mangel an Einsicht und die erworbenen 
Miss Vorstellungen werden hier mit dtn ursprünglich falschen Rich- 
tungen der Naturantriebe oder Culturverzerruugen die Haupthinder- 
nisse einer Verständigung im Wollen bilden. Handelt der Eine nach 
Wahrheit und Wissenschaft, der Andere aber nach irgend einem 
Aberglauben oder Vorurtheil, so ist üebereinstimmung nur zufällig, 
uud es müssen der Regel nach gegenseitige Sj;öruugen eintreten. 
Die Entscheidung solcher moralischer Conflicte auf dem Wege echter 
Verständigung, nämlich durch schliessliche Aufklärung des irrenden 
Theils, wird selbst dann nur selten gelingen, wenn kein ursprüng- 
liches Uebelwollen im Spiele ist. Für die menschlichen Gesammt- 



— 217 — 

gruppeu ist zu einer solchen, durch die Erkenntuiss zu vermitteln- 
den Ausgleichung, noch eher als dem Einzelnen gegenüber einige 
Aussicht vorhanden; indessen wird bei einem gewissen Grad von 
Ünfähiorkeit , Rohheit oder böser Charaktertendenz in allen Fällen 
ein Zusammeustoss erfolgen müssen. Die Verletzung kann schon in 
dem unberechtigten Widerstände des unwissenden oder sonst fehl- 
greifenden Theils gegen das an sich zulässige Verhalten des andern 
Theils liegen, der alsdann ein Recht haben wird, sich auch gegen 
den Willen des andern freie Bahn zu schaffen. Es sind nicht blos 
Kinder und Wahnsinnige, denen gegenüber die Gewalt das letzte 
Mittel ist. Die Artung ganzer Naturgruppen und Culturclassen von 
Menschen kann die Unterwerfung ihres durch seine • Verkehrtheit 
• feindlichen WoUens im Sinne der Zurückfiihrung desselben auf die 
gemeinschaftlichen Bindemittel zur unausweichlichen Nothwendigkeit 
machen. Der fremde Wille wird auch hier noch als gleichberechtigt 
erachtet ; aber durch die Verkehrtheit seiner verletzenden und feind- 
lichen Bethätigung hat er eine Ausgleichung herausgefordert, und 
wenn er Gewalt erleidet, so erntet er nur die Rückwirkungen seiner 
eignen Ungerechtigkeit. Den Feind, der uns schwer geschädigt hat, 
werden wir nicht nur zu strafen, sondern auch für künftig ungeföhr- 
lich zu machen suchen. Für Letzteres wird es aber sogar oft eine 
milde Form sein, wenn blos Bürgschaften für die Sicherheit gefordert 
werden, die Macht zu schaden eingeschränkt, von sonstiger Schwä- 
chung oder gar Vernichtung dagegen Abstand genommen wird. 
Mau wähne jedoch nicht, dass aus einem solchen Gedankengange 
die Einrichtung der Sklaverei oder auch nur eine freiheitsfeindliche 
Politik folgen könnte. Dies wäre ein arges Missverständniss des 
ursprünglichen Zwecks, der nur die Eindämmung und nachhaltige 
Hemmung der ungerechten Verletzungen zum Gegenstande hat. 
Allerdings kann sich und muss sich sogar unter Umständen zu 
jeder noch so berechtigten Rückwirkung die Ausschweifung gesellen; 
aber diese vorläufige üebersehreitung des Ziels findet im weitern 
und namentlich im geschichtlichen Verlauf der moralischen Dinge 
schliesslich ihre Abhülfe. 

Es ist fa^t selbstverständlich, dass nur der Einzelne der Träger 
moralischer Verantwortlichkeit sein kann. Hinter der Gruppe darf 
sich das doch allein bewusste und daher auch allein zurechnungs- 
fähige Individuum nicht verstecken oder sich mit einem andern 
Willen decken wollen. Die blind anerkannte Autorität hebt alle 



— 218 — 

selbständige Moralität auf. Das blosse Werkzeug, welches seinen 
Willen veräussert . hat , ist eine entmenschte Maschine, die, da sie 
selbst in der Hauptsache nicht zurechnungsfähig sein will, auch 
sonst keinen Anspruch mehr hat, als Träger eines freien Willens 
geachtet zu werden. Ein solches Werkzeug werde ich gleich jedem 
andern Dinge zerschmettern, wo es mir schädigend und verletzend 
in meine Bahn gestossen wird. In einer weniger schroffen Art tritt 
die Verschleierung der natürlichen individuellen Verantwortlichkeit 
durch die geheimen und hiemit anonymen Collectivurtheile und Col- 
lectivhandluugen von Collegien oder sonstigen Behördeneinrichtungen 
hervor, die den persönlichen Antheil eines jeden Mitglieds maskiren. 
In dieser Richtung fehlt noch viel daran, dass die Ursachen der 
Demoralisation, die in der Unterdrückung oder Schwächung der 
Einzelverantwortlichkeit liegen, aus allen Richtungen des morahschen 
Gemeinlebens verschwinden. 

Wir gründen die Verantwortlichkeit auf die Freiheit, die uns 
jedoch nichts weiter bedeutet, als die Empfänglichkeit für bewusste 
Beweggrunde nach Maassgabe des natürlichen und erworbenen Ver- 
standes. Alle solche Beweggründe wirken trotz der Wahrnehmung 
des mögiichea Gegensatzes in den Handlungen mit unausweichlicher 
Naturgesetzmässigkeit ; aber grade auf diese unumgängliche Nöthi- 
g*ung zählen wir, indem wir die moraliscben Hebel ansetzen. Stände 
die sogenannte Willkür nicht selbst unter Naturgesetzen, was übri- 
gens an sich gar nicht anders denkbar ist, so würde der geeignete 
Gegenstand zur moralischen Einwirkung fehlen, und alle ideellen 
Vorkehrungen würden unzuverlässig sein. Wie nun aber in dieser 
Freiheit die moralische Verantwortlichkeit ihren Grund hat, so findet 
sie darin auch ihre Schranke. Wo thatsächlich eine übermächtige 
Gewalt den Widerwilligen zwingt, da kann die blosse Privatmorai, 
die sich an den aus dem^Zusammenhang gleichsam hinausgedachten 
Einzelnen wendet, nichts Erhebliches ausrichten, imd die Personnn 
können nur für die allgemeine Duldung der moralisch schädlichen 
Einrichtungen, aber nicht für unumgängliche Specialhandlungen im 
Rahmen dieser Einrichtungen verantwortlich gemacht werden. 



— 219 — 

Z^^eites Oapitel- 

Natürliche Auffassung des Rechts. 

Tn einem sehr weiten Sinne versteht man unter Recht einen 
Inbegriff von thatsächhehen Zuständen, in denen namentlich die 
Einrichtungen und Regeln der Unterdrückung des Menschen durch 
den Menschen eine Rolle spielen. Die Rechtsgelehrtheit, welche, 
insofern sie an Stelle w:urzelhafter Wissenschaft autoritäre Reste zer- 
splitterter und oberflächlich zusammengepfuschter Urkundentrüminer 
als eine Art Rechtsbibel gelten lässt, bisher nur als Halbwissenschaft 
bestanden hat, — diese, wenn auch in einigen Richtungen noch so 
„elegante" Jurisprudenz besitzt überhaupt gar kein Unterscheidungs- 
merkmal für ursprüngliches Recht und Unrecht. Ihr Gegenstand ist 
daher nicht sowohl die Gerechtigkeit im strengen Sinne, als vielmehr 
das Recht in jener gleichgültigen doppelten Bedeutung des Worts, 
in welcher es auch das gegenwärtige geschichtliche Unrecht mit- 
einschliesst, ja zum grössten Theil eine formelle und systematische 
Ordnung dieses Unrechts ist. Wie Sitte zugleich auch em Name 
für Unsitte, so ist auch Recht in sehr begreif hcher Weise ein Aus- 
druck für Unrecht geworden. Beide Seiten des Gegensatzes sind 
durch ein indifferent gewordenes Wort verbunden, welches blos die 
Thatsächlichkeit der Uebung oder des Zwanges, ausspricht, aber 
übrigens darüber erhaben bleibt, ob es das Verbrechen oder die 
Gerechtigkeit sei, was sich in Einrichtungen, Verhältnissen oder 
• vereinzelten , durch die Gewalt gedeckten Handlungen verwirl'Jicht 
habe. Wenn trotzdem eine Unterscheidung zwischen Recht und Un- 
recht maassgebend bleibt, so ist sie nur secundär und autoritär. Sie 
reicht nicht bis an die selbständigen Principien, sondern bezieht sieh 
. nur auf den Gegensatz der von der herrschenden Gewalt gewollten 
allgemeinen Satzungen und der Einzelfälle, in denen die Abweichun- 
gen von der betreffenden Regelung wirklich verfolgt werden sollen. 
Es ist also in der sogenannten Justiz keine wirklich individuell sou- 
veraine Vertretung der Gerechtic'keit mit absoluter Verantwortlichkeit 
der betheiligten Personen, sondern nur eine abgeleitete Gewalt vor- 
handen, bei welcher das eigentliche Gerechtigkeitsbewusstsein im 
günstigsten Falle nur eine schwache Nebenbethätigung, ja oft nur 



— 220 — 

eiae Geltendmachung auf Umwegen durch Hinwegsetzung über die 
Satzungen und Gesetze erfahren kann. 

Positiv muss alles wirklich Gerechte, so gut wie die gemeine, 
Recht und Unrecht einschliessende Ordnung und Unordnung, eben- 
falls sein, und es ist daher eine Unterscheidung zwischen dem na- 
türlichen und dem positiven Recht nicht in dem Sinne zuzulassen, 
dass dem Naturrecht die müssige Stellung zufalle, ein Inbegriff 
schätzbarer, aber im einzelnen Urtheilsfall unanwendbarer Grundsätze 
zu bleiben. Die natürlichen Ausgangspunkte des Rechts sind aller- 
dings über aller Geschichte gelegen und enthalten, insoweit sie den 
Charakter der Allgemeinheit haben, nicht die besondem Bestand- 
theile, zu denen ihre positiven Wirkungen fuhren. Etwas Aehnliches 
findet sich aber auch "bei den Folgerungen und Anwendungen aus 
dem Gebiet des Mathematischen und Mechanischen, und wir dürfen 
daher ein natürliches und positives Recht nicht anders trennen , als 
wir etwa auch eine reine Mathematik von den Anwendungen und 
eine rationelle Mechanik von den besondern Bethätigungen in der 
technischen und Maschinenmechanik abtheilen. Die Wahrheiten der 
Mathematik und rationellen Mechanik behalten ihre Gültigkeit, wie 
zufällig, vereinzelt und zusammengesetzt auch ein positiv vorliegender 
Fall sein möge. , In demselben Sinn behalten die Grundgesetze des 
gerechten Wollens ihre maassgebende Bedeutung, mögen sie in der 
Gestaltung der Geschichte für rechtschaffende Gesammtthaten, oder 
in der Gesetzgebung, oder schliesslich im einzehieu Urtheilsfall in 
Frage kommen. Verhielte es sich anders, so müsste man auch 
zwischen einer natürlichen und einer positiven Mathematik eine ent- 
fremdende Kluft finden können. Wir werden daher am besten thun, 
den ganzen Gegensatz zwischen natürlichem und positivem Recht in 
denjenigen der principiellen Allgemeinheit und derspeciellen, theils rich- 
tigen theils falschen Anwendung zu verwandeln. Alsdann giebt es nur 
eine einheitliche Gerechtigkeit mit bestimmten einfachen Grundsätzen ; 
aber die Bethätigung derselben ist, gleich derjenigen des Verstandes in 
der Wissenshervorbriugung , nicht nur dem Irrthum sondern auch 
der Hemmung und Unterdrückung ausgesetzt. Hieraus entspringt 
jene ebenso veränderliche als positive Maniiichfaltigkeit , die unter 
dem Namen des Rechts zugleich eine Welt voll Unrecht darstellt. 

Die Wurzeln der Moral und des Rechts sind dieselben, soweit 
es sich um den Begriff der Gerechtigkeit handelt. Wo sich beide 
Gebiete im Gegenstand begegnen, da trennen sie sich in der Art 



— 221 — 

der Aufrechterhaltung ihrer Gesetze. In der That ist es ein wichtiger 
Gesichtspunkt, diejenigen Nothwendigkeiten auszuscheiden, zu deren 
^Sicherung man den körperlichen Zwang als letztes Mittel in An- 
wefidung bringen muss. Auf diese Weise wird das Recht als ein 
mit Zwang verbundenes Gebiet von einer blos dem Gewissen, d. h. 
den Bewusstseinsregungen anheimfallenden Moral ausgesondert. In- 
dessen ist dieses Merkmal in der Wirklichkeit sehr verschiebbar, da 
das, was der Sitte angehört, zu Zwangsrecht und umgekehrt das, 
was finiher erzwingbar sein sollte, dem Einzelbewusstsein und den 
Rückwirkungen der moralischen öffentlichen Meinung überlassen 
werden kann. Trotzdem bleibt aber ein fester Kern von Verhält- 
nissen, in denen das Zurückgreifen auf die Gewalt schon abgesehen 
von jedem Gemeinwesen, nämlich für zwei vereinzelte Personen als 
unumgängliches Ausgleichungs- oder Sicherungsmittel ableitbar ist. 
Wo nämlich das ursprüngliche Unrecht selbst rohe Gewalt einschliesst 
oder der ungerechte Theil sich nicht gutwillig zur Ausgleichung der 
Störung herbeilässt, da sieht sich der andere Theil auf das Mittel 
des physischen Zwanges augewiesen, und hierüber wird auch ein 
völlig ideales Gemeinwesen, soweit seine moralische Kraft auch 
reichen möge, nicht erhaben sein, wenn auch schon die blosse Aus- 
sicht auf den gewissen Zwang der wirklichen Anwendung desselben 
vielfach vorbeugen mag. Ein System eigentlicher Rechtspflege ist 
mithin ohne letzte Executivmittel nicht denkbar, während die blosse 
Gewissensmoral höchstens durch Kundgebungen der öffentlichen Üeber- 
zeiigung und durch ebenfalls nur moralische Repressalien unterstützt 
werden kann. Man übersehe jedoch nicht, wie es im Interesse der 
Freiheit liegt, dass nicht allzuviel dem körperlichen Zwang anheim- 
falle. Dieser Zwang kommt nur durch das Unrecht in die Welt 
und sollte auch nur gegen dasselbe nach Maassgabe des gegenseitigen 
natürlichen Verhaltens von zwei als völlig frei vorausgesetzten Men- 
schen statthaben. 

2. Der geschichtliche Gang der Dinge und die ihm entsprechen de 
Rechtsgelehrsamkeit hat zwischen Privatrecht und öffentlichem Recht 
eine gewaltige Kluft gerissen, welche mit den natürlich und princi- 
piell zulässigen Trennungen nicht gehörig vereinbar ist. Allerdings 
mögen Eigenthum, Ehe und Erbgang, soweit in den einschlagenden 
Verhältnissen nur der auf beiden Seiten angeblich in gutem Glauben 
geführte Rechtsstreit in Frage kommen soll, ein Bereich für sich 
bilden und dieser Inbegriff immerhin Privatrecht heissen. Die ausser- 



— 222 - 

dem herkömmliche Beneunuug als civiles oder bürgerliches Recht 
erinnert aber daran, dass es auch allenfalls das nn bürgerliche ge- 
nannt werden könnte; denn der eigentliche Bürger war schon mit 
dem Römischen Kaiserthum und vollends mit den compilatorischen 
Pandekten zu Grabe getragen. Er hat sich auch nie wieder sonder- 
lich angefunden, so dass es nicht überraschen kann, wenn das Schwer- 
gewicht der heutigen Rechtsgeschultheit in die Pandektistik 'fallt. 
Alles Uebrige gilt verhältnissmässig als Nebensache, mid dieser Um- 
stand stimmt überdies sehr gut mit dem vorherrschenden Bourgeois- 
charakter der jüngsten Zeit zusammen. Von der ganzen gericht- 
lichen Zurüstung wird der bei weitem grösste Theil durch die so- 
genannten bürgerlichen Rechtsstreitigkeiteu oder durch die freiwillige 
Gerichtsbarkeit in Anspruch genommen. Hierauf werden die meisten 
Kpsten verwendet, und hier allein giebt es eine, wenn auch ver- 
künstelte, so doch ernsthaft mit einigen Zügen von Wissenschaft- 
lichkeit untermischte Theorie. Die Rechte an Sachen, die Obliga- 
tionen und speciell die verschiedenen Vertragsgebilde sowie überhaupt 
alle ökonomisch erheblichen Ansprüche sind hier die Gegenstände, 
durch welche auch die Verhältnisse des Familien- und Erbrechts, 
die an sich selbst keine sonderliehe Bedeutung haben würden, mittel- 
bar einen materiellen Interessenwerth erhalten. Die subtilere Rechts- 
lehre wird also im eigentlichen Sinne des Worts nur da genährt, 
wo sie direct oder indirect Vermögensrechte zum Gegenstande hat. 
Im Römischen Kaiserreich war der frühere Staatsbürger gut Cäsa- 
ristisch auf den blossen Privatmann heruntergekommen; von jenem 
war nichts als der Vermögensherr und der Familienvater übrig ge- 
blieben, und auch diese Rollen bitten nur gegen Seinesgleichen, also 
wiedciTim nur gegen Privatleute, eine ernsthafte Bedeutung. Das 
Politische war in der kaiserlichen Gewaltaufsaugung untergegangen, 
und die Gunst der Willkür rausste als Ersatz deö Rechts hingenom- 
men werden. Im Rahmen solcher Zustände erwuchsen die classischen 
Juristen, von denen nicht ein einziges Werk als ein unverstümmeltes 
Ganze, sondern fast niu* nachträgliche Excerptenweisheit unter V( r- 
mittluug des Byzantinismus auf uns gekommen ist. Die so über- 
lieferte RatiouaHtät bildet nun seit sieben Jahrhunderten von Neuem 
den besten Hausrath, über den die Rechtsschulen von den Zeiten 
der Glossatoren her verfiigten. Auch kann man nicht einmal ))e- 
haupten, dass man von jener Zeit bis zur neuem historischen Schule 
de8 19. Jahrhunderts entscheidende Fortschritte gemacht hätte. Mit 



— 223 — 

der Wisseuscliaftlichkeit der Jurisprudenz, die so ziemlich iu der 
Civilistik aufgeht und eingeständiich die Römer noch nicht wieder 
erreicht hat, ist es zwar ^-eschichthch weit her, aber eben deswegen 
iu dem andern Sinne des Worcs nicht weit her. Stellt sich aber 
die träge Stauung schon in der Privatrechtskunde heraus, so werden 
die übrigen Zweige , aus deren bisheriger Vernachlässigung .von den 
Juristen selbst kein Hehl gemacht wird, nur äusserst wenig aufzu- 
weisen haben, was über grobe Gemeinvorstellungeu tind eine ent- 
sprechende Routine sonderlich hinausreichte. Die Verkünstelungen 
und Verzerrungen, die den vom Mittelalter her auf die Neuzeit 
vererbten Verkehrtheiten angehören, haben sogar die gelehrte Rechtü- 
anschauung oft unter den Stand der gemeinen Volksbegriffe sinken 
lassen. Wu' dürfen uns also nicht wundern , wenn sogar das nach 
dem Privatrecht noch am meisten gepflegte Crimiualrecht nicht nur 
ohne Compass geblieben ist, sondern auch die leitenden Sterne immer 
mehr aus den Augen verloren hat. Die Verwirrung der Grundbegriffe 
ist hier init unserm Jahrhundert fortgeschritten, so dass eine ver- 
standesmässige , wenn auch einseitig fehlgreifende Auffassung, wie 
sie durch Anselm vou Feuerbach im Anfange dieses Jahrhunderts 
vertreten wurde, noch immer als eine besondere Aufraffung des er- 
klärenden Denkens in einziger Auszeichnung dasteht. Nun ist aber 
das auf die Verbrechen bezügliche Recht in Wahrheit der Schlüssel 
für das Verständniss aller übrigen Verhältnisse, und auch der weitere 
Rahmen des öffentlichen Rechts kann nicht ausgefüllt werden, wenn 
jene Grundlage nicht zuvor geordnet ist. Spgar die Stellung und 
Bedeutung des Privatrechts , welches man so fehlerhaft isolirt hat, 
bleibt unbegriffen, solange die Principien des Strafrechts nicht iu 
einem fruchtbaren Naturboden Wurzel gefasst haben. 

3. Will man bemessen, wie das sogenannte Kechl gegen die 
Gerechtigkeit Verstössen könne, so muss man ein Beurtheilungsmittel 
haben, welches über alle zufälligen Mischungen der Thatsachen und 
der Geschichte erhaben ist. Der ausschliessliche Historismus ist hier 
fast ebenso unzulänglich, wie die äugen bhckliche Routine und der 
Machtcultus im Sinne der grade positiv gegebenen Einrichtungen 
irgend einer vereinzelten Gegenwart. Man muss von den letzten 
Gründeu. des* Criminalrechts ausgeheu, um auf dieser Grundlage dann 
alles übrige Recht positiv aufbauen zu können. Die fundamentalsten 
Rechte sind diejenigen, in denen nichts als die Verneinung eines 
ursprünglichen, nicht erst aus der Verletzung einer Uebereinkunft 



■ — 224 — 

herzuleitenden Unrechts enthalten ist. Sie können unniittelbar gar 
nicht aufgefunden werden, so dass der Umweg durch die Erkenntniss 
des Unrechts sogar für ihre Definition njaassgebend werden muss. 
Die Erfahrung des Unrechts ist in diesem Gebiet sogar die erste 
praktische Lehrerin, und wenn auch eine Vorwegnahme im Gedanken 
für die Beurtheilung von dem, was ungerecht sein würde, zugestanden 
werden mag, so könnte eine solche ideelle Vorbeurtheilung doch gar 
nicht vorhanden sein, wenn nicht gleichsam* ein Empfindungsbild 
der voraussichtlichen Wirkung einer verletzenden Handlung auch 
schon ursprünglich zur Verfügung stände. 

Schon in unsern moralischen Ueberlegungen haben wir jede 
lu'sprünglich in feindlicher Weise verletzende Handlung als den 
Gegenstand einer nothwendigen Rückwirkung angesehen. Diese 
Rückwirkung äussert sich zunächst innerlich in einer Rückempfin- 
dung, die wir auch Ressentiment und Vergeltungsbedürfniss oder, 
mit dem starken, den wahren Naturgrund entschieden bezeichnenden 
Wort, gradezu Rache nennen können. Die Verletzung, welche ur- 
sprünglich eingetreten, d. h. nicht selbst durch eine find^^re zur Rück- 
wirkung berechtigende Verletzung hervorgerufen ist, ist eben das 
Unrecht selbst. Die ideellen Begriffe der Verletzung und des Un- 
rechts decken sich, — jedoch nur unter der Voraussetzung, dass 
man unter Verletzung einen Eingriff in das fremde Willens- und 
Freiheitsbereich versteht. Unter welchen Voraussetzungen nun Ver- 
letzungen in diesem Sinne statthaben, ist an einzelneu einfachen 
Grundgestalten axiomatisch so zu entscheiden, als wenn es sich um 
einfache, eben wegen ihrer Einfachheit dem zusammengesetzten Be- 
weise weder zugängliche noch desselben bedürftige Grundwahrheiten 
der Mathematik handelte. Mit derselben Nothwendigkeit, mit welcher 
aus der mechaftischen Action die Reaction erfolgt, hat die spontane 
und feindliche Verletzung das Ressentiment und hiemit den Ver- 
geltungsspom zum Ergebniss. Der Trieb, sich für die erlittene Ver- 
letzung zu rächen, ist eine offenbar auch auf Selbsterhaltung hin- 
wirkende Einrichtung der Natur. Der Versuch der Tödtung, die 
Körperverletzung oder die feindselig boshafte, grundlose und über- 
müthige Schmähung werden, wenn man sich wiederum des Denk- 
schemas von ausschliessHch zwei, übrigens von der soHstigen Welt 
getrennten Menschen bedient, Voraussetzungen sein, unter 'denen die 
Rache unfehlbar wachgerufen werden muss. .Hiebei ist die völlige 
Gleichheit, aber noch kein einziges positives Band zwischen den 



— 225 — 

zwei Personen maassgebend. Wir können sogar sagen, dass in dem 
leidenden Theil die Rache das erste affective Ankündigungs - und 
Erkenntnissmittel des geschehenen Unrechts sei, und dass -sie gleich 
einem Messwerkzeug den Grad der innern Verletzung anzeige. Die 
Racheempfindung ist nur jenes sonst so räthselhafte Rechtsgefühl 
selbst, welches nur im Hinblick auf eine Störung und Spannung in 
ursprünglicher Weise vorhanden sein kann. Die Furcht vor der 
Rache kann nun einschränkend auf die Handlungen wirken und so 
eine Art Naturgarantie geg^n das unrecht ausmachen; aber sie ist 
offenbar ein Beweggrund, der nur als auf eine bereits vorhandene 
ungerechte Gesinnung wirksam vorausgesetzt werden darf. Die un- 
mittelbaren Antriebe zur Achtung des fremden Seins bestehen in der 
positiven Richtung aller Thätigkeitsreize auf die eigne Sphäre und 
auf die keiner von beiden Personen ausschliesslich angehörige Natur . 
Wo die Rache in das Spiel kommt, ist nicht mehr der normale oder 
gar ideale Zustand der unverletzten und direct eingehaltenen Ge- 
rechtigkeit vorhanden, sondern bereits eine Störung eingetreten, in 
Folge deren auf das erste üebel, rein äusserlich und physisch- be- 
trachtet, unabwendbar noch ein zweites üebel, nämlich eine absicht- 
hche Schadenzufiigung folgen muss, wenn nicht das grössere geistig e 
Uebel des triumphirenden Unrechts und des unversöhnten Rache - 
bedürfnisses bestehen bleiben soll. 

Die Privatrache isfc für die Alterthümer der Völker überall als 
ursprünghche Keimgestalt des Criminalrechts anzutreffen. An die 
wildere Blutrache, welche die Tödtung der Angehörigen mit neuen 
Gegentödtungen beantwortet und einen immer wieder angeregten 
und fortgesetzten Einzelkrieg ergiebt, schliesst sich das sogenannte 
Compositionensystem, vermöge dessen die Beschwichtigung der Rache 
auf dem Wege der Sühne und Entschädigung gesucht wird. Die 
Beilegung des Privatzwistes wird hier durch die Darbietung von 
Vermögensstücken bewirkt; aber die rohen Tarife, nach denen man 
sich die eigne Körperverletzung und die Tödtung von Angehörigen 
hinterher abkaufen liess, dürfen doch nicht übersehen lassen, dass 
die Bereitschaft zu einem ernsthaften materiellen Opfer auch die 
Gediegenheit des veränderten Willens und mithin eine wahre Reue 
und friedliche Gesinnung verbürgen konnte. Das Rachebedürfniss 
schwindet aber nicht nur durch eigne Niederbeugung und Schädigung 
des Verletzers, sondern gleicht sich auch dann aus, wenn der Uebel- 
thäter selbst seine Züchtigung aufrichtig übernimmt, indem er sich 

Dühring, Cursus der Philosophie. 15 



— 226 — 

durch das thatsächliche Eiugeständniss der Schuld demüthigt und 
sich selbst die Leistung einer Entschädigung und Strafe auferlegt. 
Von dem Wort Sühne ist mithin jede mystische Umnebelung fern- 
zuhalten; denn die Sühne ist nichts weiter als die Herstellung der 
Versöhnung in Gesinnung und zugehöriger ausgleichender That, also 
eine Art der Befriedigung der Rache. 

4. Auch in der Yollkommensten Gestalt kann das Criminalrecht 
nichts Anderes sein als die öffentliche Organisation der Rache. Von 
der wirklichen Strafrechtspflege nach Mkassgabe der heutigen Straf- 
gesetze, Gerichtseinrichtungen und Verfahrungsarten muss man sogar 
behaupten, dass die in ihnen enthaltene öffentliche und durchaus 
vormundschaffchch geartete Organisation der Rache noch immer so 
roh sei, dass in Vergleichung mit diesen Früchten der politischen 
Corruption die Urzustände manche natürliche Vorzüge voraushatten. 
Die Theorie ist selbst in ihrer besten Gestalt so haltungslos geworden, 
dass man die uralten Vorstellungen von der Wiedervergeltung und 
den Maassstab des Talionsrechts, der Auge um Auge und Glied um 
Glied forderte, vergleichungsweise noch als ein Muster naturwüchsiger 
Logik ansehen muss, dem gegenüber sich die moderne Princip- und 
Strafmaasslosigkeit wie ein Rückschritt ausnimmt. Die uralte Ver- 
geltungslehre musste solange unverstanden bleiben, als nicht der 
kühne Schritt gethan wurde, mit der Hinweisung auf die natur- 
gesetzliche Rache' das Räthsel aufzulösen und hiemit über die un- 
bestimmten Vorstellungen, sei es eines nebelhaften Rechtsgefiihls, 
oder logistischer Strohableitungen zu triumphiren. Der sogenannte 
psychologische Zwang, unter welcher Bezeichnung der grosse Crimi- 
nalist Feuerbach, der Vater des Philosophen, die Abschreckung oder, 
mit andern Worten, den ideellen Terrorismus zum Princip der Straf- 
gesetzgebung machte, ist von dem Gedanken eigentlicher Gerechtig- 
keit völlig losgelöst. Er ist ein polizeiliches Princip, nach welchem 
gewissen schädlichen Handlungen durch Androhung eines Gegen- 
schadens möglichst vorgebeugt werden soll. Der Zweck ist hier 
Alles und die mächtige Ursache, welche aus dem Naturgnmde heraus 
die Gerechtigkeit verlangt, ist Nichts. Sogar die^ Ausführung der 
Drohung wird nur darum noth wendig, weil sonst die letztere zum 
reinen Popanz werden und das Gesetz seine psychologisch abhaltende 
Wirkung verlieren würde. Die Klarheit dieses Standpunkts, die 
nicht geringer als seine Verfehltheit ist, hat uns überhaupt nur zu 
einer Einlassung berechtigt. A. v. Feuerbach ist bis heute der her- 



— 227 — 

vorragendste, am meisten philosophisch denkende und am charakter- 
vollsten reformatorische unter den gelehrten Criminalisten des 19. Jahr- 
hunderts gebliehen. Seine philosophische Bildung hatte vorherrschend 
eine Kantische Färbung und hielt sich von den Wüstheiten und 
ebenso läppischen als windigen Thorheiten der nächsten Epigonen, 
also namentlich eines Fichte und Schelling, in charaktervoller Weise 
gehörig entfernt. Grade aber Angesichts des gediegenen und frei- 
heitlichen, mit gesundem Verstand ausgerüsteten Strebens des theo- 
retisch und praktisch hochberühmten und noch immer seine Nach- 
folger überragenden Criminalisten müssen wir die moderne Abirrung 
in das rein Relative der Abschreckungstheorie hervorheben. Freilich 
giebt es Satzungen genug, bei denen die Androhung des üebels, 
wie namentlich in den blossen Polizeistrafen, mit der ursprünglichen 
Gerechtigkeit nichts zu schaffen hat; aber eben in der Einerleisetzung 
der eigentlich'cn Gerechtigkeitsstrafe und des blossen Hinderungs- 
mittels liegt die Vermischung von zwei völlig ungleichartigen Dingen. 
Jedes in Aussicht gestellte Uebel wird zu einem Abschreckungs- 
mittel, aber nicht jede Abschreckung braucht ein Act der Gerechtig- 
keit zu sein. Auch die Natur hat ihr Absehreckungssystem, indem 
sie die Furcht vor der Rache ins Spiel setzt. Die Abschreckung 
verbleibt hier aber im Rahmen der Gerechtigkeitsbeziehungen und 
ist überdies nicht der letzte Grund der Einrichtung. Die Rache be- 
thätigt sich wahrhch nicht, um im Allgemeinen und für künftige 
Fälle neuen Verletzungen vorzubeugen, ja auch nicht einmal blos, 
um Schaden und Stönmg auszugleichen, sondern um den beeinträch- 
tigten Willen und dessen gehörige Geltung wiederherzustellen. Es 
ist das Interesse der unversehrten Freiheit, welches gegen die Ver- 
letzung reagirt und einen Zustand herzustellen sucht, der zwar keine 
Unversehrtheit mein* sein kann, aber doch eine annähernd gleich- 
werthige Lage durch die entsprechende Herabdrückung des fremden, 
über seine Schranke hinausgegangenen Willens werden muss. Ja um 
die Gleichheit wiederherzustellen, genügt die Zufägung des näm- 
lichen Üebels oder eines der Grösse nach übereinstimmenden Betrages 
keineswegs. Die Natur würde mit ihrer Racheinstitution eine Stüm- 
perin geblieben sein, wenn sie zu keinem andern Ergebniss antriebe, 
als dass zwei Menschen die gleiche Schädigung aufeuweisen hätten, 
der eine mit Unrecht, der andere mit Recht. So bomirt wie die 
jüdische Talionslogik von Auge um Auge und Zahn um Zahn ist 
die Natur glücklicherweise nicht. Die Rache überschreitet regel- 

15* 



— 228 — 

massig den äusserlichen Betrag des unrechtmässig zugefügten Üebels, 
und anstatt diese Steigerung sofort als eine Ausschweifung, zu der 
sie allerdings werden kann, der Rohheit zu bezüchtigen, sollte man 
lieber erwägen, dass erst mit einem üeberschuss der äusserlichen 
Rückwirkung die Ungerechtigkeit als solche wirklich betroffen wird. 
Es handelt sich also hier um tiefere und feinere Triebkräfte, als ein 
willkürlicher Terrorismus sein kann, der die wurzelhafte Gerechtig- 
keit der Natur aus dem Auge verloren und vermeintliche Staats- 
zwecke, die sich noch erst mit dem Naturgrunde auseinanderzusetzen 
oder sonst abzuleiten haben, als selbstverständHch zum rein polizei- 
hchen Leitfaden nimmt. 

5. Zur Entwicklung der principiellen Rechtsbegriffe bedürfen 
wir nur das gänzlich einfache und elementare Yerhältniss von zwei 
Menschen. Auch die Bedingungen, unter denen berechtigte Gewalt 
und mithin der Vollzug der Naturgerechtigkeit oder- eine andere, 
nämlich versöhnende Ausgleichung eintreten kann, sind mit diesem 
Schema vollständig gegeben. Auch sieht man daran leicht, ein wie 
zufälliges Ding die thatsächhche Verwirklichung der Gerechtigkeit 
bleiben müsse; denn die üebergewalt kann nicht blos, sondern wird 
sogar meistens auf der Seite des Unrechts sein, weil ja eben die 
Uebermacht es ist, die am ehesten die Vergewaltigung und den 
üebermuth mit sich bringt. Ist aber, wie wir ursprünglich anzu- 
nehmen haben, die Gleichheit der Kräfte und Mittel das Gewöhn- 
liche, so sind die Entscheidungen den Zufällen der mit Gewalt und 
List geführten Kämpfe anheimgegeben. Die blosse Berufung 'auf die 
Macht wird mithin die eigentliche Gerechtigkeit wenig sichern, die 
offenbar ihre beste Stütze in der wohlgesinnten Verständigung suchen 
muss und der reinen Bosheit gegenüber unausweichlich ein Würfel- 
spiel bleibt. 

Vermehren wir dagegen die Anzahl der in Frage kommenden 
Personen durch solche, welche an dem einzelnen Fall gar nicht oder 
möglichst wenig als Partei, übrigens aber im Allgemeinen und als 
mögliche Gegenstände eines ähnlichen Unrechts dabei betheiligt sind, 
dass die Rechte geschützt und die Verletzungen ausgeglichen werden, 
so ergiebt sich ein Beistand, der auch den Schwächern sichern mag. 
Nicht blos die Rückempfindung, sondern auch deren Fortpflanzung 
auf Andere, also das abgeleitete Ressentiment, welches dadurch ent- 
steht, dass sich ein sonst Unbetheiligter in die Lage des Verletzten 
unwillkürlich hineindenkt, beginnt alsdann seine Rolle zu spielen. 



— 229 — 

Die volle Wirksamkeit niclit uur einer grösseren Macht, sondern 
auch einer parteiloseren Auffassung wird aber erst durch die Gegen- 
seitigkeit des auf den fraglichen Zweck gerichteten Zusammenwirkens 
und einer hiezu eingegangenen Verbindung von Jedem mit Jedem 
zu Wege gebracht. Die gesellige VereinigTing vertritt alsdann das 
allgemeine collective Interesse an der Ahndung der Verletzung. Sie 
mag als Ganzes agiren oder besondere Personen als Organe beauf- 
tragen, — in jedem Falle wird sie nichts weiter thun können, als 
die individuelle Rache des Einzelnen oder der mitbetroffenen Familien- 
gruppe in eine Öffenthche Rache verwandeln. Auch die Einzeleinsicht 
wird hiedurch in der Gesammteinsicht erweitert, so dass nicht blos 
das Wollen sondern auch das Wissen eine Sichtung und Berichtigimg 
erfährt. Ausnahmsweise mag auch Beides eine falsche Beeinträchti- 
gung erleiden; aber die Regel bleibt doch, dass unter übrigens 
gleichen Umständen die Betheiligung einer grossem Zahl zur Ga- 
rantie einer bessern Beurtheilung und Ausführung werde. Die indi- 
viduelle Rache ist etwas sehr Rohes, und noch roher ist oft das 
Ürtheilsvermögen, welches den Affect ins Spiel setzt. Ausschliesslich 
aus diesem Grunde ist die Selbsthülfe im Allgemeinen etwas Un- 
ciyihsirtes, wie uns die unmittelbare Volksjustiz noch heute inmitten 
der entwickeltsten Cultur lehren kann. 

An die Stelle der criminellen Selbsthülfe, welche der Privat- 
rache einen unmittelbaren Ausdruck giebt, darf rationeller Weise 
nur die auf eine gegenseitige Verbindung gegründete imd in einem 
ordenthchen Verfahren verkörperte sowie durch den Willen der Ver- 
bundenen vollstreckte Rache treten. Das zufällige Beispringen macht 
den Helfer zur Partei oder wird nm' ausnahmsweise eine eigentliche 
Gerechtigkeit vorstellen. Dagegen wird die Auferlegung von Zwang 
durch einen Dritten, der allein mit seinen Mitteln hiezu mächtig 
genug ist, weiter nichts als eine Unterwerfung ergeben, welche zwar 
Frieden, aber auch Sklaverei bringt und nur im Rahmen und um 
den Preis dieser Sklaverei willkürUch und theilweise einige Aus- 
gleichungen bewerkstelligen wird. Diese von Hobbes verherrlichte 
Manier ist in weitem Umfang freilich der thatsächliche Weg der 
Geschichte gewesen, insoweit nämlich nicht freie Association, sondern 
das Anheimfallen an eine stärkere Gewalt vorzugsweise den Kitt der 
politischen Gebilde gehefert hat. Die allgemein menschliche Souve- 
raiiietät schliesst auch diejenige der Rache ein, so dass der von der 
breiten Grundlage abgelöste Anspruch auf ein sogenanntes Schwert 



— 230 — 

der Gerechtigkeit eine Anmaassung ist, die dadurch ihren Charakter 
nicht verlieren konnte, dass sie weltgeschichtHche Dimensionen an- 
nahm. Allerdings ist Jeder, aber eben danim Niemand ausschliess- 
lich bei der Wahrnehmung der Gerechtigkeit von Natur betheiligt. 
Im gelindesten Falle ist es eine unzulässige Vormundschaft, wenn 
ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen sich herausnimmt, aus 
selbsteignem Mandat für Frieden und Recht Anderer sorgen zu 
wollen. Diese Usurpatoren setzen sich damit in ein von Natur feind- 
liches. Verhältniss gegen diejenigen, denen sie ihre Herrschaft auf- 
zwingen, und wenn auch derartige Staatenbildungen vermöge des 
reinen Mechanismus der Gewalt f ortexistiren , so fehlt es doch zwi- 
schen den zwei Hauptstücken, nämlich zwischen dem herrschenden 
und dem beherrschten Theil, eben selbst an dem verpflichtenden 
Bande der Gerechtigkeit. Im Gewaltstaat, den ich dem Gerechtig- 
keitsstaat gegenüberstelle und der nichts mit dem abgelebten Gegen- 
satze von einem sogenannten Rechtsstaat und einem Polizeistaat zu 
schaffen hat, kann es eine, ihrem tiefern Grunde entsprechende cri- 
minelle Gerechtigkeit nur in sehr precärer und äusserst unvollkom- 
mener Weise geben. Ganz besonders muss da, wo in irgend einer 
Verletzung die Regierenden oder ihre Werkzeuge als Thäter oder 
als Interessenten betheiligt sind, der Mangel des Rechts oder seiner 
Garantie schroff hervortreten. 

Gegen die Lehre, dass die Rache in und über der Geschichte 
sowie in und über dem Staate der Naturgruud aller ahndenden Ge- 
rechtigkeit sei, giebt es für das gewöhnliche, mit dem herkömm- 
lichen Ideengange verwachsene Bewusstsein einen naheliegenden Ein- 
wand. Die Rache ist selbst verpönt d. h. unter Strafe gestellt. Wie 
soll sie Träger und Maass des Rechts sein können? Ich antworte, 
dass die Rache nur als Selbsthülfe und mithin nur in ihrer indivi- 
duellen und brutalen Gestalt von der civilisirten Gesellschaft aus- 
geschlossen wird, so dass sie mit ihrer höheren, verallgemeinerten 
Form in Couflict geräth. In beiderlei Gestalt wird das Vergeltungs- 
bedürfniss au sich selbst anerkannt; aber die öffentliche und geregelte 
Rache nimmt für sich die ausschliessliche Bethätigung in Anspruch. 
Unter Umständen kann diese Ausschliesslichkeit sogar den Charakter 
eines gehässigen Monopols annehmen, und eine solche von einem 
Gewaltherm monopolisirte Rache oder mindestens eine starke Vor- 
mundschaftlichkeit in der öffentlichen Verfolgung der Verletzungen 
ist eine Eigenschaft des Gewaltstaats, während in einem freien 



— 231 — 

Vereinsstaafc, der auf gleiclier Vergesellschaftung beruht, die Crimi- 
nah-echtspflege sich nie ernsthaft über die individuelle Initiative 
hinwegsetzen darf. Stets ist es die verletzte Person, welche am 
innigsten an der Ahndung betheiligt ist, und das sogenannte öffent- 
liche Interesse kann erst in zweiter Linie und nur als Yerallgemei- 
nerung der natürlichen individuellen Bestrebung in Anschlag kommen. 
(j. Die Rechtsblasirtheit, die aus den Verwirrungen der Straf- 
rechtsbegriffe und aus den Untermischungen der sogenannten Justiz 
mit der willkürlichsten Gewalt hervorgeht, kann der Compass, der 
durch meine Rachelehre construirt ist, wieder zu einer regsamen 
Orientirung und, wo noch nicht Alles abgestumpft, versumpft oder 
gar verfault war, auch wieder zu einiger Herzensfrische verhelfen. 
Man kann vermöge dieser tiefern Einsicht Gegenden erreichen, in 
denen man sonst dem Schiff keine feste Richtung zu geben wusste. 
Die nicht blos örtlich und zeitlich, sondern auch in Ständen oder 
Classen befangene, der Verkehrtheit des Wollens und den Abirrungen 
des Wissens in der Gesetzgebung, in der Gelehrtendoctrin und in 
der Gerichtspraxis mannichfaltig ausgesetzte, überdies mit einseitiger 
Gewalt gemischte Rechtspflege kann selbst nur an einem über diese 
historischen Beschränkungen erhabenen Rechtsprincip gemessen und 
nur auf Grund eines solchen Princips zur Rechenschaft gezogen 
werden. Nicht nur die Gesetzgebung selbst wird aus dieser Quelle 
schöpfen, sondern auch die Rechte zur Gesetzgebung sowie überhaupt 
die Vertheilung der politischen Befugnisse unterliegt dieser höchsten 
principiellen Entscheidungsart. Das einzige wahrhaft Souveraine ist 
alsdann der einzelne Mensch, der mit seinem natürlichen Rechts- 
bewusstsein Partei zu ergreifen und für das als Recht Gewollte und 
Erkannte thätig einzutreten hat. Zwischen Völkern und Völkern 
liegt die Noth wendigkeit einer natürlichen und principiellen, also 
nicht autoritären und nicht blos secundären Ableitung auf der Hand. 
Hier kann der falsche Positivismus seine Gebrechlichkeit fast gar 
nicht verschleiern. Die Rache ist hier in der That ein recht sicht- 
bares Gerechtigkeitsprincip , soweit überhaupt das ganze Spiel der 
Völkerkriege noch ein anderes Element als doppelseitige Raub- und 
Unteijochungssucht aufzuweisen hat. Die Gerechtigkeit oder Un- 
gerechtigkeit der Innern Umwälzungen und die gegenseitigen Ver- 
fahrungsarten im Classen kämpf müssen ebenfalls auf den Naturgrund 
zurückgeführt und hienach beurtheilt werden. Andernfalls dürfte die 
lächerliche Figur von einem Recht des Siegers, als einer Variante 



— 232 — 

des von Hugo Grotius so geliebten Recht des Stärkeren, das stupide 
Ergebniss sein, und nur der Triumphirende, sei er nun Revolutionär, 
Reactionär oder Staatsstreichuntemehmer, würde durch die blosse 
Thatsache des Gelingens Recht behalten. Was. er aber in der That 
behält oder erringt, ist nur die Macht und die Verfügung über die 
äusserlichen Formen und Werkzeuge der vorhandenen oder einer neu 
eingesetzten, in der Hauptsache indifferenten und der jeweiligen 
Staatsmacht folgenden Rechtspflege. Ueber die Gerechtigkeit wird 
durch den Erfolg nicht entschieden, und das wurzelhafte Rechts- 
gefiihl, wie wir es ohne ümnebelung kennen gelernt haben, wird 
an sich selbst von den Zufälligkeiten der Gewaltkämpfe nicht be- 
rührt. 

Auch da, wo das bestimmte positive Recht allzu ungerecht ist 
oder arge Lücken hat, pflegt der Naturgrund gelegentlich wieder 
aufzusteigen und das aufs Aeusserste gespannte Ressentiment seine 
Urfanction mitten in der CiviUsation und trotz derselben gelegent- 
lich wieder aufzunehmen. "Diese Correcturen sind gewiss sehr be- 
dauerlich; aber noch bedauerhcher und verwerflicher sind die Üebel- 
stände, welche zum vereinzelten Durchbrechen und zur individuellen 
Ergänzung der geregelten Rechtsbeschaffung antreiben. Nicht die 
Reste des alten Fehderechts, nämlich die in der modernen Umgebung 
bereits in das Komische spielenden Duelle sind hier gemeint, obwohl 
auch diese abgelebte Form der mittelalterlich romantischen Processart 
und aristokratischen Selbsthülfe mit ihrer dreinschlagenden Logik 
und ihrem Beweis durch den Erfolg unter Umständen dem natür- 
lichen Racheprincip dienstbar werden mag. Es ist vielmehr an die 
verstandesmässige, zum Theil auch schon von J. J. Rousseau ins 
Auge gefasste Befriedigung des Vergeltungsbedürfaisses zu denken, 
welche den feindlichen und sonst unerreichbaren Uebelthäter auf 
eigne Hand mit einer Strafe heimsucht. Wenn der geschundene 
Mensch, Angesichts der Versagung eines geregelten Rechts, bei irgend 
einer Gelegenheit seinem Schinder ein vergeltendes Uebel zufugt, so 
ist dies eine That der Verzweiflung an der sich als nichtig oder 
unzulänglich erweisenden Rechtshülfe. Die Privatrache, die in den 
Urzuständen Alles war und in der Civilisation Nichts sein soll, wird 
dann wieder zu Etwas. Sie steigt aus dem Untergründe gleichsam 
gespenstisch wieder auf, um daran zu erinnern, dass es eine tiefer 
wurzelnde Macht giebt, als die willkürlichen Einschränkungen und 
zufälligen Voreuthaltungen des Rechts. Den Selbsträcher wird viel- 



— 233 — 

leicht die Maschinerie der Criminaljustiz ergreifen und sich ihrer- 
seits' an ihm, wie sichs positiv gebührt, erholen; denn hierin liegt 
das grausame Verhängniss der lückenhaften und unzulänglichen Civi- 
lisation. Jedoch wird sie ihn in seinem Gewissen schwerlich erreichen 
können, falls seine Rache wirklich gegen eine unerträgliche Unbill 
gerichtet war, für welche das Justizmonopol keine Ausgleichung 
kannte oder im besondern Fall aus Parteilichkeit vorenthalten hatte. 
Sicherlich ist es moralisch besser, jede noch so begründete Rache 
einzudämmen und dem Gemeinwesen ein Opfer zu bringen. Aber 
das Maass kann so hoch steigen, dass ein Verzicht nicht mehr in 
menschlicher Möglichkeit liegt. Wenn für die Ermordung der An- 
gehörigen oder gesundheitvernichtende Qualen unter Umständen 
keine Ausgleichung durch Rechtshülfe zugänglich ist, so darf man 
sich nicht wundern, dass der Rachetrieb bestehen bleibt und auch 
wohl die Gelegenheit zur Bethätigung wahrnimmt, ja bisweilen ein 
ganzes Leben hindurch auf allen Wegen sucht. In Ueber- und 
Unterordnungsverhältnissen, vermöge deren eine Kaste das Volk fast 
absolut befehligt und sich in ihren Ausschreitungen nicht nur selbst 
richtet, sondern, wie es in dieser Lage sehr natürlich ist, von dem 
Grundsatz ausgeht, dass der Niedere schon als solcher nicht blos 
die Vermuthung des Unrechts gegen sich, sondern auch überhaupt 
weniger Recht habe, — da wird selbst gegen die offenbarste Aus- 
schweifung des Uebermuths, geschweige denn für ein wirklich gleiches 
Recht wenig zu erreichen sein. In feudalen und militairischen Ver- 
hältnissen starker Ungleichheit und Rechtlosigkeit wird sich das 
natürliche Recht des einzelnen Menschen oft genug auf Umwegen 
geltend machen und würde es in noch zalilreicheren Fällen, wenn 
nicht zu der äusserlichen Unterdrückung auch noch die innere geistige 
Umnebelung des natürlichen Wollens und Denkens hinzuträte. Die 
unnatürliche Moral, die mit mehr oder minder Aberglauben versetzt, 
die Gemüther von Jugend auf verwirrt und ihnen eine der Sklaverei 
entsprechende Denkweise einimpft, lässt häufig die Verzerrung, Ab- 
stumpfung und Ohnmacht des Rechtsgefühls zur zweiten Natur 
werden und selbst diejenigen Menschenrechte vergessen, in denen 
schon die blossen Naturregungen Lehrmeister sind, und die nicht 
erst von der Aufklänmg und Cultur zum Bewusstsein gebracht 
werden. 

7. Die Erhebung über die Rache ist auch eine Erhabenheit 
über das geschehene Unrecht. Am besten stellen sich die mensch- 



— 234 — 

liehen Angelegenheiten, wenn diejenige Gerechtigkeit, die dem Un- 
recht durch Einhaltung des richtigen Weges vorbeugt, zur ausschliess- 
lichen Thatsache wird. Diese Gerechtigkeit besteht in der Enthaltung 
von Verletzungen, während die ahndende Gerechtigkeit die Verletzung 
nur durch neues wirkliches Unheil, d. h. durch eine Vermehrung 
des Leidens, auszugleichen vermag. Der Maassstab dieser Aus- 
gleichungen ist von Natur ein sehr roher. Das Maass von Uebel, 
welches eine hinreichende Sühne d. h. Befriedigung der Rache er- 
geben soll, muss grösser als das zugefügte sein und auch namentlich 
die in dem Verbrechen liegende Nichtachtung des Willens durch 
einen gegen den Willen des Uebelthäters gerichteten Zwang mehr 
als aufwiegen. Wo z. B. durch Entschädigung die Herstellung des 
früheren Zustandes möglich ist, da beginnt die eigentHche Strafe 
erst mit dem weiter verhängten Uebel, und selbst wenn dieses Uebel 
den ursprünghchen Betrag der Verletzung erreicht hat, muss noch 
einmal ein Schritt weiter gegangen werden, um den bösen Willen 
als solchen zu treffen. In der That ist auch die Rache, die man 
aber nicht mit blossem Hass verwechseln darf, dem als solchen das 
Bewusstsein der Gerechtigkeit gar nicht beiwohnt, — in der That 
ist die Rache von der Natur auf ein stärkeres Ausgreifen angelegt; 
denn sie begnügt sich nicht leicht mit der blossen Zurückgebung 
der Verletzung oder ihres äusserlichen Betrages von Uebel. Da nun 
überhaupt eine genauere Abmessung durch das Gefühl nicht ver- 
mittelt werden kann und auch die verstandesmässige Ueberlegung 
nur den Stoff der Empfindungen zum ursprünglichen Anhaltspunlvt 
hat, so wird es nicht zu vermeiden sein, dass aus dem berechtigten 
Mehr gewöhnlich ein Zufiel werde. Da ferner das Urtheil über die 
ganze Lage des einzelnen Falles und über das Maass der Rache auch 
bei dem Verletzer ein sehr verschiedenes sein kann, so wird die 
Neigung vorhanden sein, sogar bei einem unwillkürlichen Bewusst- 
sein des selbstverübten Unrechts eine übermässige Ausschweifung in 
der vergeltenden That anzunehmen und diesen Umstand in ein eignes 
Gegenrecht umzudeuten. Auch ist sicherlich ein wirkliches Zuviel 
eine neue Verletzung von "Seiten des Rächers, welche nun die ander- 
seitige Rache herausfordert. Auf diese Weise mag sich das Unheil 
derartig häufen und steigern, dass von verhältnissmässig geriugeij 
Anlässen her das Leben selbst in Frage kommt. Hiezu bedarf es 
keineswegs besonderer Rachsucht, sondern nur des naturwüchsigen 
oder von der Cultur noch gesteigerten Irrthums über das rechte 



— 235 — 

Maass. Der Rachsüchtige ist daher auch weniger gerecht, weil sich 
bei ihm der an sich im Allgemeinen gute Naturtrieb durch einen 
Fond von ursprünglicher oder im Verkehr erworbener Bosheit ge- 
steigert und verzerrt findet. Aber auch abgesehen von einer solchen 
regelwidrigen Anlage kommt die Rache stets sehr roh zur Welt, 
was sich nicht nur in den Urzuständen der alten Völker und der 
heutigen Wilden sowie in der gemeinen Artung der Selbsthülfe, son- 
dern fast noch mehr da zeigfc, wo die Auflösung absterbender Rechfcs- 
zustände den Einzelnen und die Parteigruppen mehr und mehr auf 
Selbstschutz und Eigenhülfe anweist. In diesen Verletzungen und 
Gegen Verletzungen , die in allen Gestalten mit und ohne Maske der 
Rechtsscheinheiligkeit, vermittelst der rohesten Gewalt wie vermittelst 
der Gesetzgebung, durch Justiz- oder durch Verwaltungsproceduren, 
auf dem Wege der sophistischen Auslegung oder durch nackte Hin- 
wegsetzung über die Rechtsregeln, durch begünstigende Nichtanwen- 
dung oder durch gehässige einseitige, nur für bestimmte Parteien 
oder Personen vorhandene, in reine Verfolgung ausartende Anwen- 
dung, kurz mit allen demoralisirenden und das positive Rechtsver- 
trauen untergrabenden Mitteln geübt werden, — in diesen Verletzun- 
gen und Gegenverletzungen muss die Rechtsrohheit und Rechtsbruta- 
lität unvermeidlich zunehmen, das Unheil durch die entfesselte 
Maasslosigkeit gewaltig steigen und eine halbe Wildniss erwachsen, 
die in vielen Beziehungen und namentlich auf Seiten der sogenannten 
Justiz schlimmer ist, als die ganze und volle Wildniss naiver Ur- 
zustände. Die natürliche Rohheit, die in solchen Zuständen sich 
Bahn bricht, ist nicht das Schlimmste; denn aus ihrem Grunde 
sollen die neuen Bildungen emporsteigen, indem eine höhere Cultur 
wieder Maass und Ziel in das Walten der elementaren Kräfte bringt. 
Das tödtliche Gift liegt in jener Frivolität der Rechtsverachtung auf 
dem Wege der Rechtskünstelei, und an solchen, dem natürlichen 
Recht hohnsprechenden Verfahrungsarten gehen die verrotteten Ueber- 
lieferungen noch weit mehr moralisch, als durch gegnerische Gewalt 
zu Grunde. Ungeachtet dieses Trostes ist aber unter solchen Ver- 
hältnissen jene naturwüchsige Maasslosigkeit auch in dem besten 
Falle ein unvermeidüches Schicksal. Man muss warten, bis sich die 
neuen elementaren Antriebe gestaltet und durch Ablegung ihrer 
Naturrohheit veredelt haben. Nicht blos Einsicht, sondern auch 
Ruhe ist noth wendig, damit ein Trieb, wie das Rechtsgefühl, zu 
einem erweiterten Verstandeshorizont und zu einer gesetzten, möglichst 



— 236 — 

organisirten Bethätiguug gelange. Die Rache kann nur dadurch 
ungerecht werden, dass sie sich in den Voraussetzungen irrt oder 
in der Schätzung vergreift, und hier giebt es keinen andern Ausweg, 
als den von der Natur angelegten, — nämhch die möglichst um- 
fassende Verallgemeinerung und Organisation dieser mächtigsten und 
xmverwüstlichsten all^r Rechtsinstanzen. 

Die Grossmuth ist keine Gerechtigkeit, hat aber ebenfalls ihre 
naturgesetzlichen Vorbedingungen. So kann sie in echter und un- 
geheuchelter Weise nur eintreten, wo die verletzte Macht sich wirk- 
lich über die Verletzung erhaben weiss und in Folge dessen mit 
Ruhe über sie hinweg'zusehen vermag. Ein grosssinniges Mitgefühl 
für das allgemeine menschliche Schicksal und für die Opfer der un- 
ausweichlichen Noth wendigkeit kann auch allenfalls auf eine beson- 
dere Reue des Uebelthäters verzichten und ihn, wie er auch be- 
schaffen sein möge, mit unverdienter Milde behandeln. Jene hoch- 
herzige Leidenschaft, die mit der matten und widerwärtigen Heuchelei 
der Feindesliebe keine Faser gemeinhat, triumphirt da, wo sie zu- 
gleich mit der eignen Kraft gepaart ist, über die blosse Rache und 
fuhrt, je nach den Umständen, zu einem vollständigen Verzicht auf 
die Vergeltung oder wenigstens zu einer Umwandlung der letzteren 
in solche Uebel, die mit dem Besserungszweck zusammenstimmen 
und keine Feindseligkeit enthalten. Je mehr sich die Rache orga- 
nisirt und verstandesmässig gestaltet, um so leichter kann sie jene 
Haltung annehmen, in welcher sie zum Theil und unter Umständen 
ganz von dem allgemeinen Mitgefiihl aufgewogen werden mag. Die 
wohleingerichtete Gesellschaft, in welcher die Tendenz zum Ver- 
brechen bereits hinreichend zurücktritt, kommt hiedurch immer mehr 
in die Lage, im Namen und mit Einwilligung ihres verletzten Ghedes 
Nachsicht zu üben und schhesslich das Verbrechen wie eine Krank- 
heit zu behandeln. Diese ideale Verfassung ist aber noch nirgend 
vorhanden, und es muss sogar als ein Missstand gelten, wenn die 
staatliche Justizhoheit mit übel angebrachter Bevormundung auf 
Kosten des natürlichen Rechts der verletzten Person milde verfälirt 
und ein wenig mit der doch wohl ernsthaft zu nehmenden Huma- 
nität grade da spielt, wo die Interessen der regierenden Elemente 
nicht berührt werden. Auch Gnade ist meist nicht Grossmuth, son- 
dern berechnende Gunst, deren Uebung die allgemeine Macht der 
sie Gewährenden steigern soll. In der freien Gesellschaft gehört 
das Begnadigungsrecht dem Verletzten und der Gesammtheit zugleich 



— 237 — 

und die letztere darf nimmennehr den ersteren seines Anspruchs auf 
Ahndung berauben. 

8. Es ist nur die Erdrückung des Einzelnen durch eine sich 
als Staat bezeichnende Macht, was die aller freien Individualität 
hohnsprechenden Ansichten und Lehren über den Absolutismus der 
sogenannten Justizhoheit erzeugt hat. Wenn sich irgend eine Form 
der Gesellschaft, und wäre es selbst eine socialistische , einfallen 
Hesse, das Criminalrecht anderswoher als aus der Individualität des 
einzelnen Menschen abzuleiten, so würde sie damit den Boden unter 
den Füssen verlieren. Auch die Sociahsten haben zum Theil noch 
zu lernen, dass die Menschenrechte nicht von Gnaden irgend eines 
Staats existiren und auch künftig nicht auf irgend einer Gesellschafts- 
form, sondern umgekehrt solche Formen auf den Menschenrechten 
beruhen werden. Das Individuum ist der einzige Ausgangs- und 
Zielpunkt alles Rechts, und die Gemeinschaftsgestalten sind nur Ver- 
mittlungen, die von ihm ausgehen und zu ihm hinführen. Jede Ver- 
bindung hat nur soviel wahres Leben, als in ihr an freiem Willen 
der Einzelnen thätig verkörpert ist. Das grundlegende Recht, wie 
wir es bis jetzt betrachtet haben, ist daher auch nur in demjenigen 
Umfange lebendig und weiterhin lebensfähig, in welchem die Grund- 
triebe der individuellen menschlichen Natur allgemeine Achtung er- 
rungen haben. Soweit dies noch nicht der Fall ist, drängt die Natur 
selbst auf eine immer umfassendere Verwirklichung ihrer Gebote hin 
und bedient sich hiezu jenes Stachels, der den Einzelnen treibt, dafür 
zu sorgen, dass die ihn bedrückenden Verletzungen einen Gegen- 
druck erfahren und dass die Handlungen oder Veranstaltungen 
schliesslich in den von vornherein gerechten Bahnen zurückgehalten 
werden. 

Von einer Verletzung, durch welche das Ressentiment rege wer- 
den muss, kann man auch da reden, wo nicht die ursprünglichen 
Rechte, sondern die abgeleiteten, auf Treu und Glauben begründeten 
Verbindlichkeiten missachtet werden. Die ünverletztheit des Körpers 
und des nur aaf die eigne Person gerichteten Willens sind Forde- 
rungen jenes ursprünghchen Rechts, und es gehört hieher auch die 
Freiheit vom Geschlechtszwange, da die Nothzucht eine der stärksten 
und folgenreichsten Vergewaltigungen ist, die sich überhaupt nächst 
dem Tödtungsversuch und der schweren Körperverletzung ausüben 
lassen; denn durch sie wird der freie Wille des Weibes in einer über 
das Einzelleben hinausreichenden Hauptangelegenheit, nämlich in 



— 238 — 

Rücksicht auf Existenz oder Beschaffenheit einer künftigen Geburt 
zunicht und gleichsam todt gemacht. Hieran lässt sich auch die 
Beurtheilung der Zwangsehe schliessen, auf welcher das einseitig 
geordnete Zusammenleben der Geschlechter in der bisherigen Ge- 
schichte überwiegend beruht hat. Die Ehe, sei sie nun auf mehrere 
Weiber gerichtet gewesen oder monogamisch ausgefallen, hat sich 
stets als eine Art Geschlechtssklaverei gekennzeichnet, um von dem 
übrigen mithineinspielenden Halbsklaventhum des Weibes gar nicht 
zu reden. Sie ist eine Form der Herrschaftsausdehnung gewesen, in 
welcher die Männer ihre Verfügungsmacht über die Weiber gleich 
einem Eigenthum gegenseitig abgegrenzt und hiemit ihre Gewalt- 
sphären untereinander als Rechte geltend gemacht haben. Das Weib 
war ursprünglich eine Waare, wie sich das in den alten Kaufformen 
der Eheschliessung recht sichtbar bekundete. Es ist aber auch bis 
heute der Kern der Sache mehr verschleiert als beseitigt. Die alte 
Familie, aus welcher heraus das Weib zur Ehe verkauft wurde, war 
ursprünglich fast souverain wie ein Staat und nichts als eine rohe 
Herrschaftsform. Der dem Scheine nach freie Vertrag, welcher später 
mit dem Erfordemiss der sogenannten Einwilligung des Weibes bei 
der Eheschliessung eine Rolle spielte, hat praktisch eben nicht viel 
zu bedeuten gehabt, und auch jetzt noch ist das vermeintlich freie 
Uebereinkommen theils durch die Reste der FamiUengewalt, theils 
durch den gesetzlich vorgeschriebenen Inhalt des ganzen Verhältnisses 
derartig beschränkt, dass man die fortbestehenden Ueberlieferungen 
der Gewaltehe nur noch zu deutlich erkennt. Das öffentliche und 
absolut verbindliche Recht kann und muss dem Naturgrunde gemäss 
die individuelle Willkür der Privatverträge binden und z. B. Verträge 
auf Hineingebung in Sklaverei, auf lebenslängliche Dienstmiethe u. dgl. 
als unzulässig ausschliessen ; denn hier drückt es nur das ursprüng- 
liche Recht des Privatwillens und dessen individuelles Streben gegen 
die Verletzungen allgemein aus. Es heisst aber grade das Umgekehrte 
thun, wenn man gegen einen vermeinten falschen Individualismus 
augeblich höhere Mächte, nämlich die Satzungen der Halbsklaverei 
des Weibes und einer positiven Zwangsehe anruft. Die freie Ver- 
gesellschaftung, in welcher die gegenseitigen Verbindlichkeiten ein 
natürliches Maass haben und die Freiheit eines jeden Theils keiner 
unwürdigen und namentlich keiner durch den Mangel gleicher Gegen- 
seitigkeit verdorbenen Beschränkung anheimfällt, — die natürlich 
freie Verbindung kann nur bestehen, wo die Unterdrückungen fern- 



— 239 - 

gehalten, nicht aber durch das sogenannte Recht gegen die Menschen- 
rechte geschützt werden. 

Mein Princip des Ressentiment zeigt auch für die Bindungs- 
formen, welche auf irgend eine Gemeinschaft des Lebens gerichtet 
sind, das an, was eine Unterdrückung sein würde, und ausserdem 
auch das, was, sobald einmal ein bestimmtes Verhältniss von Treu 
und Glauben, also irgend eine Uebereinkunft im Sinne der Natur- 
antriebe und Naturnothwendigkeiten geschaffen ist, als verletzender 
Bruch gelten müsse. Die Einhaltung der Verträge, die nicht selbst 
ein natürliches Unrecht einschliessen, also die allgemeine Gebunden- 
heit an freie Uebereinkünfte ist etwas Principielles und Axiomatisches 
und ist daher wohl einer Veranschaulichung durch Hinweisung auf 
das Ressentiment, aber keiner weiteren Ableitung fähig oder be- 
dürftig. Diejenigen Verträge, welche nur ideelle Ausdehnungen des 
Unrechts und der Unterdrückung sind, werden zugleich nach ihrem 
Ursprung zu beurtheilen sein, und ein Bruch derselben wird nicht 
den gleichen Charakter haben können, wie wenn es sich ursprüng- 
lich um die freie Eingehung von Beziehungen ohne Verletzung der 
Gerechtigkeit gehandelt hätte. Der bestimmte, durch den positiv 
schaffenden Willen erzeugte Inhalt der Vertragsgebilde lässt sich 
nur negativ, nämlich in alledem, worauf er sich nicht richten darf, 
nach unserm Fundamentalprincip beurtheilen , muss dagegen nach 
seiner wesentlich schöpferischen Seite aus dem Gesichtspunkt der 
Zweckmässigkeit und einer Art von Kunst bemessen werden. Die 
eigentliche Gerechtigkeit ist hier also gar nicht mehr oder nur mittel- 
bar in Frage, und dieser Thatsache gemäss sind auch diejenigen Ge- 
bilde zu beurtheilen, die in der ferneren Entwicklung an die Stelle 
der geschichtlichen Zwangsehe und des Gewalteigenthums treten 
müssen. Die Kunst der Gesellschaftsbildung, die in den Schranken 
der Gerechtigkeit verbleibt und die Naturantriebe am meisten veredelt, 
ist mit ihren Lebenszwecken hier die einzige verbindliche Gesetz- 
geberin. Einzig und allein dieses Gebiet verdiente im Gegensatz zu 
der blos hemmenden und mithin negativen Gerechtigkeit die Bezeich- 
nung als echt positives oder positiv schöpferisches Recht, wobei na- 
türlich der Ausdruck positiv eine ganz andere und weit edlere Be- 
deutung erhält, als in dem gemeinen Sprach- und Begriffsgebrauch. 

9. Nach derjenigen Ehe d. h. durch Uebereinkunft geordneten 
Geschlechtsgemeinschaft, bei welcher die Würde und Freiheit des 
rein sittlichen Verhältnisses vor einem directen polizeilichen oder 



— 240 — 

einem indirecten aus der ökonomischen Unselbständigkeit entsprin- 
genden Zwang gesichert bleibt, könnte das Eigenthum den zweiten 
Hauptfall der durch positive üebereinstimmung gebildeten Rechtsein- 
richtungen vorstellen. Indessen ist hier die blosse Mechanik der Gewalt 
fast noch umfassender wirksam gewesen, als im Bereich der historischeu 
Ehe. Köunen wir bei der Ehe noch immer das Wort beibehalten, 
um die höhere, mit dem Polizeizwang und der lebenslänglichen Pro- 
stitution brechende Entwicklungsform der Zukunft zu bezeichnen, so 
ist dies bei dem Eigenthum nicht mehr der Fall; denn der grösste 
Theil der Gedanken, die mit diesem Wort innig verwachsen sind, 
bezieht sich auf Zustände, Verhältnisse und Handlungen, die nicht 
nur die Vorenthaltung der Natur, sondern auch die active Ansich- 
uahme der aufgehäuften Arbeit durch den Nichtarbeiter bedeuten. 
Das sogenannte Eigenthum, welches nur in seinen unerheblichen 
Beträgen und ausserdem ntir zu einem geringen Theil ein wirkliches, 
nicht gegen unser fundamentales Gerechtigkeitsprincip verstossendes 
Eigen ist, hat seinen Ursprung überwiegend in der Knechtung des 
Menschen durch den Menschen. Nur indem die Herrschaft über 
Personen ausgedehnt wurde, die nun als Sklaven den Boden bearbeiten 
mussten, wurde es möglich, auch die Herrschaft über die eigentliche 
Sachenwelt in bedeutenderem Maasse auszudehnen. Ohnedies wäre 
der Einzelne weder mit -der allgemeinen noch mit der speciell wirth- 
schaftHchen Herrschaft über den Grund und Boden irgend weiter 
gekommen. Es hätte ihm zwar der Weg der freien Vergesellschaftung 
mit Andern zu gleicher Gegenseitigkeit in Arbeit und Genuss offen- 
gestanden; aber eben dieser Weg hätte ja dem Entstehen der ein- 
seitigen und ausschliesslichen Herrschaft der Einzehnacht über den 
Grund und Boden und über die umfassenderen Productionsmittel 
entschieden vorgebeugt. Anstatt einer gleichen Gesellung und eines 
Zusammenwirkens auf gleichem Fuss zu gleichen Rechten und Pflichten 
hat historisch das nackte Kräftespiel ohne erhebliche Rücksicht auf 
Verletzungen die sogenannten Ordnungen des Gewalteigenthums ge- 
schaffen. Dieses gesehichthche Gewalteigenthum ist daher ursprüng- 
lich nicht eine Ursache, sondern eine Wirkung der ganzen und halben 
Sklaverei sowie überhaupt aller durch das Schwert des Kriegers ge- 
schaffener Unterordnungen, dem der Trug der Priester erst hinterher 
secundiren konnte, indem er die Ergebnisse der blossen Gewalt- 
mechanik als eine geheiligte Ordnung zu verklären suchte. 

Das Recht zur vollen und ausschliessHchen Herrschaft über eine 



— 241 — 

Sache lässt sich in keiner Weise aus stichhaltigen Rechtsgründen 
ableiten. Die Thatsache einer solchen Herrschaft ist noch kein 
Recht, und erst wenn die Nichtachtung dieser Thatsache als Ver- 
letzung nachgewiesen würde, gegen welche sich das Ressentiment 
unter allen Umständen wie gegen eine Körperverletzung kehren 
müsste, — erst dann, auf Grund einer solchen Nachweis ang, würde 
jene Thatsache der übrigens blos über ein Stück der Natur aus- 
gedehnten Herrschaft als Recht gekennzeichnet sein. Dieses Recht 
wäre aber immer noch nicht das historische Gewalteigenthum , weil 
das letztere die Versklavung der Menschen einschliesst, die nicht 
einmal als Strafe gerechtfertigt werden kann. Einen Andern vom 
Zugange zur Natur und ihren Hülfsquellen ausschliessen , ist sogar 
selbst eine Verletzung, und hiemit wird ein derartiges ursprüngliches 
Unrecht schon ein Bestandtheil des Eigenthums an Stücken der 
blossen Natur. Auf die eigne persönliche Unverletztheit und mithin, 
auch auf das unbeeinträchtigte Gewährenlassen der Arbeit und des 
Genusses ihrer Früchte ist das strengste Recht vorhanden und zwar 
aus dem einfachen Grunde, weil jeder fremde Uebergriff in diese 
Sphäre mit der gleichen Geltung der Persönlichkeiten unvereinbar 
wäre und das natürliche Ressentiment herausfordern würde. Jedoch 
darf aus eben demselben Grunde Niemand darauf Anspruch machen, 
etwas als Eigen zu haben, was zwar mit seiner Arbeit verwachsen, 
übrigens aber ein Stück der Natur ist, die von Niemand ohne Un- 
recht gegen Andere monopolisirt d. h. zu etwas ausschliesslich Be- 
herrschtem gemacht werden kann. Da nun die Trennung der be- 
thätigten Arbeit von dem Naturstück, an welchem sie haftet, durch 
Verbrauch der Producte nur zum Theil bewerkstelligt wird und eine 
dauernde Wirkung der einfurallemal ausgeführten Arbeiten als Rest 
in Anschlag kommen mag, so bleibt nichts übrig als die Auseinander- 
setzung im Wege einer positiv schaffenden, den gleichberechtigten 
Zugang zur Natur regelnden Kunst. Andernfalls Hesse sich einfach 
fordern, dass die Arbeit aus ihr^ Verbindung mit der Natur heraus- 
gezogen und so Platz auch für fremde Thätigkeit beschafft würde. 
An die Stelle jenes sehr scheinbaren Eigenthums, welches aus der 
Arbeit stammen, aber ausschliesslich werden und sich die Natur in 
ihren unbeweglichen und beweglichen Theilen einverleiben soll, tritt 
der genauere Begriff eines Rechtes zur ungestörten Arbeitsbethätigung 
an der Natur und zum unbeeinträchtigten Genüsse der Arbeitsfrüchte. 
Dieser Begriff lässt sich aber ohne positiv schöpferische Regelung 

Dühring, Cursus der Philosophie. ^^ 



— 242 — 

der Thätigkeitsbereiche der Glieder einer politisch wirthsehaffcenden 
Gesellschaft nicht verwirklichen. Es kann daher nur in demjenigen 
sociahstischen Gebilde, welches ich in meinem Cursns der Social- 
ökonomie als socialitäres System gekennzeichnet habe, ein echtes 
Eigen an die Stelle des blos scheinbaren und vorläufigen oder aber 
gewaltsamen Eigenthums treten. Dieses Eigen gilt nur der Person 
und der Unverletztheit ihrer auf Leben und Lebenssteigerung ge- 
richteten Mühen. 

Aus dem Vorangehenden folgt, dass die schlimmste Art des 
Gewalt- oder Ausbeutungseigenthums nicht die Natur, sondern die 
in den dauernden Erzeugnissen gleichsam angesammelten Arbeits- 
leistungen zum Gegenstande hat. Wer sich die Herrschaft über ein 
Naturstück aneignet und den Andern davon gewaltsam ausschliesst, 
enthält ihm nur das vor, was er ihm ohne Verletzung der gemein- 
samen natürlichen Ansprüche nicht verweigern kann. Wer dagegen 
die fremde Arbeitsleistung ohne völlig gleichen und mithin gerechten 
Austausch an sich bringt, nimmt positiv etwas weg, was er nicht 
nehmen darf. Das Eigenthum also, welches so zu sagen aus der 
Menschheitsdomäne stammt und ausser in der Sklaverei in der Auf- 
häufung fremder Arbeit bestanden hat oder, mit andern Worten, 
der ausschliessHche Capitalbesitz ist im Allgemeinen noch einen Grad 
ungerechter als der Alleinbesitz des bereits durch die blosse Natur 
Vorhandenen. In dem einen Falle wird der Mensch nur verhindert, 
seine gleichen Ansprüche auf die Natur geltend zu machen; in dem 
andern Falle werden er selbst und seine Leistungen angegriffen und 
es wird ihm das entrissen, was er bereits, und zwar am meisten zu 
eigen hat. Man wende hier nicht die Vererbung ein; denn diese 
kann keine Eigenthumsrechte schaffen, die nicht schon vorhanden 
sind, und die gerechte d. h. gleiche Erbtheilung trägt nicht nur 
nichts zur Aufhäufung bei, sondern arbeitet im G^entheil auf eine 
gesellschaftliche Zerlegung der concentrirten Ansammlungen hin. Es 
giebt daher keinen Weg, auf welchem ein gerechter Arbeitsaustansch 
zu sonderlichen Eigenthumsmassen verhelfen könnte. Sogar die 
grössere Umsicht und Arbeitsamlceit kann unter natürlichen und 
gleichen Verhältnissen keine grosse Kluft reissen und namentlich 
nicht eine solche, die durch den Wechsel der Schicksale nicht bald 
wieder ausgeglichen würde. In einem idealen Gemeinwesen müssen 
aber derartige Vorzüge, nach dem Grundsatze des gleichen Werths 
der Arbeitszeit, grade wie die Naturvortheile für die Gesammtheifc 



— 243 — 

und nicht für ausschliessliche Sonderinteressen oder egoistische Auf- 
häufnngsbestrebungen ergiebig werden. 

Aus der Zwangsehe und dem Gewalteigenthnm ergiebt sich die 
Lehre, dass es sich im Privatrechtsgebiet gleichsam um eine schöpfe- 
rische Kunst handelt, die zu Gebilden besserer menschlicher Vereini- 
gung fuhrt. Alle bisherige Geschichte ist in diesem Bereich etwas 
Yorläufiges gewesen. Sie hat nur Halbrechte gekannt, die zwischen 
den Gliedern bestimmter Classen galten, aber der Volksmasse gegen- 
über das Gegentheil von natürlichen Rechten waren. Die Gerechtig- 
keit ist theils in der Rohheit des ursprünglichen Wollens theils in 
der Unwissenheit von vornherein untergegangen und muss solange 
und insoweit unterdrückt bleiben, als sich nicht das bessere Bewusst- 
sein nebst den dasselbe tragenden Kräften umfassend und in ge- 
liöriger Breite entwickelt. 



IDrittes Oapitel. 

Bessere Menschheitsausprägung. 

Höher als die Rücksichten der nothdürftigsten Sitte und des 
unerlässlichsten Rechts stehen die auf eine edlere Menschlichkeit 
gerichteten Bestrebungen, da durch sie erst recht eigentlich der po- 
sitive Gehalt und die vollkommnere Artung des Lebens gestaltet 
wird. Man erhebt sich über das gewöhnliche Niveau der Moral, 
indem man die Kunst der positiven Veredlung der Menschennatur 
und ihrer Bethätigungsarten in das Auge fasst, und man lässt die 
Enge rein juridischer Einschränkungen und blosser Verneinungen 
hinter sich, wenn man das offene und weite Feld humanitärer Cultur 
betritt. Hier darf nicht mehr blos davon die Rede sein, dass sich 
der Mensch selbst beschränke, um den Wirkungen der Ausschweifung 
zu entgehen und sich vor Verletzungen des Nebenmenschen zu hüten; 
der leitende Zweck greift vielmehr über diese Negativitäten hinaus 
und fordert die Entfaltung derjenigen Eigenschaften, durch welche 
die menschliche Sitte ein harmonisches und ideales, namentlich aber 
ein sympathisches Gepräge erhält. Mit der gemeinen Ordnung der 
Triebe und Affecte sowie mit der moralischen und juristischen Ge- 

16* 



— 244 — 

rechtigkeit ist nur eine unerlässliche Vorbedingung, aber keineswegs 
die Hauptsache erledigt. Das Leben ist nicht dazu gemacht, um 
in der Ueberwindung von Hindernissen und Störungen des Rechts 
aufzugehen und den Triumph über derartige Schwierigkeiten als das 
letzte Ziel gelten zu lassen. 

Die natürliche Beschaff^heit des Menschen wird durch Cultur 
und Erziehung bestimmter gestaltet, bleibt aber immer die maass- 
gebende Schranke. Da uns die ursprüngliche Artung des Menschen, 
wie sie durch die blosse Hand der Natur verzeichnet wurde, praktisch 
gleichgültig bleiben kann, so haben wir unser Augenmerk auf das- 
jenige Natürliche zu richten, welches sich im Rahmen der Cultur 
producirt. Aus dem Mutterschooss geht der Mensch bereits mit einer 
Ausstattung von Eigenschaften hervor, die in den Gewohnheiten und 
Sitten der früheren Geschlechter ihren Grund haben. Von der blossen 
Muskelfiinction bis zur Gedankenbildung hinauf macht sich die üeber- 
lieferung geltend, und das beharrliche Festwerden der besondem 
Anlagen und Eigenschaften kann als eine Art langsamer Verfassungs- 
änderung des gesammten Organismus gelten. Für Schöpfung und 
Vernichtung von guten oder schlimmen Sondergebilden und Mischungs- 
compositionen ist die Geschlechterfolge von entscheidender Bedeutung. 
Zufall oder Auswahl der Gesellung oder gar systematische Zucht ver- 
fügen in souverainster Weise über Dasein, Artung und Schicksal 
eines Wesens, welches einst seine harmonische oder disharmonische 
Constitution zu empfinden und glücklich oder unglücklich zu erproben 
haben wird. An dieser Ausstattung, mit der es in die Welt kommt, 
vermag es nachträglich nicht viel zu ändern. Es mag im Rahmen 
derselben das beste Theil erwählen, aber es kann die Mängel und 
Gebrechen nicht nur nicht fortschaffen, sondern wird dieselben wenig- 
stens zum Theil noch weiter fortpflanzen. Erst eine Reihe von Ge- 
schlechtem ist im Stande, erhebUch und nachhaltig an der physio- 
logischen Unterdrückung des Schlimmen und an der Häufung des 
Gelungenen zu arbeiten. Die bessere Composition und Vervollkomm- 
nung des menschlichen Typus wird aber trotzdem die Racen- und 
Stammeseigenschaften nur erst in sehr grossen Zeiträumen berühren 
und sich übrigens damit begnügen müssen, innerhalb des gegebenen 
nationalen oder noch engeren Rahmens die Vervollkommnung schaf- 
fend und ausmerzend zu • bewerkstelligen. Ohne Vernichtung oder 
Zerst(3rung der Übeln Eigenschaften und ohne ein Hinwirken auf die 
Femhaltung der ungünstigen Mischuugsgebilde wird es hiebei nicht 



— 245 — 

abgehen können. Die rein positive Fürsorge fSr die edleren Com- 
binationeu würde an sich selbst ungenügend bleiben, wenn sie nicht 
von zerstörenden Mächten begleitet wäre, die sich gegen die Fort- 
existenz oder gegen die ursprüngliche Entstehung und Uebertragung 
des Schlimmen kehrten. Nicht die Darwinistischen Phantasien über 
den Kampf um das Dasein und auch nicht die wahrhaften Wirkungen 
desjenigen Kampfes, den die Naturmechanik in der That aufzuweisen 
hat, liefern uns ein Bild von den eigentlichen Chancen der Vervoll- 
kommnung oder Entartung. Der bewusste und alsdann völlig un- 
moralische Kampf, durch welchen das eigne Dasein egoistisch und 
ungerecht auf Kosten des fremden Lebens gesteigert wird, kann nur 
dazu fähren, die innern Anlagen zur Feindschaft des Menschen gegen 
den Menschen und zur Raubthiersitte zu vermehren. Die sich auf- 
lösenden Zustände politischer und gesellschaftlicher Fäulniss mögen 
jenen Kampf, der in einigem Maass und ohne sonderliches Bewusst- 
sein den rohen Ursprungszuständen am ehesten eigen ist, in raffi- 
nirter Weise wieder hervorbringen ; sie werden hiemit nur eine Sitten- 
verderbniss und eine Yerschlechterung der Charaktereigenschaften 
einleiten, die da beweist, dass es sich um die gegenseitige Vernich- 
tung der verkehrtgewordenen Bestrebungen handelt. Diejenigen, 
welche nichts als den brutalen Kampf um das Dasein kennen und 
wollen, verdienen in der That, dass sie von einem kannibalischen 
Schicksal ereilt werden und ärgere^ Erfahrungen machen, als die 
blos unglücklichen Schiffbrüchigen, die, auf ihrem Boote vor den 
Wellen, aber nicht vor dem Hunger gerettet, die menschenverzehren- 
den Ureigenschaffcen des Geschlechts gleich vielen heutigen Wilden 
von Neuem bethätigen. Die modernen Wilden einer untergehenden 
Civilisation mögen sich in dem Chaos der Auflösung um ihr eignes 
Fleisch und Blut balgen und sich in diesem Handwerk noch obenein 
als Kämpfer für die Cultur und als Fürsorger für eine bessere Gat- 
tung verherrlichen lassen. Sie werden zeitweilig in einigen Schichten 
allerdings eine Veränderung des menschlichen Typus zu Wege brin- 
gen, aber eine solche, welche die kurzlebige, den baldigen Tod ver- 
kündende Eigenart der zufällig triumphirenden Bestie für eine Spanne 
Zeit sichtbar macht, um alädann in den bestienhaft vergossenen 
Strömen von Blut selbst endgültig zu versinken. Von dieser Seite 
ist mithin nur die Steigerung der Lebensunfähigkeit und die Ent- 
wicklung derjenigen Eigenschaften zu gewärtigen, welche das Leben 
den verkommenden Elementen verleiden, dann seiner selbst gar nicht 



— 246 — 

mehr werth erscheinen lassen und schliesslich auch durch fremde 
Abschneidung der verkünstelten Bedingungen unmöglich machen, 
Ueberraschen darf dieser Gang der Dinge nicht; denn der egoistische 
Kampf um das Dasein ist die principielle Ungerechtigkeit selbst und 
kann daher als leitender Gesichtspunkt nur zu einem Chaos der uni- 
versellen Feindschaft, Auflösung und sowohl moralischen als physi- 
schen Vernichtung fähren. 

2. Angesichts der Bedeutsamkeit der Fortpflanzung für Fest- 
haltung, Ausmerzung und Mischung sowie sogar für neue gestaltende 
Entwicklung von Eigenschaften muss man die letzten Wurzeln des 
Menschlichen oder Unmenschlichen zu einem grossen Theil in der 
geschlechtlichen Gesellung und Auswahl und überdies noch in der 
Sorge für oder gegen einen bestimmten Ausfall der Geburten suchen. 
Das Gericht über die Wüstheit und Stumpfheit, welche in diesem 
Gebiet herrschen, muss praktisch einer späteren Epoche überlassen 
bleiben. Jedoch ist wenigstens soviel von vornherein auch unter 
dem Druck der Vorurtheile begreiflich zu machen, dass weit mehr 
als die Zahl, sicherHch die der Natur oder menschlichen Umsicht 
gelungene oder misslungene Beschaffenheit der Geburten in Anschlag 
kommen muss. Ungeheuer sind allerdings zu allen Zeiten und unter 
allen Rechtszuständen der Vernichtung anheimgegeben worden; aber 
die Stufenleiter vom Regelrechten bis zur vollständigsten Verzerrung 
in das nicht mehr Menschenähnliche hat viele Sprossen. Auch ist 
der Aberglaube an die Unfehlbarkeit der Natur einer der schlimm- 
sten. Im Groben durch die Missgeburten widerlegt, zieht er trotz- 
dem seine Consequenzen in der ganzen Breite des nicht grade ab- 
solut monströsen Daseins. Da indessen seine mittelalterliche Ein- 
wurzelung eine grosse Zähigkeit in Aussicht stellt, so lohnt es sich 
heute noch nicht, eine noch ziemlich entfernte Zukunftsfrage im 
Hinblick auf eine unmittelbare Praxis zu erörtern. Die vorausgehende 
Fürsorge, die vor der Erzeugung an das Ergebniss denkt, ist der 
heutigen Vorstellungsweise gegenüber etwas weit eher Plausibles. 
Wird dem Entstehen eines Menschen vorgebeugt, der doch nur ein 
schlechtes Erzeugniss werden würde, so ist diese Thatsache offenbar 
ein Vortheil. Natur und Mensch, die in diesem Falle als ein ein- 
ziges Wesen zusammenwirken, sind vor der Schöpfung eines aus- 
schweifenden und unzuträgHchen Gebildes bewahrt. Ja man kann 
sagen, dass die allgemeine Natur in ihrer rohen Wirksamkeit der- 
artige Correctureu erfordere, wenn nicht in dem Hauptpunkte, näm- 



— 247 — 

lieh in dem künftiges Leben und Bewusstsein schaffenden Drange, 
Chaos nnd Zufall die erste Rolle spielen sollen. 

Unter Verachtung der Darwinistischen Art der Naturzüchtung, 
deren Unzutreffendes wir schon früher blosgestellt haben, wenden 
wir uns unmittelbar zu den höheren, echt menschlichen Beweggründen 
der heilsamen Geschlechts Verbindungen. Hier ist die menschlich 
veredelte Gestalt der Geschlechtserregung , deren Steigerung sich als 
leidenschaftliche Liebe kundgiebt, in ihrer Doppelseitigkeit die beste 
Bürgschaft für die auch in ihrem Ergebniss zuträgliche Verbindung. 
Die Anzeigen der gegenseitigen Liebe müssen als ästhetische Urtheile 
über den Werth der Vereinigung angesehen werden, und es ist nur 
eine Wirkung zweiter Ordnung, dass aus einer an sich harmonischen 
Beziehung auch ein Erzeugniss von zusammenstimmendem Gepräge 
hervorgehe. Hieraus folgt wiederum, dass jeder Zwang schädlich 
wirken muss, indem er nicht nur die Freiwilligkeit der Natur von 
den angemessenen Gegenständen ablenkt, sondern auch den Ge- 
schlechterverkehr auf die niedrigsten, ihrer veredelnden Empfindungs- 
bestandtheile beraubten Triebformen einschränkt. Ein derartiges 
Herunterkommen auf gemeinere Triebbethätigungen ist nun freilich 
der gewöhnliche Fall, und sehr häufig ist nicht einmal ein Herunter- 
kommen in Frage, weil die Höhe selbst unbekannt und unerprobt 
blieb. Hierin liegt ja aber grade der Beweis für den niedrigen Stand 
der gemein menschlichen Beschaffenheit im Bereich der bisherigen 
Cultur. Das rein thierische Dasein steht oft höher als die gedrückte 
und entartete Menschlichkeit; denn es ist bisweilen solcher Erregungen 
fähig, welche sich in ihrer so zu sagen sittlichen .Gestaltung edler 
ausnehmen, als die entsprechenden, zur Leidenschaftslosigkeit ent- 
arteten und fast zu einer vegetativen Function herabgesunkenen 
Triebe des animalisch nivellirten Menschenwesens. 

Obwohl uns die Liebe hier zunächst in ihrer Bedeutung für das 
schöpferische Ebenmaass der Erzeugungen entgegengetreten ist, so 
hat sie doch ihren Werth in sich selbst und ist keineswegs darauf 
angelegt, vorzugsweise eine Rolle als Mittel für einen ausser ihr 
liegenden Zweck zu spielen. In der natürhchen Liebe ist der ein- 
zelne Gegenstand, auf den sich diese Art der Gemüthsbewegung 
richtet, das Band, durch welches auch der geistige Zusammenhang 
mit der Gattung geknüpft, und durch welches die Vereinzelung des 
Wollens aufgehoben wird. Die Geschlechtsliebe und die sich daran 
knüpfende Liebe zu dem Erzeugniss ist der Grundtypus für alle 



— 248 — 

Affectionen des aufrichtigen und sympathischen Wohlwollens. In 
den Elementen der menschlichen Natur findet sich nichts, was eher 
zu einer echten Menschenhebe fuhren könnte, als diejenige Gesin- 
nungsrichtung, welche sich unter dem Eindruck des höheren Natur- 
antriebs entwickelt und nicht blos für den Entstehungsfall sondern 
auch in den allgemeinen Uebertragungen des Wohlwollens ihre Wir- 
kung übt. Wenigstens lässt sich die Thatsache der enthusiastischen 
Menschenliebe, die doch nie ganz weggeleugnet werden kann, nicht 
anders erklären, als aus einer Gemüthsrichtung, in welcher sich das, 
was sonst Geschlechtsliebe sein würde, in einer unbestimmteren Ge- 
stalt als Liebe zum Menschengeschlecht kundgiebt. Auch darf diese 
Annäherung von zwei verwandten Affecten nicht überraschen, da ja 
in beiden Fällen die Gattung als solche und ein geistiges Hinaus- 
strebeu über die Vereinzelung des Daseins in Frage kommt, üebri- 
gens gäbe es für die Erkläining des Wohlwollens nur die Hinweisung 
auf die Rückwirkungen empfangener Wohlthaten, die aber selbst 
wiederum nur dann eine wohlwollende Gesinnung erzeugen können, 
wenn sie selbst von einer solchen ausgehen. Es bliebe daher als 
ursprüngliche Ursache nur die Güte des Gemüths und Charakters 
offen. Die Annahme derselben muss nun zwar ebenso gestattet sein, 
wie diejenige der Bosheit und Tücke; aber wir müssen uns diese 
Güte selbst verständlicher machen, indem wir sie mit den edleren 
Gestaltungen der Geschlechts- und Mutterliebe vergleichen. 

3. Die Philanthropie, in dem modernen Sinne des Worts, ist 
mit so grossen Schwächen, Selbsttäuschungen und thatsächlichen 
Trugbestandthejlen versetzt, dass ein Anschlagen ihrer Saiten für 
den Kenner nicht mehr recht einen reinen Klang geben will. Der 
muthlose Beccaria, der ja eine Hauptfigur dieser Gattung war, hat 
selbst eingestanden, dass er zwar der Menschheit nützen, aber doch 
lieber die klare Wahrheit hinter Dunkelheiten der Darstellung ver- 
stecken, als irgend ein Märtyrerthum für sie auf sich nehmen wollte. 
Wenigstens war dies seine vertrauliche Entschuldigung, als ihm von 
einem seiner üebersetzer die Unverständlichkeit vieler Gedanken und 
der Mangel an Zusammenstimmung vorgehalten wurde. Wohin eine 
ehrliche und hochherzige Natur, die zuerst an die Criminalphilan- 
thropie des Italieners anknüpfte, von diesem Ausgangspunkt her 
schliesslich gelangen mochte, bezeugt ein grosses Beispiel, wie es 
nicht leicht auf gleicher geschichtlicher Höhe gefunden werden dürfte, 
nämlich dae Verhalten des durch Verleumdung und Geschichtsfälschung 



— 249 — 

80 arg entstellteu J. P. Marat. Sein Plan einer Strafgesetzgebung 
war eine Schrift, in welcher das, was Beccaria im Dunkel belassen 
hatte, von der zugleich humanitären und charakterfesten Gesinnung 
in das vollste Licht gestellt wurde. Jedoch sollte Marat, der übri- 
gens auch als Mann der Wissenschaft, nämlich als originaler physi- 
kalischer Scliriftsteller Bedeutung hatte, in dem Ringen der Revo- 
lution es noch gleichsam naturgesetzlich darthun, wie jene Philan- 
thropie in die Vernichtung der Girondisten auslaufen musste. Im 
Kampfe für die Menschenrechte wird die gemeine Philanthropie regel- 
mässig dann fehlen, wenn sich die Dinge ernsthaft gestalten, und 
sie wird mit ihrer typischen Charakterschwäche denen das Feld 
räumen müssen, die gleich einem Marat an die Stelle iln-er zaghaften 
und schmiegsamen Verschwommenheiten die eherne Nothwendigkeit 
einer wirklichen Menschheitsaction setzen. In der That ist der Platz 
der vulgären, meist mit einer guten Dosis eitler Wichtigthuerei auf- 
tretenden Philanthropie vornehmlich da, wo es gilt, zwischen den 
Beinen der Gewalthaber mit einer Ladung gehorsamster Linderungs- 
mittel durchzusegeln, und zwar dürfen die fraglichen Milderungen 
die delicatesten und schlimmsten Punkte gar nicht berühren. Am 
auffälligsten hat sich dies in der neusten Kriegsphilanthropie gezeigt, 
welche sich wohl hütete, die schlimmsten Gräuel und namentlich 
diejenigen der Bürgerkriege irgend anzutasten. Ihre Officiosität ist 
so unverkennbar, dass ihr Mangel an Stimme Angesichts der ärgsten 
Gräuel und ihre Betonung der amtlichen Nebendinge bisweilen direct 
den Charakter einer Parteinahme gegen echte Menschlichkeit ange- 
nommen hat. Fast ausschliesslich auf die Sorge für die Verwundeten 
der regelrechten Heere eingeschränkt, hat sie vorzugsweise die sen- 
timentale Rührmalerei cultivirt und ist ffeleo^entlich auch unter den 
Machthabern grade den Afrikanischen Hyänen, die sich durch einen 
gleichen Grad von Feigheit, Grausamkeit und Liebhaberei für Ca- 
daver auszeichneten, eifrig nachgelaufen. Diese logiklose Bettelphi- 
lanthropie spielt auch ein wenig in sogenannte christliche Liebe 
hinein und pflegt sich gern ein wenig mit diesem Mantel zu dra- 
piren. Nun hat aber leider die seit anderthalb Jahrtausenden pri- 
vilegirte Barmherzigkeit nie etwas Ganzes und Durchgreifendes für 
die Menschheit ausgerichtet, sondern im günstigsten Falle nur in 
vereinzelter Weise einige Linderung für diejenigen Üebel geschafft, 
zu deren Entstehung und Fortbestand eben die Träger jenes christ- 
lichen Systems ihren vollen Segen gespendet hatten. Der heuch- 



— 250 — 

lerische Zug, dem ,die sogenannte Feindesliebe naturgesetzlich von 
vornherein anheimfällt, hat sich auch in der neuern Philanthropie 
dieses Schlages nicht verleugnen können. 

4. Auf eine andere Gattung, nämlich die Socialphilanthropie, die 
in den unklaren und politisch restaurativen Zuständen mit ihrer Halb- 
romantik am ehesten heimisch geworden ist und der es ebenfalls, 
aber doch nicht in gleichem Maasse an Charakter gebrach, brauchen 
wir hier nicht einzugehen. Dagegen ist die Criminalphilanthropie, 
die trotz ihrer schwachen Seiten und trotz der Yaterschaffc Beccarias 
immerhin in der Richtung milderer Cultur mitgewirkt hat, noch be- 
züglich ihrer Tendenz gegen die Todesstrafe und ihres Einti'etens 
für Himianisirung der Strafmittel ein wenig ins Auge zu fassen. 
Der Tod als Abschreckungsmittel und der Tod als eigentliche Ge- 
rechtigkeitsstrafe sind zwei ganz verschiedene Einrichtungen. Der 
terroristische Gesichtspunkt hat mit der Ahndung einer Verletzung, 
die vom Menschen gegen den Menschen verübt ist, nur zufälHg oder 
vermittelst entfernter Ableitungen etwas zu schaffen. Sowenig die 
Tödtung im kriegerischen Kampfe als die Verhängung eines Actes 
der Gerechtigkeit angesehen wird, ebensowenig darf die gleichsam 
polizeiliche Androhung des Todes, vermittelst deren eben nm* ein 
Zweck erreicht werden soll, oder gar der die Rolle eines politischen 
Ausrottungsmittels spielende Tod an sich selbst und ohne Weiteres 
für einen Ausdruck jener natürlich rückwirkenden Gerechtigkeit ge- 
halten werdeu, aus welcher sich einzig und allein eine eigentliche 
und sühnende Strafe herleiten lässt. Man betrachtet den Menschen 
fast nur als Sache, d. h. ohne Rücksicht auf sein Recht, wenn man, 
um ihn als Werkzeug kräftig zu bestimmen oder als Hinderoiss aas 
dem Wege zu räumen, im Voraus die Androhung oder sofort den 
Tod selbst in Anwendung bringt. Zwischen beiden Verfahrungs- 
arten ist kein so überaus grosser Unterschied, und man wird daher 
schon viel Licht über die einschlagenden Fragen verbreiten, wenn 
man sich daran gewöhnt, den systematischen oder irgendwie orga- 
nisirten Mord sowie auch die in den Formen der Justiz vollzogene 
WegräumuQg nicht mit der Todesstrafe zu verwechseln. Vor der 
natürlichen Gerechtigkeit würden vielmehr diese Arten der Todes- 
verhängung selbst die tödtliche Rache herausfordern und sich mithin 
in diesem Sinne die Todesstrafe oder deren humanen Ersatz verdient 
haben. Dringt man bis auf den letzten Gmnd der Verhältnisse, so 
werden allerdings überall nur zwei Möglichkeiten von Bedeutung 



— 251 — 

sein. Entweder ist die Tödtung ein Mord, der als ursprüngliches 
Verbrechen von Einzelnen und Völkern aus Raubsucht, Bosheit oder 
andern Beweggründen geübt wird, oder sie ist ein Racheact, wohin 
auch die zufälligen Wirkungen und Rückwirkungen eines nicht von 
vornherein auf das Aeusserste angelegten Streites und Kampfes ge- 
hören, xluf irgend einer Seite und in irgend einer Beziehung wird 
eine imgerechte Verletzung zu Grunde liegen ; denn nur aus der ur- 
sprünglich verletzenden Gewalt kann die Berechtigung der wiederum 
geübten Gewalt hergeleitet werden. Alle den Tod bringende Gewalt 
ist also entweder spontane Verletzung oder gerechte Rückwirkung 
gegen eine solche. Die Frage ist nun die, ob die höher entwickelte 
Humanität von dieser Art der Rückwirkung absehen könne oder, 
mit andern Worten, ob sich die veredelte und ihrer Rohheit ent- 
kleidete Rache, zu welcher sich Rücksichten und Affecte entgegen- 
gesetzter Art gesellen, an der Verhängung anderer Uebel genügen 
lasse. 

Die behäbige Gelassenheit, mit welcher die Justiz ihre Opfer in 
den Tod schickt, entfernt sich sehr weit von der unmittelbaren 
Natürlichkeit der frischen oder Angesichts der fortdauernden Macht 
des Verletzers irisch erhaltenen Rache. Die Natur dieses Affects ist 
zwar ursprünglich meist roher und unter Umständen grausamer; aber 
sie ist es selten über die lebendige Empfindung hinaus, und sie kommt 
nicht leicht in den Fall, einen Feind, der vollkommen unterworfen 
und seiner Selbständigkeit gänzlich verlustig ist, vom Standpunkt 
unvergleichlicher Uebermacht mit kaltem Muthe abzuschlachten. Oft 
ist der Tod, den sie austheilt, nur eine zufällige Wirkung des un- 
mittelbaren Kampfes oder eine Maassregel der Nothwehr. Die Rache 
will den feindlichen Willen treffen und niedergebeugt sehen; aber 
der Tod seines Trägers ist ihr bisweilen eine sich unerwünscht ein- 
mischende Vorbedingung der Anthuung einer geistigen Pein. In 
ihrer fm'chtbarsten Steigerung würde sie dem Verletzer sogar den 
Zauber einer immer wiederholten Auferweckung gönnen, um ihn von 
Neuem sterben zu lassen, und sie würde sich um diesen Preis auch 
allenfalls mit seinem ewigen Leben aussöhnen. Sie würde sich hiebei 
bald erschöpfen oder ausgeglichen finden und in ihrem Verhalten 
deutlich beweisen, um was es ihr eigentlich zu thun ist. Mit dem 
Tode geht sie über ihr wahres Ziel hinaus, und sie kann den Tod 
selbst nicht mehr wollen, sobald ihr die Möglichkeit offensteht, den 
Verletzer ohnedies gehörig zu treffen. Hiezu kommt, dass der ein- 



— 252 — 

zige Fall, in welchem naturgemäss die Tödtung als gerecht erscheiuen 
kann, nämlich die vorgängige tödtliche Verletzung durch den Mör- 
der, nur äusserst selten von dem Betroffenen selbst wahrgenommen 
werden wird. Der erfolglose Mordversuch ist jedenfalls ein nicht so 
klarer Grund für die Gegentödtung, die. mehr als Wirkung des 
Kampfes oder der Nothwehr, nämlich wahrhafte Gerechtigkeit sein 
soll. Das Eintreten der Augehörigen oder überhaupt Anderer fährt 
nun freilich nicht zum Verzicht auf die äusserste Befriedigung der 
Rache, schwächt aber da, wo nicht ein Band besonderer Liebe und 
Aufopferung den Rächer an den Verletzten kettete, die Ressenti- 
ments durchschnittlich eher ab und verschärft sie' nur ausnahmsweise. 
Der Regel nach wird also der Rächer, der nicht für die eigne Person 
eintritt, so handeln, als wenn ihm ein grosses Unheil zugefügt, aber 
nicht so, als wenn er selbst eine tödtliche Verletzung empfangen 
hätte. Er wird die Unbill als gegen einen Lebenden, nämlich gegen 
ihn selbst gerichtet verfolgen und in dieser Lage eher geneigt sein, 
sich mit der Uebernahme eines Uebels durch den Verletzer oder mit 
der Aufzwingung eines solchen zufrieden zu geben. Ein geschicht- 
licher Beweis für diese Richtung der Menschennatur ist das schon 
im vorigen Capitel erwähnte Compositionensystem. Die Tödtung des 
Mörders ist hienach im Allgemeinen selbst dann keine naturgesetz- 
liche Nothwendigkeit, wenn nichts als die Logik der gesicherten 
Rache in Frage kommt. Die Tödtung ist unter allen Umständen 
ein Zuviel, und man muss in ihr stets einen Ueberschuss über das 
hinaus erblicken, was lebende Menschen einander anthun dürfen, 
weun sie Rache und Gerechtigkeit mit Verstand üben wollen. 

Nimmt man aber auch an, dass der eben bezeichnete Unterschied 
nicht so ins Gewicht fällt, imi die Gegentödtung zu einem Mehr 
oder zu einem Weniger zu machen, als die eigentliche Gerechtigkeit 
mit sich bringt, so muss das Princip der Humanisirung der Straf- 
arten die Sache vollends entscheiden. Mit dem Rechtsgefühl lassen 
sich glücklicherweise auch höhere Rücksichten vereinbaren. Die 
Menschheit, die sich durch die Naturgesetze dem Verbrechen unaus- 
weichlich verfallen sieht und ihr allgemeines Loos erkennt, wird die 
individuellen Regungen der Rache nicht aufheben, aber im Sinne 
der Solidarität und collectiven Verantwortlichkeit massigen und 
veredeln. Sie wird von der Zurechnung nicht absehen, aber den 
mildernden Umstand der allgemeinen, in der Constitution des Men- 
schenwesens angelegten Fehlbarkeit und Verbrechensverhängung 



— 253 — 

gelten lassen. Sie wird dies im Laufe der Entwicklung nicht blos 
können, sondern auch müssen, und so ergiebt sich dann erst die 
wahre Erhabenheit über die ausschliessliche Geltung des Ursprung - 
heben rohen Naturspiels. Die Natm- war nur ein roher Anschlag, 
der sich in seiner weitern culturmässigen Entwicklung berichtigen 
musste. So wird sogar der Gewaltmechanismus in edlere Formen 
gebracht und die Enthaltung von der Tödtung auch da ein Gesetz, 
wo es sich um die gerechte Rückwirkung gegen einen Mord handelt. 
Alle bessere Sitte in der Wahl der Strafmitfcel beruht auf einer ähn- 
Kchen Verfcieftmg und Einkehr des menschlichen Bewusstseins in sich 
selbst. Das unselige Uebel, welches der Mensch über den Menschen 
bringt, soll in allen Richtungen und mithin auch da gemässigt wer- 
den, wo es nur den Zweck hat, ein noch grösseres moralisches Uebel 
und nebenbei auch eine Gefahr zu vermeiden. 

5. Die Vermenschlichung der Strafen setzt besser gewordene 
Menschengruppen voraus oder wenigstens solche, für deren Lebens- 
weise und Denkart die einfache Freiheitsbeschränkung oder die 
zwangsweise auferlegte Arbeit bereits ein hinreichend empfindliches 
Uebel bildet. Ein Uebel muss nämlich die Strafe unter allen Um- 
ständen bleiben, wenn sie ihrem Begriff entsprechen und nicht über- 
haupt aufhören soll, ein Act der vergeltenden Gerechtigkeit zu sein. 
Angesichts der nicht etwa blos durch die sehr unzulängliche Grimi- 
nalstatistik, sondern aus innern Gründen feststehenden Nothwendig- 
keiten einer je nach Umständen grössern oder geringern Summe von 
Vergehen, könnte man, sobald diese Summe durch Culturverbesse- 
ruugen sehr klein wird, allenfalls daran denken, die Gesichtspunkte 
der Gerechtigkeit und Abschreckung, die beide von der Natur in 
der Rache vereinigt sind, gegen die Sorge um nachträgliche Siche- 
rung und Besserung zurücktreten zu lassen. Es gehören zum Ver- 
brechen wie zur guten Handlung positive Gründe, und man kann 
nicht behaupten, dass die allgemeine Menschennatur als solche von 
vornherein zu Uebelthaten neige. Sind also Zustände vorhanden, in 
denen sich die Beweggründe zu Verletzungen stark vermindert und 
vielleicht auf sehr vereinzelt vorkommende Situationen beschränkt 
finden, so mögen die. alsdann eintretenden verbrecherischen Abnor- 
mitäten der Handlungsweise immerhin gleich Störungszuständen des 
Geistes aufgefasst und ausschliesslich mit solchen moralischen Heil- 
mitteln behandelt werden, in denen die Absichtlichkeit eines ver- 
geltenden Uebels nicht mehr als wesentlicher Bestandtheil erscheint. 



— 254 — 

Irgend ein üebel wird ohnedies schon darin liegen, dass der Ver- 
letzer nach Art eines Unzurechnungsfähigen in seiner Freiheit beein- 
trächtigt und zwangsweise einem Verfahren unterworfen wird, wel- 
ches gegen etwaige neue Ausschreitungen seinerseits sichern und ihn, 
wenn möglich, dauernd bessern d. h. mit einer nachhaltig umgewan- 
delten Gesinnung ausstatten soll. Bei den kleinem Vergehen zeigt 
es sich sogar, dass der Mangel der Zurechnung und das Anheim- 
fallen an ein Besserungsverfahren ein grösseres Uebel sein müsste, 
als die gemeine Strafe. Niemand will unter dem Vorwande der all- 
gemeinen Unzurechnungsfähigkeit für geringere Vergehen in öflFent- 
liche Zucht genommen oder gleich einem Gemüthskranken zu einem 
Heilverfahren eingesperrt oder wohl gar unter Vormundschaft gestellt 
werden. Dies wäre aber der Sinn der allzu grossen Philanthropie. 
Ist der Verbrecher, wie z. B. bei einem trotz des sonst guten Cha- 
rakters im Zorn verübten Todtschlag, selbst innerlich von der That 
bedrückt, so wird er zu irgend einer Art nützlicher Abbüssung imd 
zu einem Versuch der dauernden Disciplinirung der maasslosen Af- 
fecte aus eignem Antriebe geneigt sein. Selbst in den idealsten Zu- 
ständen wird man aber auch nicht mehr als dies voraussetzen können, 
und dann wäre es offenbar besser und rationeller, eine geringe und 
eigentliche Strafe bestehen zu lassen, übrigens aber nur dafür zu 
sorgen, dass es dem Einzelnen nicht an Gelegenlieit fehle, sich frei- 
willig einem Besserungsregime zu unterwerfen oder in solche Lebens- 
lagen einzutreten, in denen sein etwa nicht zu beseitigender Fehler 
vom Schadenstiften möglichst zurückgehalten wird. 

Weit verstandesmässiger als die doch stets etwas nebelhaften 
und sich selbst leicht missverstehenden Wünsche, den Verbrecher 
von der künftigen Gesellschaft ausschliesslich wie einen Kranken be- 
handelt zu sehen, sind die auf die Vorbeugung gerichteten Forde- 
rungen. Sind einmal Verletzungen vorhanden, so kann keine Macht 
der Welt die Natumothwendigkeit irgend einer Art der Sühne gänz- 
lich überwinden. Die Formen der Ausgleichung und Versöhnung 
tnögen sich veredeln; aber das Uebel wird in dreierlei Gewalt, näm- 
lich als doppelte äusserliche Schädigung und dann noch als mora- 
lische Regelwidrigkeit bestehen bleiben. Ueber alle drei Unheils- 
bestandtheile zusammen können nur die vorbeugenden Mittel positiver 
Art triumphiren. Man muss danach streben, anstatt den Anreiz zum 
Verbrechen durch die drohende Rache und Strafe aufwiegen zu 
wollen, von vornherein die antreibenden Kräfte selbst zu beseitigen 



— 255 — 

.;ud durch zweckmässige Gestaltung der gesellschaftlichen Verhält- 
nisse die bösen Neigungen zu entwurzeln. Lässt sich in dieser Rich- 
tung auch noch keineswegs eine vollständige üeberwindung aller 
störenden Regungen absehen, so ist es doch möglich, ganze Classen 
von Verirrungen wegzuschaffen, die fast ausschliesslich in der socialen 
Organisation ihren Gnmd haben, und vermöge deren eine Summe 
von Vergehungen wie von einer grossen Maschine producirt wird. 
NotH, Rohheit, Unwissenheit und positiver Aberglaube sind aller- 
dings nicht die einzigen Schöpfer aller Verbrechen. Es bleiben auch 
genug für den Uebermuth und das Raffinement übrig. Wohl aber 
sind beide Arten von Entstehungsgründen für die überwiegend grosse 
Masse der Verbrechen als Verzweigningen einer und derselben ün- 
zuträglichkeit der gesellschaftlichen Verfassungszustände aufzufassen. 
Der Uebermuth ist nur das Gegenstück der Gedrücktheit durch die 
Noth, und er würde mit seiner verdorbenen Verkünstelung und seinen 
maasslosen Begehrlichkeiten von ungerechter und oft vergifteter Art 
gar nicht in dem thatsächlichen Umfange existiren, wenn ihm nicht 
Mangel, Elend und Ohnmacht auf der andern Seite gegenüberständen. 
Durch die letztern wird seine Kraft in einer doppelten Beziehung 
erzeugt; erstens empfängt er von hier seinen Reichthum, und zwei- 
tens kann er denselben gegen die mit der Noth Kämpfenden als eine 
um so stärkere Waffe gebrauchen. Will man daher die Ungerechtig- 
keit einschränken, so muss man die Verhältnisse von Ohnmacht und 
Uebermacht politisch und wirthschaftlich ausgleichen. 

Das entscheidende Princip wird die Ablenkung der menschlichen 
Kräfte von dem gegenseitigen Kampf durch die positive Hinleitung 
derselben auf die Arbeit an der Natur sein. Der Wetteifer muss 
fortbestehen ; aber er muss sich darauf richten, in der Üeberwindung 
der Naturhindernisse des veredelten Daseins die grössten Erfolge zu 
erzielen. Die Einzelnen und die Völker können nur dann friedlich 
und gerecht nebeneinander hergehen oder gar sich positiv in der 
besten Form und am nachhaltigsten fördern, wenn sie sich ent- 
schliessen, statt zum grössten Theil vom offenen oder verdeckten 
Raube, ausschliesslich von ihrer an der Natur bethätigten Arbeit zu 
leben. Ein System, in welchem die Ausbeutung des Menschen durch 
den Menschen als nothwendiger Bestandtheil figurirt, ist in der 
Wurzel ungerecht und muss daher auch weitere Ungerechtigkeiten 
in allen Richtungen massenhaft hervorbringen. Wo die Aneignung 
fremder Arbeit den' Reichthum der Minderzahl schafft, da ist schon 



— 256 — 

hiemit der Raub zum herrschenden Motiv gemacht, und man kann 
sich nicht wundern, wenn er sich in den kleinern Angelegenheiten 
nicht ausmerzen lässt. So bedeutsam nun für die gegenseitigen Be- 
ziehungen der Völker und der Einzelnen die Ablenkung der sich 
zum Raub versucht fühlenden Kräfte auf die Natur auch ist, so 
kann diese versöhnende Richtung der Thätigkeiten doch unter den 
heutigen Culturverhältnissen nur äusserst beschränkt zur Anwendung 
kommen. Solange das Ablohnungssystem der Arbeit besteht und 
der Zugang zur Natur hiemit für die grosse Masse der Menschen 
versperrt bleibt, kann die Arbeit direct nicht viel ausrichten, sondern 
bleibt für ihre Erfolge an den Kampf des Menschen mit dem Men- 
schen gebunden. Eine solche Einrichtung muss aber stets viele Ver- 
brechen und Vergehen in ihrem Gefolge haben, indem sie die Inte- 
ressen und Begierden in einem künstlich gesteigerten feindlichen Con- 
flict erhält. 

6. Erinnern wir uns nach dem Blick, den wir auf die Störung en 
der bessern Menschhchkeit gethan haben, nun wieder daran, dass 
die edlere Ausprägung menschhcher Sitte schliesslich immer am 
meisten von dem positiven Gehalt abhängen wird, den man ihr über 
die blosse Ueberwindung der Hemmungen hinaus zu geben vermag. 
Wir gingen davon aus, dass der Mensch schon in den Generationen 
besser zu formen, zu produciren und zu sichten sei. Die Griechische 
Kunst, den Menschen in Marmor zu idealisiren, wird nicht das gleiche 
geschichtliche Gewicht behalten können, sobald die weniger künst- 
lerisch spielende und daher für das Lebensschicksal der Millionen 
weit ernstere Aufgabe in Angriff genommen wird, die Menschen- 
bildung in Fleisch und Blut zu vervollkommnen. Diese Art Kunst 
ist keine blos steinerne, und ihre Aesthetik betrifft nicht die An- 
schauung todter Formen und die davon abgeleiteten Eindrücke, son- 
dern das ursprüngliche Leben und Weben der Empfindungen und 
Gefühle lebendiger Wesen. Auch der von den Philologen so ge- 
nannte Humanismus hat nicht viel mit echter Menschlichkeit zu 
schaffen. Er steht tief unter der Griechischen Kunstüberlieferung; 
deim die Hellenischen Marraormenschen, welche glücklicherweise un- 
mittelbar zu unsern Sinnen und nicht das Griechisch der Pedanten 
reden, dürften alle andern Reste des Alterthums noch am längsten 
überdauern. Sie dürften noch dann etwas bedeuten, wenn schon 
der Inhalt der Griechischen Literatur zu den abgelegten Bildungs- 
stoffen einer überwundenen ersten Einachulungsphase der neuen Zeit- 



— 257 — 

alter gerechnet werden wird. Der aber schon längst verrottete Phi- 
lologenhiimanismus, der eigentlich nur im Zeitalter der Renaissance 
einige von der Folie der mittelalterlichen Trägheit günstig gehobene 
Frische für sich hatte, — diese abgestorbene und immer mehr aus- 
getrocknete Pflanze von vermeintlich dauernder, schon ursprünglich 
überschätzter, jetzt aber nicht nur vollends nichtiger, sondern sogar 
schädlicher Bedeutung für die Cultur hat ihr Wesen und Unwesen 
durch vier Jahrhunderte wohl zur Genüge sichtbar gemacht. Man 
kennt jetzt ihren Bau mehr als hinlänglich*, und man wird sich 
weiterhin nicht versucht finden, ihre Elemente auch nur als zum 
Dünger der Zukunft geeignet gelten zu lassen. Die sogenannte hu- 
manistische Bildungsart entspricht ihrem Namen so wenig, dass man 
sie getrost als eine der Unmenschlichkeiten bezeichnen kann, mit 
denen die Jugend heimgesucht und um das frische Fühlen und Wissen 
betrogen wird. 

Die Menschlichkeit der Griechen beschränkte sich in allen Gat- 
tungen auf die künstlerische Form und war übrigens im Leben nicht 
von sonderlichem Werth, sobald man die falschen Idealisirungen der 
neuern, offenbar romantischen Auffassungen entfernt und ausserdem 
den höhern Maassstab unserer heutigen Forderungen anlegt. List 
und Trug der Hellenischen Welt spiegelten sich schon im Odysseus 
ihrer Urdichtung, sowie die rohe Grausamkeit in Achilleus und seiner 
an Hektor ausgelassenen Rachewuth. Strengere Wissenschaft ist in 
der classischen Zeit nur in geringem Umfang hervorgebracht wor- 
den, und so bleibt denn auch in der Literatur, also namentlich bei 
den Dichtem und Geschichtsdarstellem nichts als die ebenmässige 
Form übrig, die uns Neueren überdies zunächst als ein unüb er treff- 
bares Muster menschlicher Natürlichkeit erscheinen konnte, weil uns 
der Byzantinismus und das Mittelalter in lauter Unnatur begraben 
hatten. Dieser Zauber des Contrastes, der noch heute so viele Geister 
gefangen hält, wird jedoch vollständig gelöst werden, sobald die 
heutigen Nach- und Fortwirkungen des Mittelalters endgültig ver- 
schwinden. Alsdann wird die grössere Freiheit des rein Menschlichen 
in den verschiedensten Richtungen Thaten verrichten und Werke 
schaffen, die auch in der Form für das lebendige Dasein einen 
grössern Werth einschliessen werden, als die sämmtlichen todten 
Ueberlieferungen der Vergangenheit. 

7. Die Kunst beginnt in der Natur mid wird dort in der zweck- 

Dühriiig, Cursus der Philosophie. 1" 



— 258 — 

und ebenmässigen Einrichtung - des Kräftespiels und der Lebens- 
functionen mit mehr oder minder Erfolg ausgeübt. Von dem Men- 
schen soll diese Kunst an seinem eignen Leibe und an den Grup- 
pirungsformen der gesellschaftlichen Gruppen fortgesetzt werden. Die 
schöne Kunst, im gewöhnlichen und engem Sinne des Worts, und 
innerhalb ihres Gebiets vornehmlich die Poesie, ist nach ihrer bis- 
herigen Rolle nur als eine Art Vorspiel für bedeutendere und tiefer 
wurzeltreibende Regungen des menschlichen Wesens anzusehen. Von 
der Einmischung des Kinderhaften, ja überhaupt von dem nicht blos 
kindlichen sondern auch kindischen Charakter, der die Kunst und 
Poesie der bisherigen Menschheitsepoche mit falschen Spielen der 
Phantasie und albernen Auffassungen der Dinge und des Lebens 
entstellt hat, soll hier nicht eingehender geredet werden. Wohl 
aber ist im Hinblick auf die Sitte daran zu erinnern, dass die Dich- 
tung, welche in die Leidenschaften gestaltend und veredelnd ein- 
greifen mag, sich doch auch thatsächlich der Fortpflanzung des Ver- 
kehrten im Wollen und Wissen und zwar in der umfassendsten 
Ausdehnung dienstbar erwiesen hat. Ihr haftete stets dieselbe Ueber- 
lieferung an, welche die Mängel und Rückständigkeiten des wirk- 
lichen Lebens verschuldete. Ja sie stattete die vom Leben über- 
wundenen Vorstellungen durch eine Art conventioneller Galvanisirung 
mit dem trügerischen Scheine der idealen Unsterblichkeit aus, indem 
sie die Fiction des Absurden als ein Recht künstlerischer Freiheit 
in Anspruch nahm. Auf diese Weise erhob sie sich nur wenig über 
das Kindheitsstadium der Menschheit und Menschlichkeit. Sie lernte 
im Grossen und Ganzen niemals, sich die reine und hohe Aufgabe 
stellen, die naturwahren Empfindungen, Gemüthsbewegungen, An- 
schauungen und Gedanken in einer ungemischten, geklärten und 
fictionslosen Weise vorzuführen. Die erhabene poetische Function, 
durch welche dem Menschen Herz und Sinne erst vollends aufge- 
schlossen und eines gesteigerten, aber trotzdem maassvolleren Fühlens 
und Wollens theilhaft gemacht werden, musste auf diese Weise stark 
beeinträchtigt werden. Setzen wir aber auch als Ideal der Zukunft 
eine mythenfreie, superstitionslose und direct menschliche Poesie und 
Kunst voraus, so werden die von ilir abzuleitenden Affectionen und 
Veredlungen doch vergleichungs weise nur als Wirkungen zweiter 
Ordnung gelten dürfen, wenn man auf der andern Seite die hohe 
Emmgenschaft erwägt, die in einer physiologisch stärker ausgeprägten 



— 259 — 

Befähigung zur eignen und ursprünglichen Hervorbringung lebendiger 
und maassvoller Wahrnehmungen und Erregungen enthalten sein 
müsste. Die intensive Kraft des Genies wird zwar stets nur in der 
Vereinzelung seltener individueller Steigerungen vorhanden sein kön- 
nen; aber auch das allgemeine Niveau mag sich nach dieser Höhe 
hin heben und so die Masse der Menschen und nicht blos deren 
Empfänglichkeit, sondern auch deren ursprünghche und selbständige 
Thätigkeit, also auch die positive Kraft zum entgegenkommenden 
Verständniss auf der Stufenleiter der Typusveredlung einen höheren 
Platz einnehmen lassen. Der Urquell der Poesie ist das gesteigerte 
und ebenmässig geformte Lebensgefühl. Die Wirkung auf diesen 
Urquell ist aber wichtiger, als die Sorge um die blos abgeleiteten, 
erst durch die Uebertragung auf Andere in grösserer Breite fongi- 
renden Erregungen. Die Wellenspiele, die von der Poesie im Ge- 
müth erzeugt werden, haben keinen grossen Werth für die dauernde 
Veredlung des Menschen, solange nicht die eigne innere Verfassung 
des mitempfindenden Wesens mit einer nachhaltigen Gestaltungskraft 
in einigem Maasse ausgestattet ist. 

8. Wenn die in einem weiteren und ernsteren Sinne des Worts 
ästhetische Formung der Triebe und Leidenschaften zu einem grossen 
Theil in der Poesie ihren Ausdruck findet und zu einem andern 
Theil von der Poesie ausgeht, so wird die Sprache nicht nur eine 
praktisch hochwichtige Rolle spielen, sondern auch ein treffendes 
Bild für den Entwicklungsgrad der höheren Menschlichkeit abgeben. 
An der Sprachveredlung mag Jeder leichter als vermöge anderer 
Merkmale die Unterschiede der Cultur und der Verwahrlosung er- 
kennen. Eine zugleich affectiv volle und im Verstände genaue 
Sprachgestaltung ist sogar die Vorbedingung eines befriedigenden 
und bequemen Verkehrs. Die Verunstaltungen der Sprachgewohn- 
heiten tragen die Spuren geschichtlicher Thorheiten und Uebelstände 
deutlich genug zur Schau. Welche Verrenkung des Natürlichen 
liegt nicht beispielsweise in der Anrede eines Einzelnen als einer 
Mehrheit unä als eines Dritten! Das ist die Unnatur und Unter- 
thänigkeit Byzantinischer Art. Auch die Art von Logik, die sich 
in der vornehmlich als gebildet bezeichneten Sprachgestaltung der 
Literatur verkörpert hat, und die sehr oft mehr Unlogik als der 
entsprechende Volksdialekt enthält, würde den Anfechtungen weniger 
entgehen, wenn nicht grade die Sprachzergliederer dem Autoritären 

17* 



— 260 - 

und Privilegienhaften am blindesten ergeben wären. Das falsche 
Denken und das falsche Fühlen verkörpern sich oft schon in den 
Bezeichnungen und noch weit mehr in den Bildern, Vergleichungen 
oder noch volleren Sprachwendungen. Die Unsitte hat gleich der 
Sitte auch hier ihr Reich, so dass man sich auch in der Sprache 
nicht ohne Kritik dem thatsächlichen Herkommen zu unterwerfen 
hat. Hier reden wir jedoch nur von dem Werth, welchen die Sprache 
als Ausdruck und Hülfsmittel der edleren Menschheitsausprägung in 
Anspruch nehmen kann. Solange die Sprache der Yolksmasse der 
Vernachlässigung anheimfällt und nur die sehr rasch in eine träge 
Stauung gerathende und in der Trennung von ihren Quellen schliess- 
lich absterbende Büchersprache einer sehr zweideutigen Pflege ge- 
würdigt wird, kann das allgemein seinsollende Yerständigungsmittel 
seinen Beruf noch nicht zu einem Zehntel erfüllen. Die Kluft zwi- 
schen den verschiedenen Schichten bleibt alsdann zu gross, als dass 
in Rücksicht auf eine bewusstere Sitte und ein bewussteres Recht 
die in dieser Richtung unentbehrliche Gemeinsamkeit vorhanden sein 
könnte. 

Der durch die Sprache vermittelte Verkehr schliesst Alles ein, 
was von den gröbsten Interessen bis zu den feinsten Rücksichten 
hinauf für gute oder schlechte Sitte in Frage kommt. Auch die 
zarteren Benehmungsarten spiegeln sich in den gewohnheitsmässigen 
Sprachwendungen. Die Rohheit der Natur wird durch das Gewählte 
der rücksichtsvollen und im echten Sinne des Worts bescheidenen 
Ausdrucksart verfeinert. Die leichtesten Verletzungen, die sich un- 
willkürlich und ohne böse Absicht einfinden mögen, werden ver- 
mieden, und wenn auch oft von einer verschnörkelten Sitte schliess- 
lich nur die todten Formen übrig bleiben, so ist dies kein stich- 
haltiger Einwand gegen den Vortheil, den die in den Grenzen wahrer 
Natur edel ausgebildeten Gesetze des geselligen Verkelirs an sich 
selbst haben müssen. Hohlheit und Verzerrung sind allerdings hier 
gegenwärtig das Ueberwiegende; aber hieraus folgt nur, dass man 
sich im ferneren Menschheitsleben zu bemühen habe, die edle Ein- 
fachheit des Natürhchen mit der bewussteren Rücksicht auf die zu 
meidenden Verletzungen zu vereinbaren. Auch die Geselligkeits- 
gewohnheiten und die ihnen dienstbaren Sprachwendungen, Be- 
grüssuugsformeln oder sonstigen Aeusserungsarten sollen in jeder 
Beziehung wahr sein. Wenn sie in der Wirklichkeit unserer hier 



— 261 -. 

ebenso wie anderwärts gemischten und aufzulösenden Zustände ein 
Reich der Heuchelei und Verlogenheit vorstellen, so ist eine solche 
Beschaffenheit glücklicherweise kein dauerndes Natur- und Cultur- 
gesetz. 

Wer an der späteren allgemeinen Verbreitung einer wahr und 
gut gearteten, die gesellige Rohheit überwindenden Sitte zweifeln 
möchte, der möge bedenken, dass wir in einem verwandten, aber 
leichter verständhchen Fall trotz aller Rückständigkeiten der bis- 
herigen Geschichte die spätere Nothwendigkeit der Veredlung bereits 
klar genug absehen können. Trunk und Völlerei oder Annäherungen 
daran, also überhaupt Ausschweifungen, die sich an die gemeinsten 
Triebe des Eigenlebens anknüpfen, werden grade in den höheren 
Gesellschaftsschichten und zwar zum grossen Theil aus Langerweile 
im weitesten Umfange beliebt und von Geschlecht auf Geschlecht 
als herkömmliche Sitte vererbt. Ebenso ist die abstumpfende Nar- 
kose in oft schon von vornherein ekelhaften Formen ein Stückchen 
Sitte oder vielmehr Unsitte, in welcher sich die Völker nach Maass- 
gabe ihrer verschiedenen Mittel ergehen, und mit welcher sie den 
Typus besserer Menschlichkeit verunstalten. Ob es die Unsauber- 
keiten der Einlassung mit dem Tabak oder die Verzückungen des 
Opiumrausches sind, oder ob die Getränke und Nahrungsmittel wider- 
wärtig erregende oder überhaupt für die feinere Empfindung ver- 
werfliche Eigenschaften haben, — dies Alles entscheidet ebensowenig, 
wie die grössere oder geringere Barbarei in der Wahl der umnebeln- 
den oder sonst schädlichen Stoffe, gegen den allgemeinen Grundsatz, 
dass jede Art und jedes Maass von Abirrung in dieser Richtung mit 
einer vervollkommneten Sittengestaltung unverträglich werden müsse. 
Nicht blos das eigne Befinden, sondern auch der Eindruck im ver- 
edelten geselligen Verkehr hängt von der Ausmerzung solcher Miss- 
gebilde eines falschen Lebensgenusses ab. Die Wüstheit oder gar 
Abgestumpftheit der Gehirnverrichtungen in der allgemeinen Behand- 
lung und in den besondern Geschäften des Lebens ist zu einem 
grossen Theil auf jene gröberen, rein sinnlichen Elemente der Un- 
sitte zurückzuführen. Auch die öffentlichen Angelegenheiten haben 
hierunter in mehr als einer Hinsicht zu leiden; jedoch sind sie es 
auch, zu deren Stand eine Gesellschaft passt, die ihren verfügbaren 
Ueberschuss an Kräften und Mitteln vielfach nicht anders unterzu- 
bringen weiss^ als indem sie beide im Rafßnement naturwidriger 



— 262 — 

Gemissmittel und in Ausschweifangen vergeudet und verdirbt. Der 
Mangel an Gelegenheiten zu einer besseren Thätigkeit und zu einem 
wahrhaft gesteigerten Lebensgenuss erklärt hier sehr viel. Man darf 
nicht erwarten, dass die auf eine Privatexistenz unpolitischer und 
unsocialer Art reducirten Menschen sonderlich bessere Wege finden, 
ihre Lebenslust geltend zu machen. Mit der ümschaffung des ge- 
sammten Gemeinlebens werden daher auch für jene gröbsten, aber 
darum nicht unwichtigsten Grundlagen der Sitte bessere Stützen zu 
gewinnen sein. 



FGnfter Abschnitt. 

Gremeinwesen und G-escMclite. 



Erstes Oapitel. 
Freie Gesellschaft. 

Jjine genauere und den Namen der Wissenschaft verdienende Lehre 
von den Grundgesetzen des menschlichen Gemeinlebens ist erst in ver- 
einzelten Anfängen vorhanden. Sie darf sich nicht mit Thatsachen 
begnügen, sondern muss ableitend und gestaltend verfahren. Die 
einzige bedeutende Probe dieser Richtung ist die Rousseausche Arbeit 
über den Gesellschaftsvertrag nebst den ihr zu Grunde liegenden 
oder verwandten Speculationen desselben grossen Schriftstellers. Zu- 
treffend konnte er behaupten, dass für das natürliche politische 
Recht und für die entsprechende Politik noch erst der Grund zu 
legen sei; denn Hobbes hatte zwar in originaler, aber rückläufig 
verfehlter Richtung im Sinne des Despotismus geschrieben. Die. 
Aufstellungen Macchiavellis hatten nicht einer natürlichen Con- 
struction des Gemeinwesens, sondern nur den Maximen gegolten, 
welche in verderbten Zuständen den Kampf der Regierenden mit 
den Regierten im Sinne der ersteren regeln sollten. Diese Maximen 
setzten den zwiespältigen Unterdrückungsstaat mit seinem ewigen 
innern Kriegszustand voraus, und der pessimistische Formulirer der 
von allen Rechtsrücksichten entbundenen Regeln der List und Ge- 
walt konnte nicht daran denken, die Bestandtheile und Vorbedin- 
gungen eines naturgemäss gesunden Gemeinwesens darzulegen, üebri- 
gens hat aber diejenige Halbwissenschaft, die sich Politik nennt und 
von den im Dienste der Regierungen stehenden Historikern oder 
Juristen behandelt worden ist, nichts aufeuweisen, was im günstig- 
sten Falle über die grob wahrnehmbaren Thatsachen und deren ein- 



— 264 — 

seitige Beleuchtung hiuausreichte. So ist denn bis auf den heutigen 
Tag Rousseau der einzige bedeutende Vorgänger auf der neuen Bahn 
geblieben. Jedoch hat er den Grund nicht tief genug gelegt, indem 
er von der Volkssouverainetät ausging und den Willen des Einzelnen 
allzu leichten Kaufs einem Mehrheitswillen unterworfen sein liess. 

Das politische Recht muss sich ebenso, wie alle Gerechtigkeit, 
auf ein einfaches Schema der Verhältnisse zwischen einzelnen Men- 
schen zurückführen lassen. Der einzige Unterschied wird bei diesen 
Ableitungen darin bestehen, dass die Beziehungen von zwei Menschen 
nur für die Entwicklung der obersten Principien ausreichen, während 
die Verwirklichung derselben die Hinzufügung einer Mehrheit gleich- 
sam als einer dritten, in den besondem Streit nicht verwickelten 
oder wenigstens dabei nicht gleich stark betheiligten Macht voraus- 
setzt. Der beliebige Wille wird hier an sich selbst gar nichts gelten, 
sondern auch dann , wenn er Allen in übereinstimmender Weise an- 
gehört, noch an der natürlichen Gerechtigkeit zu messen sein. Zwei 
Menschen können eine Gesellschaft nur durch Verständigung über 
ein Zusammenwirken bilden. Sie mögen sich in Rücksicht auf die 
Wirthschaft oder andere Zwecke verbünden und unterstützen; aber 
sie sind nicht im Stande, sich gegenseitig die Enthaltung von Ver- 
letzungen eigentlich zu garantiren. Im Falle eines Streits mag ein 
moralisches Band des Willens ausgleichend mitwirken; aber eine 
äussere Garantie, dass nicht Kampf und Gewalt, ganz wie in der 
ursprünglichen Isolirung, die einzigen Austragsformen und hiemit 
ebenso die Stützen des Rechts wie des Unrechts werden, ist offenbar 
nicht vorhanden. Denkt man sich Beide mit gleicher Stärke und 
Klugheit sowie auch sonst mit gleichen Mitteln des Angriffs und 
der Vertheidigung ausgerüstet, so wird die Zuflucht zu Gewalt und 
List allerdings durchschnittlich dem Einen nicht mehr Erfolg als 
dem Andern in Aussicht stellen, und es wird daher Jeder eher ge- 
neigt sein, von unnützen Versuchen abzustehen und die anderseitige 
Einsicht zur Verständigung anzurufen. Indessen ist weder diese 
Gleichheit so genau bemessen, noch sind die Zufälle so unerheblich 
oder die Leidenschaften von vornherein so gezügelt, dass sich auf 
die gegenseitige Enthaltung vom Kampf sonderlich rechnen Hesse. 
Jm Allgemeinen wird die Vereinigung von zwei Personen, welche 
durch Interesse oder auch durch sympathische Regmigen gestiftet sein 
mag, nur soviel Frieden einschliessen, als die Zwischenfiille der sich 
kreuzenden Interessen gestatten. Allerdings gehört zur Feindschaft 



— 265 — 

und Veruneiuigaug so gut eine besondere Ursache, wie zur Ver- 
gesellschaftung und Freundschaft. Auch ist die menschliche Natur 
in ihrem reineren und besseren Typus nicht auf gegenseitige Berau- 
bung angelegt. Dennoch genügt aber schon dieselbe Rohheit , die 
dem unentwickelten Verstände in seiner Einsichtsgestaltung anhaftet, 
auch im Gebiet des Willens und der noch nicht an das Maass ge- 
wöhnten Triebe und Leidenschaften, um gelegentlich die schärfsten 
Conflicte zu erzeugen. Nun hat in unserm Schema Keiner von Beiden 
das Recht, dem Andern seinen Willen aufzudrängen; wie die Ver- 
bindung freiwillig ist, so sind es auch alle einzelnen Acte in der- 
selben; ja in der Summe dieser Acte besteht eigentlich das ganze 
Verhältniss. Die einseitige Verletzung eines Abkommens ist natür- 
lich ein unrecht; aber die Berufung auf die natürliche Gerechtigkeit 
kann sich nur an den Verletzer selbst richten, der alsdann in eigner 
Sache entscheidet. Von üeber- oder Unterordnung, also überhaupt 
von Herrschaft kann in dem Verhältniss Beider naturgemäss nicht 
die Rede sein. Bringt irgend ein Zweck ein planmässiges Zusammen- 
wirken mit sich, so wird die zeitweilige Uebertragung der Leitung 
an den einen Theil nicht im Entferntesten eine Herrschaft ein- 
schliessen. Die Unterordnung der eignen Thätigkeit nach Maassgabe 
des vereinbarten Plans ist eine rein technische und überdies frei- 
willige, die jeden Augenblick zurückgenommen werden kann, wenn 
sie die Gleichheit der Interessen erheblich kreuzen sollte. Ausserdem 
muss sie zwischen beiden Theilen wechseln, damit auch der Schein 
eines eigentlichen Vorrechts vermieden werde. In einem derartigen 
Verhältniss liegt mithin das höchste Fundamentalprincip alles voll- 
kommenen menschlichen Gemeinlebens, nämlich die Ausschliessung 
von Hen'schaft und Knechtschaft und mithin aller eigenthchen Hen- 
schaft angedeutet. Die freie Vergesellschaftung kann nie zum Herren- 
thmn des Einen über den Andern führen. 

2. Es würde ein erster, äusserst folgenreicher Fehler sein, wenn 
man, im Hinblick auf den Mangel an äussern und körperlich zwin- 
genden Garantien der Gerechtigkeit, nun einen mächtigen Dritten 
fordern wollte, der, stärker als jeder von den beiden Andern, zum 
Frieden und Recht nöthigte. Dies würde nur das Recht von Sklaven 
ergeben und auf der willkürlichen Gnade beruhen. Zwischen den 
Beiden auf der einen und dem Dritten auf der andern Seite würde 
ein Verhältniss von Knechtschaft und Herrschaft und als Zubehör 
eine fortdauernde Feindschaft vorwalten. Um zur Vergewaltigung 



- 266 - 

zu gelangen, braucht man den Dritten nicht. Bringt nämlich der 
Kampf zwischen den Beiden einen entscheidenden Sieg des Einen 
mit sich, der jedoch nicht in die Tödtung sondern nur in die Ent- 
waffnung und sonstige Wehrlosmachung des Andern ausläuft, so 
haben wir die Sklaverei, gleichviel ob das Recht oder das Unrecht 
triumphirte. Sobald der Kampf entscheiden soll, ist nicht mehr das 
Recht, sondern nm- noch die Mechanik der Macht in Frage. Der 
verhältnissmässig beste Ausgang müsste daher stets die Unentschieden- 
heit sein, und in der That ist auch die gegenseitige Gleichheit der 
Kräfte ursprünglich und in allen folgenden Entwicklungen der Ge- 
schichte die beste Bürgschaft dafür, dass nicht die Macht an die 
Stelle des Rechts trete, und dass die moralische Wirkung der Ge- 
rechtigkeitsgedanken am weitesten und nachhaltigsten platzgreife. 
Es lässt sich mithin keine letzte und ursprüngliche Garantie des 
Rechts anders als in der eignen und möglichst gleichen Macht der- 
jenigen finden, welche einander verletzen können. Die dritte Macht, 
mit der man so viel gerechnet hat, ist in Bezug auf Gerechtigkeit 
und Frieden eine illusorische Garantie. Sie kann ein Recht schaffen, 
aber nm* das Sklavenrecht; auch kann sie Frieden gewähren, aber 
nur den Frieden eines Kirchhofs der Freiheit. Weit einfacher ge- 
langt man zu diesem grossen Ergebniss auf dem schon angeführten 
kürzeren Wege der unmittelbaren Unterwerfung des Einen durch 
den Andern. In diesem Falle kann sogar gelegentlich einmal der 
Rechthabende der Sieger sein, und dann würde sich seine Gewalt- 
übung an dem Verletzer innerhalb gewisser Grenzen sogar als eine 
Vorkehrung zur Abwendung künftigen neuen Unrechts charakteri- 
siren können. Die Einschränkung der fremden Freiheit würde aber 
auf die Dauer nicht weiter als der Zweck selbst reichen dürfen, und 
es würde sogar die Pflicht begründet werden, dem an mehr Unrecht 
Gehinderten Gelegenheit zu lassen, fiir sein ferneres Verhalten andere 
Bürgschaften darzubieten. Niemals kann aber die positive Unter- 
werfung, Ausraubung und Versklavung irgendwie als der Inhalt 
eines Rechts angesehen werden. 

Die wirklichen Gestaltungen der Geschichte sind bis auf den 
heutigen Tag meistens die Einseitigkeiten der Unterdrückung ge- 
wesen und entsprechen daher demjenigen Schema, in welchem der 
Eine vom Andern wehrlos gemacht und in irgend einer Gestalt an 
dessen Willen gebunden oder im eigentlichen Sinne des Worts ge- 
kettet wird. Die Ketten der eigentlichen und uneigentlichen Sklaverei 



— 267 — 

haben denselben Ursprung; denn jeder Grad der politischen Unfrei- 
heit kann als eine partielle Sklaverei, und die im engern Sinne so 
bezeichnete Sklaverei als die vollständige politische und privatrecht- 
liche Freiheitslosigkeit angesehen werden. Freilich hat sich auch 
etwas von der gleichen Vergesellschaftung eingemischt; aber dies ist 
niemals dauernd in einer alle Schichten umfassenden Weise geschehen. 
Stets sind es nur besondere Gruppen und Classen gewesen, die sich 
im günstigsten Falle unter sich auf ziemlich gleichen Fuss einrich- 
teten, dagegen nach unten hin eine niedertretende Gewalt übten. 
Die Rechte, die sie unter sich anerkannten, hatten zwar an dem 
Princip der Gerechtigkeit Theil, galten aber nur mit der Beimischung 
derjenigen Ungerechtigkeit, welche in der Hinwegsetzung über die 
natürlichen Ansprüche der durch die Unterdrückung Verletzten lag. 
So ist der Unterdrückungs- oder_Gewa,ltstaat in seinen verschiedenen 
Formen, v on der auf die Skla verei gepfropften Demokratie bis zur 
Oligarchie und Alleinherrschaft hin, aus dem Gesichtspunkt unseres 
emfachen Schema zugleich logisch und historisch begreiflich. Er ist 
ein Ergebniss von Gewalt und List, und der in ihm verwirklichte 
Ueberschuss von sieggekrönter Uebermacht und glücklichem Trug 
nennt sich in seinen besondern Formen Staats- und Völkerrecht. 
Ganz besonders ist das innere Staatsrecht zum grössten Theil ein 
Inbegriff von Verhältnissen, welche nicht nur durch die rohe Ge- 
walt, sondern auch gegen die natürliche Gerechtigkeit geschaffen 
worden sind. Dieser Sachverhalt reicht soweit, dass man, um über 
die Grundbeziehungen der politischen Gerechtigkeit ohne Missver- 
ständniss reden zu können, zeitweilig sogar das Wort Staat über- 
haupt, als mit der historischen Unterdrückungsform eng verwachsen, 
aufgeben muss, und zur Bezeichnung der gleichen und gerechten 
Verbindung den Ausdruck freie Gesellschaft anzuwenden wohlthut. 
Wären die Ideen, welche sich günstig an das Wort Staat knüpfen, 
nicht oft ein so nebelhaft verworrenes Gemisch, und diente der all- 
gemeine Ausdruck Staat nicht auch dem Schein des grössten Frei- 
sinns sogar in den Zukunftstheorien zum Deckmantel, so würden 
wir ohne Weiteres dem Unterdrückungs- oder Gewaltstaat den Ge- 
rechtigkeitsstaat entgegengesetzt haben. Es bedurfte aber um so 
mehr einer noch schärferen sprachlichen Trennung, da der Gerechtig- 
keitsstaat leicht an den herkömmlich sogenannten Rechtsstaat erin- 
nern könnte, der ein Widerspiel des Polizeistaats sein soll, aber 
auch nur eine gemässigte Form des Gewaltstaats sein kann, wo er 



— 268 — 

nicht etwa gar thatsächlich eine zur Verzierung dienende Lüge 
bleibt. 

3. Auch eine Vielheit von Menschen kann nicht die Rolle der 
vorher als illusorisch nachgewiesenen dritten Macht spielen. Aller- 
dings hätte diese Vielheit in der Vereinigung unvergleichlich mehr 
Kraft als die Beiden, die wir als im Conflict begriffen vorausgesetzt 
haben. Das Aufzwingen dieser Uebermacht wäre aber an sich selbst 
ebensogut eine Vergewaltigung, wie wenn sie von einem Einzelnen 
und seinen untergebenen Werkzeugen ausginge. Ob sich eine Ge- 
sammtheit auf gleichem Fuss verbündet, um die schwächeren Ein- 
zelnen zu irgend Etwas zu nöthigen, was ihr grade so und nicht 
anders gefällt; oder ob ein Despot diese Rolle spielt, — das macht 
in der Hauptsache nur einen geringen Unterschied. Völlig anders 
gestaltet sich aber das Verhältniss einer Vielheit zu ihren Gliedern, 
wenn man in allen Richtungen Uebereinkünfte eines Jeden mit jedem 
Andern voraussetzt, und wenn diese Verträge die gegenseitige Hülfe- 
leistuug gegen ungerechte Verletzungen zum Gegenstande haben. 
Alsdann wird nur die Macht zur Aufrechterhaltung des Rechts ver- 
stärkt, und aus keiner blossen Uebergewalt der Menge über den 
Einzelnen oder der Mehrheit über die Minderheit ein Recht abge- 
leitet. Die Gestaltung der Kräfteverhältnisse ist hiebei die denkbar 
natürlichste; aber trotzdem soll eben diese Gestaltung nur das mindesfc- 
schädliche Mittel werden, eine Rechtsgarantie zu organisiren, die 
über die eignen Kräfte der Parteien hinausreicht. Es ist daher aus- 
schliesslich die Einhaltung der Gerechtigkeit, was auch dieser Col- 
lectiveinmischung ihren mehr als blos gewalttbätigen Charakter ver- 
leiht. Der geringste Fehlgriff in der Auffassung der Rolle des Ge- 
sammtwillens würde die Souverainetät des Individuums vernichten, 
und diese Souverainetät ist es allein, was zur Ableitung wirklicher 
Rechte führt. Eine rationelle Atomistik hat nicht blos in der Natur- 
wissenschaft, sondern auch in der Politik die Wahrheit auf ihrer 
Seite. 

Wenn man will, kann mau für das ursprüngliche Recht auch 
von einer Uebereinkunft absehen. Der Beistand, welcher im Sinne 
der Gerechtigkeit geleistet wird, giebt sich eben durch seine Be- 
deutung nicht als nackte Machtübung, sondern als ein sympathisches 
oder im AUgemeinen interessirtes Eintreten gegen die Verletzungen. 
Uebrigens liegt aber in dem ausdrüclclichen Vertrage über solchen 
Beistand nichts weiter, als eine schöpferische Erweiterung der uatür- 



— 269 — 

liehen Verhältnisse, und der unbegründete Bruch eines solchen Ver- 
trages würde selbst als eine ungerechte Verletzung gelten müssen. 
Es ist mithin die Vereinigung eine blosse Organisation derjenigen 
Rechtsgarantien , • die nie und nirgend anderwärts als in den eignen 
Kräften der Individuen gefunden werden können. Der Beistand, den 
sich diese Kräfte gegenseitig leisten, hat zum Bande eben jene Ge- 
rechtigkeit selbst, die gesichert werden soll. Er hat daher selbst 
keine andere Bürgschaft, als die Kräfte derjenigen, welche das Ge- 
rechte in ihrem eignen Interesse und aus Mitgefühl für den Andern 
wollen. Ein Vereinigungsvertrag ist insofern nichts Willkürliches 
und beliebig Conventionelles , als sich in ihm das Bedürfniss der 
gegenseitigen Rechtshülfe und die natürlichen Bestrebungen zu dem 
entsprechenden Beistand eben nur vollkommener befriedigen und mit 
technischer Planmässigkeit verwirklichen. Eine derartige üeberein- 
kunffc muss sich da naturgesetzlich vollziehen, wo die moralischen 
Vorbedingungen erfüllt sind, was freilich in der bisherigen Geschichte 
nur zu einem äusserst geringen Theil der Fall gewesen ist. 

An Stelle der freien und gleichen Vereinigung finden wir in 
der Geschichte die einseitige Unterdrückung und den Zwang zum 
Verzicht auf Vereinigungen vorherrschend. Sobald ein Einzelner 
stärker ist als ein Jeder, der ihm aus einer Anzahl zum Kampfe 
gegenübertreten kann, wird er die ganze Anzahl niederhalten, wenn 
er nur dafür zu sorgen vermag, dass er sich nie mit einer planmässig 
handelnden Verbindung Mehrerer, sondern stets nur mit einem Ein- 
zigen zu messen habe. Verhindert er die Vereinigung, die schon 
an sich selbst nicht leicht ist, so wn-d er im Besitz der Uebergewalt 
bleiben. Nun denke man sich an Stelle jenes starken Einzelnen 
irgend eine despotische Macht mit ihrer Zurüstung oder auch irgend 
eine raubende und herrschende Gruppe behebiger Art, die unter der 
Anführung eines Häuptlings fähig ist, kleinere und vielleicht fried- 
liche Menschengruppen unter das Joch zu zwingen, so hat man das 
geschichtliche Bild von dem Grundschematismus aller Ünterdrückungs- 
politik. Jene raub- und herrschsüchtige Macht kann die sich ihr 
widersetzenden Elemente nur in der Vereinzelung besiegen und 
wiederum nur in der Vereinzelung niederhalten. Der erste Grund- 
satz ihres Gewaltstaates wird daher dahin lauten, dass die politischen 
Vereinigungen zu hindern seien. Auch ist, wie man sieht, dieses 
Princip, die natürhche Vereinigungsfreiheit zu unterdrücken und 
hiemit eine colossale Gerechtigkeitsverletzung zu begehen, nur das 



— 270 — 

einfaclie Zubehör zum unterjochenden Gewaltacte selbst. Die soge- 
nannte Staatsbildung und zugehörige Staatserhaltung war meistens 
in diesem Hergang enthalten. Das Wesen oder vielmehr Unwesen 
des Staats, wie ihn auch die neuere Geschichte kaum anders kennt,- 
spiegelt sich in jener Sperre aller erheblichen politischen Vereini- 
gungen. Der historische Unterdrückungsstaat muss den keimenden 
Gerechtigkeitsstaat, der sich durch innere politische Vereinigungen 
bilden will, nach Kräften ersticken; denn nur solange dies gelingt, 
währt sein eignes Reich des von einer sich selbst privilegirenden 
Gruppe geübten Zwanges. 

4. Es ist vergebens, ein Recht zum Zwange anders für eine 
Vielheit und deren Organe ableiten zu wollen, als es sich auch 
schon in dem Schema von zwei Einzelnen ergeben kann. Die ver- 
letzende Gewalt fuhrt wiederum zur Gewalt, und wieweit Gerechtig- 
keit dabei im Spiele sei, ist eine Frage, die moralisch d. h. aus der 
Einsicht entschieden werden muss. Die Gewalt ist als solche auch 
dann ein Uebel, wenn sie der Gerechtigkeit dient. Der Einzelne, 
gegen den sie sich richtet, und die anderseitige, angeblich strafende 
Macht bleiben unter allen Umständen zwei Parteien, mag auch noch 
so viel staatliches Zwischenwerk diesen natürlichen Sachverhalt ver- 
schleiern. Die Unparteilichkeit kann sich im günstigsten Falle nur 
auf die Hervorbringung einer allgemeineren, von der Verwicklung 
in die besondere Sache freien Einsicht beziehen. Auch ist der Col- 
lectiv verstand in manchen Richtungen normaler, als die befangene 
Einsicht eines Einzelnen, nämlich insoweit, als sich in der Vielheit 
der Ansichten die Unterschiede gegenseitig aufheben und nur einen 
übereinstimmenden Rest bestehen lassen. Derartige Ergebnisse sind 
zwar meist dürftig und platt; aber sie entschädigen wenigstens durch 
eine gewisse Nüchternheit und Zuverlässigkeit dafür, dass sie un 
Groben und Gewöhnlichen verbleiben. Die Bildung einer Rechts- 
ansicht ist mithin eine Function, in welcher die Vielheit vor den 
streitenden Einzelnen zwar nicht immer die genauere Würdigimg 
der Verhältnisse, aber doch ein durchschnittlich anwendbares Maass 
von parteiloserem Urtheil insoweit voraushat, als es sich nicht etwa 
um die Rechte dieser Vielheit selbst handelt. Tu der moralischen 
Berufung auf die Gerechtigkeit hat die Bildung einer Einsicht und 
eines Willens, die von Vielen ausgeht, in denjenigen Angelegenheiten 
des Lebens, die Allen bekannt und verständlich sind, offenl)ar etwas 
vor dem gewöhnlichen Einzelartheil voraus. Man kann hienach be- 



— 271 — 

Laupten, dass nicht die Macht au sich selbst, wohl aber die Chancen 
der bessern Einsicht und des geklärten Wollens fiir die günstige 
Einmischunffsfunction der Vielheit in die Aucjeleorenheiten der Ein- 
zelneu sprechen. Die Gewalt ist auch im ursprünglichen Zustande 
nicht zu vermeiden, sobald sie einmal von der einen Seite geübt 
worden ist. Man verschlimmert daher die Lage noch nicht, wenn 
man sich darein ergiebt, dass die Gewalt in organisirter Form fort- 
bestehe. Dieses Üebel ist auf keinem Wege auszumerzen. That- 
sächlich kann zwar die rückwirkende Gewalt mit der ursprünglich 
verletzenden ebenfalls verschwinden; aber auch in diesem Ideal- 
zustande, in welchem die Menschen von vornherein gerecht handel- 
ten, würde ein gewisses Maass von Möglichkeit der Abweichung 
noch immer vorgesehen werden müssen; denn es ist, wenn auch 
nicht widersinnig und unmöglich, so doch sehr schwer zu denken, 
dass alle Innern und äussern Ursachen und mithin die ganze Fähig- 
keit zu Yergehungen einst von der Menschennatur abgethan werden 
sollten. 

Wenn der Einzelne dem Staate gegenüber in absoluter Weise 
gezwungen wird, so hat dieser Zwang wesentlich keinen andern 
Charakter, als denjenigen, der auch im ünorganisirten Zustande von 
Seiten des Einzelnen gegen den Einzelnen obwaltet. Beiderlei Fälle 
des Zwanges können sich nur insoweit rechtfertigen, als sie wirklich 
der natürlichen Gerechtigkeit dienen. Es giebt mithin keine Auto- 
rität der Macht als solcher, ja überhaupt keine stichhaltige Autorität 
im gewöhnlichen Sinne des W^orts, sondern das Ansehen, welches 
irgend' eine Instanz haben soll, ist, abgesehen von der blossen Furcht 
vor der üebergewalt, die auch Angesichts jedes drohenden Raub- 
thiers für den Wehrlosen platzgreifen muss, einzig und allein auf 
das Maass von Theilnahme für eine einsichtsvollere Gerechtigkeit zu 
gründen. Dieses Ansehen ist aber seiner Natur nach ein moralisches ; 
denn es wurzelt in der Üeberzeugiing, dass Einsicht und Wille der 
fraglichen Instanz dem natürlichen Recht entsprechen, und schwindet 
auch mit dieser Voraussetzung. Die richterliche Function kann sich 
daher in der freien Gesellschaft nur aus der umfassenden Vielheit 
der Einzelwillen heraus constituiren. Sie entstellt und besteht in 
dieser Gesellschaft durch ein freies Bündniss zum gegenseitigen 
Schutz der Unverletztheit der Personen und ihrer frei eingegangenen 
mit der allseitigen Freiheit und gleichen Gegenseitigkeit verträglichen 
Verbindlichkeiten oder dauernden Lebensverhältnisse. Wo sie gelegent- 



— 272 — 

lieh körperlich eine zwingende Gewalt bethätigen muss, thnt sie dies 
vermöge jener Nothwendigkeit, die nicht blos im unorganisirten Zu- 
stande sondern auch in den vollkommensten Organisationsformen 
platzgreift. Sie wird sich aber hiebei vor einer scheinheiligen Be- 
rufung auf etwas Anderes, als auf eben jene rohe naturwüchsige 
Nöthigung, zu hüten haben. In der That wäre es auch wunderlich, 
dass sich der Mensch über den Menschen als Richter aufwürfe, an- 
statt einzugestehen, dass er nur eine Gewalt übt, welche auch im 
Naturzustande, dort aber ohne geregelte Organisation existirt. Ein 
Richter, der sich selbst als solcher aufwirft, ist so gut wie keiner; 
er maasst sich eine Function an, die zwar für Sklaven oder Halb- 
sklaven als einseitige Gewaltübung, für freie Menschen aber nur als 
Ergebniss ihrer auf eben diesen Zweck gerichteten Vereinigung einen 
Sinn haben kann. In der Geschichte ist nun freilich die Usurpation 
die Regel, und die historisch constituirten Richtergewalten sind aucli 
meist nur Werkzeuge der jedesmal herrschenden und knechtenden 
Macht gewesen, die nebenbei für die Unterworfenen den Frieden der 
Unfreiheit und eine Art von Halbrecht für sie und unter ihren eignen 
Gliedern aufrechterhielt. Der Unterdrückungsstaat hat eben auch 
keine richterlichen Organe und Functionen hervorbringen können, 
die nicht seinen Willkür- und Gewalts tempel trügen und mehr eine 
Organisation des Unrechts als des Rechts wären. Die Justiz als Aus- 
fluss einer despotischen Macht kann in ihrem Wesen nur das Gegen- 
stück der Gerechtigkeit und nur zufälligerweise für einiges Recht 
von untergeordneter Bedeutung empfänglich sein. 

5. Die Theilung politischer Functionen ist nur in sehr be- 
schränktem Maass mit der Sicherung der Freiheit verträghch. Ge- 
setzgebung und Richterthum müssen bei der Gesammtheit bleiben 
und können nur in technischer Beziehung und in ganz speciellen 
Richtungen auf besonders sachverständige Hülfsorgane und auch so 
nur theilweise übertragen werden. Am deuthchsten zeigt sich die 
Unmöglichkeit, allgemeine und wesentliche Functionen, die zur eignen 
Sicherung noth wendig sind, rückhaltlos Andern in die Hände zu 
geben, in dem unvergleichHch wichtigsten Stück des politischen Da- 
seins, nämlich in der Waffenführung. Der Wehrlose ist dem Be- 
waffneten gegenüber thatsächlich so gut wie ohne Recht. Es kann 
daher keine in sich verbundene Gruppe es ohne Thorheit geschehen 
lassen, dass die Ausstattung mit Waffen die ausschliessliclie Eigen- 
schaft einer besondeni Classe werde. Der freieste Bund müsste durch 



— 273 — 

die Schöpfung einer Kriegerkaste schliesslich in Knechtschaft ge- 
rathen. Auf die Waffen kann der Einzelne nicht verzichten, wenn 
er nicht damit zugleich seine Freiheit preisgeben will. Auch in der 
planmässigen mihtairischen Action darf er die technische Leitung 
und die Führerschaften nicht an einen besondem Stand gerathen 
lassen. Das Zusammenstehen im Heere oder in einer zum innern 
Sicherheitsdienst gehörigen Executivabtheilung muss sich als die 
Wirkung eines Wehrbundes kundgeben und darf die , Individual- 
souverainetät nicht verleugnen. Die Führer sind nicht nur zu wählen, 
sondern auch da, wo eine besondere technische Kenntniss und Er- 
fahrenheit nöthig ist, aus der Mitte des Volks heraus ohne Unter- 
schied vorzubilden und zwar in solcher Menge, dass bei der Wahl 
jedesmal nur ein Bruchtheil zu zeitweiliger und wechselnder Aus- 
füllung der Posten gelangt. Ueberhaupt muss das Niveau der all- 
gemeinen militairischen Bildung so hoch gehalten werden, dass der 
Abstand von dem Wissen und Können der speciellen Techniker nie 
so gross wird, um eine Controle der augenfälligsten Maassnahmen 
auszuschliessen. Selbstverständlich darf nicht von bhndem Gehorsam, 
sondern nur von Pünktlichkeit und Strenge in der Ausfuhrung aller 
derjenigen Anordnungen die Rede sein, ohne deren Beobachtung ein 
planmässiges Zusammenwirken hinfällig werden müsste. Der Waffen- 
bund ist hienach nichts als ein Theil des allgemeinen politischen 
Bündnisses und muss daher als eine Erweiterung der ursprünglichen 
Wehrhaftigkeit des Einzelnen angesehen werden. Wie der Einzelne 
im unverbundenen Zustande genÖthigt war, zum Kampf bereit zu 
sein, so ist es nun die aus den Einzelneu zusammengesetzte Ge- 
sammtheit. Sie kann hiebei nach Innen viele Kräfte sparen, da die 
moralischen Bindemittel doch immer Einiges bedeuten; und sie kann 
nach Aussen eine grössere Macht entwickeln, an welcher wiederum 
nur dann Einschränkungen zulässig sind, wenn sich der Bund über 
die ersten natürlichen Grenzen ausdehnt und zur einheitlichen Ver- 
gesellschaftung ähnlicher Art mit andern Gemeinwesen gelangt. Nie- 
mals aber kann von irgend Jemand auf dasjenige Maass von Wehr- 
haftigkeit verzichtet werden, welches der entwickelten Technik und 
den materiellen Möglichkeiten gegenüber als die allgemeine Vor- 
bedingung der Sicherheit und der Kraftgleichheit gelten muss. Die 
Erfindungen von besseren Kampfmitteln werden einerseits die Ten- 
denz haben, die körperliche Ungleichheit der Kräfte unerheblicher 
zu machen, andererseits aber durch sorgfältige Vorkehrungen ergänzt 

Du bring, Cuisus der Philosophie. 18 



— 274 — 

werden müssen, wenn sich nicht die Mittel der überlegenen Gewalt 
thatsächlich bei bestimmten Gruppen coucentriren und der allgemeinen 
Freiheit gefährlich werden sollen. Die Minderung der auf die mili- 
tairische Gewaltübung zu verwendenden Kräfte kann mit der Aus- 
dehnung der politischen Gemeinschaft nach Aussen und mit der 
innern Einwurzelung des gerechten Willens und der friedlichen, auf 
die Arbeit an der Natur abgelenkten Gewohnheiten schritthalten. 
Sogar der yuterdrückungsstaat erreicht wenigstens zu einem Theil 
etwas scheinbar Aehnliches; denn er dehnt auch seinen Friedeji der 
Unfreiheit mit den neuen Unterjochungen und Einverleibungen weiter 
aus und lässt in* seinem Rahmen die zahme Lebensart wehrloser 
Sklaven oder Halbsklaven sehr gern gedeihen, soweit er dieses Ve- 
getiren nicht selbst durch seinen eignen Raub zu stören hat. 

Das Beispiel des Waffengebrauchs hat uns über die grundsätz- 
liche Unveräusserlichkeit der fundamentalen politischen Functionen 
belehrt. Auf die Selbsthülfe darf man also niemals ganz verzichten, 
sondern nur einwilligen, dieselbe als Bestandtheil einer organisirten 
Gesammthülfe und daher nicht mehr nach ausschliesslich eignem 
Urtheil auszuüben. Es kann daher auch die Verantwortlichkeit des 
Einzelnen in den entscheidenden Hauptaugelegenheiten niemals weg- 
fallen. Er wird zu seinem Theil über Krieg und Frieden ein Urtheil 
und eine Stimme haben. Er wird nicht wider seinen Willen, wie 
er ihn im Bunde kundgegeben hat, zu einer Action gezwungen wer- 
den. Wohl aber wird er sich entweder der allgemeinen Nothwendig- 
keit zu unterwerfen haben oder, wenn er dies nicht thut, den Ver- 
bündungsvertrag verletzen. Eine solche Verletzung isolirt ihn ähn- 
lich, wie wenn er sich im unorganisirten Zustande befände, und das 
Recht oder Unrecht, welches ihm alsdann, je nach den Umständen, 
von Seiten der freien Gesellschaft widerfährt, kann nie etwas Schlim- 
meres sein, als was auclj der Naturzustand mit sich bringen würde. 
Jedenfalls kann nirgend in höherem Grade als in der auf freier Ver- 
bündung beruhenden Gesellschaft dafür gesorgt werden, dass der 
Einzelne selbst da, wo er sich dem Willen der Mehrheit anschliessen 
muss, zu nichts genöthigt wird, was nicht eine andere, «also etwa 
die isolirte Lage in noch schlimmerer Weise mit sich brächte. Im 
so zu sagen wilden Zustande der Freiheit nöthigt die Situation eben 
auch zum Kampfe gegen den Feind; in der organisirten Gesellschaft 
kann der, welcher gegen den äussern wirklichen oder angeblichen 
Feind nicht ziehen will, nur in die Lage gerathen, mit einem innern 



•— 275 — 

Widersacher zu thun zu bekommen. Beides mag im einzelnen Falle 
sich schlimm und ungerecht gestalten; aber von diesen Chancen, zur 
Ausübung von Gewalt genöthigt zu werden, könnte schliesslich nur 
die universelle und völlig ideale Gesellschaft befreien, in welcher sich 
der Krieg und die innere Gewalt durch den allerseits guten und 
friedlichen Willen ersetzt fänden. 

6. Es klingt sehr annehmbar, dass ein besonderes Wissen oder 
eine besondere Kunst von denen ausgeübt werde, welche sich in ihr 
ausgebildet haben. Nach 4iesem Grundsatz würde sich ein geschultes, 
um nicht zu sagen ein gelehrtes Richterthum nicht vermeiden lassen, 
vorausgesetzt nämlich, dass ein Yerständniss für Recht und Unrecht 
und dessen Bethätigung den Charakter einer Wissenschaft und Kunst 
unter allen Umständen an sich tragen müsste. Nun ist aber das 
allgemeine Urtheil über Recht und Unrecht in allen wesentlichen, 
sei es öffentlichen oder privaten Angelegenheiten des Lebens, durchaus 
nicht geeignet, veräussert und vormundschaftlich ausgeübt zu werden. 
Wer hier auf das eigne Urtheil und die eigne Rechtswahrnehmung 
verzichtet, ist beinahe noch in schlimmerer Lage, als derjenige, 
welcher die Kampfmittel in andere Hände giebt. Jedenfalls aber 
vollendet der Verzicht auf die geistige Selbständigkeit die Preis- 
gebung der physischen Macht. Die gerichtliche Action ist ursprüng- 
lich nichts als eine Umwandlung des Privatkampfes in einen Rechts- 
streit gewesen, und zwar zeigen sich »die Spuren davon grade in der 
Geschichte des Civilprocesses. Der moderne Ausdruck Klage ist ein 
Erbstück aus der Zeit des Römischen Kaiserdespotismus, und ur- 
sprünglich sowie in den freieren Zuständen bezeichnete man das 
ganze Verfahren als eine Action, also als eine Handlung, in welcher 
der jetzt so genannte Kläger natürlich auch dem Worte nach nicht 
die Rolle eines um Recht Bittenden und sich bei einer gnädigen 
Herrschergewalt über seinen Nebensklaven Beklagenden spielen konnte. 
Er agirte vielmehr im wahren Sinne des Worts, und in einem ähn- 
lichen Geiste gestaltete sich auch die Verfolgung der Verbrechen. 
Wir dagegen sind so tief in die politische Vormundschaft gerathen, 
dass schon die gewöhnlichsten Formen des Processes diese künst- 
liche Unmündigkeit der Knechtschaft zur Schau tragen. In der That 
ist es arg, dass uns die Alterthümer der bessern Zeit der Römischen 
Republik, die doch auch keine Ideale waren und das Recht nur in 
sehr besöhränkter Weise für die Freien und noch nicht einmal für 
alle Classen derselben gleichmässig verwirklichten, in ernster Selb- 

18* 



— 276 — 

ständigkeit noch Lectionen ertheilen können. Indessen erklärt der 
Wust des Mittelalters und die neuere Polizeidespotie des monarchisch- 
büreankratischen Staats im Bunde mit der von den Priestern ver- 
erbten Unwissenheit und positiven Volksumnebelung sehr viel von 
der Verkommenheit in der selbständigen Rechtsvertretung. Freilich 
ist schon im alten Rom ursprünglich aus den Formen der Rechts- 
betreibung ein aristokratisches, priesterartig dem allgemeinen Ge- 
brauch vorenthaltenes Ceremoniell gemacht worden. Aber grade aus 
diesem Umstände können wir lernen, was eine besondere Rechts- 
wissenschaft im grössten Theil ihres Inhalts zu bedeuten habe. Sie 
ist mindestens zu neun Zehnteln eine blosse Folge der Absonderung 
und Kluft, die zwischen der Gesaromtheit und einem Juristenstande 
durch das Princip der politischen Vormundschaft gerissen worden 
ist. Eine vormundschaftliche Justiz kann, auch ganz abgesehen von 
dem Charakter des Gewaltstaats, keine echte Gerechtigkeit sein. 

Politik und Recht sind Dinge, in denen jedes Glied der freien 
Gesellschaft für alle gemeinen Angelegenheiten Bescheid wissen muss. 
Sogar der Gebrauch von Sachverständigen darf keine absolut auto- 
ritäre Bedeutung erhalten. Ob Jemand für die gewöhnlichen Ge- 
schäfte des Lebens handlungsfähig sei, kann von Jedem, der ihn in 
diesen Geschäften beobachtet hat, hinreichend entschieden werden, 
und gegen ein solches Zeugniss der Verkehrs- und Geschäftsgenossen 
darf kein irrenärzthches , sich auf verborgene oder gleichgültige 
Eigenschaften berufendes und vielleicht Behufs der Bewerkstelligung 
einer Einsperrung erkauftes Gutachten irgend ein Gewicht in An- 
spruch nehmen. Es giebt eben einen Kreis von Angelegenheiten, 
in denen innerhalb eines bestimmten Rahmens eine allgemeine Sach- 
verständigkeit bestehen muss und daher Experten nichts voraushaben 
dürfen. Nur wo die natürliche Grenze der allgemeinen Sachverständig- 
keit in offenbar technischen Specialitäten, wie z. B. in der subtileren 
Beurtheilung der Ausfuhrung eines Baues, beginnt und daher selbst- 
verständlich nicht politische sondern nur technische Functionen be- 
trifft, da mögen Wissenschaft und Kunst ihr Urtheil abgeben, jedoch 
so, dass es sich stets als controlirbares Material darstellt und die 
Thatsachen von den blossen Schlüssen sorgfältig gesondert enthält. 
Besondere Verkehrsgebiete werden in ihrer feineren Gestaltung vor- 
zugsweise von den Betheiligten gekannt, und man kann Angesichts 
der manuichfaltigen Gestaltung des Lebens nicht umhin, dieser tech- 
nischen' Specialisirung der Rechtsverhältnisse in Gesetzgebung und 



— 277 — 

Gerichtswesen durcli besondere Saehverständigkeit zu entsprechen. 
Hier scheint also die allgemeine politische Function der Rechtswahr- 
nehmung auf eine bedenkliche Schranke zu treffen; denn die Ent- 
fernung von dem allgemeinen Verständniss bringt nicht nur die 
Principlosigkeiten und Verwicklungen, sondern auch die sich alsdann 
leicht vor der Gesammtheit verbergenden Ausnahmen und Ungleich- 
heiten mit sich. Das Verlagsrecht oder, besser gesagt, das Verleger- 
recht ist hiefiir ein Beispiel; denn in ihm haben sich die grössten 
Ungleichheiten und das schroffste Unrecht gegen die Schriftsteller 
verkörpert. Aehnlich verhält es sich aber mit aller Fach- und Classen- 
gesetzgebung, und wenn man zu den einseitigen Rechtsregeln auch 
noch Fachelemente mit richterlichen Functionen hinzufügt, so ist an 
uninteressirte Gerechtigkeit kaum mehr zu denken. Glücklicherweise 
ist jedoch in der freien Gesellschaft auch jene Klippe der unbeherrsch- 
baren Verwicklung und Specialisirung zu umschiffen. Man hat nur 
nöthig, die technische Anwendung der allgemeinen Rechtsprincipien 
durch scharfe Absonderung der rein fachmässigen Thatsachen zu 
controliren. Geschieht dies, so werden sich die im engern Kreise 
Betheiligten weit weniger dem allgemeinen öffentlichen Urtheil ent- 
ziehen können. Die Gesammtheit wird daher hier das Sachver- 
ständigenprincip , aber eben nur dieses und nichts weiter gewähren 
lassen und sich die freie Entscheidung auf Grund der fachmässigen 
Beleuchtungen bei der Feststellung der Rechtsregeln, bei der Bildung 
der richterlichen Hülfsorgane und mithin bei der unmittelbaren Praxis 
vorbehalten. 

7. Der Augenblick zeigt uns die klaffenden Widersprüche recht 
deutlich, indem die Ueberlieferung der Geschichte die wunderliche 
Mischung eines gelehrten, im Solde der herrschenden Gewalt stehen- 
den, ja zum Theil rein büreaukratischen Justizpersonals und der für 
das Strafverfahren theilweise beliebten Heranziehung von Geschwor- 
nen aus den höheren und mittleren Classen der Gesellschaft präsen- 
tirt. Diese bizarre Auffrischung des sich schon in England selbst 
nichts weniger als modern ausnehmenden Geschworneninstituts spielt 
inmitten der scholastisch verzwickten und nicht blos durch die ge- 
lehrte, sondern auch durch die politische Unnatur verschrobenen 
Zustände eine klägliche Rolle. Ganz abgesehen von den Vorurtheilen 
und der Parteilichkeit der Besitzenden, die das Geschwornenwesen 
in erheblichen Richtungen zu einer reinen Classenjustiz werden lassen, 
steht dem Richterthum von Leuten, die sich nur in ihre gewerblichen 



— 278 — 

Geschäfte eingelebt haben, von vornherein die gelehrte Verwicklung 
und üeberladung der einfachsten Rechtsbegriffe entgegen. Um eine 
wahrhafte Volksjustiz zu schaffen, muss man auch aus der Theorie, 
aus den Gesetzen und mithin vor allen Dingen aus den Zuständen 
die verschrobenen Widerspiele aller Natürlichkeit und Volksmässig- 
keit entfernen. Nur für einfach geordnete und der allgemeinen 
Kenntniss zugänghche Rechtszustände ist auch eine einfache und 
unmittelbare Ausübung des Richterthums durch Jedermann aus dem 
Volke denkbar. Das Aeusserste, was aber die neuste Zeit im Gegen- 
satz zu der gelehrten Ueberlieferung für eine verbesserte Existenz- 
form der. Rechtsregeln geleistet hat, beschränkt sich auf die Unter- 
nehmung von umfassenden Gesetzbüchern. So unvollkommen diese 
Arbeiten auch ausgefallen sind und ferner ausfallen werden, so liegen 
sie doch wenigstens auf demjenigen Wege, auf welchem sich das 
Uebel der allgemeinen Rechtsunkenntniss ein wenig zu mindern ver- 
mag. Uebrigens haben sich diese Codificationen am ausgiebigsten 
im Privatrecht ergangen, nächstdem in weit weniger befriedigender 
Art für das Dasein allgemeiner Zuchtruthen in Gestalt von auch 
formell höchst unzulänglichen Strafgesetzbüchern gesorgt, und alles 
Uebrige als Nebensache behandelt oder nicht behandelt. Ausserdem 
fehlt sehr viel daran, dass die codificirten oder auch nur die allgemein 
erlassenen und leicht zugänglichen Gesetze die Summe der maass- 
gebenden Rechtsregeln erschöpften. Die bunte Mischung von Orts-, 
Provinzial- und Landesrechten, die sich in sehr willkürhcher Weise 
bald als Gewohnheitsrecht, bald als geschriebenes Gesetz, oft unter 
Einkleidung der wichtigsten Angelegenheiten in reine Statutarform, 
in den verschiedensten Richtungen kreuzen, — diese Musterkarte 
von Unordnung und Widerspruch, auf welcher die Einzelheiten das 
Allgemeine und dann gelegentlich wiederum die Allgemeinheiten das 
Besondere hinfallig machen, ist wahrlich nicht geeignet, ein klares 
Rechtsbewusstsein bei irgend Jemand, so rechtsgelahrt er auch sein 
möge, geschweige bei jedem Bürger des Gemeinwesens möglich zu 
machen. Die Doctrin giebt sich freilich das Ansehen, als wenn eine 
solche Verworrenheit ihr gemäss und der regelrechte Zustand wäre. 
Für eine verdorbene Theorie ist das Verschrobene allerdings die 
Existenzbedingung; aber der natürlichen Wissenschaft, die auch mit 
genauen Thatsachen und überdies mit einer strengen Logik operirt, wer- 
den die chaotischen Erzeugnisse zufälliger Mischung und blossen Conse- 
quenzmangels nicht als historische Schönheiten und Harmonien gelten. 



— 279 - 

Das bestimmtere Recht besteht wesentlich zwischen einem Kreis 
von Personen und reicht soweit als die entsprechende Gemeinschaft. 
Für die allgemeinen, pohtischen oder nichtpolitischen Verhältnisse 
des Lebens muss ein Jeder sohon durch Erziehung und mit der 
Jugendschulung vorläufig orientirt sein, so dass die praktische Er- 
fahrung nur noch im Einzelnen grössere Sicherheit und volleres 
Verständniss zu gewähren hat. Für die specialistisch technischen 
Voraussetzungen einzelner Lebenskreise bringt aber die Einführung 
.in den Beruf den Betheiligten das Besondere, was sie hier an Rechts- 
kenntniss brauchen, und man wird in dieser Richtung nicht erwarten 
dürfen, dass sich auch der Unbetheiligte und mithin Uninteressirte 
mit diesen Sondergestaltungen abgebe. Man darf aber hieraus nicht 
die Nothwendigkeit von speciell auf diese Verhältnisse einstudirten 
Richtern ableiten wollen; denn mit demselben Recht könnte man 
verlangen, dass der, welcher eine richterliche Function üben soll, in 
jedem Fache zugleich ein Specialsachverständiger sei. Die Geltend- 
machung der besondern Einsichten gehört mehr in die selbstver- 
ständhch völlig freie und allgemeine Advocatur, als in die Richter- 
fiinction. Die Parteien mögen in civilen und criminellen Angelegen- 
heiten für die Specialaufklärung sorgen, und auch die richtende 
Instanz kann allenfalls im Interesse ihrer eignen Aufklärung die 
specialistische Beleuchtung des grade fraglichen Gebiets und Falles 
durch blosse Hülfsorgane veranlassen. Auf diese Weise schwindet 
jeder Vorwand, die richterliche Souverainetät dem Volksindividuum 
abhanden kommen zu lassen. Auch die allgemeinen Grundsätze der 
Theorie werden sich ebenmässiger und klarer gestalten, wenn sie 
nur eine indirecte Bedeutung als Hülfsmittel bei der Führung der 
Sachen, aber nicht als Verkörperungen im gelehrten Richterthum 
eine formelle und privilegirte Autorität in Anspruch zu nehmen 
haben. 

8. Hätte die natürliche politische Vergesellschaftung sich irgendwo 
ohne erhebliche Störung von Seiten des Raubsystems entwickeln kön- 
nen, so würden die Colosse von Grossstaaten mit ihren schwachen 
Stützen nicht existiren. An ihrer Stelle würde i^an umfassende 
Vereinigungen mit gediegen festen Grundlagen und mit einer nur 
durch den Erdball selbst begrenzten Ausdehnungsfähigkeit vor sich 
sehen. Die natürlichen Bedürftiisse des Verkehrs würden jedesmal 
Art und Grenze der Organisirung von weitreichenden politischen 
Verbindungen bestimmt haben. Ein verhältnissmässig kleiner Kreis 



— 280 — 

von Personen imisa im natürlichen System die erste und wichtigste 
Einheit des politischen Verbandes bilden. Nur in einem derartig 
bemessenen Rahmen kann Jeder seine Genossen hinreichend kennen, 
um mit ihnen im Verein die politischen Hauptiunctionen wirksam 
auszuüben. Nur innerhalb dieser Begrenzung kann der Mensch vom 
Menschen fordern, dass die vorkommenden Vergehungen von Jedem 
als ein Uebel betrachtet werden, für dessen Verhütung und Ahn- 
dung er so verantwortlich ist, als wenn es sich um die Disciplin 
eines kleinen Hauswesens und um die Ordnung in der Familie han- 
delte. Keine aufgezwungene Polizei kann je das leisten, was die 
übersichtliche Solidarität und die genossenschaftliche Selbstwahr- 
nehmung der politischen Hauptaufgaben auch in der Richtung auf 
Vorbeugung zu garantiren vermag. Wo man sich um jede mögliche 
oder thatsächliche Ausschreitung als um eine Angelegenheit kümmert, 
von der man mittelbar selbst betroffen wird, da kann sich ein an- 
derer Geist bethätigen, als jene entfernte und völlig kalte Theil- 
nahme, mit welcher im heutigen Staatswesen die Verbrechensstatistik 
betrachtet wird. Freilich ist die Zurückführung der gesammten Po- 
litik auf naturgemäss kleine Grundvereinigungen, die sich alsdann 
weiter mit Ihresgleichen zu verbünden haben, im Bereich der heu- 
tigen Zustände nicht zu vollziehen, ja nicht einmal anzubahnen, weil 
der Gewaltstaat bereits Alles absorbirt hat. Aber wir setzen hier 
auch eine principielle Umschaffung der Verhältnisse voraus und sehen 
die Bildung der kleinen selbständigen Gruppen als den Anfangspunkt 
einer neuen Aera der Gesellschafts Verfassung an. Namentlich ist 
ohne die Ausdehnung des Gerechtigkeitsprincips auf das Wirth- 
schaftsleben keine politisch befriedigende Gestaltimg durchzuführen. 
Die materielle Existenz ist selbst ein ursprüngliches Recht, nämlich 
insofern sich die Störung ihrer Möglichkeit durch einen Andern als 
ungerechte Verletzung kennzeichnet. Wer mir den Zugang zu den 
Naturstoffen und Naturkräften vorenthält, hindert mich am Lebftn. 
Er beraubt mich meiner natürlichen Freiheit in einer entscheidenden 
Richtung und macht mich indirect dienstbar und tributär. Er mo- 
nopolisirt ohn^ jeden natürlichen Rechtstitel alle von vornherein 
gemeinschaftlichen Mittel, aus deren Fond allein eine selbständige 
Sorge für die Existenz mögUch war. Hieraus folgt, dass die Nutzungs- 
rechte an der Natur politisch und zwar nach dem Princip der gleich- 
heitlichen Gerechtigkeit zu ordnen sind. Für den Gebrauch des Grund 
und Bodens sind positive und organische Einrichtungen uoth wendig, 



— 281 — 

da es in der socialitären Wirthschaft nicht genug ist, blos die un- 
gerechten Hinderungen abzustellen. Das wirthschaftliche Zusammen- 
wirken erfordert eine neue Uebereinkunft , die aber durch das Be- 
dürfniss unausweichlich gemacht wird, und die in nichts Anderm 
bestehen kann, als dass ein Jeder sich verbindlich macht, seine Kraft 
zur Versorgung Aller nach dem technisch nothwendigen Plane ein- 
zusetzen. Die Feststellung des Princips, nach welchem sich der An- 
theil an den Früchten der Gesammtarbeit bestimmt, wird ebenfalls 
eine Angelegenheit der politischen Gerechtigkeit. Die eingesetzten 
Kräfte eines Jeden können sich hiebei als gleichwerthig geltend 
machen; denn im gegenseitigen Austausch der Erzeugnisse kommt 
volkswirthsftihaftlich nur die Beschaffungsschwierigkeit, also der Auf- 
wand an Arbeitszeit als werthbestimmend in Frage. Politisch kann 
aber Niemand einwilligen, dass die gleichheitliche Einsetzung seiner 
allgemeinen Menschenkraft für die Production etwas Anderes als den 
Anspruch auf einen ebenfalls gleichheitlichen Genuss zur Folge habe. 
Oekonomisch macht sich dies sogar von selbst, wenn nur bei der 
Berechnung der Werthe und demgemäss bei der Feststellung der 
Preise von der Anzahl der bei der Production betheiligten Menschen- 
kräfte ausgegangeu wird. Die Gleichsetzung dieser Menschenkräfte, 
mögen die Einzelnen nun Mehr oder Weniger oder zufällig auch 
Nichts geleistet haben, ist aber ein politischer Act, welcher der will- 
kürlichen Hinabdrückung der Geltung oder, anders ausgedrückt, des 
Werths des Arbeiters contrastirend entgegensteht. 

Noch weit mehr, als die ausschliessliche Herrschaft über die 
Natur, ist die Verfügung über die Aufhäufungen der dem Menschen 
entfremdeten und in Erzeugnissen verkörperten Arbeit als eine ur- 
sprüngliche und fortbestehende Verletzung der Gerechtigkeit aufzu- 
fassen. Einen grossen Theil dieser Aufhäufung bilden die unent- 
behrlichen Arbeitsmittel und mithin die der Production dienstbaren 
Capitalien. Durch sie findet sich das echte Princip des Eigenthums 
noch ärger beeinträchtigt, als durch die Abpferchung der Naturmittel. 
Die Arbeit oder der volle Werth derselben gehört dem zu Eigen, 
von dem sie ausgeht. Gegen dieses Eigenthum verstösst aber das 
blos so genannte Eigenthum, wie es vornehmlich als Gewalteigen- 
thum mit dem ünterdrückungsstaat gross geworden ist. Hier hat 
also ebenfalls die pohtische Gemeinschaft xommunitäre Ansprüche zu 
erheben; denn ein Zustand voller wirthschaftlicher Gerechtigkeit 
hätte den ausschliesslichen Capitalbesitz und die Capitaloligarchie 



— 282 — 

von vornherein verhindert. Die Entfremdung des Eigensten, worüber 
der Mensch von Natur verfügte, heisst sonderbarerweise mit ihrem 
historischen Namen selbst Eigenthum, und diese Bizarrerie des 
Sprachgebrauchs begründet sich nur dadurch einigermaassen , dass 
auch das Gewalteigenthum innerhalb des Kreises der gegenseitig für 
dasselbe politisch Versicherten ein relatives Recht ist. 

9. Am meisten pflegt man die Möglichkeit in Frage zu stellen, 
das Wirthschaftsrecht politisch im Sinne der freien Socialität zu 
ordnen. Die Schwierigkeit ist hier aber nicht grösser, als. in der 
Bestimmung sonstiger Functionen und Functionäre der Gesellschaft. 
Wie man die jedesmaligen Richter dort durch Wahl abordnen mag, 
wo nicht unmittelbar alle Glieder der GrundvereiniguÄg eintreten 
müssen, und wie man durch wählende Bezeichnung aus dem Kreise 
technisch Vorgeschulter die militairischen Führer bestimmt, so wird 
man auch die Functionäre der Wirthschaftsverfassung, gleich denen 
jeder andern Verwaltung, regelrecht zu beschaffen verstehen. Nur 
wenn es an den materiellen Grundsätzen selbst fehlte und so die 
wirthschaftliche Gerechtigkeit ohne Compass wäre, würde man sich 
vor einer wirklichen Schwierigkeit befinden. Glücklicherweise ist 
sich aber sogar die wirthschaftliche Wissenschaft, deren Fehlen an 
sich selbst die unmittelbar klaren Rechte wahrlich nicht mi {vernichten 
würde, noch obenein deutlich bewusst geworden, wie das einfachste 
Spiel des Werthgesetzes unter übrigens gleichheitlichen Verhältnissen 
grade ohne willkürlichen Zwang dahin fuhrt, das Recht der Arbeit 
auf gleichen Genuss zu verwirklichen. Ja selbst wenn man Unter- 
schiede der Arbeitsamkeit als maassgebend zuliesse, würden in dem 
natürlichen System der Gesellschaft doch nur verhältnissmässig kleine 
Verbrauchsabweichungen platzgreifen. Die Aufhäufungen würden 
immer nur der Consumtion dienen, nie aber die Knechtung und 
Aneignung der fremden Arbeitskraft ermöglichen. Auch das Ge- 
währenlassen der erblichen Uebertragung solcher Vortheile bliebe 
naturgemäss; denn die Wirthschaftsverfassung, welche die Miethe 
der Arbeitskraft als ein Verhältniss der Halbsklaverei ausschliesst und 
auch sonst thatsächlich jeder Arbeitskraft ihren selbständigen, keinem 
andern Menschen dienstbaren Platz anweist, verhinderte von vorn- 
herein jede privatökonomische Machtbildung. 

Die technischen Leiter der Production würden nicht mit den 
Organen der wirthschaftlichen Rechtsordnung zusammenfallen. Um 
jene zu bestimmen, würde mau schon der allgemeinen Schule die 



— 283 — 

Auswahl oder nöthigenfalls Ausloosiing derjenigen aufzugeben haben, 
welche zum besondem Fachunterricht höherer Art in der einen oder 
andern Richtung übergehen sollen. Der Reiz des Aufsteigens zu 
Thätigkeiten, die mehr Fähigkeiten und Vorbildung ins Spiel setzen, 
würde ausschliesslich auf der Neigung zu der betreffenden Beschäfti- 
gung und auf der Freude an der Ausübung grade dieser und keiner 
andern Sache beruhen. Er würde nicht mehr jener Stachel sein, der 
die Eroberung einer Stellung zu Erwerb und Herrschaft sowie da- 
neben noch die Befriedigung von ein wenig Eitelkeit oder gemeinem 
Ehrgeiz als entscheidendes Ziel vor Augen hat und fast niemals von 
einem erhebhchen Maass ursprünglicher Liebe zur Sache begleitet 
ist. Jener edlere, aus wirklicher Neigung entsprungene Antrieb würde 
auch den Wetteifer nicht vergiften und das feindliche Element der 
Mitbewerbung durch eine wilhge Unterwerfung unter diejenige Noth- 
wendigkeit ersetzen, durch welche der Sache am besten gedient wird. 
Die Personen würden lernen, sich zu bescheiden, wo die Gesetze der 
Sache und hiemit des allseitigen Wohls gesprochen haben. Das Ur- 
theil über die Fähigkeiten würde nicht nur methodisch sorgfältig, 
sondern auch schon von den ersten Stufen der Schulung her mit 
aller Rücksicht auf die freien Formen eines Gemeinwesens festzu- 
stellen sein. Unter den gleich Fähigen würde, falls die Anzahl zu 
gross wäre, wie schon angedeutet, der unparteiliche Zufall d. h. das 
Loos zu entscheiden haben. Durch die Vorbildung verkörpert sich 
in ihrem Träger auf rein persönliche Weise eine Menge von Arbeits- 
kraft, die erforderlich war, um durch Unterricht und Einübung den 
tüchtigen Kopf und die geschickte Hand herzustellen. Aus dieser 
Verkörperung darf nun der auf diese Weise schon persönlich Be- 
günstigte nicht etwa noch einen Anspruch auf besondere Belohnung 
und gesteigerten Genuss ableiten. Er darf seine verbesserten leib- 
lichen und geistigen Organe in dieser Beziehung nicht anders be- 
trachten, als irgend ein anderes, äusserliches Arbeitsmittel, welches 
ihm von der Gesellschaft zugerichtet und zur Benutzung übergeben 
ist. Die Herstellung von beiderlei Werkzeugen Imt die Ausgabe einer 
Menge von Arbeitskraft gekostet, welche von der Person, die nun 
über diese Werkzeuge verfügt, nicht hätte geleistet werden können. 
Die entsprechende Ausstattung mit besonderer Geschicklichkeit oder 
•mit Maschinen ist daher ihrem ökonomischen Werthe nach ein Auf- 
wand der Gesellschaft und so zu sagen eui Eigenthum, welches von 
ihr producirt worden ist. Derjenige nun, welcher in die bevorzugte 



— 284 — 

Lage kam, Gegenstand dieser Ausstattung zu werden, mag sich hiezu 
Glück wünschen, hat gber nicht das mindeste Recht, noch obenein 
auf besondern Entgelt für das Anspruch zu machen, was an ihm 
wesentlich von dem Zusammenwirken Aller herstammt. 

Der Andrang zu den höheren Specialitäten muss übrigens in 
der socialitären Gesellschaft noch dadurch gemässigt werden, dass 
die Bildung der allgemeinen Schule Alles bietet, was an sich selbst 
und principiell für den Menschen einen Reiz haben kann. Die 
Grundlage^ und Hauptergebnisse aller die Welt- und Lebensansicht 
berührenden Wissenschaften gelangen hier zu ihrem Recht für die 
allgemeine Bildung und für die Gestaltung oder Gewöhnung des 
Denkens, Fühlens und Wollens. Genaue und sichere Kenntnisse über 
das, was auch der Nichtspecialist für die eigne und fremde Gesund- 
heit vorbeugend oder nachhelfend thun kann, dürfen schon darum 
nicht fehlen, weil man hiedurch nicht nur an ärztlichen Functionären 
der Gesellschaft viel ersparen, sondern auch die Thätigkeit dieses 
Berufs durch ein derartiges Zusammenwirken erfolgreicher machen 
kann. Ebenso werden die Hantirungen und Kunstfertigkeiten von 
allgemeinem Interesse, also namentlich die gewöhnlichsten und leicht 
zugänglichsten Verrichtungen in Ackerbau, Industrie und Verkehr, 
soweit sie irgend zu einer Steigerung der allgemeinen leibHchen und 
geschäftlichen Tüchtigkeit oder zu einem übersichtlichen Verständniss 
der Gesammtverhältnisse beitragen mögen, bereits von der allgemeinen 
und gleichen Schule berücksichtigt. Die Voraussetzung einer solchen 
fundamentalen Schule, in welcher sich gleichmässig für Alle eine 
walirhaft allgemeine wissenschaftliche und sifcten veredelnde Menschen- 
bildung concentrirt, gestattet es, die höhereu specialistischen Stufen 
mit andern Augen zu betrachten, als im heutigen Staat. In dem 
letzteren finden sich die Specialitäten mit der politischen Autorität 
und der ökonomischen Macht gemischt und übrigens auf einen Stamm 
von Volksunwissenheit und äusserst unzulänglicher Mittelbildung ge- 
pfropft. In der freien Gesellschaft ist aber eine so klaffende Un- 
gleichheit der geistigen Ausstattung nicht vorhanden. In ihr wird 
man den fähigen oder gar schöpferischen Specialisten zwar achten 
und überdies, was heute se>ten der Fall ist, sogar in einem gewissen 
Sinne lieben; aber man wird in ihm keine autoritäre Macht sehen, 
welche das allgemein Menschliche der universellen Bildung wesentr 
lieh überragte. In der Hauptangelegenheit, nämlich im allgemeinen 
Lebensbewusstsein wird er sich von der Gemeinschaft Aller nicht 



— 285 — 

erheblich entfernt haben können, und seine allgemeine Bildung wird 
dieselbe sein, wie die jedes Andern, Die Gegenseitigkeit zwischen 
denen, welche zuerst neue Bestand theile des Wissens und der Bil- 
dung erringen, und denen, welche sie alsdann aufnehmen und auch 
sofort vermittelst jener wahrhaften Volksschule fortpflanzen, muss 
beiden Theilen zur Befriedigung gereichen ; denn es hört hiemit jene 
Entfremdung auf, welche die kühnen Geister nicht blos von der 
Menge, sondern auch von der höhern aber rückständigen Bildung 
der Besten ihrer Zeit so oft isolirt und ihnen eine für den Augen- 
blick unfruchtbare, erst einem spätem Geschlecht förderliche Ein- 
samkeit und Zurückhaltung aufgenöthigt hat. Auf der andern Seite 
werden auch manche Ausschweifungen und sogenannten Geniespiele 
an dem lebendigen Wechselverkehr ein Maass finden, welches die 
bizarre Yerlorenheit des Geistes wieder an das Geleise des normalen 
Gedankenganges erinnert. 

10. In der freien Gesellschaft kann es keinen Cultus geben; 
denn von jedem ihrer Glieder ist die kindische Ureinbildung über- 
wunden, dass es hinter oder über der Natur Wesen gebe, auf die 
sich durch Opfer und Gebete wirken lasse. Der Naturgesetzlichkeit 
gegenüber sind die vermeintlichen Zauberkünste der Religionen ein 
offenbares Nichts, und die innere psychische Wirkung ist ein Trug, 
der trotz des mancherlei Scheins von vorläufiger Befriedigung doch 
auf die Dauer nicht wohlthätig sein kann. Die falschen Träume 
halten eben die Probe der Wirklichkeit nicht aus, und die fortge- 
setzte Pflege derselben ist eine Art Wahnberauschung, auf welche 
eine mit üebelbefinden verbundene Ernüchterung des Einzelnen und 
der Völker folgen muss. Hiemit wird alsdann die Aera der Religion , 
die nichts als ein Erzeugniss der unzulänglichen Orientirung des 
Menschengeistes war, endgültig geschlossen. Die naturwissenschaft- 
liche Denkweise verallgemeinert sich zu einer Erkenntniss der durch - 
gängigen Regelmässigkeit aller Vorgänge, und hiemit ist dem Ge- 
danken, auf die Dinge und das eigne Schicksal durch Kundgebungen 
zu wirken, die sich an imaginäre und mystische Mächte richten, die 
Wurzel abgeschnitten. Es bleibt nur die allgemeine Speculation, 
d. h. die Bildung von verstandesmässigen Ideen und gemüthshaften 
Eindrücken übrig, in denen sich der Charakter alles Seins mehr oder 
minder zutreffend bekunden mag. Diese Speculation oder, mit an- 
dern Worten, dieses betrachtende Nachdenken ist aber kein Caltus ; 
denn es richtet sich nicht wie dieser auf Vortheile, die durch eine 



— 286 — 

mit Opfern erkaufte oder aber auch blos erbettelte Göttergunst ge- 
sichert werden sollen. Jene Speculation kann ebensogut wie das 
mathematische Nachdenken oder wie die Poesie bestehen, auch wenn 
ihr keine besondern öffentlichen Einrichtungen gewidmet sind. Jedoch 
wird das, was an ihr wirkliches Wissen oder unumgängliches Em- 
pfinden ist, bereits in der allgemeinen Schule gleich andern wissen- 
schaftlichen und künstlerischen Bestandtheilen der universellen Bil- 
dung hinreichend Wurzel fassen, und es bleibt ja überdies den Ein- 
zelnen und den Gruppen unbenommen, von ihrer reichlich bemessenen 
freien Zeit auch für die besondere Pflege beschaulicher Betrachtung 
je nach der Neigung Gebrauch zu machen. Um die moralischen Ele- 
mente, die sich in sehr zweideutiger Weise mit den rehgiösen Vor- 
stellungen und Verfahrungsarten mischten, braucht man nicht be- 
sorgt zu sein; denn die freie Gesellschaft hat festere und edlere 
Grundlagen der Sittlichkeit aufzuweisen, als jemals mit irgend einer 
Superstition vereinbar gewesen sind oder werden können. Der freie 
Kopf und alle bessern Naturtriebe des Herzens sind hier die Gesetz- 
geber, und eine auf Wohlwollen und Verstand gegründete Vereini- 
gung ist in jedem ihrer Glieder und als organisirtes Ganze der Bürge 
für die thatsächliche Güte und Vervollkommnung der Sitten. 

Mit dem Cultus und der zugehörigen Religion kommen auch 
die entsprechenden Nebeneinflüsse auf die Regeln und Einrichtungen 
des bisherigen Rechts in Wegfall. So ist nicht blos kein Eid son- 
dern auch kein Analogon desselben mehr denkbar. Es würde nämlich 
.ein Abweg sein, die ursprünglich von den religiösen Vorstellungen 
erzeugte Einrichtung des Eides nun etwa fernerhin, in vermeintlich 
recht verstandesmässiger Weise, als eine Versicherung fortbestehen 
zu lassen, auf deren absichtliche Falschheit eine bedeutende Ver- 
brechensstrafe gesetzt wäre. Dies hiesse, eine willkürliche geistige 
Folter grade da festhalten, wo ohne die ursprüngHch freiwillige Sitte 
des Schwörens das ganze Beweismittel nie in Frage gekommen wäre. 
Das Rechnen mit der klaren Wirklichkeit kann überhaupt den sub- 
jectiven Beweismitteln nicht soviel Bedeutung einräumen, als die 
wenig exacte Auffassung der zwar neuerdings formell ungebundenen, 
aber dafür auch principlos zwischen Gewohnlieit und Willkür schwan- 
kenden Gerichtsroutine. Wer da meint, man könne ohne den Eid 
oder ein rein weltliches Surro'gat nicht auskommen, möge nur be- 
denken, dass man gegenwärtig oft in der schlimmeren Lage ist, 
Angesichts des Meineides von Schurken und der säubern Cousequenzen 



— 287 — 

der vollen Geltung desselben existiren und diesen Eidesausbeutem 
die Stirn bieten zu müssen. 

Die milden Stiftungen, die zu einem grossen Theil den Ver- 
tretern des Cultus anheimgefallen sind, finden sich in der freien Ge- 
sellschaft durch etwas unvergleichlich Besseres ersetzt. Hier ist die 
Humanität der fraglichen Gattung auf das veredelte natürliche Mit- 
leid gegründet und derartig in umfassenden Organisationen verkörpert, 
dass sie nicht mehr den beliebigen Einzelregungen anheimfällt. Der 
Beistand, welchen der Mensch dem Menschen in Krankheit, Unglück 
und sonstiger Hülflosigkeit gewähren soll, reicht freilich über die 
blosse Gerechtigkeit ursprünglicher Art hinaus, muss aber dennoch 
als eine höhere moralische Pflicht aufgefasst werden, weil die Ver- 
sagung desselben zwar nicht als eine eigentliche Gerechtigkeitsver- 
letzung, wohl aber überhaupt als ein Mangel und zwar als ein ähn- 
licher Mangel empfunden wird, wie wenn auf eine Wohlthat die 
Regung und Bethätigung von Dankbarkeit ausbleibt. Auch schliesst 
die allgemeine Vergesellschaftung sogar den Vertrag auf gegenseitige 
Hülfe unter . allen Voraussetzungen und mithin auch für die Zustände 
der Schwäche und Hülflosigkeit ein. Um jedoch den Geist der auf- 
opfernden Mitempfindung und der persönlichen Hingebung bei der 
Krankenpflege und in andern Richtungen umfassend zu verkörpern 
und stets regezuhalteu, bedarf man mehr als des blossen Gedankens 
einer gesellschaftlich nothwendigen Pflicht. Man bedarf ausser der 
Erkenntniss dieser Pflicht auch noch einer besondem Steigerung und 
Ausbildung des Mitgefühls und einer Art edler Leidenschaft für die 
Uebernahme derjenigen Bürden und Geduldsproben, welche die Aus- 
übung des fraghchen Beistandes, gestalte sie sich als dauernder 
Beruf oder als zeitweilige Verrichtung, stets in irgend einem Maasse 
mit sich bringen wird. Nur die zur zweiten Natur gewordene, frei 
aus der Gefühls- und Denkweise entspringende Theilnahme kann 
hier das Höchste leisten und über die äusserliche Bethätigung wohl- 
wollender Pflege hinaus, die auch schon ein wahrlich nicht gemeines 
Ergebniss ist, zur Befriedigung der Gemüthsbedürfhisse der frag- 
lichen. Zustände gelangen. Das tief wurzelnde Bewusstsein von dem 
gemeinsamen Menschenschicksal und die Erweckung des feineren 
Mitgefühls für die einzelnen Gestalten individuellen Unglücks und 
Schmerzes werden allein vermögen, jene opferwillige Gesinnung zu 
erzeugen, ohne welche auch die besten und wirksamsten äussern 
Einrichtungen eine Halbheit bleiben müssten. Die Versenkung in 



— 288 — 

den Gedanken des allgemeinen Bandes, welches in Lust nnd Schmerz 
alle Theilhaber an der Menschennatur umschlingt, sowie in die Idee, 
dass die Welle, welche der Einzelne im Strome des Lebens ist, einem 
Element und Wesen angehört, das wir Alle sind und mannichfaltig 
ausprägen, — diese lebendige Erfassung der menschlichen Sohdarität 
im Leben und Sterben darf nicht fehlen, wenn der Mensch dem 
Menschen im Unglück und in der Pein letzter abschliessender Lebens- 
acte das sein soll, was er durch echte Theilnahme wirklich zu sein 
vermag. Man vergleiche nun mit dieser natürlich menschlichen, aber 
darum nur um so höheren Aufgabe die Bestrebungen, welche die 
bisherige Geschichte im Reich der auf Bettel und frömmelnden Trug 
gegründeten Einrichtungen aufzuweisen hat. Was sich hier selbst 
innerhalb des Rahmens der allgemeinen Täuschung an wahrer Mensch- 
lichkeit ausnahmsweise bethätigen mochte, musste durch die Mischung 
mit den überwiegenden schlechteren Bestandtheilen geschwächt und 
verunstaltet werden. Die unnatürliche Richtung und der pietistische 
Zwang, in welchen an sich gute Regungen verschoben' und ver- 
schroben wurden, mussten selbst die beste Anlage und die auf- 
richtigste Hingebung mit schädlichen und unleidlichen Bestandtheilen 
versetzen. Ueber diese Fälschungen der edelsten Seiten der Menschen- 
natur kann nur die freie Gesellschaft endgültig triumphiren , weil 
sie allein es ist, in welcher der Mensch sein theilnehmendes Wesen 
nicht nur ohne mystischen Dunst erkennt, sondern auch unbefangen 
und ohne den kindischen Anspruch auf transcendent magische Zauber- 
künste, also rein und ausschhesslich im Sinne der Wirklichkeit aus- 
prägt. 

11. In dem überlieferten Staat sind die verschiedenen politischen 
Körperschaften vorherrschend nach dem Muster der allgemeinen Ge- 
waltverfassung und im Sinne des Bevormuuduugsprincips eingerichtet- 
Man darf nm* an die Gemeindeverfassungen und an die privilegien- 
hafte Entstehangs- und Verwaltungsar fc der mannichfaltigen Corpo- 
rationen denken, um sofort inne zu werden, dass der Rahmen des 
Unterdrückungsstaats keine Bilder fassen kann, die nicht den gleichen 
Gegensatz von Herrschaft und Knechtschaft weiter ausgeführt ent- 
halten. Die Gleichartigkeit, mit welcher sich die Gesammtverfassung 
in entsprechend unfreien Gemeinde- und Corporationseinrichtungen 
geltend macht, gilt nicht blos im Allgemeinen, sondeni auch für die 
Unterschiede des Mehr und Minder der Knechtschaft, die uns freilich 
hier, wo wir nur im Grossen Abrechnung halten, nicht besonders 



— 289 — 

interessiren können. Jedoch ist die allgemeine Idee von Werth, dass 
sich die kleinern politischen Einheiten überall den staatlichen Ge- 
sammtformen anbequemen, und dass in der Gemeindeverfassung 
Unterdrückung und Vormundschaft auch dann noch unbeschränkt 
fortzubestehen pflegen, wenn übrigens schon in der Gesammtver- 
fassung einige Milderungen durchgesetzt worden sind. Diese Er- 
scheinung ist sehr natürlich; denn die klein ern Einheiten gelten im 
Gewaltstaate nur als Ausläufer desselben, und man muss daher erst 
bei ihm selbst in seinen grossen Dimensionen beginnen , ehe man 
seine entfernteren Consequenzen zu erreichen vermag. 

Ursprünglich ist auch die Familie eine politische Einheit, und 
die Herrschaft des Pamilienhauptes eine Gewalt, welche die wichtig- 
sten Eigenschaften der Staatshoheit, wie z. B. eine Art Strafgerichts- 
barkeit, einschliesst. Wo der Familiendespot das Recht über Leben 
und Tod seiner Angehörigen hatte, da war die Familie zugleich der 
Unterdrückungsstaat im Kleinen. Nun ist freilich im Lauf der Ge- 
schichte die private Familiengewalt immer mehr beschränkt worden, 
und ihre eigentlich politischen Functionen sind -gänzlich an den 
Gewaltstaat übergegangen. Ein bemessenes Züchtigungsrecht gegen 
die Kinder kann kaum als Rest der ursprünglichen Strafe ompetenz 
angesehen werden; denn es hat nur einen pädagogischen Sinn und 
\vürde äusserst fraglich werden, wenn es über die Zeit der eigent- 
lichen Erziehung hinaus zur Anwendung kommen sollte. Ueberhaupt 
sind die Bestandtheile der väterlichen Gewalt, soweit dieselben über 
die Erziehung hinausreichen sollen, jetzt nur vereinzelte Ueberbleibsel 
und bleiche Schatten der ursprünglichen Machtvollkommenheit. Die 
Einwilligung zur Ehe der Kinder ist zu einer Form herabgesunken, 
und die Vorenthaltung derselben kann äusserstenfalls nur eine auf- 
schiebende Wirkung haben. 

Trotz dieser Einschrumpfung der Familiengewalt bleibt aber 
dennoch der Satz bestehen, dass der Unterdrückungsstaat , die Ge- 
sellschaft mit dem Gewalteigenthum und die Familie mit der Zwangs- 
ehe als gleichartig zueinander gehören. Wie sollte auch das , was 
von allen politischen Einheiten und körperschaftlichen Gestaltungen 
gilt, bei einer Einrichtung nicht zutreffen, in deren Rahmen sich 
weltgeschichtlich die schroffste Ungleichheit, nämlich die lebensläng- 
liche Rechtsunmündigkeit des Weibes geborgen hat ! Auch nach 
der heute üblichen Auffassung ist die Ehe eine Unterordnung des 
Weibes unter den Willen des Mannes, und wir haben es daher in 

Dübring, Cursus der Philosophie. 1^' 



— 290 — 

der Zwangselle so gut wie im Unterdrückungsstaate mit einem Ver- 
hältniss von Herrschaft und Knechtschaft zu thun. Eine mildere 
Aussenseite, die sich etwa in der wirklichen Sittengestaltung zeigen 
mag, darf über die juristischen Consequenzen nicht täuschen, die 
aus den anerkannten Rechten jederzeit gezogen werden können und 
auch oft genug direct und noch öfter indirect benutzt werden. Die 
Frau muss, bei Vermeidung polizeilichen Zwanges, dem Manne folgen, 
wohin ihm zu gehen beliebt, oder, was unter Umständen schlinuner 
sein kann, sich das von ihm gewählte Domicil anweisen lassen, 
während er bezüghch seines thatsächlichen Aufenthalts völhg un- 
gebunden bleibt. In dem entscheidenden Hauptpunkt, auf welchen 
das ganze Eheverhältniss angelegt ist, hat die Frau sogar das ge- 
meine Schutzrecht eingebüsst, welches selbst jeder feilen Dirne gegen- 
über juristisch gültig ist. In der Ehe kennt nämlich das Strafrecht 
thatsächhch keine Nothzucht, und es wäre auch wunderlich, ein 
eigentlich juristisches Recht auf den Geschlechtsverkehr anzuerkennen 
und dabei die Eigenschaft aller mehr als blos moralischen Rechte, 
nämlich die executive Erzwingbarkeit auszuschliessen. Gesellt sich 
doch zu dem fraglichen Mangel an Schutz noch indirect die positiv 
gerichtliche Anhaltung zum Geschlechtsverkehr oder, um buchstäb- 
lich mit den Gesetzbüchern zu reden, zur ehelichen Pflicht, indem 
die wirksame Vorenthaltung der letzteren als ein Treunungsgrund 
die Ehe selbst in Frage stellt ! Auch kann man nicht einmal sagen, 
dass dieses System inconsequent sei ; es ist eben nur die Folge einer 
Rechtseinrichtung, vermöge deren das lebenslängliche Geschlechts- 
monopol sanctionirt wird. Lässt man einmal die Eingehung eines 
Rechtsverhältnisses zu, in welchem, wie selbst die nichtjuristische 
Sprache verräth, der „Besitz" des Weibes oder, mit andern Worten, 
die volle und ausschliessliche Herrschaft über die geschlechtlichen 
Eigenschaften und Functionen den Gegenstand des Rechts bildet, 
so wird man auch jene Consequenzen ziehen und sowohl die unmittel- 
bare als auch die mittelbare Erzwingung gutheissen und gerichtlich 
unterstützen müssen. Die bei manchen juristischen Schriftstellern 
beliebte Berufung auf die mehr sittliche als eigentlich juristische 
Natur der fraglichen Verhältnisse ist Angesichts des geltenden 
Systems der historisch überlieferten Ehegestaltung nichts weiter als 
eine Umgehung der Schwierigkeiten des Eherechts und eine Aus- 
flucht, durch welche die Widersprüche des veredelten natürlichen 
Gefühls «nd der Grundlagen des wirklichen Rechtsinstituts umnebelt 



— 291 — 

werden sollen. Der sittliche Anschein, mit dem man auf diese Weise 
der schärferen Untersuchung auszuweichen gesucht hat, ist ein Ver- 
tuschungs- und Beschönigungsmittel gewesen, mit dem man sich 
und Andern gleichsam sittenheuchlerisch die entscheidenden Frage- 
punkte verhehlte und so der Nothwendigkeit einer klaren Antwort 
möglichst weit aus dem Wege ging. 

12. In Wahrheit soll die Ehe allerdings ein Gebilde der Sitte, 
aber eben darum auch in der Hauptsache kein Institut des Zwangs- 
rechts sein. Geschichtlich ist sie bisher in allen ihren auf ein Weib 
oder mehrere gerichteten Gestalten eine geordnete, aber im Sinne 
der Unterdrückung geordnete Form der dauernden Geschlechtsgemein- 
schaft gewesen. Jedoch sind Ausdrücke wie Gemeinschaft und Zu- 
sammenleben der Geschlechter für den Gesammtverlauf der Geschichte 
des Instituts insofern noch zu edel, als durch sie die Einseitigkeit 
des Eherechts, die eine Aneignung des Weibes, aber keine eigent- 
liche Vergesellschaftung mit ihm darstellte, leicht im Sinne besserer 
Zukunftsgedanken umgedeutet und so in ihrer wahren historischen 
Beschaffenheit verhüllt wird. Der Ehebruch ist zwar in den neuem 
Gesetzgebungen so aufgefasst, dass er auch auf den anderweitigen 
Geschlechtsverkehr der Männer bezogen wird; indessen ist diese 
Gleichheit nur scheinbar und künstlich gezwungen. Die alten Ord- 
nungen waren natürlicher und offener. Auch passten sie weit besser 
zur Zwangsehe, als die moderne Seheinheiligkeit, die ein gleiches 
Maass anzuwenden vorgiebt, wo Natur und Verhältnisse es Angesichts 
des Zwangsinstituts nun einmal nicht gestatten. Der Geschlechts- 
verkehr der Männer ausserhalb der eignen Ehe ist gar nicht wirk- 
sam zu hindern oder zu überwachen und hat auch nicht wie der- 
jenige des Weibes die materiell sehr wichtige Folge, die eigne Familie 
mit Kindern fremder Abstammung zu untermischen und so alle An- 
nahmen über die Vaterschaft unsicher zu machen. In ihrem alten 
Geist und Bestände wird in der That die ganze Familienverfassung 
durch den weiblichen Ehebruch eingerissen, während das entsprechende 
Verhalten des Mannes ganz spurlos bleiben und im äussersten Fall 
nur eine Privatbelastung nach Aussen mit Verbindlichkeiten für un- 
eheliche Kinder mit sich bringen kann. Die Prostitution gilt in der 
auf Verkauf des Menschen au den Menschen gegründeten Unter- 
drückungsgesellschaft als ^selbstverständliche Ergänzung der Zwangs- 
ehe zu Gunsten der Männer, und es ist eine der begreiflichsten, aber 
auch bedeutungsvollsten Thatsachen , dass es etwas Aehnliches für 

19* 



— 292 — 

die Frauen nicht geben kann. Die Kluft bleibt hier also Angesichts 
der Zwangsehe zwischen den Folgen des Verhaltens beider Ge- 
schlechter schon von ^Natur eine so grosse, dass eine wahrhafte Aus- 
gleichung der Pflichten nur mit der Abschaffung eben jener Zwangs- 
ehe denkbar ist. Nach der historischen und dem Wesen des Gewalt- 
instituts allein entsprechenden Auffassung giebt es einen eigentlichen 
Ehebruch nur auf Seiten des Weibes, und der Fremde ist auf eigne 
Hand nur Störer des Besitzrechtes, übrigens aber Theilnehmer an 
dem Hauptvergehen. Auf den Mann aber, der in der eignen Ehe 
die geschlechtliche Ausschliesslichkeit nicht einhält, findet der natür- 
lich geschichthche Begriff keine Anwendung. Der Mann verletzt 
das, was man auch an ihm eheliche Treue nennt, und macht je 
nach den vorherrschenden Begriffen die natürliche oder künstliche 
Eifersucht des Weibes mehr oder minder rege. Man muss indessen 
sorgfältig zwischen der naturwüchsigen Eifersucht, die auf wirklicher 
Affection beruht, und jener mehr künstlichen unterscheiden, die nur 
die Verletzung eines wirklichen oder vermeinten Rechts, gleich der 
jedes andern Anspruchs oder Besitzes, überwachen will. Die Liebe 
vor der Ehe zeigt uns jene noch reih natürlichen Bestandtheile der 
Eifersucht, die ja unsern frühern Lehren gemäss in der Oekonomie 
der menschlichen Beziehungen als unentbehrliche Gestaltungskraft 
wirken und grade für eine wahrhaft sittliche Ordnung der Vereini- 
gung der Geschlechter mit ihrer begrenzenden und beschränkenden 
Function gar sehr ins Gewicht fallen müssen. Dagegen ist die ehe- 
liche Eifersucht innerhalb der Zwangsehe stets von dem Gedanken 
eines eigentlichen Rechtsanspruchs ausschliesslicher Art getragen. 
Sie schmeckt bei dem Manne ein wenig nach dem Eifer, mit welchem 
auch anderer Sachbesitz gegen Beeinträchtigung gehütet wird; bei 
dem Weibe aber ist sie ein Festhalten au der Ausschliesslichkeit der 
Gunst und in gröberer Weise auch wohl eine Sorge um die Ge- 
schlechtsbefriedigung, für die nicht, wie bei dem Manne, eine Er- 
gänzung leicht und gefahrlos zu finden ist. Die Störung nun, welche 
der Mann durch Erregung dieser letztern Art von Eifersucht in die 
Familie bringt, ist nicht nur etwas Zufälliges, dem thataächlich meist 
ausgewichen wird, sondern auch etwas, was in so verschiedenen 
Graden vorhanden sein kann, dass es sich nur in den äussersten 
Fallen einigermaassen, und auch dann nur annähernd, mit dem Un- 
heil vergleichen lässt, welches durch die Fehltritte des Weibes ziem- 
lich sicher zu gewärtigen sein wird. Will mau die Rechtseinseitigkeit 



— 293 - 

der Zwangsehe vertheidigen, so sollte mau auch soviel Offenheit und 
Muth haben, einzugestehen, dass hier der Ehebruch wesentlich nur 
als eine Verletzung des am Weibe erworbenen Rechts vorhanden 
sein könne. 

13. In der ünterdrückungsgesellschaft ist die Ehe eine wirth- 
schaftliche Versorgung für das Weib, und die Familie die entschei- 
dende Hauptveranstaltung zur Ernährung und Erziehung der Kinder. 
Setzt man ein Gemeinwesen voraus, in welchem das Weib so gut 
wie der Mann wirthschaftlich selbständig ist und gleich ihm in der 
Gesellschaft eine selbstgenugsame und mit dem gehörigen Unterhalt 
verbundene Function übt, ja auch in den Fällen von Krankheit, 
Hülflosigkeit, Altersschwäche oder sonstiger Unzulänglichkeit in 
gleicher Weise wie sonst unterhalten wird, — setzt man eine solche 
Wirthschaftscommune voraus, in der dann auch zugleich für die 
ünerwachsenen Tisch, Schule und Schutz nach bestimmten Regeln 
zugänglich sind, so kommen die hauptsächlichsten Interessen, unter 
deren Einwirkung sich heute auch der schwächere Theil in die 
Zwangsehe ergeben und selbst an ihren unleidlichsten Gestaltungen 
im einzelnen Fall festhalten muss, gar nicht mehr in das Spiel. Ja 
selbst die Rücksicht auf die Kinder steht . alsdann der freien und 
wahrhaft sittlichen Gestaltung der Ehe nicht entgegen. Die Mutter 
ist in einem solchen Gemeinwesen für die Zeit der natürlichen Un- 
mündigkeit auch die natürliche Erzieherin der Kinder. Diese Periode 
mag, wie im alten Römischen Recht, bis zur Pubertät, also etwa 
bis zum 14. Jahre reichen. In der freien Gesellschaft wird nicht 
nur die mütterliche Sorge, sondern auch der mütterliche Schutz bis 
dahin genügen , und namentlich werden die guten Schuleinrichtungen 
und die mit ihnen verbundenen Erziehungsvorkehrungen dahin wir- 
ken, dass der gelegentliche Mangel, der sich sonst in einzelnen 
Fällen bezüglich des Ansehens . der Mutter den älteren Knaben gegen- 
über herausstellen könnte, gehörig ergänzt und nöthigenfalls durch 
directe öffentliche Erziehung unschädlich gemacht werde. Der väter- 
liche Beistand wird naturgemäss in der ersten Zeit da nicht fehlen, 
wo eine freie, der Sitte angehörige Ehe vorhanden ist, und dieses 
Vorhandensein wird grade in der freien Gesellschaft, in welcher die 
Prostitution, d. h. der Verkauf der Geschlechtseigenschaften , eine 
Unmöglichkeit ist, die umfassende und nur von wenigen Ausnahmen 
durchkreuzte Regel bilden. Dieser Beistand des Mannes ist unter 
allen Verhältnissen auch für das Weib und zwar besonders in den 



— 294 — 

Zeiten der Geburten moraliscli von Wichtigkeit, aber in der freien 
Gesellschaft, welche für die Zustände der Hülflosigkeit in jeder 
Richtung Fürsorge triflFfc, auch bezüglich der Gemüthsrücksichten 
allenfalls entbehrlich. Wo der Mensch an dem nächsten Kreise ge- 
sellschaffchch einen im edelsten Sinne des Worts humanen Rückhalt 
hat, da mag er den Mangel der engsten Beziehungen zwar nicht 
völlig ersetzt finden, aber doch leichter verschmerzen. Allerdings 
giebt es keinen vollständigen Ersatz für die individuelle Liebe und 
Sorge; aber es handelt sich auch hier nur um die Frage, was an die 
Stelle des früheren Zwanges trete, der wahrlich auch keine Bürg- 
schaft; der freiwilligen und aufrichtigen Liebe einschloss. Fehlt der 
Vater für die spätere Zeit der Erziehung und Leitung, welche mit 
der beginnenden Geschlechtsfähigkeifc eintreten muss, so ist es in 
der freien Gesellschaft sehr leicht, seinen Antheil an der natürlichen 
elterlichen Vormundschaft durch öffenthche Organe wirksam zu er- 
setzen, da die Enge und Durchsichtigkeit des politischen Zusammen- 
hangs der kleinen Gesellschaftscommunen eine nachhaltige und ver- 
lässliche Wahrnehmung der Angelegenheiten des Einzelnen ermöglicht. 
Was aber das Recht des Vaters auf die natürliche Vormundschaft 
anbetrifft, so hängt es . selbstverständlich von einer unbestrittenen 
wirklichen Vaterschaft ab und kann der Regel nach nur in der 
freien sittlichen Ehe als ohne Weiteres vorhanden anerkannt werden. 
Man wird sich jedoch überhaupt derartige Verhältnisse nicht nach 
den Interessen des heutigen Familienrechts zu denken haben. Die 
Vermögensrücksichten fallen mit der Bedeutung des Erbrechts für 
Wirthschaft und Existenz so gut wie fort; denn es kann sich 
äusserstenfalls nur um die Uebertragung von massigen Anhäufungen 
für die Consumtion, aber nicht von grossen Mitteln für die Pro- 
duction handeln. Das Verhältniss zum Grund und Boden, zu den 
Gebäuden und zu den Arbeitsmitteln ist ein publicistisches und regelt 
sich daher nicht nach den Grundsätzen des heutigen Privateigenthums 
und demgemäss auch nicht nach denen des Familien- und Erbrechts. 
Die heutigen Familienrechte auf die Personen verlieren mit den 
Zwangscönsequenzen ebenfalls ihre Bedeutung, und die Ausübung 
von dem, was in der frei sittlichen Ehe und der entsprechenden 
Familie an ihre Stelle tritt, wird zu einer gesellschaftlichen Function 
fundamentaler Art. Die freie und gleiche Ehe ist die von der Sitte 
aufrechterhaltene Grundvereinigung der Geschlechter in individueller 
Liebe und Fürsorge für die Nachkommenschaft. Wo diese Sitte 



— 295 — 

selbst die etwa entstehenden Streitigkeiten' nicht in freier Einigung 
ausgleicht, da sorgen die politischen Functionen der Gesellschaft 
nicht etwa für eine Zwangsausgleichung, sondern unmittelbar für 
die Erziehungsinteressen und zwar annähernd so, als wenn die Ehe 
und die unentscheidbaren Familienrechte nicht vorhanden wären. 

14. Nirgend hat das Problem der einheitlichen Leitung gemein- 
samer Angelegenheiten mehr Schwierigkeiten als in der Ehe, und es 
ist bisher in erträglicher Weise nur durch die Anerkennung der 
Oberherrschaft des Mannes und mithin nur einseitig gelöst worden. 
Die sittliche Ehe in der freien Gesellschaft kennt, wie die letztere 
überhaupt und in allen Gebilden, durchaus keine Vorrechte des 
Mannes. Die Vergesellschaftung auf gleichem Fuss ist auch in der 
freien und natürlichen Ehe der zukünftigen bessern Socialität das 
Grundprincip. Glücklicherweise müssen die Conflicte unter Voraus- 
setzung der neuen socialitären Gebilde im Rahmen des rein Mora- 
lischen verbleiben, und hier werden die gegenseitigen Sympathien 
und Interessen das den Veruneinigungen vorbeugende oder über sie 
hinweghelfende Band abgeben. Die Functionentheilung in der Er- 
ziehung wird nicht schwer fallen und übrigens werden die gegen- 
seitigen Anbequemungen auch weit weniger schwierig sein, wenn 
von der einen Seite nicht mehr die besondere Anmaassung eines 
vermeintlich naturberechtigten üebergewichts und eines privilegirten 
Willens ausgespielt werden kann. Um gar kein Missverständniss 
offenzulassen, sei hier noch besonders darauf hingewiesen, dass die 
sittliche Ehe der freien Gesellschaft ein häusliches Beisammenleben 
zwar der Regel nach mit sich bringen wird, aber keineswegs stets 
zur unumgänglichen Nothwendigkeit macht. Unter Umständen wird 
die äusserliche Trennung, deren sich in verkehrter Anwendung jetzt 
der besondere Luxus der Reichen und Hochgestellten erfreut, in 
heilsamer Gestaltung dazu dienen können, den Verkehr unabhängiger 
zu machen und individuell zu veredeln. Die Individualisirung des 
Lebens erheischt oft für jeden Theil ein Reich für sich und eine 
auch thatsächliche Selbständigkeit in den sogenannten Kleinigkeiten 
oder besondern Gewohnheiten des Daseins. Auch die blos indirecte 
Nöthigung, selbst mit dem nächsten Herzensangehörigen bei jeder 
noch so untergeordneten Lebens äusserung in Berührung zu kommen, 
wird für beide Theile lästig und ergiebt wahrlich kein Ideal einer 
freien und schönen Existenz. Man muss einsam sein und sich zeit- 
weihg dem Verkehr entziehen können, wenn der missliebige Zwang 



— 296 — 

nicht die Reize der edleren Geselligkeit beeinträchtigen und die allzu 
enge Gemeinschaft theilweise zu einer Last machen soll. 

Unter den heutigen Gesellschaftsverhältnissen uud überhaupt 
unter jeglichem ünterdrückungsrecht ist die freie, rein sittliche Ehe 
schon der Versorgungsrücksichten wegen eine Unmöglichkeit. Die 
Frauen selbst haben ein grosses Interesse, sich unter diesem System 
sogar gegen allzu leichte Scheidungsmöglichkeiten zu erklären ; denn 
unter der Herrschaft der Ausbeutung würden sie es grade sein, die 
so zu sagen einem Verbrauch durch die Männer anheimfallen müssten. 
Nachdem ihre Reize verblüht oder gar ihre Kräfte in der Familien- 
sorge vemutzt wären, liefen sie Gefahr, den Abschied zu erhalten. 
Das Einzige, was unter den rückständigen Culturverhältnissen der 
Gegenwart geschehen kann , ist eine Wegräumung der letzten Reste 
der sogenannten Geschlechtsvormundschaft, indem die Frau juristisch 
vollkommen handlungsfähig gemacht und von der Nöthigung befreit 
wird, in ihren Rechtshandlungen die Beistimmung und den soge- 
nannten Beistand des Mannes für sich zu haben. Uebrigens hängt 
die Möglichkeit der bessern und dem Sittenideal entsprechenden Ehe 
von der politisch socialitären Umschaffung der Gesammtzustände ab. 
Es würden sich die verkehrtesten und widersprechendsten Vorstel- 
lungen ergeben, wenn Jemand die Thorheit beginge, die Züge des 
von mir entworfenen Bildes in unsere heutige Wirklichkeit über- 
tragen und mit derselben vereinbaren zu wollen. 

Die Stellung der Frauen ist nicht blos bezüglich der Ehe son- 
dern auch im Hinblick auf alle politischen und gesellschaftlichen 
Functionen ein Merkzeichen der Cultur oder üncultur. Diejenigen 
Gemeinwesen werden die freiesten und edelsten sein, in denen auch 
die Unabhängigkeit und Gleichberechtigung des Weibes in .allen Be- 
ziehungen einst zur Verwirklichung gelangt sein wird. Auf dem 
Wege zu diesem Ziele liegt der gewöhnliche materielle Socialismus, 
der sich jedoch vor der naheliegenden Rückständigkeit zu hüten hat, 
in blossen Vorstellungen über Schutz und iudirecte Versorgung der 
Frauen im Rahmen der Zwangsfamilie hängen zu bleiben. Sonstige 
gesellschaftliche und politische Erweiterungen der Frauenrechte inner- 
halb der Formen des Gewaltstaats, etwa durch Ertheilung des Wahl- 
rechts und durch Eröffnung von mancherlei theils gewerblichen theils 
öffentlichen Functionen oder von Aemtem mit gemischtem Charakter, 
— . derartige Freiheitsst^iigerungen innerhalb der allgemeinen und 
principiellen Unfreiheit haben einigen Reiz und vielleicht auch einigen 



— 297 - 

Vortheil, indem sie die Unvereinbarkeiten und den Widerstreit in 
den Zuständen häufen und so dazu beitragen, die alte Unterdrückungs- 
und Gewaltverfassung immer mehr aus dem Gleichgewicht zu bringen. 
Die Natur konnte mit der grossem Belastung des Weibes durch 
Schwangerschaft und Muttersorgen nicht unmittelbar die gleiche 
Energie der in andern Richtungen erforderlichen Kräfte zur Ver- 
fügung stellen, und so musste es der längsten geschichtlichen Ent- 
wicklung und den höchsten Culturzuständen einer veredelten Zukunft 
vorbehalten bleiben, das Weib auch nach der allgemein mensch- 
lichen Seite und in der Theilnahme an den geistig schöpferischen 
sowie den höhern gesellschafthchen Functionen zu vollenden. Nur 
die Umschaffung der jetzt noch vom Gewaltstaat umklammerten 
Elemente zum Gemeinwesen der frei organisirten Gesellschaft wird 
auch dem Weibe die Stätte eines allseitig vollkommneren Daseins 
bereiten. 



Z-^reites Oapitel- 
Geschichtsauffassung und CiviKsation. 

Zutreffende Gedanken über das Ganze der bisherigen Geschichte 
haben wesentlich eine Zukunftsbedeutung. Es ist der Trrthum einer 
falschen und zwecklosen Gelehrsamkeit, die Wiederholungen gemeiner 
Thatsachen zum Hauptgegenstand zu machen und in dem Wissen 
von der Vergangenheit nur eine hergebrachte Notizenloinde ohne 
wahrhaften Reiz und ohne echtes Interesse zu pflegen. Andererseits 
ist aber auch die Geschichte nicht dazu da, zum Spielwerk für leicht- 
fertige Schablonensucht und philosophastrisch eitle Constructionen- 
phantastik zu werden oder gar den Auslassungen gemeiner Vorsehungs- 
macherei anheimzufallen. Letzteres ist ihr von den religiösen und 
theologischen Velleitäten her in einem ekelerregenden Grade wider- 
fahren, und Ersteres hat sich in den meist traurigen, stets aber 
dürftigen Versuchen zur sogenannten Philosophie der Geschichte nur 
zu ungestört bekundet. Die Missachtung der Philosophie der Ge- 
schichte ist daher gerecht, und unter dieser Rubrik selbst ist im 
19. Jahrhundert nichts Erträgliches zu Tage gefördert worden. Die 
besten, wenn auch noch sehr unzulänglichen Schematisirungen sind 



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von August Comte im Anschluss an Saint Simon, aber nicht etwa 
unter dem mit Recht verdächtig gewordenen Titel einer Philosophie 
der Geschichte, geliefert worden. Buckles einzig dastehendes Werk 
einer Einleitung in die Geschichte der neuem Civilisation ist zugleich 
eine Detailforschung des Fachhistorikers und Gelehrten im edelsten 
Sinne des Worts. Ihr allgemeiner Gedankengehalt bewegt sich in 
der Mitte zwischen der näherliegenden, fast unmittelbar an die be- 
sondem Thatsachen angelehnten Reflexion und einer durchgreifenden, 
von einer logisch gearteten Weltauffassung getragenen Ideenconse- 
quenz. Auf diese Weise hat es die Klippe der gemeinen, nach 
einem strengeren Maasse unzurechnungsfähigen Philosophie der Ge- 
schichte vermieden und sich überhaupt Verdienste erworben, wie kein 
anderes historisches Buch unserer Zeit. Aber weder Comte noch 
Buckle haben auf ihren verschiedenen Wegen die höchste Aufgabe 
einer rationellen Geschichtsauffassung in Angriff genommen. Der 
letztere ist den Thorheiten der gewöhnlichen Geschichtsphilosophie 
nur dadurch völlig entgangen, dass er sich beschränkte; und der 
erstere hat die verhältnissmässig rationelle und zutreffende Haltung 
seiner Conceptionen nur da gewahrt, wo er die nachweisbaren Ge- 
staltungsgründe seiner drei Einsichts- und Verfassungszustände inner- 
lich und äusserlich nachwies, sich aber derselben nicht als einer 
Schablone bediente. Uebrigens ist August Comte bekanntlich von 
Ausweichungen in das Gebiet voreiliger Geschichtsconstruction nichts 
weniger als frei geblieben. Hiezu kommt noch, dass jene beiden 
grössten Vertreter der Sache die entschieden socialitäre Auffassung 
nicht erreichten, deren gegenwärtig eine tiefer eindringende Ge- 
schichtstheorie nicht entbehren kann. • 

Die Geschichte ist eine Fortsetzung der blossen Naturarbeit. 
Das Menschenschicksal wird in ihr mannichfaltig ausgeprägt, und 
der Gestaltungstrieb des Lebens ergeht sich je nach den Racen- und 
Stammesvoraussetzungen sowie nach Maassgabe der umgebenden 
Naturverhältnisse und der Verschiedenheit menschlicher Charaktere 
in den buntesten Gebilden. Inmitten dieser Vielgestaltigkeit, die dem 
Variationsbedürfniss der Empfindungs- und Bewusstseinszwecke dient, 
waltet aber auch das allgemeine Gesetz mit seinen universellen For- 
men. Das Grundgerüst der menschlichen Verhältnisse wird überall 
in wesentlich gleicher Art aufgeschlagen, und der Lebenslauf der 
Menschheit zeigt in allen seinen Phasen und Wendungen einen ein- 
heitlichen Typus. Wo das Hervortreiben von Lebensformen nur den 



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alten Kreislauf wiederholt, ist wohl ein gleichsam rhythmisches 
Wechselspiel in der Zeit, aber keine eigentliche und fortschreitende 
Geschichte vorhanden. Das Interesse und der Reiz liegen nicht blos 
in der Neuheit des individuellen, durch die Generationsfolge immer 
frisch erweckten Lebens, sondern in den Unterschieden und Wand- 
lungen, die sich für die Lebensformen eröffnen. Diejenige schöpfe- 
rische Thätigkeit, durch welche nicht blos die alten Verhältnisse 
wieder hervorgebracht, sondern neue Elemente und Bildungen in den 
bisherigen Zusammenhang eingeführt werden, ist allein im Stande, 
dem Dasein stets frischen Reiz zu verleihen und die Kräfte zur be- 
wussten, geschichtsgestalteuden Arbeit zu erregen. Wie überall, so 
bringt auch hier das Erzeugen und Schaffen die am höchsten ge- 
steigerten Lebensgefiihle mit sich, so dass, wenn der Zweck der Ge- 
schichte das Leben ist, das Wesen der Geschichte nur in der Her- 
vorbringung von Unterschieden und Veränderungen liegen kann, in 
denen sich das strebende Wesen, sei es nun der Mensch oder das 
geistig begabte Erzeugniss eines andern Weltkorpers, durch immer 
neue Erprobungen und Bereicherungen seiner Natur befriedigt. 

2. Auch die Natur ist kein blosses Wiederholungssystem, son- 
dern eine Abfolge von weitertragenden Scliritten, die zu neuen Ge- 
bilden fähren. Durchmisst man den weiten Abstand, der die elemen- 
taren und unorganischen Beharrlichkeiten von den regungsvolleren 
Gestaltungen trennt, so steigert sich die Wandlungs- und Entwick- 
lungsfähigkeit von Stufe zu Stufe. Die Zeiträume, in denen eine 
schöpferische Veränderung sichtbar ist, werden immer kleiner, und 
sind wir bei- dem Menschen selbst angelangt, so ist es in ihm die 
geistige Gestaltungsfähigkeit, in welcher die Fortschritte und neuen 
Wendungen in Vergleichung mit den sonstigen Veränderungen seiner 
Natur am schnellsten vollzogen werden. In dieser geistigen Regsam- 
keit hat daher auch die Geschichte ihre Wurzeln, und man wird so 
gut wie nichts von dem bisherigen und ferner absehbaren Verlauf 
der menschlichen Angelegenheiten verstehen, wenn man nicht von 
der Wahrheit geleitet ist, dass der Erwerb und die Bethätigung von 
Einsicht und Geschicklichkeit das Entscheidende ist. Die Aufklärung 
des Menschen über die Natur und über sich selbst bestimmt mit 
der zugehörigen Entwicklung der technischen Kräfte die verschie- 
denen Grade des Culturfortschritts. Die Macht über die Naturkräfte 
ist zum grössten Theil nur eine Folge der geistigen Errungenschaften, 
und die politische Auseinandersetzung des Menschen mit dem Men- 



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sehen kann in allen ihren Formationen auch nur das Ergebniss des 
grössern oder geringem Mangels an Gerechtigkeitsverständniss sein. 
Erst durch die Entwicklung eines deutlicheren Rechtsbewusstseins 
werden die Gebilde aufgelöst, die fast ausschliesslich dem wüsten 
Macht- und Gewaltspiel ihr Dasein verdanken. Solange das feinere 
Verständniss für das veredelte natürliche Recht noch durchschnittlich 
fehlte, wurden auch die Verletzungen nicht mit derjenigen moralischen 
Pein empfunden, die uns der bewusste Contrast unseres gesteigerten 
Gefühls und schärferen Urtheils mit den rohen Verworfenheiten heu- 
tiger Rechts- oder vielmehr Unrechtsbrutalität auferlegt. Durch- 
schnittlich hat sich die Menschheit in der Hervorbringung ihrer 
politischen Lebensformen mit ihrem Innern, d. h. mit ihren jeweiligen 
Gedanken und Bestrebungen wenigstens theilweise ins Gleichgewicht 
setzen müssen. Wäre der Geist der Einzelnen und namentlich der 
Sinn für Gereciitigkeit weniger verworren und weniger stumpf ge- 
wesen, so hätten die Einrichtungen den subjectiven Beschaffenheiten 
nicht entsprechen und nicht lange standhaltet können. Es liegt in 
dieser für die Gesammtmasse der Menschen gültigen Uebereinstim- 
mung von innerer Beschaffenheit und äusserlichem, mehr oder minder 
gemässigtem Sklaventhum sogar ein gewisser Trost und eine Art von 
Versöhnung mit den für die edlere Betrachtung unbedingt miss- 
liebigen Thatsachen. Nur der höher entwickelte Mensch empfindet 
die Kluft zwischen dem gesteigerten Bedürfaiss und der jeweiligen 
durchschnittlichen Beschaffenheit der Zustände. Dies gilt vom Indi- 
viduum wie von den Völkern und ganzen Culturgruppen und wird 
sich schliesslich an der ganzen Menschheit bewähren. Das äussere 
Leiden für die im Bewusstsein Höherstehenden, mögen es nun ver- 
einzelte hochstrebende und geistig überlegene Naturen oder ganze 
Gruppen und gesellschaftliche Classen sein, wird einigermaassen durch 
den Vorzug der bessern Innerlichkeit und durch die Aussicht auf 
das Vollkommnere aufgewogen. Wie die schlimmste Seite der Pein 
eine ideelle ist, so findet sich auch ihre lindernde Ausgleichung, ja 
oft genug mehr als eine blosse Entschädigung in der ideellen Theil- 
nahme an dem Leben späterer Generationen. Der Zusammenhang 
mit einer besseren Welt hat im Gedanken und Gefühl, welche hier 
allein in Frage sind, einen ähnlichen Wirklichkeitscharakter, wie 
wenn es sich um jede beliebige naheliegende, die unmittelbaren 
Nachkommen oder das Schicksal der eignen Angelegenheiten nach 
dem Tode betreffende Voraussicht handelte. Der Mensch lebt wesent- 



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lieh in Ideen, und wenn eine Erweiterung derselben ihm nach der 
einen Seite die Beschränkung fühlbarer macht, so eröffnet sie ihm 
nach der andern Seite ein neues Reich volleren Lebens. Die geistige 
IVIachtsteigerung, die sich mit der Aufklärung jeder Art, also mit 
jeghcher Veredlung des Wissens und Wollens verbindet, schliesst 
das Gefühl der überlegenen Genugthuung auch dann ein, wenn die 
Verhältnisse des Augenblicks oder einer verfallenden Epoche nur die 
Unterdrückung und den zunächst ungleichen Kampf eintragen. 
Hierauf beruht die einzig möghche Versöhnung mit dem missliebigen 
Theil der geschichtlichen Nothwendigkeiten. Der Hinblick auf die 
innere Rache, welche die bewusste Niedertracht der Einzelnen und 
der Zustände als ihr Schicksal bis zur vollen Reife austragen muss, 
ergiebt die Versöhnung mit denjenigen Thatsachen, die nicht aus- 
schhesshch in der durchschnittlichen Stumpfheit und ünzulängUchkeit 
ihren Grund haben. 

3. Der Satz, dass die geistige Erhebung es ist, wodurch die 
fortschreitende Geschichte gemacht wird, und dass die unwillkür- 
lichen Veränderungen sowie die technischen Kräfte nur mitwirkende 
Factoren oder von dem geistigen Anstoss herstammende Mittel 
zweiter Ordnung' sind, liefert uns sofort einen Aufschluss über eine 
Gesammteintheilung der Geschichte. Der bisherige Geschichtsverlauf 
bildet eine erste Aera, gegen deren uns noch nicht im Einzelnen 
bekanntes Ende die grosse Französische Revolution als prophetische 
Einleitung eines später umzuschaffenden Daseins und als Ankündigung 
einer Abrechnung mit der alten Ueberlieferung ihre praktisch und 
theoretisch durchschlagenden Lehren ertheilt. Das neunzehnte Jahr- 
hundert bleibt noch wesentlich reactionär, ja es ist es in geistiger 
Beziehung noch mehr als das achtzehnte; aber es trägt trotz aller 
Rückwirkungen gegen die Aufraffung von 1793 dennoch in seinem 
Schoosse die Keime einer gewaltigeren ümschaffung, als sie von den 
Vorläufern und den Heroen der Französischen Revolution erdacht 
wurde. Der communitäre Socialismus ist im letzten Viertel dieses 
Jahrhunderts das weltgeschichtliche Programm. Die Abschaffung 
des Cultus und der politischen Vormundschaft sind zugehörige und 
gleich wesentliche Punkte des neuen Planes, und die geistige, poli- 
tische und wirthschaftliche Emancipation bezeichnet die neue Epoche 
des Menschenschicksals» Der Gewalt- und Unterdrückungsstaat ist 
als mit dem edleren Menschenthum unverträglich erkannt, und die 
neue Wendung besteht eben darin, dass sich an seiner Stelle die 



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freie Gesellschaft einfuhrt. Die wenigen Jahrtausende, iiir welche 
eine historische Rückerinnerung durch ursprüngliche Aufzeichnungen 
vermittelt wird, haben mit ihrer bisherigen Menschheitsverfassung 
nicht viel zu bedeuten, wenn man an die Reihe der kommenden 
Jahrtausende denkt und die unumgänglichen Fortschrittsnothwendig- 
keiten erwägt, die sich jetzt schon absehen lassen. Wir haben ein 
Recht, uns und die nächsten Generationen als die Träger der ent- 
scheidenden Weudungskräfte zu denken, und so befänden wir uns 
denn auf der Grenzscheide zwischen zwei völlig von einander ab- 
weichenden Theilen des Menschen Schicksals. Die Eintheilungen, 
welche die Historiker für die bisherige Vergangenheit belieben, 
sinken zu Abgrenzungen zweiter Ordnung herab; denn eine gleich 
wurzelhafte UmschafPung, wie diejenige, durch welche die neue 
Weltära eingeführt werden wird, ist in der bisherigen Geschichte 
nicht einmal annähernd vorgekommen. Der Uebergang von der 
reinen Sklaverei zur Lohnarbeit ist eine Kleinigkeit in Vergleichung 
mit der Abschaffung des Ablohnungssystems selbst und der damit 
verbundenen Ausmerzung des UnWdrückungseigenthums. In geistiger 
Beziehung hat aber der Schluss der Aera der Religionen doch etwas 
mehr zu bedeuten, als die bisherigen Wandlungen und Kämpfe 
innerhalb der religiösen Organisationen. Auch die Yerfassungs unter- 
schiede innerhalb der einen, bisher allein verwirklicht gewesenen, 
nach irgend einer Seite stets unterdrückerischen Grundgestalt des 
Gewaltstaats verschwinden fast zu einem Nichts, wenn man ihnen 
gegenüber das Zukunftsbild des Gerechtigkeitsstaats d. h. die Er- 
setzung der angemaassten Herrschaft durch die auf freier Wahl be- 
ruhende Leitung ins Auge fasst. Das Menschengeschlecht ist als 
Ganzes noch sehr jung, und wenn einst die wissenschaftliche Rück- 
erinnerung mit zehntausenden statt mit tausenden von Jahren zu 
rechnen hat, wird die geistig unreife Kindheit unserer Institutionen 
eine selbstverständliche Voraussetzung über unsere alsdann als Ur- 
alterthum gewürdigte Zeit unbestrittene Geltung haben. 

Für uns, die wir mitten in den Wandlungen stehen, erklärt 
sich eine sonst befremdliche Thatsache aus unserm Grundgedanken 
der geschichtlichen Haupteintheilung ganz leicht. Die neuem Jahr- 
hunderte arbeiten an der Wegräumung der mittelalterlichen üeber- 
lieferungen, und die neuste Zeit fühlt sich in den Vertretern ihrer 
besten Elemente als die Trägerin einer grundsätzlichen Opposition 
gegen die traditionellen Herrschaftsgebilde. In einem gewissen Sinne 



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ist die Revolution permanent, d.h.. die auf das Edlere gerichteten 
Triebkräfte drücken gleich einer gespannten und eingezwängten 
Feder gegen die Wandungen der pressenden Institutionen, während 
sich die bisherigen Monopolisten der Politik zum letzten Gegendruck 
aufraffen. Diese Einverleibung der Revolution in den modernen Ge- 
waltstaat, mit dem sie ein Zwillingspaar bildet, ist eine des weiteren 
Nachdenkens würdige Thatsache. Gewaltstaat und Revolution ge- 
hören zusammen; denn der eine würde ohne die andere nur unter 
Voraussetzung geistiger Stumpfheit denkbar sein. Die früheren 
untergeordneten Epochen der Menschengeschichte hatten das poli- 
tische Bewusstsein und speciell die Gerechtigkeitsideen noch nicht 
hoch genug entwickelt, um jenen Antagonismus in seiner vollen 
Stärke noth wendig zu machen. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts ist aber die fragliche Kluft vor Aller Augen aufgerissen 
und seitdem theoretisch und praktisch immer mehr erweitert worden. 
Die Triebkräfte zur Umschaffung, die sich im Widerstreit mit dem 
Gewaltstaat befinden, sind integrirende Bestand theile der Zustände 
geworden, und in diesem Sinne ist, so befremdlich es zunächst klin- 
gen mag, die Revolution eine Institution und so zu sagen ein un- 
beabsichtigtes Verfassungselement des Unterdrückungsstaats. Die 
erstere kann nur verschwinden, wenn der letztere abgethan ist. In 
der freien Gesellschaft hat die Revolution der heutigen Epoche keine 
Stätte mehr, weil mit der Ursache auch die Wirkung fortfallen 
muss. Der Ünterdrückungsstaat erzeugt auf seinem Boden die Re- 
volution als eine Rückwirkung, und anstatt diese Gefolgschaft jemals 
loswerden zu können, muss er sich von ihr immer mehr umgeben 
finden. Die Unterdrückung wird mit dem helleren Bewusstsein für 
diejenigen, welche sie ausüben, schliesslich ein grösserer Fluch, als 
für diejenigen, welche sie erleiden. 

4. Das Interessanteste in der abgelaufenen Geschichte sind die 
politischen Wandlungsgesetze, welche für Staatenexistenz, Gesell- 
schaftsverfassung und Völkertod maassgebend wurden. Der Lebens- 
lauf eines politischen Gebildes ist unter allen Umständen bemessen. 
Es giebt auch hier keine Unsterblichkeit, und allermindestens müssen 
Umschaffangen eintreten, die, wenn sie im günstigsten Falle auch 
die Stoffe conserviren, doch die Formen oder wesentliche Theile der- 
selben zerstören, um sie durch neue Gruppirungen und Organisa- 
tionen zu ersetzen. Was wir eben Stoffe nannten, sind die von der 
Natur und Cultur geformten individuellen Menschenexistenzen mit 



— 304 — 

ihren Raceu- und Sfcammeseigenthümlichkeiten. Auch sie werden 
von den allgemeinen Mächten der Vergänglichkeit und Umbildung 
nicht unerheblich ergriffen; aber die gewöhnlichen Fälle von Staaten- 
untergang berühren diese tieferen Grundlagen und diese Träger- 
schaffcen der individuellen Existenz nicht so häufig und nicht so eng, 
als man gewöhnlich voraussetzt. Allerdings sind Völkertypen und 
Sprachen ausgestorben; aber zu diesem Verschwinden hat es mehr 
bedurft, als des blossen Staatentodes. Auch die Völkermischungen 
würden hiezu allein noch nicht ausgereicht haben, wenn nicht das 
innere natürliche Gesetz auch diese tieferen Wurzeln des Daseins 
beträfe und, auch abgesehen von den politischen und gesellschaft- 
lichen Schicksalen, jede Ausprägungsform des Daseins zum Ziele 
fährte und alsdann nöthigte, andern Gebilden Platz zu machen. Die 
Hindenmg der schwächeren Theile an der Fortpflanzung und die 
hiedurch beherrschten Blutmischungen haben bei der Völkermengung 
zu ungleichem Recht allerdings eine sehr grosse Einwirkung üben 
müssen. Indessen hüte man sich, ohne Weiteres anzunehmen, dass 
die Macht der erobernden Elemente soweit gereicht habe, auch die 
physiologischen Nothwendigkeiten ausschliesslich zu ihren Gunsten 
auszubeuten. Viele Bestandtheile und Eigenthümlichkeiten sind für 
eine Zeit lang niedergedrückt und in der breiten einflusslosen Masse 
gleichsam verborgen geblieben. Sie sind von der Bühne verdrängt, 
aber darum nicht aus dem Dasein verschwunden. Sie vegetireu still 
in dem breiten Unterbau der oben herrschenden Gesellschaften und 
Staaten und müssen sich wieder in vollerer Lebensregung bethätigen, 
sobald die an der Oberfläche spielenden Gewalten ihr verhältniss- 
mässig kurzlebiges Schicksal erfüllt haben. 

Wenn das Vernichten zum Schaffen und .geradezu der Tod zum 
Wesen des Lebens gehört, wie dies in der That der Fall ist, so 
darf man freilich niemals auf absolut feste Gebilde rechnen, ja sie 
nicht einmal wünschen. Auch die Gestalten innerhalb der freien 
Gesellschaft der Zukunft werden und sollen dem Wechselspiel nicht 
entgehen, in welchem der Keiz des Lebens liegt. Ja sogar die heut 
erdachte freie Gesellschaft selbst ist zwar für uns die letzte abseh- 
bare Form, deren Einzelheiten wir mit dem Gedanken einigermaassen 
zu bestinmien vermögen; aber sie ist nicht das letzte Maass aller 
Möglichkeiten (ies Gemeinlebens, imd es ist au sich selbst nicht un- 
denkbar, dass einst die moralisch vervollkommnete Individualität 
auch ohne besondere schützende Vergesellschaftung existiren und 



— 305 — 

sich auf diejenigen rein positiven Vorkehrungen beschränken könnte, 
durch welche das planmässige Zusammenwirken productiver Art unter 
allen Umständen aus rein technischen Gründen vermittelt werden 
muss. Wir sind also weit davon entfernt, in der umgeschaffenen 
Zukunft die neuen Gebilde für unsterblic'h zu erklären. Allerdings 
sind auch schon in der bisherigen Geschichte die entlegensten All- 
gemeinheiten des Daseins, wie sie von der Menschennatur überhaupt 
mit sich gebracht wurden, dauernd gewesen. Stets hat es irgend 
welche, wenn auch unterdrückerische Formen der politischen und 
wirthschafthchen Kraftvereinigung und ebenso irgend welche., an 
Recht und .Unrecht theilhabende Regelungen des Geschlechterverkehrs 
gegeben. Jedoch ist diese Art von Dauerbarkeit eines ganz all- 
gemeinen, inhaltarmen und die volleren Lebensgebilde noch gar nicht 
berührenden Schematismus kein stichhaltiger Einwand gegen die 
universelle Sterblichkeit der bestimmteren und lebensreicheren Hervor- 
bringuugen. Auch in der Natur hegt allen Organisationen von der 
niedrigsten bis zur höchsten ein einfacher Typus zu Grunde, der in 
allen Combinationen und Wandlungen beibehalten wh'd; aber so 
wichtig dieser Typus auch für die Logik der Dinge ist, so hat man 
an ihm doch nicht das gesteigerte und manuichfaltig erfüllte Leben, 
da er ja schon in der untergeordnetsten Regung der unvollkom- 
mensten Pflanze in seinem allgemeinen Wesen voll und ganz anzu- 
treffen ist. Das Gesetz der Zusammengehörigkeit von Leben und Tod 
oder überhaupt von Schöpfung und Vernichtung reicht soweit, als 
die Regungen des Lebens und Schaffens selbst. Es waltet ausnahmslos 
und gestattet dennoch einerseits eine relative Beständigkeit und an- 
dererseits eine Erhaltung der einmal gewonnenen Fortschritte in der 
Ausprägung der zusammengesetzteren und mithin reicheren Lebens- 
gestalten. Hierin liegt kein Widerspruch ; denn die Erhaltung 
bewerkstelhgt sich eben selbst nach dem Schema des Wechselspiels 
individuellen Lebens und Sterbens. Die Fortpflanzungen und Ueber- 
tragungen setzen bei ihren Compositionen umbildende und verschieden 
mischende Kräfte ins Spiel, so dass die Arbeit der Reproduction auch 
zugleich die Production und mit dieser die Ausmerzung des Unbrauch- 
baren einschliesst. 

5. Gilt nun die eben gekennzeichnete Nothwendigkeit für das 
universelle Menschheitsschicksal, so giebt es für die von uns ange- 
nommene erste Aera der Menschen geschichte, also für die ganze bis- 
herige Vergangenheit und einen Theil der Zukunft, noch ein bestimm- 

Dühring, Cursus der Philosophie. 20 



— 306 — 

teres Gesetz, welches über die Staaten nicht blos den Tod, sondern 
sogar den gewaltsamen Tod als eine innere IS^othwendigkeit verhängt 
und sich bis jetzt auch stets sichtbar genug zur Ausführung gebracht 
hat. Man hat sich seit den Zeiten des Griechischen Alterthums 
bemüht, eine Art Entwicklungs- oder Kreislaufegesetz aufzustellen, 
nach welchem die Regierungsformen der Staaten auf- und auseinander 
folgen und abspielen, bis innere Verwesung oder äussere Gewalt mit 
den Abgelebtheiten ein vollständiges Ende machen. In der neuem Zeit 
hat Macchiavelli der Idee eines sich in solchem Kreislauf erschöpfenden 
Lebens mit besondemi Nachdruck gehuldigt. Was mau aber davon 
in der That durch die bisherige Erfahrung sicher feststellen und 
zugleich auch innerlich als Nothwendigkeit begreifen kann, ist äusserst 
wenig. Jede Aristokratie trägt die Corruption in sich und concen- 
trirt sich schliesslich zur schamlosesten Oligarchie, deren nackte 
Ausbeuterei wiederum einer noch stärkeren ausbeutenden Kraft, 
nämlich einem die Gewaltthätigkeit centralisirenden und mit der 
Volksmasse coquettirenden Despoten anheimfällt. Mit dieser letzten 
Cäsaristischen Centralisation erfüllt sich das Schicksal der Reiche in 
der allgemeinen Verwesung der vorher herrschenden Elemente und 
Classen. Sollen neue frische Gebilde emporwachsen, so müssen sie 
aus dem Untergrund ihre Nahrung ziehen; aber die Geschichte hat 
bis jetzt von einem Vorgang dieser Art kein einziges grosses Bei- 
spiel aufzuweisen. Griechenland ist Alexandristisch und das gewaltige 
Römerreich Cäsaristisch zu Grunde gegangen. Aus der Geschichte 
selbst können wir mithin für unsere Vorstellung, dass die heutigen 
Centralisationen die moderne Menschheit nicht zum politischen 
Leichnam machen werden, wenigstens unmittelbar nichts Tröstliches 
entnehmen. Hier ist die Grenze, bei .welcher die Geschichte mit 
ihren thatsächlichen Lehren unzulänglich wird und jenes Vorurtheil 
aller Arten von Historismus zusanmienfällt, als wenn sich für Gegen- 
wart und Zukunft aus der Geschichte Alles entscheiden lassen müsste. 

Man versteht sehr wenig von dem Wesen der Geschichte, solange 
man noch glaubt, in der Gruppe von Erfalirungen, die sie uns vor 
Augen legt, unmittelbar die Hauptsache zu besitzen. • Eine echte 
Geschichtswissenschaft, wie sie zum Theil auch schon Buckle an die 
Stelle der blossen Geschichtskunde und der unverdauten Geschichts- 
gelehrsamkeit zu setzen unternahm, richtet sich auf die* Bestandtheile 
und Kräfte selbst, aus denen die besondern Thatsachen entspringen. 
Sie macht daher auch fähig, durch Combination und Schlüsse über 



— 307 — l 

die schon zu Thatsacljen gewordenen Gestaltungen hinauszugreifen 
und neue Gebilde im Gange der Dinge vorauszusehen. Die gedanken- 
arme, an der unzergliederten Erfahrung haftende Beschränktheit des 
gewöhnlichen Historismus begreift die Nothwendigkeit der feineren 
Operationen nicht. Sie glaubt mit ihrer unmittelbaren Wahrnehmung 
der oberflächlichen Physionomie auszukommen und tritt sogar jeder 
freier beweglichen Auffassung grundsätzlich entgegen. Auch wenn 
dieser falsche' Historismus nicht im Dienst und Lohn des Gewalt- 
staats stände, und wenn auch die Mehrzahl der Historiker wesentlich 
etwas Anderes wäre als eine Beamtenschaft, welche vorzugsweise der 
dynastischen Historiographie und der Verherrlichung der Regierungen 
ergeben sein soll und ist, — wenn also auch nicht schon die Stel- 
lung auf die träge Oberflächlichkeit und Einseitigkeit der Auffassung 
hinwiese, so würde dennoch der rein wissenschaftliche Mangel einer 
rationellen bis zu den Elementarkräften vordringenden Geschichts- 
zergliederung mit jeder ernstlichen Beschaffung maassgebender Lehren 
unverlräglich sein. Wer aus der Geschichte mehr Wahrheit ziehen 
will, als in den nackten Thatsachen und unmittelbaren Vergleichungs- 
föllen enthalten sein kann, muss mit den Factoren der geschicht- 
lichen Composition selbst rechnen lernen. Wie arm würde unser 
Wissen von der Natur sein, wenn man sich mit den unmittelbaren 
Erfahrungsthatsachen und einem äusserlich beobachteten Schema- 
tismus begnügt hätte ! Der Geschichte widerfährt noch immer diese 
traurige Beschränkung, und das Wenige, was freiere und überlegene 
Geister in diesem Fach an zerlegender Untersuchung annäherungs- 
weise geleistet haben, pflegt immer wieder in dem sich breit machen- 
den Geschichtströdel des gemeinen Schlages den Augen des Publicums 
entrückt zu werden. Die wahre Geschichtswissenschaft muss einiger- 
maassen der Mechanik gleichen und auf die einfachen bewegenden 
Kräfte selbst gerichtet sein. Alsdann wird ihr auch die blosse Thatsäch- 
lichkeit als solche nur das Erste, aber nicht das Letzte sein, und sie 
wird über die Zukunft rationell zu urtheilen verstehen. Die geistige 
Macht, welche von einer solchen Geschichtswissenschaft als das 
stärkste Motiv der Gestaltungen anerkannt wird, lässt es in der That 
begreifen, wie der moderne Gewaltstaat und namentlich unsere neuste, 
zugleich einen halben Cäsarismus und eine Caricatur desselben dar- 
stellende Phase zwar nicht in sich selbst, wohl aber in den unter- 
drückten Elementen die Keime lebensfrischer Gebilde umschliessen 
könne. Im Alterthum waren es ernsthafte Republiken, welche der 

20* 



— 308 — 

Verwesung anheimfielen; in der neusten Zeü; sind es Monarchien, 
welche sich zersetzen oder sich, wie jenseit des Oceans, in wurm-, 
stichige Bourgeoisrepubliken verwandelt haben. Dieser Unterschied 
ist aber nicht durchgreifend genug, um uns gegen etwas Aehnliches 
oder gar noch Schlimmeres zu schützen, als die antike Fäulniss des 
Griechen- und Römerthums an universeller Unfreiheit und Corrup- 
tion mit sich gebracht hatte. Könnten wir nicht auf die hohe ße- 
wusstseinsentwicklung und auf die ideellen Mächte vertrauen und 
von ihnen die Belebung des trägen Stoffs und die zur Regenera- 
tion erforderlichen Massenbewegungen als einfache Wirkungen der 
geistigen Naturgesetze erwarten, so würden unsere Vorwegnahmen 
einer edlen Entwicklung mindestens für die stetige und absehbare 
Reihe der. Ereignisse nicht passen. Diese Zukunftsbilder würden in 
eine Ferne rücken, vor deren Erreichung auf einem langen Wege 
das allseitige Absterben der heutigen Welt dazwischenträte und 
gleichsam ausgeduldet werden müsste. In einer solchen Gestalt aber 
brauchen wir uns das Menschheitsschicksal glücklicherweise nicht zu 
denken, wenn auch immerhin die Versuchung dazu oft genug nahe- 
gelegt werden mag. Mitten in den Rahmen des Unterdrückungs- 
staats hinein können sich nach und nach Gebilde einschieben, die 
nicht nur ihm selbst verhängnissvoll werden, sondern auch positiv 
die freie Gesellschaft vorbereiten. Was aber die Wegräumung des 
historischen Gewaltstaats anbetrifft, so muss er unter allen Umstän- 
den seiner eignen Logik, nämlich derjenigen der Missachtung der 
Gerechtigkeitsmotive anheimfallen. Diese Logik besteht des Nähereu 
darin, dass schliesslich in ihm eben nur die Gewalt, aber nicht mehr 
der Schein des Moralischen gesehen wird, und dass er demgemäss 
durch die Unzulänglichkeit dieser Gewalt zusammenbricht, sobald 
ihm die Kraftelemente, die er sonst noch mit ideellen Mitteln seiner 
eignen einsichtserdrückenden Art bannen konnte, den Dienst ver- 
sagen. 

6. Die Möglichkeit, dass die Herrschaft von einem Einzigen au 
Mehrere oder von einer geringeren Zahl an eine grössere zurückfalle, 
ist unserer Anschauungsweise gegenüber voq untergeordneter Bedeu- 
tung. Uns' sind die historischen Demokratien ebenfalls Gewaltherr- 
schaften, da sie stets eine unterdrückte Schicht unter sich hatten. 
Auch die Misch Verfassungen der neusten Zeit, die man nach Eng- 
lischem Muster vorzugsweise Constitutionen nennt, gelten uns nur 
als Bastardformen und Uebergangscoufusionen. Ihr Werth besteht 



k 



— 309 — ^ 

eben in der Steigerung der Haltlosigkeit der von den alten Haupt- 
formen her überlieferten Zustände. Sie sind überdies sehr kurzlebig; 
denn hinfällige Compromisse sowie Scheineinrichtungen und corrup- 
tive .Umwege der innern und äussern Politik sind ihr Wesen. Sie 
fallen daher bald ausgeprägteren Gestalten anheini, die trotz aller 
Hohlheit doch den Vorzug haben, durchgreifender verfaliren zn können. 
Von dieser Art ist das Zerrbild des Cäsarismus, welches die neuste 
Franzosische Geschichte inaugurirt und auf andere Staaten fortge- 
pflanzt hat. Das Wesen alles Cäsarismus besteht darin, die Form 
zu sein, in welcher alte verdorbene Verfassungen vollends unter- 
gehen, um durch die nniverselle Verfassungslosigkeit, nämlich dm:ch 
das willkürliche Walten eines Einzelnen ersetzt zu werden. Etwas 
Scbeinräcksicht auf die materiellen Privatinteressen und etwas Gefall- 
süchtelei den Volksmassen gegenüber ist hiebei stets im Spiele. Die 
verwahrlosten Existenzen aus den höhern Gesellschaftsschichten bilden 
die natürlichen Verbündeten aller Arten und Spielarten von Cäsa- 
rismus. Die vollständige Entblössung der nackten Gewalt von allem 
ihr früher vnrksam anhaftenden Sittlichkeitsschein vollzieht sich sogar 
mit jener ärmlichsten Spielart des Cäsarismus, die man den ministe- 
riellen Zwittercäsarismus nennen könnte, weil sie es noch nicht ein- 
mal zur Vertauschung der alten Dynastie mit einer nenen, aus der 
Militairdictatur hervorgegangenen Machthaberschaft gebracht zu haben 
braucht, um mit den Resten des guten Glaubens an die älteren In- 
stitutionen aufzuräumen und die Regierungsmittel auf brutale Exe- 
cutionen und Willkürmaassregeln herunterzubringen. 

Es liegt etwas innerlich Befreiendes und wenigstens in dieser 
Beziehung Befriedigendes darin, dass sich das Uebel der Cäsaristischen 
Gestaltung der Zustände am allerwenigsten dem Geist in einer mora- 
lisch bindenden Weise aufzuerlegen vermag. 'Es ist die Berufung 
auf die militairischen Executionsmittel, wodurch sich diese Herrschafts- 
art fast ansschliesslich und ziemlich unverhüllt behaupten muss. 
Hiedurch schwindet jede Achtung, die mit Sitte und Gerechtigkeit 
etwas zu schafiFen hätte, nnd es bleiben nur die Furcht vor der phy- 
sischen üebermacht und die von den gemeinsten Interessen aus- 
gehende Benutzungstendenz übrig. Die Unterwerfung unter die 
willkürliche Gewalt beruht alsdann einerseits auf dem körperlichen 
Zwang, der als solcter überall demaskirt ist und nicht mehr unter 
irgend einem Heiligenschein von Pflicht verschleiert werden kann, 
und andererseits auf dem Reiz der gröbsten Ausbeutungsinteressen, 



» — 310 - 

deren Speculation auf die Gunst der Willkürgewalt gerichtet ist. Unter 
solchen Umständen ist es nicht schwer, dem Trug der Sittlichkeits- 
heuchelei zu entgehen, und sogar die noch rückständigen Volks- 
massen lernen bald die Hohlheit und Unzuverlässigkeit des so- 
genannten Rechts durchschauen. Das Vertrauen, welches der alte 
Mechanismus der Rechtspflege noch immer in wesentlichen Richtungen 
für sich hatte, sinkt zu einer Wahrscheinlichkeitsrechnung mit blossen 
Interessen herab, and es wird von vornherein angenommen, dass für 
eine auch nur relative Gerechtigkeit im Sinne der ehrlichen An- 
wendung der Gesetze einzig der geringe Spielraum des politisch oder 
sonst für die machthaberische Willkür Gleichgültigen übrig bleibe. 
Jedoch auch über die unzuverlässige Ausfüllung dieses engen Spiel- 
raums giebt man sich bald keinen Täuschungen mehr hin; denn 
man lernt nur zu rasch, dass die allgemeine Demoralisation und 
Creaturenhaftigkeit in der Gesellschaft auch noch andere Ablenkungen 
mit sich bringt, als diejenigen, welche blos die Interessen der Macht- 
haber berühren. Das ganze System gesellschaftlicher Beziehungen 
entwickelt alsdann seine corrumpirenden Einwirkungen, und das 
einzig Tröstliche in diesem allgemeinen Schiffbruch der öffentlichen 
und privaten Moral bleibt die Thatsache, dass auch die falschen 
geistigen Bindemittel mitaufgelöst und das Individuum wenigstens 
innerhch zur Freiheit des Durchschauens alles moralischen Truges 
emancipirt und so fähig gemacht wird, in einer neuen und bessern 
Richtung höhere sittliche Antriebe aufzunehmen. 

7. Es drängt sich nicht blos für die gekennzeichneten Zustände, 
sondern für den gesammten Verlauf der bisherigen Geschichte und 
absehbaren Zukunft die Frage auf, was die hervorragenden Indivi- 
dualitäten in Vergleichung mit der breiten elementaren Massenwirkung 
allgemeiner Gesetze zli bedeuten haben. Auf der einen Seite steht 
die nebelhafte Geschichtsromantik eines Carlyle mit ihrem über- 
spannten Heroencultus , und auf der andern Seite findet sich in 
Buckles Auffassung der modernen Civilisation die Auslöschung der 
Erheblichkeit der Staatsmännerrollen vertreten. Die rückläufige 
Ansicht des ersteren feiert einen Crom well, einen Napoleon I und 
verherrlicht schliesslich einen Friedrich II von Preussen mit der bi- 
zarresten Personenanbetung. • Diesem Sonderling von Schriftsteller mit 
seinem zwar leidenschaftlich angehauchten, aber trotzdem nichts 
weniger als natürlichen Stil erscheinen die Massen als Piedestal, um 
darauf die Götter der Geschichte thronen zu lassen. Der dunkle 



— 311 — 

Untergrund, über welchem die romantisirten Heroen schweben, wird 
mystisch aufgefasst und der „Censor des Zeitalters", wie Carlyle 
genannt worden ist , kommt selbst . aus dem verworrenen Schatten- 
spiel mit gestaltlosen Kräften und undefinirbaren Bestrebungen nicht 
heraus. In die romantisch reactionäfe Gesammthaltung mischt er 
Berufungen auf eine unbestimmte Zukunft, die für den Unerfahrenen 
den Schein moderner Elemente annehmen können. In Wahrheit ist 
diese verschwommene Prophetie nichts als der Ausdruck der eignen 
Unklarheit und des Wunsches, die Musterbilder .des Rückläufigen 
auch in der Zukunft mitspielend zu wissen. Wie hell nimmt sich 
gegen dieses trübe Dämmerlicht der Carlyleschen Gemüthsgeschichte 
nicht Buckles scharf gezeichnetes Bild der rationellen, von den kurz- 
lebigen Künsten der Staatsmännchen unabhängigen Gesetzmässigkeit 
aus ! Dem Verfasser der Civilisationsgeschichte ist der vormundschaft- 
liche Geist, wie er sich im Frankreich Ludwigs XIV mustergültig 
ausprägte, nicht nur ein Gräuel, sondern auch eine kurzsichtige 
Thorheit. Nach Buckle wird der Fortschritt zuili Bessern nur durch 
die allgemeinen Elementarkräfte bewirkt, und für die persönlichen 
Anmaassungen der selbstregierenden oder ministeriellen Staatskünstle r 
bleibt nur die zeitweilige Einschiebung. von Hindernissen vorbehalten. 
Wo diese Meister der kleinlichen Ränke einmal irn Grossen vor- 
gehen, thun sie es nicht vermöge ihrer Eigenart, sondern wie ge- 
schoben von einer iü der Situation angelegten und überwältigenden 
Massenkraft. Der Erfolg, den sie alsdann auch einmal ausnahms- 
weise im positiven und guten Sinne haben mögen, ist nicht ihnen 
selbst, sondern dem Zwange und Glück der Lage zuzuschreiben. 

In der That ist das Rechnen mit den elementaren Collectiv- 
mächten für die Bemessung der Civilisationschancen entscheidend. 
Hieraus folgt aber noch keineswegs Alles, was Buckle allzu rasch 
und allzu allgemein voraussetzt. Angesichts der hohen Bedeutung, 
die wir der individuellen Kraft in der Hervorbringung der Wissen- 
schaft zuschreiben, dürfen wir in andern Gebieten, in denen die all- 
mälig und in der durchschnittlichen Breite des Daseins vorbereitete 
Lage nicht einmal immer in gleichem Grade maassgebend wird, den 
Charakter und das geistige Geschick leitender Persönlichkeiten nicht 
unterschätzen. Lassen wir den Aberglauben zur Seite, der grosse 
Männer sah oder sieht, wo keine waren oder sind, und streichen wir 
namenthch aus der Geschichte eine Anzahl fälschlich glorificirter 
oder wenigstens verkehrt idealisirter Staatsmänner, so kann der Satz, 



~ 312 — 

da SS die grossen Leideuschaften und kühnen Gedanken zu ihrer ge- 
schichtHchen Wirksamkeit einer individuellen Concentration bedürfen, 
nicht im Mindesten bedenklich sein. Ja man kann sogar behaupten, 
dass in jeder Gattung die persönliche Initiative, die in der Richtung 
der mit der allgemeinen Lage gegebenen Nothwendigkeit wirkt, nicht 
nur unumgänglich sei, sondern auch in ihrer Gestaltung über die 
besondere Ausfüllung des Spielraums der vorgezeichneten Möglich- 
keiten entscheide. Die ausnahmslose Gesetzmässigkeit wird hiemit 
nicht im Entferntesten angetastet; denn die Production der eigen- 
thümlichen Individualität gehört ihr ja ebenfalls an. Was dagegen 
eingeschränkt wird, ist die oberflächliche Meinung, als .wenn die 
Natur nur alle Tasten coUectiv anzuschlagen brauch t«, -um durch 
diese allgemeine Manipulation das Tonstück ohne Weiteres abgespielt 
zu erhalten. Diejenigen allgemeinen Gesetze, die im Sinne der Durch- 
schnittsantriebe wirken, stellen nur einen Theil der universellen Noth- 
wendigkeit vor und bedürfen der Ergänzung durch bestimmtere und 
schliesslich durch individuelle Ursächlichkeiten von eigenthümhcher 
Mischung und Steigerung. Diese durchgreifenden Mächte sind nun 
die im Wissen und Wollen grossen Charaktere, die in alledem, was 
sie wirkhch positiv bedeutend macht, niemals etwas anstreben, was 
nicht unmittelbar oder in zeitlicher Feme den schöpferischen Ten- 
denzen entspricht, die im System der Dinge und Verhältnisse an- 
gelegt sind. Auch hier ist freilich der Irrthum ebenso möglich, wie 
in jeder andern Richtung; aber es kommt auch eben darauf an, die 
Originalitäten der Verkehrtheit von der Schöpferkraft im Wahren 
und Guten zu unterscheiden. 

8. Nicht blos in der Geschichtsauffassung, sondern auch in der 
thatsächlichen Geschichtsbehandlung durch das Eingreife^i bewusster 
Mächte sind zwei Ausgangspunkte zu untei*scheiden. Versteht man 
das Romantische in einem sehr weiten Sinne, so steht eine mannich- 
faltig geartete Geschichtsromantik der rationellen Wirklichkeitstheorie 
imd Wirklichkeitspraxis gegenüber. Ueberall wo man sich bemüht, 
die R^ste einer abgelebten Vergangenheit zu erhalten und im Sinne 
dieser Vergangenheit weiter auszubilden, ist ausser dem unmittelbar 
interessirten Eigennutz auch noch der romantische Trug und daher 
theilweise wirklicli eine Selbsttäuschung im Spiele. Von dieser Art 
war die Europäische mittelalterlich geartete «Reactionsromantik, die 
der' grossen Französischen Revolution folgte, und die, mit geringen 
Unterbrechungen und Abschwächungen, dem Jahrhundert seinen 



— 313 — 

officiellen Stempel aufgedrückt hat. Diese Geschichtsromantik hat 
sogar in dem Jahrzehnt von 1865 — 75 durch eine neue, auf das 
Deutsche Mittelalter zurückweisende Wendung einen erhehhchen Zu- 
wachs erhalten. Man hat die Consequenzen der Wirklichkeitslage 
mit einer mehr als blos decorativen Romantik untermischt, indem 
man vermeinte, die nicht blos abgerissene sondern abgestorbene 
Ueberlieferung des mittelalterlichen Deutschen Kaiserthums wenig- 
stens in 3er Yolksanschauung wieder beleben und so ein. neues Reich 
alten Stils herstellen zu können. In der That hat man aber nur 
vermocht, ein Abbild des Neucäsarismus nach Französischem Muster 
in einigen, für- die Regierungspraxis entscheidenden Bestandtheilen 
zu copiren. 

Hienach ist es unrichtig, die Europäische Romantik nur in der 
Literatur und in den Halbwissenschaften, wie z. B. in der Jurispru- 
denz der historischen 5 theils Romanistischen theils Germanistischen 
Rechtsschule, suchen zu wollen. ' Derartige Erscheinungen der Lite- 
rargeschichte sind nur Wirkungen zweiter Ordnung. Sie hätten 
ohne die tonangebenden Gestaltungen der politischen Verhältnisse 
sich gar nicht entwickeln können. Literatur und Halbwissenschaften 
sind in der Breite ihres Daseins fast- regelmässig Sklaven der poli- 
tisch herrschenden Elemente. Ihre persönlichen Vertreter sind ge- 
horsame Diener derjenigen, von denen die in den einflussreichen 
Theilen des Publicums unterhaltene und ferner zu nährende Meinungs- 
strömung ausgeht. In einem Jahrhundert finden sich höchstens ein 
paar Ausnahmen, .und diese gehören alsdann jenen vereinzelten, 
Alles überragenden und wahrhaft souverainen Geistern an, die nicht 
blos über einem einzigen Zeitalter, sondern auch in ihrer Art über 
der Menschheit stehen. Sie empfangen ihre Antriebe weder von der 
gegenwärtigen noch von einer frühem Epoche; auch machen sie nicht 
in dem gemeinen Sinne des Worts Epoche, sondern thun unver- 
gleichlich mehr als dies , indem sie einer Reihe von Geschlechtem 
zu Gegenständen der Erhebung und zu Mustern der geistigen Be- 
freiung und Erhabenheit werden. Von dieser Art war ein Rousseau 
im 18. und ein Byron im 19. Jahrhundert. Das Anhaften von un- 
zutreffenden Nebeneigenschaften hebt bei solchen, über die Menschheit 
hinausragenden Gipfeln die sonstige souveraine Tragweite des Geistes- 
ausblicks nicht auf. Ja selbst dann, wenn sich da, wo diese hohen 
Gestalten ihren Fusspunkt haben mussten, etwas von dem umgeben- 
den Element in der verkehrten Richtung angesetzt hat, konnte dieser 



- 314 - 

Staub, der von der unumgänglichen Position 'inmitten der sich grade 
abspielenden Epoche herrührt, die innere Reinhaltung nicht hindern. 

Es giebt noch eine allgemeinere Romantik von edlerer Art, als 
die bisher bezeichnete. Sie besteht überhaupt in der überschweng- 
lichen Idealisirung vorzüglicher Typen der geschichtlichen Völker- 
existenz und hat, so sonderbar- es klingen mag, zum Hauptgegen- 
stand das classische Alterthum. Die Helden und Zustände jener 
Zeiten werden von ihr mit dem unnatürlichen Glänze einer Poesie 
umgeben, welche für den Augenblick des einseitig intuitiven Ein- 
drucks die Grenzen der Menschheit vergisst. Diese Verherrlichung 
mag sich durch den Contrast entschuldigen, in welchem eine pohtisch 
elende Gegenwart das in den Grundformen uuvergleichUch freiere 
Dasein der besten Zeiten der antiken Welt erscheinen lässt. Grade 
ein Byron opferte nicht wenig dieser höheren und edleren Art der 
Geschichtsromantik; aber er war es auch selbst, der in seine Dich- 
tungen den gegentheiligen Gedanken einstreute und so auch hier die 
vorher gekennzeichnete Souverainetät der Geister ersten Ranges be- 
kundete. Man könnte sogar der grossen Französischen Revolution 
einige romantische Berührungen mit den üeberlieferungen des Alter- 
thums vorwerfen. Hatte doch ihr Vorläufer und in manchen Rich- 
tungen ihr geistiger Urheber, nämlich J. J. Rousseau selbst, seine 
eigne Art von Romantik gepflegt, indem er sich nicht nur mit 
ideaUsirten Bildern alter Zustände und Tugenden, sondern auch mit 
jener ihn beherrschenden Vorstellung von einem goldenen Zeitalter 
ursprünglicher Naturzustände trug und so seijie übrigens hoch- 
modernen, der Zukunftswirklichkeit angehörigen Conceptionen mit 
einer fremdartigen Beimischung versetzte. In diesem weiten Sinne 
des Worts wird nicht blos die Reaction, sondern auch der geschicht- 
liche Fortschritt seine Romantik haben können, falls er sich in der 
Anknüpfung seiner Ideen und Thaten an Vergangenheitsgebilde 
vergreift und den \^ahren Charakter der alten Wirklichkeiten ver- 
kennt. Die entschiedene Zukunftstheorie muss auch mit den Zügen 
dieser edler gesinnten Romantik vollständig brechen. Sie darf keine 
Völkerexistenz, keine Geschichtsepoche und keine noch so hoch 
emporragende Persönlichkeit mit einem einseitigen und falschen 
Glorienschein umgeben sein lassen; ja sie muss überhaupt sich davor 
hüten, der Vergangenheit als solcher auch in deren bessern Rich- 
tungen ein ideelles Uebergewicht einzuräumen. Nur was noch 
lebensvoll einzugreifen vermag, hat ein Zukunftsrecht für sich, und 



— 315 — 

von der Geschichte ist in der That nur Weniges dieser Art in leben- 
digem Zusammenhange auf uns vererbt worden. 

9. Zwischen der entscheidenden Gruppe der gegenwärtig im 
Vordergrunde der Geschichte stehenden Völker und den mehr oder 
minder entfernten Thatsachen der Vergangenheit ist entweder ein 
innerlich stetiger und lebendiger, auf Abstammung und volksmässi- 
ger Uebertragung beruhender Zusammenhang vorhanden, — oder 
aber es sind die Ueberheferungen nur äusserlich angenommen und 
bestehen in nichts als der Benutzung wahrer oder vermeintlicher 
Hülfsmittel des geistigen Fortschritts. Beginnen wir bei irgend einem 
Hauptvolk der Gegenwart, um die Spuren seines Daseins bis in die 
entlegenste Vergangenheit zu verfolgen, so wird der Leitfaden der 
nationalen Eigenart und des stetigen Zusammenhangs der Institu- 
tionen verhältnissmässig bald ein Ende aufweisen, und man wird nur 
selten zu einem realen Zusammenhang mit dem Römischen und noch 
weniger mit dem Griechischen Volksleben der älteren und besseren 
Zeiten gelangen. Bei den Romanen der Gegenwart ist allerdings 
einige Blut- und Sprachmischung, die auf. die alten Elemente hin- 
weist, nicht zu verkennen; aber auch bei ihnen ist der National- 
charakter in jeder pohtischen Gesammtgruppe zugleich mit der be- 
sondern Sprache so eigenartig ausgebildet, dass der Lebenslauf jedes 
dieser Völker ein historisch nur im Mittelalter wurzelndes Ganze 
bildet. Um den Charakter des Französischen Volks und Reichs zu 
studiren, braucht man wahrlich keiu volles Jahrtausend zurückzu- 
greifen. In den Gallischen Antecedentien mag man freilich noch ein 
zweites Jahrtausend früher einige verwandte Spuren aufsuchen und 
allenfalls noch über die Tagebücher Cäsars zurückgehen. Man wird 
sich aber auch hiemifc nur bestätigen, dass eine geschichtliche Reihe 
von nationalen Gebilden im Rahmen eines Volkscharakters wesent- 
lich unabhängig vom classischen Alterthum begonnen und einen 
eigenartigen Lebenslauf erzeugt hat. Noch geringfügiger sind die 
Kreuzungen in der Entwicklung der Germanischen Reiche und 
namentlich Deutschlands, welches in der Reinheit der Sprache und 
des Stammes alle andern Volksexistenzen, die mit der antiken Welt 
in Berührung kamen, unvergleichlich übertrifft. Was ist die Englisch 
redende Welt mit ihrer kinderhaften Gemengseisprache unserer ur- 
wüchsigen Sprachgestaltung gegenüber? Mag die Sprachwissenschaft 
hier auch immer einen nach Asien zurückreichenden Stammbaum 
construiren, so bleibt die relative Ursprünglichkeit unseres kraftvollen 



— 316 — 

Werkzeugs der Mittheiluiig nicht nur bestehen, sondern wird in 
seiner mindestens ebenbürtigen Nebenordnung neben das Griechische 
und das Lateinische sogar bestätigt. Wer. die Deutsche Geschichte 
und den Deutschen Charakter als ein Ganzes erfassen will, hat die 
Wurzeln des selbstgenugsamen Volksdaseins nicht in der antiken 
Welt zu suchen. 

Die angeführten Beispiele sollen nur den allgemeinen Gedanken 
veranschaulichen, dass neben einer gewissen Stetigkeit in der Fort- 
pflanzung einiger Einsichtsergebnisse die Geschichte in den Wirk- 
lichkeiten eine entschiedene ünstetigkeit aufweist. Neue Lebens- und 
Ereignissreihen heben damit an, dass die früher wilden und so zu 
sagen geschichtslosen Völkerexistenzen allmälig zu einer Entwicklung 
gelangen, die sie als maassgebende Mächte auf den Schauplatz treten 
und schliesslich zum Punkte des höchsten Einflusses auf die gesammte 
Culturwelt gelangen lässt. Inzwischen sind andere Völker abgetreten 
oder abgestorben und haben im besten Falle für die Nachwelt nichts 
als die Trümmer ihrer Bildung übrig gelassen. Die Aufsammlung 
dieser Reste des Schiffbruchs darf nun aber nicht mit einem realen 
Zusammenhang von Blut und Sprache verwechselt werden. Sie hat 
weit weniger zu bedeuten, und ein Volk, welches sich fremde 
Geisteselemente aneignet, ohne zugleich in eine Blutmischung einzu- 
gehen, wird irgend einmal dieses Schülerthum vollenden. Erst von 
diesem Augenblick an wird es im Stande sein, auf seine Massen 
durch eigne, mindestens ebenbürtige Erzeugnisse lebendig einzuwirken. 
Die frühere gelehrte Schulung wird nur die höchsten Schichten und 
zwar auch diese nur unvollkommen gebildet und eine Vormundschaft 
über die niedem erzeugt haben, die schliesslich abgethan werden 
muss. Ein derartiger ideeller Zusammenhang lässt sich also nicht 
im Entferntesten mit einer ununterbrochenen realen Wirkungsreihe 
vergleichen. Diese letztere Geschieh tscausalität bricht ab, wo ein 
Volk so zu sagen in das Grab sinkt oder trotz physiologischer Fort- 
existenz seiner Elemente doch nicht mehr dazu gelangt, als solches 
erhebliche Lebenszeichen zu geben oder gar entferntere selbständige 
und neue Existenzen ernsthaft zu kreuzen. 

10. Von den Römern haben wir ein Stück Privatrechtstheorie 
und von den Griechen nicht Wenig an Philosophie und Literatur- 
formen sowie einige Anfange zu den eigentlichen Wissenschaften. 
Von den Juden her ist uns eine Religion importirt worden, und wir 
sind überhaupt dem Asiatismus für die Verworrenheiten mystischer 



— 317 — 

und träumerischer Superstition verpflichtet. Die Israeliten speciell 
haben dem Christenthum und hiemit unserer Culturwelt die arge 
Mitgift einer Theokratie Übermacht, die sich in die mittelalterlichen 
Staatseimichtungen verwebt hat und sogar dem heutigen Leben noch 
unverdaulich genug gegenübersteht. In der neuern ' Zeit sind die 
protestantischen Völker sogar unmittelbar durch die übersetzten He- 
bräischen Urkunden, in einer falschen, dem nationalen und modernen 
Wesen widersprechenden Weise verbildet und mit ihrem natürlichen 
Gefühl auf die knechtischen und gemein eigensüchtigen Abwege der 
jüdischen Denkweise gefiihrif worden. Auch die besondere Physio- 
nomie der Natur- und Lebfensanschauung wurzelt in der Stammes- 
eigenthümHchkeit und hängt von den natürlichen Beschaffenheiten 
der Wohnsitze ab. Man wird noch einst erfahren, dass die germa- 
nische und speciell die nordische Gefühls- und Anschauungsart eine 
Mitgabe der Natur, die angejüdelten VorsteUungsmanieren aber nur 
ein Ergebniss künstlicher Verschulimg und christlichen Irrthums 
sind. Der alte Geist, der hon Blute lebt und nur mit dem Volks- 
ganzen selbst absterben kann, wird seine Unverwüstlichkeit dadurch 
bewähren, dass er das Angelernte wie ein äusseres unpassendes Ge- 
wand abthut und seinem eignen freien Wesen folgt. 

Man hat die Au^fropfung fremdartiger Geisteselemente mit der 
Rohheit des eignen Volks entschuldigen wollen. Jedoch hat man 
hiemit die plumpe Thorheit, mit welcher das Lateinische zur Sprache 
der Kirche und der ihr unterthänigen , ja wesentlich von ihr ge- 
formten Gelehrtenkaste gemacht wurde, nicht im Mindesten be- 
schönigt. Im Gegentheil ist diese neue Art von künstlicher Civili- 
sationsrohheit, die zu dem Volke in einer ihm unverständHchen 
Sprache gleich wie in Zauberformeln und übrigens zu ihm gar nicht 
redete, etwas weit Schlimmeres, als der von Natur bestehende blosse 
Mangel an Entwicklung. Die schlechten politischen Traditionen des 
verfaulten Römerreichs hatten mit ihrer Verwesung nicht nur die 
innere PoHtik der Germanischen Völker angesteckt und unter An- 
derm neben dem kirchlichen Papalcäsarismus auch die ungeheuerliche 
Idee eines Römischen Reichs Deutscher Nation an das Dämmerlicht 
gefordert; sondern sie trugen mit der in ihre Fäulniss eingenisteten 
Kirche auch die Hauptschuld daran, dass die tausendjährige Nacht 
des Mittelalters und das blosse Zwielicht der neuem Jahrhunderte 
möglich wurden. Ohne die Vererbung der lateinischen Sprache hätte 
die Volksbildung nicht so lange niedergehalten und der Fortschritt 



— 318 — 

des Wissens bis in die neuste Zeit nicht so entschieden gehemmt 
werden können. Noch heute ist die unnatürliche und ungeschickte 
lateinische Form des grössten Theils der wissenschaftlichen Literatur 
der neuem Jahrhunderte ein Hindemiss für die gründHche Volks- 
bildung. Die Keste des gelehrten Kastenwesens machen sich noch 
immer in vielen Beziehungen mit ihrem lateinischen Jargon breit. 
Die letzten bedeutenderen Mathematiker Deutschlands, welches in der 
Ausscheidung der mittelalterlichen Unnatur verhältnissmässig träge 
und rückständig geblieben ist, schrieben, wie Gauss und Jacobi, ihre 
Hauptwerke und sogar Zeitschriftenaufeätze noch in lateinischer 
Sprache, während Frankreich schon im 18. Jahrhundert längst diesem 
thörichten Zwang entwachsen war und sich grade durch Eleganz 
der formellen Darstellung besonders ausgezeichnet hatte. Die Mei- 
nung, dass der internationale Zusammenhang durch den gemeinsamen 
Gelehrtenjargon lateinischer Art besonders gefordert worden sei. ist 
eine arge Täuschung. Man kann zwischen den Völkern keine er- 
hebliche Gemeinschaft pflegen, wenn man diejenige mit dem Volke 
überhaupt preisgiebt. An der internationalen Fortpflanzung der ge- 
lungensten Ideen würde es wahrlich nicht gefehlt haben, wenn man 
nur jedesmal erst in der eignen Nation und im eignen Gebiet Fuss 
gefasst hätte. Uebersetzungen wäi-en jeder Zeit da veranstaltet 
worden, wo das breitere, nicht blos auf die Kaste beschränkte Da- 
sein der wissenschaftlichen Bildung das entsprechende Bedürfniss 
erzeugt hätte. Die wissenschaftlichen Fachgruppen würden mit ein 
paar modernen Sprachen neben der eignen Volkssprache für den 
todten Jargon einen mehr als ausreichenden Ersatz beschafft haben, 
und es ist mithin ein oberflächliches Vorurtheil, wenn man auf den 
von der Kirche früher unterhaltenen Zusammenhang einer Gelehrten- 
hierarchie sonderliches Gewicht legt. Dieser falsche Zusammenhang 
war anstatt auf ernsthafte Verbindung, weit mehr auf Trennung und 
Unterdrückung der Volksgeister angelegt. 

■ Ein ähnliches und in mancher Beziehung noch schlimmeres Er- 
gebniss liefert die Betrachtung der plumpen Aufnahme der fremden 
Rechte. Diese Haudhing war, soweit sie von den politischen Auto- 
ritäten ausging, die Errichtung oder wenigstens Bestärkung einer der 
unerträglichsten Vormundschaften. Sie griff weit über die Einwir- 
kungen hinaus, welche das blosse Studium der bessern Römischen 
Rechtsquellen geliabt haben würde, wenn es gleich demjenigen der 
Griechischen Philosophie betrieben worden wäre. Sie machte das 



— 319 — 

auf Befehl Justinians zusammengestoppelte Rechtsbuch zu mehr als 
einer Bibel, indem sie ihm unmittelbare Gültigkeit ertheilte. Diese 
Ungeheuerlichkeit hat jene von Citaten strotzende Juristenliteratur 
verschuldet, die noch heutigen Tages unter der Rubrik eines Bil- 
dungsmittels fortvegetirt , während die neueren Gesetzbücher das 
praktische Geltungsbereich des Römischen Rechts geographisch auf 
einen kleinen Rest und übrigens auf eine schattenhafte Ergänzungs- 
rolle beschränkt haben. • Das Recht, welches vor allen Dingen die 
unmittelbare Theilnahme des Volks erfordert, wurde durch die kano- 
n istische und romanistische ^Vormundschaft zu einer Kastenmonstro- 
sität, von deren vollständiger Ueberwindung wir noch heute weit 
entfernt sind. Das vermeintliche Bildungsmittel, welches allenfalls 
für die Grundbegriffe des Privatrechts in den fragmentarischen üeber- 
bleibseln der Römischen Kaiserjuristen von classischer Auszeichnung 
früher einigen Sinn gehabt haben mag, muss nun nach sieben Jahr- 
hunderten als ziemlich hinfällig gelten. Die Art, wie man die Bruch- 
stücke und das Mosaik der Weisheit eines Papinianus, Paulus und 
der Andern vom halben Dutzend besonders classischgesprochener 
Schriftsteller in den heutigen Rechtsschulen verwerthet, ist wahrlich 
nicht dazu angethan, die „geschriebene Vernunft", die in den Pan- 
dekten enthalten sein soll, aus ihrem Sarge auferstehen zu lassen. 
Die freie Handhabung natürlicher und durch die besondere Logik 
des Gegenstandes, verdeutlichter Principien ist bis jetzt nicht einmal 
erstrebt, geschweige erzielt worden. 

1 1 . Das Römerreich war so recht das Muster eines Eroberungs- 
und Gewaltstaats gewesen. Die Uebertragungen seiner Politik auf 
die Stoffe, die das Mittelalter angehäuft hatte, führten zu den Cen- 
tralisationen der neuem Zeit. Die Grossstaatengebilde der letzten 
Jahrhunderte sind nichts als Machterweiterungen der Dynastien, die 
vornehmlich im Wege der Innern und äussern Erobening und nur 
nebenbei auch durch Erbgang vollzogen wurden. Der moderne Staat 
ist in diesem Sinne wesentlich eine Dynastie oder eine Gruppe von 
Personen, welche sich an ihre Stelle gesetzt hat. Da wo er wie in 
Nordamerika auch im Grossen die Form einer Republik hat, erinnern 
die Institutionen noch an den Englischen Ursprung, und die Classen- 
herrschaft der durch eine traditionelle Clique von Handwerkspoliti- 
kem vertretenen Bourgeoisie hat weder im Innern noch nach Aussen 
den Charakter des Unterdrückungsstaats jemals abgelegt. Sie hat 
die widerwärtigste Fomi der vollen Sklaverei bis in die Mitte der 



— 320 — 

sechziger Jahre conservirt und steht auf dem Punkte, auch in der 
poHtischen Knechtung der Arbeitermassen ihre Kräfte zu erproben. 
In Europa ist der von der Halbwissenschaft dem Worte Staat be- 
schönigend untergelegte Sinn vollends unzutreffend. Das vermeintlich 
wissenschaftliche Nebelbild des Staats als einer Vereinigung für alle 
Lebenszwecke verschwindet, sobald man dem Gegenstande nähertritt 
und realistisch zusieht, was er eigentlich enthalte. Der Gewaltstaat 
ist die Einrichtung der Herrschaft einer Gruppe von Personen, inner- 
halb deren sich wiederum zwischen dem Souverain und seiner Zu- 
rüstung von persönlichen Werkzeugen unterscheiden lässt. Diesem 
ganzen Apparat, der heute allein der eigentUche Staat ist, steht das 
Volk als beherrschte und bevormundete Masse gegenüber. Es ist im 
Staate für die Initiative ein Nichts, und seine auch sonst wesentlich 
passive Rolle geht in der Steuerzahlung, im Militairdienst und in der 
Arbeitsleistung für die höheren Classen auf. Soweit sich die letz- 
teren einen Einfluss auf die Staatsmaschine und deren Personal ver- 
schafft haben, sind sie dem Staat nicht mehr unbedingt unterworfen, 
sondern nehmen selbst an seinen unterwerfenden Functionen zu 
Gunsten ihrer social wirthschaftiichen Interessen The iL Der Staat in 
diesem fac tischen und echc historischen Sinne kann offenbar nur ein 
Provisorium der Geschichte sein. Ueberhaupt würde der Staat, auch 
wenn er besser wäre, stets nur als Mittel, niemals aber als letzter 
Zweck oder auch nur als ein solcher Zweck zu betrachten sein, der 
über das jeweilige Leben der Individuen hinausreichte. Dem indi- 
viduellen Leben, als der einzigen selbstgcnugsamen Wirkhchkeit, soll 
jede politische Einrichtung dienstbar bleiben. Es ist eine antik ro- 
mantisirende Verkehrtheit, den Staat als ein höheres Wesen zu ver- 
göttern. Die Opfer, welche in einer wirklichen Gemeinschaft aller- 
dings für das Ganze und auch für die Zukunft zu bringen sind, 
müssen ihre klare Begründung in der Gegenseitigkeit und Sympathie 
haben, mit welcher der Einzelne unwillkürlich das Gesammtschicksal 
mehr oder minder als eine eigne Angelegenheit ansehen lernt. Von 
einer solchen Auffassung kann aber durchschnittHch in dem Gewalt- 
staat nicht die Rede sein, und man bedarf daher neben dem äussern 
Zwang noch einer Art ideeller Surrogate aus dem Gebiet des reli- 
giösen und politischen Aberglaubens. 

Dem Gewalt- und Unterdrückungsstaat ist eine eigenthümliche 
Art von Centralisation eigen, durch welche die selbständigen Func- 
tionen, welche in der Breite des Volksdaseihs statthaben sollten. 



— • 321 — 

niedergehalten und mit Vorkehrungen im Mittelpunkte der Herr- 
schaft aufgewogen und gelähmt werden. Freilieh ist nicht alle Con- 
centrirung ein Verderb ; auch die sich fortpflanzenden freien Vereini- 
gungen müssen zu umfassenden Einheitsgestalten gelangen, die dann 
auch natürliche und wahrhafte Einigungs mittel sein werden. Wohl 
aber ist die gewaltsame CentraUsation der innern und äussern Ver- 
sklavungen und Eroberungen, wie die unfehlbare Mechanik der 
Geschichte bis jetzt stets gelehrt hat, schliesslich nie etwas Anderes 
als der kürzeste Weg zum Staatentode gewesen. Auf diese Weise 
ist sogar Athen sammt seiner ausgedehnten Seeherrschaft zu Grunde 
gegangen. Auch der allgemeine Satz, dass die engere Zusammen- 
ziehung der Herrschaft in ein immer kleineres Bereich von that- 
sächhch machthabenden Elementen, also überhaupt die unterdrückende 
und absorbirende Centralisation das baldige Ende der Lebensfähigkeit 
des. Staatskörpers anzeige, ist nur zu begreiflich. 

12. Hienach ergiebt sich für den heutigen Stand der Dinge 
eine Frage, die nicht nur in Verlegenheit zu setzen, sondern auch 
unsere politischen Hoffnungen auf eine positive Entwicklung der 
jetzigen Culturvölker 2u vernichten scheint. Die Centralisation ist 
im modernen Staat schroffer als jemals durchgeführt und wird sich 
voraussichtlich nur immer mehr vervollständigen. Die Selbstfort- 
pflanzung einer Macht durch Unterdrückung hat ihre mechanische 
Schranke nur an einer widerstandsfähigen Gewalt, und wo dieses 
Gewaltspiel die eigentliche Triebkraft der Personen und politischen 
Gruppen ist, da handelt es sich schliesslich nur um die Wahl 
zwischen Unterwerfen und Unterworfenwerden. Allerdings wird eine 
beiderseitige Gleichheit der Kräfte die parallele Existenz ebenbürtiger 
Mächte mit sich bringen und • auch die Aufzehrung der kleinem 
Gewalten verlangsamen. Uebrigens werden aber die Absorptionen 
nach Aussen und im Innern ihren Lauf nehmen, wie es die aus- 
nahmslosen Gesetze der politischen Uebermachtsentwicklung mit sich 
bringen. Wo soll nun das freie Leben der Gesellschaft eine Stätte 
finden, wenn jene unumgängliche Logik des Unterdrückungsstaats 
jedenfalls ihre vollen Consequenzen ziehen muss ? Wie soll dem Verder- 
ben entgangen werden, wenn der bisherigen Geschichte zufolge der Tod 
die unausweichliche Wirkung der aufsaugenden Centralisationen ist? 

Unsere Rechenschaft von den Staatenschicksalen beruht nicht auf 
unbegriffenen Zufälligkeiten der äusserlich wahrgenommenen .Ge- 
schichte, sondern auf innern zwingenden Gründen. Wir verstehen 

Dübring, Cursus der Philosophie. 21 



— 322 '— 

daher auch den Zusammenhang von Centralisation und Tod genau 
genug, um uns nicht durch eine falsche Schlussfolgerung beirren zu 
lassen. Zwei Ursachen machen die absorbirende Centralisation 
schliesslich lebensunfähig. Erstens verdirbt der Kern, von dem sie 
ausgeht, in sich selbst vermöge jener unvermeidlichen Corruption, 
der jede abgeschlossene Gruppe theils durch Trägheit und Ver- 
sumpfung, theils durch üebermuth und Luxus anheimfällt. Zweitens 
wird aber auch die Regierungsfähigkeit dieser centralen Gruppe durch 
den immer weiteren Umfang der Herrschaft in ganz natürhcher 
Weise abgeschwächt. Zu der Ausdehnung des Gebiets kommt die 
innere Verdichtung der Massen und Kräfte, die sich, obwohl in 
Rücksicht auf die staatlichen Hauptfunctionen unterdrückt, dennoch 
in andern Richtungen und zwar namentlich in socialwirthschaftlicher 
Hinsicht nach und nach zu einiger Stärke entwickeln. Die ärgste 
Aufzehrung aller politischen Localcompetenzen kann nicht hindern, 
dass mit der Zeit die ortschaftlichen Gemeinden ein gesteigertes mate- 
rielles Leben und im Anschluss hieran nicht nur einiges Selbstgefühl, 
sondern auch wirkliche Regungen von etwas politischem Bewusstsein 
ausbilden und zur Geltung bringen. Mit derartigen Triebkräften 
kann aber ein Centralisationssystem nicht sonderlich fertig werden. 
Die romantische Art von Decentralisation , mit der man Angesichts 
solcher Schwierigkeiten experimentirt , ist nicht nur etwas Rück- 
läufiges, sondern auch gänzlich Schattenhaftes. Die kleinem Unter- 
drückungs- und Gewaltelemente, welche durch die grosse centralisi- 
rende Gewalt ursprünglich umklammert und ihrer niedertretenden 
Attribute entkleidet worden waren, sollen nun als relativ selbstän- 
dige Werkzeuge des Staats eine politisch sociale Rolle spielen. * Diese 
sogenannte Selbstverwaltung, welche die ursprünglichen Feudalherren, 
untermischt mit den kleinern und grössern Potentaten der Bour- 
geoisie, dazu beruft, staatliche Halbdienste mit dem Anschein der 
Freiheit zu verrichten, ist eben nur ein Stück reactionärer Romantik. 
Sie bekundet, dass sich der centralistische Staat im Innern bereits 
angekränkelt und schwach fühlt ; denn ohnedies würde er nicht gegen 
sein eignes Lebensprincip die Bundesgenossenschaft von Elementen 
suchen, deren ihm gleichartige Gewaltherrschaften er einst zu seiner 
eignen Constituirung hatte unterdrücken und aufzehren müssen. Der 
Centralisationsstaat fängt also hiemit au , sich selbst zu compromit- 
tiren, indem er sich den Schein giebt, sein eignes Werk nach rück- 
wärts hin wieder aufzulösen. Sehr ernstlich gestalten sich freilich 



— 323 — 

diese Velleitäten der Decentralisation nie; aber dennoch tragen sie 
mit dazu bei, die überlieferte Staatsidee zu beeinträchtigen und deren 
Wirksamkeit in der allgemeinen Ansicht zu vermindern, üeberdies 
werden die Missstände durch die rückläufigen Decentralisationsproben 
nicht verringert, sondern gesteigert. Die Schwierigkeiten mehren sich 
namentlich durch die Conflicte, in welche die künstlich zu einem 
Halbleben aufgefrischten Ständegewalten des alten Regime mit dem 
eigentlichen Volk gerathen müssen. Wer hiebei am meisten verliert, 
ist der Staat selbst, dessen unfruchtbare Decentrahsationsspielerei 
nicht nur seinem Wesen widerspricht , sondern auch die Reste des 
Glaubens an seine Zulänglichkeit vollends erschüttert. Wo, wie in 
England, die moderne Centralisation noch selbst etwas rückständig 
ist, können die romantischen Reste, die man Selfgovernment nennt, 
nicht überraschten. Sie sind hier etwas verhältnissmässig Natürliches, 
weil sich in ihnen ein Stück Mittelalter stetig als lebendige Wirk- 
lichkeit erhalten, aber nicht, wie auf dem Festlande, erst wieder 
durch politische Galvanisation in bleiche Erinnerung gebracht hat. 
England selbst hat die Centralisation, die dem Gewaltstaat ein un- 
umgängliches Gesetz ist, nur verlangsamt und hat daher in ihr noch 
einige Stadien zurückzulegen, die freilich durch die Kreuzungen mit 
der socialitären Politik und durch auswärtige Schicksale äusserst ab- 
gekürzt werden können. 

18. Die centralistische Handelsherrschaffc, welche England der 
Welt gegenüber ausgeübt hat und noch in einem grossen Maasse 
ausübt, darf zwar nicht mit der gewöhnlichen Centralisation innerer 
Art oder mit einem auf lauter vollständige Eroberungen gegründeten 
System verwechselt werden, kann aber dennoch im Allgemeiuen 
lehren, wie die Erstarkung der Peripherie und der Breite des Daseins 
mit der Erhaltung des Mittelpunkts bei der alten Kraft schliesslich 
unverträglich werden müsse. England war bisher in überwiegendem 
Maass die Manufacturwerkstätte für die Welt uüd die den Handel 
absorbirende Macht. Inzwischen sind nun eine Anzahl Staaten und 
Gebiete in ihrer innem wirthschaftlichen Entwicklung, trotz der 
von England her unterhaltenen Erdrückungsversuche, bereits • ansehn- 
lich emporgekommen, und diese materiellen Völkeremancipationen 
müssen schliesslich dahin führen, dass dem Brittischen Centralkörper 
von seinen künstlich verlängerten Gliedern eines nach dem andern 
abfällt und ihn so nöthigt, andere, mehr auf innere eigne Säfte und 
Kräfte gegründete Hülfsmittel und Stützen ausfindig zu machen. In 

21* 



— 324 — 

Europa sind es Frankreich, Deutschland and Russland, deren Märkte 
dem Brittischen Monopol theils schon entrissen sind, theils sichtlich 
zu entwachsen fortfahren. Jenseit des Oceans hat die Amerikanische 
Union zur politischen nun auch die wirthschaftliche Emancipation 
von der Brittischen Handelsherrschaft immer entschiedener in Angriff 
genommen und in erheblichen Richtungen sogar schon zu einem an-- 
sehnlichen Theil vollzogen. Ueberhaupt gestaltet sich für England 
die Verfügung über den Weltmarkt immer bedenklicher, da selbst 
Asien nicht mehr ausschliesslich für Brittische Ausbeutung existirt 
und speciell Indien in politischer Beziehung innerlich und äusserlich 
immer unzuverlässiger und unhaltbarer wird. 

Die Localisirung des Wirthschaftslebens ist nur ein Theil der ört- 
lichen Autonomie. Sie kann sich innerhalb der politischen Absorptionen 
nur sehr unvollkommen bethätigen. Auch im Innern der eiuzelnen Staa- 
ten folgen politische und wirthschaftliche Einrichtungen einem einheit- 
lichen Typus. Das centralisirte Bankwesen ist ein Beispiel hievon; 
denn in ausgeprägter Weise existirt es nur in den grossen Hauptstaaten 
Europas und ist die einfache Wirkung eines Privilegienausflusses aus 
dem Füllhorn der monarchistischen Gewalten gewesen. Wie wir nun 
aber an dem Brittischen Handels- und Industriemonopol erkannt 
haben, ist es das unvermeidliche Schicksal aller Arten von Centra- 
lisation, dass schliesslich die Umspannungskräfte den inzwischen ver- 
mehrten und regsam gewordenen Stoff nicht mehr bewältigen können. 
In der bisherigen Geschichte gingen die politischen Centralisationen 
nicht ausschliesslich an ihrer innem Ohnmacht, sondern bereits etwas 
früher durch äussere, von andern Staaten kommende Gewalt zu Grunde. 
Die Griechen, deren verweste Freiheit dem Macedonismus vollends 
zur Beute wurde, fielen schliesslich mit ihrer ganzen Mittelmeerwelt 
dem Römerthum anheim, und die Römer erlagen, nachdem sie ihren 
sogenannten Erdkreis in lauter Provinzen oder, besser gesagt, Do- 
mänen eines einzigen Machthabers verwandelt hatten, mit den verfaulten 
Gliedern ihres hinfälhgen Reichskörpers den frisch zugreifenden Ger- 
manen. Nun mag sich ein ähnlicher Gang der Dinge in 'der Geschichte 
solange wiederholen, als noch fiische Völker vorhanden sind, um 
über die trag gewordenen oder gar schon versumpften Existenzen 
herzufallen. Irgend einmal muss sich aber diese Quelle von Um- 
wandlungen erschöpfen, und alsdann können es nur innere, aus dem' 
Untergrunde der Gesellschaft aufsteigende Mächte sein, von denen 
die centralistischen Gebilde gleichsam erobert werden. 



— 325 — 

In der Gegenwart ist nur in einer einzigen Richtung eine 
äussere Gewalt abzusehen, durch welche die mächtigsten Staaten 
alteuropäischer Civilisation von Aussen gefährdet werden könnten. 
Russland und das Slaventhum dürften aber schwerlich zu dieser, 
immerhin denkbaren Rolle der Vergewaltigung des übrigen Europa 
wirkhch gelangen. Es ist nämlich Angesichts der grossen innern, 
socialistischen Bewegung, welche in der heutigen Culturwelt alle 
Triebkraft der Menschheit in ihren Dienst nimmt, äusserst unwahr- 
scheinlich, dass die grade in dieser Beziehung stark zur Theilnahme 
geneigte Russische Gesellschaft es für den ungefügigen Coloss an 
einheimischer Arbeit sollte fehlen lassen, üeberdies ist das ganze 
Reich eine so oberflächHche Au^fropfang Europäischer Culturmittel 
auf Asiatische Barbarei und das Regierungssystem selbst ein so ge- 
brechliches, dass der Westen in seinen Institutionen erst ganz ver- 
west sein müsste, ehe er * von dem Russischen Osten nachhaltige 
Niederlagen zu besorgen hätte. Nun bedarf es freiHch zu einer 
solcjjien Verwesung, soweit sich dieselbe nur auf die Centralorgane 
zu erstrecken hat, keiner sehr langen Zeit. Zwei Jahrzehnte des 
Bonapartismus, d. h. einer Regierung von schlimmeren als blos Catili- 
narischen Existenzen, haben genügt, Frankreich widerstandsunfähig 
zu machen. Ein ähnliches Regime müsste überall in verhältniss- 
mässig kurzer Zeit entsprechende Wirkungen haben. Die innern 
lebensfrischen Regungen der Gesellschaft in ihren breiten Grundlagen 
werden aber grade auf Deutschem Boden, von wo der Osten den 
entscheidenden Widerstand und die Gestaltung seines Schicksals zu 
gewärtigen hat, die desorganisirenden und lähmenden Wirkungen der 
Corruption aufwiegen und zu einer ernsthaften Vereinigung der 
Volkskräfte führen. An die Stelle der herkömmlichen und dynastisch 
conventionellen« Kriegsgestaltungen dürfte alsdann auch nach Aussen 
eine Action von grösseren Zielen und tieferem Ernst treten können. 
Das Volk, bei welchem der Socialismus zuerst eine positive Rolle 
spielt, wird auch dasjenige sein, welches dem Kriege und den yor- 
gefundenen centralistischen Institutionen eine andere Richtung, näm- 
lich auf eine solche Action giebt, die vermöge ihres bessern Ziels 
und ihrer grossem Nachhaltigkeit wirklich im Stande ist, einen 
wohlbegründeten Frieden zu schaffen. 

Ehe man zu der vollendeten freien Gesellschaft mit ihren letzten 
kleinen politischen Einheiten gelangt, die sich dann weiter zu grossen 
Organisationen verbündet finden, muss man so zu sagen die Erbschaft 



— 326 — 

des Gewaltstaats antreten und dessen nun einmal vorhandene Cen- 
tralisationen zu Ausgangspunkten der Umschaffung des Volkslebens 
machen. Dies ist der Weg, auf welchem in der Zukunft die cen- 
tralistischen Absorptionen mit ihren unterdrückenden Functionen ver- 
schwinden und dem Gegentheil ihres eignen Ziels, nämlich der posi- 
tiven Organisation der gesammten Volkskräfte platzmachen werden. 
Es giebt eine befreiende Concentrirung, welche auf der gleichheit- 
lichen Vereinigung beruht,, und ohne welche umfassende Organisa- 
tionen nicht denkbar sind. Die falsche Centralisation hat nun nicht 
umhin gekonnt, auch etwas von der nothwendigen Zusammenfassung, 
wenn auch auf schlechtem Wege, nämlich auf dem Wege der ünter^ 
drückung durchzuführen. Auf Grundlage dieses Sachverhalts lässt 
sich die Brücke bauen, die vom Gewaltstaat mit seiner einseitigen 
Centrahsation in die freie Gesellschaft mit ihrer allseitigen Concen- 
trirung selbständiger Einheiten hinüberföhrt. 

14. Da es, wie wir früher gesehen haben, zum Theil auch 
etwas sehr Reactionäres sein kann, auf die Centralisation zu schelten, 
nämlich wenn das Wachsthum der grossen Städte und die Bändi- 
gung der feudalen Gewalten in Frage sind, so muss man die Vor- 
stellungen von der centralistischen Gestaltung durch bestimmte Auf- 
fassung ihrer einzelnen Richtungen vor Missverständniss schützen. 
Wir finden eine Militair-, Justiz- und Polizeicentralisation vor und 
bemerken ausserdem^ wie der Gegensatz zwischen dem Staat einer- 
seits und den Gemeinden oder körperschaftlichen Gebilden anderer- 
seits die gesammte Verwaltung afficirt. Verstehen wir die Polizei 
im weiteren Sinne, so können wir in ihr Gebiet auch das Schul- 
monopol und die Schulcentralisation rechnen, wie denn in der Tliat 
die Schule des modernen Unterdrückungsstaats ihre Hauptrolle als 
polizeiliche Hülfsanstalt nirgend verleugnet. Es ist diese Schule von 
den untersten bis zu den gelehrtesten und universitären Gebilden 
hinauf eine Verkörperung des politischen und religiösen Gesammt- 
dmcks, der den centraüstisch gewaltstaatlichen Institutionen ent- 
spricht und entsprechen muss. Es ist eine Thorheit, in der politisch 
und religiös beherrschten Schule ein anderes Princip als in der 
maassgebenden Staatsgestaltung antreflFen zu wolleu. Aus der Macht- 
vollkommenheit des Gewaltstaats sind die Scliuleinrichtungen mit 
ihren Privilegien sowie mit ihren politischen und religiösen Aufgaben 
hervorgegangen. Man kann daher nicht ein Stück des Systems 
wesentlich ändern, ohne das ganze System in Mitleidenschaft zu 



i 



— 327 - 

ziehen. Die Geschichte kann im Staate der Unfreiheit keine freiheit- 
liche Schule prodnciren. Da aber grade der Fortschritt wesentlich 
von den geistigen Antrieben abhängt, so kann sich das bessere 
Wissen und Wollen nicht zuerst und auch niemals unmittelbar auf 
dem Wege der Schule verbreiten. Jede derartige Voraussetzung ist 
eine Illusion. Nur in mittelbarer Weise und auf Umwegen, ja zum 
Theil unwillkürlich dringt in die Schule ein wenig von dem freieren 
Geiste ein, welcher sich ausserhalb derselben in der Gesellschaft regt. 
Uebrigens wird der Gewaltstaat durch seine Schulgesetzgebung immer 
dafür zu sorgen verstehen, dass sein eignes Princip nicht vergessen 
und nach Kräften durch den religiösen Aberglauben gestützt werde. 
Wenn er auch gegen seine eigne Absicht Bildungselemente aner- 
kennen und einführen muss, die, wie die naturwissenschaftlichen 
Lehrg^enstände, indirect ein klein wenig wirklicher Aufklärung in 
sich bergen, so behält er doch durch Beherrschung des Geschichts- 
unterrichts bis in dessen universitäre Missgestaltung hinein ein 
mächtiges Mittel in der Hand, das politische Denken von vornherein 
in Fesseln zu schlagen und die Vorstellungen auf Abwege zu fuhren. 
Die amtliche und staatsmässige Geschichtsauffassung sowie die zuge- 
hörigen Entstellungen oder gar Fälschungen der den Kampf für die 
Völkerfreiheit betreffenden Thatsachen sind ein polizeilich nicht gering 
anzuschlagendes Mittel der geistigen Niederhaltung. Ohne eine auf 
den Geist gerichtete Unterdrückung würde aber der Gewaltstaat 
nicht lange bestehen können. Es ist daher die centralistische Be- 
herrschung des Geisteslebens eines seiner entscheidendsten Interessen, 
und wo er die Kirche in dieser Richtung nicht verwenden kann, 
sucht ei* selbst ähnliche Functionen auf eigne Hand auszuüben. 
Diese geistige Centralpolizei wird aber einmal, gleich allen andern 
centralistischen Mechanisationen, die erste Handhabe bilden, um das 
von ihr selbst gestiftete Unheil auf dem kürzesten Wege in sein 
Gegentheü und in ein wirkliches Heil des bis dahin vormundschaft- 
lich missleiteten Wissens und Wollens zu verwandeln. 

Die sonstige Polizeicentralisation ist zwar sehr wirksam, wenn 
es sich um die Interessen des Gewalfcstaats, aber äusserst ohnmächtig, 
wenn es„ sich um diejenigen der sogenannten Staatsbürger oder, um 
historischer zu reden, des unterthänigen Volks handelt. Wie wenig 
Sicherheit oder gar Wohlfahrt wird durch die centralistische Polizei- 
action da verbürgt, wo es darauf ankäme, die Missstände innerhalb 
kleiner Kreise durch die Initiative der bedrohten Personen selbst 



— 328 — 

einzuschränken! Nicht einmal auf den Strassen und in der Umge- 
bung der Grossstädte vermag die centralistische Polizei hinreichende 
Sicherheit gegen Raub und Mord oder gegen Gewaltsamkeiten ge- 
schlechtlicher Art zu schaffen. Wo sich der Einzelne mit seiner 
Lebensart gänzlich verstecken und ausserhalb eines Zusammenhangs 
mit seinen Nachbarn seine Person und sein Treiben in Dunkel hüllen 
kann, da ist weder eine wii;ksame Vorbeugung noch hinterher eine 
gerechte Justiz möglich. Wo sich sogar der Privatcharakter tmd 
die Lebensweise hochstehender Functionäre den Blicken der Mit- 
bürger entziehen kann, da ist natürlich in noch weit höherem Grade 
der in der Masse Verschwindende im Stande, irgend einer Art von 
Gaunerthum maskirt und unbemerkt obzuliegen. Hiebei hat anderer- 
seits der Gute nooh den Schaden, dass seine noch so vorzügliche 
private Lebensweise ihm nicht in entscheidender Weise nützt, wenn 
er falschen Anschuldigungen anheimfällt. Die einzige Garantie gegen 
solche Zustände wäre die örtliche Einrichtung kleiner Bezirke, in 
denen die Mitglieder selbst die erforderliche Ueberwachung organi- 
siren und ausüben. Indessen kann der Lauf -der Geschichte auch 
hiezu vorläufig nicht führen, weil die centralistische Polizei vornehm- 
lich die Sicherung des Staats und erst nebenbei ein wenig die An- 
gelegenheiten der Bürger zur Aufgabe hat. Sie müsste ihr eigne» 
Princip, d. h. den Gewaltstaat selbst aufgeben, wenn sie den von unten 
auf erfolgenden Localisationen platzmachen sollte. Sie hat zuviel mit 
der Niederhaltung der Vereinigungen nach einem sogenannten Vereins- 
recht und mit dem Kriege gegen die freieren Regungen der Presse 
zu thun, ja sie ist auch übrigens zu stark in dem Gegendruck gegen 
die den Gewaltstaat bestreitenden Kräfte engagirt, als dass* sie dazu 
gelangen könnte oder dürfte, in ihrem Rahmen volksmässige Control- 
gebilde von unten her aufwachsen zu lassen. Die Zerlegung grosser 
Städte in eine Anzahl communaler Selbständigkeiten, die nur gewisse 
gemeinsame Angelegenheiten für ein concentrirtes Organ ausscheiden, 
übrigens aber alle Functionen parallel nebeneinander nach einem ein- 
heitlichen Plan ausüben, wäre eine blosse Uebergangsformation. Je- 
doch auch zu dieser verhältnissmässig noch geringfügigen Einlenkung 
werden es die centralistischen Interessen des Gewaltstaats schwerlich 
kommen lassen. Noch viel weniger ist aber eine echte Organisation 
solcher local auf ein natürliches Maass zurückgeführten Verwaltungs- 
körper zu erwarten. Die wüste unorganisirte Menge wird eben in 
dieser Formlosigkeit wachsen, aber auch schliesslich von den cen- 



— 329 — 

tralen Kräften der. alten Art nicht mehr zu bewältigen sein. Als- 
dann hfebt jene entscheidende Uebergangsepoche an, in welcher das 
Rüstzeug der alten Centralisation selbst den neuen Zwecken vor- 
läufig dienstbar werden und sich so in eine wirkliche Volksmacht 
verwandeln muss. 

15. Die schwierigste Arbeit der Geschichte ist die Abfindung 
mit der Justizcentralisation. Die drei Instanzen, die sich in ihrer 
willkürlichen Form als Schichtung von Beamtengruppen wahrlich 
nicht von selbst verstehiBn, sind ^chon, soweit die Erneuerung des 
Geschwornengerichts reicht, in der Hauptsache, nämlich in der 
materiellen Entscheidung, weggefallen. Ihr sonstiges Fortbestehen 
erinnert an den Widerspruch, in welchem sich das ganze Beamten- 
gerichtswesen mit den neuem Einschränkungen befindet. Auch für 
die positiv weiterbildende Geschichte bleibt es allerdings nicht gleich- 
gültig, ob die Macht der Entscheidung über Recht und Unrecht 
gleich von vornherein endgültig bei einer einzigen Instanz fixirt 
werde oder nicht. Ein umfassenderer Kreis bietet mehr Bürgschaften 
für die Unparteilichkeit. Auch nach Wahrscheinlichkeitsgrundsätzen 
ist das Recht mehr gesichert, wenn ein grösserer Bund von Personen 
unmittelbar für seine Aufrechthaltung einsteht. Man könnte also die 
Rechtsprechung in den wichtigeren Angelegenheiten immerhin als 
Zuständigkeit für die grossem Gemeinschaften ausscheiden und ausser- 
dem dafür sorgen , dass in den kleinem Sachen von dem engern 
Kreis an den weitem Berufung eingelegt werden dürfe. Hiemit würde 
man, anstatt einer scheinbaren eine wirklich höhere Jurisdiction 
schaffen. Nicht die Hinstellung einiger Ausgewählten, die sämmtlich 
derselben Beamtenmasse augehören, sondern eine wirklich umfassen- 
dere Macht würde mit ihrem, allgemeineren Urtheil eine zweite 
Instanz oder überhaupt eine Zuständigkeit für gewichtigere Fälle 
darstellen. Der Byzantinische Instanzenzug ist wirkhch eine Ein- 
richtung, an welcher man das Wesen des vormundschaftlichen Ge- 
waltstaats besonders gut zu erkennen vermag. Aus der centralen 
Willkürvollkommenheit heraus werden gleich aUe Competenzen mit 
einem Male ins Leben gerufen und durch besondere Betrauung ver- 
schiedener Beamten höhere Functionen gleichsam wie aus dem Nichts 
und ohne jeden natürlichen Anhaltspunkt geschaffen oder, besser 
gesagt, erkünstelt. 

Noch weit kennzeichnender als die künstliche Instanzenschichtung 
ist für die Justizcentralisation die in dem Willen einer einzigen 



— 330 - 

Person coucentrirte Anklägerrolle. Es ist ganz, im Geiste des vor- 
mundschaftlichen Gewaltstaats, dass der Chef der Justiz das Anklage- 
monopol habe, und dass neben den von ihm nach persönlichem 
Belieben angestellten und in jedem einzelnen Verfolgungsfall ge- 
horsamschuldenden Ministerialadvocaten Niemand ein Recht darauf 
habe, füi* das ihm widerfahrene Unrecht den Richter in Anspruch 
zu nehmen. Dieser Mangel der Privatanklage zeigt, bis zu welchem 
Grade in dem modernen ünterdrückungsstaat die Selbständigkeit der 
Bürger untergegangen ist. Diejenigen Entwicklungen der Geschichte, 
welche darauf augelegt sind, aus dem Gewaltstaat in freiere Formen 
des Gemeinlebens hinüberzuleiten, werden das angedeutete Stück 
rechtlicher Wehrlosigkeit besonders ernst zu nehmen haben. 

Von der Militaircentralisation hier noch einmal besonders zu 
reden, dürfte überflüssig sein. Sie ist zu durchsichtig, als dass nicht 
das, was früher principiell über die Wahl der Führer gesagt worden 
iit, zur Lösung der Hauptschwierigkeit genügen könnte. Da die 
Planmässigkeit des Zusammenwirkens und das Vorhandensein überein- 
stimmender Einrichtungen hier unumgänglich sind, so wird die vom 
Gewaltstaat ausgegang-ene Centralisation 'in allen rein technischen 
Beziehungen zunächst ein unverändertes Erbstück der weiter aus- 
greifenden Geschichte bilden. Grade dieser eiserne Rahmen wird in 
dem Augenblick, in welchem er die ganze Volkskraft in sich auf- 
nimmt, Bilder einzufassen vermögen, von denen sich die sogenannte 
Stärke des centralistisch ausgreifenden, aber durch kein freiwilliges 
Entgegenkommen sonderlich unterstützten Gewaltstaats nichts träu- 
men lässt. 

Sobald es der geschichtlichen Culturarbeit gelingt, jene Wendung 
einzuleiten, mit welcher sich die kleinem Gruppen und Kreise zu 
selbständigem politischen Leben höherer Art aufraffen, wird auch die 
Kraft des Volksganzen eine unvergleichlich gesteigerte werden. Der 
centralistische Gewalt- und Unterdrückungsstaat, der Alles, was er 
sich einverleibte, zu trägem Stoff herabwürdigen musste, wird als- 
dann erfahren, dass es ausser seinem stossenden Mechanismus weit 
kräftigere Concentrationen- geben kann, in denen nicht blos ein 
Mittelstückchen, sondern der ganze Körper von Bewegung und Kraft 
erfüllt ist. 

16. Wirkliche Fortschritte der allgemeinen und speciell der po- 
litischen Cultur werden dann gemacht, wenn die Mittel zur freien 
und ausgedehnten Vereinigung der individuellen Kräfte wachsen. 



— 331 — 

• 

Nicht blos in technisch wirthschaftlicher , sondern auch in poHtisch 
socialer Beziehung ist das Maass der Vereinigungsfähigkeit auch das 
Maass der Cultur. Die Wirkung der wirthschafthchen Kräftecombi- 
uationen ist jedoch zu sehr ein Thema unserer neusten Volkswirth- 
schaftslehre, als dass ich mich über diesen in meinen ökonomischen 
Schriften ausführlich erörterten Gegenstand hier ♦besonders zu ver- 
breiten nöthig hätte. Man weiss für die allgemeine Anschauung 
genug, wenn man sich erinnert, dass die Verbindung des Menschen 
mit dem Menschen in einer grössern Anzahl die Grundlage aller Er- 
folge gegen die Naturhindemisse der Production bildet. Die com- 
binatorische Macht des Geistes ist aber auch hier die höhere; denn 
sie ist es, welche die nackten Menschenkräfte, wie sie von. der Natur 
gegeben sind, mit kunstvollen Mitteln ausstattet. Nächst dieser Aus- 
stattung und parallel mit ihr ist die wirthschaftliche Functionen- 
theilung von grösster Tragweite; aber dieser, gewöhnhch als Arbeits- 
theilung bezeichnete Vorgang hängt wiederum von der Möglichkeit 
eines umfassenderen Verkehrs ab. Die leichteren und billigeren Ver- 
kehrswege und Transportmittel verstatten * der materiellen Vergesell- 
schaftung einen grössern Spielraum, und die Bevölkerungs Verdich- 
tungen an den Stätten des industriellen Zusammenwirkens oder in 
den Knotenpunkten des Verkehrs machen ihrerseits neue mannich- 
faltige Beziehungen und Verrichtungen möglich. Freilich stellen sich 
auch in diesem Gebiet der Vereinigung des Menschen, mit dem 
Menschen, welche naturgemäss in allen Richtungen zu allseitiger 
Förderung erfolgen sollte, sehr erhebliche Hindernisse in Gestalt 
einer falschen und unterdrückenden Handelscentralisation entgegen. 
Oft genug hintertreibt das Haudelsinteresse einzelner Länder und 
Plätze das Entstehen der kürzesten und natürlichsten Verbindungen, 
und der eigensüchtige Völkemeid erstickt aufkeimende oder zertritt 
bereits vorhandene Industrien behufs Vermehrung der Monopol- 
gewinne. Indessen haben wir schon bei der Betrachtung des Brit- 
tischen Handelsmonopols gesehen, wie hier das weltgeschichtliche 
Schicksal seine emancipatorischen Consequenzen entwickelt. Es ist 
im Bereich der Oekonomie dafür gesorgt, dass auch die ursprüng- 
hch schwachen und unterworfenen Elemente allmälig zu einem Ge- 
wicht gelangen, durch welches sie eine imüier ansehnlichere Gegen- 
kraft bilden und schliesslich in die Lage kommen, die frühere 
Abhängigkeit vollends abzuschütteln. 

Die neuste und am meisten vertiefte Volkswirthschaftslehre 



— ^ 332 — 

lässt nicht blos die geschichtlichen Vorbereitungen der materiellen 
Völkeremancipationen, sondern auch die naturgesetzlichen Einleitun- 
gen der Befreiungsacte des arbeitenden Volks und aller gedrückten 
Elemente erkennen. Abgesehen von den Maschinen, welche vorläufig 
in der gegentheiligen Richtung wirken mussten, konnte selbst der 
Ackerbau nicht umhin, die persönlichen, sei es directen oder indi- 
recten Mittel der Production zu vermehren und so im Gegensatz 
derjenigen, welche von der Grundrente und ähnlichen Einkünftearten 
leben, die ausschliesslich auf Arbeit angewiesene Proletarierbevölke^ 
rung auch auf dem Lande immer mehr auszudehnen. Sobald das 
proletarische Landvolk durch seine Kopfzahl eine überwiegende 
Macht geworden ist, kann und muss die Geschichte einen erheblich 
veränderten Weg einschlagen. Von den Pabrikbezirken und Städten, 
die das höhere Niveau des materiellen Lebens und der ideellen Auf- 
klärung vertreten, ergiessen sich die Canäle der Bildung über das 
platte Land. Was die grössere Vereinigungsfähigkeit in den Punk- 
ten der dichteren Menschengruppirung an Mitteln der geistigen Be- 
freiung hervorgebracht hat, kommt hinterher auch den mehr zerstreuten 
Bewohnern der Dörfer und Ackerhöfe zustatten. Ist aber hier einmal 
das die Fesseln sprengende Element des Wissens und Wollens ein- 
gedrungen, so giebt es für die erforderliche Umschaffung kein er- 
hebliches Hinderniss mehr. Man vergesse aber über dieser Aussicht 
den naturgesetzlichen Ausgangspunkt nicht, welcher die verstandes- 
mässige Geschichtsauffassung am meisten interessiren muss. Das 
Bedürfniss, den Boden intensiver zu bewirthschaften, zwingt die 
Herren desselben dazu, auf ihrn mehr Halbsklaven entstehen zu lassen, 
als sie ohne ihr Gewinninteresse belieben würden. Sie müssen sich 
darein ergeben, dass sie den Reinertrag d. h. ihre Rente nicht anders 
steigern können, als indem sie auch das Arbeitspersonal vermehren. 
Kommen ihnen auch inzwischen die Maschinen in entgegengesetzter 
Richtung zu Hülfe, indem sie den eisernen Sklaven an die Stelle 
desjenigen von Fleisch und Blut setzen, so muss sich doch schliess- 
lich diese kreuzende Wirkung nicht nur erschöpfen, sondern sogar 
einen anders gerichteten Ausgang nehmen. Die durch die Maschinen- 
kräfte umfassend gesteigerte Productionsfähigkeit fuhrt zuletzt zu 
solchen Ausdehnungen der Wirthschaft, dass trotz und neben den 
Maschinen der Mensch wieder in grösserer Zahl seinen Platz ein- 
nimmt. Auch die landwirthschaftliche Wendung, vermöge deren das 
grundherrliche Interesse die Viehweiden den Kornfeldern und die 



— 333 — 

Viehzucht der Menschenzucht vorzieht , muss sich an natürlichen 
Schranken brechen, da die einseitige Fleischproduction in dem Absatz 
nach vorzugsweise fleischverbrauchenden Märkten ihre Grenzen hat. 
Mögen indessen die angegebenen Hindernisse noch so entschieden 
dazwischentraten, so werden sie doch auf die Dauer die Wirkungen 
des Naturgesetzes der Noth nicht ausschliessen. Wo die rohesten 
Ekistenzbedürfnisse schwieriger zu erlangen sind, hat die Arbeit und 
mithin auch der Mensch mehr Werth. Wo die Natur karg war und 
zur entschiedenen Arbeit von vornherein nöthigte, da ist eine höhere 
Art der Civilisation erstanden. Wenn nun eine relative Erschöpfung 
der in der Nähe verfugbaren Hülfsquellen zur intensiveren Wirth- 
schafti nöthigt, so bedeutet diese Intensitätssteigerung schliesslich 
immer direct oder indirect einen grössern Verbrauch an menschlicher 
Productivkraft. Der Rohertrag muss die Ernährung dieser persön- 
lichen Productivkraffc decken, und in dem Maasse, als er sich im 
Verhältniss zum Reinertrag vergrössert, wird er eine Kraftzunahme 
des Volkselements bedeuten. Aufgehalten wird diese Kraftzunahme 
allerdings auch npch dadurch, dass die am meisten versklavten Länder 
mit ihrer billigen Production zu concurrirenden Bezugsquellen werden. 
Indessen ist dieses Zwischenspiel nur ein Mittel der Verlangsamung, aber 
nicht der Aufhebung des unter allen Umständen eintretenden Vor-, 
gangs. Die Geschichte arbeitet also volkswirthschaftlich in der Rich- 
tung auf die Emancipation " der gedrücktesten und unwissendsten 
Classe. Angesichts dieser Nothwendigkeit isfc es überflüssig, die fast 
selbstverständlichen Wege, auf denen der industrielle und städtische 
Arbeiter zu Kraft und Ansehn gelangen muss, noch besonders zu 
bezeichnen. 

17. Indem der Mensch seine Productivkraft der Natur gegen- 
über steigert, gewinnt er auch die entscheidenden Mittel zu engerem 
politischen Verkehr. Die Entfernungen verkürzen sich nicht blos 
für die materiellen Transporte, sondern auch für die Wanderung der 
Ideen. Die Menschen nähern sich einander nicht blos zum wirth- 
schafthchen, sondern auch zum politischen Zusammenwirken. Die 
Verdichtung der Bevölkerung ermöglicht ein Vereinsleben, welches 
in der Zerstreuung schon physisch behindert sein würde. Das 
19. Jahrhundert, welches sonst an seiner gesammten Oberfläche eine 
reactionäre Physionomie hat, zeichnet sich wenigstens durch tech- 
nische Fortschritte aus, die in der eben angegebenen Richtung die 
Massenemancipation erleichtern. Den technisch günstigen Vorbedin- 



. — 334 — 

gungen der freiheitlichen Vereinigung steht aber die politische Ein- 
schnürung um so fühlbarer gegenüber. Die Niederhaltungen des 
Vereinslebe;is stellen nur die äusserlich erkennbare Seite der Bethä- 
tigungen des Staatsmonopols dar. Auch wo das Vereinsrecht am 
wenigsten unterdrückt, giebt es doch noch immer eine, Menge von 
Gebilden, an denen der Gewaltstaat als Monopolen festhält, und in 
deren Bereich er keine freie gesellschaftliche Initiative verstattet. 
Sollte die Geschichte auf einem möglichst stetigen Wege zu ihren 
bereits absehbaren Zielen gelangen, so müssten die freiwilligen 
Vereinigungen sich in den alten Staat derartig hineinbauen können, 
dass eine Menge. von Aufgaben, welche er schlecht oder gar nicht 
erfüllt, von den socialisirten Gruppen in Angriff genommen würden. 
Nicht nur Schulung und Aufklärung oder sociale Interessenwahr- 
nehmung , sondern • in einem gewissen Sinne auch Gerechtigkeits- 
bürgschaften könnten der Gegenstand solcher Vergesellschaftungen 
werden. Es wäre in der That nichts Ungeheuerliches, wenn Vereini- 
gungen entständen, deren Mitglieder bei Gefahr, die Vortheile des 
bundesmässigen Beistandes zu verlieren, die Verpflichtung hätten, in 
allen von dem Einzelnen abhängigen Fällen auf die Anrufung der 
staatlichen Justiz zu verzichten und derselben eine Entscheidung der 
politischen Bundesgenossen zu substituiren. Die Erinnerung , dass 
derartige Gebilde mit einem reactionären Classen- und Standes- 
charakter und namentlich für die Priester schon früher existirt haben 
und mit Recht dem modernen Staat erlegen sind, ist keine stich- 
haltige Einwendung. Gegenwärtig handelt es sich weniger um das, 
was der moderne Staat absorbiren, als um das, wovon er -selbst ab- 
sorbirt werden soll. Ein neuer Geist^macht neue associative Einrich- 
tungen nothwendig, die vorläufig einen Sondercharakter haben 
müssen, aber schliesslich dazu bestimmt sind, zu nicht nur selbst- 
genugsamen sondern auch für Alles allein genügenden Formen des 
pohtischen Daseins zu Werden. 

Hoheitsrechte im alten Sinne des Worts, also vermeintlich 
selbstverständliche Attribute des Staats, werden vor der Geschichte 
keinen dauernden Bestand haben. Nach der tiefer wurzelnden An- 
schauungsweise ist der Staat für jeden Bürger in seinem Mitbürger, 
also durch etwas neben ihm, aber nicht durch etwas über ihm dar- 
gestellt. Es kann daher nur ein Anspruch der nackten Gewalt sein, 
von vornherein als etwas Höheres zu gelten. Die sogenannten 
Hoheitsrechte wurzeln in der Tiefe und können einen natürlichen 



— 335 ^ 

Sinn nur dadurch erhalten, dass sie wirklich den gerechten Willen 
der Gesammtheit ausdrücken. Aber auch diese Gesammtheit setzt 
sich für den Einzelnen so zu sagen aus lauter ihm gleichstehenden 
Nachbarn zusammen. Das Wesen des natürlichen staatlichen Bandes 
ist die Vereinigung gleichberechtigter Elemente. Der freie Staat ist 
also nichts Ueberragendes, sondern das Mittel des gegenseitigen poli- 
tischen Verkehrs. Der historische Gewalt- und Unterdrückungsstaat 
ist freilich thatsächlich das Gegentheil von alledem; aber aus diesem 
Grunde kommen ihm auch die ideellen Bindemittel mit der fort- 
schreitenden Einsicht immer mehr abhanden. Wo er die politischen 
und gesellschaftlichen Vereinigungen unterdrückt, üben die an einer 
stetigen Umbildung behinderten Elemente ihren Gegendruck mehr 
in unterbrochenen Stössen aus und existiren in weniger regelmässi- 
gen Formen. Man könnte sich daher fragen, ob es nicht schliesslich 
auch für die Interessen der durch den Gewaltstaat privilegirten 
Gruppen besser wäre, die chronischen Umschaffuugstendenzen , die 
sich in einzelnen Stössen äussern, dadurch in einen mehr stetigen 
Fluss zu bringen, dass man einer normalen Bethätigung derselben 
in friedlichen und geregelten Vereinsgebilden keine Hindemisse ent- 
gegenstellt. Auch der Gedanke, die politischen Verfolgungen in einer 
ähnlichen Weise wie die religiösen aufzugeben und namentlich die 
Ansichten und deren Verbreitung vollkommen . frei zu lassen, dürfte 
mit der behaupteten Humanität unserer selbstgefälligen Civilisation 
nicht in Widerspruch stehen. Nimmt man nämlich die gewaltsamen 
Unternehmungen aus, die dem Gewaltstaat nach seinem eignen Princip 
entgegentreten, so können alle andern Vorkehrungen sogar im 
Rahmen der heutigen Lage darauf Anspruch macheu, als freie Re- 
gningen der Gesellschaft wenigstens geduldet zu Werden. Die poli- 
tische Toleranz ist hinter der religiösen geschichtlich noch weit 
zurückgeblieben; denn die politischen Dogmen des Gewaltstaats um- 
geben sich noch immer als solche mit besondern Schutzwehren. Es 
ist die Fortpflanzung der Ansichten und nicht erst der Anstoss zur 
innem politischen Action, was vornehmlich eingeschnürt und selbst 
da, wo es sich den beengenden Gesetzen streng fugt, mit Hülfe 
gewaltsamen Auslegungen verfolgt wird. Dieser Kriegszustand demo- 
ralisirt nicht nur, sondern erinnert auch lebhaft, wie einst die Kirche 
im grössten Umfange etwas Aehnliches that und wie sie jetzt auf 
schwache Reste ursprünglich colossaler Verfolgungsmittel reduoh't 
ist. Sollte' es nun wohl so unwahrscheinlich sein, dass der politische 



- 336 — 

Gewaltstaaj; den Weg des geistlichen wandelte, und dass diesem 
Schicksal sogar die Verwirklichung eines erheblicheren Maasses poli- 
tischer Toleranz vorausginge und dienstbar würde ? Hierin läge ein- 
mal ein Stück wahrer CiviHsation, während sonst dies Wort mit 
seinem civilen Ursprung daran , mahnt, dass mit der bisherigen 
Civität die höhere und edlere Gattung der Cultur schlecht verein- 
bar ist. 

18. Der Sprachgebrauch hat dem Ausdruck CiviHsation eine 
günstige Bedeutung gegeben, indem er bei ihm vorzugsweise an die 
Cultur und zwar besonders an diejenige denken liess, welche sich 
vermöge der erweiterten Technik und Wissenschaft Bahn brach. 
In diesem Sinne müssen aber die politischen Einrichtungen aus- 
geschlossen oder wenigstens als bisher positiv fast unzurechnungs- 
fähig auf die letzte Linie gerückt werden. Die materiellen Errun- 
genschaften und die geistigen Emancipationen haben als Cultur etwas 
zu bedeuten; sie sind aber noch keine eigentliche CiviHsation von 
poHtischer Form. Derjenige Theil der Geschichte, welcher die höhere * 
politische Cultur und mithin die echte, des Namens würdige Civili- 
sation bringen soll, hat sich noch erst zu verwirklichen. Was man 
heute ganz im Allgemeinen Civilisation nennt, ist ein Zustand von 
bedenklich doppelseitigem Charakter. Die üblen Folgen der einsei- 
tigen Gewalt sind in ihm mit den positiven Errungenschaften des 
menschlichen Wissens und Könnens gemischt. Die Natur ist in 
vielen Richtungen vom Menschen unterworfen; aber in noch piehre- 
ren ist es der Mensch von Seinesgleichen. Auch diese letztere Knech- 
tung wird gewöhnlich und nicht ganz mit Unrecht als Element und 
Lebensbedingung der heutigen, echt historisch zu Stande gekomme- 
nen Civilisation betrachtet. Demgemäss wird aber auch diese Gewalt- 
civiHsation der Auflösung anheimfallen und einer edleren C\iltur 
weichen müssen. Der bisherige Staat wird ebensowenig wie die Kirche 
ein Element jener späteren CiviHsation sein können, in welcher die 
freie Gesellschaft die Individualisation und Werthsteigerung des 
Lebens vollzieht. Der erste theoretische Schritt zum Bessern wird 
darin bestehen, dass man über den Staat annähernd ebenso wie über 
die Kirche zu denken beginnt. Sind auch gewisse Functionen des 
Gemeinlebens unumgängliche Nothwendigkeiten , so wird doch der 
heutige Staatsapparat mit seinem Gewaltmechauismus schHessHch als 
eine historische Phase erscheinen, die nur mit den Zuständen der 



— 337 — 

Afassenunwissenheit fortbestehen konnte und mit der Beseitigung der 
politischen Massenohnmaeht verschwinden musste. Der Gewaltstaat 
wird daher seine Rolle einst ebenso ausgespielt haben, wie die Kirche 
die ihrige, und wenn der Verfall aller religiösen Organisationen sich 
jetzt auch schon dem gemeineren Urtheil in deutlicheren Zügen auf- 
drängt, als derjenige des ünterdrückungsstaats , so ist dies nur ein 
Unterschied des Grades der historischen Annäherung an das endliche 
Schicksal. Beide Gewaltgebilde stehen übrigens auch in einem zu 
innigen Zusammenhang, als dass nicht der Fall des geistlichen üuter- 
drückungssystems auch denjenigen des politischen nach sich ziehen 
müsste. 

Wie irgend eine Civilisation als solche etwas Schlimmeres werden 
kann, als die ursprüngliche üncultur, zeigen die Stauungszustände 
Chinesischer Art. Nicht blos China selbst mit seiner Büreaukratie 
und seinen träge erlahmten Institutionen sonstiger Art, sondern über- 
haupt das ganze Bereich altasiatischer Civilisation mag Europa daran 
mahnen, dass die Einpferchungen des politischen Lebens schliesslich 
nur noch ein Skelett von Formen ohne Fleisch und Blut übrig 
lassen. Derartig verrotteten Civilisationen kann nichts Besseres als 
ihre vollständige Auflösung widerfahren. Die mumienhaften Üeber- 
heferungen müssen unter dem Anhauch firischen Lebens in ihr stau- 
biges Nichts zerfallen. Sobald Europa seinen eignen Staub dieser 
Art abgeschüttelt haben wird, müssen die frischen Schöpfungskräfte 
der neuen Culturformen auch Asien ergreifen. Die anderthalb Mil- 
liarden des Menschengeschlechts sind nicht immer dazu bestimmt, 
mit Ausnahme eines kleinen Bruchtheils von ein paar hundert 
Millionen entweder im stumpfen Halbschlafdasein abgelebter Civili- 
sationen oder in völliger Rohheit zu verharren. Die Epoche, in 
welcher die reinigende . und belebende Luftströmung , welche den 
jüngsten Civilisationsformen Europäischer und Amerikanischer Art 
bevorsteht, auch die alten Völker der anderli Welttheile wieder in 
Culturbewegung setzt, muss nicht nur überhaupt kommen, sondern 
kann auch nicht einmal so überaus fem sein, dass man nicht Ur- 
sache hätte, ihre Chancen schon jetzt näher ins Auge zu fassen. 
Die gewöhnlich so genannte Orientalische Frage, bei welcher es sich 
hauptsächlich mn das Ausgreifen Russlands nach der Türkei und 
nach Asien handelt, ist eine Kleinigkeit in Vergleichung mit jener 
grossen geschichtüchen Perspective, die sich im Orient für die dor- 

Dühring, Cursus der Philosophie. "2 



— 338 - 

tigeu Rückwirkungen einer verjüngten Europäischen Cultur eröffnet. 
Allerdings hat man Europa selbst von Amerika her mit sonderbarer 
Ueberhebung das Verkommen in Chinesischen Zuständen und zunächst 
den pohtischen Halbtod vorausgesagt. Die Hauptschäden sind in- 
dessen auf beiden Seiten des atlantischen Oceans gemeinsam. Die 
sociale Gewaltgesellschaft existirt wie hier so auch dort, und wenn 
der Socialismus in dem einen Gebiet keine verjüngende Kraft wäre, 
so müsste auch das andere an der gesellschaftlichen Unterdrückung 
zu Grunde gehen. Die etwas ungebundeneren Formen des politischen 
und wirthschaftlichen Daseins der Nordamerikaner lassen sogar die 
ünzuträglichkeiten des ihnen von der alten Civilisatiou vererbten 
ünterdrückungssystems nur um so schroffer hervortreten und werden 
immer mehr dazu dienen, die Conflicte der alten, auf Besitz und 
Arbeitsunterjochuug gegründeten Gesellschaft mit den neuen persön- 
lichen Ansprüchen der zum Bewusstsein gelangenden Volksmasse zu 
schärfen. Wir können also auf unserm alten Europäischen Boden 
noch guten Muthes bleiben; denn das Chinesisch Geartete, was wir 
zu überwinden haben, ist grade in den wesentlichen Theilen auch 
nach dem neuen Welttheil verpflanzt, und ein paar verrottete Insti- 
tutionen weniger 'ergeben sicherlich, noch keine für das künftige 
Gesammtschicksal entscheidende Kluft. Die geistige Erhebung ist 
bei uns sogar mächtiger als in dem neu^n Welttheil. In religiöser 
Beziehung sind die bei uns freigewordeuen Elemente in ihrem Denken 
unvergleichlich selbständiger als die Nordamerikaner, die zwar nicht 
direct durch den Staat, aber, was ein schwerer ablegbarer Zwang ist, 
durch vererbte Vorurtheile der herrschenden Gesellschaftselemente in 
die Arme der Priester getrieben und in dieser geistigen Gefangen- 
schaft recht nachdrücklich festgehalten werden. Aber auch in poli- 
tischer Beziehung ist die Englische Tradition, aus der man in Nord- 
amerika nur einige schattenhafte Elemente ausgemerzt hat, keineswegs 
so harmonisch und jugendlich, um in den Institutionen nicht arge 
alteuropäische Widersprüche zu offenbaren, die durch die Willkür 
der gesammtstaatlichen Verfassuugscomposition nur noch gesteigert 
worden sind. Der Mangel der politischen Idealität und die Corrup- 
tion, die sich hier nicht erst am grauen sondern schon am gTÜnen 
Staatswesen in colossalem Umfang zeigt, dürften auch keine Aus- 
zeichnungen zu Gunsten des Amerikanismus sein. Das Princip, dem- 
zufolge die beste materielle Grundlage die geistige Wurzelhaftigkeit 



— 339 — 

der lebenschaffenden und lebengestaltenden Ideen nicht zu ersetzen 
vermag, sichert den gewaltigen Regungen im Schoosse Europas einen 
Vorzug, der durch andere Chancen aufgewogen werden mag, aber 
es zu einer entscheidenden Ungleichheit im allgemeinen Cultur- 
schicksal nicht kommen lässt. 

Um der gesammten Vergangenheit gegenüber nicht in einer 
falschen Stellung zu bleiben, muss man sich daran gewöhnen, die 
Thaten der Geschichte zu einem grossen Theil als Fehlgriffe, wenn 
auch immerhin vielfach als natürliche und unumgängliche Irrgänge 
zu betrachten. Es wäre ein superstitioser Cultus der vollendeten 
Thatsächlichkeit, wenn man den blossen Umstand, däss . etwas wirk- 
lich geschehen oder etwas sich dauernd einrichten und eine welt- 
geschichtliche Rolle spielen konnte, bereits als Merkmal der Wahr- 
heit des enteprechenden Wissens und Wollens gelten Hesse. Nach 
dieser Auffassungsart würde man sich auch genöthigt sehen, die 
theoretischen Irrthümer der Menschen in und ausserhalb der Wissen- 
schaft als Wahrheiten zu verherrlichen. Auch der historische Re- 
lativismus, der wenigstens für eine bestimmte Epoche als richtig 
retten will, was er nun einmal nicht für alle Zeit zur Geltung brin- 
gen kann, ist meist auf falschen Wegen und muss mindestens in 
die ihm entsprechenden äusserst engen Schranken verwiesen werden. 
Die absolute Schätzung der Thatsachen und Einrichtungen muss in 
aller Geschichte das Erste sein. In zweiter Linie mag man alsdann 
die besondem Vorbedingungen der eigenthümlichen, Lage und die 
Voraussetzungen, des jedesmaligen Entwicklungsstadiums in Anschlag 
bringen. Andernfalls wird sogar die höhere, philosophisch geartete 
Historicität der Unsicherheit des Urtheils oder einem falschen. Ver- 
zicht auf durchgreifende Kritik anheimfallen. Unserer Welt- 
anschauung und Lebensgestaltung fehlt auch der Vergangenheit, 
Gegenwart und Zukunft der geschichtlichen Einrichtungen gegen- 
über das absolute Maass in keiner Richtung. Wir haben es überall 
angelegt und sind uns auch in den ferneren Entwicklungen sehr 
bestimmt des leitenden Ziels bewusst. Die Werthsteigerung des 
Lebens, die sich namentlich durch freiere Herausbildung der edleren 
EigenthümUchkeiten vollzieht, ist die Grundfanction und das Grund- 
gesetz der Geschichte. Die sich entgegenstellenden natürlichen 
Widerstände dienen zum Theil selbst dazu, den Reiz des geschicht- 
lichen Strebens und hiemit den Werth des Daseins zu erhöhen. 

22* 



— 340 - 

Die ursprünglichen Naturzustände müssen eben ihrer Unentwickelt- 
heit und wildwüchsigen Freiheit wegen in manchen Beziehungen 
Reize gehabt haben, durch welche die späteren kunstvollen Berei- 
cherungen des Daseins eirdgermaassen aufgewogen wurden. Doch 
wir wollen hier nicht den Betrachtungen vorgreifen, welche das Ganze 
der Geschichte und deren unterschiedene Stadien auf ihren Gehalt 
an Lebenswerth eingehender zu prüfen haben. 



Sechster Abschnitt. 

Individualisirung und ¥ertlisteigeruiig 
des Lebens. 



Erstes Oapitel- 
XJrsachen des Pessimismus. 

Unleidliche Zustände bringen die Neigung mit sich, die ihnen 
entsprechenden Gegeuregungen des Gemüths theoretisch auch auf 
andere Theile des Daseins und schliessHch auf das Ganze des Lebens, 
ja überhaupt auf das universelle System der Dinge zu übertragen. 
Hiedurch entsteht jener falsche Pessimismus, der sich grade gegen 
das kehrt, was am unschuldigsten ist, und sich die Mühe erspart, 
das praktisch anzugreifen, worin die Missstände und er selbst am 
tiefsten wurzeln. Dieser lebensfeindliche, den Ekel am Dasein ge- 
flissentlich zur Schau tragende Pessimismus ist nicht erst im 19. Jahr- 
hundert durch Schopenhauers romantisch bizarre Gedankensplitter in 
die Welt gekommen. Er hat eine sehr alte und zum Theil in grossen 
Institutionen verkörperte Vorgeschichte. Der Cyrenaische Philosoph 
Hegesias lehrte bereits die Minderung des Kummers als das einzige im 
Leben Erreichbare und den Tod als die wünschenswerthe vollständige Be- 
freiung vom Uebel. Aber nicht blos Einzelne haben unter dem Eindruck 
trüber Gesammtzustände und eigner individueller Gemüthsgestaltung 
das Leben in dieser verzweifelnden Art gekennzeichnet, sondern ganze 
weithin herrschende Religionssysteme sind mit einem wichtigen Theil 
ihrer Dogmen aus ähnlichen, durch die jedesmalige Lage der Dinge 
bei ihrer Entstehung einseitig fixirten Anschauungen entsprungen. 
Nicht allein der unserm modernen Europäischen Dasein fernerliegende 
Buddhaismus, sondern auch das Christenthum selbst schliesst pessi- 



— 342 — 

mistische Züge entscheidender Art ein. Wo das Elend der Welt 
den Ausgangspunkt für die Verkündigung eines bessern Jenseits 
bildet, ist der Weltpessimismus in der unzweideutigsten Gestalt vor- 
handen. Dies ist aber offenbar in den echten und nicht modern 
untermischten oder realistisch abgeschwächten Lehren der ursprüng- 
lichen Christusreligion der Fall. 

Wenn sich das 19. Jahrhundert wieder besonders durch pessi- • 
mistische Regungen ausgezeichnet hat, so ist diese Erscheinung kein 
Umstand, aus welchem man auf die in den höheren Gesellschafts- 
schichten obwaltenden Zustände günstige Schlüsse ziehen könnte. 
Wenn wir auch übrigens von unserer Zeit und den an ihrer Ober- 
fläche gelagerten Elementen nichts wüssten, so würde schon allein 
die Coquetterie mit Anwandlungen von Pessimismus und Zerrissen- 
heit einen sichern Rückschluss auf wurmstichige Lebensverhältnisse 
gestatten. Ich will hier nicht zuerst an das erinnern, was die Selbst- 
zersetzung einer unnatürlichen Philosophie aufweist; denn so hoch 
man Schopenhauer auch als Schriftsteller von Charakter und Genie 
achten möge, so ist doch seine, mit strenger Wissenschaft unver- 
trägüche Halbpoesie und Romantik des Denkens zu wunderlich aus 
den Grenzen der gesunden Auffassung und des ungestörten Verstandes 
herausgetreten, als dass man ihr den ersten Platz in der Reprä- 
sentation der pessimistischen Zeitabirrungen anweisen könnte. Hiezu 
ist vielmehr eine an sich grössere und, abgesehen von einiger das 
Jahrhundert spiegelnden Zerrissenheit, auch unvergleichlich gesun- 
dere Erscheinung, nämlich Byron mit seiner oft an die Grenze der 
allgemeinen Lebensaburtheilung vorgeschobenen Dichtung einzig und 
allein geeignet. Dieser grosse Genius ist recht eigentlich der Dichter 
des 19. Jahrhunderts geworden, indem seine nach dem Ideal besserer 
Zustände strebende, aber zunächst von den Revolutionsenttäuschun- 
gen und der Reaction bedrückte Leidenschaft jene Töne anschlug, 
die so disharmonisch mit der peinlichen Situation zusammentrafen 
und doch zugleich proph etich an ein im Schooss der Geschichte sieh 
schon ungeboren gewaltig regendes Dasein mahnten. Byron ist grade 
deswegen der wahre Vertreter des Zeitpessimismus, weil er in dem 
letzteren nicht völlig aufgeht. Bis zur Grösse des Brittischen Dich- 
ters reichte der Lebensüberdruss gemeiner Art nicht hinauf. Die 
Leidenschaft des Lebens behielt stets die Oberhand und verstattete 
wohl pressende und unheimlich einschnürende Eindrücke, aber nie- 
mals eine eigentliche Erdrückung. Die heroische Action blieb das 



— 343 ~ • 

Element dieser zwar von der Verwesung der Zeit beunruhigten, aber 
nicht selbst verwesten Lebensauffassung. Die pessimistischen oder 
weltschmerzlichen Empfindungen und Gedanken, die in den besten 
Dichtungen Byrons, narüentlich aber im Harold und Don Juan, ihren 
scheinbar nur gelegentlichen, aber sich doch mit einer gewissen Regel- 
mässigkeit in vielfachen Gestaltungen wiederholenden Ausdruck 
fanden, waren nichts als die Reflexe der Selbstempfindung der an 
der Oberfläche der Gesellschaft waltenden Gorruption. Derartige 
Rückwirkungen lassen sich da, wo sie in einem lebenskräftigen und 
nach dem Ideal ausschauenden Geist hervortreten, als Pessimismus 
der Entrüstung bezeichnen, und diese Art des pessimistischen Ver- 
haltens ist unvergleichlich edler, als jene ruhesüchtige und angeblich 
den Tod und das Nichts ersehnende Gattung von Schopenhauer- 
lichem Typus. 

Wer im Hinblick auf die Weltschmerzdichtung etwa noch in 
zweiter Linie an Heinrich Heine erinnern wollte, möge bedenken, 
dass bei ihm zwar die Symptome der geistigen Zersetzung und Zer- 
fahrenheit recht erkennbar anzutreffen sind, dass aber seine, mit der 
romantischen Frivolit-ät verquickte Art und Weise jenen tiefem Ernst 
ausschliesst, der einem Byron auch im leichtfertigsten Gewände eigen 
blieb. Der deutschjüdische Dichter, der seines ungezwungenen Stils 
und einiger gelungener Einzelheiten wegen immerhin in der Deutschen 
Dichter- und Prosaisten wüste des 19. Jahrhunderts als die verhält- 
nissmässig erfrischendste Oase gelten mag, hat zur Zerrissenheit noch 
die Abgerissenheit seiner in allen Stücken fragmentarischen Manieren 
gefugt. Dieses abrupte Wesen passt zwar einigermaassen zu dem 
weltschmerzhchen Zerfallen, ist aber doch zu sehr eine Stammes- 
eigenthümlichkeit des jüdischen Typus, als dass man es^sammt seiner 
Unruhe, und Unfähigkeit zur höheren Kunst ausschliesslich oder auch 
nur vorzugsweise den pessimistisch desorientirten Neigungen des 
Zeitalters zuschreiben könnte. Auch der Umstand, dass Heine oft 
genug als Echo Byrons erscheint, kann nur dazu beitragen, die 
Ueberschätzung des Verfassers der Reisebilder fernzuhalten. Byron 
wird für jeden Unbefangenen, der die edle Artung des menschlichen 
Wesens von einem niedrigercQ Genre zu unterscheiden weiss, selbst 
in den leichtfertigen Allüren eine würdevolle Gestalt bleiben, während 
Heine auch da, wo er ernsthaft und grosssinnig werden möchte, in 
einer nicht sonderlich über dem Boden seiner Traditionen belegenen 
Sphäre stecken bleibt. 



— 344 — 

2. Die Englische Gesellschaft ist schon lange das entwickeltste 
Muster jener Corruption, die unausweichlich aus der ursprünglich 
falschen Anlage der socialen Verfassung entspringt. Diese Verderbniss 
der höheren Schichten ist von Byron dichterisch" beleuchtet und in 
ihrer zur zweiten Natur gewordenen Heuchelei blosgestellt worden. 
Die schliesslich in Nihilismus auslaufende üppige Faulheit und Fäul- 
niss des sich selbst zur Last werdenden Daseins ^ hat im Verfasser 
des Don Juan einen Kritiker gefunden, der die Gegenregungen und 
den Drang nach einer bessern Gestaltung in der Form dichterischer 
Leidenschaft zum Ausdruck brachte. Die internationale Bedeutung 
dieser dichterischen Gesellschaftskritik würde sich mit dem Zeil- 
verlauf von selbst verstanden haben,. auch wenn Byron nicht sonst 
sichtbar genug der internationale Dichter par eccceJUnce wäre. Was 
die reichen Classen der Englischen Gesellschaft schon im Anfange 
des Jahrhunderts gewaltig drückte, ist mit den folgenden Genera- 
tionen zuerst für Frankreich und neuerdings für Deutschland immer 
fühlbarer geworden. Gegenwärtig findet die Byronsche Blosstellung 
der Gesell Schaftschäden ihre unmittelbare Anwendung auf alle be- 
deutenden Culturländer. Auch wird man von England ausgehen 
müssen, wenn man die allgemeinen, nicht an zufälligen Persönlich- 
keiten, sondern an den Zuständen selbst haftenden Regungen und 
Theorien pessimistischer Art bis in ihre geschichtlichen Musterbilder 
verfolgen will. 

Der Malthusianismus ist eine echt Englische Ausgeburt lebens- 
feindlicher Art and wurde auch schon von Byron gebührend ver- 
spottet. Dieser Bevölkerungspessimismus, der bald die Runde auf 
dem Festlande vollendet hatte, ist neuerdings der Keim zu einer 
wiederum Englischen und ebenso demoralisirenden Theorie geworden. 
Die Darwinistische Lehre vom Kampfe um das Dasein hat einen 
moralisch pessimistischen Grundzug, indem sie den Gedanken be- 
günstigt, dass der Tod des Einen das Leben des Andern sei und 
nach Naturgesetzen sein solle. Das Bewusstseiu der universellen 
Feindseligkeit, mit der jedes Wesen eifersüchtig seine Existenz auf 
den Untergang oder die Schädigung des fremden Seins bauen soll, 
ist sicherlich nicht geeignet, den Charakter des Lebens sonderlich 
befriedigend erscheinen zu lassen. Die Pein, die mit der Aussicht 
auf die Kreuzungen der Selbstsucht bei einer edleren Gemüthsverfas- 
sung unabwendbar ist, kann nur eine abstossende Wirkung üben und 
auf Verleidung des Daseins hinwirken. Wäre also dieses neue Eng- 



— 345 — 

lische Geschenk, welches den Krieg Aller gegen Alle auch in der 
Gestalt des indirecten auf Leben und Tod geführten Concurrenz- 
kampfes nicht blos zum Erklärungsprincip sondern zum Losungswort 
macht, ^ eine unverdächtige Wahrheit, so hätten die pessimistischen 
Neigungen eine neue Handhabe, üppig auszuschweifen und das Leben 
in einer erheblichen Richtung um den unbefangenen Glauben an 
seinen Werth zu bringen. Glücklicherweise ist die Malthusisch- 
Darwiuistische Idee vom Drangen auf die Emährungsbedingungeu 
und von dem daraus folgenden Kampfe um Leben und Nichtleben 
oder um Besser- und Schlechterleben nichts als eine Rückwirkung 
falsch ausgelegter socialer Verhältnisse. Sie ist das theoretisch pes- 
simistische Gegenstück zu den thatsächlichen Spannungszu ständen, 
die in der ursprünglichen Ungerechtigkeit ihre Wurzeln haben. Das 
Drängen und Drücken ist allerdings vorhanden; aber es richtet sich 
gegen die zu eng gewordenen Wandungen des gesellschaftlichen 
Systems. Auch an der Feindschaft fehlt es nicht; aber sie trifft mit 
ihrer ganzen Schärfe nur die feindlich einschnürenden Einrichtungen 
selbst. Es ist also nicht Selbstsucht, sondern Gerechtigkeit in dieser 
Art von Kampf, und nur die ursprüngliche Gewalt, die keinen 
andern Beweggrund als die Ausbeutung kennt, bliebe als pessi- 
mistische Instanz übrig. Indem nun aber diese Selbstsucht des Da- 
seins, die sich mit dem Fleisch und Blut des Nebenmenschen mästet, 
selbst in den von ihr verherrlichten Kampf ernsthaft vervrickelt wird, 
fällt sie ihrem Schicksal anheim und erfährt hiebei, dass es noch 
andere Motive als die sich rücksichtslos bejahenden Interessen giebt. 
Die sittliche Ordnung führt sich auf diese Weise in besserer Gestalt 
ein und der moralisch pessimistische Alp, welcher die durch den 
ersten Anschein beirrten Gemüther ängstigen mochte, muss mit der 
wahren Einsicht in die Natur des Kampfes verschwinden. Für die 
veredelte und nicht in unterdrückende Verhältnisse verschobene 
Menschennatur giebt es keinen feindlichen Kampf um das Dasein, 
sondern nur eine Bestrebung, parallel oder im Zusammenwirken mit 
Andern der Natur und den Verhältnissen die Existenzbedingungen 
abzugewinnen. 

3. Die Wörter Optimismus und Pessimismus sind durch einen 
mannichfaltigen und oft recht willkürlichen Sprachgebrauch so viel- 
deutig geworden, dass sie sich schlecht eignen, in der Frage des 
Lebenswerthes die entscheidenden Standpunkte zu bezeichnen. Ver- 
steht man unter Optimismus nicht jene fehlgreifende Neigung, die 



— 346 — 

Zufriedenheit mit einzelnen Lagen und Theilen des Daseins zu einer 
ruhesüchtigen Beschönigung aller wirklichen Uebel werden zu lassen, 
so kann der allgemeine Sinn, der alsdann noch offenbleibt, nicht 
mehr eine Ausartung oder Niedrigkeit der Denkweise bezeichnen. 
Zum falschen Optimismus führt der Mangel an Idealität und Gerech- 
tigkeit der Gesinnung. Wer nicht den Maassstab einer bessern Le- 
bensgestaltung in sich trägt oder wer in der ihm geglückten Befrie- 
digung seiner armseligen Eitelkeit gegen die Leiden und gerechten 
Ansprüche Anderer in rücksichtsloser Gleichgültigkeit verharrt, mag 
sich in jener berüchtigten Art von Optimismus gefallen, die sammt 
ihrem Haupt Vertreter, dem jeder besseren Gesinnung haaren Leibniz, 
mit Recht der Verachtung anheimgefallen ist. Dieser beste unter 
den höfisch akademisch möglichen Philosophu'ern hat bekanntlich seine 
advocatorische Thätigkeit, die er für Fürsten und hohe- Herren aus- 
zuüben pflegte, auch seinem höchsten Herrn nicht vorenthalten und 
für den Herrgott als den Urheber der besten' unter allen möglichen 
Welten plaidirt. Dies kindische Unterfangen ist mit Recht bereits 
ein Gegenstand für den landläufigen Spott geworden. Die ernste 
Seite des ganzen Vorgangs ist aber darin zu suchen, dass grade der 
gesinnungsloseste, rückläufigste und widerwärtigste aller neuem Philo- 
sophirer die Rechtfertigung oder vielmehr Beschönigung des Schlechten 
auf sich nehmen musste. Es ist hiemit ein Fingerzeig gegeben, wie 
man den falschen von dem wahren Optimismus zu trennen, oder 
lieber, ohne Einmischung der zweideutigen Wörter, den ganzen vul- 
gären Gegensatz des optimistischen u^:d pessimistischen Standpunkts 
als eine einzige, nur in der Richtung doppelgestaltige Entartung 
aufzugeben habe. Sind doch sogar frivol verworrene Spielarten eines 
angeblichen Pessimismus vorgekommen, in denen die bestmögliche 
der Welten in ihrer Zweckmässigkeitsharmonie gefeiert, aber trotz- 
dem als Ganzes zu Gunsten eines zukünftigen Nichts verworfen wird. 
Hier hat sich die Schlechtigkeit und Eitelkeit der au dem Jämmer- 
lichsten und Kleinlichsten klebenden Gesinnung in fast blödsinnig 
zu nennender Weise mit einer forcirten Weltverachtungsprätension 
und mit dem Schein des universellen Pessimismus gepaart. 

Die edlere Gattung des Optimismus hatte schon vor drei Jahr- 
hunderten einen Vertreter ersten Ranges in Giordano Bruno, von 
dem Leibniz mit seiner ganzen Philosophirerei nur eine verstohlene 
und mit Rückstäudigkeiten untermischte Verzerrung gewesen ist. 
Bruno, der Märtyrer der Philosophie, vereinigte den höchsten Adel 



# „Bil- 

der Gesinnung mit einer freien, auf das Universum und die allge- 
meine Menschennatm* ausschauenden Theorie. Wo er die bestia 
tr'ionfante in der Menschenwelt antraf, hinderte ihn sein allgemeiner 
und so zu sagen kosmischer Optimismus durchaus nicht, jenem hoch- 
sinnigen Pessimismus der Entrüstung Ausdruck zu geben, der die 
Wirkung des idealen Strebens ist und in keinem auf Umschaffung 
der Zustände ausblickenden Denken fehlen kann. Auch das 18. Jahr- 
hundert hat in Rousseau ein grosses Beispiel dafür geliefert, wie der 
allgemeine Optimismus, der die Welt und die menschliche Natur für 
wohlangelegt und gnit erklärt, mit einer pessimistischen Betrachtung 
der gesellschaftlichen Missstände und sogar mit ein wenig Misanthro- 
pie nicht etwa blos äusserlich vereinbar sei, sondern auch innerlich 
zusammengehöre. Ja dieses Beispiel hat überdies einmal recht deut- 
lich gezeigt, wie das persönliche Missgeschick in den verschiedensten 
Gestalten mit der edleren Art des Optimismus zusammenbestehen 
und für die gutartige Welt- und Lebensauffassung sogar Mehr leisten 
könne, als eine äusserlich comfortable Lage gleich derjenigen des oft 
in falscher Richtung pessimistischen Voltaire. Im 19. Jahrhundert 
hat Shelley, der Freund Byrons, in seinen Dichtungen den univer- 
sellen Optimismus mit der entschiedensten Verachtung der religiösen 
und socialen üeberheferungen der gesammten Geschichte vereinigt. 
Die Menschen weit in ihrer thatsächlichen Verfassung und Beschaffen- 
heit ist ihm nichts weniger als gut, und dennoch wird sein Glaube 
an die Vervollkommnung, und an den universell guten Typus des 
Systems der Dinge nicht beeinträchtigt. Es ist in allen solchen, für 
die gemeine Denkweise nicht sofort begreiflichen Combinationen eben 
nur der hohe Standpunkt, der das Ganze überschauen lässt, von wo 
die Uebel des Daseins in ihren richtigen Verhältnissen zu allem 
üebrigen bemessen und mit dem gutartigen Grundzuge vereinbar 
werden. Alle andern Versuche, die logische Nothwendigkeit der 
innern Einigkeit des Seins auch äusserlich dm*ch ein Welt- und 
Lebensbild zu veranschaulichen, werden stets misslingen. Nur wer 
im Stande ist, ungeachtet des Drucks der Umgebungen und des be- 
sondem persönlichen Missgeschicks die Gesammtdimensionen und die 
universellen Gesetze des Daseins lebendig in einer zugleich den Ver- 
stand und das Gemüth bewegenden Weise aufzufassen, wird die 
bösen Träume zu verscheuchen und den Alp des falschen Pessimismus 
abzuschütteln vermögen. 

4. Der pohtische Pessimismus pflegt zu praktisch zu sein, als 



— 348 — • 

dass er in die Lage käme, sich auf Jenseitigkeiten zu ei*strecken oder 
auch nur zu berufen. Sein Vorbild ist Macchiavelli, der die Menschen 
mit schlechten Mitteln behandelt wissen will, weil sie schlecht seien 
und selbst nicht in guter Weise handelten. Mit der Voraussetzung 
fallt auch hier die Folgerung. Ausserdem pflegt man aber auch die 
politisch pessimistische Denkweise darin zu finden, dass ein immer 
tieferes Hineingerathen in das Uebel vermittelst des Uebermaasses 
der so entstehenden Spannungen den Rückschlag bringen und die 
Wendung zum Besseren einleiten soll. Anstatt positiv das Gute in 
jeder Richtung direct zu fordern, freut sich diese pessimistische Rech- 
nung der immer tieferen Versunkenheit in das Uebel und glaubt 
wohl gar, diesen Vorgang des Schlimmerwerdens nach Kräften for- 
dern zu müssen. Mindestens aber bringt sie die Rolle des Abwar- 
tens mit sich und treibt niemals dazu an, irgend etwas für die un- 
mittelbare Verbesserung d^r Zustände zu thun. Diese pessimistische 
Stellungnahme ist »in der socialen Frage ganz besonders bedenklich, 
weil sie dazu veranlasst, die positiven Stärkungsmittel der Zukimfts- 
elemente allzu leicht preiszugeben. 

üeberdies ist noch ein allgemeinerer theoretischer Pessimismus 
socialistischer Art vielfach grade da im Spiele, wo man die meiste 
Ursache hätte, die positiven Ausgangspunkte schon aus Rücksicht 
auf den socialen Zukunffcsglauben zu bevorzugen. Es ist eine trau- 
rige Geschichtsconstruction , weun der Raub immer nur von einer 
andern Art des Raubes abgelost werden soll, und wenn das üeber- 
maass der Uebel den einzigen Trost und die vermeintliche Bürg- 
schaft für eine ferne Zukunft zu liefern h^t. In je schlimmeren 
Zuständen sich Jemand befindet, um so weniger trägt er in sich 
selbst die positive Kraft zum Besseren. Dies gilt von Einzelnen, 
von Völkern, von Classen und von der ganzen Menschheit. Wie 
sollte die immer grössere Unterdrückung als solche und abgesehen 
von sonstigem positiven Kraftzuwachs wohl jemals die Emancipa- 
tionschancen der niedergebeugten Elemente steigern? Die Rechnung 
mit der blossen Gewaltmechanik und mit den aus dem blossen 
Gegendruck entspringenden Kräften ist auch hier ein Fehler. Die 
unmittelbaren und gutartigen Förderungsmittel sind es, welche dem 
Fortschritt und der Befreiung am kräftigsten dienen. Die negativen 
Rückwirkungen des Schlimmen haben selbstverständlich auch ihre 
wesentliche Aufgabe zu erfüllen; aber sie schaffen nur den Stachel 
und an sich selbst noch keineswegs die erforderliche Macht zuni 



— 349 — 

siegreichen Eingreifen. Diese Macht muss eben ans den positiv för- 
(lerHchen Vorgängen herstammen, wenn sie überhaupt vorhanden sein 
soll. Die Verneinung und das üebel als solche vermögen nicht 
schöpferisch zu bilden, sondern im günstigsten Fall nur die Rich- 
tungen vorzuzeichnen , welche von den schaffenden Kräften einzu- 
halten sind. Die Elendslogik, mit der man den Socialismus in so 
einseitiger Weise zu stützen versucht hat, bleibt auch da, wo sie 
Wahrheiten enthält, eine zweischneidige Waffe. Für die dauernde 
Begeisterung ist das Gefühl des Mangels an Kräften nicht sonderlich 
günstig. Dem unbefangenen ürtheil drängt sich stets die Frage auf, 
wer denn eigentlich einst agiren solle, wenn die ökonomische und 
gesellschaftliche Ohnmacht der dazu berufenen Schichten immer 
grösser wird. 

Es lässt sich die Verkehrtheit, die in der eben gekennzeichneten 
Art von Pessimismus liegt, leicht durch eine Vergleichuug mit den 
Chancen des Geistigen und der Wissenschaft erläutern. Auch im 
Bereich der Verstandes- und Gemüthsschöpfangen theoretischer und 
künstlerischer Art ist die Rechnung mit dem Üebel äusserst unzu- 
verlässig und thöricht. Die Auflösung alter Vorstellungen ist zwar 
gleich jeder andern Zersetzung ein unumgängliches Naturgesetz und 
schon die blosse Wegräumung von Irrthümern ein erheblicher Ge- 
winn, mit welchem indirect sogar eine fernerhin bessere Anwendung 
der Geisteskräfte ermöglicht wird. Jedoch ist die Verworrenheit, 
die das eigenthche üebel in den geistigen Zersetzungshergängen 
bildet, mit ihren schwankenden Unsicherheiten der üebergangs- 
zustände des Denkens und WoUens ein äusserst schwächender üm-r 
stand. Man kann sich wahrlich nicht Glück wünschen, wenn Con- 
fusion, Skepsis und Mystik ihr Reich ausbreiten und die gesunde 
Thätigkeit von Hirü und Herz immer mehr ankränkeln. Aus solchen 
Verkommenheiten vermag die eigne Kjraft der einmal stark verderb- 
ten Elemente nicht mehr herauszuhelfen. Käme die Führerschaft, 
die auf bessere Bahnen leitet, nicht aus gesunderen Sphären, so würde 
sie für immer ausbleiben. Die allgremeine Aufraffunoj würde nicht 
erfolgen können und der geistige Tod das in der Geschichte schon 
so oft erprobte Ende sein. Sogar die Schicksale der strengsten 
Wissenschaften lehren es, wie leicht schon die blosse Erschlaffung 
des Interesse, die noch nicht einmal mit einer unmittelbaren Corrup- 
tion des Betriebs verbunden zu sein braucht, den Verfall einleitet, 
und wie aus einer solchen Versumpfung nicht ohne neue, immer in 



— 350 - 

irgend einer Art von Aussen stammende und jedenfalls ausserhalb 
der Tradition belegene Triebkräfte herauszukommen ist. Das Ver- 
hängniss, mit welchem sich die Uebel bis zur TödtUchkeit häufen, 
ist eine naturgesetzliche Bürgschaft dafür, dass man aus der Ein- 
wurzelung und Steigerung des Schlimmen niemals etwas Gutes zu 
gewärtigen habe. Wenn dieses Gute trotz der reichhaltigen Ent- 
faltung des Schlechten dennoch gefunden wird , so stammt es von 
positiven Kräften her, die in der äussersten Noth entwickelt werden. 
Das Uebermaass irgend einer Art von üebel m?ig daher wohl bis- 
weilen die .Veranlassung, kann aber nie die Ursache einer heilsamen 
Veränderung werden. 

5. Alle praktischen Arten des Pessimismus tragen ihr Correctiv 
in sich selbst. Sie beruhen auf einseitigen Auffassungen des erfah- 
rungsmässigen Laufes der Dinge und sind daher durch bessere Ein- 
sichten und veränderte Willensrichtungen verhältnissmässig leicht ins 
Gleiche zu bringen. Anders verhält es sich mit dem Jenseitigkeits- 
pessimismus, der von dem System der Dinge als einem Ganzen 
nichts wissen will und sich daher auch bemüht, in echt traumideo- 
logischer Weise gar nicht an die Wirklichkeit zu glauben. In 
solcher Gestalt ist der Pessimismus von Schopenhauer ausgebildet 
und mit dem Aberglauben an magische Künste untermischt worden. 
Die Zaubermetaphysik war ^ in der That die einzig mögliche Aus- 
flucht, um den logischen Consequenzen der Wirklichkeit zu ent- 
gehen. Die Erlösung von jener Wiedergeburt, die in metaphysisch 
verfeinerter Weise an die Stelle des Indischen Volksaberglaubens von 
einer Seelenwanderung gesetzt wird, soll von dem Eintreten oder 
Nichteintreten einer endgültigen, einfürallemal das Leben verneinep- 
den Willenswendung in der Todesstunde abhängen. Die ]Erreichung 
der Seligkeit des Nichts wird also hier auf einen Act abgestellt, der 
hinter den Zaubervoraussetzungen sonstiger Religionsideen nicht 
zurückbleibt. Auch sind diese Vorstellungen des Mannes würdig, 
der in der Hexerei einen realen Keni voraussetzte und den Täuschun- 
gen des thierischen sogenannten Magnetismus anheimfiel. Wir 
müssen uns also zu andern, weniger rohen Seiten des Jen seit igkeits- 
pessimismus wenden, um dem durch seine Gesinnung ausgezeichneten 
Philosophen und den tieferen Ursachen seiner Anschauungsweise 
gerecht werden zu können. 

Neben allen romantischen und superstitiosen Bestandtheilen des 
Schopenhauerschen Denkens und Strebens ist die Energie nicht zu 



- 351 — . 

verkennen, mit welcher ein freilich unbestimmtes Ideal zum Maasse 
der Dinge gemacht wird. Es ist die Kluft zwischen der gemeinen 
Wirklichkeit und dem besseren Aufschwung, welche auch in diesem 
Fall den weltverachtenden Pessimismus erzeugt hat. "Vyenn diese an 
sich edle Spannung den falschen Charakter eines Jenseitscultus an- 
nahm, so ist diese Störung der natürlichen Welt- und Lebens- 
anschauims* auf die unwillkürliche Macht zurückzuführen, welche von 
den ^Religionsüberlieferungen sogar über den wunderlichen Atheisten 
noch ausgeübt wurde. Schopenhauer, der den Gottesbegriff als für 
die schlechte Welt unpassend zurückwies und im Menschen kein 
Seelending anerkannte, vermochte vermittelst seines Hinblicks auf 
die Mystik schliesslich dennoch allerlei metaphysische Surrogate 'des 
gemeinen Aberglaubens mit den sonst emancipirten Vorstellungen 
zu reimen, und Derartiges ' wird auch, stets möglich sein, wo man in 
letzter Instanz die Logik durch die" Mystik ablösen lässt. Man 
würde jedoch einem Schopenhauer Unrecht thun, wenn man ihn aus- 
schliesslich oder auch nur vorzugsweise von dieser mystisch super- 
stitiosen Seite her beu"rt.heilen wollte. Sein System als solches ist 
hinfällig ; aber die ideale Erhabenheit, mit welcher er den verkehrten 
Zuständen der Welt ihr Urtheil sprach, ist in vollgültigster Weise 
anzuerkennen und zugleich ein so hoher Vorzug, dass er über die 
metaphysischen Thorheiten hinwegsehen lässt. Wo Schopenhauer die 
thatsächlichen Zustände des menschlichen Verkehrs und namentlich 
des gemeinen Philosophiebetriebs geisselte, hat er jenen Entrüstungs- 
pessimismus bekundet,' in welchem sich die Geister von hohem Auf- 
schwung stets begegnen, mögen sie nun von einer optimistischen oder 
pessimistischen Grundansicht ausgehen. Auf beiderlei Standpunkten 
ist es ein ideales Sein, an welchem die besondern Zustände und 
Thatsachen gemessen werden. Der universelle Weltpessimismus hat 
nur die Eigen thümlichkeit , dass seine Kritik der Thatsachen auf 
keine natürliche Umschaffung, sondern auf eine Flucht ins Jenseits 
oder Nichts abzielt. 

6. Man muss von den stets gemischten Charakteren der beson- 
ders ausgeprägten Persönlichkeitsstandpunkte absehen, wenn man die 
schlechten pessimistischen Züge einer Zeit oder überhaupt die ent- 
sprechenden Anwandlungen der Menschheit zutreffend zergliedern 
und in ihren ursprünglichsten Ursachen biosiegen will. Der Ekel, 
am Leben ist weit von dem idealen Aufschwung entfernt und hat 
nichts mit den kraftvollen Rückwirkungen zu schaffen, in denen eine 



^ 352 — 

edle Natur ihrer Verachtung der Misere Ausdruck giebt. Dennoch 
ist er in der Gestalt der Abstumpfung und Blasirtheit diejenige 
Macht oder vielmehr Ohnmacht, welche den mystisch pessimistischen 
Ansichtsrichtungen die meisten Anhänger zufuhrt. Die Unfähigkeit 
zum Lebens^enuss sucht nach einer universellen Beschönigung ihrer 
Impotenz und in der bekannten Manier alter Betschwestern und Bet- 
brüder nach einem letzten raffinirten Jenseitskitzel. Psychologisch 
ist dies mir zu begreiflich. Die Ausschweifungen und Ausmergelun- 
gen, die in den höheren Gesellschaftsschichten durch die Leerheit und 
Faulheit des Treibens sowie durch die aus den unterdrückerischen 
Künsten stammende Corruption begünstigt werden, sind der grade 
Weg zu jener frivolen Gleichgültigkeit, die dem Leben keinen Ge- 
schmack mehr abzugewinnen vermag. Die Oede des Empfindens und 
Wollens sucht alsdann wohl auch in dei* frechen Hinwegsetzung 
über alle natürliche Lebensordnung und über alle menschliche Rück- 
sicht eine Art Entschädigung für die ihr versagenden Reize gewöhn- 
licher Art. In der That ist der durch Ausschweifung en verursachte 
Lebensüberdruss in allen seinen Gestalten gleich den Wirkungen 
jeder gemeinen Schlemmerei und Ueberladung zu beurtheilen. Der 
gewöhnliche Ekel gegen Speise ist nur ein kleiner und überdies 
vorübergehender Specialfall desjenig^i Naturgesetzes, nach welchem 
die Uebemehmungen und Grenzüberschreitungen in jeder Art von 
Lebensbethätigung einen Widerwillen gegen die entsprechenden 
Functionen erzeugen. Sind hiebei die mehr den Kern des Lebens 
berührenden Verrichtungen im Spiele, oder erstrecken sich Aus- 
schweifung und Rausch nach allen Richtungen, so wird die Lebens- 
fähigkeit in ihren Bestandtheilen und als Ganzes untergraben und 
die universelle Abgelebtheit ergiebt alsdann jenen Zustand des all- 
seitigen Lebensekels, der gemeiniglich die Einleitung des völligen 
Geistestodes und unter Umständen auch wohl der körperlichen Auf- 
lösung bildet. 

Die auf die eben gekennzeichnete Art verursachte, sich für pesr 
simistisch ausgebende Denkweise ist überhaupt jedes tieferen Ernstes 
baar und daher philosophisch nicht zurechnungsfähig. An ihrer 
Verbreitung hat auch Schopenhauer keinen oder wenigstens kejinen 
absichtHchen Antheil gehabt. Die angefaulten Theile der höheren 
Gesellschaft sammt deren literarischem Corruptionsgefolge haben sich 
allerdings unter das schützende Dach des mit ernsteren Zügen ver- 
setzten Pessimismus geflüchtet, um unter der Ac^Qfule Schopenhauers 



- 353 — 

ihre eigne Leerheit und Verworfenheit ein wenig anständiger maski- 
ren zu können. Aber der ehemalige Berliner Privatdocent und nach- 
herige Einsiedler von Frankfurt a. M. ist für jene corrupten Gesell- 
schaftsproducte doch noch stets zu gut gewesen. Diese Missgattung 
bedarf wahlverwandterer Erzeugnisse und gefällt sich nur dann, 
wenn ihr die lockerste Frivolität mit der grössten Frechheit und vor 
allen Dingen mit einer guten Dosis von mystischem und geschlecht- 
lichem Kitzel servirt wird. Aus dem Schoosse solcher Gesellschaft 
entsprossen, um hier nur beispielsweise zwei Berliner Fälle anzu- 
führen, der Mordpäderast Maler v. Zastrow und der Reclamephilo- 
sophast Eduard v. Hartmann, von denen jeder in seiner Art die 
Aufmerksamkeit des Publicums zu erregen verstanden hat. Der Ein»? 
hat die Thatsachen geliefert und der Andere das intimere Verständ- 
niss dafür mit einer „Philosophie des Ünbewussten" eröffnet. Diese 
Erscheinungen gehören in die Pathologie der Gesellschaft und über- 
bieten die so zu sagen schlechten Krankheiten derselben noch um 
ein Bedeutendes. Die schlechten Krankheiten im leiblichen und 
im geistigen Sinne sind doch nicht so unnatürlich und nicht solche 
Erzeugnisse des Raffinements, wie jene Verderbtheiten des Wollen s 
und Wissens. 

Wendet man sich von den ekeln Vorgängen des Tages zu einer 
Betrachtung von weiteren Dimensionen, so ist der moralisch ver- 
derbte, frivol romantisirende und mystisch spiritistische Zwitter- 
pessimismus, in welchem sich alle Verkehrtheiten bis zum äusserst^n 
Blödsinn logisch unbehelligt ansammeln dürfen, ein Zubehör der in 
den oberen Gesellschaftsschichten einheimischen Verwesung. Dort 
greift man nach allen Praktiken, die den frivolen Resten des zer- 
setzten Aberglaubens noch einige Nahnmg versprechen und dem 
Mangel an gründlichem Wissen gemäss sind! Da psychographirte 
man gelegentlich und Hess Tische und Geister klopfen! Warum 
sollte man nicht auch jeden philosophischen Magnetiseur willkommen 
heissen? Seit dem reactionären Rückschlag, der auf die grosse Fran- 
zösische Revolution folgte und nicht blos in Frankreich die corrup- 
tiven Stauungszustände der modernen Gesellschaft steigerte, ist das 
an der Oberfläche hervortretende und gebildete Bewusstsein immer 
mehr im Sinne der Beschaffenheit seiner Träger schlecht pessimistisch 
afficirt und zu einem sich selbst lästigen Gefühl gestaltet worden. 
Hiebei ist in der That auch Alles in der Ordnung; denn es würde 
im Gegentheil überraschend sein, wenn corrupte Beschaffenheiten und 

Du bring, Cursus der Philosophie. -»> 



— 354 - 

Lagen nicht auch unwillkürlich missliebige Rückwirkungen auf die 
Empfindung und das Bewusstsein mit sich brächten. Man kann sogar 
in dieser Begleitung des schlechten Seins und Thuns durch verlorene 
Welt- und Lebensansichten, die sich trotz ihrer Unerfreulichkeit auf- 
drängen, eine Art Nemesis oder wenigstens eine zutreffende Logik 
der Thatsachen erblicken. Für das wurzelhaft gute Streben wird 
Sein und Welt nie etwas darstellen, woran in seiner Totalität zu 
verzweifeln wäre. Der gute Mensch bleibt, indem er an sich selbst 
glauben kann, stets als Instanz übrig, von wo das ürtheil über Leben 
und Welt seinen normalen Ausgangspunkt zu nehmen und die ver- 
schobenen Verhältnisse der Auffassung zurechtzurücken vermag. 

Für die Menschheit hat es zu verschiedenen Zeiten und bei ver- 
schiedenen Völkern Zustände gegeben, die nicht nur den gesellschaft- 
lichen Faulungspessimismus, sondern auch alle möglichen Thorheiten 
des Aberglaubens hervorbrachten. Die Indischen Säulenheiligen und 
auch das christliche Mönchs wesen, sowie überhaupt alle Büsserei und 
raffinirte Ascese sind ursprünglich als Rückwirkungen der Ausschwei- 
fung und einer durch den Aberglauben noch besonders gesteigerten 
Gemüthszerrüttung anzusehen. Man braucht sich nur der verderbten 
Zustande im Römischen Weltreich zu erinnern, um zu begreifen, 
wie das Christenthum grade inmitten der Verwesung am besten 
Wurzel schlagen und die preisgegebene Welt durch Träume eines 
himmlischen Reichs ersetzen konnte. Üeberhaupt ist das Lebens- 
element aller Systeme, in denen sich der Mensch mit Anweisungen 
auf ein Jenseits (und wäre es auch das eines mystischen sehgen 
Nichts) abfinden lassen soll, die radicale Sündhaftigkeit und Verloren- 
heit der Welt. Einen so emancipirten Anschein sich auch immer die 
heutigen philosophastrischen Mixturen lebenvergiftender und welt- 
abschaffender Art geben mögen, — sie sind doch trotz aller Aufstutzun- 
gen nichts weiter, als vereinzelte üeberbleibsel und schwache Reflexe 
jener Phosphorescenz, mit welcher sich die Hauptepochen der Völker- 
fäulniss selbst unheimlich beleuchtet und die schattenhaften Trug- 
bilder einer überschwenglichen Jenseitigkeit erzeugt haben. Nie hätte 
selbst die völligste Gestörtheit des wirklichen Lebens alle jene un- 
geheuerlichen Ausgeburten zur Welt bringen können, wenn nicht der 
Aberglaube dem unerfahrenen Verstände gegenüber freies Spiel gehabt 
hätte. Die Cormption des Wissens und diejenige des Fühlens unter- 
stützen einander, so dass auch jetzt nur mit der ünterhöhlung des 
Verstandes der Weg zur Verwirrung des natürlichen und unbefangenen 



i 



— 355 — 

Gemüthslebens gebahnt wird. Es ist indessen dafür gesorgt, dass 
die heutige Welt derartige Rückfälle nicht sonderlich zu fürchten 
braucht. Die zersetzten und verlornen Bestandtheile derselben mögen 
dadurch, dass sie den Dogmen des Faulungspessimismus anheimfallen, 
ihren Tod beschleunigen. Die gesunden Bestandtheile werden sammt 
der von den raffinirten Schlechtigkeiten und Thorheiten wesentlich 
unberührten Masse mit ihren lebenschaffenden und lebenveredelnden 
Principien auch wirklich die in Geist und Blut überlebenden sein. 



Z-^^eites Oapitel- 
Schätzung der Lebenselemente. 

Vor der natürlichen Auffassung der Dinge schwinden alle un- 
heimlichen Gespenster, aber hiemit nicht zugleich die beängstigenden 
Gefühle, von denen die Phantasie in der Schöpfung ihrer Bilder ge- 
leitet wurde. Der ganze Inbegriff der Gemüthserregungen bleibt an 
sich selbst bestehen, auch wenn die falsche phantastische Decoration 
entfernt ist, in welcher er sich ein Reich von erdichteten Gegen- 
bildern schuf. Die Wirklichkeitsphilosophie hat sich daher zwar 
nicht mit eingebildeten Schrecknissen, aber wohl mit den natür- 
lichen Ursachen der Gemüthsbedrückung zu befassen. Sie hat die 
dem Leben feindlichen Kräfte, welche innerhalb des Lebens selbst 
hausen, auf deren Rolle und Schranken zu prüfen, um den thatsäch- 
lichen Lebenswerth ohne optimistische Beschönigung und ohne pessi- 
mistische Verleumdung zum deutlichen Bewusstsein zu bringen. In 
dieser Arbeit wird sie von dem Natursinn und der unbefangenen 
Richtung unverdorbener Gemüther unterstützt. Das Maass, welches 
sie anzulegen hat, ist eben nicht eine selbst maasslose Sentimenta- 
lität, die auf der einen Seite in verkünstelter Weise über das Kleinste 
empfindelt und auf der andern jedes aufrichtigen und energischen 
Mitgefühls für die wirklich grossen Leiden unfähig ist. Mit diesen 
Unwahrheiten räumt sie vielmehr völlig auf, indem sie nur das 
Naturgemässe der normalen Empfindung als exacten Maassstab der 
Lebensverhältnisse gelten lässt. Sie schliesst zwar auch die ange- 
deuteten Verkehrtheiten in ihrer Abrechnung nicht aus; denn das 
Gute und Schlimme jeder Art, wäre es auch nur ein schöner oder 

23* 



— 356 — 

ein böser Traum, gehört zum Dasein und ist als Realität der Empfin- 
dung und des Vorstellens ihr Gegenstand. Sie hütet sich aber, die 
dem Umfang nach beschränkten Störungen zum Charakter des Ganzen 
zu machen, und indem sie diesen Abweg eines unwahren Pessimis- 
mus vermeidet, erhält sie in der Welt- und Lebensanschauung jenes 
Gleichgewicht und Ebenmaass, welches auch den logischen Noth- 
wendigkeiten der Einheit und Einzigkeit des Seins entspricht. 

In der Schätzung der Lebenselemente kommt das ganze Bereich 
der Empfindung in Frage. Die untersten Stufen, wo in den un- 
vollkommensten Thierbildungen Lust und Schmerz ihre ersten be- 
schränkten und zunächst äusserst schwachen Regungen erproben, 
sind ebenso in Anschlag zu bringen, wie die höchsten Entwicklun- 
gen moralischer Freude oder Pein in den ausgebildetsten Wesen. 
Die Einschaltungen, welche sich zwischen diese beiden äussersten 
Punkte einschieben, lassen nicht nur den Stufengang sondern auch 
das Grundgesetz des Lebensgehalts und seiner Steigerungen erkennen. 
Es ist die Bereicherung mit mannichfaltigeren und weitertragenden 
Organen der Empfindung und Einsicht, was den Lebensinhalt ver- 
vollkommnet und schHesslich in der kunstvollen Individualisirung 
das ebenmässigste Bewusstsein von dem vollen Wesen der Wirklich- 
keit erschafft. Die höchsten Stufen enthalten daher auch die Elemente 
und Spuren des niedern Lebens in sich und werden auf diese Weise 
zu geeigneten Ausgangspunkten für die Würdigung alles Daseins. 

Wäre das Leben eine schlechte Production, so müsste die Er- 
weiterung seiner Grenzen mehr dem Schmerz als der Freude zu- 
stattenkommen. Mit der Erreichung der höhern Stufen müsste es 
sich selbst immer überwiegender zur Last und .Pein werden. Anstatt 
einer Vermehrung der Macht müsste das Lebeusgefühl auf den hohem 
Stufen immer entschiedener die Ohnmacht ausdrücken, den natür- 
lichen Widerständen und künstlichen Hemmungen die Spitze zu 
bieten. Die Freiheit des Sichergehens in allen Richtungen müsste 
als eine Täuschung erscheinen und in Wahrheit eine immer grössere 
Sklaverei sein, wenn die höheren Lebensformen eine stets peinlichere 
Lage darstellen sollten. Von Alledem ist nun nicht nur Nichts, 
sondern das grade Gegentheil der Fall der Wirklichkeit. Das Glück 
ist auf den niedern Entwicklungsstufen keineswegs grösser. Dort 
sind die Mittel, den ungünstigen Chancen und dem Schmerz zu be- 
gegnen, sogar geringer, und wenn auch diese Chancen selbst sich 
einförmiger gestalten, so bleibt dennoch eine verhältnissmässige Ohn- 



— 357 — 

macht oder wenigstens Unzulänglichkeit übrig, welche zwar vornehm- 
lich in einem nicht empfundenen Mangel besteht, aber auf den 
höheren Sprossen der natürlichen Lebensleiter durch positive und mit 
Befriedigung verbundene Fähigkeiten ersetzt wird. Niemand wird 
mit einem niedriger oder weniger entwickelten Wesen tauschen 
wollen, weil es angeblich glücklicher sei. Sogar das Leben der Kind- 
heit kann nicht als Instanz gegen die gereiftere Lebenserprobung 
verwerthefc werden. Der rosige Schein, mit dem man es hinterher 
umgiebfc, ist nicht seine wahre und volle Wirklichkeit. Die letztere 
ist zwar für ihre Stufe befriedigend und lebenswerth genug, kann 
aber nicht im Entferntesten mit der reichen Entfaltung des ausge- 
bildeten und vollkräftigen Daseins verglichen werden. Neue Elemente 
von der gTÖssten Tragweite sind mit den folgenden Lebensaltern 
hinzugekommen, und mit dem Spielraum für die noch ungekannten 
Gattungen von Lust und Schmerz hat sich auch die innere und 
äussere Macht erweitert, das Gute zu ergreifen und das Schlimme 
fernzuhalten. Allerdings versteht es sich von selbst, dass auch die 
Arten der möglichen Pein sich mit neuen und eindringlichen Ge- 
bilden vermehrt haben müssen. In der That wäre es wunderlich, 
eine neue höhere und intensivere Gattung des Lebensgefühls ver- 
langen und dennoch von ihr den Gegensatz ausschliessen zu wollen. 
Nicht die reallogische Nothwendigkeit , dass zu einer Erweiterung 
der guten Möglichkeiten auch die schlimmen Chancen mitgeschaffen 
werden müssen, — also nicht der Umstand, dass jeder Gattung der 
Freude auch antagonistisch eine entsprechende Art des Schmerzes 
zur Seite geht, ist es, wodurch der Werth der Lebenssteigerung in 
Frage gestellt werden kann. Nur wenn man, was dem allgemeinen 
Schematismus unc} den einzelnen Thatsachen zugleich widersprechen 
würde, voraussetzen wollte, dass der Antheil des Schmerzes, ver- 
glichen mit der Gesammtheit der Gefühle, auf den höheren Stufen 
nicht blos absolut sondern auch relativ zunähme, könnte von einem 
Einwand gegen die Vervollkommnung des Lebens im Sinne seines 
Empfindungswerthes die Rede sein. So aber werden sich auch die 
forcirtesten Pessimismusspieler darein ergeben müssen, dass offenbar 
das Leben an Gehalt, Kraft und Harmonie zunimmt, indem es sich 
zu reicheren Gestaltungen potenzirt. Unter den Wesen anderer Welt- 
körper werden sicherlich auch solche Gebilde sein, die in der Lebens- 
erprobung eine grössere Mannichfaltigkeit von Gefühlen und An- 
schauungen in sich tragen, als sie der menschlichen Composition 



— 358 — 

eigen ist. Ihr Schicksal ist aber deswegen für uns kein völlig fremd- 
artiges; denn in der Stufenleiter des Schaffens sind die Elemente 
gemeinsam und finden sich die vorgängigen Formen in den höheren, 
welche nachfolgen, in irgend einer Weise wiederholt und gleichsam 
eingeschlossen. Es wäre zwar eine ganz willkürliche Vermessenheit, 
alle besondem Steigerungsgrade des Lebens von unserm planeta- 
rischen Standpunkt aus im kosmischen Sinne würdigen zu wollen. 
Das Wesen des Lebens überhaupt entgeht uns aber in keiner Rich- 
tung. Wir kennen den Schematismus, durch welchen sich die 
Daseinsgefühle umfassender und intensiver gestalten, und es ist daher 
ein im eigentlichen Sinne des Worts universeller, nämlich für das 
Universum gültiger Satz, dass die gesteigerte Lebensentwicklung auch 
einen gesteigerten positiven Werth im Gefolge haben müsse. 

2. Wenn wir das Leben als einen Inbegriff von Empfindungen 
und Gemüthsbewegungen würdigen, zu denen die Anschauungen und 
die von der Phantasie gebildeten Vorstellungen nur das Beiwerk 
abgeben, so stellen wir uns hiemit in den Mittelpunkt aller subjectiv 
bedeutsamen Wirklichkeit. Jede Werthbestimmuug setzt einen Maass- 
stab voraus, mit welchem man die Messungen oder Schätzungen 
vornehmen könne. Dieser Maassstab muss in unserm Falle offenbar 
von subjectivem Stoffe sein. Wie uns der Welt und dem Leben 
gegenüber zu Muthe ist, darauf und auf nichts Anderes kommt es 
bei dem Ürtheil über den Daseinswerth an. Die zufallige Affection, 
in der wir uns befinden, kann doppelgestaltig sein. Der universelle 
Affect, mit dem die verschieden verzweigten Leidenschaften gegen 
das Ganze der Dinge Stellung nehmen, mag bald einen optimisti- 
schen, bald einen pessimistischen Charakter erhalten. Dies wird 
davon abhängen, wohin sich, um mechanisch zu reden, abgesehen 
von den einzelnen auf das Gemüth mannichfaltig wirkenden Kräften, 
jedesmal die aus allen resultirende Kraftrichtung wende. 

Die Empfindung trägt die Befi^edigung oder das Gegentheil 
davon in sich selbst. Unsere unmittelbarsten Entscheidungen über 
den Inhalt des Lebens müssen hienach Empfindungsurtheile sein. 
Das Gefühl ist Maass seiner selbst, indem es zwischen seinen mehr 
oder minder befriedigenden Gestaltungen unterscheidet. Der letzte 
Richter über das Leben ist das Wollen selbst. Dieses Wollen zerlegt 
sich in Triebe und Gemüthsbestrebungen. Es sucht nach Anschauun- 
gen und Vorstellungen, welche ihm in der Wirklichkeit und in der 
ideellen Composition am meisten entsprechen. Ein universelles 



— 359 — 

Streben, welches sich selbst verneint, ist logisch die grösste aller 
Ungereimtheiten und praktisch die nngeheuerlichste aller Selbst- 
täuschungen. Wenn wir die Dinge schlecht finden, so thun wir es, 
weil wir sie anders wollen. Wenn wir uns von einer Gestaltung des 
Lebens abwenden, so geschieht dies, weil in uns ein Streben vor- 
handen ist, welches andere Gebilde als besser vorzieht. Die Wurzeln 
alles ürtheils über Werth und ünwerth des Daseins liegen mithin 
in den Elementen des Wollens selbst. Unter diesen Elementen spielen 
die Leidenschaften für das höhere Dasein die Hauptrolle. Ja man 
könnte von einer einzigen, überhaupt auf das Leben gerichteten 
Leidenschaft reden, ohne den Begriffen irgend welchen Zwang anzu- 
thun. Was man . gemeiniglich Lebenslust nennt, ist in den mehr 
energischen Gestaltungen gradezu Leidenschaft des Lebens und hat 
irgend einen bestimmten Grundchaxakter. Die Reize, an denen das 
frische und kraftvolle Lebensspiel hängt, specialisiren sich für die 
einzelnen Lagen und besondern Individualtypen zu einzelnen vor- 
herrschenden Gemüthsrichtungen und daher vielfach auch zu irgend 
einer der bekannten Leidenschaften. In der That giebt es kein 
starkes Lebensgefuhl und keine hohe Spannung des Daseins ohne 
irgend eine gewaltige Leidenschaft. In der mittleren Sphäre sind 
es aber ähnliche, wenn auch nicht so hochfluthende Regungen, die 
den Zauber des Wechselspiels unterhalten. 

Wh* müssen, um die Schätzungen in aller Kühle und !Jurück- 
haltung vorzunehmen, mit den niedrigsten Gestalten des Spiels von 
Lust und Schmerz beginnen. Hier ist es die rein physische Erre- 
gung, in deren Rahmen sich das Schicksal des empfindenden Wesens 
vollzieht. Der physische Schmerz kann eine furchtbare Qual sein; 
aber an sich selbst vermag er nicht, jene hochgradige Pein zu er- 
reichen, die aus den moralischen Bezifthungen des Menschen zum 
Menschen stammt. Aehnlich verhält es sich selbstverständlich mit 
der Lust und Freude. Was man an allen Affectionen rein physisch 
nennt und was in Wahrheit von den vorzugsweise als geistig be- 
zeichneten Erregungen nur dadurch unterschieden ist, dass es keine 
weitertragende Vorstellung und kein Mitgefühl des Menschen mit 
dem Menschen voraussetzt, bleibt verhältnissmässig erträglich, sola)ige 
es eben in der angenommenen Abgerissenheit besteht. Sobald es 
dagegen von der Vorstellung für eine längere Zukunft vorweggenom- 
men und überdies auch geistig nachempfunden wird, steigert es sich 
bereits erheblich genug, um zu dem Druck, den der Augenblick 



— 360 — 

nnmittelbar und in vollster Realität mit sieh bringt, eine meist 
schlimmere Belastung des Gemüths hinzuzufügen. Beispielsweise sind 
Furcht und Hoffnung nur die Gestalten, welche die Empfindung des 
Schlimmen oder des Guten in der Entfernung durch allgemeine Vor- 
wegnähme seiner Wirkungen annimmt. Die Gemüthsbewegungeu 
haben nur darin ihren Gehalt, dass sie sich auf etwas beziehen, 
was in irgend einem Augenblick zur vollsten physischen Wirklich- 
keit gelangt. Sie sind gleichsam ideelle Umspannungen des sonst in 
vereinzelte Elemente und Momente zerfallenden Lebensinhalts. Sie 
sind aber hiedurch auch zugleich selbst höhere Lebensformen, ohne 
welche die Steigerung und Veredlung des niedrigeren physischen 
Daseins nicht vollzogen werden könnte. Man kann sie nicht hin- 
wegdenken, ohne in die Niederungen des Empfindungsdaseins gemein 
animaler Art zurückzusinken. Li der Erhebung des Lebens sind sie 
die neuen Elemente,, die in der Composition hinzukommen müssen, 
um die Subjectivität zu vollenden und in ihr ein zureichendes Mittel 
des Selbstgenusses der Welt zu schaffen. 

Demjenigen Pessimismus, welcher der Corruption als ihr Schatten 
folgt, pflegt die Aufzählung der gdbieinen Uebel und die Betonung 
der physischen Leiden schon als ein hinreichender Beweis für das 
Lebenselend zu gelten. Krankheit, Langeweile und Tod sind ihm 
bereits als nackte Thatsachen oder Möglichkeiten mit ihrem blossen 
Gehalt an physischem Schmerz oder vermöge der sich darauf be- 
ziehenden Voraussicht hinreichende Störungen, um das Leben seiner 
ganzen Verfassung nach für verfehlt zu erachten. Dieser Corrup- 
tiouspessimismus , der von den moralischen Mächten nicht allzuviel 
begreift, übersieht bei seinem voreiligen unterfangen, dass man ihm 
eine viel schlimmere Zeichnung der Zustände vorführen und dennoch 
seine nihilistische Velleität *der Lebensverdammung als nichtig er- 
weisen . kann. Er rechnet fast ausschliesslich mit Arten und Be- 
standtheilen des Schmerzes, die sich noch keineswegs zu dem höchsten 
Leiden gesteigert haben. Für ihn sind die edleren menschlichen Be- 
ziehungen bereits zersetzt. Der Antheil, den die gerechte Gesinnung 
an dem Schicksal der niedergetretenen Unschuld nimmt, ist ihm un- 
verständlich und gilt ihm daher als Thorheit. Das tief Einschnei- 
dende der Pein, die den Menschen in der Erfahrung der wüsten und 
übermüthigen Zerstörung der von ihm geknüpften Lebensbandf über- 
kommt, ist fiir die grobtastenden Finger jener oberflächlichen Cor- 
ruptionsblasirtheit gar nicht zu entdecken. So ergiebt sich denn 



— 361 — 

auch für das fragliche Treiben eine höchst eigenthümliche Position. 
In der Absicht, die Welt Stück für Stück als etwas noch unter dem 
Nichts Stehendes zu kennzeichnen, werden ein paar grobe Fäden des 
Leidens blosgelegt und die feinen Fäserchen vergessen, in denen sich 
trotz ihrer Unscheinbarkeit für das gemeine oder gar herabgekom- 
mene Lebensgefuhl , dennoch die intimeren und daher auch peiu- 
voUeren Lebensbeziehungen verrathen. 

3. Die allgemeine Schätzung des Lebens muss von dem Princip 
ausgehen, dass die natürlichen Widerstände, welche sich dem Spiel 
der Lebensreize entgegenstellen, durchaus nicht als etwas Schlimmes, 
sondern im Gegentheil als eine Nothwendigkeit zu erachten sind, 
ohne deren Erfüllung sich gar kein lebenswerthes Dasein hätte ein- 
richten lassen. Alle Erdichtungen von einem stetigen, nicht durch 
Arbeit unterbrochenen Genuss sind nicht blos willkürlich, sondern 
auch unlogisch. Sogar schon in jeder Function, welche dem Lebeus- 
genuss dienstbar wird, sind einige Elemente physiologischer Natur- 
arbeit enthalten. Höhere Kräfteformen bewältigen die Widerstände, 
welche der Mechanismus des unorganischen Daseins entgegenstellt. 
Das Leben ist ausser allem Positiven, was es noch sonst vorstellt, 
zunächst eine Ueberwindung derjenigen Hemmungen, die in der An- 
lage des natürlichen Kräftespiels- unvermeidlich sind. Diese Ueber- 
windung hat ihren Rhythmus, wie er sich beispielsweise in den 
Hebungen und Senkungen des Wachens und Schlafens zeigt. Sie 
hat aber ausserdem auch noch eine bedeutsame Stetigkeitsunter- 
brechung, nämlich den Tod. Sie besteht in einem Verlauf von Acten, 
welche sich erschöpfen, indem sie ihre natürliche Grenze eiTeichen. 
Das Leben ist ein rhythmischer Vorgang und mithin kein so zu 
sagen substantielles Wesen. Nicht das einzelne Individuum, also 
nicht die bestimmte einmalige Ausprägung jenes Verlaufs von 
Empfindungs- und GefuhlsfunctioDcn, wohl aber die Individualität 
überhaupt ist seine wesentliche und unumgängliche Grundform. Ohne 
bestimmte Bemessung und ohne Verjüngung würde das Leben keinen 
hohem Reiz haben. Auch der Tod ist ein nothwendiges Lebens- 
element; denn nur die Versteinerung würde seiner nicht bedürfen, 
weil sie in ihrer Starrheit unterhalb der Schwelle der Lebensregun- 
gen verbleibt. Mit Recht hat Galilei den unsterblichkeitssüchtigeu 
Thoren zugerufen, dass sie verdienten, in Stein verwandelt zu 
werden. 

Das Leben ist eine Arbeit, die theils von der Natur theils von 



— 362 - 

uns selbst verrichtet wird. In diesem unschuldigen Sinne möchte es 
immerhin auch ein Kampf um die Existenz heissen können. Die 
Natur hat die zu überwindenden Hindernisse selbst geschaffen oder, 
insofern man sie als absolute Noth wendigkeiten betrachtet, von vorn- 
herein eingeschlossen. Schon hierin allein liegt eine gewisse Bürg- 
schaft der Zusammenstimmung von Ziel und Kraft. Woher sollte die 
innere Uneinigkeit stammen, da die Natur eine universelle, alles- 
imifassende Einheit ist? Die Widerstände des Lebensgenusses sind 
integrirende Bestandtheile dieses Genusses selbst. Ohne sie würde er 
den Werth nicht haben können, der durch ein gewisses Maass von 
Trennung der Reizempfindung und ihres Gegenstandes erzeugt wird. 
Indem sich zwischen das Ziel und die den Reiz einschliessende Vor- 
stellung eine Abfolge von Uebergängen einschiebt, vermöge deren 
die Kräfte sich mit Befriedigung bethätigen, entwickelt sich die 
Reichhaltigkeit der Empfindungsbeziehungen. Wie roh würde sich 
nicht das Leben gestalten, wenn es nicht auf der Kunst der Inter- 
valle und Differenzen beruhte I Um aber diesen rhythmischen Wechsel 
zu erzeugen und immer neue Gegenstände der Bethätigung zu 
schaffen, sind die fraglichen Entfernungen und so zu sagen Span- 
nungen unumgänglich. Ja sogar der antagonistische Charakter der 
gesaramten Naturaction muss als Grundgerüst betrachtet werden, um 
darauf die Bühne des Lebens aufzuschlagen. Auch das Lebensspiel 
muss im rationellen Sinne des Worts antagonistisch sein, d. h. nicht 
etwa einen Widerspruch wohl aber einen Widerstreit der Kräfte eiu- 
schliessen, damit sich überhaupt die Empfindung entwickeln könne. 

Das tiefere Wesen aller Empfindung und mithin aller subjectiven 
Lebensformen beruht auf der Differenz von Zuständen, die sich an- 
einander messen, und in denen sich die Kräfte der Gestaltung und 
Auffassung der Dinge gleichsam erproben. Schon die rein mecha- 
nische Analogie kann uns lehren, dass irgend eine Differenz der 
Lage oder sonstiger Zustände der Körper die Voraussetzung des be- 
weglichen Kräftespiels ist. Für das volle Leben lässt sich aber auch 
ohne Weiteres darthun, dass es nicht die beharrliche Lage, sondern 
der Uebergang von einer Lebenssituation in die andere ist, wodurch 
das Lebensgefühl gesteigert und die entscheidenden Reize entwickelt 
werden. Im Leben des Einzelnen und der Menschheit sind es die 
Wendungen oder Epochen, in denen sich die Lebensgefuhle concen- 
triren. Der annähernd sich selbst gleiche, so zu sagen in Trägheits- 
beharnmg und gleichsam in derselben Gleichgewichtslage verblei- 



— 363 — 

bende Zustand hat, wie er auch beschaffen sein möge, für die Er- 
probung des Daseins nicht viel zu bedeuten. Die kleinen innem 
Wechsel, ohne die überhaupt kein Lebensspiel gedacht werden kann, 
genügen nicht, um jenem im Ganzen unveränderten Zustande erheb- 
liche Reize zu verleihen. Die Gewöhnung und so zu sagen Ein- 
lebung macht ihn vollends zu etwas Indifferentem und Gleichgülti- 
gem, was sich nicht sonderlich vom Todtsein unterscheidet. Höchstens 
tritt noch als eine Art negativer Lebensregung die Pein der Langen- 
weile hinzu, die sich bekanntlich nicht blos an die ünthätigkeit 
überhaupt, sondern an die interesselose Wiederholung jeglicher Art 
des Verhaltens und unter Umständen selbst desjenigen Thuus knüpft, 
welchem der Zwang eigentlicher Anstrengung auferlegt ist. In einem 
sich stauenden Leben erlischt für Einzelne und Völker alle Leiden- 
schaft und alles Interesse am Dasein. Unser Gesetz der Differenz 
aber ist es, aus welchem alle diese Erscheinungen vollkommen er- 
klärlich werden. 

Die Abfolge der Lebensalter und das Eintreten der mit ihnen 
verbundenen Veränderungen der Lebensverhältnisse liefern ein recht 
naheliegendes Beispiel zur Verauschaulichung unseres Differenzen- 
princips. Jedes zurückgelegte Stadium, bei welchem der Uebergang 
in eine neue Lebenslage statthat, erregt das ßewusstsein in allen 
seinen vei'fugbaren Elementen mit besonderer Kraft und lasst das 
Leben in einem stärkeren als dem gewöhnlichen Maass empfinden. 
Solange sich die Differenzen steigern und neue Horizonte eröffnet 
werden, nehmen die Reize unzweifelhaft zu. Kind, Knabe, Jüngling 
und Mann erfahren die Stärke ihrer jeweiligen Lebensgefühle weniger 
durch die bereits fixirten Zustände, in denen sie sich befinden, als 
durch die Epochen des Ueberganges von dem einen zum andern. 
Zu diesen natürlichen Differenzen gesellen sich die von der Cultur 
geschaffenen Verschiedenheiten der Thätigjieit und Stellung; aber 
auch diese Mannichfaltigkeiten wirken am eindringlichsten nur durch 
den Wechsel. Es versteht sich, dass die Lageverändeningen nicht 
jäh und schroff sein dürfen, wenn nicht anstatt des Vollgefühls be- 
friedigender Art eine extreme Reizung erzeugt werden soll, die in 
jeglicher^ also auch in der wohlthätigsten Gattung stets peinlich ist. 

4. Die Kluft zwischen dem, was man will und bedarf, und 
dem, was sich wirklich darbietet, entscheidet über das Maass mög- 
licher Missverhältnisse der Empfindung. Die Spannung zwischen 
dem idealen Streben auf der eioen und der realen Fesselunof auf der 



— 364 — 

aridem Seite kann die Ursache eines erhabenen Unglücks werden, 
wenn sie nicht wenigstens zum Theil durch das Mitgefühl mit dem 
' zukünftigen Dasein ausgeglichen wird. Dsa Leben der Vorstellung 
ist nicht auf das Individuum beschränkt, sondern dehnt sich durch 
eine Art Theilnahme auf die kommenden Schicksale aus. Von diesem 
höhereu Standpunkt aus erweitert sich die Welt und sänftigt durch 
die Ebenmässigkeit ihrer allgemeinen Formen den etwa schroffen 
Eindruck des Augenblicks und der unmittelbaren Umgebung. Die 
idealen Fähigkeiten wirken aber uoch in einer ganz andern Rich- 
tung. Sie erzeugen nicht etwa blos ungünstige Spannungsextreme, 
die einer ebenfalls idealen Ausgleichung bedürfen, und als solche 
zunächst immer etwas Peinliches haben müssen; — sie bringen viel- 
mehr auch positiv jene Anschauungen hervor, in denen die Reize 
eines volleren und reicheren Lebens von ferne winken und den Wan- 
derer mit neuem Lebensmuth beseelen. Wie arm wäre das Dasein, 
wenn es auf seine jeweilige Abgerissenheit beschränkt bliebe und 
nicht jene Ausblicke auf seinen vollendeteren Inhalt gewährte! Die 
Production des Lebeusgefühls wäre in der That etwas sehr Unzu- 
längliches, wenn sie nicht den Augenblick durch die Vorwegnahme 
der Zukunft erweiterte. Dies ist in der mehr oder, minder deutlichen 
Anschauung der Vorzug der grossen Geistesgestalten, aber in der 
uiunittelbaren Voremplindung, die von der Natur manchen Regun- 
gen innewohnt, glücklicherweise auch in einem gewissen Grade das 
gemeine Loos. In der Liebe der Geschlechter ist eiu Enipfinduugs- 
band gegeben, in welchem das Leben der Zukunft mitgefühlt wird. 
Diese Vorwegnahme des Zusammenhangs mit den ferneren Schick- 
salen der Gattung ist die einzig zutreffende Erklärung für die in das 
Schrankenlose weisende Natur jener Leidenschaft. 

Der Grundsatz, dass im Wollen selbst der Maassstab der Lebens- 
Ijeurtheilung zu suchen sei, kann uns auch über diejenigen Vor- 
urtheile hinwegheben, die auf der Messung der Thatsachen durch 
eine zu entwickelte und dem Gebiet dieser Thatsachen gar nicht an- 
gehörige Subjectivität beruhen. Die Rohheiten des Lebens werden 
in einem durchschnittlich ebenfalls rohen Zustande der Gemüther 
weit weniger empfunden. Sie reduciren sich annähernd auf den 
physischen Schmerz, den das wilde Gebahren im Gefolge hat. Die- 
jenigen, welclie die Leiden verhängen, und diejenigen, welche sie 
erdulden, messen subjectiv mit demselben Maassstab. Sie erwarten 
Beide im Allgemeinen nichts Anderes, als was sie wirklich erfahren. 



— 365 — 

Die Uebel werden durch kein feineres Gefühl für die iuterhumaneu 
Beziehungen gesteigert. Das moralische Leiden ist bei denen, welche 
selbst nicht sonderliche Ansprüche dieser Art zu machen vermögen, 
ein weit geringeres oder kommt wohl auch gar nicht in Betracht. 
Wo weder das Unterscheidungsvermögen für Gerechtes und Unge- 
rechtes zarter entwickelt, noch der Wille in dieser Richtung beson- 
ders ausgebildet oder die Erwartungen des Bessern zu festen Ge- 
wohnheiten der Denkart geworden sind, da können auch die 
Störungen keinen besonders peinlichen Gemüthseindruck machen. 
Getäuschte moralische Erwartung wird es eben unter diesen Um- 
ständen wenig geben. Eine Kluft zwischen dem, was vom gegen- 
seitigen Verhalten erwartet wird, und dem, was jener rohe Verkehr 
wirklich ergiebt, wird kaum in Frage kommen. Diese Schlussfolge- 
rung gilt in vollem Maasse für die naturwüchsig wilderen Zustände, 
aber in einigem Grade auch für die Verhältnisse der Auflösung und 
Gorruption. In den letzteren wird sich das allgemeiue Maass der 
sittlichen Ansprüche bald genug soweit verringert haben, dass die 
Kluft nur noch für diejenigen besteht, welche sich der einreissenden 
Verwahrlosung nicht anbequemen wollen. Diese bessern Elemente 
werden aber für ihre grössern Leiden durch die positiven Wirkungen 
ihrer idealen Erhebung über die Misere so zu sagen entschädigt. 
Uebrigens sind aber auch sie im Stande, sich trotz ihrer Fernhal- 
tung von den activen Einlassungen mit dem degradirten Zustande, 
doch wenigstens für die passiven Begegnungen eine abhärtende Auf- 
fassungsart eigen zu machen. Sie werden die Schlechtigkeit der 
Verhältnisse eiufürallemal taxiren und sich demgemäss von falschen 
Erwartungen befreien, und sie werden das corrumpirte Medium nach 
dessen eignen Naturgesetzen angreifen und bändigen. Bei einer 
solchen Stellungnahme werden auch sie weniger und am allerwenig- 
sten von moralischen Illusionen zu leiden haben. 

5. Unser Gesetz der DijßFerenz kann noch eine entlegenere An- 
wendung erhalten, indem man die Thatsache in Anschlag bringt, 
dass die Wiederholung des bereits Erprobten oder Geleisteten keinen 
Reiz hat. So vorzüglich auch immer eine Lebensgestaltung oder ein 
Gegenstand des Strebens gewesen sein mag, so kann er doch nur 
ein einziges Mal das Interesse wahrhaft erregt haben. Mit der Er- 
reichung des Ziels, also mit der vollständigen Durchmessung des 
dahin führenden Weges sind alle Reize erschöpft, und Niemand fühlt 
sich versucht, sei es im Praktischen oder im Theoretischen, das was 



— 366 — 

er hat. oder kennt auf einer ähnlichen Bahn noch einmal erstreben 
zu wollen. Auch wäre es in der That wunderlich, nach der ersten 
Befriedigung noch eine zweite da zu beanspruchen, wo die Entwick- 
lung eines neuen Verlangens gar nicht denkbar ist. Die Reize der 
Forschung und künstlerischen Gestaltung liefern ideelle Beispiele 
dieser Wahrheit. Das erlangte Wissen, die vollzogene Darstellung 
und die Verwirklichung der Idee in einem Kunstwerk sind mit ihrer 
Vollendung eben etwas Abgethanes. Das Schaffen selbst gewährte 
den eigentlichen Reiz, und wenn das Erzeugniss auch als solches 
nicht blos Andere sondern auch seinen Urheber erfreut, so ist diese 
Art von Erregungen doch nicht im Entferntesten mit jenen schöpfe- 
rischen Leidenschaften zu vergleichen, für welche das Bilden selbst 
die eigentliche Befriedigung schuf Was nun in dem ideellen Gebiet 
mit so unzweifelhafter Deutlichkeit wahrnehmbar ist, bestätigt sich 
auch für die Erprobung des volleren Lebens, wenn man nur nicht 
die gewöhnlichen rhythmischen Wiederholungen des Wechsels von 
Bedürfniss und Befriedigung mit den entscheidenden einmaligen 
Reizen confandirt. Die tiefsten Erregungen werden durch das 
Streben nach solchen Lebenslagen und solchen Lebenserprobungen 
verursacht, 'die nur ein einziges Mal eintreten können. Sogar das 
individuelle Leben kann als ein vereinzeltes Ganze von Eigenthüm- 
lichkeiten ebenfalls aus jenem Gesichtspunkt betrachtet werden. Die 
Wahrheit, dass Niemand, der sich versteht, sein Leben noch einmal 
wiederholen möchte, ist nur ein besonderes Ergebniss unseres allge- 
meinen Satzes. Der Widerwille gegen die Wiederholung rührt nicht 
daher, dass die zu wiederholende Erfahrung schlimm gewesen, son- 
dern dass sie überhaupt schon gemacht worden ist. Er wird auch 
den vorzüglichsten Gestaltungen und Lagen gegenüber vorhanden 
sein. Die romantische Erinnerung ist für das Gefiihl etwas Neues; 
aber die Wiederhervorbringuug der unveränderten Wirklichkeit würde 
noch nicht einmal den künstlichen Reiz der Romantik haben können. 
Wenn nun also das, was für die einzelnen wesentlichen Lebens- 
combinationen gilt, auch für das Ganze der individuellen Lebens- 
physionomie zutreffen muss, so ist der Tod nicht_bl9S^ einejphjsische 
Noth wendigkeit, sondern auch ein ideelles Bedürfniss. Er ist eine 
Institution, welche dem Wesen des Lebens entgegenkommt. Das befrie- 
digte Leben ist schon an sich eine Art Tod und, wie schon früher dar- 
gethan, müssen neue Bewusstseinsanknüpfiingen und neue Combina- 
tionen das Spiel des Daseins mit frischen Reizen ausstatten. Wenn 



— 367 — 

wir das Leben Stück für Stück durchmessen und mit einzelnen 
Theilen fertig sind, so fällt es uns nicht ein, in dem Verschwinden 
dieser Theilexistenzen eine bedauerliche Vernichtung zu sehen. Wir 
finden darin vielmehr eine Selbstbefriedigung des Daseins, vermöge 
deren es sich Act für Act genuggethan hat. Sollten wir nun etwa 
mit dem ausgelebten Ganzen einen Unterschied machen und hier 
leugnen, dass sich das Leben genuggethan habe? Die Vorbereitung 
des Todes beginnt mit dem Absterben der einzelnen Reize, und diese 
Reize selbst haben naturgemäss ihre Grenze an der Befriedigung. 
Der Begriff des Lebens ist also an sich im Allgemeinen harmonisch, 
und nur die besondern Störungen sind es. welche die Frage nach 
seinem Werth mit pessimistischen Nebengedanken versetzt haben. 

Man kann von dem Leben im Allgemeinen noch mit mehr 
Recht sagen, dass es sammt der ihm zu Grunde liegenden Menschen- 
natur gut sei, als man trotz aller Störungen davon ausgehen darf, 
dass der Mensch von Natur gesund sei. Die Beeinträchtigungen der 
Gesundheit sind weit umfassender und eindringlicher, als irgend 
welche Störungen sonstiger Art. Auch ist der Mensch gegen die 
Krankheiten ohnmächtiger, als gegen andere Uebel, die in höherem 
Grade von seinem Willen beherrscht werden. Dennoch fallt es Nie- 
mandem ein, von einem radicalen und angestammten Krankheits- 
charakt^r der menschlichen Natur als von etwas Vorherrschendem 
zu reden, wovon die durchschnittliche Gesundheit nur eine begün- 
stigte und zufällig gelungene Ausnahme wäre. Höchstens die ver- 
künstelten, falsch verzärtelten oder sonst verschrobenen Zustände 
könnten in ihrem eignen partiellen Bereich zu einer derartigen Mei- 
nung veranlassen. Uebrigens bewährt sich das Leben als wesentlich 
gesund im eigentlichen und im übertragenen Sinne des Worts. Will 
man die kleinen Störungen hoch veranschlagen, so ergiebt sich aller- 
dings ein breiter Spielraum für Ausstellungen. Indessen ist dieses 
kleinliche Bemäkeln bereits selbst die Wirkung einer unnatürlichen 
und irregeleiteten Aufmerksamkeit. Bei einer richtigen Würdigung 
der Grössen Verhältnisse , in welchen das Normale und die Abwei- 
chungen zu einander stehen, wird sich stets ergeben, dass im Ganzen 
die Störungen den Ausnahmecharakter nirgend verleugnen. Die 
Verfassung des Daseins könnte auch wirklich nicht auf Bestand an- 
gelegt sein, wenn dem anders wäre. Das Ueberwiegen der Beein- 
trächtigungen würde zerstörend wirken und die Dauer des Lebens- 
spiels unmöglich machen. Schon die innere Logik der Dinge bringt 



— 368 — 

es mit sich, dass die gesunden Gestaltungen die Herrschaft haben 
müssen. Ein System, welches, in sich uneinig, seine eigne Construc- 
tion durch fundamöntale Verletzungen gefährdete, wäre eben nicht 
mehr etwas Positives, sondern wirklich ein in sich zerfallendes 
Nichts. Nun sind aber die Störungen darauf angelegt, von der 
menschlichen Gattung durch die Entwicklung höherer Kräfte über- 
wunden zu werden. Im Physischen und noch mehr im Moralischen 
eröffuen sich für die fortschreitende Einsicht und Gesittung maimich- 
faltige Ausgleichungsmittel. Ausserdem muss aber auch ein gewisses 
Maass von Störung als fär die freiere Gestaltung des Menschen- 
schicksals unentbehrlich angesehen werden. Ohne den Kampf mit 
dieser Art von Hindernissen würde die menschliche Natur weder im 
Wissen noch im Wollen sonderlich erstarken und nur eine gering- 
fügige Ausbildung erhalten. Der Werth des Daseins würde ohne 
diese Hindernisse geringer ausfallen, und schliesslich müssen wir uns 
auch erinnern, dass es gleich der logisch arithmetischen eine abso- 
lute Nothwendigkeit auch in der vollen Wirklichkeit giebt, auf 
welche alle in der 'Ausführung des Weltsystems unumgänglich ge- 
wesenen Elemente, die uns in ihrer Vereinzelung nicht gefallen, in 
letzter Instanz zurückzuführen sind. Der allgemeine Gedanke der 
unausweichlichen Nothwendigkeit ist eine Beruhigung für den theo- 
retischen Ausblick und eine Stütze für die praktische Gestaltungs- 
kraft. Für die Wirklichkeitsphilosophie, der das Leben mehr als ein 
Traum besonderer Art und die Welt keine durch metaphysischen 
Zauberwillen wegzuhauchende und zerplatzende Seifenblase ist, giebt 
es keine transcendente Flucht vor dem Dasein, sondern nur eine 
thatkräftige Einlassung mit dessen ferneren Chancen nach Maassgabe 
seiner nothwendigen Gesetze. 



IDrittes Oapitel- 

Entwicklung und Erhöhung der Daseinsreize. 

Wichtiger als die oft recht müssig und blasirt gerathenen Unter- 
suchungen über das Leiden der Welt sind die Orientirungen über 
das, was geschehen kann, um den Reiz des Lebens zu steigern. 
Dieses Thema ist in der Philosophie bis jetzt nicht sonderlich 



1 



— 36H — 

heimisch gewesen ; denn man hat meistens vorgezogen, der Unthätig- 
keit durch falsche niederdrückende Theorien Vorschub zu leisten. 
Auch darf nicht etwa blos das Privatdasein in Frage kommen. Eine 
ernsthafte Philosophie muss sich auch in dieser Richtung eminent 
politisch gestalten; denn Wohl und Wehe hängt zu einem oft ent- 
scheideuden Antheil von der Umgebung und dem gesellschaftlichen 
Medium ab, in welchem man sich zu bewegen hat. Glück und Un- 
glück des Privatdaseins sind nicht ausschliesslich, ja meist nicht ein- 
mal überwiegend durch Privatvorzüge und Privattugenden zu be- 
herrschen. Der Druck, der auf den Völkern lastet, wirkt gleich einer 
schwülen oder von Nebeln verdickten Atmosphäre. Sogar für die 
Wenigen, welche möglichst einsam leben und die Berührungspunkte 
mit der Umgebung erheblich beschränken können, bleibt dennoch 
der politische und gesellschaftliche Missstand eine Quelle übler Ein- 
wirkungen. Wo die Corruptiou den Ton angiebt, ist für redliche 
(Jharaktere kein ungestörter Raum. Wo die Sklaverei alle edleren Re- 
gungen ächtet, da muss auch das Privatleben, auf welches sich als- 
dann das Dasein reducirt, unvermeidlich auf corruptive Abwege 
gerathen. Letzteres hat man in der Geschichte überall da beobachtet, 
wo wie z. B. im Italienischen Leben die Geschlechtsabenteuer und ein 
wenig Kunstspielerei den Ersatz für die politische Nichtigkeit vor- 
stellten. Auch dann, wenn die Despoten die von ihnen vergewal- 
tigte Gesellschaft in die Bahnen des gemeinen Eigennutzes und des 
eben so gemeinen und entsittlichenden Vergnügens abzulenken suchen, 
wird der Verkehr derartig verdorben, dass an eine Freihaltung von 
dessen schädlichen Verschlingungen im Allgemeinen nicht zu denken 
ist. Nur die ausnahmsweise Resignirenden werden durch besondere 
Kraftanstrengungen und um den Preis der Theilnahme an den ge- 
wöhnlichen Lebensgütern den mehr oder minder unheilvollen Ver- 
wicklungen entgehen. Uebrigens wird sich Alles der vorherrschen- 
den Art und Weise ergeben oder wenigstens gefügig anbequemen. 
Unter dieser Voraussetzung ist es dann aber auch kein Wunder^ 
dass die Bestandtheile mit dem ganzen Körper einerlei Schicksal 
erproben. Wo sich der Völkertod vorbereitet, kann in dem Einzel- 
leben in keiner Richtung eine volle Jugendlichkeit zu ungestörter 
Entfaltung gelangen. Alle Züge des Geistes werden angekränkelt 
und von der allgemeinen Altersschwäche afficirt. Rein physiologisch 
giebt es alsdann wohl noch eine Jugend; aber in jeder höhern Ro 
gung, die ihr sonst eigen ist, wird sie schon von vornherein er- 

Dühring, Ciirsu« der Pliilosopbie. ^^ 



— 370 — 

stickt oder zerdrückt. Die Gemeinschaft der Gedanken und Gefühle, 
auf deren gut gearteter Gegenseitigkeit sonst die volle Erregung des 
Einzellebens beruht, ist alsdann nur in einer schädlichen und 
schwächenden Weise wirksam. An die Stelle der Erhebung und des 
Vertrauens tritt die Uebereinstimmung im Argwohn und in der Er- 
niedrigung. Die allgemeine Prostitution, im weitesten Sinne des 
Worts, wird alsdann das feile Band, wodurch Alles im privaten und 
öffentlichen Dasein zusammenhängt. Solchen Zuständen gegenüber 
giebt es natürlich auch im günstigsten Falle nur ein sehr gemischtes 
Einzelglück, mid die Kunst, von den missliebigen Verhältnissen nicht 
blos theoretisch sondern auch praktisch abzusehen, wird eine sehr 
bemessene. Wer inmitten solcher öffentlichen Uebel dem Leben eine 
gediegene Seite abgewinnen will, wird sich äusserst beengt finden. 
Er wird genöthigt werden, die Reize, die er sich sichern will, in 
Richtungen zu suchen, die von dem allgemeinen Spiel am wenigsten 
gekreuzt werden. Er wird seine Zuversicht auf das gründen und 
seine Energie auf das concentriren müssen, was an verlässlichen 
Grundlagen nicht blos draussen, sondern auch in ihm selbst noch 
anzutreffen ist. Er wird sich nach den wahrhaften Interessen um- 
zuthun haben, deren seine Zeit oder wenigstens er selbst noch fähig 
ist. Nur hiedurch wird er einigermaassen im Stande sein, die 
schlimmsten Elemente, welche sonst vermöge der universellen Ge- 
staltung auch für das Privatdasein maassgebend werden, von sich 
fernzuhalten oder auszuscheiden. 

Nach dem Vorangehenden versteht es sich von selbst, dass jede 
Entwicklung der Daseinsreize für das Menschengeschlecht auf der 
Gestaltung von zweierlei Beziehungen beruht. Entweder handelt es 
sich darum, den materiellen Comfort der Person und den Verkehr 
der Geschlechter im Sinne der grössten Reichhaltigkeit der Lebens- 
gefühle zu gestalten, oder es wird die umfassendere Gegenseitigkeit 
der politischen und gesellschaftHchen Functionen angestrebt. Keines 
dieser beiden Ziele lässt sich von dem andern isoliren; aber in der 
natürlichen Abfolge der Entwicklungen und gleichsam Schichtungen 
des Lebens ist die reichhaltigere politische Verzweigung der Thätig- 
keiten doch als eine höhere Stufe zu betrachten, die sich zunächst 
in einer gewissen Unabhängigkeit von der breiten Grundlage erhebt, 
alsdann aber auf Alles zurückwirkt, was unter ihr seine Position 
hiit. Die halbwilde Existenz und die sonstigen uns näher bekannten 
Rückständigkeiten der Entwicklung zeigen uns den Menschen, wie 



— 371 — 

er noch den ebenso rohen als einfachen und unmittelbaren Reizen 
des fast thierisch zu nennenden Daseins huldigt. An sich ist diese 
Beschränktheit kein Unglück; denn sie könnte es erst für den sein, 
der einen andern Horizont kennen gelernt hätte. Die verhältniss- 
mässige Befriedigung, welche mit der niedern Stufe der Existenz 
verbunden ist, zeigt sich ganz deutlich an der Lebensfreude des 
Thieres. Der Kreis von Bedürfnissen, in welchem es sich je nach 
seiner Art bewegt, ergiebt einen hinreichenden Wechsel und eine 
bereits mannichfaltig variirte Lust. In einer ähnlichen Weise haben 
wir uns die ursprünglichen oder durch Reducirung entstandenen 
Rohheiten des Menschendaseins zu denken. Die Bereicherungen und 
Erhebungen vollziehen sich aber dadurch, dass neue Elemente des 
Bedürfens und mithin des wahrhaften Interesse aus dem Gemeinleben 
gleichsam herauswachsen, und dass die alten Bestandtheile eine ver- 
edelte • Gestalt erhalten. Der geistige Fortschritt, der thatsächlich 
nur im gesellschaftlichen Zusammenhange seine allseitige Förderung 
finden kann, ist hier wiederum die bedeutendste Macht, indem er 
das wirksamste Mittel wird, den Lebensgenuss durch die Tragweite 
der Anschauungen auszudehnen und durch die Feinheit der Wahr- 
nehmungen intensiver zu machen. 

2. Die Natur verfährt in der Schöpfung und Erhaltung von 
Lebensreizen nach dem Grundsatz der Variation und Individualisi- 
rung, und auch wir müssen da, wo wir frei einzuwirken vermögen, 
demselben Princip folgen. Das theoretische Gesetz der Differenz, 
von dem wir bei der Schätzung der Lebenselemente ausgingen, hat 
zum praktischen Seitenstück die Kunstregel, die natürlichen Span- 
nungen zwischen Bedürfniss und Befriedigung nach Möglichkeit zu 
erhalten und, wo es angeht, sogar durch absichtliche Maassbestim- 
mungen ebenmässiger zu machen. Die Benutzung der Variabilität 
des Lebens und eine directe Kunst der angemessenen Veränderung 
werden in dem wohleingerichteten Dasein des Einzelnen und der 
Völker die entscheidende Rolle spielen. Die nothwendige Stetigkeit 
wird durch das Princip der Variation durchaus nicht beeinträchtigt. 
Die Natur selbst hat sich in ihren Vorstufen des höheren Daseins 
in einer Mannichfaltigkeit von animalischen Gestalten ergangen, für 
die man aus dem Gesichtspunkt der Lebensreize nur eine einzige Er- 
klärung hat. Die Erschöpfung aller Combinationen, die ein sich selbst 
genügendes Empfindungsspiel versprachen, und mithin die Verwirk- 
lichung des subjectiven Daseins in allen Formen möglicher Lebens- 

I 



— 372 — 

gefiihle muss als die leitende Function des specialisirenden Schaffens 
der Natur betrachtet werden. Die Individualisirung, im Sinne d(r 
Erzeugung einer bestimmten, nur dem jedesmaligen Individuum zu- 
kommenden Eigenthümlichkeit , ist die letzte und feinste Bethäti- 
gung der variirenden Kräfte. Ein Leben, welches in dem Allge- 
meinen von Gattung und Art befangen bliebe, würde wenig bedeuten. 
Die Unterschiede müssen sich auf das Einzelne und auf die einma- 
lige niemals und nirgend sonst wiederholte Ausprägung einer indi- 
viduellen Physionomie des Seins richten, wenn das Leben hinreichende 
Farbenschattirung zeigen und immer frische Reize entwickeln soll. 
Eine absolut identische Wiederholung wäre nicht nur eine Bekun- 
dung der Armuth, sondern auch eine Inconsequenz der Natur. Wenn 
nämlich alles Dasein auf die grösstmögliche Entfaltung von Lebens- 
reizen angelegt ist, so würde bereits das Grundprincip verfehlt 
werden, sobald statt einer wenn auch noch so kleinen Veränderung 
eine völlige Einerleiheit platzgriffe. Wollte man sich also z. B. an 
Stelle der ganz undenkbaren Unsterbhchkeit die anscheinend denk- 
barere Wiederholung desselben Individualmenschen in ebenfalls iden- 
tischen Verhältnissen derartig erdichten, dass jede subjective Regung 
und mithin das ganze Bewusstsein in einem neuen Wesen reprodu- 
cirt würde, so liefe diese Annahme nur auf eine Unterstellung von 
Armuth und Thorheit hinaus, welche der immer beweglichen un<l 
kunstvoll immer neu individualistrenden Natur Hohn spräche. 

Man hat in den menschlichen Lebensbeziehungen den hohen 
Reiz der Individualität auch bisher nicht überall verkannt. So hat 
man namentlich in der wichtigsten aller unwillkürlichen und schein- 
bar am meisten der Naturlaune ausgesetzten Gemüthserregimgen, 
nämlich in der zur Leidenschaft gesteigerten Geschlechtsliebe, 
die individualisirte Ausprägung bestimmter, nicht noch einmal in 
gleicher Gestalt vorhandener Reize als die Ursache des unvergleich- 
lichen und durch keinen andern Gegenstand hervorzubringenden 
Zaubers gelten lassen. Es würde verkehrt sein, wenn man den all- 
gemeinen Inhalt der Liebe von der besondern Individualität herleiten 
woUte; aber es wäre noch eine grössere Thorheit, die Reizsteigenmg 
zu verkennen, die darauf beruht, dass etwas als eine einmalige Ein- 
zigkeit zum Gegenstand des Strebens wird. Die Anziehungskraft 
jedes Eänzellebens beruht ja auch in entscheidender Weise darauf, 
dass es wenigstens etwas Anderes ist, als die übrigen Gestaltungen. 
In der Differenz liegt ahn. wie sich hier wiederum bestätigt, das, 



— 373 — 

was dem bestimmten Dasein die Selbständigkeit eigner Realität und 
hiemit einen im strengsten Sinne des Worts eignen Reiz und Werth 
verleiht. 

Das Princip der Yariation könnte da, wo es der Mensch in 
einer besondern Technik und Kunst der Lebensgestaltung zur An- 
wendung bringen soll, auf den ersten Blick etwas Bedenkliches ein- 
zuschliessen scheinen. Man könnte in ihm ein Zugeständniss an die 
leichtfertige Veränderlichkeit finden wollen. Sieht man jedoch 
genauer zu, so zeigt sich, dass es auf das. grade Gegen theil einer 
lockeren Ueberbeweglichkeit abzielt. Die launische Veränderungs- 
sucht beruht auf der mangelhaften Würdigung der Variationen. Sie 
ist das Zeichen der Unfähigkeit zu gediegenerem Genuss. Sie lässt 
es gar nicht zu jenen stärkeren Spannungen konunen, die für die 
Steigerung der Lebenserregungen unerlässlich sind. Sie verkennt das 
Grundgesetz der Variabilität, welche nur dadurch wohlthätig wirkt, 
dass sie die einzelnen möglichen Variationen auch wirklich eindring- 
Hch empfinden und jede Lage ernsthaft und vollständig erproben 
lässt. In moralischer Beziehung ist also keine Gefahr vorhanden, 
dass ein den Naturmaassen entsprechendes Streben nach Verände- 
rung das auch in der Bewegung selbst unentbehrliche Gleichgewicht 
und die einheitlich feste Haltung des charaktervollen Lebens stören 
könnte. Die Freiheit des Uebergangs von einer Lage in die andere 
bleibt an die Naturgesetze gebunden, und auf eben diesen Natur- 
gesetzen baut sich auch diejenige Sitte auf, die dem Recht auf das 
Leben und der freien Entfaltung aller Anlagen den umfassendsten 
Spielraum eröffnet. 

3. Das Gesetz des Interesse beherrscht die Handlungen schon 
von Natur; aber es muss in der Kunst des Lebens zu einem ver- 
edelten und deutlich bewussten Princip werden. Interesse ist sogar 
in den Angelegenheiten des gemeinen Nutzeus an sich selbst noch 
kein Egoismus. Zu dem letzteren wird es erst in der ungerechten 
Bethätiguug, welche die gleiche Rücksicht auf den Nebenmenschen 
zur Seite lässt und das eigne Wohl mit dessen Schaden betreibt. 
In dieser verkehrten Ablenkung kann es zu keinem wahrhaften Heil 
gereichen; denn der mit einer solchen Verhaltungsart angelegte 
Zwiespalt wird durch Rückwirkungen oder sonst in irgend welcher 
Gestalt zu rächenden Consequenzen führen. Das unschuldige Interesse 
aber muss stets vorhanden sein ; denn es bildet den lebendigen Grund 
für die Thätigkeit. Ohne Interesse nach Etwas streben, ist ein 



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logischer Widerspruch und heisst soviel, als eine Wirkunjy erzielen 
wollen, ohne die Ursache dazu ins Spiel zu setzen. Ueberdies müssen 
wir hier das Wort Interesse in einem weiteren und höheren Sinne 
gebrauchen, in welchem es alle Arten von Theilnahme für einen 
Gegenstand oder irgend ein Geschehen bezeichnet. In dieser um- 
fassenden Bedeutung lässt es sich auf die höchsten wie auf die nie- 
drigsten Angelegenheiten beziehen und ist eigentlich nur ein be- 
stimmterer Name füi* die zweckbewusste Seite des Reizes. 

Nach unserer Erklärung des Interesse wird es kein Missver- 
ständniss mehr erregen, wenn wir von der axiomatischen Forderung 
ausgehen, nichts ohne wahrhaftes Interesse zu thun. Die Anwen- 
dung dieser Grundregel im Kleinen wie im Grossen, im Leben der 
Einzelnen und der Völker, muss dazu führen, eine Menge von 
lästigen Gleichgültigkeiten und Halbmotiven auszumerzen. Der 
üeberdruss wird da nicht leicht Raum gewinnen, wo von vomhereni 
das Interesse auf das Vorhandensein einer lebendigen Wurzel geprüft 
und nichts unternommen wird, wozu kein frischer und voraussicht- 
lich nachhaltiger Antrieb vorhanden ist. Die natürlichen Triebe und 
Gemüthsbedürfnisse müssen auch hier wiederum den Ausgangspunkt 
bilden und so zu sagen den Stoff für die mannichfaltig geformten 
Interessen liefern. Mit jeder gesunden Triebkraft, die in der Menschen- 
natur eine Stätte hat, ist auch die Grundlage für ein wahres und an 
sich heilsames Interesse gegeben. Die Reizlosigkeit, der manches 
Menschenleben ohne besonderes Unglück und ohne eine blasirt- 
machende Ausschweifiingsschuld anheimfällt, ist oft genug in den 
falschen interesselosen oder nur ein mattes Lebensspiel gestattenden 
Einlassungen zu suchen. Sehr häufig werden die Menschen durch 
die künstlich aufrechterhaltene Meinung irregeführt und halten für 
interessant oder ihrer praktischen Theilnahme würdig, was nur auf 
einer hohlen Convention beruht. In den Lebensstellungen wie in 
den Wissensbestrebungen machen sich derartige Missanregungen in 
Masse geltend und bringen alsdann hinterher mindestens Enttäu- 
schung, wenn nicht gar Abnutzung ein. Um diese Klippen zu ver- 
meiden, giebt es kein anderes Mittel, als die Einsicht in die Ver- 
hältnisse des materiellen und geistigen Lebens bis zum Durchschauen 
jener trügerischen Scheiareize zu steigern. Wer mit sich selbst. 
unter stetem Hinblick auf die dauernden Naturverhältnisse und auf 
die wahren Bedürfnisse der Gesellschaft, über das zu Rathe geht, 
was seine und Anderer Theilnahme nachhaltig in Anspruch zu 



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nehmen geeignet sei, wird sich nicht in ein gehaltloses und im 
Grunde schaales Treiben verlieren. Wo ihn jedoch die Umstände 
nöthigen, sich um der Thorheit Anderer willen mid entsprechend 
den überlieferten Einrichtungen mit Dingen einzulassen, die er als 
der Theilnahme unwürdig verurtheilt, wird er es von vornherein 
verstehen, diese Gegenstände verdientermaassen abzufertigen. Er 
wird alsdann nie eine falsche Hingebung oder auch nur einen weiter, 
als durchaus erforderlich, getriebenen Kraftaufwand zu bereuen und, 
was das Beste ist, keine Enttäuschung zu gewärtigen haben. 

Die Mittel, das Gesammtinteresse am Leben rege zu erhalten, 
bestehen darin, die einzelnen so zu sagen elementaren Interessen, 
aus denen sich das Ganze zusammensetzt, sich nach den natürlichen 
Zeitmaasseu entwickehi und einander ablösen zu lassen. Auch gleich- 
zeitig für denselben Zustand wird die Stufenfolge in der Ersetzbar- 
keit der niederen und leichter befriedigten Reize durch die höheren 
und anhaltender wirksamen Erregungen dahin zu benutzen sein, 
dass die Entstehung von gänzlich interesselosen Lücken vermieden 
werde, üebrigens wird es aber darauf ankommen, zu verhüten, dass 
die naturgemäss oder sonst im normalen Laufe des gesellschaft- 
lichen Daseins entstehenden Spannungen in willkürhcher Weise 
gehäuft, forcirt oder, was die gegentheilige Verkehrtheit ist, schon 
bei der leisesten Regung befriedigt und so an der Entwicklung eines 
genussfahigen Bedürfens verhindert werden. Die Einhaltung des 
natürlichen Rhythmus ist hier wie anderwärts die Vorbedingung der 
ebenmässigen und anmuthenden Bewegung. Auch darf man sich 
nicht die unlösbare Aufgabe stellen, die Reize irgend einer Situation 
über die ihnen von der Natur oder den Verhältnissen zugemessene 
Frist ausdehnen zu wollen. Es ist schon oben von den einmaligen 
Reizen gesprochen worden, und grade im Gebiet der sich nicht 
wiederholenden Lebenselemente ist die Erinnerung am Platze, dass 
jede solche Form des Bedürfens in der Befriedigung nicht blos ihre 
Ausgleichung sondern auch ihren Abschluss finden muss. 

4. Im Verlaufe eines Menschenlebens hat jedes Alter seine 
eigenthümlichen Reize. Sogar die absteigende Skala, die den Tod 
vorbereitet, ersetzt die sich früher steigernden, starken und activen 
Anregungen durch Affectionen von angemessener Ruhe und vor- 
wiegender Passivität. Selbst das ideelle Leben verliert an Spannung ^ 
erhält aber trotzdem eine Art' von Reiz, wie sie in gleicher Eigen- 
thümlichkeit nicht möglich war, solange der unmittelbare Zusammen- 



— 376 — 

hang mit den bestimmten Interessen des vollen Lebens noch in prak- 
tisch entscheidender Weise bestand. Das höhere Alter gewinnt hie- 
durch, falls es sich gesnnd und normal gestaltet, eine Art Entschä- 
digung, and die ideale Beschaulichkeit, mit der es den Schauplatz, 
von dem es real und physiologisch immer mehr getrennt worden ist, 
gleichsam aus der Feme betrachtet, eiTegt jenes universelle Mit- 
gefühl, das sich in der unbeschränkten Weite des Seins ausdehnt 
und deshalb an keinem Punkte desselben besonders haftet. Alle 
früheren Bande des Zusammenhangs mit dem Leben werden ideali- 
sirt, und das Eigenleben verKert seine beschränkende Kraft. So li^t 
noch in der Entfernung vom Dasein ein Erinnerungsreiz, der durch 
die ideelle Befriedigung verklärt und durch die Theilnahme an dem 
Schicksal der kommenden Geschlechter gehoben wird. In der That 
liegt eine grosse Kunst der Natur in der Art, wie sie die durch 
keine Störung verfrühten Lösungen des Lebens allmälig und gleich- 
massig bewerkstelligt, indem sie nach allen Richtungen hin die Lei- 
tungsfahigkeit der Organe vemngert und schHesslich die schwachen 
Reste der Flamme erlöschen lässt. Dieses Erlöschen ist mit Recht 
dem Einschlafen verglichen worden, und wenn auch die vorherr- 
schenden Todesarten meistens auf innerlich störenden Gewaltsam- 
keiten beruhen, so wird hiedurch die ursprüngliche typische Anlage 
der Natur nicht widerlegt. Uebrigens sind diese störenden Vorweg- 
nahmen in dem gegenwärtigen Menschheitsstadiuni kein besonderes 
Unglück und zunächst ebensowenig auszuschliesseu , als die in un- 
vergleichlich geringerer Zahl ziemlich regelmässig eintretenden Acte 
des freiwilligen Todes. Erst zu einer späteren Verfassung des 
Menschheitslebens würde auch ein Ideal des Greisenalters besser 
passen; denn gegenwärtig ist im Allgemeinen die gesellschaftliche 
Fürsorge für die schwachen und vorzugsweise auf das ideelle Leben 
angewiesenen Elemente so unzulänglich, dass der vorzeitige Tod, 
mag er nun durch innere oder äussere Gewaltsamkeit, durch orga- 
nische Störungen, durch fremde oder eigne Hand eintreten, als eine 
Operation gelten muss, die, obwohl sie zerstörend und schmerzhaft 
ausfällt, doch noch einer weit grösseren Menge von Schmerz vor- 
beugt, die ohne sie zu gewärtigen gewesen wäre. Die Ohnmacht 
der heutigen Gesellschaft bekundet sich selbstverständlich da am 
sichtbarsten, wo von der Natur die höheren Aufgaben gestellt 
werden. Wenden wir uns daher zu jenen Theilen des Lebens, bei 
welchen zwar die Unzulänglichkeit der gesellschaftlichen Einri'-liHni- 



— 377 — 

^en auch eine erhebliche Rolle spielt, aber doch der individuellen 
Entwicklung und Steigerung der Lebensreize die Wege in mehrfachen 
Richtungen nicht unübersteiglich verlegt. 

Das nächste Bild, welches uns an dem andern Extrem des 
Lebens in Anspruch nimmt, ist das der Kindheit und überhaupt des 
ersten lernenden Jugendalters. Die Lebensreize, welche dieser Ent- 
wicklungsstufe des Daseins eigen sind, müssen so betrachtet und be- 
handelt werden, als wenn sich die Möglichkeit ihrer Abschneidung 
iu jedem Augenblick verwirklichen könnte. Allerdings kann man 
das Lernen nicht zu einem blossen Spiel machen; denn es bleibt, 
wie man es auch einrichten möge, zum grössten Theil eine eigent- 
liche Arbeit. Die geordnete Kraftbethätigung soll aber der Regel 
nach keine eigentliche und mithin nie eine überspannende Anstren- 
gung werden. Auch gilt dieses Gesetz von jeglicher Art der Arbeit 
und nicht blos von derjenigen der Schule. Bei der Lenknng der 
Kräfte auf entferntere und nicht unmittelbar verständliche Zwecke 
kann der Reiz nicht immer in der Thätigkeit selbst ohne Weiteres 
gefunden, sondern muss an dieselbe kunstvoll angeknüpft werden. 
Die Natur setzt ihre Erregungen zur Thätigkeit in der Triebgestalt 
ins Spiel, und wo wir ihr in dieser Kunst nicht ebenbürtig werden, 
dürften unsere Erziehungs- und ünterrichtsuntemehmungen eher 
alles Andere als eine reizvollere Gestaltung des jugendlichen Daseins 
erreichen. Der heutige Unterricht ist sogar zu neun Zehnteln dazu 
angethan, nicht blos durch die „dumpfe Frohn der Schule", wie 
Byron es nennt, sondern auch durch die Thorheit der Lehrgegen- 
stände das Leben zu verleiden. Das Gesetz, nichts zu thun, was 
nicht durch wahrhafte Interessen des Einzelnen und der Menschheit 
angezeigt ist, wird in der Erziehung und noch weit mehr im eigent- 
lichen Unterricht gröblich verletzt. Die Völker werden hier abge- 
richtet, sich mit einer Last von thörichten Ueberlieferungen und 
nichtigem Wissensschein oder da, wo man das eigentliche Wissen 
wirklich berührt, mit einer Masse ungesichteten und unverdaulichen 
vStoffs hinzuschleppen, von dem sie im spätem Leben gar keinen 
oder im günstigsten Falle nur einen äusserst unbequemen Gebrauch 
machen können. Zur wirklichen Bildung und Geistesmaeht führt 
nur das, was den wahren und dauernden Interessen des Menschen- 
lebens entspricht. Echtes Wissen, und nicht der conventionelle 
Schein, ist auf allen Stufen, von den ersten Elementarkenntnissen 
bis zu den höchsten Einsichten hinauf der natürliche Gegenstand 



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nachhaltigen Strebens. üeberdies muss aber eine Auswahl in dem 
Sinne eintreten, dass nur das, was die Theilnahme des Thuns und 
des Denkens der entwickelten Menschheit von selbst und abgesehen 
von jedem geistigen Impfzwang zu erregen vermag, in den Kreis dej 
ßildungsmittel und Lehrgegenstände aufgenommen werde. J)ie Schult 
muss, um au ch dem jugendlichen Leben ein en höheren Reiz zu ver- 
leihen, mit den falschen Traditionen des Geistes. eb.ens£L_hrfißheu, 
wie die gesammte Gesellschaft mit ihrer unzalänglichen„_Verfas- 
sung sform. 

Für das Lernen giebt es ausser der mittelbaren Anziehungskraft, 
welche sich durch die Einsicht in die künftige Förderlichkeit erzeugt, 
glücklicherweise auch unmittelbare Reize. Das Innewerden der eignen 
Kräfte und die ästhetische Befriedigung, die durch die Form des 
geordneten und die Verhältnisse der Dinge ebenmässig widerspiegeln- 
den Wissens erzielt werden kann, sind Ergebnisse selbständiger Art, 
welche die Arbeit, die stets in der Ueberwindung von Hindernissen 
besteht, zugleich mit Annehmlichkeit ausstatten. Freilich isfc es zur 
Erreichung dieser wohlthätigeu Doppelwirkung noth wendig, nicht 
blos auf die Auswahl des Inhalts, sondern auch auf dessen einfache 
und übersichtliche Gestaltung eine bisher ungewöhnliche Sorgfalt zu 
verwenden. Alles Geistige, so dienstbar es auch übrigens rein tech- 
nischen Zwecken werden mag, hat seine letzte Function dadurch zu 
üben, dass es den Menschen zum genugthuenden Gefühl seiner eignen 
Fähigkeiten kommen lässt. Knüpft man nun sofort und unmittelbar 
an diese höchste Aufgabe aller geistigen Lebensreguugen auch im 
Unterricht an, indem man das wurzelhafte Interesse an der harmo- 
nischen Bethätigung der Einsichtskräfte systematisch ins Spiel setzt, 
so wird man dem Lernen eine Seite wirklichen Genusses abgewinuen. 
Man glaube aber nicht, sich hiebei auf etwas rein Formales stützen 
zu dürfen, was angeblich schon um der Uebung der Kräfte willen 
Werth erhielte. Dies wäre ein arges Missverständniss ; denn nichts 
wirkt erdrückender und abstumpfender, als das Bewusstsein, etwas 
zu treiben, was in der Wirklichkeit keine Wurzeln hat. Ein müssi- 
ges Spiel, welches sich rein als Spiel giebt, wäre nicht so schädlich, 
als 80 eine formalistische Prätension, die durchaus noch etwas mehr 
sein will und in Wahrheit doch nur den Nachtheil hat, tiie Nutz- 
losigkeit des Spiels mit der Last der Unfreiheit und dem Schaden 
der Kraftver«i;eudung zu verbinden. Man vergesse also nicht, dass 
die Reize vollkommen natürliche und in den Lebensaufgaben begrün- 



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dete sein müssen. Auch die übel angebrachte Weisheit, welche die 
Hindernisse künstlich vermehren zu müssen glaubt, um daran das 
Arbeiten als solches recht sichtbar lernen zu lassen, gehört in die 
imaginäre Welt der Thoren, da es unsere wirkliche Welt nie an 
Gelegenheiten zu echter Arbeit fehlen lässt und auch das Wissen bei 
allen seinen Unzulänglichkeiten doch wahrlich nicht so leicht er- 
schöpfbar ist, um das Verlangen nach erkünstelten Aufgaben in ge- 
sunden Geistern aufkommen zu lassen. Fort also mit alledem, was 
nicht auf dem natürlichen und kürzesten Wege menschlicher Er- 
hebung liegt! Alles, was blosses Hülfsmittel ist, hat schon »darum 
weniger Reiz, als der Gegenstand, dem es dient, und muss daher auf 
ein geringstes Maass beschränkt werden. Bei dieser Würdigungsart 
der Stoffe wird man nicht Gefahr laufen, die Reize der natürlichen 
Erweiterung der Wissensmächte zu verlieren. Das Studium wird 
alsdann einer lebensfrischen Forschung ähnlich werden und, ganz 
abgesehen von seinen ebenfalls vollendeteren Endergebnissen, grade 
schon den Weg dahin anziehend und in seinen einzelnen Theilen 
zusagend finden. 

5. Der Uebergang in das thatkräftige Leben bringt zwei Grund- 
verhältnisse mit sich, die beide in der heutigen Gesellschaft nur sehr 
unvollkommen gestaltet sein können. Die Sorge f